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Am Anfang und Ende des Premierenabends von Außer sich singt die Bühnenmusikerin Polina Lapkovskaja ganz in sich vertieft und symptomatisch den Song „So trapped, so confused“, der schon die halbe Geschichte des von Regisseur Sebastian Nübling für das Maxim Gorki Theater adaptierten Romans von Sasha Marianna Salzmann erzählt. Gefangen in sich und verwirrt ist auch die Hauptfigur Ali in diesem 2017 auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis gelangten Debuts der Dramatikerin und ehemaligen Hausautorin am Maxim Gorki Theater. Eine recht komplizierte Selbstfindungsgeschichte, die nicht anders zu erwarten unbedingt am Berliner Stammhaus auf die Bühne musste. Auf der Suche ist Ali (eigentlich Alissa) zunächst nach ihrem Zwillingsbruder Anton, der die Familie russisch-jüdischer Kontingentflüchtlinge (wie Salzmann auch) unerwartet und -erklärt verlassen hat. Nur eine leere Postkarte kündet von seinem möglichen Aufenthaltsort Istanbul. Ali fliegt Anton nach und gerät in so manche Irrungen und Wirrungen in der großen Stadt am Bosporus.
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Auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters stehen zunächst alle Mitwirkenden in Hose und Hemd, daran zupfend, wie um sich in der Hitze Luft zuzufächeln. Zu hören ist das Summen eines Ventilators durch Mikro verstärkt. Aus dem Off ein sich überlagerndes Stimmengewirr. Ein déjà-vus-artiger Hähnchengeschmack im Mund bei Alis Ankunft in Istanbul wird zum sich wiederholenden pawlowschen Erinnerungsreflex. Die Figuren begegnen sich vor einer Spiegelwand, laufen wie ziellos umher und schrecken voreinander zurück. Sebastian Nübling demonstriert hier wieder seinen recht körperbetonten Regiestil. Die Einführung macht klar, es geht um Identitätsprobleme. Die Hauptfigur Ali hat ein Problem „Ich“ zu sagen. Ein Ich, von dem sie noch keine rechte Vorstellung hat. In Istanbul vollzieht sich eine Wandlung. Dem verschwundenen Bruder Anton nähert sich Ali mehr durch Angleichung an. Sie wechselt das Geschlecht und findet eine neue Identität. Schon zu Beginn am Flughafen Istanbul gibt es Probleme mit dem Passbild. Später wird Ali Testosteron spritzen, so wie die ukrainische Transgender-Tänzerin Katho, oder Katüscha wie das Mädchen aus dem bekannten russischen Volkslied, oder der Mehrfachraketenwerfer aus dem Großen Vaterländischen Krieg.
Sesede Terziyan und Kenda Hmeidan verkörpern mit Pagenfrisur das sich balgende Zwillingspaar Ali und Anton in den Rückblenden mit Anastasia Gubareva als besorgte Mutter und Falilou Seck als verhinderten Vater, der seine Probleme wegzutrinken versucht und später vom Balkon springt. Die russisch-jüdische Familiengeschichte läuft mehr im Hintergrund, während Sesede Terziyan und Kenda Hmeidan als eine Art doppeltes Lottchen auch in den Istanbuler Nachclubszenen mit schillernden Transenkostümen weiter tanzen, oder die Liebesbeziehung zwischen Ali und Katho andeuten. Die Ex-Volksbühnenschauspielerin Margarita Breitkreiz gibt hier ihr furioses Gorki-Debut als Katho. Später sieht man auch sie als Ali. Die Identitätsverwirrung wird hier zum Konzept, das aber im Lauf des 135-minütigen Abends nicht wirklich aufgehen will. Vermischt mit Alis Familien-Erinnerungen vollzieht sich eine Reise durch ein Jahrhundert jüdischer Identitätswerdung, die ausgehend von der Sowjetunion über den Migrationsort Deutschland schließlich mitten in den Istanbuler Gazi-Park-Protesten mündet.
Zusammen mit den starken Basslininen und Songs der Musikerin Polina Lapkovskaja, in denen sich manchmal mehr Sehnsucht vermittelt, als im wuselig fahrigen Wechsel-dich-Spiel der ProtagonistInnen, entsteht eine Szenen- und Soundcollage, die dem komplexen Plot des Buchs und dem Gedankenfluss der Autorin nicht immer gerecht wird. Schließlich tritt Schauspieler Mehmet Atesçi doch noch als Anton auf und hält Hühnerschnitzel kauend einen Monolog mit seiner Version der Geschichte. Die setzt Nübling gegen das mit sich am Küchentisch diskutierende Dreigestirn Ali. Zeit und Geschichte als Drehscheibe, bei der die Bilder verschwimmen. In etwa so fühlt sich auch diese Inszenierung an, wie ein sich nicht vollständig fügen wollendes Memory Puzzle.
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AUSSER SICH
Nach dem Roman von Sasha Marianna Salzmann
Regie: Sebastian Nübling
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Svenja Gassen
Livemusik: Polina Lapkovskaja
Dramaturgie: Anna Heesen, Mazlum Nergiz
Mit: Mehmet Ateşçi, Margarita Breitkreiz, Anastasia Gubareva, Kenda Hmeidan, Polina Lapkovskaja, Falilou Seck, Sesede Terziyan
Die Premiere war am 12.10.2018 im Maxim Gorki Theater
Termine: 21.10. / 13., 14.11.2018
Infos: https://gorki.de/
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Die Gerechten von Albert Camus – Sebastian Baumgarten scheitert am Maxim Gorki Theater mit einer Inszenierung zum Terrorismusdiskurs
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Als Ausgleich zum Theater inszenierte Sebastian Baumgarten immer öfter auch Opern wie etwa den Tannhäuser in Bayreuth oder Operetten wie Im weißen Rössl an der Komischen Oper Berlin. Ebenso komisch ist zuweilen auch sein Operettenstadl, den er seit einigen Jahren auch im Maxim Gorki Theater abhält. Baumgartens Regietalent besteht im verulken ernsthafter Stoffe wie etwa Heiner Müllers Zement oder Bertolt Brechts Im Dickicht der Städte. Nachdem er sich bereits eingehend mit Jean Paul Sartre und Albert Camus beschäftigt hatte, fehlte irgendwie noch Camus‘ Stück Die Gerechten als Gegenthese zu Sartres Terroristendrama Die schmutzigen Hände. Voila, hier ist es.
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Baumgartens Comic-Ästhetik zeigt sich bereits im anfänglichen Zeichentrickfilm, der an die russische Avantgarde angelehnt einen kleinen schwarz-weißer Propagandastreifen (Zeichnungen: Christine Ruynat) nachstellt. Später zeigt ein Videofilm eine Detonation einer Autobombe und die 5 ProtagonistInnen (Mazen Aljubbeh, Jonas Dassler, Lea Draeger, Aram Tafreshian und Till Wonka) des Gorki-Ensembles treten in historischen Kostümen an die Rampe. Sie tragen wechselnd die Apokalypse des Johannes aus der Bibel vor. Die Apokalypse der Neuzeit ist der Terror religiöser Fanatiker von Al Kaida bis zum IS. Für politische Ziele wurde allerdings schon im vorrevolutionären Russland gebombt. Camus Drama beschreibt in Anlehnung an einen wahren Fall, die Diskussionen in einer 5köpfigen Terrorzelle in Russland im Jahr 1905. Die Sozialrevolutionäre Annenkov, Woinow, Dora, Kaljajev und Stepan planen ein Attentat auf den Großfürsten Sergej und geraten, nachdem Kaljajev beim ersten Versuch abbricht, da die Neffen des Großfürsten mit in der Kutsche sitzen, in Streit über die Moral des Tötens für eine gerechte Sache. Der zweite Versuch Kaljajevs gelingt. Er wird festgenommen und hingerichtet, worauf die Gruppe ein weiteres Attentat beschließt.
Ob nun politischer Mord im Namen der Gerechtigkeit legitim ist, da scheiden sich die Geister. Die bürgerliche Moral setzt da ganz klare Grenzen. Das 1949 von Camus geschriebene Stück ist in der Hinsicht anstrengendes Thesentheater, jede der Gruppe verkörpert hier eine andere Sichtweise. Idealismus, Fanatismus, Pragmatismus oder auch Unschlüssigkeit und Feigheit zeichnen die einzelnen Mitglieder aus. Auch Sartre und Camus waren sich hier nicht einig. Während man Sartre vorwarf, den Terror Stalins für die gerechte Sache des Sozialismus zu billigen, übte Camus bürgerliche Ideologiekritik. Sein Stück zeigt den Moralisten, den Mörder mit Skrupel. Davon kann man z.B. bei heutigen Selbstmordattentätern eigentlich kaum noch ausgehen. Trotzdem ist die Diskussion darüber natürlich nicht gänzlich uninteressant. Tyrannenmord ist ja schon Camus Thema im Caligula, das allerdings mit Sicht auf Hitlers Tyrannei und den gerade beendeten Zweiten Weltkrieg.
Baumgarten schert sich nicht allzu viel um Camus Intensionen. Er lässt Figurenkabarett spielen mit überzogenen Gesten, Geräuschen und comicartigem Videohintergrund, der mal Stube, Café, Parkhaus oder S-Bahn-Wagon darstellt. Begleitet wird das durch Klaviermusik von Pianist Daniel Regenberg im Stile eines Stummfilms. In der Bühnenkulisse liegen Autoreifen, die auch mal zu Barrikaden gestapelt werden. Dahinter verschanzen sich wahlweise Moral, Idealismus oder fanatisches Beharren auf die Sache mit ihren Argumenten. Als Unterfütterung des moralischen Dilemmas unserer Zeit gibt es Zitatschnipsel von Walter Benjamin, ebenso zerrissen wie Camus zwischen Idealismus und Ideologiekritik, aus seiner Schrift Zur Kritik der Gewalt, Slavoj Žižek, dem modernen Guru linker Theorien, oder Arjun Appadurai, der in seinem Buch Die Geografie des Zorns über die „Kultur des Kampfs“ narzisstischer Minderheiten im Zeitalter globaler kultureller Angleichung schreibt.
Das ist sicher alles höchst interessant und daran erkennt man auch den Castorf-Schüler. Allerdings lässt Baumgarten seine Schauspieler zwischen den einzelnen Kapiteln, die mit „Schuld“, „Zweifel“ oder „Sühne“ bezeichnet sind, in weiß-blauen Overalls an der Rampe auftreten und das Publikum frontal mit diesen Thesenschnipseln derart beballern, das man kaum Zeit zum Nachdenken findet. Danach geht es weiter mit Ulknummern, Koffer-Slapstick, Maskerade und einem Auftritt von Lea Draeger als Witwe des Großfürsten im Madonnengewand, die den Attentäter Kaljajev (Aram Tafreshian) im Gefängnis zum Bereuen bewegen will. Damit dringt die Inszenierung nicht wirklich zum Kern des Problems vor, wie die verschiedenen Motivationen und Arten modernen Terrorismus‘ zu bewerten wären, noch ließe sich damit eine wirksame Ideologiekritik erreichen. Sebastian Baumgarten scheitert schon beim Versuch, das halbwegs adäquat auf der Bühne umzusetzen.
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DIE GERECHTEN (MGT, 30.09.2018)
Von Albert Camus
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Sebastian Baumgarten
Bühne: Jana Wassong
Kostüme: Christina Schmitt
Video: Hannah Dörr
Zeichnungen: Christine Ruynat
Musik und Live-Piano: Daniel Regenberg
Dramaturgie: Ludwig Haugk
Mit: Mazen Aljubbeh, Jonas Dassler, Lea Draeger, Aram Tafreshian, Till Wonka
Die Premiere war am 29. September im Maxim Gorki Theater
Termine: 23.10. / 04., 09.11.2018
Infos: https://gorki.de/index.php/de/die-gerechten
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Zuerst erschienen am 02.10.2018 auf Kultura-Extra.
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