„Jedem das seine – Ein Manifest“ von Marta Górnicka und „What They Want to Hear“ von Lola Arias – Wütende Frauenchöre und resignierende Asylbewerber an den Münchner Kammerspielen

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Jedem das seine – Ein Manifest – Marta Górnicka choreografiert an den Münchner Kammerspielen einen aufwühlenden Chor zum Ungleichgewicht der Geschlechter

Jedem das seine – Ein Manifest an den Münchner Kammerspielen
Foto (c) David Baltzer

Kurz aber keineswegs schmerzlos sind die choreografierten Chor-Abende von Marta Górnicka, die dem Berliner Theaterpublikum schon durch ein paar Gastspiele (Magnificat, 2014 oder Hymne an die Liebe, 2017) bekannt ist. An den Münchner Kammerspielen hat die polnische Regisseurin nun ihre neue Produktion mit dem Titel Jedem das seine – Ein Manifest herausgebracht. Sie verwendet dafür neben Texten der Schweizer Dramatikerin Katja Brunner auch politische Statements und Werbetexte sowie Zitate aus über 100 Jahren emanzipatorischer Frauenbewegung. Der Chor, bestehend aus MünchnerInnen und SchauspielerInnen des Kammerspiel-Ensembles, rezitiert hier u.a. aus dem Manifest der futuristischen Frau von der französischen Dichterin Valentine de Saint-Point aus dem Jahr 1912, dem 1967 veröffentlichten SCUM-Manifesto von Valerie Solanas und dem New Yorker Me Too-Aufruf von 2017. Ein chorisches Libretto, das sich als zeitkritische Text-Collage mit aktuellen Themen wie Sexismus, Misogynie und Gewalt gegen Frauen beschäftigen. Die Produktion wird dann in der nächsten Spielzeit auch am Maxim Gorki Theater zu sehen sein.

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Jedem das seine“, der Spruch des griechischen Philosophen Platon, der durch die Faschisten zynisch missbraucht über dem Tor des KZ Buchwald stand, dient hier als provokante These und sorgte bereits vor der Premiere für Reaktionen in der konservativen Münchner Presse bezüglich der angeblichen geschichtlichen Gedankenlosigkeit bei der Verwendung dieses Zitats. Was Górnicka nicht anficht, dies gleich in die Inszenierung einzubauen und über das KZ Dachau als eines der produktivsten Lagerbordelle zu berichten. Sie legt diese Thesen von Faschismus, Verteilungsungerechtigkeit und Gewalt an Frauen zwei Affenhandpuppen in den Mund, ansonsten schreien, stampfen und formieren sich die Frauen und vier Männer im Takt der aus dem Publikum heraus dirigierenden Regisseurin.

 

Jedem das seine – Ein Manifest an den Münchner Kammerspielen – Foto (c) David Baltzer

 

Der Mensch ist ein historisches Konstrukt“ hören wie da zum Beispiel. Oder „Der wahre Reichtum des Volkes stammt von der Arbeit der Vaginen, nicht der Hände.“ In rhythmisch choreografierten Wiederholungen werden die chorisch vorgetragenen Satzfetzen und Parolen zur Melodie des Stücks, die variierenden Stimmen des Chors zum Instrument, die im Stakkato gebellten Worte wie „Fleisch“ oder „Mensch“ verfremden sich dabei in der ständigen Wiederholung akustisch bis zur Unkenntlichkeit. Aggressiv wird da die True Love Machine angeboten, blondlockigen Lolitaköpfchen als Gefühligkeitsroboter und Benefits of Technolegy, wobei sich sich der Chor in Posen wirft, marschiert oder wütend ins Publikum zeigt. Gemeint sind wir und die kapitalistische Werbewelt, die Frauen und Liebe zur Ware macht. Immer bereit zur Selbstoptimierung.

Wie zum Hohn singt da eine der Darstellerinnen Elvis Presleys „Can’t help falling in love“ oder die mehrstimmig im Kanon vorgetragene Bach-Kantate „Nur jedem das Seine / Muß Obrigkeit haben“. Das sind die wenigen nachdenklichen Ruhemomente dieser aufreibenden Inszenierung, in deren Zentrum noch die Figur des Twitter-Gods Donald Trump steht, dem momentanen Inbegriff des Chauvinisten, den Schauspielerin Anne Ratte-Polle mit nacktem Oberkörper und Blond-Perücke karikiert. „Command Control Communication Intelligent“, „Donald’s free speach“ als Social-Media-Krake in einer frivolen Tanzperformance mit anschließendem Ringkampf.

An die Rückwand projizierte Zwischenüberschriften teilen den Abend in bestimmte Abschnitte. Auch um die Revolution geht es da, wobei sich hier der Chor nicht ganz sicher ist. „Ich bin eine…“ bzw. „…keine Rebellin“ skandiert das Ensemble in einem wechselnden Ja-Nein-Choral. Wütend skandieren sie: „Wir kotzen in den Gender-Gap!“, immer bereit für Vater- und Mutterland. „Wir, die Frauen sind Fremde, deshalb dürfen wir nicht sein, jedenfalls nicht bei uns.“ wird zum großen Anklagechor des Abends, an dessen Ende die Verabschiedung des weißen Mannes steht. Ein Abend der einen in seiner Direktheit und Intensität aufwühlt, in den Bann schlägt und lange nicht wieder loslässt.

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JEDEM DAS SEINE – EIN MANIFEST (Kammer 2, 11.07.2018)
von Marta Górnicka / Unter Verwendung neuer Texte von Katja Brunner
Inszenierung: Marta Górnicka
Choreografie: Anna Godowska
Bühne: Robert Rumas
Kostüme: Sophia May, Nicole Marianna Wytyczak
Licht: Charlotte Marr
Übersetzung: Andreas Volk
Dramaturgie: Johanna Höhmann
Dramaturgische Beratung: Agata Adamiecka-Sitek
Komposition und Einstudierung: Polina Lapkovskaja
Mit: Liliana Barros, Yasin Boynuince, Serena Buchner, Caroline Corves, Leonard Dick, Carmen Engel, Dana Greiner, Marta Górnicka, Maya Haddad, Thekla Hartmann, Antonia Hoffmann, Marion Hollerung, Stacyian Jackson, Gro Swantje Kohlhof, Laura Kupzog, Kim Nguyen, Moritz Ostruschnjak, Gina Penzkofer, Susanne Popp, Melanie Pöschl, Corinna Quaas, Anne Ratte-Polle, Theresa Schlichtherle, Samantha Schote-Ritzinger, Zoë von Weitershausen, Gülbin Ünlü
In Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater
Die Premiere der Uraufführung war am 28.05.2018 in den Münchner Kammerspielen, Kammer 2

Infos: https://www.muenchner-kammerspiele.de/

Zuerst erschienen am 13.07.2018 auf Kutura-Extra.

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What They Want to Hear – In Lola Arias Dokutheaterstück an den Münchner Kammerspielen erzählt der aus Syrien geflüchtete Raaed Al Kour über seine Erfahrungen mit der Bürokratie deutscher Asylverfahren

What They Want to Hear an den Münchner Kammerspielen
Foto (c) Thomas Aurin

Neben dem Exil Ensemble am Maxim Gorki Theater Berlin haben nun auch die Münchner Kammerspiele ein Schauspielprojekt mit Geflüchteten gestartet. In München firmiert es unter dem Namen Open Border Ensemble, was im Moment einer Kampfansage gegen die Bestrebungen der bayrischen CSU, die Grenzen Deutschlands gegen unkontrollierte Zuwanderung dicht zu machen, gleichkommt.

Die zweite Produktion der argentinischen Regisseurin Lola Arias (Atlas des Kommunismus am Maxim Gorki Theater) an den Münchner Kammerspielen befasst sich nun mit den Fluchterfahrungen des Syrers Raaed Al Kour, der 2013 aus dem Bürgerkriegsland floh, seit 2014 mit ungeklärtem Aufenthaltsstaus in München lebt und ständig von Abschiebung bedroht ist.

Genauer gesagt, sein Antrag auf Asyl, den er vor 1.620 Tagen beim BAMF (Bundesamts für Migration und Flüchtlinge) gestellt hatte, wurde abgelehnt, da er bei seiner Flucht in Bulgarien aufgegriffen und registriert wurde und einen sogenannten subsidiären Flüchtlingsstatus erhielt. Da die Unterbringungsbedingungen dort allerdings recht unmenschlich waren und Al Kour auch geschlagen und von Rechtsradikalen bedroht wurde, floh er weiter nach Deutschland, wo er nun nach seinem Widerspruch gegen die Abschiebung bis heute in den Mühlen der bayrischen Bürokratie festhängt.

Von all dem erzählt dieser Dokutheaterabend recht ausführlich. Und wie man erfährt, ist der zentraler Punkt bei einem Asylverfahren die Anhörung zu den Asylgründen, die einer ersten Anhörung zur Feststellung der Personalien, Herkunft und Fluchtroute des Asylbewerbers folgt. Dazwischen vergehen zum Teil Wochen oder auch Monate, die sich Raaed Al Kour zum Beispiel auch mit dem von freiwilligen Helfern angebotene Training für diese zweite Anhörung vertrieb.

 

What They Want to Hear an den Münchner Kammerspielen – Foto (c) Thomas Aurin

 

Zentrale Frage des Abends und für jeden Flüchtling, der diesem gesetzlichen Prozedere ausgesetzt ist, ist das titelgebende What They Want to Hear. Wie gut ist die ganz individuelle Geschichte, die die Betroffenen vortragen, wie gut wird sie übersetzt und was sind die Kriterien, nach denen letztendlich entschieden wird? Streng formal läuft das hier auf der Bühne der Kammerspiele ab. In dem zweistöckigen Bühnenbild von Dominic Huber ist auf der unteren Ebene eine Amtsstube, wo die Anhörungen stattfinden oder sich das Büro der Rechtsanwältin befindet. Michaela Steiger spielt wechselnd eine BAMF-Beamtin, Anwältin oder freiwillige Helferin. Hassan Akkouch ist Raaed Al Kours Dolmetscher und berichtet zwischendurch von seinem eigenen Migrationsweg als Flüchtlingskind einer vor dem einstigen Bürgerkrieg aus dem Libanon geflohenen Familie.

Auch die anderen Mitspieler (Jamal Choucair, Kinan Hmeidan und Kamel Najma) haben ihre ganz persönlichen Geschichten, die sie bis zum Bühnentechniker aus Afghanistan in das Geschehen einflechten. In der oberen Ebene des Bühnenbaus spielen sie als Flüchtlinge, syrische Soldaten und auch als dienstbeflissene deutsche Polizisten kleine Szenen, die sich für jeden Betroffenen so oder ähnlich immer wieder zugetragen haben. Die gespielten Anhörungen beruhen auf den echten Protokollen von Raaed Al Kour und zeigen sehr deutlich Ohnmacht auf der einen und bürokratisch bedingte Gesetzeswillkür auf der anderen Seite. Ist Dublin für Al Kour nur die Hauptstadt von Irland, ist es für das Asylverfahren der Begriff für eine europäische Flüchtlingsrichtlinie, die besagt, dass der Asylantrag dort gestellt werden muss, wo der Geflüchtete zum ersten Mal in die EU einreist.

Die Inszenierung wechselt zwischen diesen streng dokumentarischen Passagen, den freieren Spielszenen und Videos von Demonstrationen in Daraa, wo sich Raaed Al Kour an den ersten Protesten gegen das Assad-Regiem beteiligte und deswegen aus Angst vor der Verfolgung und dem drohenden Einzug in die syrische Regierungsarmee geflohen ist. Einer seiner Cousins wurde gefoltert und umgebracht, das Haus der Familie ist zerbombt. Ob es je wieder eine Perspektive für den Archäologiestudenten in Syrien geben wird, ist ungewiss. Eine bereits erhaltene Zulassung für eine Fortsetzung des Studiums in München scheitert an der Residenzpflicht des in Wiesheim Gemeldeten.

Mittlerweile arbeitet Raaed Al Kour selbst als freiwilliger Helfer für andere Geflüchtete, aber seine Geschichte hat nach wie vor kein Ende gefunden. Ist der Abend auch nicht mit den künstlerisch sehr ansprechenden Zugriffen des Berliner Exil-Ensembles vergleichbar, eher vielleicht noch mit der wegen der fehlenden Auftrittserlaubnis noch prekäreren Situation von Yousif Ahmad aus Yael Ronen´s Stück Gutmenschen, so hat doch Raaed Al Kour durch das Projekt von Lola Arias zumindest einen Weg gefunden, auf seine Geschichte selbst zu erzählen. Etwas, was in Zeiten schwindender Empathie angesichts der vielen verschieden Flüchtlingsschicksale in Europa bitter notwendig ist.

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WHAT THEY WANT TO HEAR (12.07.2018, Kammer 1)
Ein Projekt von Lola Aria mit dem Open Border Ensemble
Inszenierung: Lola Arias
Bühne: Dominic Huber
Kostüme: Lena Mody
Video: Mikko Gaestel
Musik: Jens Friebe
Licht: Charlotte Marr
Stagehand: Sajad Hosayni
Übersetzung: Rabelle Erian
Dramaturgie: Katinka Deecke, Krystel Khoury
Mit: Hassan Akkouch, Raaed Al Kour, Jamal Choucair, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Michaela Steiger
Die Premiere der Uraufführung war am 22.06.2018 in den Münchner Kammerspielen, Kammer 1

Infos: https://www.muenchner-kammerspiele.de/

Zuerst erschienen am 17.07.2018 auf Kultura-Extra.

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