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Große Filmhelden haben es auch nicht immer leicht. Die 67. BERLINALE zeigte uns zum Beginn gleich einige männliche Protagonisten in der Krise. Manchmal kann Mann nämlich auch mal ziemlich am Arsch sein. Der eine früher, der andere später…
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T2 Trainspotting von Danny Boyle außer Konkurrenz im Wettbewerb
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Ziemlich fertig ist auch Mark Renton. Den 46jährigen fegt eine Herzattacke vom Fitnesslaufband. Eine Sinnkrise und einen Bypass später landet er als „Tourist in der eigenen Jugend“ in seiner alten Heimatstadt Edinburgh. Der schottische Regisseur Danny Boyle geht bei der Berlinale außer Konkurrenz mit der Fortsetzung seines Kultfilms Trainspotting – Neue Helden an den Start. T2 Trainspotting spielt zwanzig Jahre später und beruht wieder auf einem Roman von Irwin Walsh. Porno erschien bereits 2002. Es hat also lange gedauert, bis sich Danny Boyle und Ewan McGregor, der Darsteller des Junkies Renton, wieder zusammengefunden haben. McGregor begründete auf dieser Rolle seine Karriere. Ob diese Fortsetzung sie weiter befördern wird, sei mal dahingestellt, auf jeden Fall gibt es einige nostalgische Momente, und nach einer Wirtshausschlägerei schwelgen die sich wiederfindenden Kumpels Renton und Sick Boy (Jonny Lee Miller) in alten Erinnerung.
Renton hatte die Gang am Ende von Trainspotting um 16.000 Pfund aus einem Heroingeschäft betrogen und war damit nach Amsterdam abgehauen. Das haben Sick Boy, der sich nun Steven nennen lässt, und der wegen Mordes im Knast sitzende Francis Begbie (Robert Carlyle) nicht vergessen. Nur Spud (Ewen Bremner) hatte von Renton 4.000 Pund aus der Beute erhalten. Spud hängt allerdings immer noch an der Nadel und ist auch sonst überall zu spät. Renton kann den vom Leben Deprimierten gerade noch vor einem Selbstmord retten. Was den Film im Folgenden ausmacht, sind die verzweifelten Versuche der alten Freunde sich auf die nächsten 30 Jahre vorzubereiten.

Und dafür benötigt man in erster Linie Geld. Das haben natürlich weder Renton noch Spud oder Steven. Der hält sich mit einem schlecht gehenden Pub und Erpressungsversuchen mit Sexvideos bei den Kunden seiner Freundin, der bulgarischen Prostituierten Nikki (Anjela Nedyalkova), über Wasser, weswegen er schon mal einen Anwalt braucht. Ein Kurzauftritt von Rentons alter Flamme Diane (Kelly Macdonald), die jetzt in einem schicken Anwaltsbüro sitzt. Aber nur in ein paar witzigen Szenen kommt nun wirklich so etwas wie Spaß auf. Etwa wenn Renton und Steven eine Party von Protestanten aufmischen, die den Sieg Wilhelms von Oranien 1690 gegen die katholischen Jakobiten feiern. Mit den geklauten Kreditkarten und der magischen Jahreszahl lassen sich tatsächlich ein paar Tausend Pfund abheben. Es fließen wieder einige eklige Flüssigkeiten, und die Jungs geraten hier und da ins Hecheln, wie der schlaffe Spud auf Entzug beim Joggen in den Edinburgher Hügeln.
Treibender Motor der drei aufstrebenden Unternehmer in den Vierzigern ist die junge Nikki, die Steven zum Ausbau des Pubs zum Sex-Saunaklub drängt. Hier kann nun auch Renton seine Talente als Wirtschaftskaufmann einbringen. Ein Antrag bei einem regionalen EU-Förderprogramm soll das nötige Kapital bringen. Stolpersteine sind nur die lokale Zuhälterszene und der auf Rache sinnende Begbie, der nach seiner Flucht aus dem Knast hinter Renton her ist. Es hat sich also nicht allzu viel verändert. Außer, dass die TV-Bildschirme etwas flacher und breiter geworden sind, spielen die Clubs immer noch den Retro-Sound der 90er. Eine paar Kokslinien, eingefrorene Stills und schnellgeschnittene Verfolgungsjagden weiter sind wir schon beim Showdown.
Trotz einer ausladenden Ansprache von Renton zum Slogan: „Sag ja zum Leben“ wird man nicht lang von tieferer Sinnsuche behelligt. Hier wollen ein paar ältere Jungs in der Midlifecrisis noch mal ein wenig Spaß haben. Aber es kommt, wie es kommen muss. Zuerst ist da die Gelegenheit und dann passierte der Verrat. Dank Spuds alten Schreibtalenten, die er gerade auch literarisch weiterentwickelt, gehen die schottischen EU-Fördergelder von 100.000 Pfund nach Bulgarien und die Männerrunde leer aus. Was für eine herrliche Pointe für Europa. Der Rest ist wie ein schöner großer Brexit-Kater.
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T2 Trainspotting
Wettbewerb
GBR 2017
von: Danny Boyle
Kinostart: 16. Februar 2017
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Wilde Maus von Joseph Hader im Wettbewerb
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Wirklich am Arsch dagegen ist der Konzertkritiker Georg. Der Mann ist in den besten Jahren – wie man so sagt – wird aber von seinem Redaktionschef Waller infolge Einsparmaßnahmen einfach gekündigt. Auf Georgs Einwand, dass es Leserproteste geben würde, antworte der Chef nur: „Die meisten Ihrer Leser sind schon tot.“ Kein Witz, dem altgedienten Qualitätsjournalisten werden unerfahrene Kollegen vorgezogen, die das Abspielen von Bruckners 5. Sinfonie in einer Fußballarena – geklaut von einem „Schlagerfuzzi“ (gemeint ist hier der Song Seven Nation Army des Rockmusikers Jack White) – für das Größte halten und nicht wissen, dass die Zauberflöte keine Oper, sondern ein Singspiel ist. Was sich nun entspinnt ist ein Rachefeldzug gegen seinen Chef, den Georg beim Abreagieren seines ersten Wutrausches auf dem Wiener Würstelprater als „geschissenes Arschloch“ und „deutsche Sau“ tituliert.

Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader, bekannt durch die Rolle des abgehalfterten Kommissars Brenner in den Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis, wird am 14. Februar 55 und hat sich zum Geburtstag seinen ersten Spielfilm als Regisseur geschenkt. Er kann nicht anders, wie auch Georg nach 25 Jahren als Musikkritiker nichts anderes kann. Seiner Frau Johanna (Pia Hierzegger), einer Psychotherapeutin, die ihren Mann auch gern mal am Frühstückstisch analysiert, verschweigt er seinen Rausschmiss und treibt sich den ganzen Tag im Prater herum, wenn er seinem Ex-Chef Wallner (schön süffisant gespielt vom Tatort-Kommissar und Schaubühnen-Schauspieler Jörg Hartmann) nicht gerade das Dach seines Cabrios zerschneidet oder den Lack zerkratzt.
Der Mann manövriert sich in eine ausgewachsene Lebenskrise, die noch dadurch vergrößert wird, dass seine Frau mit 43 Jahren endlich ein Kind bekommen will, obwohl Georg meint, die letzten 20 ohne wären doch auch ganz lustig gewesen. Haders gewohnt grantelnder Wiener Schmäh schlägt einige Funken, und die trockenen Pointen purzeln anfangs ziemlich flott. Aber der Regisseur will eigentlich noch etwas mehr. Neben der eigenen Sinn- und Beziehungskrise tröpfeln der tägliche Wahnsinn und Terrormeldungen aus dem Fernseher und dem Autoradio. Während die Welt vor die Hunde geht, kauft sich Georg einen Revolver, und sein Racheopfer rüstet sich mit Überwachungskameras.
Einen ersten und einzigen Freund findet Georg im ebenso gebeutelten Gelegenheitsarbeiter Erich (eine Glanzrolle für Georg Friedrich). Gemeinsam sanieren sie eine alte Achterbahn, die titelgebende Wilde Maus, und beginnen ein neues Leben als Schausteller, bis Georg sein altes in Gestalt seiner plötzlich auftauchenden Frau wieder einholt. In der Liebe ist die richtige Kommunikation alles, was auch Erich erfahren muss, der sich mit seiner rumänischen Freundin Nicoleta (Crina Semciuc) nicht unterhalten kann. Da kommt Georg mit Italienisch etwas weiter, während er wiederum bei Johanna wegen seiner Egoeskapaden durchfällt. Mann hat‘s nicht leicht. Die Protagonisten und Fäden der Handlung verwirren sich immer mehr und finden erst in den österreichischen Bergen überraschend wieder zusammen. Doch selbst als Georg mit Whiskyflasche und Schlaftabletten schon nackt im Schnee sitzt, ist die sich mehrfach überschlagende Farce noch nicht am Ende. Allerdings wäre Haders Erstling wie die Haas-Filme zuvor im Panorama der BERLINALE sicher besser aufgehoben gewesen.
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Wilde Maus
Wettbewerb
AUT 2017
von: Josef Hader
Filmstart: 9. März 2017
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de
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Centaur von Aktan Arym Kubat im Panorama
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Ein Schrei nach künstlerischer Freiheit ist der kirgisischen Panoramabeitrag Centaur. Für den Filmvorführer Centaur gilt das Motto: „Die Pferde sind die Flügel des Menschen.“ Er lebt mit seiner taubstummen Frau am Rande von Bishkek und erzählt seinem Sohn alte Märchen von den mythischen Mischwesen aus Mensch und Pferd. Von den Leuten wird er daher auch Centaur genannt. Seine Frau kann nur Russisch von den Lippen ablesen und lebt in einer früheren Welt aus sowjetischen Filmen. Um der Einsamkeit zu entfliehen, trifft sich Centaur auch mit der Witwe eines ehemaligen Afghanistankämpfers und redet mit ihr über alte kirgisische und bunte Bollywood-Filme.

Nachts stiehlt Centaur Pferde, um sich beim Reiten frei und mit der Natur verbunden zu fühlen. Die alte Nomadenkultur kollidiert aber nicht nur mit der Moderne, sondern auch mit den islamischen Traditionen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder in Kirgistan etabliert haben. Durch den Verrat seines Kontrahenten, einem ortsbekannten Viehdieb, wird Centaur schließlich geschnappt und kommt vor den nun muslimisch dominierten Dorfsowjet. Eine aufgebrachte Menge diskutiert in zwei Lager gespalten über sein Schuld. Schließlich setzen sich aber die Neumuslime durch. Die Strafe des Ausschlusses von Centaur aus der Dorfgemeinschaft kann vom Rat der Alten nur noch in einen Haddsch nach Mekka abgewandelt werden.
Regisseur Aktan Arym Kubat, bekannt durch seinen Film Dieb des Lichts, spielt die Hauptrolle des arbeitslosen Filmvorführers selbst. Sein Kino dient nun auch als Moschee, in der er nun auf den bevorstehenden Haddsch vorbereitet werden soll. In einer schönen Szene projiziert er seine geliebten bewegten Bilder durch das alte Filmvorführgerät in den Gebetsraum. Aktan Arym Kubat wollte keinen Film gegen den Islam drehen, aber gegen eine aufoktroyierte Religion, in der er nicht in seiner Sprache beten kann. Sein Gott und seine Sprache seien seine Filme, sagte er im Anschluss an die Vorführung. Dass seine Hauptfigur trotzdem an wachsender Ignoranz und Bosheit scheitert, zeigt, wie es um eine solche Art der Spiritualität bestellt ist.
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Centaur
Panorama
KGZ/FRA/DEU/NLD 2017
von: Aktan Arym Kubat
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Zuerst erschienen am 12.02.2017 auf Kultura-Extra.
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Die Krisen von Männern jenseits der Vierzig ziehen sich weiter durch den Wettbewerb der BERLINALE. Ihre Gefühlslagen sind mehr oder weniger gezeichnet durch eine fortschreitende Orientierungs- bzw. Sprachlosigkeit. Letzteres ist dann ja auch eines der Hauptprobleme in zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Auslöser dafür sind dabei recht verschieden…
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Helle Nächte von Thomas Arslan im Wettbewerb
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In Helle Nächte, dem ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag von Thomas Arslan, hat der Bauingenieur Michael (Georg Friedrich mal wieder in einer ernsteren Charakterrolle) ein doppeltes Vater-Sohn-Problem aufzuarbeiten. Gewohnt beiläufig, ein Stilmerkmal der sogenannten Berliner Schule, erfährt der Zuschauer, dass Michaels Vater, der die letzten Jahre zurückgezogen in Nordnorwegen gelebt hat, gestorben ist. Man stand sich nicht sehr nahe. Das Warum bleibt wie die momentane Gefühlslage Michaels im Dunkeln. Auch in der Beziehung zu seiner Freundin scheint einiges Unausgesprochen zu sein. Dass sie der Karriere wegen ein Jahr als Korrespondentin nach Washington will, ist ein weiterer Schlag für Michael. Das klingt schon sehr nach Beziehungspause.
Wenig später sitzt der wortkarge Grübler schon mit seinem eigenen Sohn im Flieger. Luis (Tristan Göbel, der gerade als Maik in Fatih Akins Tschick-Verfilmung brillierte) lebt bei der Mutter auf dem Land und ist wenig begeistert vom plötzlichen Interesse des Vaters, der sich einige Jahre nicht um ihn gekümmert hat. Michael scheint die Fehler seines Vaters zu wiederholen. Um Maik wieder näher zu kommen, nimmt er ihn mit zum Begräbnis des Großvaters nach Norwegen. Aber Maik lässt Michael ständig spüren, dass er an einer neuerlichen Vertiefung der Beziehung nicht besonders interessiert ist. Und wie die zunächst schweigsame Autofahrt, kommt auch der Film nur recht langsam in die Gänge.

Arslan nutzt die karge zum Teil nebelverhangene Berglandschaft Norwegens, um die quälende Sprachlosigkeit seiner Protagonisten noch zu verstärken. Und doch bietet die Natur auch erste Anknüpfungspunkte. Maik meint, es sehe hier aus wie im Film Herr der Ringe. Allerdings hat Michael nur das Buch gelesen, das Maik langweilig findet, wie auch die etwas älteren Lieblingsfilme seines Vaters. Auf den Mund gefallen ist Luis trotz seiner durch die Handyohrstöpsel bedingten Abwesenheit jedenfalls nicht. Nur findet Michael den Draht zu seinem Sohn ebenso wenig wie den richtigen Weg. Analoges Kartenlesen gegen digitales Navigationsgerät. Autofahren gegen Wandern. Der Generationenkonflikt vermittelt sich hier über kommunikationstötende Technik. Auch der erste Fußmarsch, nachdem das Benzin ausgegangen ist, bringt nicht die erwünschte Erlösung.
Anschluss findet Luis eher zu einer Hardcore liebenden Fee aus Oslo, die der Urlaub mit den Eltern ebenfalls anödet. Der Sohn wehrt alle ungeschickten Annäherungsversuche des Vaters barsch ab. Er solle ihn nicht wie einen Idioten behandeln, schreit ihn Luis an. Zur aufkommenden Aggression gesellt sich Michaels quälende Schlaflosigkeit in den hellen Mitsommernächten. Lost in Landscape. Das Ausgeliefertsein an die endlose Weite der norwegischen Natur setzt bei Michael eine Art Katharsis in Gang. Der Versuch einer Lebensbeichte des Vaters schlägt den Sohn aber erst recht in die Flucht. Ob sich beide am Ende trotzdem dauerhaft wiedergefunden haben, lässt Regisseur Arslan offen wie die zumeist losen Kommunikationsenden. So läuft der Film in langen Einstellungen fast gänzlich ohne Spannungsbögen auch ziemlich ins Leere.
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Helle Nächte
von Thomas Arslan
Deutschland / Norwegen 2017
Wettbewerb
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Colo von Teresa Villaverde im Wettbewerb
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Wie Berliner Schule auf Portugiesisch fühlt sich Colo, der Wettbewerbsbeitrag von Teresa Villaverde an. Auch hier ein Vater in tiefer Krise und Sprachlosigkeit. „Was ist los, mit unserem Leben?“ fragt den arbeitslosen Mann (João Pedro Vaz) irgendwann seine 17jährige Tochter Marta (Alice Albergaria Borges). Darauf eine adäquate Antwort zu geben, tut sich der Film allerdings 135 Minuten lang recht schwer. Man muss sich schon eine Weile einsehen, um wirklich warm zu werden. Villaverde liefert dann aber doch eine ziemlich eindrückliche Studie einer Mittelstandsfamilie im krisengeschüttelten Portugal, die an der drohenden Existenznot zu zerfallen droht. Notdürftig zusammengehalten wird sie von der berufstätigen Mutter (Beatriz Batarda), die auch noch einen Zweitjob annimmt und dadurch immer müder wird. Den recht schweigsamen Vater plagen Ängste, dass sie die Familie verlassen wird. Er ist tagsüber zu Hause und versucht krampfhaft Leuten hinterher zu telefonieren, die sich auf seine Bewerbungen nicht mehr zurückmelden. Ansonsten steht er viel auf dem Dach des Hochhauses in seiner Plattenbausiedlung am Rande Lissabons und schaut in die Ferne.

Lange Einstellungen und Handlungsarmut machen es auch hier schwer, dem Plot zu folgen. Überhaupt ist der leere Blick nach draußen oder unser Blick von außen in die Fenster der Wohnung beherrschendes Mittel, die Einsamkeit der Protagonisten zu verdeutlichen. Als Sehnsuchtsort und Naturmetapher dient hier der Tejo oder das nahe Meer, zu dem es Marta mit ihrer Freundin und auch den Vater immer wieder zieht. Er spürt seine Nutzlosigkeit und greift sogar einmal zu einer Art Verzweiflungstat, als er einen ehemaligen Schulfreund den Firmenchef entführt, der ihn wegen eines Jobs nicht zurückruft. Seine Depressionen ziehen die gesamte Familie mit in den Abgrund. Marta ritzt sich heimlich und ist eigentlich mit ihrem Liebesleben und der eigenen Identitätssuche beschäftigt. Ihre Freundin Júlia (Clara Jost) ist schwanger und will nicht mehr zu ihrer ebenfalls zerrütteten Familie, die sie ablehnt, zurück. Die Mädchen schwänzen immer häufiger die Schule. Freude haben sie nur bei nächtlichen Partys mit Rock-Musik und Drogen.
Und dennoch taucht immer mal wieder sowas wie Hoffnung auf. Es sind kurze Momente der Solidarität. Ein Schluck Wasser von Fremden für den Vater. Das gemeinsame Essen bei Kerzenschein in der dunklen Wohnung. Wegen des abgedreht Stroms laden Nachbarn die Handys der Familie auf. Der Zerfall ist dennoch nicht aufzuhalten. Marthas Vogel stirbt wie die eingesperrte Hoffnung auf eine Besserung der Situation. Familien müssen in schweren Zeit wie Krieg oder bei Krankheit zusammenhalten, sagt die Mutter. „Es ist aber kein Krieg“, antwortet Marta trotzig. Es fehlt zwar nicht an Liebe, aber an einer gemeinsamen Zukunft. Die Mutter zieht schließlich aus. Der Vater soll mit Martha zur Großmutter aufs Land, bis wieder genug Geld da ist, um zusammen zu leben. Hier beginnt der Vater erstmals wieder Initiative zu zeigen, als er sich um die suizidgefährdete Júlia kümmert, während sich Marta in einer Hütte am Meer verbarrikadiert. In zweierlei Hinsicht porträtiert Teresa Villaverde ihr Heimatland Portugal als geschlossene und gestörte Gesellschaft.
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Colo
von Teresa Villaverde
Portugal / Frankreich 2017
Wettbewerb
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Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de
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Zuerst erschienen am 17.02.2017 auf Kultura-Extra.
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