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Mario Holetzeck setzt bei Shakespeares Othello in Potsdam auf Musik und viel Gefühl
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Das Hans Otto Theater Potsdam hat seit dieser Spielzeit eine neue Intendanz. Bettina Jahnke löst den zuletzt etwas unglücklich agierenden Tobias Wellemeyer ab. Jahnke, geboren in Wismar, arbeitete ab 1994 am Staatstheater Cottbus unter der Leitung des damaligen Intendanten Christoph Schroth als Regieassistentin und Regisseurin, übernahm in Cottbus ab 2005 auch kurzzeitig das Amt der Oberspielleiterin, hat dann lange Zeit als freie Regisseurin gearbeitet und von 2009 bis 2018 als Intendantin das Rheinische Landestheater Neuss geleitet. Nun ist Jahnke wieder im Osten des Landes angekommen und hat sich für ihre erste Spielzeit am Hans Otto Theater, das immer ein wenig unter der Nähe Berlins zu leiden hat, Einiges vorgenommen. Unter dem Spielzeitmotto „Haltung“ setzt die neue Intendantin weiterhin auf Ensemble- und Repertoiretheater mit dem Fokus auf strake Frauenfiguren. Auch das Kapitel DDR sei noch nicht auserzählt, wie Frau Jahnke betont, und gleich zu Beginn Eugen Ruges DDR-Nomenklatura-Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts auf die Bühne brachte.
Am vergangenen Samstag ging es da wieder etwas klassischer zu, als Shakespeares Drama Othello auf der großen Bühne Potsdam-Premiere feierte. Die Inszenierung von Regisseur Mario Holetzeck ist eine Übernahme aus Jahnkes letzter Spielzeit in Neuss. Premiere dort war Anfang März. Drei der DarstellerInnen sind ihrer Intendantin nach Potsdam gefolgt, die anderen drei Rollen wurden neu besetzt. Nun hat Othello sicher mehr als nur 6 Figuren zu bieten, die Verknappung ergibt sich aus dem Inszenierungskonzept, das sehr stark auf die Figur des Intriganten Jago fixiert ist. Holetzeck, von 2008 bis 2017 Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus (ihn löste im letzten Jahr Jo Fabian ab) und seit 2017 freier Regisseur, benutzt die Neu-Übersetzung von Marius vom Mayenburg, die 2010 für die Inszenierung von Thomas Ostermeier in Epidauros und an der Berliner Schaubühne entstanden ist.
Mayenburgs Sprache ist modern und sehr direkt. Der „Mohr von Venedig“ wird hier recht unverhohlen rassistisch des Öfteren auch als „schwarze Kalkleiste“, „Freak“, „Abschaum“ oder „Entarteter“ bezeichnet und mehrfach mit dem N-Wort beschimpft. Das erinnert entfernt auch an die recht drastische Textfassung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel für Luk Percevals Othello 2006 an den Münchner Kammerspielen, in der auch vom „Schoko“ oder gar von der „Fotze“ Desdemona die Rede ist. Von Kanaksprak ist der Potsdamer Othello dann aber doch weit entfernt. Hier wird zu Beginn erst mal mit barocker Musikbegleitung venezianischer Masken-Karneval gespielt. Der böse Narr heißt Jago und sein Darsteller Michael Meichßner führt auch gleich entsprechend in seine Figur ein. Ein Protagonist des „Theatre of War“, der sich vom General Othello um seine Beförderung betrogen sieht und auf Rache sinnt. Seine Werkzeuge sind Schmeichelei, Lüge und der in Desdemona verliebte Rodrigo (Jan Hallmann), den Jago für eine Zwecke manipuliert.
Othello (tatsächlich eher etwas blass: Andreas Spaniol) ist hier ein Albino, dessen Andersartigkeit gerade bei seinem Dienstherrn, dem Dogen (Joachim Berger), die schönsten Rassismen hervorruft, wenn er nicht gerade mit vollendetem Bass-Bariton zur Klavierbegleitung von Musiker Andreas Peschel singt. Die Kulturelite gegen den Außenseiter, der sich vergeblich zu integrieren versucht. „Der Traum von Gleichheit blieb Rede.“ Für die einen ist Othello nicht weiß, für die anderen nicht schwarz genug. Dass gerade er das Herz der schönen Desdemona (Laura Maria Hänsel) – hier Tochter des Dogen – erobern konnte, erzeugt Neid und Missgunst. Nur für den Krieg gegen die drohenden Türken kann man sich auf eine Führung durch Othello einigen.
Dass dieser geradlinige und integre Mensch zum Spielball das Intriganten Jago wird und sogar in der von diesem gesäten Eifersucht seine Frau Desdemona tötet, ist die große Tragik der Geschichte, die Holetzeck hier ganz groß in Szene setzt. Das findet auf offener Bühne mit ein paar Stellwänden im Hintergrund statt. Den Kriegsschauplatz Zypern veranschaulichen ein paar Tarnnetze. Ein Billardtisch steht im Mittelpunkt, ist Spielplatz für die rivalisierenden Soldaten und schönes Symbol für den Knall-Effekt, den Jagos einmal losgetretener Intrigenball entwickelt. Das wird ganz ordentlich, aber auch ein wenig zu konventionell ausgespielt. Die modernen Worte bleiben im Spielkorsett weitestgehend Behauptung. Allein Michael Meichßner als Jago kann hier ein paar Akzente setzen. Zu erwähnen ist noch Jago-Gegenspieler Cassio (Moritz von Treuenfels), der sich hier am Ende, welch Tragik (oder doch eher Komik), als schwul outet. Holetzeck spielt mit viel Musik auf der Klaviatur der Gefühle. Das wirkt besonders nach der Pause zum dramatischen Finale mit Fechtkampf und Cold Song (Holetzeck inszenierte in Dessau gerade Purcells King Arthur) doch recht pathetisch.
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Othello
von William Shakespeare
aus dem Englischen von Marius von Mayenburg
Regie: Mario Holetzeck
Bühne: Juan León
Kostüme: Alide Büld
Dramaturgie: Reinar Ortmann
Besetzung:
Andreas Spaniol als Othello
Joachim Berger als Doge
Laura Maria Hänsel als Desdemona
Michael Meichßner als Jago
Moritz von Treuenfels als Cassio
Jan Hallmann als Rodrigo
Die Premiere am Rheinischen Landestheater Neuss war am 03.03.2018
Die Potsdam-Premiere war am 27.10.2018 im Hans Otto Theater Potsdam
Dauer: 2 Stunden, 45 Minuten, eine Pause
Termine: 27.12.2018 // 11.01.2019
Infos: https://www.hansottotheater.de/
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Zuerst erschienen am 28.10.2018 auf Kultura-Extra.
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Viel gut essen – Marc Becker lässt ein gemischtes Ensemble Normalos Sibylle Bergs Hassmonolog eines weißen Mittelklassemanns zu Pianoklängen singen und an einer modernen Küchenzeile aufsagen
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Wie geht es eigentlich dem weißen, heterosexuellen, westlichen Mittelklassemann? Als Theaterfigur und Held scheint er ausgedient zu haben. In Nora Abdel-Maksouds Filmbetriebssatire The Sequel wird er sogar für tot erklärt. Im Zeichen der MeToo-Debatte arbeiten sich jetzt wieder einige weibliche und auch männliche Theaterregisseure an ihm ab. So hat gerade BE-Intendant Oliver Reese das neue Tracy-Letts-Stück Wheeler über einen von der Midlife-Crisis geschüttelten 50jährigen Middle-Class-Amerikaners in deutscher Erstaufführung inszeniert. Kommt jener Wheeler bei all seinen Macken als männliches Relikt aus dem 20. Jahrhundert noch relativ sympathisch rüber, bis er vor Selbstmitleid geradezu zerfließt, so hat Schriftstellerin und Theatermacherin Sibylle Berg diese Art Mann jenseits der 40 in ihrem 2014 in Köln uraufgeführtem Stück Viel gut essen wesentlich schärfer porträtiert.
Beschrieben wird der Mann dort eben auch als weiß, heterosexuell und körperlich gesund. Er hat einen mehr oder weniger gut bezahlten Job als IT-Spezialist in einer Kanzlei für Arbeitsrecht. Wie viele seinesgleichen hat er sich angepasst, liebt die Gartenarbeit und kauft sogar im Biomarkt. Dennoch ist er in vielen Dingen eben nicht mehr wandlungsfähig. So schimpft er über die Überfremdung seiner Gegend, aus der er nach Kündigung seiner Wohnung (zum Kauf hat es leider nicht gereicht) gerade verdrängt wird. Auch aus seinem Job hat ihn die neue Abteilungsleiterin, die er als Frau für inkompetent hält, gefeuert. Und so hängt der Protagonist beim Kochen in der noch nicht abbezahlten Küche, wie er selbst immer wieder betont, seinem Leben nach und reflektiert ganz aus der eigenen, beschränkten Sicht seinen Niedergang. Wobei er sich langsam immer mehr in Rage redet.
The Final Countdown von der Band Europe ist Leitmotiv des Stücks und Lieblingssong jenes Mannes, dessen Ära sich sozusagen dem Ende neigt. Die Frau hat ihn nach Jahren der Unzufriedenheit endlich verlassen, um sich selbst zu verwirklichen, und der in seinen Augen unmännliche Sohn redet nicht mehr mit ihm. Wie der Mann irgendwann selbst feststellt, die Wiederholung des Lebens seines Vaters. Damit sind die Parallelen zu Letts Wheeler klar gesetzt. Und doch lässt Sibylle Berg keine Minute Zweifel an der Unfähigkeit dieses Mannes, sein Schicksal nochmal ändern zu können, aufkommen.
In der Reithalle des Hans Otto Theaters hat nun Regisseur Marc Becker Sibylles Bergs Monolog auf mehrere Personen aufgeteilt. Das legt die Autorin mit der Besetzungs-Anweisung: „1 Mann oder viele“, die hier zum Anfang vom siebenköpfigen Ensemble zitiert wird, auch nahe. Man könnte also relativ frei damit verfahren oder sogar (wie Sebastian Nübling in seiner Züricher Inszenierung) eine Travestie mit Frauen in Männerrollen machen. Becker belässt es bei einer fast paritätischen Besetzung von vier Männern und drei Frauen, die als solche auch klar zu erkennen sind. Gespielt wird auf einer fast leeren Bühne mit einer Sichtbetonwand im Hintergrund. Darauf das Gemälde Gewitterfront des Leipziger Malers Neo Rauch. Ein Mann mit Trommel auf einem Acker vor dunklen Wolken. Die Farben des Bilds setzen sich auch in der Kostümierung des Ensembles fort. Die Assoziation verheißt den Aufruf zum letzten Gefecht. Für den männlichen Protagonisten herrscht also Kriegszustand.
Es beginnt mit einem chorischen Vortrag des besagten Europe-Songs, am Piano begleitet von Moritz von Treuenfels. Dann rollen die Ensemblemitglieder Teile einer langen Küchenzeile herein und beginnen zum Textvortrag Möhren zu schnippeln. Bei der Zubereitung eines Essens für Frau und Sohn, bei dem es für den Mann um die Wiederherstellung seines sich auflösenden Lebens geht, wird nun der Text in verschiedenen Konstellationen, mal chorisch, mal wechselnd monologisch vorgetragen. Das Spiel stellt sich da aber zunehmend in den Variationen als doch recht beschränkt dar. Was man halt so macht beim Kochen. Die Pointen des Textes werden einfach entsprechend bebildert. Fast harmlos lächerlich wirkt hier der wütende Mann, wenn er sich schließlich als einer von Milliarden zum rechten Populisten aufschwingt, für den es zu voll geworden ist auf der Welt, für die er sterben will. Die Armee der Internetkommentatoren steht dann in diesem Spießeroutfit zwar für die ganz normalen Mittelklasse-Abgehängten, die all den Frust, ihre Homophobie und ihren Fremdenhass (irgendwann gibt der Hintergrund auch die Silhouette einer Moschee frei) tagtäglich ins Internet kippen. Mit dem Udo-Jürgens-Song „Heute beginnt der Rest deines Lebens“ wird das Potential dieses Mobs aus der Mitte der Gesellschaft und leider auch die Schärfe des Textes endgültig verwässert.
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VIEL GUT ESSEN
Von Sibylle Berg
Regie: Marc Becker
Bühne: Harm Naiijer
Kostüme: Alin Pilan
Dramaturgie: Christopher Hanf
Maske: Ute Born, Julia Moritz
Mit: Ulrike Beerbaum, Marie-Therése Fischer, Kristin Muthwill, Mascha Schneider, Philipp Mauritz, Andreas Spaniol und Moritz von Treuenfels
Uraufführung am Schauspiel Köln: 18. Oktober 2014
Premiere am Hans Otto Theater Potsdam: 08.12.2018
Weitere Termine: 21.12.2018 // 12., 26.01.2019
Weitere Infos siehe auch: https://www.hansottotheater.de/
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Zuerst erschienen am 09.12.2018 auf Kultura-Extra.
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