Nach Moskau oder nach Tel Aviv? – Karin Henkel und Ersan Mondtag können mit Travestie und Rollenwechseln am Maxim Gorki und Deutschen Theater Berlin nicht überzeugen

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Drei Schwestern – In Karin Henkels  Tschechow-Inszenierung klagen vier Männer und als Gast Angela Winkler zwei Stunden lang über ein verpfuschtes Leben

Angela Winkler in Drei Schwestern am Deutschen Theater Berlin
Foto (c) Arno Declair

„Nach Moskau, nach Moskau“ lässt Anton Tschechow seine Drei Schwestern Olga, Mascha und Irina in seinem gleichnamigen 1901 am Moskauer Künstlertheater uraufgeführten Drama immer wieder sehnsüchtig rufen. Es ist das wohl bekannteste und meist gespielte Theaterstück des russischen Schriftstellers und Dramatikers. Besonders auf deutschsprachigen Bühnen erfreut es sich nach wie vor großer Beliebtheit. Man muss schon bahnbrechende Ideen haben, um diesem melancholischen Text, den Tschechow mal ausnahmsweise nicht als Komödie bezeichnete, noch irgendetwas gänzlich Neues abzugewinnen. Und so ist die Besetzung des Klassikers mit drei Männern zwar auf den ersten Blick ungewöhnlich, da aber Regisseurin Karin Henkel gar keine gendermäßige Setzung bei ihrer neuen Inszenierung am Deutschen Theater vorschwebte, könnte man das Ganze dann auch eher als schrägen Regieeinfall abtun und sich über den Verfremdungseffekt mit Latexmasken etc. auslassen oder einfach einen Travestiegag vermuten. Hatte die Besetzung der weiblichen Protagonisten mit Männern bei der Inszenierung der Zofen von Jean Genet in der im letzten Jahr aufgeführten Inszenierung von Ivan Panteleev noch einen historischen Aufführungshintergrund, so zielt sie hier doch eher ins Leere.

Das Besondere an Henkels Inszenierung ist genau genommen die Doppelbesetzung der jüngsten Tochter Irina mit dem DT-Schauspieler Benjamin Lillie und der als berühmten Gast engagierten Angela Winkler. Die große, bekannte Film- und Theaterschauspielerin sinniert gleich zu Beginn über ein vergangenes Leben und endlose, vergeudete Tage. Ist dies alles nur in eine Einbildung, und könnte man das Leben nicht noch einmal von vorne anfangen? So steht sie in einem von Nina von Mechow auf die Drehbühne gebautem Haus, das plötzlich kippt, und aus dem Schrank purzelt ihr bei einem Duell getöteter Verehrer Leutnant Tusenbach in der Gestalt von Benjamin Lillie mit blutiger Kopfwunde und dem berühmten Brummkreisel, eines seiner unzähligen Geschenke an die ihn zunächst nicht erhören wollende Angebetete. Es wird hier also eine Art Erinnerungsspiel geboten, in dem die gealterte Irina voll Wehmut an früher denkt und sich die Schuld am Tod von Tusenbach gibt, der hier, wie man am Ende erfährt nicht bei einem Duell stirbt, sondern sich selbst erschossen hat.

Dass es dieser Umdeutung bedarf, um das innere Revival Irinas umzusetzen, ist nicht weiter schlimm, nur lässt Karin Henkel im Weiteren die drei Schwesterndarsteller, Benjamin Lillie als jugendliche Irina, Michael Goldberg als schwarz gekleidete Mascha und Bernd Moss als ständig über Kopfschmerzen klagende Olga weitermachen, während die Winkler wieder von der Bühne verschwindet. Felix Goeser gibt den weichlichen Bruder Andrej, dessen dominante Frau Natascha mal von den drei Schwestern bedrohlich im Chor und dann auch von Goeser selbst dargestellt wird. Dazu dreht sich die Bühne und werfen die Figuren große Videoschatten auf die Rückwand. Zu dräuender Musik kommen Stimmen auch mal aus dem Off. Ein Puppen-Theater der Untoten im Geisterhaus.

 

Drei Schwestern am Deutschen Theater Berlin
Foto (c) Arno Declair

 

Auf zwei Stunden verkürzt beinhaltet diese Inszenierung schon den bekannten Plot der vier Akte mit Irinas Namenstagfeier, Neujahrsmaskenempfang, Stadtbrand und Verabschiedung der Garnison, konzentriert sich aber vorwiegend auf ein Best of der deprimierendsten Szenen des Dramas. Es wird also im Großen und Ganzen gejammert, was das Zeug hält. Die entscheidenden Männer Tusenbach und Maschas Mann, der Lehrer Kulygin, müssen von Benjamin Lillie und Michael Goldberg gespielt werden. Den Liebhaber Maschas, Oberstleutnant Werschinin, darf Bernd Moss verkörpern. Dazu streifen sie meist Uniformröcke über die Kleider und legen die Masken ab, deren Sinn sich nur als eine den Realismus der Vorlage brechende Verfremdungstechnik erklären lässt. Ansonsten wirkt es meist nur unfreiwillig komisch. Eine eventuell beabsichtigte höhere Meta-Setzung verfehlt dieses Spiel vollkommen. Irgendwann macht sich nur eine recht ernüchternde Langeweile breit.

Es ließe sich jetzt sicher noch darüber nachdenken, warum diese Reduktion auf die drei Schwestern, ihren Bruder mit ihren jeweiligen Kontraparts notwendig ist, um die lähmende Gewissheit eines verpfuschten, nicht gelebten Lebens zu verdeutlichen. Tschechow hat das alles sehr schlüssig in sein Drama hineingepackt. Es auf diese Weise dem Publikum überdeutlich vor Augen zu führen, bringt nun wirklich keinen Erkenntnis fördernden Mehrwert, schon gar nicht fürs Publikum selbst. Bleibt allein das Spiel der Darstellerriege zu bewerten, aus der natürlich vor allem Angela Winkler, die am Ende noch mal wiederkommen darf, um letzte Worte zu verkünden, herausragt. Sicher ein Garant für ein volles Haus. Ansonsten ist dieses langatmige Gruselkabinett der Leiden ein einziger Bühnenalbtraum.

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DREI SCHWESTERN (Deutsches Theater, 16.11.2018)
Regie: Karin Henkel
Bühne / Kostüme: Nina von Mechow
Musik und Sounddesign Arvild Baud
Licht / Video: Voxi Bärenklau
Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Benjamin Lillie, Bernd Moss und Angela Winkler
Die Premiere war am 12. November 2018 im Deutschen Theater Berlin
Weitere Termine: 24.11. / 06., 16., 27.12.2108

Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 18.11.2018 auf Kultura-Extra.

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Salome – Ersan Mondtag und Thomaspeter Goergen machen am Maxim Gorki Theater aus Oscar Wildes berühmtem Einakter eine banale Travestie mit finaler Endlösung

In Oscar Wildes 1891 in französischer Sprache geschriebenem Einakter Salome treten zwei Prinzipien gegeneinander an, ohne dass es einen wirklichen Diskurs zwischen beiden gäbe. Sinnlichkeit gegen Askese. Dabei siegt das Laster über einen Heiligen. Oder anders gesagt: Eine verführerische Femme fatale wird dem spirituell vergeistigten Manne zum Verhängnis. Das war zumindest die Auffassung der damaligen männlich dominierten Gesellschaft, weshalb das Stück auch zum Skandal taugte und es immer wieder mit der Zensur zu tun bekam. Die Frage bleibt, auf wessen Seite Wilde hier tatsächlich stand. Auf der des religiösen Eiferers Jochanaan oder auf der zur Projektionsfläche für männliche Fantasien geworden Salome. In heutigen Inszenierungen wird das meist zu Gunsten Salomes ausgelegt, was auch die Intension von Oscar Wilde gewesen sein dürfte, der in seinem Stück wohl eher eine Parodie auf die allgemeine Prüderie und Bigotterie der damaligen Gesellschaft sah.

https://twitter.com/KULTURAextra/status/1069892918234808320

Das allein gibt Salome aber lange noch nicht ihre eigne, selbstbestimmte Sexualität zurück. Und auch Regisseur Ersan Mondtag scheint das als Ansatz für seine Inszenierung am Maxim Gorki Theater nicht interessiert zu haben. Salome als Satire, das wäre es doch mal. Nur, Satire auf was? Und ganz so neu wäre das dann auch wieder nicht. Zumindest gibt es einen neuen Text von Thomaspeter Goergen, Theaterregisseur und Dramaturg u.a. bei Ersan Mondtags Kassler Tyrannis-Inszenierung, weshalb das Gorki Theater die Premiere kurz vorher schnell noch zur Uraufführung erklärte.

Eine Übermalung nach Oscar Wilde nennt sich Goergens Text, der nicht einfach nur eine neue Übersetzung darstellt, obwohl der Autor Wildes Plot doch ziemlich originalgetreu übernimmt, sondern vor allem die Prophezeiungen des im Palast von König Herodes gefangenen Täufers Jochanaan umschreibt. Als eine Art sozialen Untergrundkämpfer oder fanatischen Revolutionär hat man Jochanaan immer mal wieder dargestellt. Goergen lässt ihn Sachen sagen wie: „Eure gedeckten Tische sind ein Raub // Eure Freudenfeste nichts als Krieg“ oder „Ihr wollt die Sklaven nicht sehen die euch kleiden // die toten Kinder nicht aus denen euer Brot gebacken“. Und auch Herodia spricht hier schon in einer Art Prolog zu Beginn davon: „Wie ich die Römer verabscheue. Wie ich den Westen und seine sinkende Sonne verabscheue. Als zöge er alles Licht mit sich ins Grab.“

Da werden Dummheit und Dekadenz einer dem Konsum ergebenen westlichen Welt, die ihren Reichtum auf Ausbeutung und Krieg gründet, gegeißelt und am Ende dem Selbstmord anheim gegeben. Das ist trotz der großen Pathetik ein Ansatz wie für das Gorki-Theater geschaffen, wäre da nicht der Regisseur, der unbedingt mit seiner speziellen Ästhetik und eigenen Umdeutung noch einen draufsetzen muss. Ersan Mondtag besetzt die Rollen gegen das Geschlecht. Das ist schon in den knalligen Kostümen von Josa Marx die reine Travestie. Michael Gempart trägt als Herodia Renaissancegewand zu orangener Struwwelpeter-Mähne, ihr schmachtender Gatte Herodes glänzt bei Lea Draeger im Rokoko-Look. Als Salome hat der Regisseur wie schon in seiner Antigone den Schauspieler Benny Claessens besetzt. Mit hochtoupierten Zöpfchen, blaurotem Schleifchenkleid und weißgeschminktem Gesicht kommt er hier als verwöhntes Prinzesschen auf der Erbse daher und wünscht sich recht gelangweilt vom Fest an Herodes Hof immer wieder nach Tel Aviv.

Wie die Zwerge aus Grimms Märchen mit Kapuzenmänteln und Grubenlampe wirkt auch der vierköpfige Jochanaan-Chor (Mehmet Ateşçi, Karim Daoud, Jonas Grundner-Culemann, Aram Tafreshian), der nach der Entleibung des Wachhauptmanns Narraboth noch durch Anna Mattes komplettiert wird. Neben dem angeklebten Geschlecht tragen alle noch auffällige Hakennasen. Die fünf Juden aus Wildes Stück als schlechter Jochanaan-Witz oder provokantes Juden-Klischee? Man will es eigentlich gar nicht so genau wissen. Gespielt wird zunächst vor dem Eisernen Vorhang, der umrandet von einem Wolkenportal mit Zinnen die Burg des Herodes in Jerusalem darstellt. Später zeigt das Innere eine Säulenhalle mit gewendelter Treppe und eine monströse Skulptur des nackten Benny Claessens, zu dessen Füßen sich Salome niederlässt und statt wie im Loblied Iokanaan den Leib des Täufers eher sich selbst liebt. Als Krönung küsst Claessens am Ende sein eigenes Haupt.

Konterkariert wird das durch zwei Auftritte von Orit Nahmias, die in ihrer unnachahmlich direkten Art die Inszenierung samt ihrer Klischeebilder und dem als Schauspieler des Jahres ausgezeichneten Hauptdarsteller verbal in die Tonne tritt. Was als bitter-komische Reflexion gedacht ist, macht die Banalität dieser modernen Seifen-Oper mit Musik von Max Andrzejewski allerdings auch nicht mehr wett. Über dem Portal steht in Großbuchstaben LOST. Eine Kopie des alten Volksbühnenschriftzugs mit vorgesetztem L. Ziemlich verloren wirkt auch diese relativ unausgegorene langatmige Revue der Peinlichkeiten, die mit einem Endlösung-Song zum Schluss die ganze Menschheit abschaffen will. „’Endlösung‘ kriegt jetzt endlich ’nen neuen Sinn.“ Heilige Einfalt! Dümmer geht nimmer.

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SALOME (Maxim Gorki Theater, 02.12.2018)
Eine Übermalung nach Oscar Wilde
Von Thomaspeter Goergen
Mit Texten von Orit Nahmias
Regie: Ersan Mondtag
Kostüme: Josa Marx
Musikalische Leitung: Max Andrzejewski
Mitarbeit Musik: Gerrit Netzlaff
Lichtdesign: Rainer Casper
Dramaturgie: Aljoscha Begrich
Chorleitung: Jonas Grundner-Culemann
Textarbeit: Thomaspeter Goergen
Mit: Mehmet Ateşçi, Benny Claessens, Karim Daoud, Lea Draeger, Michael Gempart, Jonas Grundner-Culemann, Anna Mattes, Orit Nahmias und Aram Tafreshian
Premiere war am 2. Dezember 2018.
Weitere Termine: 13., 14.12.2018

Weitere Infos siehe auch: https://gorki.de

Zuert erschienen am 04.12.2018 auf Kultura-Extra.

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