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Anlässlich des 100. Geburtstags des großen jüdisch-europäischen Theatermanns George Tabori am 24. Mai 2014 veranstaltet das Berliner Ensemble bereits seit dem 18. Mai eine ganze Woche unter dem Motto „100 Jahre George“. Auf dem Programm stehen dabei Filme seiner früheren Inszenierungen, Lesungen und natürlich Aufführungen von Taboris Stücken und Regiearbeiten aus dem Repertoire des Berliner Ensembles, an dem er von 1999 bis zu seinem Tod 2007 arbeitete. Die Festivitäten kulminieren am 24. Mai in einem großen Fest für George.

George Tabori wurde 1914 als Sohn des jüdischen Journalisten und Schriftstellers Cornelius Tábori in Budapest geboren. 1932 begann er in Berlin zunächst eine Hotelfachlehre, musste dann aber 1933 wieder nach Budapest fliehen. Durch seine Emigration 1935 nach England entging George Tabori dem Holocaust. Sein Vater wurde 1944 in Auschwitz umgebracht. Den Tod des Vaters und die wundersame Errettung der Mutter verarbeitete Tabori später in seinen Theaterstücken Die Kannibalen und Mutters Courage. Ab 1947 arbeitete Tabori u.a. für Alfred Hitchcock als Drehbuchautor in Hollywood. In den USA traf er auch Bertolt Brecht und fing daraufhin selbst an Theaterstücke zu schreiben, die auch Ende der 1960er Jahre in New York uraufgeführt wurden. 1971 kehrte George Tabori wieder nach Deutschland zurück. Von Claus Peymann 1983 ans Schauspielhaus Bochum eingeladen, folgte er dem Regisseur und Theaterintendanten auf seinen Stationen über das Burgtheater Wien bis ans Berliner Ensemble.
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Die Demonstration, ein Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg in der Regie von Frank Hoffmann.
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Von den 11 Theaterstücken, die Tabori in seiner Zeit am Berliner Ensemble inszenierte, zeigt das BE nun Becketts Warten auf Godot (Premiere 2006) und Taboris eigenes Stück Die Juden (Premiere: 2003). Mit Mein Kampf (Premiere 2009) in der Regie von Hermann Beil und Die Kannibalen, von Philip Tiedemann gerade erst im März frisch in Szene gesetzt, sind weitere Inszenierungen von Tabori-Stücken zu sehen. Höhepunkt ist aber zweifellos ein Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg mit Taboris 1967 in New York uraufgeführtem Stück Die Demonstration. Damals noch unter dem provokanten Titel The Niggerlovers und mit Stacy Keach sowie dem jungen Morgan Freeman durchaus prominent besetzt. Erst 2011 kam es dann unter dem Regisseur und Intendanten der Ruhrfestspiele Recklinghausen Frank Hoffmann zu seiner deutschen Erstaufführung. In einer Wiederaufnahme ist Die Demonstration jetzt am 20. und 21. Mai am BE zu sehen.
Der Plot ist schnell erzählt. Monsieur X, ein 92-jähriger französischer Jude, sitzt mit seiner Frau Madam Y in seiner schicken New Yorker Wohnung und hadert seit Jahren damit, einziger Überlebender seiner im Holocaust umgekommen Familie zu sein. Dieses Recht will sich der immer noch kampfeslustige Alte nun mit einem nachträglichen Martyrium verdienen. Monsieur X plant eine Reise in den Süden der USA, um an Ort und Stelle – sozusagen direkt da, wo es wirklich weh tut – für die Rechte der Schwarzen zu demonstrieren. Aus Angst um die Gesundheit ihres bereits etwas betagten Gatten (der bekannte deutsche Schauspieler Martin Brambach gibt ihn slapstickhaft als Tattergreis mit wirrer Grauhaarperücke und Krückstock) hat Frau Y (Christiane Rausch) zwei kampferprobte, schwarze New Yorker Bürgerrechtsstreiter geladen, um ihrem Mann eine möglichst echte und abschreckende Demonstration der zu erwartenden Konsequenzen zu geben.

Foto © Bohumil Kostohryz
Das wohlmeinende, gutsituierte X-Y-Wohlstandspärchen hätte das wohl lieber unterlassen. Hier liegt der Witz allein schon im Wortspiel Demonstration. Freckles und Creampuff (dargestellt von den nigerianischen Schauspielern Michael Ojake und Jubril Sulaimon), zwei ausgebuffte Einpeitscher auf so mancher Protestdemo, gehen nun ihrerseits recht respektlos zu Werke und auch etwas unsanft mit dem Alten und seiner Wohnung um. Anhand eines krakelig geschriebenen Spickzettels mit guten Ratschlägen eines Bekannten von Monsieur X handeln nun die Beteiligen alle möglichen Szenarios von rassistischen Beschimpfungen über direkte Polizeigewalt bis zum geifernden Lynch-Mob ab. Dabei fällt es Monsieur X offenbar nicht sonderlich schwer von der Opferrolle des blutenden „Negers“ in die des pöbelnden Rassisten und wieder zurück zu switchen. We Shall Overcome, Black and White werden ändern die Welt, singt er zynisch.
Und so entwickelt sich ein alle political correctness missachtender, typischer Taboristoff zwischen Tragikomödie und Farce, bei dem einiges an Kunstblut und jede Menge Lachtränen vergossen werden. Täter und Opfer wechseln beständig ihre Rollen, bis Monsieur X keine Lust mehr hat und aus dem Spiel, das für die beiden Schwarzen in den 1960er Jahren der USA jeder Zeit ernste Bedrohung ist, aussteigen will. Doch das ist hier nicht mehr so einfach möglich. Das „Flirten mit der Gewalt“ gerät etwas außer Kontrolle. In kleinen ruhigen Momenten gedenkt das alte Paar der gemeinsam erlittenen Schmerzen ihrer früheren Gefangenschaft im Gestapoknast in Rouen. Sichtlich derangiert ist der greise Held dann aber dankbar für die aufschlussreiche Präsentation und nun erst recht bereit für seine Reise gen Süden. Schmerz oder Scherz, man kann sich hier nie wirklich sicher sein. Ein hinterfotziger Spaß zwischen oberflächlichen, verlogenen Klischees und tiefer Wahrheit. Und wie schon der kluge, listige Theatermagier George Tabori selbst sagte: „Alles ist verlogen, außer Theater. Auf der Bühne ist jede Lüge wahr.“
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DIE DEMONSTRATION
von George Tabori
Regie: Frank Hoffmann
Bühne und Kostüme: Jean Flammang
Musik: René Nuss
Dramaturgie: Andreas Wagner
Mit: Christiane Rausch; Martin Brambach, Michael Ojake, Jubril Sulaimon
Ein Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg in Koproduktion mit Ruhrfestspiele Recklinghausen auf der Probebühne des BE
Termine:
Dienstag, 20. Mai, 20.30 Uhr, Probebühne
Mittwoch, 21. Mai,19.30 Uhr, Probebühne
Infos: http://www.berliner-ensemble.de/zugabe
Weitere Infos: http://www.tnl.lu/de/2014/05/19/die-demonstration-in-berlin
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Zuerst erschienen am 21.05.2014 auf Kultura-Extra.
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Die Kannibalen von George Tabori in einer Inszenierung von Philip Tiedemann am Berliner Ensemble
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Foto: St. B.
Zwanzig Jahre, nachdem George Tabori seinen abgelehnten, vom Schicksal des in Auschwitz umgekommenen Vaters handelnden Roman Pogrom vernichtet hatte, widmete er sich in den 1960er Jahren wieder diesem Thema. 1968 wurde sein Theaterstück The Cannibals in New York uraufgeführt und feierte ein Jahr später am Berliner Schillertheater unter dem Titel Die Kannibalen (Übersetzung: Peter Sandberg) seine viel beachtete Deutschlandpremiere. „Es darf in Ansehung des Schlimmsten gefragt werden, darf mitgefühlt, darf sogar gelacht werden.“ schrieb damals der Berliner Theaterkritiker Friedrich Luft. Die letzte, sehr rasante Inszenierung von Taboris Stück zum schwierigen Thema des Kannibalismus unter hungernden KZ-Häftlingen fand zu seinem 80. Geburtstag 1994 im Carrousel Theater (heute Theater an der Parkaue) statt. Im Jahr des 100. Geburtstags des jüdischen Dramatikers hat es nun Regisseur Philip Tiedemann mit sanfter, tragikomischer Hand am Berliner Ensemble neu inszeniert. Die Premiere war im März. Am letzten Wochenende ist es wieder im Rahmen eines Festes für Georg aufgeführt worden.
Am Berliner Ensemble treten die Darsteller nun nach und nach aus dem Dunkel der Bühne auf einen mit rotem Vorhang eingerahmten, schrägen Podest und zeichnen mit Kreide die Umrisse einer Lagerbaracke auf. Während alle beim Schlafen in ihren Kojen vom Essen träumen und vergangene Genüsse herbeifantasieren, kaut im Vordergrund der fette Häftling Puffi und ehemalige Gänseleberfabrikant (Detlef Lutz), auch Lieblingsobjekt der Aufseher genannt, an einem verborgenen Stück Brot. Die davon erwachten Hungernden erschlagen ihn für seinen Mundraub. Anstatt Puffi zu begraben, wie es der menschliche Anstand verlangen würde, kommt der Medizinstudent Klaub (Sabin Tambrea) auf die Idee, gemäß des Nachrufs „Er speiste Millionen“ von Onkel (Martin Seifert als Klaubs moralischer Widerpart), Puffi einfach im Pisseimer zu kochen und zu essen. Klaubs Referat über die Verdaulichkeit von Menschenfleisch und dessen Diktum „Fleisch ist Fleisch, und ich will existieren.” kann Onkel nur noch die Dostojewski-Worte: „Wenn Gott tot ist, dann ist alles erlaubt.“ entgegensetzen.

Während alle ungeduldig auf das Mal warten und blubbernde Kochgeräusche nachahmen, entspinnt sich ein moralischer Schlagabtausch zwischen dem feinsinnigen Menschen Onkel (Taboris Vater Cornelius nachempfunden, dem Tabori dieses Stück auch widmete) mit seinen reinen, weißen Handschuhen sowie Klaub und dem Koch Weiss (Stephan Schäfer), die ganz pragmatisch den Hunger in den Vordergrund stellen. „Die Friedhöfe sind voll von Leckerbissen.“ In kleinen Zwischenmonologen berichten die Häftlinge/Söhne aus dem früheren Leben, der im KZ Umgekommenen und geben damit ihnen und ihrer Geschichte Gesicht und Stimme zurück. Die beiden Überlebenden Hirschler und Heltai (Axel Werner und Thomas Wittmann) unterhalten sich über die Schwierigkeit der rechten Erinnerung.
So bekommt hier jeder seinen Auftritt. Es gibt eine urkomische Showeinlage von Georgios Tsivanoglou als Zigeuner, der den Fall eines Leberwurstmörders zur erotischen Phantasie werden lässt. Und schließlich erscheint dann Onkel noch Gott persönlich als riesiger Schattenriss in Gestalt von Klaub, um ihn davon zu überzeugen, dass mit dem Gebot „keine ekeligen Sachen“ zu essen, wohl nicht Puffi Pinkus gemeint war. Die herkömmlichen Moralbegriffe werden angesichts der buchstäblichen Alternative „friss oder stirb“ vollkommen ad absurdum geführt. Gott im Munde zu führen erweist sich hier fast noch unmenschlicher als zum Kannibalen zu werden. Die Häftlinge werfen Onkel in einer Art Prozess sogar vor, damals beim Transport nach Ausschwitz die Möglichkeit der Flucht durch das Verschwindenlassen eines Messers vereitelt zu haben.

Die Grenze zwischen Täter und Opfer scheint sich hier im KZ zu verwischen, würde Tabori nicht zum Schluss noch den SS-Mann und ehemaligen Gastwirt Schrekinger bei einer Selektion auftreten lassen. Tabori-Witwe Ursula Höpfner-Tabori räsoniert als in schwarz gewandeter „Engel des Todes“ über Tugend, Moral und den richtigen Umgang mit Juden. In einem schizophren anmutenden Zwiegespräch mit seinem Sohn, der ihn danach fragt, was er damals getan hat, windet sich Schrekinger mit der Aussage heraus, nur Befehle befolgt zu haben. Die Moral und Freiheit der Wahl ist hier wieder auf der Seite der Häftlinge, die einer nach dem anderen Schrekingers Befehl zu essen nicht befolgen und – zischend das Gasgeräusch nachahmend – in den Tod gehen. Die beiden Überlebenden täuschen zumindest das Essen an und können sich somit retten. Einsam stehen die zwei an der Rampe, während Schrekinger, auf dem Tisch hockend, gierig die Näpfe ausleckt. Es ist dies dennoch eine behutsame aber auch sehr eindrucksvolle Annäherung von Philip Tiedemann an Taboris Stück, das uns immer nur eine Ahnung von dem, was wirklich war, vermitteln kann, jedoch die Erinnerung daran wach hält.
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DIE KANNIBALEN (gesehen am 24.05.14 am BE)
von George Tabori
Deutsch von Peter Sandberg
Inszenierung und Bühne: Philip Tiedemann
Kostüme: Margit Koppendorfer
Musik: Henrik Kairies
Dramaturgie: Hermann Beil, Dietmar Böck
Licht: Ulrich Eh, Steffen Heinke
Mitarbeit Bühne: Jan Freese
Mit: Axel Werner (HIRSCHLER, ein Überlebender), Thomas Wittmann (HELTAI, ein Überlebender), Martin Seifert (ONKEL), Sabin Tambrea (KLAUB, ein Medizinstudent), Georgios Tsivanoglou (DER ZIGEUNER), Stephan Schäfer (WEISS, der Koch), Uli Pleßmann (PROFESSOR GLATZ), Martin Schneider (GHOULOS, der Grieche), Winfried Goos (DER KLEINE LANG), Jonathan Kutzner (DER RAMASEDER-JUNGE), Marvin Schulze (DER STILLE HAAS), Detlef Lutz (PUFFI, ein fetter Mann), Ursula Höpfner-Tabori (SCHREKINGER, Engel des Todes), Michael Kinkel (KAPO)
Dauer: 1h 40 Min (keine Pause)
Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/97
Termine:
- 06.06.2014 um 20:00 Uhr
- 30.06.2014 um 20:00 Uhr
- 09.07.2014 um 19:00 Uhr
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Zuerst erschienen am 28.05.2014 auf Kultura-Extra.
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