Heiner Müller (9.1.1929 – 30.12.1995) – Foto: St. B.
Nach dem Tod Heiner Müllers wurden am Berliner Ensemble tagelang fast ununterbrochen die Texte des verstummten Dichters, Dramatikers und Regisseurs gelesen. Am Hause Brechts, das Müller nach der Wende einige Jahre mit leiten durfte und an dem seit fast 15 Jahren Claus Peymann residiert, findet man sich nun im gerade begonnen neuen Jahr zu einer kurzen Wiederbelebung auf Zeit ein. „Der Spuk ist nicht vorbei“ – Ein Fest für Heiner heißt der Abend, zu dem Brigitte Maria Mayer, Fotografin und letzte Ehefrau Müllers, anlässlich seines 85. Geburtstags geladen hat. Auf dem Programm stehen Lesungen, Filme und Gespräche, quer verteilt über das Gelände der letzten Wirkungsstätte Heiner Müllers.
Und während auf der großen Bühne des BE Martin Wuttke noch den aufhaltsamen Aufstieg eines von Brecht karikierten „Gröfaz“ gibt – seine Stimme schrillt aus dem Lautsprecher vor dem Kassenfoyer – , füllt sich langsam der zur Heiner-Müller-Bar umfunktionierte Pavillon im Hof. Interessiertes Volk trifft auf geballte Heiner-Müller-Kompetenz. Die Menge wartet auf Ansagen und hält sich mit Getränken bei Laune. Es wird viel getrunken und zu viel geraucht. „Im ächten Manne / ist ein Kind versteckt / das will sterben.“ Aber wie der Dichter auch schrieb: „der tod ist das einfache sterben kann ein idiot“. Derweil beginnt fast unbemerkt der erste Teil des Abends, und endlich strömt dann doch noch alles die Treppe zur Probebühne hinauf.
(C) http://www.berliner-ensemble.de
Oben sitzt man dicht gedrängt und sieht den Meister auf der Leinwand, Whiskey trinkend, Zigarre rauchend. Ein Anblick für sich, wie Genießer Müller das „Lebenswasser“ im Mund abschmeckt und weiße Wölkchen ausbläst. Und natürlich spricht. Wir sehen und hören Heiner Müllers Gespräche mit Filmemacher und Produzent Alexander Kluge. Sorgfältig dokumentiert und aufgearbeitet liegen sie in filmischer und schriftlicher Form vor (http://muller-kluge.library.cornell.edu/de/videos.php). Als des Dramatikers Schreibquell versiegte, begann jener der mündlichen Überlieferung zu sprudeln. Es geht um Politik, das Theater, Macht, Mythen, Wahnsinn und den Tod. Müller spricht davon, dass das Theater die Toten begraben muss. „Unheil muß auf dem Theater solange wiederholt werden, bis dieses Unheil müde wird.“
Die Filme tragen Titel wie Theater der Finsternisse oder Der Tod des Seneca, dem Müller ein langes Prosagedicht widmete und an ihm die vergeblichen Bemühungen der Intelligenz an der Erziehung der Machthaber beschrieb. Er referiert über Mitleid, Genuss, Sucht und den Unterschied zwischen Appetit und Fressgier in der Kunst. Ein anderer heißt Die Welt ist nicht schlecht, sondern voll. Von der These des antiken Griechenlands, dass es nicht mehr Plätze für Lebende geben kann, als es Tote gibt, schließt Müller darauf, dass es auf jeden Platz in dieser Welt drei bis zwölf Anwärter gibt. Das bedingt wiederum „ein bestimmtes Quantum von Gewalt einzuhalten, damit der Betrieb funktioniert.“ Die realen Auswirkungen sind bekannt.
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„Die Toten warten auf der Gegenschräge
Manchmal halten sie eine Hand ins Licht
Als lebten sie. Bis sie sich ganz zurückziehn
In ihr gewohntes Dunkel das uns blendet.“
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So heißt es in DRAMA, einem der vielen Gedichte Heiner Müllers aus dem Jahr seines Todes. Gelesen werden sie von Schauspielern, Kulturschaffenden und einigen Prominenten der Berliner Kunstszene wie Dagmar Manzel, Jenny Erpenbeck, Hermann Beil oder Jürgen Flimm. Leider fast parallel zu den im Rang-Foyer des Haupthauses stattfindenden kleinen szenischen Aufführungen von Fragmenten einiger seiner bekanntesten Stücke, so dass man sich wohl oder übel für eines von beiden entscheiden muss.
Gregor Gysi gibt die Einführung im BE-Foyer. Der gekürte Redner des Jahres liest einen unveröffentlichten Müller-Text, den dieser ihm einst im Wartezimmer seiner Kanzlei geschrieben hatte. Herausgekommen ist bei dieser kleinen Fingerübung aber nicht etwa nur bloße Vorzimmerrhetorik. Besuch bei einem älteren Staatsmann ist ein Text, der es in sich hat und mit der Erkenntnis schließt: „Als Hitler vor Stalingrad der Treibstoff ausging, begann der Golfkrieg.“
Corinna Harfouch und Sabin Tambrea in Quartett von Heiner Müller – Foto: St. B.
Müllers Stücke werden öfter im Ausland gespielt als in Deutschland. Das beweisen bevorstehende Premieren in den USA, Brasilien, den Niederlanden und Italien. Die letzte Müller-Premiere in Deutschland besorgte der kürzlich verstorbene Dimiter Gotscheff mit Zement am Residenztheater München. Im BE-Foyer geben Felix Tittel den Tschumalow und Larissa Fuchs die Polja. Sie will sich nicht abhalten lassen von ihrer revolutionären Pflicht. „Im Fett ersticken wird die Revolution.“ Leidenschaft gegen das Gebot einer Atempause. Keine Pause gönnen sich Corinna Harfouch mit Sonnenbrille im Rollstuhl und Sabin Tambrea, ein gegelter Beau im Anzug, als Merteuil und Valmont in Müllers Geschlechterdrama Quartett. „Jedes Wort reißt eine Wunde. Jedes Lächeln entblößt einen Fangzahn … Die Schauspielkunst der Bestien.“ Gedoppelt, Rücken an Rücken, im großen Spiegel des Saales.
Eher stoisch und pragmatisch tragen die Herren Hermann Beyer, Robert Gallinowski und Thomas Quasthoff als Debuission, Galloudec und Sasportas sitzend ihren Auftrag vor. „Unser Platz ist der Käfig, wenn unsere Masken reißen vor der Zeit.“ Als stolzes Dreigestirn der Weiblichkeit treten danach Andrea Hanna Hünniger, Else Buschheuer und Olga Grjasnowa in der Hamletmaschine auf. „Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr … Nieder mit dem Glück der Unterwerfung.“ Und der junge Christian Sengewald ist last but not least ein einsamer Argonaut in den Weiten der leeren Klappstuhllandschaft des Berliner Ensembles. „JEDES STUHLBEIN LEBT EIN HUND … DO YOU REMEMBER DO YOU NO I DONT“
Wem das alles zu hochtrabend oder pathetisch ist, lässt sich in der Müller-Bar im Pavillon des BE einfach von Anekdoten und Schnurren seiner Mitstreiter und Wegbegleiter unterhalten. Unter ihnen Frank Hörnigk, der Herausgeber der Heiner-Müller-Werkreihe, der Dokumentarfilmer Thomas Heise und der Berliner Dramatiker Lothar Trolle. Draußen im Hof schrecken nach 23 Uhr noch einmal kurz Polizeisirenen das versammelte Müller-Volk aus der nostalgischen Schwärmerei. Ein armer Geiger will einem berühmten Konzertpianisten sein Herz zu Füßen legen. Nur dass er es sich allein nicht aus der Brust zu reißen vermag. Herzstück ist das Satyrspiel des Heiner-Müller-Marathons. BE-Oldie Roman Kaminski und Jungstar Sabin Tambrea spielen es. Bei der nun folgenden Notoperation am offenen Herzen kommt schließlich ein Ziegelstein zum Vorschein. „Aber es schlägt nur für Sie.“ ist der Ausruf des unbeirrten Bewunderers.
Sabin Tambrea und Roman Kaminski in Herzstück Foto: St. B.
Müllers Herzkranzgefäss hat dem Sturm der Jahre zu trotzen gewusst. „Gewitter im Gehirn Blei in den Adern / Was du nicht wissen wolltest ZEIT IST FRIST.“ Diese Frist war am 30. Dezember 1995 endgültig abgelaufen. Die Nacht im Hof des BE ist mild, nur hier und da ein paar verirrte Regentropfen. „TRÄNEN SIND UNPHILOSOPHISCH / DAS VERHÄNGTE MUSS ANGENOMMEN WERDEN – Und der aufkommende Wind weht es weiter.
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DER SPUK IST NICHT VORBEI Ein Fest für Heiner
Zum 85. Geburtstag von Heiner Müller
Berliner Ensemble (9. Januar 2014)
Szenische Lesungen, Film & Poesie, Bar & Anekdoten
mit Texten von Heiner Müller
Künstlerische Leitung: Brigitte Maria Mayer
Mit Schauspielern, Schriftstellern, Politikern, Kollegen und Weggefährten
Die Theaterkapelle in Berlin-Friedrichshain. – Foto: St. B.
Just zu Weihnachten erreichte uns via Facebook die letzte traurige Nachricht des Jahres. Die Theaterkapelle in Berlin-Friedrichshain muss aufgeben. Nach sieben Jahren unermüdlicher kreativer, künstlerischer und politischer Arbeit wird wieder ein freies, engagiertes und unabhängiges Theaterprojekt in Berlin beerdigt. Erst im letzten Jahr war es das Theater im Schokohof (TISCH) in der Ackerstraße, das den Betrieb mangels Räumlichkeiten einstellen musste. Auch die Theaterkapelle hatte bereits seit geraumer Zeit finanzielle Probleme. Bereits seit Jahren fehlte für die notwendige Sanierung der Spielstätte am Eingang des Georgen-Parochial-Friedhofs in der Boxhagener Straße das Geld und ein großer Teil der 25.000 € Spielstättenförderung des Senats mussten für die Instandhaltung des aus dem Jahr 1876 stammenden Gebäudes aufgewendet werden.
Der Grund für den nun plötzlichen Tod ist, dass sich die Bedingungen für die Spielstättenförderung 2014 vom Senat geändert haben, wie es in der Presseerklärung der Leitung der Theaterkapelle heißt. Christina Emig-Könning, Regisseurin und künstlerische Leiterin der Theaterkapelle, erläutert darin das Problem so: „Die Spielstättenförderung des Senats für das nächste Jahr war an die Forderung geknüpft, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zusätzlich 10.000 € bereitstellt. Der Bezirk war davon aber völlig überrascht und konnte trotz vieler Bemühungen kein Geld auftreiben.“ Das entstandene Defizit ließ sich auch nicht mehr mit Spenden und der Suche nach Sponsoren auszugleichen.
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„Der Mund entsteht mit dem Schrei.“
Heiner Müller (09.01.1929 – 30.12.1995)
NACHTSTÜCK, aus: Germania Tod in Berlin
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So wird die kleine, freie Theaterszene Berlins wieder um ein Stück ärmer. Ein weiterer Beweis dafür, wie der Senat mit seinen viel gerühmten Künstlern tatsächlich umgeht. Aber wie sagte schon Heiner Müller „Der Tod ist ein Irrtum.“ und „alle geglückten Beerdigungen müssen mißlingen“. Der Geist des Hausheiligen der Theaterkapelle spukte hier neben anderen bekannten Autoren wie Georg Büchner, Franz Kafka, Werner Schwab oder auch vielen jungen Nachwuchstalenten durchaus öfter durch Kapelle und Gewölbekeller. Denn, um den Song von Bob Dylan aus Leander Haußmanns Hamlet-Inszenierung im BE aufzunehmen, „Death Is Not The End“.
In diesem Sinne bitten die Macher nun zu einem letzten Tango in Berlin. Am 30.12.13 findet in den Räumen der Theaterkapelle ein Heiner Müller Nacht statt. zum 18. Todestag des Dichters und Dramatikers werden sein Stück „Quartett“ in der Inszenierung von Christina Emig-Könning, der Monolog „Der Mann im Fahrstuhl“ aus dem Stück „Der Auftrag“ aufgeführt und unter dem bitteren Motto WennIchSchonSterbenMuss Texte von Inge Müller gelesen. Es ist allen Machern und Mitstreitern des Projekts „Theaterkapelle 10245“ zu wünschen, dass sie ihre ambitionierte Arbeit unter anderen, günstigeren Bedingungen bald wieder aufnehmen können.
1957 drehte der Regisseur Gerhard Klein im Auftrag der DEFA den Film „Berlin – Ecke Schönhauser“. Das Drehbuch schrieb der später preisgekrönte Autor Wolfgang Kohlhaase. In sehr realistischen, ungeschönten Bildern erzählt der Film die Geschichte einer Gruppe unangepasster, rebellischer Jugendlicher im Ostteil Berlins, die, konträr zum erwarteten Bild eines, den real existierenden Sozialismus aufbauenden Menschen, jenseits von FDJ-Versammlungen und SED-Bevormundung, ihren eigenen Weg ins Leben suchen. Die DDR-Oberen hatten nach dem Tod von Väterchen Stalin für kurze Zeit Tauwetter befohlen und drückten beide Augen zu.
Das West-Berliner Äquivalent von Regisseur Georg Tressler nannte sich „Die Halbstarken“ und war mit Karin Baal und Mädchenschwarm Hotte Buchholz besetzt. Ilse Pagé, der Brechtschwiegersohn Ekkehard Schall, Harry Engel und Ernst-Georg Schwill spielten in Kleins Ost-Variante. Ob nun Sissy und Freddy oder Dieter und Angela, wie das Leben so spielt, trennten sich auch in der Realität die Wege der damals noch jungen Darsteller. Einige wurden Filmstars im Westen und sogar in Hollywood, die anderen machten Karriere am Berliner Ensemble oder spielten im „Polizeiruf 110“, einer Serie des Deutschen Fernsehfunks der DDR.
So sah Berlin – Ecke Schönhauser 1957 aus. Filmstill DEFA
Schauplatz der Geschichte von Angela, Dieter, Kohle, und Karl-Heinz ist der Kiez im Prenzlauer Berg, links und rechts der Schönhauser Allee mit ihrer markanten U-Bahn-Trasse. Ganz in der Nähe ihres damaligen Treffpunkts unter der Hochbahn steht in der Pappelallee das Ballhaus Ost, wo nun Theaterregisseur Christian Weise („Madame Bovary“ 2011 am Ballhaus Ost) und der argentinische Puppenspieler Sebastián Arranz, die nicht das erste Mal miteinander gearbeitet haben, den DEFA-Klassiker ins Berlin der Gegenwart holen, einem Ort der Gentrifizierung, des Ausländer- und Schwabenhasses sowie weiterer moderner sozialer Plagen.
Sebastián Arranz wurde 1983 in Buenos Aires geboren, studierte dort zunächst Schauspiel und später an der „Ernst Busch“ in Berlin Puppenspiel. Alle seine Freunde waren schon in Berlin, also musste er unbedingt auch dahin. Jedoch nur nicht in den Prenzlauer Berg der Mütter, Boutiquen und Ökoläden, sondern dann schon lieber nach Neukölln und besser noch in den Wedding. Wie es im Prenzlauer Berg zu Zeiten des Films ausgesehen hat, weiß die ehemalige DDR- und Gorki-Theater-Schauspielerin Ursula Werner, die sich Arranz als Zeitzeugin und wunderbare Erzählerin mit authentisch berlinerndem Kiezeinschlag geholt hat.
Ursula Werner und Sebastián Arranz im Ballhaus Ost. Foto (c) Jamal Tuschick
Ursula Werner, geboren 1943 in Eberwalde, aber nur der drohenden Bombennächte wegen kurzzeitig im Bauch der Mutter aus Berlin aufs Land verschickt, in der Rodenbergstraße aufgewachsen und in der Greifenhagener zur Schule gegangen – ihre Arme fliegen erklärend von links nach rechts über die Schultern – wohnt heute immer noch hier im Prenzlauer Berg. Sie berichtet mit leuchtenden Augen und Verve in der Stimme von jüdischen Angestellten bei Osram, dem Bruder, der mit falschem Pass auf der Schwedenfähre flüchtete, heimlichen Blicken über die Mauer sowie dem Vater, der beim Kaffe- und Kaujummi-Schmuggeln in der S-Bahn nie erwischt wurde und auch sonst immer erfolgreich ein Rohr zu verlegen wusste.
Beim Bäcker wurde der Kuchen noch frisch gebacken, Milch gab es in fliegenden Kannen und Ladenwohnungen mit Küche zum Hof. Unter den kalten Bodenbelägen kann man noch heute das vergilbte Zeitungspapier vergangener Tage finden. Berlin ist für den Taufschein die Würze. Hier kennt Ursula Werner jedes Eckhaus und weiß immer noch, wo damals die tollsten Kinos waren, bevor die Boutiquen einzogen. Sie baut in der Luft Eselsbrücken, singt von Engeln und drückt uns mit Hilde Knef und viel zu großem Mund an das zerknautschte Bärenfell der Stadt.
Marlene Dietrich sang einst: „Fühlt Muttern ihre Lebenszeit verfliessen, im Testament wird schnell noch angebracht: „Vergesst mir bloß nicht, Vatern zu begießen“ – Das ist Berlin, wie’s weint, und wie es lacht.“ Auch Ursula Werner besingt ihr Berlin. Und man möchte ihr ewig dabei zuhören, wäre da nicht noch eine Kasperletheaterbühne mit Konnopke-Imbiss-Aufschrift und fünf begeisterten Puppenspielern, die auf ihren Einsatz warten. Gemeinsam mit Jan Lennart Krauter, Anna Menzel, Hans-Jochen Menzel und Julian Steinberg erweckt nun Sebastián Arranz lauter liebenswerte Holzköpfe zum Leben. Vor unseren Augen entspinnt sich dann auch ein lebhaftes Spiel ums nämliche. Im Hintergrund wechseln auf einer Videoleinwand Tag und Nacht, bis der Himmel über dem U-Bahnviadukt rot anläuft.
Berlin – Ecke Schönhauser heute im Ballhaus Ost Foto (c) Ballhaus Ost
Dort stehen Milan, Max, Johnny und Jenny, ein Girly im Parker, dass weder Bock auf ´nen Job bei Rossmann oder NanuNana hat, noch darauf, um Zwölfe oben bei der Mutter zu sein. Die macht ihr ständig Vorhaltungen, während ihr Lover ein- und ausgeht und auf Jugendversteher macht. Jenny kellnert lieber im „Sonntag im August“, steht auf Typen wie Johnny Depp und knutscht mit Milan unter den U-Bahnbögen. Der hat einen Migrationshintergrund und einen Bruder, der sich als deutscher Polizist fühlt, aber leider nicht so gewählt ausdrücken kann. Integration ist für Milan kein Thema, wie einst auch für Dieter das richtige Hemd oder die politische Einstellung. Und statt Boggie, können er und sein Kumpel Johnny eh viel besser rappen. Der junge Latino wird von seinem versoffenen Stiefvater verprügelt. Ohne Pässe schaffen er und seine Mutter es nicht, ihn zu verlassen. Die hat ein Leben lang gespart, trotzdem ist die Kohle immer knapp.
Für ein altes Smartphone von Max schießt Johnny die Laterne ein. Kohle wurde damals noch ´ne Westmark versprochen. Der Kommissar kommt ihnen auf die Schliche und mit der Liebe-Onkel-Tour. Er kann auch Kung Fu, wenn es darauf ankommt, was Milan zu spüren bekommt. Max ist zu clever für das Ganze und für Johnny sowieso. Seine Eltern dominieren den halben Bioprodukteabsatz im Prenzlauer Park und bunkern das Geld in einer Kassette unterm Bett, statt es der Steuer in den Rachen zu werfen. Die Aussicht als Mittelständler zu enden, reizt Max nicht sonderlich. Chillen ist besser und erben sowieso. Nur das Max nicht so lange warten will und ins Ökogeschäft der Alten einsteigt. Was er abzweigen kann, geht aufs eigene Konto.
Zwei schrägen Ganoven besorgt Max Pässe für blonde Prostituierte aus Osteuropa. Wo es lang geht, stoßen ihm die beiden trotz klemmender Türen in einem minutenlangen, filmreifen Auto-Slapstick Bescheid. Später wird es einen Roberto Blanco weniger geben und einen neuen Erdenbewohner mehr. „Wir ham als Kinder och immer Kasperletheater offm Hof jespielt.“ sagt Ursula Werner zum Schluss. Da ist Kohle/Johnny aber schon tot und nicht bloß vom Krokodil gefressen. Das sind die sogenannten Geschichten, die das Leben heute immer noch schreibt. Die muss man nicht neu erfinden. Großer Jubel und Beifall im Ballhaus Ost.
Berlin – Ecke Schönhauser im Ballhaus Ost – Foto (c) Ballhaus Ost
Drückt da wer?
Da drückt doch wer.
Wer drückt denn da?
Drück doch mal!
Drückst Du schon?
Ich drücke schon.
Drück Dich nicht!
Drücke mich!
Dass ich mich nicht drücke.
Es ist gedrückt.
Drück Dich aus!
Wie drücke ich mich aus?
Ist es ausgedrückt?
Es ist ausgedrückt.
Aus ist es gedrückt.
Gedrückt geh ich aus.
Ausgedrückt!
„Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung, gleichgültig welcher Rasse er angehört, ist eine Beleidigung der ganzen Menschheit.“ Albert Camus
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Berliner Ensemble – Foto: St. B.
Dieses Zitat des französischen Schriftstellers und Existentialphilosophen Albert Camus hat das Berliner Ensemble an das Ende seines Programmhefts zu Ferdinand Bruckners „Die Rassen“ gesetzt, in dem auch der Text der Spielfassung von Manfred Karge enthalten ist. Bruckner hatte das Stück 1933 unter dem Eindruck der Ereignisse nach den Märzwahlen in Deutschland im Pariser Exil geschrieben. Er erahnte darin fast prophetisch die beginnende Verfolgung und den Rassenhass der deutschen Nationalsozialisten und beschrieb treffend den Taumel, in dem ein ganzes Volk begann, deren Ansichten teilend, diese in die Tat umzusetzen. Nun jährt sich die sogenannte Reichspogromnacht 1938 zum 75. Mal. Zwei Tage zuvor beging man auch den 100. Geburtstag Camus, der in seinem großen, metaphysisch allegorischer Roman „Die Pest“ die Folgen dessen beschrieb, was mit dem Ausbruch der braunen Pest in Deutschland seinen Anfang genommen hatte.
Die Anwendung des heute kaum mehr gebräuchlichen Begriffs der Rasse auf die biologische bzw. anthropologische Klassifizierung von Menschen hat ihren etymologischen Ursprung in den lateinischen bzw. romanischen Worten für Wurzel, Art oder Wesensmerkmal. Deutlich abwertend wurde er wieder ab dem 19. Jahrhundert im Zuge der Kolonisierung weiter Teile Afrikas durch europäische Wissenschaftler benutzt. Die Nationalsozialisten griffen deren Rassentheorien, die sich bereits seit langem als Vorurteile in der deutschen Bevölkerung festgesetzt hatten, dankbar auf, um ihre Blut-und-Boden-Theorien zu untermauern. Das Bild der Juden als verschlagen raffgierige, mindere Sklavenrasse, bekam damit sogar eine wissenschaftlich begründeten Hintergrund, was sich ab 1935 auch in den deutschen Rassegesetzen niederschlug.
DIE RASSEN: Nicolai Despot, Marina Senckel Foto: Barbara Braun
In Ferdinand Bruckners Stück ist all das von Anfang an gegenwärtig. Im Gespräch des Studenten Karlanner (Nicolai Despot) mit seinem Kommilitonen Tessow (Stefan Schäfer) werden diese „rassischen“ Vorurteile bereits zu Beginn deutlich vor uns ausgebreitet. Karlanner, der sich bisher mit wenig Ehrgeiz mehr recht und schlecht durch sein Medizinstudium gequält hat, lebt seit zwei Jahren mit der Jüdin Helene (Marina Senckel). Durch ihre Liebe bekommt sein bisher unstetes Leben wieder eine Richtung und er steht kurz vor seiner Promotion beim ebenfalls jüdischen Professor Horowitz. Allerdings lässt sich der willensschwache und von der wechselhaften Politik der Weimarer Republik enttäuschte Karlanner nur zu gern in den nationalistischen Taumel um die Wahlerfolge der NSDAP reißen und trennt sich auf Drängen Tessows von Helene.
Tessow ist der Inbegriff des kleinen Mitläufers. Ohne jegliche eigene Ambitionen gibt er bereitwillig seine Individualität auf, um Teil des großen, völkischen Gedankens zu werden. Karlanner und Tessow schließen sich nach dem Wahlsieg der Nazis den Sturmtrupps um den charismatischen, faschistischen Studentenführer Rosloh (Marko Schmidt) an. In einer Männerrunde im Münchner Brauhauskeller huldigt man Hitler und intoniert nationales Liedgut wie die „Wacht am Rhein“. Bereits ein kleiner Junge wird von seinem SA-Vater (Uli Pleßmann) auf die neue Bewegung eingeschworen. Manfred Karge inszeniert die Bierseligen als kostümierte Stammtischkarikaturen und großes Tableau an der Rampe. Besonderer Regieeinfall ist dabei wohl die Besetzung des „Knaben in braun“ mit dem deutsch-türkischen Jungen Arda Dalci, der unter Blondhaarperücke deutschnationalistische Phrasen repetiert. Trotz allem bleibt Bruckners Text hier aber bedrohlich gegenwärtig.
DIE RASSEN: Hannes Lindenblatt, Stephan Schäfer, Felix Isenbügel, Marco Schmidt, Detlef Lutz, Nicolai Despot, Thomas Wittmann, Gustav Körner, Michael Kinkel, Uli Pleßmann, Andy Klinger – Foto: Barbara Braun
Dass Karge, der diesmal auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, das Stück in einer Art klaustrophoben Gefängniszelle mit abgeriegelter Tür und Pritsche spielen lässt, tut sein Übriges. Hauptfigur Karlanner bleibt hier die ganze Zeit anwesend. Gefangen gleichsam in den Gedanken und Taten der Bewegung, wie auch in seinen aufkeimenden Zweifeln, die ihn wieder zu Helene treiben. Sich dem Befehl Roslohs, Helene zu verhaften, widersetzend, versucht er schließlich auszubrechen und wird nun selbst zum „Verräter Deutschlands“ gestempelt. „Die Rassen“ des in den 1920er Jahren viel gespielten Dramatikers Bruckner ist eines der eindrücklichsten Zeitstücke über die Gefahren des Faschismus, wie es sonst nur noch Bertolt Brecht mit „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ oder dem „Arturo Ui“ gelang. Beide Stücke befinden sich ebenfalls im Repertoire des Berliner Ensembles.
Deutliche Parallelen zu Bruckners Stück weist auch das Drama „Professor Mamlock“ von Friedrich Wolf auf, das 1934 in Warschau uraufgeführt und 1961 von der DEFA in der Regie von Wolfs Sohns Konrad verfilmt wurde. Der Arzt Mamlock, zu Beginn wie Helenes Vater (Martin Schneider) noch überzeugter, deutschlandtreuer Hindenburg-Wähler, macht hier die gleichen Demütigungen durch, wie der jüdische Student Siegelmann (Winfried Goos) in Bruckners Rassen, und begeht zum Schluss Selbstmord. Bei Bruckner kommt Siegelmann die Rolle des jüdischen Sündenbocks zu. Es sind dies die eindrücklichsten Szenen einer Inszenierung, die sonst dem gewohnt hochtrabenden Sprechduktus des Berliner Ensembles folgend, eher recht altbacken und konventionell daherkommt. Wiewohl das Thema Faschismus und Rassismus doch gerade wieder sehr aktuell ist. Ein Grund mehr, den Weg in den Pavillon des BE zu wagen, um dieses Stück dunkelster, deutscher Geschichte wiederzuentdecken.
Mit: Nicolai Despot (Karlanner), Stephan Schäfer (Tessow), Winfried Goos (Siegelmann), Andy Klinger (Rosloh), Martin Schneider (Marx), Marina Senckel (Helene), Marko Schmidt (Der Studentenanführer), Hannes Lindenblatt (Der erste Student), Felix Isenbügel (Der zweite Student), Uli Pleßmann (Der Festredner), Michael Kinkel (Der Professor), Detlef Lutz (Der Dekan), Thomas Wittmann (Der Oberstudienrat) und Arda Dalci / Gustav Körner (Ein Kind)
Literaturtipp:
Friedrich Wolf / Ferdinand Bruckner / Ernst Toller / Bertolt Brecht / Johannes R. Becher (u. a.)
Stücke gegen den Faschismus. Deutschsprachige Autoren.
Henschelverlag Berlin 1970, 614 S. auf ZVAB.de
Gestern Abend fand im Staatstheater Cottbus die Eröffnung des 23. FilmFestivals Cottbus – Festival des osteuropäischen Films statt. Im Anschluss an die Feierlichkeiten wurde das Historiendrama LAUF, JUNGE, LAUF (Deutschland, Frankreich 2013) von Oscar-Preisträger Pepe Danquart gezeigt. Es handelt sich hier um die Verfilmung des gleichnamigen, preisgekrönten Bestsellers von Uri Orlev aus dem Jahr 2004, der auf wahren Begebenheiten beruht. Um nach seiner gelungenen Flucht aus dem Warschauer Ghetto zu überleben, gibt sich der 8-jährige Jude Jurek als christlicher Waisenjunge aus.
Die Lubina (c) Foto: Goethe
Ab heute stehen wieder elf Filme im Spielfilmwettbewerb und zehn Filme im Wettbewerb Kurzspielfilm. Sie streiten um Preise im Wert von insgesamt 73.500 Euro. Der Hauptpreis, die gläserne Lubina für den besten Langspielfilm, ist mit 20.000 Euro dotiert und wird mit allen anderen Preisen am 9.11.13 in der Stadthalle Cottbus verliehen. Die Internationale Festivaljury leiten in diesem Jahr der deutsch-kroatischen Schauspieler Stipe Erceg und die französisch-polnischen Darstellerin Elisabeth Duda. Im U18 Deutsch-Polnischen Wettbewerb Jugendfilmentscheiden dagegen vier Schülerjuroren aus Cottbus und Zielona Góra über die Vergabe der Preise.
Ebenfalls am heutigen Mittwoch läuft der traditionelle Russkiy Den mit vier Spielfilmen aus Russland, das über eine der produktivsten Filmszenen Osteuropas verfügt. Der Polskie Horyzontygewährt wie immer einen Blick zum Filmnachbarn Polen. Die Filmreihe globalEAST führt den Zuschauer in einer transkontinentalen Spurensuche bis auf den „fünften Kontinent“ nach Australien. Mit 12 Spielfilmen und Dokumentationen setzt das FilmFestival Cottbus in diesem Jahr unter dem Leitmotiv „Dikhen – Lasst uns hinschauen!“ einen besonderen Fokus auf die filmische Selbst- und Außendarstellung der Roma-Minderheiten sowie ihre Kultur und Geschichte. Die regional verankerte Retrospektive des Festivals zeigt mit der Filmreihe „Jung sein, und was noch?“, wie sich die Entwicklung kindlichen Seins in den letzten hundert Jahren in Brandenburg vollzogen hat. In den Sektionen Spektrum, Specials, Nationale Hits und Kinderfilm stehen weitere Filme aus den Ländern und Regionen Osteuropas auf dem Programm.
Eine Erwähnung wert ist wie in jedem Jahr auch die beliebte „Lange Nacht der kurzen Filme”, die am Freitag in zwei Teilen, um 19:30 Uhr und um 22:00 Uhr im Weltspiegel, einen kompakten Überblick über den Kurzfilmwettbewerb bietet. Umrahmt wird das Filmprogramm von Vortragsreihen, Filmtalks, Ausstellungen, einem Stadtrundgang zu Cottbuser Architektur-Highlights und einigen interessanten Musikveranstaltungen. So lief gestern Abend bereits im FestivalClub Scandale die Eröffnungsparty mit Las Balkanieras + DJ Christian Kahl. Am Donnerstag legt im FestivalClub Jimmy`s DinerDJ Pixie aus dem Berliner Kaffee Burger auf. Und am Samstag spielen Gipsy.cz + DJ Pixie ab 22 Uhr im Glad-House zur Abschlussparty des 23. FilmFestival Cottbus auf.
„Wen reißt ein gelungener Endreim vom Barhocker / Das letzte Abenteuer ist der Tod / Ich werde wiederkommen außer mir / ein Tag im Oktober im Regensturz“ Heiner Müller, aus: Notiz 409 (Okt. 1995)
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Cover des im Juni 2013 erschienenen „Arbeitsbuch 22″ von Theater der Zeit über Dimiter Gotscheff – (C) TdZ
Manchmal sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht. „Was für ein Wald, Du Idiot? Wald ist im Kopf.“ soll der Theaterregisseur Dimiter Gotscheff einem Schauspieler in der Probe zu Tschechows Iwanow an der Berliner Volksbühne zugerufen haben.So ähnlich musste es dem damals jungen Studenten der Veterinärmedizin wohl selbst gegangen sein, als er 1964 bei der Lektüre von Heiner Müllers Philoktet auf der Schönhauser Allee gegen einen Baum rannte. Eine Initialzündung. Der deutsche Dramatiker Müller ging dem Bulgaren Gotscheff seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Er wechselte ins Theaterfach („Immerhin ist der Mensch das Tier, das am besten schauspielern kann“) und wurde Regisseur.
Aber noch ein anderer Körperteil spielt in der Regiearbeit von Gotscheff eine große Rolle. Er nannte sich selbst einen Bauchmenschen. Es war wohl ein untrügliches Bauchgefühl, was ihn zuerst an einen Text glauben ließ. Auch Heiner Müller sprach beim Verstehen von Theatertexten nicht in Versen, sondern von Fersen. Da reagieren die Gedärme eher als das Hirn.
Dimiter Gotscheff wurde 1943 als Sohn eines Tierarztes im südbulgarischen Parwomaj geboren. Dort holte man das Wasser noch täglich aus dem Fluss Marica (griech. Evros, lat. Hebros), in dem der singende Kopf des von den dionysischen Mänaden zerrissen griechischen Dichters Orpheus samt Lyra ins Ägäische Meer geschwommen sein soll. Noch unbewusst saugte er das Theater sozusagen als Kind mit dem Bade ein.
Mit seinem Vater siedelte Gotscheff 1962 in die DDR über. Er verließ sie 1979 wieder, um die Worte Müllers, Büchners und Hölderlins nach Bulgarien zu tragen. Bekannt wurde er schließlich 1983 mit einer Inszenierung von Heiner Müllers Philoktet in Sofia. Über die Umwege Köln, Düsseldorf, Hannover und Bochum kam Gotscheff schließlich 2000 wieder zurück nach Berlin. Hier begann er am Deutschen Theater und an der Volksbühne seine Karriere als Nachlassverwalter der Texte Heiner Müllers. Was ihn auch ans Thalia Theater Hamburg und Residenztheater München führte.
Wie ein Dauerarbeiter im Müllersteinbruch stand der Regisseur selbst als Hamlet in einer Inszenierung der Hamletmaschine auf der Bühne des DT und quälte sich an der Volksbühne gemeinsam mit Samuel Finzi und Sepp Bierbichler saufend und fluchend wiedermal durch den Philoktet. In Kritikerkreisen trug Gotscheff das schnell den Titel der einzigen rechtmäßigen Witwe des Schriftstellers Heiner Müller ein. Was ihm mit seiner großen Fähigkeit zur Selbstironie eher Antrieb als Last war. Müllers Texte besaßen für Gotscheff immer noch Gültigkeit. „Eine Sprache, die man einatmet und die einem in den Poren kleben bleibt.“ Seine grandiosen Schauspieler füllten damit immer wieder den leeren Theaterraum. Der Mund wird zum Fleisch, das reden will – sagte Gotscheff in Abwandlung von Müller.
Aber nicht nur Heiner Müller beschäftigte Dimiter Gotscheff. Auch mit Stücken von Shakespeare, Molière, Tschechow, Handke oder Horvath feierte er Erfolge. Wie gerne hätte man letztens Samuel Finzi als Don Juan kommt aus dem Krieg in einer Regie von Dimiter Gotscheff gesehen. Und mit den Werken von Sophokles und Aischylos, natürlich in Übersetzungen von Bertolt Brecht und Heiner Müller, war er wieder bei den Anfängen des Theaters angekommen. 2006 erhielt Gotscheff für den Iwanow den 3sat-Preis des Theatertreffens und wurde 2007 er für seine legendären Perser am Deutschen Theater Berlin zum Regisseur des Jahres gewählt. Gerne hätte er auch noch Dantons Tod von Georg Büchner inszeniert. Was bleibt, ist seine Inszenierung von Müllers gewaltigem Revolutionsdrama Zement am Münchner Residenztheater.
Ein Baum spielt auch in Samuel BeckettsWarten auf Godot eine wichtige Rolle. Kaum ein Bühnenbild ohne ihn. So ist es verfügt. Unter ihm versammeln sich seither all die Wartenden. Dimiter Gotscheff wollte das Stück im Mai 2014 am Deutschen Theater Berlin inszenieren. Wir hatten uns schon auf Samuel Finzi und Wolfram Koch als Wladimir und Estragon gefreut. Und allen Erben zum Trotz vielleicht auf Almut Zilcher und Margit Bendokat in zwei grandiosen Hosenrollen als Lucky und Pozzo. Alles vergebens?
Er könne sich nur noch einen Strick nehmen, ohne das Gefühl für die Utopie – hatte Dimiter Gotscheff in einem Interview zu seinem 70sten Geburtstag im TdZ-Sonderheft Dimiter Gotscheff. Dunkel das uns blendet gesagt. „Ohne Utopie kann ich diesen Schauspielern gar nicht begegnen.“ Hier glaubte einer noch an die Müllerworte vom wieder gehörten Schweigen des Theaters, das der Grund seiner Sprache ist. Was wird nun aus der grandiosen Gotscheff-Familie ohne ihren Erzeuger?
In der Nacht zum Sonntag ist der Theaterregisseur Dimiter Gotscheff nach kurzer Krankheit in Berlin gestorben. Wir gehen nicht von der Stelle und werden weiter warten.
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Dimiter Gotscheff. Dunkel das uns blendet
Theater der Zeit, Arbeitsbuch 22
Broschur mit 180 Seiten, Format: 215 x 285 mm, Preis EUR 18,00
mit zahlreichen Abbildungen
inklusive Film-DVD Homo ludens – Das Gotscheff-Porträt von Ivan Panteleev
herausgegeben von Dorte Lena Eilers, Klaus Caesar und Harald Müller
Erschienen im Juli 2013
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Der Text ist am 20.10.13 zuerst auf Kultura-Extra erschienen.
Die Buchstaben CENTRALTHEATER sind von den Schaufenstern des Theaterbaus an der Bosestraße verschwunden. In großen Leuchtlettern prangt über dem Eingangsportal wieder die alte Bezeichnung SCHAUSPIEL. Leipzig hat nach dem Weggang des von der regionalen Presse und Kulturpolitik ungeliebten Sebastian Hartmann eine neue Intendanz. Mit einem Premierenreigen wurde das in der letzten Woche gefeiert und fand seinen Widerhall auch über die Grenzen der Heldenstadt, die sich gerade zum 200. Jubiläum der Völkerschlacht rüstet. Wort-Schlachten gab und gibt es auch immer noch um das Leipziger Theater. Die Deutungshoheit über die künstlerische Ausrichtung des Schauspiels ist weiterhin heiß umkämpft.
Luluvon Frank Wedekind in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.
Eine weitere streitbare Inszenierung gab es nun als Zugabe sozusagen hinten drauf. Lulu von Frank Wedekind hatte am Freitag seine Leipzig-Premiere auf der Bühne des Schauspiels. Was einst veritabler Theaterskandal war, lässt heutzutage kaum noch jemanden wirklich erschauern. Der letzte Regisseur, dem annähernd so etwas wie ein kleines Rauschen im Blätterwald der Feuilletons gelang, war Volker Lösch, der echte Damen des horizontalen Gewerbes als Chor in seiner Inszenierung Lulu – Die Nutten-Republikan der Schaubühne Berlin auftreten ließ. Just jener Volker Lösch war es dann auch, der von einer Findungs-Kommission aus Theaterexperten für die neue Leipziger Intendanz empfohlen wurde. Die Leipziger Stadtoberen fürchteten aber wohl das erneute Experiment und bestellten den Chemnitzer Enrico Lübbe, der mit einem ausgewogenen Angebot ans Leipziger Publikum den Vorzug vor Lösch erhielt.
Aber nicht der neue Intendant Enrico Lübbe, sondern der deutsch-türkische Theater- und Filmregisseur Nuran David Calis stellt die Monstretragödie um die „Teufelsschönheit“ Lulu in einer Koproduktion mit den Theatern Chemnitz, wo die Inszenierung bereits im Juni Premiere hatte, nun auf die Leipziger Bühne. Calis, bekannt für seine jugendlich frischen, bild- und soundgewaltigen Theaterarbeiten, wird hier nun als Trumpf von Lübbe aus dem Ärmel gezogen, wie um zu zeigen, ja, es geht auch ganz unkonventionell. So wirkt denn auch Calis‘ Inszenierung sehr modern. Es gibt Livevideo, dräuende Elektrosounds (Musik: Vivan Bhatti) und Mikrofon-Stimmen aus dem Off. Die Bühne von Irina Schicketanz ist ein kaltes Betonloft, das man durch Fahrstuhltüren betritt und wieder verlässt. Zu Beginn steht dort Lulu im fleischfarbenen Latexanzug (Kostüme: Amelie von Bülow) in einer Art Vitrine, den Blicken der Männer ausgesetzt, die wie in der Peepshow durch kleine Fenster in der Rückwand zu sehen sind, in immer wieder eindeutigen Bewegungen. Eine klare Aussage und Setzung, die symptomatisch für die weitere Inszenierung ist.
Luluam Schauspiel Leipzig – Foto: Rolf Arnold
Calis setzt hier auf einige gezielte Schockeffekte, die ihre Wirkung bei einem Teil des Publikums nicht verfehlen. Türenknallen am Stadttheater ist dafür schöner, immer wiederkehrender Beweis. So bekommt man dann auch eindeutige Kopulationsszenen neben Sadomasospielchen oder gar ein ganzes Pornodrehsetting zu sehen. An der linken Bühnenwand befinden sich mehrere Löcher, deren Funktion seit dem erfolgreichen britischen Kinofilm Irina Palmmit Marianne Faithfull jedermann und -frau bekannt sein dürfte. Doch das Abstimmen mit den Füßen hält sich in Grenzen, und wer bleibt kann doch auch eine bemerkenswert agierende Runa Pernoda Schaefer entdecken. Sie verkörpert Lulu, Nelli, Eva oder Mignon, je nachdem welche seiner Obsessionen ein Mann in ihrer Person verwirklicht sieht. Eine von Männern geschaffene Wunsch-Projektion, die Calis mittels Kamera an die Wand wirft. Maler Schwarz (Tilo Krügel) versucht verzweifelt dieses Idealbild seiner Fantasie in die Kunst zu übertragen. Wie Yves Klein drückt er seinen bemalten Körper an die Wand und ist der erste, der sogar für Lulu mordet. Wie ein Besessener würgt er seinen Auftraggeber Dr. Goll, routiniert gespielt vom alten Leipziger Mimen Matthias Hummitzsch, bis er seinen Tantalusqualen durch eigene Hand im Fahrstuhl ein Ende setzt.
Auf und ab geht es in dieser manischen Männerwelt, in der Lulu ihre eigenen Sehnsüchte nur wie nebenbei in wenigen Sätzen artikulieren darf. Bei ihr ist die Abwärtsspirale vorprogrammiert. Sie kann Macht über Männer nur kurzzeitig im sadistischen Sexspiel ausüben. Wie ein Hündchen führt sie Dr. Schön an der Leine und zwingt ihn einen Brief an seine Verlobte zu schreiben. Hartmut Neuber überzeugt als Erschaffer dieser Femme fatal, der ihr gleichzeitig doch auch hörig ist. Das findet in seinem Sohn Alva (ungelenk und tollpatschig Sebastian Tessenow) seine Fortsetzung. Die Vergangenheit holt Lulu schließlich in der Gestalt ihres Vaters Schigolch (Wenzel Banneyer) ein, der bei Calis ein typischer, sonnenbebrillter Lude ist und seiner Tochter junge Freier zuführt. Verzweifelt geht Lulu aus diesem Spiel an die Rampe und sucht im Publikum nach ihrem Helden, der sie rettet und lieben will, bis der Tod uns scheidet.
Tilo Krügel als Schwarz und Runa Pernoda Schaefer als Lulu am Schauspiel Leipzig – Foto: Rolf Arnold
Nach Schöns Tod gibt es einen Break und die Parisszenen laufen tatsächlich wie in einem schlechten Pornofilm ab. Hier folgt der Umschwung ins Heute. Das Kolportagehafte an Wedekinds Drama übersetzt Calis in grelle Bilder. Die Männergesellschaft, auch die Gräfin Geschwitz (Dirk Lange) ist hier ein Mann, erholt sich vom Zocken mit Jungfrau-Aktien beim Polonaisetanzen in der Vitrine, die sich langsam mit Wasser füllt und die Schwüle einer Männersauna ausstrahlt. Calis hat hier Anleihen bei den Bunga-Bunga-Partys von Silvio Berlusconi oder Sexvergnügen von hochrangigen Managern der Automobil- und Versicherungsbranche genommen. Am Ende ist man wieder beim starken Bild des Anfangs. Die Männer sprechen im Chor den Text des Rippers, während Lulu langsam ins Wasser gleitet.
Das ist darstellerisch einerseits gut, dann auch wieder recht konventionell inszeniert. Die Schauspieler füllen ihre Rollen aber zum großen Teil mit viel Können aus. Es wird überwiegend originaler Wedekind gesprochen, was dem Abend durchaus Kraft verleiht, auch jenseits der expliziten Szenen. Von Calis hätte man sprachlich auch wesentlich Spezielleres bekommen können. Ob es dieser Szenen bedarf, sei dahingestellt. Wie es um die bürgerliche Moral bestellt ist, weiß man sicher auch in der Messestadt Leipzig. Der dem dortigen Theater sehr verbundene Clemens Meyer hat es gerade in seinem im Leipziger-Rotlicht spielenden Roman Im Steintreffend beschrieben. Nun, der Skandal bleibt aus und es herrscht die Gewissheit, dass Leipzig auch damit in Zukunft den Weg auf ein breiteres Publikum einschlagen wird. Was ja nicht unbedingt Schlechtes bedeuten muss.
Verkehrte Welt an der Berliner Schaubühne. Hausautor und Regisseur Marius von Mayenburg, sonst ein feiner Sezierer der bürgerlichen Gesellschaft und Beziehungshölle (Parasiten, Das kalte Kind, Der Stein), macht aus Shakespeares Komödie Viel Lärm um Nichts eine Film-Klamotte und Patrick Wengenroth, an der Schaubühne eher der Mann fürs Grobe und Trashige, überträgt Fassbinders kammerspielartiges Filmset zu dessen sadomasochistisch angehauchtem Beziehungshorrorstück Die bitteren Tränen der Petra von Kant fast werkgetreu wieder zurück auf die Bühne. Und man weiß zunächst nicht, ob man staunen, sich ärgern oder einfach nur befreit auflachen soll. So viel nur, wer verbissen nach einem Sinn sucht, wird in beiden Fällen bitter enttäuscht werden. Die Sache liegt, so einfach wie kompliziert, im Auge des jeweiligen Betrachters selbst. Zu konstatieren bleibt im Vorfeld lediglich, dass die Schaubühne auch in der neuen Spielzeit wieder verstärkt auf musikalische Showelemente setzt.
Viel Lärm um nichts? Die Schaubühne am Lehniner Platz, ein unvergesslicher (H)Ort der Feude. – Foto: St. B.
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„Teach me tiger” – Marius von Mayenburg geht mit Shakespeare ins Kino. Man sieht und hört: Viel Lärm um Nichts
Den Anfang machte bereits Ende August Marius von Mayenburg mit einer Revuevariante von Shakespeares romantischer Komödie Viel Lärm um Nichts. Dass man sein Publikum nicht gleich zu Beginn der Spielzeit mit schweren Klassikern überfordern sollte, hat das Deutsche Theater einen Tag vorher bitter erfahren müssen. Unterfordern muss man es aber auch nicht gleich. Das Mayenburg Sinn für schrägen Humor besitzt, hat er schon mit der Inszenierung seiner eigenen Komödie Perplex bewiesen. Ein philosophierendes Well-made-Play über den Zufall und das Spiel mit Rollen und Identitäten, das sich aus den Tiefen des Klamauks in ungeahnte geistige Höhen erhob. Und auch bei Shakespeares lärmig beredtem Geschlechterkampfszenario geht es neben den verschiedenen Spielarten der Liebe und Intrige vor allem auch um Sein und Schein, was wiederum wunderbar an Mayenburgs Stück Perplex andockt.
Mit Eva Meckbach und Sebastian Schwarz stehen ihm als Paar wider Willen, Beatrice und Benedick, hier auch wieder zwei begnadete Komödianten zur Verfügung. Der Rest der spielfreudigen Bande scheint geradewegs aus Lars Eidingers knalliger Romeo und Julia-Inszenierung entsprungen zu sein. Zumindest für Moritz Gottwald, Bernardo Arias Porras und Kay Bartholomäus Schulze trifft das definitiv zu. Und nachdem sie bereits bei Eidinger dem Komödien-Affen reichlich Zucker geben durften, kommt auch bei Mayenburg die Gaudi nicht zu kurz. Fucked up with Shakespeare. Aber bei aller Liebe und Frivolität, der Alte ist nicht unterzukriegen und hat schon wesentlich Schlimmeres als ein paar schräge Riffs auf der Akustikgitarre und verschwitzt hüftkreisende Liebeschwüre überlebt.
It’s Showtime. – Foto: St. B.
Während Eidinger mit der Live Band The Echo Vamper die wesentlich coolere Rockmusik am Start hatte, wartet Mayenburg mit einem größeren Bühnenportal auf. Der Drang zur ganz großen Show ist unübersehbar und geht mit einem noch größeren Hang zur bloßen Behauptung einher. Es weiß spätestens seit René Pollesch eh jeder, dass am Theater gelogen wird, dass sich die dünnen Bretter biegen. Passend dazu intoniert Conférencier Kai Bartholomäus Schulze, eigentlich als Leonato, Gouverneur von Messina besetzt, auf der goldenen Showtreppe Leonard Cohens „Everybody knows“. Später darf er dann noch eine veritable Travestie als Kammerfrau Margaret hinlegen. Aufs gnadenlose Chargieren scheint er seit seinem Schluckspecht-Slapstick als notgeiler Bruder Lorenzo abonniert zu sein.
„That’s how it goes“ heißt es weiter bei Cohen. Vom blutigen Kreuz auf der Spitze des Kalvarienbergs bis zum Strand von Malibu ist alles absehbar. Drum nimm einen letzten Blick auf die heilige Liebe, bevor sie verweht. Und da das Paradies eh futsch ist, feiert es sich umso ungenierter. Das nutzt nun Mayenburg, um ein szenisches Feuerwerk der Verkleidungskunst zu entzünden und bläst zur großen Zitatschlacht in Videobildern. Da wehen Palmen in der Südsee, während Männer in GI-Kluft aus dem Krieg heimkehren um sich zu vergnügen und im Hintergrund eine Atombombe hochgeht. Aber allzu hoch will man das dann natürlich auch nicht gehängt wissen. Auf geht’s zum Maskenball der einsamen Seelen. Man nennt das hierzulande auch manchmal Fisch sucht Fahrrad. Und wenn das Fahrrad dazu noch eine goldene Kette trägt, will der Fisch auch kein Frosch sein.
Das Ensemble beim Applaus. – Foto: St. B.
„Teach me tiger, how to kiss you.“ säuselt Beatrice und Benedick entdeckt den Tiger im flauschigen Bettvorleger in sich. Darf aber auch mal Elvis the Pelvis sein. „I can’t help falling in love with you.“ Ein trefflich necken ohne anzuecken. Man sieht Claudio (Moritz Gottwald) und seine keusche Hero (Jenny König) als Tarzan und Jane und bei anderen Gladiatorenspielen. Die falsche Hero wird von Borachio (Bernardo Arias Porras) im Kingkong-Kostüm erst verführt und dann über die Dächer New Yorks entführt. Die Männer balzen und spielen Zombietennis, während die Frauen visuell viel und akustisch noch weit mehr zu bieten haben. In einer begnadeten Doppelrolle darf Robert Beyer den Prinzen Don Pedro und dessen halbseidenen Halbbruder Don John (Juan) mit Fledermausohren geben. Als Kinski-look-alike sieht man den intriganten Strippenzieher auf der Videoleinwand über einen Friedhof wandeln.
Eine Handlung hat das Stück natürlich auch noch, was hier aber nicht weiter stört, da eh alles aufs große Showfinale hinläuft. Nur so viel: Die Ehre der heroisch allen männlichen Tücken zum Trotz standhaltende Hero („Sometimes I feel like a motherless child“) wird mit List wieder hergestellt und der sich um die Jungfräulichkeit der Braut betrogen geglaubte Bräutigam Claudio kann nun die seine dazutun. Die Männlichkeit bekommt ihr Fett weg und gereimte Liebesbekenntnisse werden ausgetauscht. Jeder Topf kriegt seinen Deckel in passender Größe, und die Welt, wie wir sie kennen, dreht sich einfach weiter. Es singt und swingt so schön wie ehedem. Denn das ist eisernes Gesetz nicht nur am Theater: The Show must go on!
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Die bitteren Tränen der Petra von Kant – Patrick Wengenroth nimmt Fassbinders legendäres Kammerspiel unerwartet bitter ernst.
Während im großen Saal Hedda Gabler in Ostermeiers Ibsenhölle noch mit Duellpistolen spielt, lädt auch Patrick Wengenroth nebenan im Saal C zur Schlacht auf dem Fassbinder-Flokati unter einem großen dreiteiligen mit Rüschen besetzten Showportal. Hierhin ist er nach der vorgezogen grell-bunten Fassbinder-KürAngst essen Deutschland auf im Studio der Schaubühne zur weitaus schwierigeren Pflicht umgezogen. Fassbinders psychologisches Kammerspiel aus dem Jahr 1972 mit Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Irm Hermann und Eva Mattes ist legendär. Die Latte liegt demnach hoch, ist doch auch Martin Kušej am Residenztheater München vor kurzem eine vielbeachtete Inszenierung gelungen. Ein komplettes Stück vom Blatt zu inszenieren, ist nicht der übliche Regiestil von Patrick Wengenroth. Mit Die bitteren Tränen der Petra von Kant macht er die Ausnahme zur Regel, und dennoch scheint zunächst alles wie gewohnt. In bunten Katzenkostümen treten er und sein langjähriger Mitstreiter, der Musiker Matze Kloppe, vor den Vorhang, auf den der Schatten einer großen Frauensilhouette geworfen ist, und intonieren Lovecats von The Cure. Das ist natürlich Ironie satt.
Patrick Wengenroth als Marlene. Foto: St. B.
Man ist sich auch im Folgenden nicht ganz sicher, ob das nicht doch eine Parodie werden soll. Und wenn ja, ist es zumindest eine sehr bittere. Wengenroth hat die ausschließlich weibliche Besetzung des Originals fast vollständig übernommen, nur die Mutter ist gestrichen. Jule Böwe spielt die mondäne Modedesignerin Petra von Kant. In einem Traum von Kleid mit langer Schleppe steht sie dort auf der Bühne, es fehlt lediglich noch die Zigarettenspitze, um an einen noch bekannteren Film zu erinnern. Lucy Wirth gibt im Wechsel das Frauchenklischee Sidonie von Grasenabb und das eigentliche Objekt der Begierde Karin Thimm. Patrick Wengenroth lässt es sich aber nicht nehmen, die stumme Rolle der Sekretärin Marlene im devoten Gouvernanten-Look selbst zu mimen. Die Kostüme sind mit Korsetts, Seidenstrümpfen und Strapsen zusätzlich sexuell aufgeladen. Wie schon Fassbinder spielt auch Wengenroth mit diesem Klischee.
Er liefert die stilgenaue Kopie des Films. Die Inszenierung atmet von den Kostümen bis zu den Frisuren das 70er-Jahre-Flair des Originals. Die eiskalten Worte mit denen die Protagonistinnen aus ihren kaputten Beziehungen berichten, lassen einem auch heute noch die Haare zu Berge stehen. Rasiermesserscharf schneiden sie die Luft. Als schmieriger Barpianist sitzt Matze Kloppe am Rand der Bühne und klimpert den Soundtrack zum fiesen Spiel. Es geht bei Fassbinder vordergründig um die Unmöglichkeit der bedingungslose Liebe auf Augenhöhe und emotionale, wie monetäre Abhängigkeitsverhältnisse, in die seine Figuren mehr oder minder freiwillig geraten. „Weil man leben muss, Petra. Und weil man arbeiten muss, wenn man Geld verdienen will, und weil man Geld braucht, wenn man lebt.“ sagt Sidonie. Nach Aktualität in der postmodernen kapitalistischen Gesellschaft muss man da eigentlich nicht mehr fragen.
Während Petra von Kant ein unklares Herrschaftsverhältnis zu ihrer Bediensteten Marlene pflegt, Wengenroth und Böwe tanzen wie im Film zu Smoke Gets in Your Eyes von den Platters, geht sie relativ bedingungslos in die Beziehung zur jungen, aufstiegswilligen Karin und beginnt so ein gefährliches Spiel, das sie nicht gewinnen kann. Immer mehr rutscht Petra, die eigentlich besitzen will, selbst in eine emotionale Abhängigkeit. Mit großem Einsatz geben Jule Böwe und Lucy Wirth das ungleiche Liebespaar, stöckeln, albern und rollen dabei ausgelassen über den rutschigen Untergrund. But „Every Thing Must Change“ weiß ein weiterer Song. Der Mensch ist letztendlich austauschbar, „das muss man lernen.“ Als Karin bei der ersten Gelegenheit fremdgeht und sogar wieder zu ihrem Mann zurückkehrt, erfolgt nicht ganz unerwartet der Absturz aus dem siebten Himmel, auch wenn er vom Flokati noch relativ weich abgefangen wird.
Das Ensemble beim Premieren-Applaus. Foto: St. B.
Kein Telefon, keine Puppen, nichts woran sich Jules Böwes Petra von Kant festhalten könnte, außer an ihrer Ginflasche. Daneben dient als einziges Requisit lediglich noch ein Tablett mit zwei Gläsern. Wenn das Telefon klingelt oder die Post zu holen ist, serviert Marlene immer wieder untertänig frisch gefüllte Gläser. Als Wiedergängerin des ganzen Beziehungselends schneit schließlich noch die Tochter Gabriele (Iris Becher) in züchtigem Gelb herein und berichtet der emotional am Boden liegenden Mutter Petra von ihrer banalen Teenagerliebe. Jule Böwes Gin-geschwängerte Schrei- und Heulorgie auf dem weißen Flokati, sie hat die Schnapsdrossel schon mehrfach an der Schaubühne geübt, ist dann ganz großes Kino oder auch Theater. Je nachdem, wie man‘s nehmen will. Sie kämpft sich tapfer durch die bitteren Tränen der Verzweiflung, was auch leicht in übertrieben, sentimentalen Kitsch abgleiten könnte. Denn Liebe ist kälter als der Tod.
Dass das bei Fassbinders völlig ernster, ironiefreier Vorlage nicht passiert, liegt wohl vor allem an der großartigen Frauenriege, die sich trotz strengem Korsett, ihre Freiräume erspielen kann. Auch Wengenroth geht diesmal wesentlich subtiler vor, drängt den Klamauk nicht in den Vordergrund. Allerdings emanzipiert er sich nur recht mühsam vom übermächtigen Vorbild. Wahrscheinlich sind sich die beiden Regisseure nicht nur im Aussehen sehr ähnlich. Schlussendlich ist es das Weggehen, das Ausbrechen aus der Enge des bürgerlichen Gefängnisses, was Fassbinder als Lösung anbietet. Selbst mit der Gefahr, direkt in die nächste Abhängigkeit zu schlittern. Auch die treue Dienerin Marlene verlässt Petra von Kant, als diese ihre Stärke aufgibt, Schwäche eingesteht und somit Marlene nicht mehr das bieten kann und will, was diese benötigt. Das sind natürlich ganz persönliche, autobiografisch gefärbte Eindrücke Fassbinders, nah am Klischee und nicht frei von bourgeoisem Dünkel. An Thomas Ostermeiers Schaubühne am Kudamm ist er damit jedenfalls bestens aufgehoben.
Einen Aufbruch ganz anderer Art gibt es dann auch bei Patrick Wengenroth. Anstatt ihren Koffer packt seine Marlene allerdings nur den Flokati und macht erst mal die Bühne frei. Wohin könnte man auch gehen? Stumm wird Marlene hier jedenfalls nicht bleiben. Was Wengenroth zu sagen bzw. singen hat, sollte man sich nicht entgehen lassen. „Jippie-Ya-Yeah“, Schweinebacke Fassbinder. Oder siegt bei Wengenroth etwa doch die Wa(h)re Liebe?
Der Text ist zuerst am 09.09.13 auf Kultura-Extra erschienen.
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… und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. – Foto: St. B.
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Viel Lärm um Nichts
von William Shakespeare
Deutsch von Marius von Mayenburg
Regie: Marius von Mayenburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Claus Erbskorn, Thomas Witte
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Pedro/John: Robert Beyer
Claudio: Moritz Gottwald
Benedick: Sebastian Schwarz
Beatrice: Eva Meckbach
Hero: Jenny König
Leonato/Margaret: Kay Bartholomäus Schulze
Borachio/Francis: Bernardo Arias Porras
King Arthur, eine Semiopera von John Dryden und Henry Purcell zum Hundertsten Geburtstag des Staatsschauspiels Dresden.
Dresden, 13.09.13 – Trompeten und Hörner bliesen es von den Zinnen der Feste. Großes stand an diesem Abend bevor. Das Staatsschauspiel Dresden beging am Freitag, dem 13. sein hundertjähriges Bestehen. 100 Jahre in 100 Bildern. Zu festlich barocken Streicherklängen zog noch einmal die bewegte Geschichte des mächtigen Theaterbaus an der Ostra-Allee an den Augen der Anwesenden vorbei.
Staatsschauspiel Dresden, Premiere King Arthur – Foto: St. B.
Wilfried Schulz, der Intendant des Staatsschauspiels Dresden, musste sich am Abend mehrfach zum Hundertsten gratulieren lassen. Natürlich immer mit der Floskel verbunden, dass er natürlich noch lange nicht so alt aussehe. Der 61-jährige, gebürtige Preuße an der Spitze des Sächsischen Staatsschauspiels hat sich mit seiner stetigen, ehrlichen Bürgernähe die Sympathie der Dresdner redlich verdient. In seiner klugen Rede beschwor er das Theater als Ort der Repräsentation und des Authentischen im schützenden Mantel der Kunst, immer auf der Suche nach Wahrheit und einem veränderbaren Zustand der Welt. Und dabei lächelt die Kunst auch über ihre eigene Widersprüchlichkeit. Theater ist für Schulz eben auch, die Möglichkeit des Scheiterns auszuhalten.
Das selbst Hundertjährige in eine, wie auch immer geartete Notlage geraten und dann einfach so verschwinden können, mit diesem Bonmot wollte Stanislaw Tillich, seines Zeichens Ministerpräsident des Sächsischen Freistaats, punkten. Der Mann muss es wissen, er ist Hauptfinanzier des Staatsschauspiels. Er verglich das Theater mit einer Romanfigur des Schriftstellers Jonas Jonasson. In dem schwedischen Bestseller Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand macht sich ein Mann, der in seinem hundertjährigen Leben eher zufällig in der internationalen Weltpolitik mitgemischt und für so manch Explosives gesorgt hatte, an seinem Ehrentag einfach aus dem Staub. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Eigentlich ein versteckter Fingerzeig für das Stadttheater, auf der verzweifelten Suche nach seiner gesellschaftlich relevanten Traumrolle, nichts dem reinen Zufall zu überlassen. Diese Vorstellung könnte aber auch zum Albtraum geraten, sollte das Theater die allzu große Nähe zu den Mächtigen nicht tunlichst meiden.
Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.
Tillich lenkte mit seinem kleinen Ausflug in die Literatur aber auch, gewollt oder nicht, kurz das Augenmerk auf den tragischen, tödlichen Fall des Schriftstellers Erich Loest aus Leipzig, der anderen großen sächsischen Stadt mit einem Theater, das nach langen kulturpolitischen Querelen erst wieder zu feiern lernen muss. Außer dem erwähnten kurzen Schweden-Intermezzo war Tillichs Rede von ausgewogen regionaler Schlichtheit. Er sprach von sächsischer Ingenieurskunst, einem Darlehn der Bürger Dresdens, das den Bau ihres Theaters erst ermöglichte und dem Lesen zwischen den Zeilen, auch eines der bekanntermaßen rein sächsischen Phänomene. Neben Kulturförderung ist in Sachsen vor allem Popularität wichtig. Der Mann ist Pragmatiker, er will wiedergewählt werden. Das ist sein förderstes Staatsziel.
Umso reflektierter dann der Beitrag des Dresdner Schauspielensembles. Damit Theater eben nicht einfach nur zum Bestseller verkommt, äußerten die Schauspieler, vertreten durch das jüngste (Lea Ruckpaul) und älteste (Albrecht Goette) Ensemblemitglied drei fromme Wünsche, die es vieler Orts noch zu erfüllen gilt. Die beiden wünschten sich, ein Publikum, das sich zur Verfügung stellt, eine Politik, die Kunst und Markt trennt und ein Theater, das seine Aufgabe nicht vergisst, ein anderer Ort zu sein. Was die beiden genau darunter verstehen, soll hier nicht weiter ausgeführt werden, denn echtes Theater wurde natürlich auch noch gespielt.
Lea Ruckpaul und Albrecht Goette bei der Feierstunde am Staatsschauspiel Desden. – Foto: St. B.
Um der gemeinsamen Zeit des Staatstheaters mit der Staatsoper Dresden zu gedenken, hatte man um die beiden Kunstgattungen wieder zu vereinen, zum Jubiläum die Semiopera King Arthur mit der Musik von Henry Purcell und dem Text von John Dryden ausgewählt. Die beiden Engländer huldigten 1691 ihrem König Charles II. und dem Sieg der Briten über die heidnischen Sachsen mit einer Art „Nationaloper“. Das könnte natürlich gerade am Sächsischen Staatsschauspiel und aus Sicht der Dresdner Geschichte einiges an Brisanz bieten.
Armin Petras, der in Dresden mit seiner Dramatisierung des Tellkamp-Romans Der Turm glänzte, hat die Oper mit einem frischen Prolog versehen. In schönstem Kontrast zu den Sonntagsreden der Politik stehen die Worte von Staatssalat und -bankrott, Kunst und Macht, sowie wenig Hirn und viel Eitelkeit. Matthias Reichwald, der hernach als King Arthur wieder zum am Bühnenrand steckenden Schwert greift, spricht sie direkt ins Publikum mit seiner hohen sächsischen Prominenzdichte.
Zur Ouvertüre versammelt sich dann auch jede Menge finsteres Personal zum Schlachtgetümmel und stürzt dabei die lange Bühnenschräge hinunter, die nach hinten spitz zuläuft. Während König Arthur im Soldatenmantel seine Briten zum Kampf treibt, rufen die geschlagenen Sachsen ihre Götter an. Dem noch zaudernden König Oswald (Christian Erdmann) drückt dabei der bassgewaltige Zauberer Grimbald (Peter Lobald) einen Speer in die Hand. Zum martialischen We have sacrificed … Come if you dare werden drei Geopferte an Sicherheitsgeschirren hochgezogen.
Christian Erdmann (Oswald, König von Kent) und Yohanna Schwertfeger (Emmeline, Conons Tochter) – Foto: David Baltzer
Der Sachse rührt sich wieder, was erste Lacher im Publikum auslöst. Bei all der Pathetik, die Drydens Text und Purcells Musik bietet, legt sich die Inszenierung von Tilmann Köhler, der sich am Staatsschausiel zum vielbeachteten Hausregisseur gemausert hat, auch ein passendes Sicherheitsgeschirr an. Und zwar das Allheilmittel der Ironie. Man ist sich dessen durchaus bewusst und vergisst auch nicht im Programmheft zu betonen, dass schon in Drydens Text ironische Kritik versteckt sei.Neben dem Kriegsgeschäft der Könige geht es in einer zweiten Ebene um die Liebe zur blinden Emmeline. Beide Kontrahenten sind in ihre schönen Augen, die nichts sehen, versunken. Mit der herrlich nöligen Stimme Yohanna Schwertfegers spricht Emmeline von der Liebe mit Hand und Seele und ist dann doch wie ein Kind von ihrem Schatten fasziniert, als ihr das Augenlicht durch Zaubersaft gegeben wird. Gerade dem Wiener Burgtheater von Matthias Hartmann in Richtung Dresden entkommen, gerät Yohanna Schwertfeger nun in die Fänge Oswalds und seines intriganten Zauberers Osmond. Benjamin Pauquet gibt ihn als notgeile Variante eines im Gesicht kreuzweise geschnürten Malvolios. Osmond heiß ich, und ich will Liebe gesteht er Emmeline mit heruntergelassener Hose.
Dass Autor Dryden Shakespeare verehrt und bearbeitet hat, muss nicht erst betont werden. Das gipfelte in der ebenfalls mit Purcell verfassten Semiopera The Fairy Queen, einer Version des Sommernachtstraums. Und so lässt sich sein King Arthur durchaus auch als ein zauberhafter Traum von Sein und Schein lesen und besitzt der zwischen den Fronten schwankende Luftgeist Philidel die Züge eines Pucks. All das verbirgt die Inszenierung von Köhler nicht. Im Gegenteil, sie stellt es in Persona der stets quirligen, mal wimmernd, mal neckend auf der Bühne herumwuselnden Sonja Beißwenger gerade zu aus. Schauspielerisch fraglos gekonnt stemmt sich das Energiebündel gegen Widersacher Grimbald, muss sich allerdings in den Gesangspassagen von der Sopranistin Arantza Ezenarro doubeln lassen.
Die Irrungen und Verwirrungen auf der Bühne sind Programm. Erst irrlichtern Sachsen und Briten, wechselseitig getrieben durch Grimbald und Philidel durch den Sumpf, – This way, hither, this way bend – dann betören die Gesänge des Cupido (Romy Petrick) selbst die Sinne des coolen Grimbald. Bei der am Theater gern und oft kopierten Arie des Cold-Genius schmilzt der Eisberg Grimbald zu einem stimmlichen Softeis zusammen. Die Kraft Oswolds ist damit aber noch nicht gebannt. Er verzaubert nun sogar einen ganzen Wald.
Als graue Eminenz der zaubernden Gegenwehr schwebt Merlin (Albrecht Goette) mit Rauschebart und Hirschgeweih vom Bühnenhimmel herab. Außer den umgeschnallten weißen und schwarzen Engelsflügeln vermag nur sein Zauberstab, Gut und Böse voneinander zu scheiden. In der schönsten Szene der Inszenierung bewegt sich der herausragende Chor (Sinfoniechor/ Extrachor der Semperoper Dresden) in bunten Fantasiegewändern auf den ihren Sirenengesängen fast schon erlegenen König Arthur zu. Der Baum in dem er seine Emmeline zu sehen glaubt, wird aus einem Bündel gold-glänzender Tücher gebildet. Sie verleihen dem Bühnenbild von Karolyi Risz einerseits schlichte Schönheit gegen die barocke Macht der Musik und lassen sich anderseits zu wehenden Fahnen, schützenden Gewändern oder fesselnden Banden verwenden.
Am Ende greift die bis dahin eher zurückhaltende Regiehand von Tilmann Köhler noch einmal entscheidend in die Handlung ein. Ein Balanceakt auf wackeligen Prospektstangen kippt das Happy End und lässt die nun eigentlich zum Preisen des Paars in heutiger Abendgarderobe angetretene und Holy Land intonierende Menge zunächst etwas ratlos aussehen. Es ist nichts, wie es scheint, ist die Aussage der Inszenierung, und löst damit die These des Theaters als einem anderen Ort zumindest in Ansätzen ein. Und während das wunderbar aufgelegte Prager Collegium 1704 unter der Leitung von Felice Venanzoni auf ihren Barockinstrumenten weiter in Wohlklängen schwelgen darf, kommt endlich auch die von Herrn Tillich gepriesene sächsische Ingenieurskunst in Form der dreiteiligen Versenk-Schiebe-Bühne zum Einsatz.
Premiere King Arthur – Großer Applaus für das Ensemble – Foto: St. B.
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Das 10. GlückAufFest an der Neuen Bühne Senftenberg zum Thema Wirklichkeit
Senftenberg, 21.09.13 – Authentisch und möglichst nah an der Wirklichkeit wollen die Theater ja immer irgendwie sein. Nur wie man das anfängt, da scheiden sich dann meist die Geister. Welche Themen sind wirklich aktuell und besitzen wo und für wen Relevanz? Und vor allem, woher die erforderlichen Stoffe nehmen, wenn nicht stehlen? Rennt man einem Trend hinter, beauftragt man einen jungen Autor mit dem Schreiben eines themenbezogenen, dramatischen Werks, oder gräbt man im Bekannten?
An der Neuen Bühne Senftenberg, tief in der südbrandenburgischen Provinz, hat man nun eine Möglichkeit gefunden, unsere deutsch-deutsche Wirklichkeit, trotz mangelnder aktueller dramatischer Vorlage, auf erstaunlich frische Art und Weise auf die Bühne zu bringen. 23 Jahre nach der Wende und kurz vor der nächsten Bundestagswahl packt man hier die Gelegenheit noch einmal beim fast schon kahlen Schopf und findet, nicht gerade überraschend, mehr als nur ein Motte im Pelz der wiedervereinten Nation. Und was wäre besser, als diesen im Rahmen eines die Spielzeit eröffnenden Theaterfestes gehörig auszuklopfen.
Das 10. GlückAufFest in Senftenberg handelt das Thema Wirklichkeit nun an zehn aufeinanderfolgenden Wochenenden bis in den November anhand von vier ausgewählten Prosatexten aus den letzten drei Jahren von IngoSchulze, Christoph Hein, Rainald Goetz und Volker Braun sowie einem abschließenden aerodynamischen Liederabend des vielseitigen Musikers Hans Eckardt Wenzel ab. Und das ist der andere Aufhänger. Man kann sich in der Provinz das Schmunzeln über die Probleme der Berlin-Brandenburgischen Pleiten-, Pech- und Pannenpolitik nicht verkneifen und baut die Neue Bühne kurzerhand zu einem voll funktionstüchtigen Flughafen SenftenBER aus.
SenftenBER an der Neuen Bühne Senftenberg. Foto: St. B.
Am Check-In erhält man dann Flugplan und Bordkarte für einen rund neuneinhalb-stündigen Flug in die Wirklichkeit und der Chef des Towers, Intendant Sewan Latchinian, lässt es sich natürlich nicht nehmen, die Fluggäste persönlich zu begrüßen. Auch für das leibliche Wohl bei den vier Zwischenlandungen ist reichlich gesorgt. Anschnallpflicht besteht nicht und selbst auf die obligatorischen Schwimmwesten kann bei dieser imaginären Reise verzichten werden. Damit das Unternehmen nicht baden geht, versucht das Senftenberger Boden- und Bordpersonal wirklich alles zu unternehmen, den Zuschauersaal zum Abheben zu bringen.
Zum Einstieg bringt Sewan Latchinian die Dresdner Rede von Schriftsteller Ingo Schulz aus dem Jahr 2012 als bissigen Kommentar zur aktuellen Lage unserer Demokratie auf die Bühne. Schulz hatte sie nach Andersens Märchen von Des Kaisers neuen Kleidern Unsere schönen neuen Kleider genannt. Ein kluger Text, der sich anhand auch einiger ermüdender Fakten und Zahlen mit den Auswirkungen der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung seit der Wende, nicht nur in der „ehemaligen“ DDR (eines der vielen schönen Nachwendevokabularien), beschäftigt.
Bernd Färber in UNSERE SCHÖNEN NEUEN KLEIDER – Foto: Steffen Rasche
Pointe dieser allegorischen Überstülpung ist hier nicht nur der bekannte Ausruf des Jungen, sondern vor allem, dass es, ganz wie im Märchen, immer jemanden braucht, der sich traut, diese Erkenntnis auch lauthals zu unterstützen. Bernd Färber schlüpft, ganz Schauspieler, beim Reden in einem flotten theatralen Schminkprozess von der Rolle des nackten Kaisers hinüber in die der Kanzlerin (samt Raute), die mit ihrer Floskel von der marktkonformen Demokratie und bleiernen Alternativlosigkeit zur Weberin der allerschönsten „unserer neuen demokratischen Kleider“ geworden ist.
Nach ersten unpopulären politischen Wahrheiten folgt mit der Dramatisierung von Christoph Heins Roman Weiskerns Nachlassder Blick auf die Verfasstheit der geisteswissenschaftlichen Elite Deutschlands, die sich mit halben Stellen immer am Rand der Privatinsolvenz durchs Leben schlägt, und der, ähnlich der Kunst, die Mittel immer weiter zusammengestrichen werden. Kulturwissenschaftler Stolzenburg (Alexander Wulke) ist ein solch unterbezahltes Exemplar. Er findet für seine liebhaberische Werkausgabe des unbekannten Mozartlibrettisten Weiskern keinen Verleger und sieht sich aus Geldmangel bald den unmoralischen Angeboten seiner Studenten ausgesetzt.
Juschka Spitzer, Hanka Mark und Alexander Wulke in WEISKERNS NACHLASS – Foto: Steffen Rasche
Hein lässt den notorischen Schürzenjäger und Konfuziussprücheklopfer Stolzenburg durch eine Achterbahn der Ereignisse und Gefühle gehen. Regisseur Latchinian macht daraus einen neunzigminütigen ironischen Discountflug in der Economy Class. Zum Teil auf Flugzeugsitzen spulen die Darsteller das Ganze wie einen rasanten Kunstfälscher-Krimi samt Beziehungsstress und Mozartbegleitung ab. Die bedauernden Worte von Stolzenburgs Steuerberater, der in einer Woche dessen Jahresgehalt an der Börse verdient, bringen es aber schließlich auf den Punkt. Stolzenburg wird auch weiterhin die Business Class versperrt bleiben. Auch wenn sich seine Albträume kurzzeitig in Luft auflösen, der finanzielle Absturz der/des Wissenschaft/lers ist vorprogrammiert. Hier wird kein Château Rothschild kredenzt. Im Abgang bleibt ein leichter Nachgeschmack von zu viel Tomatensaft.
Sewan Latchinian liest JOHANN HOLTROP – Foto: Steffen Rasche
Mit oberflächlich angeeigneten kulturellen Phrasen wirft der Vorstandsvorsitzenden Johann Holtrop gern bei Interviews, Reden oder Geschäftsgesprächen um sich, bevor es dann nach Abschluss in den Puff geht. Rainald Goetz gleichnamiger Roman liefert in sprachlich exquisiter Form ein entblößendes Sittenbild der Wirtschaftselite unseres Landes. Sewan Latchinian führt ihn als szenische Lesung unter Mithilfe zweier Schauspielerinnen und Videoleinwände auf. Er selbst gibt den Aufstieg und Absturz dieses Manager-Dinosauriers als gymnastischen Slapstick mit Aktenkoffer und Wasserflasche. Die gekippten Videobilder verdeutlichen kongenial die psychische und emotionale Schieflage Holtrops sowie die verzweifelte Akrobatik seiner aus hohlen Gesten und Worten bestehenden Rettungsrhetorik. Zweifellos ein Höhepunkt des Abends, den reichlich Szenenapplaus begleitet.
Hanka Mark, Till Demuth, Bernd Färber, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Johannes Moss, Inga Wolff, Anna Kramer, Jan Schönberg, Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Franz Sodann – Foto: Steffen Rasche in DIE HELLEN HAUFEN Foto: Steffen Rasche
Bis hierin bauen die Texte thematisch wunderbar und dramaturgisch geschickt aufeinander auf. Und zur fortgeschrittenen Stunde gibt es dann zum Thema Geschichte und Utopie auch noch eine Dramatisierung der Erzählung Die hellen Haufenvon Volker Braun. Ein Abriss der Geschehnisse um die Abwicklung der Mitteldeutschen Kali-Betriebe im Jahre 1992 in fast poetischen Worten und religiösen Bildern. Der Marsch der Kalikumpel auf Berlin in den Fußstapfen der schwarzen Haufen Thomas Müntzers aus dem deutschen Bauernkrieg. Das Ensemble bewegt sich in Sewan Latchinians epischer, sehr eindrucksvoller Inszenierung um eine graue Abraumhalde, auf der sich die Arbeiter schließlich gegen die Übermacht des Staates verteidigen müssen. Gerechtigkeit, Solidarität und Gewaltfreiheit stehen im Raum sowie die Frage: Was wäre wenn?
Zum Abschluss darf das ausnahmslos großartige Ensemble noch einmal zeigen, dass es auch musikalisch zu unterhalten weiß. In der Revue Auf dem Flughafen nachts um halb eins… singt eine Hautevolee aus verlor’nen Lumpen, die nicht in diese Welt passen will, in der Kneipe einer verlassenen Abflughalle voller Witz und Überlebensmut gegen die graue Wirklichkeit des deutschen Tiefsinns (immer nur die Mitte) an. Eine bezaubernde Stunde der liebeswerten Irren und Idioten. Nach dem Abflug in theatrale Wirklichkeiten folgt irgendwann auch wieder die Ankunft in der Realität. In Senftenberg kann man sich diesem, über den Theaterraum hinausgehendem Abenteuer getrost hingeben.
Inga Wolff, Hanka Mark, Jan Schönberg, Mirko Warnatz, Bernd Färber, Sybille Böversen in AUF DEM FLUGHAFEN NACHTS UM HALB EINS… – Foto: Steffen Rasche
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