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In seinem, 2014 als Auftragsarbeit für das Residenztheater München in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen entstandenem Theaterstück Phosphoros schließt Autor Nis-Momme Stockmann unmittelbar an sein letztes Stück Die Kosmische Oktave an. Das Prinzip der kosmischen Harmonie auf das menschliche Leben übertragend entwarf der Autor ein in zeitlichen Dekaden immer wiederkehrendes Generationenbild als eintönigen Gleichklang. Daneben setzte er in Anlehnung an Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften das Wirken von Naturgesetzen auf zwischenmenschliche Beziehungen. In Phosphoros nimmt Stockmann nun Bezug auf den kosmischen Morgenstern (in der Antike Phosphoros genannt), der auch Abendstern, also gleichzeitig Licht- und Schattenbringer ist. Und auch Wissenschaft und Musik spielen hier wieder eine Rolle.
Die Hauptfiguren im Stück, der Physikprofessor Lew Katz (Johannes Zirner) und der Kontrabassist Basil (Lukas Turtur), stecken in einer Lebenskrise, die man zumindest beim Lew getrost auch eine faustische nennen könnte. Ihn plagen Kopfschmerzen, gedankenlose Studenten und Neuerungen an seiner Fakultät, die seine Liebe zur Physik auf eine harte Probe stellen. Im Privaten läuft es ähnlich schlecht. Lews Egozentrik und seine hypochondrischen Anfälle belasten die Beziehung zu seine Frau Anne (Katrin Röver), die es lieber etwas einfacher hat und auch die banalen Dinge des Alltags wie die Reparatur des Daches für wichtig hält. Lew sieht die Sache dagegen etwas komplexer, weiß aber auch nicht wie er seine Probleme lösen soll, wo überhaupt das Problem ist, und flüchtet sich so in die fixe Idee krank zu sein. Er wartet auf einen Krebstest und geht regelmäßig zur Psychologin Schäfer-Werle (Juliane Köhler), um sich seinen Traum deuten zu lassen, in dem er als Clown vor lauter bekannten Leuten im Publikum eine Jonglage-Nummer aufführen soll und Angst vor dem Versagen hat.
Ähnlich geht es dem Musiker Basil, der einst großes Talent nun auf Dauertournee in einem Provinzhotel gestrandet ist und auf seine Assistentin Eva (wieder Juliane Köhler) wartet, die ihm seit Jahren den Bass hinterherträgt. Im Hotelrezeptionisten Schröder (Thomas Gräßle) trifft er auf einen zynischen Lebensphilosophen, der ihm derweil ein paar ungeschönte Wahrheiten verkündet. Der Katalysator für den Wandel in Lews Leben ist die prekär beschäftigte DB-Service-Kraft Marlene (Genija Rykova), die ohne Abi in Physikseminare geht und Lew durch ihr kluges, unorthodoxes Denken aufgefallen ist. Marlene steckt aber ebenfalls in einer Krise, die einerseits eine rein monetäre ist, sie aber ähnlich wie Lew auch an der Welt und der denkfaulen Masse Mensch verzweifeln lässt. Damit es schön kompliziert bleibt, schmückt Autor Stockmann sein Stück mit jeder Menge wissenschaftlich-philosophischer Vorträge und Diskurse um physikalische Begrifflichkeiten sowie weiteren Randfiguren aus, und lässt alles immer wieder aufs schönste miteinander kollidieren.

Der wissenschaftlichen Theorie von Zeit und Raum, dem scheinbar vorbestimmten Gang des Menschen von der Geburt bis zum Tod und der alles entscheidenden Lebensfrage: Warum das alles? setzt Stockmann noch das hier immer wieder chorisch angekündigte metrologische Natur-Ereignis eines aufkommenden Sturms entgegen, dessen Urgewalt die Figuren nun im doppelten Sinne auf sich zurück wirft. Bei 200 Seiten Text birgt das natürlich auch die Gefahr der Überforderung des Publikums. Es ist der Regisseurin Anna Lenk zu danken, dass sie Stockmanns Textkonvolut klug gerafft und mit einem Ensemble von 9 Schauspielern in immerhin 20 Rollen frisch und über 3 Stunden immer spannend zu inszenieren vermag.
Auf der kahlen Bühne von Judith Oswald dient nur ein riesiger Scheinwerfer als Requisit, unter dessen Licht sich die Figuren immer wieder drängen, in die Dunkelheit der Bühne oder in die erste Reihe des Parketts flüchten. So lassen sich auch wunderbar die Physikvorlesungen Lews oder die Vorträge des Literaturgurus Lindenblatt (Franz Pätzold), der seine Schreibgruppe examiniert, darstellen. Die im Stück angedeutete Gleichzeitigkeit von Raum und Zeit nutzt die Regisseurin geschickt, in dem sie die einzelnen Szenen immer schneller in einander verschränkt und schließlich fast parallel ablaufen lässt, wobei sich die Figuren immer wieder selbst von der Bühne verdrängen müssen. Das schafft eine durchgehende Dynamik und viel Raum für Figurenspiel und Slapstick.

Die Ambivalenz der einzelnen Figuren oder gar Austauschbarkeit ihrer Charaktere und Egotrips verdeutlichen die farblich akzentuierten Kostüme von Silja Landsberg, die auch beim Rollenwechsel von den Schauspielern nicht getauscht werden. Letztendlich kranken hier alle auch an ähnlichen Symptomen des modernen Menschen. Nur unterschieden durch die Art und Weise diese je nach Mentalität zu beklagen, sich mit ihnen einzurichten oder gar an einer Änderung zu arbeiten. Die Suche nach Regel für das Leben wird hier immanent sichtbar. Bei Lew ist es der Glauben an die Physik „als Werkzeug das uns gegen die Unwegsamkeit der Urkräfte des Kosmos schützt und uns hilft uns selbst in ihm zu begreifen und zu verstehen.“. Anna sucht ihren Halt in den alltäglichen Dingen und in Lebenshilfeseminaren. Basil dagegen flüchtet sich in vergangene Karriereträume, Affären und Alkohol. Nur Marlene rebelliert vehement wütend gegen ihre Umwelt, während Lebenszyniker Schröder und Zugbegleiter Jörg (Arthur Klemt) sich damit abgefunden haben, nichts ändern zu können.
Mensch oder Dachpappe, Chaos oder Ordnung – Es läuft was mit dem Denken schief. Das ist die recht stimmige Quintessenz von Stockmanns Stück. Das Leben selbst in der Hand zu haben, es zu gestalten und die Liebe freizusetzen, kostet die Figuren zu viel an Lebenszeit und Lebenssaft. Anna wird ihr plötzlich neu gewonnenes Zutrauen zu Jörg schließlich sogar zum Verhängnis. Aber gemeinsam mit Eva werfen die beiden Frauen ihre Lebenspäckchen aus dem ICE. Das ist zumindest ein Anfang. Liebe, Glücklich sein, oder seine Ruhe haben, das ist eine Entscheidung, die sich für Lew, Basil und Anna so eindeutig nicht finden lässt, auch wenn der Physiker in einem nachgeschobenen Epilog endlich das Ende seines Traumes bei einer Rede zur Verleihung der Heisenbergmedaille erzählen kann. Ob es ein glückliches ist, vermag man nicht wirklich zu sagen. Aber wir stehen am Anfang großer Ereignisse, wie es in Stockmanns Text so schön heißt. Na dann…
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Phosphoros (20.06.2015)
von Nis-Momme Stockmann
Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 31. Mai 2014
Gastspiel des Residenztheaters München am Deutschen Theater Berlin zu den ATT 2015
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Silja Landsberg
Musik: Jan Faszbender
Licht: Uwe Grünewald
Dramaturgie: Andrea Koschwitz
Mit:
Johannes Zirner… Lew Katz
Juliane Köhler… Schäfer-Werle, Eva
Katrin Röver… Anne Katz
Genija Rykova… Marlene
Franz Pätzold… Boris, Frank Seibl, Lindenblatt, Alte Frau
Lukas Turtur… Basil, Jonas
Thomas Gräßle… Schröder, Martin
Katharina Pichler… Berle, Frau Kadow, Sprechstundenhilfe
Arthur Klemt… Jörg, Dekan
Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden, eine Pause
Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/phosphoros
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