Autor: Stefan

  • Demetrius/Hieron und eine scheinbar vollkommene Welt in Agonie. – Klassischer Fehlstart mit Kimmig und Schiller zum Spielzeitbeginn am DT. Den können dann auch die Romanows, Rasputin und Kuttner/Kühnel nicht mehr retten.

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    „Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“
    Heiner Müller – Gesammelte Irrtümer 2: Interviews und Gespräche.

     - Foto: St. B.
    Demokratie und Krieg in der neuen Spielzeit am DT – Foto: St. B.

    Agonie könnte zum heimlichen Motto der Spielzeit 2013-14 werden. So wie die Regierungskoalition kurz vor den Wahlen zum Deutschen Bundestag gebetsmühlenartig die Alternativlosigkeit ihrer Politik proklamiert, so versuchen die deutschen Theater verzweifelt ihre gesellschaftliche Relevanz unter Beweis zu stellen. Die allgemeine Krise macht vor den Tempeln der bürgerlichen Hochkultur nicht halt. Auch wenn relevante Kunst gerade in diesen Zeiten alternativlos erscheint, heißt das noch lange nicht, dass diejenigen, die sie erreichen soll, sie auch als eine zukunftsweisende Alternative wahrnehmen. Und während sich die Freie Szene Berlins gegen ihre Unterfinanzierung auflehnt, verfällt das etablierte Stadttheater trotz Solidaritätsbekundungen zusehends in eine selbstverschuldete Handlungsstarre. Die Beweglichkeit und die Kreativität der global vernetzten urbanen Kunstszene weiß schneller und direkter auf die Vielfalt und Unberechenbarkeit der sich stetig ändernden Welt zu reagieren. Das starre Stadttheatersystem hinkt dem in seiner Suche nach Authentizität und dem jeweils aktuellsten Trend nur noch hinterher.

    Wenn der freischaffende Kulturjournalist Tobi Müller im Spielzeitheft des DT der Kunst in Zeiten, „wenn die Wirklichkeit spinnt und die Geschichte durchdreht“, eine ordnende, ausgleichende Funktion zuspricht, so stellt genau das das Stadttheater vor die Wahl, eher konservativ den jeweiligen Zeitgeist zu konservieren, oder dem im eher klassischen Sinne auszuweichen. Allein mit modernen Bearbeitungen des klassischen Bildungskanons wird es der stetig wachsenden Kontroverse in unserer Gesellschaft nicht mehr gewachsen sein. Und wo bliebe denn auch der besagte „Triumph der Fantasie“, bei all dem zu zollenden Tribut an den herrschenden Zeitgeschmack? Gerade da setzt das Deutsche Theater Berlin zum Spielzeitauftakt auf den Klassiker Friedrich Schiller. Freiheit oder Pflicht, dieser Widerstreit im großen Verfechter der erziehenden Wirkung von Kunst, scheint dann auch das deutsche Stadttheater derzeit zu zerreißen. Die Probleme der Welt abbilden oder sie auch lösen. Was kann Kunst heute wirklich bewirken und wo stehen dabei die Theaterschaffenden?

    Friedrich Schiller (1759 -1805) - Foto: St. B.
    Friedrich Schiller (1759 -1805) – Foto: St. B.

    Schillers Begriff von der Geschichte war schon damals ein ganz universeller. Eine „unvergängliche Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet“, wie er es bezeichnete. Die Weltgeschichte als ein wesentlicher Einfluss auf heutige Geschlechter, denen es nun obliegt, ihre lose Enden zu einem Ganzen zu knüpfen und so „das Problem der Weltordnung aufzulösen und dem höchsten Geist in seiner schönsten Wirkung zu begegnen“. So weit, so gut. Auch die Philosophen Hegel und Marx haben danach den Einfluss der Geschichte auf den gesellschaftlichen Fortschritt untersucht und lediglich nur etwas anders interpretiert. Wo Staatsphilosoph Hegel in seiner Abhandlung über das römische Kaiserreich resigniert feststellte: „Unter der Herrschaft dieses Einen aber ist alles in Ordnung; denn wie es ist, so ist es in Ordnung.“ (Man spürt förmlich, wie sich die Hände zur Merkel-Raute fügen.) und die Wiederholung von Geschichte konstatierte, begann Marx mit Hilfe der Dialektik, nach den Ursachen von „weltgeschichtlichen Totenbeschwörungen“ und der mit ihnen einhergehenden wiedergängerischen Geschichtsparodien zu forschen. Bertolt Brecht, Walter Benjamin und Heiner Müller stehen mit ihren Geschichtsbetrachtungen genau in dieser Linie.

    All diesen philosophischen Hintergrund erspart uns Stephan Kimmig im Programmbuch zu seiner Inszenierung von Schillers Dramenfragment „Demetrius“ über den falschen Zarewitsch, auch „Pseudo-Dmitri“ genannt, der 1604 nach der Zarenkrone greift. Die Dramaturgie hat Pause und ergeht sich lediglich kurz in der Krise des teleologischen Denkens und Schillers aufkeimendem Geschichtspessimismus. Geschenkt. Angesichts des Verlaufs der Französischen Revolution und ihren Nachwehen ist noch jedem klar denkenden deutschen Dichter jener Zeit ganz defätistisch ums Herz geworden. Dafür wird der komplette Text des Stückes „Hieron. Vollkommene Welt“ des jungen Autors Mario Salazar abgedruckt, der Kimmigs Demetrius-Bearbeitung flankiert, besser gesagt vorangestellt wird. Klingt doch auch bei Salazar eben jener pessimistische Ton an, den die meisten Literaturwissenschaftler aus Schillers „Demetrius“ heraushören wollen. Seine recht simpel gestrickte Handlung beschreibt eine in der Zukunft liegende Dystopie, in der alle Menschen nur noch arbeiten, bei Unproduktivität sofort ausgesondert und am ersten Tag ihrer Arbeitslosigkeit erschossen werden.

    Nur am Weihnachtstag pausiert die Arbeitsgesellschaft und trifft sich ganz in Familie mit Braten, Geschenken und gestelltem Familienfoto. In dieser kleinsten Zelle der bürgerlichen Gesellschaft, wie es immer so schön heißt, führt uns Salazar dann auch das gesamte Bild des Systems „Vollkommene Welt“ vor. Den freudigen Fatalismus in Form der Tochter (Olivia Gräser), die von ihrer bevorstehenden Exekution berichtet, die ängstliche, in ihren Lebenslügen völlig aufgehende Mutter (Judith Hofmann), einen traumatisierten, nicht sprechen wollenden Sohn (Elias Arens) und schließlich den zweifelnden Vater (Michael Goldberg), der sich leisen Widerspruch erlaubt. Das kennt man so oder so ähnlich aus Film und Literatur. In einer zweiten Ebene sieht man den gealterten und unzufriedenen Herrscher Hieron (Felix Goeser) an zwei Krücken der Macht gefesselten und ihm zur Seite als dritte Krücke einen windigen Berater (Ole Lagerpusch) in philosophischem Gespräch vertieft. Die Sprache des Textes versucht den hohen Ton Schillers in Prosaversen zu treffen, verfehlt dieses Ziel jedoch um Einiges und wird von der Regie auch nicht besonders förderlich in Szene gesetzt. Rampenstehen, pathetische Gesten und unfreiwillige Komik beherrschen die Szenerie, auf der sich unmotiviert noch einige graue Sperrholzwände drehen. Da macht sich schnell Langeweile breit.

    Das Ganze will uns in Form einer Parabel vermitteln, dass absolutistische Herrschaftssysteme nicht vorrangig das Wohl des Volkes im Auge haben, sich nur über Mythen, Heldenverehrung und Propaganda am Leben erhalten und den absoluten Herrscher schließlich selbst in eine unlösbare Sinnkrise stürzen. Ob nun aus lange Weile, infolge der Intrigen seines berechnenden Beraters oder leise aufkeimendem Widerstand im Volk, Hieron bringt sich schließlich selbst um. Er ist als Herrscher auch nicht mehr von Nöten, funktioniert doch das perfekte System vermutlich auch ohne ihn, den man eh nur noch aus Erzählungen kennt, unhinterfragt weiter. Das hat schon etwas sehr Gegenwärtiges, ist in dieser einfachen Form allerdings kaum geeignet, geschichtliche Zusammenhänge zu verdeutlichen. Ein Theaterstück kann und muss das auch nicht wirklich en detail leisten. Für ein gültiges Gleichnis auf herrschende Machtsysteme und den Niedergang der repräsentativen Demokratie greift diese Betonung allein auf die Lügen der Politik und den Selbstbetrug der Masse etwas zu kurz.

    Der falsche Dmitry I. und Marina Mnishek. Radierung eines Porträts von F. Snyadetskogo. Anfang des 17. Jh.
    Der falsche Dmitri I. und Marina Mnishek. Radierung eines Porträts von F. Snyadetskogo Anfang des 17. Jh.

    Nach der Pause wird es dann auch nicht mehr viel besser. Kimmig führt mit dem gleichen Ensemble nun die Story des falschen Dimitri auf, der durch die Intrigen eines polnischen Wojewoden Glauben gemacht wird, der eigentlich von gedungen Mördern Boris Godunows ermordete Sohn des Zaren Iwans des Schrecklichen zu sein. Er reißt in hybrischer Selbstermächtigung das durch einen Friedenvertrag mit Russland gebundene Polen in einen blutigen Erbfolgekrieg um die Zarenkrone. Nach dem Motto: „Macht Gewalt Demokratie“ in der alten Spielzeit soll es nun weiterführend auch um Kriege gehen. Aktueller könnten dabei die momentanen Bezüge zur Wirklichkeit nicht sein. Wer heute wem in friedensstiftende Militäraktionen folgt und aus welchen Gründen, muss man nicht mehr extra erklären. Darüber hinaus verpasst das DT hier leider die Chance, zum Spielzeitstart einen geschichtlich weiteren Bogen zu schlagen, als nur über das kleine Polen des 17. Jahrhunderts bis zum großen Nachbarn dem russischen Zarenreich.

    Kimmig lässt sein Personal nun scheinbar etwas freier agieren. Allerdings hat er sichtlich Mühe, die Fragmentstücke zu einem wirklichen Ganzen zu fügen. Er führt die bei Schiller nur in Skizzen vorhandene Figur der Lodoiska (Olivia Gräser) ein, einer jungen Polin, die den Demetrius im Haus des Woiwoden von Sendomir heimlich und ohne Hoffnung liebt, und lässt sie sehnsüchtige polnische Lieder singen. Nach dem Hieron ist Felix Goeser nun auch als Demetrius zu sehen, einem zunächst idealistisch seiner angeblichen Berufung folgenden Kämpfer, der aber von der Regie schnell als Zauderer entlarvt, von anderen fremdbestimmt, schließlich, als ihm dies vom Drahtzieher Mnischek (Markwart Müller-Elmau) entdeckt wird, zum desillusionierten Tyrannen mutiert. Auf ein „falsches“ Pferd gesetzt und mit einem Eimer Kunstblut übergossen, sieht der einst so kühne Prätendent auf die Zarenkrone nun eher wie ein begossener Pudel aus.

    Am weitesten fortgeschritten war Schiller noch bei der Zeichnung der Figur der Marina (Natalia Belitski), Tochter des Mnischek, die dem Demetrius versprochen ist, und ihn ununterbrochen anfeuert, in freudiger Aussicht auf die Macht an seiner Seite. Die Maske lässt der stolzen, forschen Woiwodentochter dazu gleich ein Bart ankleben. Vielleicht hatte sie den aber auch noch aus der Szene im polnischen Reichstag. Der Szene, in der Demetrius vor dem polnischen König für seinen Feldzug gegen Russland wirbt. Alle Beteiligten stehen hier mit Rauschebärten und in Fantasiekostümen, die scheinbar die gesamte Zeit vom Barock bis zur Jahrhundertwende in die Moderne umspannen sollen, und stimmen schnell der allgemeinen Mobilmachung des polnischen Volkes zu. Die einzig warnende Stimme des Fürsten Sapieha (Ole Lagerpusch) wird in den Wind geschlagen. Bedeutsam schauen die Protagonisten von der großen Videoleinwand. Der Rest sind wirre Figuren- und Kostümwechsel, Wortfetzen von Schiller oder anderweitig Hinzugedichtetes an der Rampe. Kimmig scheitert mit seinem Projekt auf ganzer Linie. Der vielversprechende Spielzeitstart gerät zum Regiedebakel.

    Am interessantesten sind an Schillers Fragment neben den angedeuteten psychologischen Personenzeichnungen vor allem die bereits fertig ausgearbeiteten Monologe der Hauptfiguren. Über dem vielleicht entscheidenden, der Gewissensprüfung der Zarewitschmutter Marfa (hier von Judith Hofmann im pathetisch hohen Ton gespielt), den falschen Sohn anzuerkennen, ist Schiller dann schließlich verstorben. Das Stück lag unvollendet auf seinem Schreibtisch. Nur aus den recht ausführlichen Skizzen lässt sich der Verlauf, den das Drama nehmen sollte, herauslesen. Schiller hatte sich auch mit einem anderen als dem durchweg pessimistischen Ende beschäftigt, ihn aber als künstlerisch uninteressant wieder verworfen. Der 1613 zum Zaren gewählte Michael Romanow beendete die Wirren um die russische Thronfolge, käme also als positive Wendung der Geschichte in Frage, was aber wiederum dem tragischen Verlauf des Dramas widersprochen hätte. Schiller bezeichnete den „Demetrius“ als Gegenstück zur „Jungfrau von Orleans“. Das historische Ende der Johanna änderte er dahingehend ab, dass sie mit dem Tod auf dem Schlachtfeld ihre Berufung erfüllt. Der Demetrius als betrogener Betrüger konnte schlecht für eine Utopie herhalten. Als Schablone für die Darstellung der Schrecken des Krieges vermag er jedoch Stephan Kimmigs Inszenierung zumindest eine gewisse Legitimation zu geben. Wie Michael Thalheimer Schillers „Jungfrau von Orleans“ neu ausdeutet, werden wir dann Ende September wieder am Deutschen Theater erfahren.

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    „Protokolle fallenlassen. Man kann nicht mit schmutzigen Methoden einen edlen Zweck verfolgen.“
    Zar Nikolaus II. in einer Randnotiz, nachdem eine offizielle Untersuchung die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion“ schuldig blieb. (Zitat aus „Agonie“ von Kuttner/Kühnel)

    Agonie_Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra und den fünf gemeinsamen Kindern_1913
    Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra und den fünf gemeinsamen Kindern (1913) – Quelle: Wikipedia

    Eine wirklich gute Ergänzung zum Demetrius-Abend versprach die zweite Premiere der neuen Spielzeit in den Kammerspielen zu werden. Die Blütezeit Russlands begann bekanntlich mit dem Besteigen des Zarenthrons durch die Romanows. Ihr Ende fällt in die Zeit der Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert, auch genannt die „Zeit der Ruhe vor dem Sturm“. Jürgen Kuttner und sein Regiepartner Tom Kühnel haben sich mit „Agonie“ ein Projekt vorgenommen, das sie im Untertitel „Ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows“, der im Jahr nach der Großen Oktoberrevolution umgebrachten Zarenfamilie, nennen. Bisher ging es den Beiden ja in „Die Sorgen und die Macht“ und „Capitalista, Baby!“ um die Gemeinsamkeiten von Ideologien jeglicher Art und in „Demokratie“ um die Ambivalenz von Macht. Nun kommt die europäische Geschichte der Kriege und Machtumwälzungen am Beispiel Russlands dazu.

    Im Gegensatz zum Demetrius/Hieron gibt es im Programmheft zu „Agonie“ auch ein wenig Futter, das gut durchgekaut einige Zusammenhänge zwischen dem Niedergang der Romanows und den geschichtlich bedeutenden Umwälzungen in Russland und Europa zu verdeutlichen hilft. Das ausgehende 19. Jahrhundert war ja nicht nur im zaristischen Russland ein Wendepunkt. Die großen Monarchien wackelten zu jener Zeit auch im westlichen Europa. Nach der Niederlage im 1. Weltkrieg verschwanden mit der Habsburger KuK-Monarchie und dem deutschen Kaiserreich die beiden flächenmäßig größten Mächte Europas. In ihrer Folge bildeten sich zwei recht fragile bürgerliche Republiken und eine Reihe von neuen Nationalstaaten an der Grenze zum gerade nach der Oktoberrevolution frisch entstanden Sowjetreich. An dieser Schnittstelle operieren jetzt Kuttner/Kühnel mit ihrem Geschichtsprojekt „Agonie“. Da könnte man weit ausholen, was Dampfplauderer Kuttner ja eigentlich auch liegen müsste.

    Der Panzerkreuzer Avrora 1917 in Petrograd - Qhelle: Wikipedia
    Der Panzerkreuzer Avrora 1917 in Petrograd
    Qhelle: Wikipedia

    Die europäische Geschichte ist durch einen ständigen Wechsel aus gesellschaftlichem Fortschritt und Kriegen gekennzeichnet. Auf Blütezeiten folgten Zeiten der Rezession. Die westliche Welt begründete dabei ihren wirtschaftlichen Fortschritt zum größten Teil auf dem Rücken der dritten Welt. Ähnliches vollzieht sich auch heute noch. Es herrschen zu Zeiten von Finanzkrise und Globalisierung der Märkte wieder große Verunsicherung in der Bevölkerung und Agonie in den regierenden politischen Parteien. Die Umwälzungen in der arabischen Welt und das Vorpreschen bzw. Mauern der Großmächte USA und Russland werfen ihre Schatten bis nach Europa. Das wäre der Punkt, wo Kuttner/Kühnel einhaken und die Parallelen zum Niedergang der Zarenfamilie aufzeigen könnten.

    Es beginnt mit einer Einführung von DT-Schauspieler Moritz Grove im Matrosenanzug mit dem Schriftzug Awrora (Aurora) auf der Mütze. Gemeint ist der Panzerkreuzer, der das Signal zum Sturm auf das Winterpalais als Startschuss für die Oktoberrevolution und damit dem Ende der Romanows gab. Es ist von kleinbürgerlichem Idyll, Katastrophen, teuflischem Missgeschick sowie Angst die Rede, und natürlich sind die Nihilisten, Freimaurer, Juden und vor allem Lenin an allem Schuld. Der Petersburger Blutsonntag im Jahr 1905 ist eine von mehreren Zäsuren in der Amtszeit von Zar Nikolaus II. Ein weiterer die Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg und natürlich der Eintritt in den 1. Weltkrieg. Weiterhin fehlt ihm ein männlicher Nachfolger, was ihn innenpolitisch unter Druck setzt. Und als dieser lang ersehnte Zarewitsch endlich da ist, hat er mütterlicherseits die Bluterkrankheit geerbt.

    rasputin
    Grigori Rasputin (1869 – 1916)

    Hier nun setzt Kuttners lustiges Politkabarett ein, in das er sich natürlich in mehreren Rollen selbst tatkräftig einbringt. Da wird dem jungen Zarewitsch oder auch Baby-Zar (immer noch Moritz Grove, kurze Hosen, Holzgewehr) das „Lob des Lernens“ gesungen. „Du musst die Führung übernehmen.“ Eine Playbackversion der Zarenfamilie zur Stimme Ernst Buschs. Und wenn das Volk hungert, kommt das Lied vom „Zerissenen Rock“. Immer wenn das Stück an einen neuralgischen Punkt gelangt, setzen Kuttner/Kühnel die Brecht/Eisler-Songs aus der „Mutter“ dagegen. Das hat natürlich was, fehlt doch ansonsten die Reflexion des da Draußen, bewegt sich der Plot doch ausschließlich in den Palästen des Zaren- und der Großfürstenfamilien mit angeschlossenem Personal und pseudodemokratischer Regierungsriege. Und von außen schneit dann plötzlich wie eine Fügung (ob zum Guten oder Schlechten, darum wird sich im Weiteren die Handlung drehen) der Wunderheiler und unangepasste Wanderprediger Rasputin herein und stoppt erstmal mit Handauflegen die Blutungen des Zarewitschs. Eine Paraderolle für Michael Schweighöfer im langen schwarzen Mantel, mit Zottelhaar und -bart.

    Ihm verfällt die Zarin Alexandra (Katharina Marie Schubert) und auch der Zar (wunderbar nölig, Jörg Pose) kann sich seinem Einfluss kaum erwehren, was ihm vor allem nun außenpolitisch Probleme bereitet, ist Rasputin doch ein vehementer Kriegsgegner. Diese zwielichtige Gestalt stört die Interessen der Machthaber im Hintergrund. Und in illustrer Runde, beim Wein, Tennis oder mongolischen Medizinmann (Natali Seelig, auch noch in anderen Rollen, wie der Zarenmutter Maria zu sehen) werden Ränke geschmiedet, Schießübungen veranstaltet und Rasputin in einer comedyreifen Slapsticknummer mit zyankalivergifteten Prallines, muffigem Rotwein und unter mehrfachem Pistoleneinsatz schließlich im Hause des Fürsten Jussupow (Daniel Hoevels) zur Strecke gebracht. Am verhängnisvollen Verlauf des 1. Weltkriegs vermag das nichts mehr zu ändern. Den sich mehr und mehr ins Private zurückziehenden Zar Niki kann auch seine liebe Sunny nicht mehr motivieren.

    „Das lässt sich nicht ändern“, seufzt Zar Nikolaus irgendwann auf dem Kanapee und legt die Zukunft in Gottes Hand. „Deutschlands Zukunft in guten Händen“ heißt es auch bei der CDU. Da muss also was dran sein. Nicht nur wegen der Merkel-Raute. Trotzdem verkneift sich Kuttner einen Abend zur Wahl und legt uns samt den Romanows lieber auf die Couch. Eigentlich geht es ja, wie schon bei Frank Castorf, auch bei Kuttner nicht nur um den fatalistischen, russischen Muschik. Der hatte wenigsten noch hin- und wieder seinen Hintern hochbekommen. Es ist die Intelligenzija, die nihilistisch auf dem Kanapee hockt und oblomowt. Wem das nicht mehr auffällt, der ist vermutlich gerade kurz selbst mal weggenickt oder bereits völlig komatös. Wie man spannende Abende zur russischen Geschichte hinbekommt, samt schwitzender, religiöser Mystik, geschichtlichen und politischen Querverweisen mit Blick über den deutschen Tellerrand und wieder zurück, kann man in der Volksbühne bei Castorfs turbulent-diskursiven Tschechow– und Dostojewski-Abenden sehen.

    "Ja! Die Deutschen!" Das Duell von Anton Tschechow an der Volksbühne. Regie: Frank Castorf
    „Ja! Die Deutschen!“ Das Duell von Anton Tschechow an der Volksbühne. Regie: Frank Castorf – Foto: St. B.

    Das alles kommt bei Kuttners typisch geschnipseltem Klamauk natürlich auch irgendwie am Rande vor, wird aber mit jeder Menge Ironietünche überdeckt. Was wenigstens noch einige im Publikum zu spärlichen Lachern animiert. Der Rest zuckt verständnislos mit den Schultern. War da was? Völlig aus der Zeit gefallen steht zum Schluss die Zarenfamilie, wie zum Gruppenfoto aufgereiht, und weiß auch nicht mehr wirklich was die Zeit geschlagen hat. Nun regieren neue Herren, ein anderes Kapitel russischer und europäischer Geschichte beginnt, dass Kuttner und Kühnel demnächst wohl etwas erhellender und aufschlussreicher beleuchten könnten.

    Während sich andere Häuser konkret dem magischen Datum 1913 und den weltumspannenden Umwälzung vor Einhundert Jahren widmen, wuselt das Deutsche Theater etwas in der russischen Geschichte herum, ohne nur einen der verstreut herumliegenden Fäden wirklich zu fassen zu bekommen. Bei derlei, in Kuttners Fall zwar ganz unterhaltsam aufbereitetem, ansonsten jedoch lediglich populärwissenschaftlich aufgeblasenem Wissen, empfiehlt es sich doch eher selbst einen Ausflug in Schillers Universalgeschichte und die daraus resultierenden Dramen zu unternehmen, oder für eine bildungsbürgerliche Kurzfassung Florian Illies pointiert geschriebenes Buch „1913“ zu lesen.

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    Termine im Deutschen Theater:

    Demetrius – Hieron. Vollkommene Welt

    Agonie

    Am 9. Sept. 13 und 11. Sept. 13 auch auf Livekritik erschienen.

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  • AUSUFERN – Die freie Tanzszene Berlin feierte sich in den Uferstudios Wedding.

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    Wie bereits 2012 bei der Tanznacht feierte sich die freie Tanzszene Berlins auch in diesem Jahr wieder im Rahmen des Festivals TANZ IM AUGUST. Und zum ausgelassenen Feiern haben in Zeiten schmaler öffentlicher Geldbeutel die Künstler der Freien Szene wahrlich nicht allzu oft Gelegenheit. Umso erfreulicher, dass es nun mit dem kleinen Festival Ausufern auch außerhalb der als Biennale gedachten Tanznacht eine Präsentation der Berliner Tanzszene gibt. Mehr als 20 Stücke und Performances waren an vier Tagen in den 14 Uferstudios und dem Kesselhaus auf dem Gelände der ehemaligen BVG-Werkstätten am Ufer der Panke in Berlin-Wedding, das seit 2010 die Berliner Tanzfabrik nutzt, zu sehen. Da fällt die Auswahl schwer. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und frei einer abschließenden Wertung hier eine kurze Zusammenfassung vom dritten Festivaltag am 31. August.

    Das Gelände der Uferstudios in Berlin-Wedding - Foto: St. B.
    Das Gelände der Uferstudios in Berlin-Wedding – Foto: St. B.

    Kaum in den Uferstudios angekommen, muss man, um den Klang- und Körperperformer Tian Rotteveel zu sehen, das Gelände in Richtung der Bibliothek am Luisenbad wieder verlassen. Hier nutzt die Tanzfabrik ebenfalls einige Probenräume. Im oberen Geschoss steht Rotteveel, der am HZT Berlin Choreografie und Tanz studiert, an einem großen Holztisch und beginnt auf der Tischplatte, vom Band akustisch untermalt, verschiedenste Gegenstände zu drapieren, die sich unter seinen geschickten Händen zu einer kleinen, zauberhaften Geschichte fügen. Dabei bleibt es der Fantasie des Zuschauers überlassen, diese zu deuten. Rotteveel verweigert mit seiner Performance propellor bewusst die eindeutige Narration. Mit einer handelsüblichen Rettungsdecke aus goldfarbener Folie verlässt er schließlich den Raum. Während die Klangperformance vom Band weiterläuft, setzt der Performer sein ironisches Spiel mit unseren Erwartungen im angrenzenden Park an der Panke fort. Wort, Bild und Klang, nichts ist so, wie es scheint. Das führt uns Rotteveel intelligent und unterhaltsam vor Augen.

    Tian Rotteveel und seine Performance "propellor" - Foto: St. B.
    Tian Rotteveel und seine Performance „propellor“ – Foto: St. B.

    Wieder in den Uferstudios angekommen, fällt ein junger Mann auf, der gleich einer Adonis-Statue mit verbundenen Augen auf einer kleinen Plattform steht. Herumliegende Farbstifte laden zur Körperbemalung ein. Ein kleines Schild erklärt den Hintergrund. „I thought of a wall … I thought to create the space, to make myself space, to become space … I thought to be a wall. (M.G.) Die Intension des Performers (Matteo Marziano Graziano vom HZT), seinen Körper als öffentlichen Raum zu verstehen und als Oberfläche für Botschaften anderer anzubieten, wird von den Umstehenden dann auch bereitwillig aufgegriffen.

    "I thought to be a wall.” - Foto: St. B.
    „I thought to be a wall.” FREEWALL (Berlin episode) von und mit Matteo Marziano Graziano. – Foto: St. B.

    Den Raum zu nutzen und zu gestalten, ist eine der Grundideen moderner Tanzperformances. Mit geradezu ausufernden Bewegungen präpariert dann auch Adam Linder den Raum im Studio 14 für seine Tanzperformance Cult to the Built on What. – „It’s important to have everything in order before we can start.“ erklärt der Performer und ist geradezu rührend um unsere Bequemlichkeit bemüht. Ausgehend von den Bewegungsabläufen des klassischen Tanzes, überträgt Linder diese in eine Art Spoken-Word-Performance mit Musik. Dabei spielt neben dem Tänzer ein Stehpult die herausragende Rolle. Linder präsentiert und umtänzelt das Objekt, post und rappt in bemerkenswerter Street Credibility. Das hat natürlich auch eine ironische Setzung. Nimmt Linder doch so auch das übersteigerte Mitteilungsbedürfnis unserer Gesellschaft aufs Korn und untersucht die Wirkung von Sprache anhand der Verbindung klassischer Bewegungsformen mit modernen, urbanen Ausdrucksmitteln. Nichts scheint ihm dafür geeigneter als ein Rednerpult. Und so dreht sich der heimliche Hauptdarsteller zum Schluss selbst im neonfarbenen Spotlight, während ein souliger R’n’B-Sound erklingt.

    Die Verarbeitung klassischen Tanzerbes in der Postmoderne beschäftigt auch den Tänzer Josep Caballero García, der von 1995-2000 als Gast am Wuppertaler Tanztheater von Pina Bausch arbeitete. Für sein vierjähriges, autobiografisches Rechercheprojekt Sacres setzte er sich mit der Aufführungsgeschichte von Strawinskys Ballett Le Sacre du Printemps und den legendären Choreografien von Vaslav Nijinsky, Maurice Béjart und Pina Bausch auseinander. Mit Unterstützung des jungen Tänzers Géo Scattolon versucht er nun die Mythen dieses rituell aufgeladenen Balletts zu dekonstruieren und neu zu interpretieren. Kein leichtes Unterfangen, spielen doch hier auch urheberrechtliche Belange eine Rolle. García übersetzt die treibende Kraft der Vorlage in eine Art Kampf zweier altersmäßig wie Vater und Sohn wirkender Tänzer. Erst unter den Kopfhörern der Akteure kaum wahrnehmbar, erobert Strawinskys eindrückliche Musik schließlich den Raum. Zuerst noch durch Kabel miteinander verbunden, nabeln sich die beiden Tänzer schließlich voneinander ab und finden mehr und mehr zu eigenen, freien Bewegungsformen. Für die bizarre Kostümierung der Ursprungsversion findet García in einer großen Plastikfolie eine passende Übersetzung, unter der sich die Tänzer zunächst förmlich gegenseitig zu begraben versuchen und wieder befreien müssen. Ein durchaus gelungener Emanzipationsversuch vom übergroßen Vorbild.

    Ami Garmon & Frank Willons
    „Close your eyes and add a touch of nothing“. Ami Garmon & Frank Willens im Kesselhaus der Uferstudios. – Foto: St. B.

    Recht wenig mit Tanz hat die Performance Close your eyes and add a touch of nothing von Ami Garmon und ihrem Partner Frank Willens zu tun. Beim Betreten des Kesselhauses fällt zuerst ein Berg aus Sitzgelegenheiten ins Auge, und Frank Willens fordert das Publikum auf im Rund Platz zu nehmen. Man wird sich aber dennoch seines Platzes nicht ganz sicher sein können, benutzen doch die beiden Performer im Laufe der Aufführung alles Greifbare, inklusive des Publikums, um ihre wahnwitzigen Bewegungschoreografien zu vollführen. Zunächst noch in luftiger Höhe klagt Willens über die Schwierigkeit seine Gefühle zu transportieren, während Garmon auf einem wackeligen Drahtzaun hängt oder mit einem Schlitten die Stahltreppe im Kesselhaus hinunterfährt, lediglich gebremst durch aufgetürmte Sitzbälle. Die Fragilität ihrer Beziehung mit all ihren Unwägbarkeiten zelebrieren die beiden im wahrsten Sinne des Wortes ohne Netz und doppelten Boden. Langsam aufgetaut, artet die Veranstaltung schließlich in einen quietsch-vergnügten Kindergeburtstag aus, mit Bananen-Cocktails, Kuscheln im ausgelegten Flokati und Helium-erzeugten Mickey-Mouse-Stimmen. Die Beiden singen Tears for Fears: „Shout, shout, let it all out, these are the things I can do without, Come on, I’m talking to you, come on”, und es riecht mächtig nach Teen Spirit. Aber wer will da schon Spielverderber sein und an’s lästige Aufräumen denken? Die Performance war als Preview angekündigt und hat am 6. November hier in der Tanzfabrik Premiere.

    Festina Lente mit "shifts-art in movement" - Foto: St. B.
    Festina Lente mit „shifts-art in movement“.
    Foto: St. B.

    Interaktive Formen haben am Sprechtheater Konjunktur, da will das Tanztheater nicht nachstehen. Die Gruppe Festina Lente (Eile mit Weile) hat sich dazu ein Spiel ausgedacht. Bei ihrer Performance shifts – art in movement bestimmt das Publikum sogar den Verlauf der Choreografie. Dazu muss fortlaufend von Eins bis Hundert gezählt werden. Die fünf Tänzer bewegen sich beim Aufrufen der Zahlen und erstarren danach wieder in Tableaus. Verzählt sich jemand, fällt alles wieder auf Start zurück und die Tänzer gehen zu Boden. Nach anfänglichen Schwierigkeit findet das Publikum schnell Gefallen am Spiel und es läuft immer flüssiger. Ab Fünfzig lösen sich sogar die starren Tableaus auf. Die Tänzer bewegen sich nun viel freier im Raum. Alles über Hundert wird dann zur freiwilligen, ausgelassen frohen Zugabe. Und auch hier zeigt sich, dass die Beteiligung des Publikums frischen Wind und einiges an Dynamik in den festgelegt erscheinenden Ablauf eines Performancekonzepts bringen kann.

    Foto: St. B.
    Das Einsatzmobil der KOALITION DER FREIEN SZENE.  Foto: St. B.

    Bei aller Ausgelassenheit hängt immer auch das Damoklesschwert der dürftigen finanziellen Ausstattung der freien Szene über den Künstlern. Deshalb war das Einsatzmobil der spartenübergreifenden KOALITION DER FREIEN SZENE auch am Samstag auf dem Gelände der Uferstudios wieder im Einsatz. Die Organisatoren verlangen zu Recht entsprechende Freiräume für die Szene und die substanzielle Aufstockung der bestehenden Fördertöpfe durch den Senat. Wenn Kulturstaatsekretar André Schmitz, anstatt dem desaströsen Start der vermeintlichen Hochkultur in die neue Spielzeit beizuwohnen, in die Uferstudios gekommen wäre, hätte er sehen können, wem er da die notwendige, zusätzliche Unterstützung versagt. Annemie Vanackere, die Chefin des Berliner HAU, unter dessen alleiniger Ägide der Tanz im August seit diesem Jahr steht, konnte sich jedenfalls von der Kreativität und Qualität des Dargebotenen überzeugen.

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    Der Beitrag ist auch auf kultura-extra.de erschienen.

    Weitere Infos siehe auch:
    http://www.uferstudios.com/veranstaltungen/festivals/festival/41

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  • Heute startet die neue Spielzeit am DT – Wo bleibt der große Wurf? Das Deutsche Theater Berlin zwischen deutscher Geschichte und Tradition, Kunstanspruch und Klamotte. Ein Rückblick nicht nur auf die letzte Spielzeit.

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    „Die republikanische Verfassung eines Theaters ist wohl möglich und für seinen Bestand nicht nur ohne Gefahr, sondern vielmehr von großem Vorteil. (…) Die Tatsache aber ist nicht zu verschweigen, dass, um breiteste Wirkungen im edelsten Sinne auszulösen, nicht der Einfluß eines Theaters genügt, nicht eines oder mehrerer Hoftheater, sondern alle Theater dürften letzten Endes nur dem einen Ziele dienen, dem Ziele der Wohlfahrt und des höchsten Gedeihen des Volkes, wie es von den Besten erkannt und angestrebt wird. Man braucht nur einen Blick auf die Mehrzahl deutscher Bühnen zu werfen, um das betrübende Bewusstsein zu haben, wie wenig von diesen für die Kultur des Volkes geleistet wird, geleistet werden kann!“
    Zitat Siegwart Friedemann, Vertrauliche Theaterbriefe. Schlussbetrachtung. 1909, aus: Alexander Weigel: Das Deutsche Theater – Eine Geschichte in Bildern, Propyläen 1999

    DT-LogoGeschichte und Tradition am Deutschen Theater Berlin

    Bereits in den Jahren vor 1848 bis in die Zeit der Märzrevolution in Deutschland führt in einem alten Casino an der Schumannstraße 14 der Restaurateur und damalige Direktor Friedrich Wilhelm Deichmann kleine revolutionskritische Possen mit „höchst zeitgemäßen Couplets“ wie „Die Nacht der Barrikaden, oder der Engel im Dachstübchen“ und „Eigentum ist Diebstahl oder Der Traum eines roten Republikaners“ auf. Es folgen weitere derlei „komische Genrebilder mit Gesang“ wie „Der deutsche Michel“, „Keine Arbeit mehr!“ oder „Eine Leipziger Barrikade“. Das kleinbürgerlich Verharmlosende dieser mehr spaßig gedachten Bühnenstücke hat Kurt Tucholsky 1919 in „Was darf Satire“ so beschrieben: „Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten.“

    Trotzdem strömt das Publikum begeistert ins Wilhelmstädtische Theater bis dann gerade die Aufführung Johann Nestroys „Freiheit im Krähwinkel“ Direktor Deichmann doch noch die befürchtete „permanente Überwachung“ durch das Berliner Polizeipräsidium einbringt. Erst der Errichtung eines Prachtbaus des von ihm beauftragten Architekten Eduard Titz in den Jahren 1849/50 holt das Theater aus der volksnahen Schmuddelecke. Deichmann will von nun an ein Theater für die „bessere Gesellschaft“ leiten. Aber die Aufführungen von Singspielen und komischen Opern, ernste Sachen sind dem Königlichen Theater vorbehalten, finden wenig Anklang beim vergnügungssüchtigen Volk. Erst um 1859 treffen „französische Frivolitäten“ wie die Operetten von Jacques Offenbach wieder den Geschmack auch eines breiteren Publikums. In den folgenden Jahren etabliert sich das Theater immer mehr als gutgehende Operettenbühne und zieht vor allem das durch die deutsche Reichsgründung erstarkte und zahlungskräftige Bürgertum in die Schumannstraße.

    Außenfassade des Friedrich-Wilhelmstädtischen-Theaters um 1850 (http://www.deutschestheater.de/dt-freunde/)
    Außenfassade des Friedrich-Wilhelmstädtischen-Theaters um 1850 (http://www.deutschestheater.de/dt-freunde/)

    Dieses national wie finanziell erstarkte Bürgertum gibt sich aber nicht lange nur dem Frohsinn hin. Es verlangt immer mehr auch nach höherer Erbauung. Entsprechende Aufführungen von Shakespeare-Dramen und nicht zuletzt Kleists „Prinz von Homburg“ entfachen dann in den 1870er Jahren auch regelrechte vaterländische Begeisterungsstürme im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater. Die alte Idee eines „Deutschen Nationaltheaters“ verwirklichen dann Theaterleute um den Kritiker Adolph L’Arronge und Schauspieler Siegwart Friedemann mit der Gründung einer deutschen Schauspieler-Sozietät. Sie kaufen sich in das Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater ein und übernehmen es ab 1883 ganz. Dies ist dann auch die Geburtsstunde des „Deutschen Theaters“, das damit in diesem Jahr auf eine nunmehr 130jährige Tradition unter diesem Namen zurückblicken kann.

    DT_Adolph L’Arronge   DT_Otto Brahm

    Adolph L’Arronge (1838 – 1908) und Otto Brahm (1856 – 1912) (http://www.berliner-schauspielschule.de/)

    Max Reinhardt - Portrait von Emil Orlik
    Max Reinhardt – Portrait von Emil Orlik

    Mit dem Namenswechsel geht natürlich auch ein entsprechend programmatischer Wechsel vonstatten. Das Haus eröffnet mit Schillers „Kabale und Liebe“. Es folgen Lessings „Minna von Barnhelm“ und Goethes „Iphigenie“. Das nationale Selbstverständnis des deutschen Bürgertums manifestiert sich in einer klassisch deutschen Dramatik. Schillers „Don Carlos“ wird am Deutschen Theater an zwei Tagen komplett aufgeführt und auch der Klassiker Shakespeare verschafft den einzelnen Schauspielstars große Rollen. An deren großem Ego scheitert allerdings auch der erste Versuch eines demokratischen Schauspielertheaters. Ein Traum, den auch bis heute immer wieder mal Theaterregisseure wie Peter Stein oder Peter Zadek an der Schaubühne oder dem Berliner Ensemble zu verwirklichen suchten. Unter dem Intendanten Otto Brahm gehen nach 1894 die Klassikerinszenierungen immer weiter zurück und der Naturalismus mit Ibsen, Hauptmann, Schnitzler und Tolstoi ist auch am Deutschen Theater auf dem Vormarsch. Was sich unter dem großen Schauspielerregisseur Max Reinhardt (1873 – 1943) ab 1905 auch fortsetzt. Neben der legendären Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ von 1903 führt Reinhardt vor allem Hauptmann, Ibsen, Strindberg und Tschechow auf. Neben Shakespeare greift Reinhardt aber in seinem „Deutschen Zyklus“ auch wieder zu Dichtern wie Lessing, Kleist, Lenz und Büchner.

    Max Reinhardt: „Ein Traum ohne Wirklichkeit bedeutet mir ebenso wenig als eine Wirklichkeit ohne Traum. Und das Theater besteht ja nur aus verwirklichten Träumen.“

    Deutsches Theater und Kammerspiele - Postkarte um 1903
    Deutsches Theater und Kammerspiele
    Postkarte um 1903
    Wolfgang Langhoff
    Wolfgang Langhoff

    Nach dem 1. Weltkrieg geht Reinhardt nach Salzburg und übergibt seinem Dramaturgen Felix Hollaender die Intendanz des Deutsche Theaters. Die Zeit der Weimarer Republik ist zunächst eher durch künstlerische Stagnation geprägt. Bis die Gruppe um den jungen Brecht mit den Uraufführungen von „Trommeln in der Nacht“ und „Im Dickicht der Städte“ für Aufsehen sorgt. Reinhardt kehrt nach Berlin zurück und setzt seine erfolgreiche Arbeit fort. Die Dramatiker Bruckner, Zuckmayer und Horvath arbeiten nun am DT. Bis schließlich die Machtergreifung der Nazis dieser Ära ein jähes Ende setzt. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten gelingt es dem Intendanten Heinz Hilpert sich weitestgehend aus dem Propagandarummel herauszuhalten. Unter Wolfgang Langhoff  (1901 – 1966) gelangt das Deutsche Theater ab 1946 wieder zu neuer Geltung im deutschsprachigen Raum. Brecht gastiert hier nach seiner Rückkehr aus dem Exil bis 1954 mit seinem Berliner Ensemble. Auch nach dem unrühmlichen Abgang Langhoffs beansprucht das DT weiterhin eine führende Rolle im bürgerlichen Sprechtheater der DDR, was auch im Westen Deutschlands anerkennend bemerkt wird. 1989 wird das DT zum ersten Mal mit Heiner Müllers „Der Lohndrücker“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Diese Tradition setzt sich auch nach der Wende erst unter Thomas Langhoff und ab 2001 unter Bernd Wilms fort. In den Jahren 1992, 1998 (DT-Baracke), 2005 und 2008 wird das DT zum Theater des Jahres gewählt.

    Foto: Wolfgang Langhoff (sitzend) mit Dramaturg Heinar Kipphardt und Chefbühnenbildner Heinrich Kilger, Sept. 1953 – Bundesarchiv, Bild 183-21621-0003 / Kemlein, Eva / CC-BY-SA

    Große Namen allein sind keine Garantie für den dauerhaften Erfolg

    Berlin, 80. Geburtstag Wolfgang Heinz

    Foto: 80. Geburtstag von Wolfgang Heinz mit Katja Paryla (m.) Simone von Zglinicki (r.) 19.05.1980 – Bundesarchiv, Bild 183-W0519-0028 / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

    gespenster
    Ibsens Gespenster (1983)

    Das DT war und ist auch stets ein Theater der großen Namen und Traditionen geblieben. Im Ensemble standen Schauspieler wie Louise Dumont, Gertrud Eysoldt, Tilla Durieux, Adele Sandrock, Elisabeth Bergner, Josef Kainz, Oscar Sauer, Max Reinhardt, Curt Bois, Alexander Moissi, Ernst Deutsch, Peter Lorre, Fritz Kortner, Erich Ponto, Hans Moser, Hans Albers, Inge Keller, Erika Pelikowsky, Elsa Grube-Deister, Käthe Reichel, Gudrun Ritter, Bärbel Bolle, Jutta Wachowiak, Johanna Schall, Katja Paryla, Christine Schorn, Herwart Grosse, Rolf Ludwig, Fred Düren, Dieter Franke, Eberhard Esche, Kurt Böwe, Otto Mellies, Dieter Mann, Christian Grashof, Jörg Gudzuhn, Dagmar Manzel, Ulrich Mühe u.v.a.m. Solch bekannte Regisseure wie Emil Lessing, Cord Hachmann, Felix Hollaender, Max Reinhardt, Oskar Kokoschka, Otto Falckenberg, Erich Engel, Heinz Hilpert, Wolfgang Heinz, Benno Besson, Adolf Dresen, Friedo Solter, Thomas Langhoff, Alexander Lang, Frank Castorf, Heiner Müller, Jürgen Gosch, und kurzzeitig in der Baracke auch Thomas Ostermeier gaben dem Haus mit ihren Inszenierungen ein vielschichtiges Gepräge.

    Foto: Ulrich Mühe mit Inge Keller (l.) und Simone von Zglinicki (r) bei einer Aufführung von Ibsens Gespenster, 18. November 1983 – Hartmut Reiche, Bundesarchiv, Bild 183-1983-1118-005 / CC-BY-SA

    Auch heute verfügt kaum ein Theater im deutschsprachigen Raum außer der Wiener Burg, den Münchner Kammerspielen oder dem Thalia Theater in Hamburg noch über ein solch großes und auserlesenes Schauspielensemble wie das Deutsche Theater in Berlin. Neben Ausnahmeschauspielern wie Corinna Harfouch, Almut Zilcher, Nina Hoss, Meike Droste, Ulrich Matthes, Samuel Finzi, Wolfram Koch und dem bedauerlicher Weise in diesem Jahr verstorbenen Sven Lehmann stehen die Mitglieder des alten DT-Ensembles wie Margit Bendokat, Gabriele Heinz, Barbara Schnitzler, Simone von Zglinicki, Christian Grashof, Michael Gerber, Michael Schweighöfer und Bernd Stempel neben den Neuzugängen Maren Eggert, Susanne Wolff, Judith Hofmann, Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Felix Goeser, Peter Moltzen, Andreas Döhler u.a., die mit Intendant Ulrich Kuhon zur Spielzeit 2009/2010 aus Hamburg nach Berlin gewechselt sind. Die derzeitigen Regiestars heißen Dimiter Gotscheff, Michael Thalheimer, Stefan Pucher, Nicolas Stemann, Jürgen Kuttner und die Hausregisseure Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig. Die junge Garde ist mit Jette Steckel, Bastian Kraft, Simon Solberg, Rafael Sanchez oder Roger Vontobel bestens vertreten.

    Dantons Tod von Georg Büchner (1981)

    Foto: „Dantons Tod“ in der Regie von Alexander Lang. Inge Keller (l), Margit Bendokat (3.v.l.), Christian Grashof (2.v.l.) und Günter Sonnenberg (4.v.l.) 20.04.1981 – Bundesarchiv, Bild 183-Z0420-027 / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

    Das alles scheint eigentlich Garant für andauernde Qualität und entsprechende Erfolge für das Deutsche Theater zu sein. Allein diese, wenn man die Einladungen zum Berliner Theatertreffen als Maßstab der Dinge nehmen möchte, lassen seit dem Beginn der Intendanz Ulrich Khuons auf sich warten. Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierungen „Onkel Wanja“ (2008) und „Die Möwe“ (2009) sowie Michael Thalheimers „Orestie“ (2007) von Aischylos oder „Die Ratten“ (2008) von Gerhart Hauptmann sind nach wie vor unerreicht. Andreas Kriegenburgs Dea-Loher-Trommel-des-Lebens-Inszenierung „Diebe“ (2010) war das Bemerkenswerteste, was das DT im Leistungsvergleich mit den anderen deutschsprachigen Bühnen seither zu bieten hatte. Seit nunmehr drei Jahren herrscht leider nur noch eine gut gehandwerkelte Beliebigkeit am DT. Und das bei geradezu hausintern künstlich hochgehaltenem schauspielerischem Glamourfaktor. Während die großen Konkurrenten Burgtheater Wien, Münchner Kammerspiele und das Thalia Theater Hamburg beinahe schon auf das Theatertreffen abonniert zu sein scheinen, war auch zu dessen 50. Jubiläum das Deutsche Theater im mittlerweile zur gesamtdeutschen Theaterhauptstadt gewordenen Berlin nicht vertreten. Fast schon demütigend dürfte dabei noch die Tatsache hinzukommen, dass dem DT seither durch den Quereinsteiger Herbert Fritsch, der die ebenso in Agonie verfallene Volksbühne erweckt hat, immer wieder der Witz abgekauft wird. Reizt Fritsch mittlerweile sogar Regiealtmeister Frank Castorf zu neuen Höhenflügen, lieferten das DT-Hausregieduo Kimmig und Kriegenburg dagegen in letzter Zeit eher gefälliges Mittelmaß ab.

    Deutsches Theater und Kammerspiele im Jahr 2013 - Foto: st. B.
    Deutsches Theater und Kammerspiele
    im Jahr 2013 – Foto: St. B.

    Höhen und Tiefen der Spielzeit 2012-13

    In der Spielzeit 2010-11 und auch 2011-12 gab es wenig Herausragendes zu berichten. Bei weitgehend hohem Premierenoutput verzettelte sich das Deutsche Theater dabei immer mehr zwischen angestrebtem gesellschaftlichen Anspruch und guter Unterhaltung. Erst in dieser Saison war erstmals überhaupt ein durchgängiges künstlerisches Konzept erkennbar. In Zeiten von Krise, Politikverdrossenheit und breiter Empörung gab man sich mit dem Motto „Macht Gewalt Demokratie“ wieder explizit politisch und sogar bisweilen kämpferisch. Herausgekommen ist aber dennoch wieder eine Spielzeit mit eher durchwachsenen Leistungen. Auch Dimiter Gotscheffs mit Spannung erwartete Collage zum Thema Macht und Gewalt „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige” geriet eher zum Heiner-Müller-Gedächtnis-Spezial als zu einem wirklich überragenden Beitrag zum mächtig gewaltigen Themenkomplex. Halbwegs überzeugen konnten die Kritiker des DT nur das Antikendigest „Ödipus Stadt“ um Thebens Herrschergeschlecht der Labdakiden oder die Dramatisierung von Eugen Ruges DDR-Nomenklaturasaga „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, beides durch Vielarbeiter Stephan Kimmig inszeniert. Kimmig konnte hier zumindest teilweise sein feines Gespür für interessante Familienstoffe ausspielen. Trotz einiger schauspielerischer Glanzleistungen vermochten beide Inszenierung aber nicht wirklich zu packen.

    Regie-Neuzugang Andres Veiel brachte dem DT mit seinem Doku-Recherche-Stück „Das Himbeerreich“ zumindest einiges an Medienaufmerksamkeit. In einer Art fiktiven Dialogmontage plaudern abgehalfterte Banker aus dem Nähkästchen, träumen von alter Größe und versuchen sich, mehr oder weniger einsichtig, zu rechtfertigen. Das besitzt leider weder einen besonders informativen Gehalt noch dramatischen Reiz und verflacht zusehends bis auf kleine wütende Rampenausflüge von Ulrich Matthes. Fast schon zu einem peinlichen Dauerausfall ist mittlerweile Chefregisseur Andreas Kriegenburg geworden. Weder seine Hebbel-Inszenierung „Judith“, die „Winterreise“ von Elfriede Jelinek oder das Kleistdebakel mit dem sechsfachen „Käthchen von Heilbronn“, noch das neue Dea Loher Stück „Am schwarzen See“ in seiner Regie konnten in der jüngsten Vergangenheit annähernd überzeugen. Im Spielplan stehen überhaupt nur noch zwei von Kriegenburgs Dea-Loher-Arbeiten. Feiern konnte man lediglich die Rückkehr des Regisseurs Michael Thalheimer zu alter Größe. Seine Inszenierung von Horvaths Klassiker „Geschichten aus dem Wiener Wald“ riss das DT kurz vor Ende der Spielzeit noch einmal aus der sich breitmachenden Lethargie. Wie kurzzeitig Verlorengegangene bewegen sich die Protagonisten immer wieder aus dem Dunkel der Bühne nach vorn an die Rampe und erstarren dort nach kurzem Aufbegehren wieder in Eiseskälte hinter Pappmasken. Thalheimer hat seine Liebe zur geschundenen, von den gesellschaftlichen Verhältnissen gebeugten Kreatur in der Gestalt der Marianne (Katrin Wichmann) wiederentdeckt und lässt sie bei aller ungeschützten Nacktheit doch traumzauberisch würdevoll im allen falschen Donau-Walzerkitsch überdeckenden Konfettiregen stehen. Ein wahrhaft großartiger Theaterabend.

    Programmzettel der Uraufführung am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin
    Programmzettel der Uraufführung am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin

    „Eine stärkste Kraft unter den Jungen, Horváth, umspannt hier größere Teile des Lebens als zuvor. (…) Unter den Jungen ein Wer; ein Geblüt; ein Bestand. Ansonst ist hier kein Zurückschrauben in die Fibeldummheit; sondern ein Saft. Und ein Reichtum.“ Alfred Kerr 1931 im Berliner Tagblatt zur Berliner Uraufführung von „Geschichten aus dem Wiener Wald“ unter der Regie von Heinz Hilpert am Deutschen Theater

    Gelungenes und weniger Gelungenes in der Box und den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin 

    Wenn es im großen Haus floppt, konnte man sich am DT bisher wenigstens noch auf kleinere Inszenierungen in den Kammerspielen und der Box verlassen. Waren das in den letzten Jahren vor allem Inszenierungen wie Kafkas „Schloss“ von Nurkan Erpulat, „Jochen Schanotta“ von Ulrich Seidel in der Regie von Frank Abt, die Dauerbrenner „Die Sorgen und die Macht“ von Peter Hacks vom Regie-Duo Kühnel/Kuttner oder „Tschick“ nach dem Roman des gerade verstorbenen Wolfgang Herrndorf in der Regie von Alexander Riemenschneider, so fällt in diesem Jahr die Auswahl wesentlich schwerer. Als kleine Achtungserfolge können auf jeden Fall die Uraufführung von „Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann in der von Regie von Brit Bartkowiak und „Antwort aus der Stille“ nach der Erzählung von Max Frisch in der Regie von Frank Abt in der Box gelten. Neuer wie auch älterer Text werden hier jeweils nur mit drei glänzend aufgelegten Schauspieler_innen zum Leuchten gebracht.

    „Manchmal wünsche ich mir einfach eine Bombe im Auto und keine Bremse im Kopf.“ Rahels Monolog aus: „Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann

    Marianna Salzmanns berührendes Familienstück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland wird durch die DT-Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und Natalia Belitski mittels viel Witz und Hilfe einer frischen, lockeren Regie hervorragend in Szene gesetzt. Das mit reichlich Mutter- und Sprachwitz ausgestattete Stück ist ganz zu Recht auch für den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis nominiert worden. Max Frischs frühe Erzählung „Antwort aus der Stille“ über eigene Ansprüche, verfehlte Jugendträume und Menschen auf der Identitätssuche zwischen Extrem und Anpassung wird aus der Perspektive der gealterten Charaktere neu erzählt. Gabriele Heinz, Katharina Matz und Markwart Müller-Elmau brillieren in souveräner Weise in der im Gegensatz zum Boulevard-Karussell von Bastian Krafts Frisch-Inszenierung „Biografie: Ein Spiel“ aus dem Vorjahr wohltuend unaufgeregten Dramatisierung von Frank Abt und Meike Schmitz.

    Weniger Glück hatte Frank Abt mit seiner recht stilisierten Regie zu Franz Xaver Kroetz’ Missbrauchs- und Emanzipationsdrama „Stallerhof“ aus dem Jahr 1971. Die Geschichte der jungen, geistig behinderten Beppi, gerät in den Kammerspielen des DT zum gut gemeinten integrativen Versuch. Der Blick konzentriert sich in dem klinisch weißen Bühnen-Guckkasten auf die ebenfalls behinderte Schauspielerin Mereika Schulz vom Ensemble des integrativen Theaters Thikwa aus Kreuzberg. Die bei Kroetz sogenannte Randexistenz rückt Abt so bewusst in den Mittelpunkt. Die falsche Moral und Scham der Eltern (Matthias Neukirch und Isabel Schosnig) über die Zurückgebliebenheit ihrer Tochter, die sich in Worten und auch Schlägen äußert, steht neben der Unfähigkeit des Knechts Sepp (Markwart Müller-Elmau) zu sozialem Verhalten, sein Begehren auch entsprechend auszudrücken. In dieser Kette aus Unterdrückung ist Beppi schließlich das schwächste Glied. Da sich zu Gunsten von Mereika Schulz alle anderen Darsteller weitestgehend zurückhalten, entstehen zwar eindringliche Momente, die einen ob der drastischen Sprache des Stücks beklommen machen, aber auch Leerstellen, die weitestgehend darstellerisch ungenutzt bleiben. Die unterstützende Führung durch den Text mit dem Schauspieler Thorsten Hierse als Erzähler, erweist sich nicht als der starke Kunstgriff, wie von Frank Abt gedacht. Textliche Unsicherheiten lassen sich zwar so geschickt kaschieren, dem Stück fehlt aber die spielerische Wucht, wie sie erst im letzten Jahr beim Gastspiel der Wiener Inszenierung von David Bösch mit Sarah Viktoria Frick in der Hauptrolle am BE zu erleben war. Dennoch kann Frank Abts Inszenierung als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden.

    Die Kammerspiele des Deutschen Theaters - Foto: St. B.
    Die Kammerspiele des Deutschen Theaters
    Foto: St. B.

    Ebenfalls recht zwiespältig fiel die Inszenierung von Wajdi Mouawads düsterem Bürgerkriegsstück „Verbrennungen“ aus. Das ewige Regietalent Tilmann Köhler hat in Berlin nicht das glückliche Händchen wie am Staatsschauspiel Dresden, wo er seit 2009 als Hausregisseur tätig ist. Man sieht in den Kammerspielen von zwei Seiten auf eine kleine Plattform, auf, unter und neben der die Darsteller die Reise der kanadischen Zwillinge Jeanne (Kathleen Morgeneyer) und Simon (Christoph Franken) mit libanesischen Wurzeln auf den Spuren der Geschichte ihrer Mutter im ehemaligen Bürgerkriegsland, die auch die ihre ist, performen. Die mit vielen Rückblenden versehene komplizierte Handlung kann sich bei ständigen Rollenwechseln, nur Maren Eggert bleibt in der Rolle der Mutter Nawal (Die Frau, die singt) kaum richtig entfalten. Wer die Kraft gelungener Inszenierungen von Tilmann Köhler sehen will, muss weiterhin nach Dresden fahren, was sich auch in jedem Fall lohnt. Leider lohnt sich ein Besuch der Kammerspiele des DT in dieser Spielzeit nur bedingt. Auch ein weiterer gut gemeinter Versuch reale Probleme mittels eines Klassikers auf die Bühne zu bringen, steht mit Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“ in der ersten Regie Simon Solbergs am DT von Anfang an auf verlorenem Posten. Trotz spielfreudigem Ensemble gerät Schillers Story des Kneiperssohns Christian Wolf vom Wilddieb über den verschmähten Liebhaber zum Verbrecher zur wüst kalauernden Klamotte. Das am Ende noch zwei echte ehemalige Knackis auftreten, die bereits zwischen den Szenen in Videoeinspielungen von ihrem Werdegang erzählten, und nun mit dem Ensemble von einem selbstbestimmten freien Vollzug auf einer Musterknastinsel träumen, verkitscht völlig die wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gesellschaft und humaner Strafvollzug.

    Humor und Gesellschaftskritik – Neue Inszenierungen von Milan Peschel und Andreas Kriegenburg in den Kammerspielen

    „Die Welt, ist eine Bühne und die meisten von uns, sind hoffnunglos unerprobt.“ Seán O´Casey (1880 – 1964)

    Nach den schweren Themen zu Beginn der Spielzeit, versuchte man seit Januar an den Kammerspielen auch soziale Themen mit Humor anzugehen. Der irische Dramatiker und Freiheitsaktivist Seán O`Casey sowie der mit jeder Menge absurdem Witz ausgestattete französische Satiriker Georges Courteline scheinen dafür bestens geeignet. Nach seiner recht erfolgreichen Zeit als Schauspieler wie Regisseur an der Volksbühne und am Maxim Gorki Theater, wollte Komödienspezialist Milan Peschel in dieser Spielzeit überraschender Weise ausgerechnet auch am sonst eher humorarmen DT reüssieren. Das Unterfangen dürfte ihm mit seiner Brachial-Inszenierung von O`Caseys irischem Bürgerkriegsdrama „Juno und der Pfau“ gründlich danebengegangen sein. Er bullerte den kleinen Klamottenofen auf der Bühne ordentlich an und ließ das DT-Ensemble, allen voran Michael Schweighöfer als „Käptn“ Jack Boyle, der sich seinerseits schon am DT und MGT in Komödienregie versucht hatte, weitestgehend freien Lauf. Und Schweighöfer nutzt das auch genüsslich, um sich wie ein Pfau zu spreizen und dem Affen ordentlich Zucker zu geben. Ihm zur Seite steht Moritz Grove als Jacks prekärer Saufkumpel Joxer, immer eine Lidl-Tüte und ein paar bauernschlaue Weisheiten parat habend. So liebenswert verhuscht die beiden entschluss- und arbeitsscheuen Trinkkumpane auch durch den Abend schlurfen, grölen und grimassieren, es täuscht nicht über eine Regie hinweg, der nichts weiter zu O`Caseys sozialkritischem Stoff einfällt, als sie zur Farce und die anderen Darsteller zu Randfiguren und Stichwortgebern zu degradieren. Der ernste Hintergrund bei all dem Spaß verschwindet schnell hinter den Brettern, mit der Boyles Klein-Häuschen und kurzzeitig zusammengeborgter Reichtum nach der Pause vernagelt wird. Und wie sich die Verheißung vom Erbe und schnellen Reichtum alsbald in Rauch auflöst, so fällt auch die über dreistündige Story trotz lustiger irischer Pogues-Tanzmusik nach und nach wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

    Nicht viel besser erging es dem Versuch von Andreas Kriegenburg mit den Einaktern des absurden Dramatikers Courteline den zwanghaften Individualismus unserer Zeit aufs Korn zu nehmen und als neuen kreativen Uniformismus zu entlarven. In Fantasiekostümen, ziemlich dicht an die genderirritierenden Kreationen des australischen Performancekünstlers und Modedesigners Leigh Bowery angelehnt, trashen sich die Schauspieler durch fünf absurde Kurzdramen des französischen Satirikers und Bürgerschrecks des ausgehenden 19. Jahrhunderts. XTRAVAGANZA war das Motto des Stars der Londoner und New Yorker Club- und Modeszene der 80er Jahre, extravagant und gewollt exhibitionistisch ist auch das Auftreten der Darsteller in Kriegenburgs Courteline-Inszenierung „Sklaven“. Alles Sklaven ihres eigenen Strebens nach unbedingter Einzigartigkeit. Leigh Bowery unterlief mit viel schrägem Humor gesellschaftliche Konventionen ebenso wie die Erwartungen der Szene, die gierig jeden neuen individuellen Kick aufsog. Die Diktatur der angepassten Masse, wie die Diktatur der Fashion Victims. Kriegenburg versucht dies mit der absurden Handlungsdramatik Courtelines kurzzuschließen. Weiterer Szeneneinfall des Regisseurs ist die Nachbildung eines der bekanntesten Banksy-Graffitis, ein Blumenstrauß werfender Autonomer, am Bühnenhintergrund. Während sich die Protagonisten zunächst noch subversiv den Weg aus einer mit Zivilisationsmüll gefüllten Hinterbühne freischießen, werden anschließend vorn an der Rampe brav die „Szenen aus der bürgerlichen Hölle“ Courtelines repetiert. Bei aller schauspielerischen Raffinesse, ein Unterfangen, das kaum jemandem im Publikum eine Reaktion abnötigte. Beredtes Treiben auf der Bühne und Totenstille im Saal. Eine wahrlich beängstigende Szenerie der Gleichgültigkeit. Man riecht förmlich den angestrengten Denkschweiß von Kriegenburgs Arbeit. Er macht sich somit selbst zum Sklaven eines zu hoch geschraubten Kunstanspruchs.

    "Sklaven" in der Regie von Andreas Kriegenburg - Foto: St. B.
    „Sklaven“ in der Regie von Andreas Kriegenburg – Foto: St. B.

    „Es gibt im Leben keine bessere Waffe als den Humor.“ Georges Courteline (1858 – 1929)

    Shakespeare, Ibsen und Fallada – klassische Stücke in modernem Regiegewand

    Den Kunstanspruch der Regisseure in allen Ehren. Zeichnet doch nicht zuletzt das Ausprobieren immer neuer Regiehandschriften ein experimentierfreudiges Theater aus. Wenn sich diese allerdings in möglichst originellen Regieeinfällen, übermäßigem Einsatz von Musik und Video sowie möglichst aufwendigen Bühnenaufbauten erschöpfen, wird Theater vollends zum billigen Pop Event. All das trifft leider auch auf die letzten Regiearbeiten von Rafael Sanchez, Roger Vontobel und Stefan Pucher zu. Dem Motto Macht und Demokratie geschuldet, hat sich Rafael Sanchez an den Shakespeare-Klassiker des römischen Heerführers „Coreolanus“ gemacht. Nur widerwillig beugt sich der Kriegsheld den pseudodemokratischen Gepflogenheiten des Pöbels, den er verachtet, um politische Karriere zu machen. Gekränkt durch des Volkes Wankelmut, das sich von den Volkstribunen aufhetzen lässt, schlägt er sich schließlich auf die Seite der Feinde Roms, fällt dann aber auch hier seinem ungezügelten Zorn zum Opfer. Sanchez hat alle Rollen weiblich besetzt, woraus sich aber im Folgenden kaum ein sichtbarer Gewinn ersehen lässt. Ausgestattet mit Perücken, Fettsuites und martialischen Rocker-Attitüden hangeln sich die fünf Darstellerinnen an einer Wand mit stufenförmig ausfahrbaren Kästchen durch alle Rollen des Stücks. Das lässt sich zunächst gut an und scheint auch recht symmetrisch choreografiert, wirkt aber auf Dauer eher beliebig und unfreiwillig komisch. Wem hier die Sympathie des Regisseurs tatsächlich gehört, will nicht so recht klar werden. Neben Judith Hofmann in der Hauptrolle, Susanne Wolff, Natalia Belitski und Barbara Heynen ist nach langer Abwesenheit mal wieder Jutta Wachowiak in einer Rolle am Deutschen Theater zu sehen und zeigt, dass sie auch mit unausgegorenen Regiekonzepten ganz gut fertig werden kann.

    Dass Theatermacher immer häufiger mit Livemusikern zusammenarbeiten, ist nicht mehr grundsätzlich erwähnenswert. Auf den Berliner Bühnen wirkt dieser Einsatz aber mittlerweile fast schon inflationär. Das hat sich wohl auch Roger Vontobel gedacht. Nach seinem Hamlet in Pop in Dresden hat er sich für das Deutsche Theater gleich eine ganze „Inflationsrevue“ ausgedacht. Dazu adaptierte er den Berliner 20er-Jahre-Roman „Wolf unter Wölfen“ von Hans Fallada. Der junge Protagonist Wolfgang Pagel (Ole Lagerpusch cool in Lederjacke) lässt sich durch das fiebrige, alkoholgeschwängerte Berlin der Inflationszeit treiben. Dazu dreht sich die als Roulettetrichter ausgestaltete Bühne, fliegen Geldscheine und Goldflitter durch die Luft und eine ganze Band spielt den jazzigen Sound jener Zeit dazu. Mit Meike Droste, Peter Jordan, Matthias Neukirch, Isabel Schosnig, Christoph Franken und Katharina Marie Schubert bestens besetzt, kommt die Inszenierung, selbst im zweiten Teil auf dem Lande, nicht über ein aufgeregtes Umhertollen und -albern hinaus. Fallada scheint nur noch zum ironischen Klamauk zu taugen. Die Digestdramatisierung dafür lieferte wie immer am DT Hausdramaturg John von Düffel. Groß geklotzt wird in der Revue bei Bühne und Kostümen, da bleibt für Falladas Romanhandlung kaum mehr Platz. Selbst in dreieinhalb Stunden lässt sich seine Geschichte um den Verfall des gesellschaftlichen und politischen Sittenbilds in der Weimarer Republik nicht annähernd abbilden. Anklänge an die heutige Zeit werden dem schnellen Witz geopfert.

    Falladas Wolf unter Wölfen, Regie: Roger Vontobel - Foto: St. B.
    Falladas Wolf unter Wölfen, Regie: Roger Vontobel – Foto: St. B.

    Die Krönung des unsinnig übertriebenen Einsatzes von Bühne, Kostüm und Musik ist allerdings die letzte Inszenierung der Spielzeit. Stefan Pucher hat sich für eine seiner berühmten Breitwandadaptionen alter Theaterklassiker ausgerechnet Ibsens „Hedda Gabler“ ausgesucht. Es scheint wie dessen Volksfeind, den es ausnahmsweise am DT nicht gab, ein Stück der Stunde zu sein. Man wird nicht müde, die vielen unterschiedlichen Versionen und großen Theaterdiven aufzuzählen, die sich schon in der Figur der vom unspektakulären bürgerlichen Leben ihres Wissenschaftlergatten Jögen Tesman gelangweilten Hedda versucht haben. Nun also Nina Hoss, und man fragt sich, wem hier nun die Stunde geschlagen hat. Hedda, ihrem erfolglosen Gatten Tesman (Felix Goeser) oder dem im provozierten Alkoholexzess abgestürzten Eilert Lövborg, dessen Manuskript sie vernichtet, um ihn zu einer letzten großen Tat zu anzutreiben. Pucher zeigt allerdings wenig Interesse an Psychospielchen und dreht die Protagonisten, ausgehend von einer ironisch rustikal anmutenden Blockhütte mit steifem Kragen, über ein elegantes, amerikanisches 30er Jahre Filmset, bis zu einem lässigen Siebzigerambiente im Plastikdesign, durch eine filmreifen Kulisse nach der anderen. Während sich die Szenen langsam auflösen und die Akteure immer mal wieder zur Gitarre greifen, gleitet das Geschehen an Nina Hoss und ihren eng gefassten Teflonkleidern ab, in denen sie, von all dem bemerkenswert unberührt, wie in ihrem eigenen Traum steckt. Auf der Strecke bleibt letztendlich das Stück und mit ihm die letzte Chance auf den großen Wurf. Auch wenn dann noch ein Videoshowdown im Westernstil über die Leinwand flimmert, hat man die Duellpistolen eigentlich schon vergessen und interessiert sich auch nicht mehr für den moralischen Zeigefinger den Margit Bendokat als Tante Tesmans zum Schluss noch einmal herausholt.

    Hoffnungsträger Stephan Kimmig, Michael Thalheimer und eine Aussicht auf die neue Spielzeit

    Es scheint so, als müsse es in der neuen Spielzeit wieder einmal Vielinszenierer und Hausregisseur Stephan Kimmig richten. Er arbeitet mittlerweile an fast allen großen, renommierten Häusern in Frankfurt, Stuttgart, Hamburg, München oder Wien. Zwei dieser Arbeiten konnte man im Juni bei den Autorentheatertagen am DT sehen. Trotz dieser Mehrfachbelastung bringt er immer mal wieder, wenn auch nicht gerade mit Ewald Palmetshofers verschwiemeltem jüngst am Akademietheater Wien uraufgeführtem Generationendrama „räuber. schuldengenital“, dann doch mit dem Stuttgarter Kroetz-Kaluza-Doppelschlag „Stallerhof / 3 D“, durchaus Bemerkenswertes zustande. Die Ergänzung dieses schon etwas betagten Missbrauchsdramas durch den frischen Text eines jüngeren Autors zum gleichen Thema ist ihm durchaus geglückt und diese Methode scheint auch zukünftig ein ergiebiges Experimentierfeld für Kimmig zu sein. Heute wird er wieder mit einer Doppelarbeit den Premierenreigen am Deutschen Theater eröffnen. Er überblendet Friedrich Schillers spätes Fragment „Demetrius“ mit dem neuen Stück „Hieron. Vollkommene Welt“ des jungen Berliner Dramatikers Mario Salazar. Es geht wie schon in der letzten Spielzeit um Macht und Machterhalt. Ob er damit wieder solche Funken schlagen kann, wie mit seiner aufrührerischen Antigone in „Ödipus Stadt“, bleibt abzuwarten.

    Mit den Autorentheatertage wollte das DT 2013 das Weite suchen. Wie wird es in der neuen Spielzeit? - Foto: St. B.
    Mit den Autorentheatertage wollte das DT 2013 das Weite suchen. Wie wird es in der neuen Spielzeit? – Foto: St. B.

    Am Sonntag greift dann das Regieduo Kuttner/Kühnel an den Kammerspielen in das Geschehen ein. Passend zum Demetriusstoff von Schiller werden die beiden mit „Agonie“ ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows zur Aufführung bringen. Nach ihrem seichten Willi-Brandt-Schlagerabend „Demokratie“ bleibt zu hoffen, dass das DT nicht schon zum Spielzeitstart im „Todeskampf“ liegt. Noch einmal Schiller wird es Ende September geben, wenn Michael Thalheimers bereits in Salzburg gezeigte „Jungfrau von Orleans“ Berlin-Premiere feiert. Neben den alteingesessen Strategen Dimiter Gotscheff (Becketts „Warten auf Godot“) und Andreas Kriegenburg („Aus der Zeit fallen“ von David Grossman) werden auch wieder jüngere Regisseure wie Bastian Kraft, Tilmann Köhler, Rafael Sanchez und Daniela Löffner am Start sein. Nach Ibsens „Hedda Gabler“ versucht sich Stefan Pucher nun an Sophokles` „Elektra“. Ob er mit Michael Thalheimers archaischer Burgtheater-Inszenierung mithalten kann, ist fraglich. Nina Hoss, die bekanntlich in Richtung Schaubühne abgewandert ist, wird ihm jedenfalls nicht mehr zur Verfügung stehen.

    Auch bringt diese Spielzeit einige Überraschungen und Wiedersehen. Mit „Der Löwe im Winter” von James Goldman gibt der in Leipzig gescheiterte Sebastian Hartmann, der bisher nur am Maxim Gorki Theater inszenierte, seinen Einstand am DT. Nuran David Calis geht in seiner zweiten DT-Arbeit mit „Tee im Harem des Archimedes“ nach dem Roman von Mehdi Charef in die Banlieues von Paris. Und nach der Babypause wird auch wieder eine Regiearbeit von Jette Steckel zu sehen sein. Nach Hauptmanns „Ratten“ am Thalia Theater in Hamburg, bringt sie im März 2014 eine neue Inszenierung auf die Bühne des DT (ursprünglich geplant war „In Zeiten des Aufruhrs“ nach dem Roman von Richard Yates). Ob das endlich der ganz große Wurf für Ulrich Khuons DT ist, wie noch vor einem Jahr Steckels fulminanter „Dantons Tod“ in Hamburg, wird sich zeigen. Wir bleiben zuversichtlich am Ball.

    DT_Juni 2013
    Noch herrschen sonnige Tage zum Spielzeitbeginn am Deutschen Theater Berlin. – Foto: St. B.

    „Dramatiker und Rausschmeißer träumen immer von einem großen Wurf.“ Joachim Ringelnatz (07.08.1883 – 17.11.1934)

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    Alle besprochenen Inszenierungen stehen weiterhin im Spielplan des DT.

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  • Der Festivalsommer 2013 (Schluss) – Alles außer Polka! Die PolkaBEATS 2013 in Cottbus schwelgten wieder in einer Vielfalt der Stilmixe.

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    PB_Plakat2013Neben den Gurken, der Fürst-Pückler-Pyramide, einem Postkutscher und dem „Dicken“ hat Cottbus auch eine echte kulturelle Alternative zu bieten. Cottbus hat die Polka und auch gleich das passende Sommer-Musik-Festival dazu, die sogenannten „PolkaBeats“. Seit 2010 treffen sich hier jährlich an einem Wochenende im August Bands mit den unterschiedlichsten musikalischen Ausrichtungen, um im Stile einer wahrhaften Grenzüberschreitung einer entscheidenden Gemeinsamkeit zu frönen, der Liebe zum 2/4-Takt. Außerhalb des weitverbreiteten Polka-Klischees bierseliger Blasmusikveranstaltungen im Trachtenlook trifft in Cottbus allen Unkenrufen zum Trotz Traditionelles auf neueste musikalische Moden und Trends, und verbindet sich so zu einem immer wieder hochexplosiven Partygemisch.

    Unter dem Motto „Die Polka ist tot, es lebe die Polka!“ ging es dann vom 16. bis 17. August auch nicht nur wegen des schönen Wetters dementsprechend heiß her. Alles ist möglich, haben sich die Macher der PolkaBeats auf ihre Fahnen geschrieben. Musiker aus vier Nationen standen zwei Tage lang mit den unterschiedlichsten Stilen, die sich da zum Beispiel „Ompa Twang“, „ZickenUmpa“ oder „Polka Punk“ nennen, im friedlichen Wettstreit um die Gunst des Cottbuser Publikums. Und so kann „Polkability“ durchaus auch als eine Fähigkeit zur interkulturellen Verständigung angesehen werden. Aber die Hauptsache bleibt natürlich der Spaß an immer neuen Ideen jenseits des breiten Mainstreamgeschmacks.

    Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.
    Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

    Bereits am Freitagabend wurde das Festival traditionell in kleinerem Rahmen eröffnet. Nach dem „Zelig“ im letzten Jahr konnte der Bebel – Club of Culture in der Nähe der BTU Cottbus ebenfalls ein passendes Ambiente für den interkulturellen Polka-Bieranstich mit Musik bieten. Das intimere Club-Feeling kam besonders den Musikern der multinational besetzten Kapelle SCHÄNG PELLE entgegen, die mit ihrem Fiddel-lastigen Akkustik-Sound skandinavische Folktradition mit niederrheinischer Kirmesmusik mixten und so in den Umbaupausen die Tanzwütigen bei Laune hielten.

    Le Marché im Club Bebel. Foto: St. B.
    Le Marché im Club Bebel.
    Foto: St. B.

    International im Musikstil waren dann auch die andern beiden Bands des Abends. Während LA MARCHE, benannt nach einem Landstrich in Mittelfrankreich, neben Balkanbeats, Ska, Funk und Reggae auch französischen Chanson im Gepäck haben, bevorzugen die Musiker von VLADIWOODSTOK eher eine Mischung aus Rock’n’Roll, Jazz, Punk und Walzer, der außer Tom Waits und den irischen Pogues vor allem die finnischen Könige der Humppa-Blasmusik Eläkeläiset zum Vorbild hat. Und wie zum Beweis dessen tauchte dann auch irgendwann bild- und klanggewaltig eine große Tuba auf. Gleich den coverwütigen Finnen schrecken Vladiwoodstok nicht vor dem klassischen Pop- und Rock-Erbe zurück. So stehen der „Alabama-Song“ von Brecht/Weill gleichberechtigt neben Edwin Collins` „Never known a girl like you before“, Mando Diaos „Dance with somebody“ und Madonnas „La Isla Bonita“ in einer Kastagnetten-Polka-Version.

    Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.
    Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

    Nach dem Warming-up im Bebel und einem nachmittäglichen Busausflug in den Spreewald – natürlich mit zünftiger böhmischer Blasmusik und Polkabegleitung von HORJANY und SCHÄNG PELLE – gab es am Samstagabend im Garten der Alten Chemiefabrik, die zum zweiten Mal Hauptaustragungsort der PolkaBeats war, endlich das lang ersehnte Zusammentreffen der POLKAHOLICS (USA) mit den POLKAHOLIX (D). Ein musikalisches Polka-Duell der ganz speziellen Art, das natürlich nur Sieger kannte. Nachdem die jungen, heimischen Lausitzer DIE FOLKSAMEN bereits das Cottbuser Partyvolk mit ihrem Polka-Ska und -Rock bestens eingestimmt hatten, betraten gegen 22:00 Uhr die drei Polkaverrückten der Chicagoer Band THE POLKAHOLICS als erste die große Bühne.

    Gitarrist und Sänger Dandy Don Hedeker, Bassist Blitz Linster und Schlagzeuger Stylin’ Steve Glover ließen von Beginn an keinen Zweifel daran, wer die wahren Meister des Polka Punks sind. In ihren Fifties-Fantasie-Kostümen mit Horn-Brillen und gut gefetteter Haartolle sahen sie zwar eher wie eine Rockabilly Fun-Band aus. Ihre Wurzeln liegen aber klar im von polnischen Einwanderern kreierten Chicago-Stil, einer Spielart der Polka, die ebenfalls in den fünfziger Jahren ihre Hochzeit erlebte. Heimliches Vorbild der POLKAHOLICS ist dann auch Walter Eward Jagiello, ein Chicagoer Polka-Hero, dem sie sogar eine ganze Polka-Oper gewidmet haben.

    Polkaholics (USA) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.
    The Polkaholics (U.S.) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

    Bei ihrem Cottbuser Auftritt mischten die drei jedoch im klassischen Gewand einer Rockband ihre Polka mit jeder Menge Punk-Beats und harten Gitarrenriffs, die nicht ganz unbeabsichtigt an Rockgrößen wie Deep Purple oder Led Zeppelin erinnerten. So tanzte und schwitze sich das Publikum auch bald mit an allen möglichen Körperteilen beklebten POLKAHOLICS-Stickern, die die Band zuvor freizügig verteilt hatte, durch die überwiegend rockige Setliste der Band. Und man hätte durchaus meinen können, der legendäre „Smoke on the Water“ ziehe an diesem Abend von der Spree herauf durch den Garten der Alten Chemiefabrik. Zum Schluss schwor Dandy Don noch die neu gewonnene Cottbuser Fangemeinde mit der eindrücklichen Forderung „Please don’t let the polka die!“ entsprechend ein. Seine Worte dürften angesichts der sichtbar um sich greifenden Euphorie auf besonders fruchtbaren Boden gefallen sein.

    Polkaholix (D) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.
    Polkaholix (D) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

    Leichtes Spiel also für den folgenden Headliner, die POLKAHOLIX aus Berlin. Sie brauchten nur da weiter zu machen, wo die Chicagoer aufgehört hatten. Denn auch die Band um Festivalleiter und Akkordeonspieler Jo Meyer und den Sänger Andreas Wieczorek vermag ähnlich stark missionierenden Weihrauch zu verbreiten. So brannten sie dann auch souverän ihr gewohntes Feuerwerk aus Rock’n’Polka, Ska, Punk und Berliner Gassenhauern ab. Nach mehreren Zugaben und einer musikalischen Verbrüderung der beiden PolkaholiCS/X-Bands auf offener Bühne mochte kaum jemand im Publikum wirklich an S.C.H.E.I.D.U.N.G. denken. Und wer danach immer noch nicht genug vom vielen Polken hatte, konnte die zuvor in den Konzertpausen erlernten Tanzschritte noch weit bis nach Mitternacht auf einer kleinen Bretterbühne am Rande ausprobieren. Ein rundum gelungenes Festival, das auch im nächsten Jahr seine Fortsetzung finden wird.

    Polkaholics und Polkaholix in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.
    Polkaholics + Polkaholix in der Alten Chemiefabrik.
    Foto: St. B.

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    Festivalsommer 2013 – Konzerte

    Festivalsommer 2013 – Theater

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  • Der Theatersommer 2013 geht in den Stadtraum – „King Bethel“ von Shakespeare im Park und „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras.

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    All Aboard / Einsteigen Bitte: „King Bethel“, eine Art Lecture-Performance am Rande des Görlitzer Parks über einen Eisenbahnkönig der Gründerzeit, die Wurzeln des Kreuzberger Stadtbezirks und die Macht der menschlichen Vorstellungkraft

    Henry Bethel, rail and pickle king!
    All flock to hear his hammer ring… (Shakespeare im Park)

    King Bethel Karte
    King Bethel I-III von
    Shakespeare im Park

    Seit drei Jahren nutzen die Macher von Shakespeare im Park bereits die weitläufige Kreuzberger Parkanlage zwischen Wienerstraße, Görlitzer Straße und dem Landwehrkanal als Spielwiese für ihre Performance-Theaterstücke, die sich bisher immer um eine Gestalt des Shakespeare‘schen Dramenkreises wie König Heinrich IV. oder Thomas Moore mit seinen Vorstellungen von der Insel Utopia drehten. Da sie im letzten Jahr mit ihrer wilden Performance „Utopia™ – Where All Is True“ Teilnehmern einer türkischen Feier in die Quere kamen, haben sie sich in diesem Jahr freiwillig an den Rand des Görlitzer Parks verzogen und stellen dort an der Parkmauer in einem Buddelkasten die Gründerzeitstory um den jüdisch-deutschen Eisenbahnkönig des 19. Jahrhunderts Bethel Henry Strousberg und damit ein gutes Stück Kreuzberger Geschichte nach.„King Bethel“ ist eine Art Lecture-Performance, in drei Teilen angelegt, die, thematisch gesehen, auch gut für sich allein stehen könnten. Verbindendes Element ist die historische, heute fast vergessene Figur des 1823 in Ostpreußen geborenen und in England aufgewachsenen, ideenreichen Gründers und Eisenbahnunternehmers Bethel Henry Strousberg (eigentlich Baruch Hirsch Strousberg). Er begann mit Hilfe guter Beziehungen zur preußischen Regierung und englischer Finanziers ab 1962 ein kleines deutsches Eisenbahnimperium aufzubauen. Man könnte auch sagen, Strousberg war einer der ersten und sehr erfolgreichen Lobbyisten in eigener Sache, der seine Beziehungen zur preußischen Regierung geschickt zu nutzen wusste, bevor er selbst in die Politik einstieg und Abgeordneter im damaligen Reichstag des Norddeutschen Bundes wurde. Heute verlaufen die Karieren deutscher Politiker eher andersherum.Das Interessante, und damit der wirkliche Link in die Gegenwart, ist aber die, für damalige Verhältnisse einfallsreiche Finanzierung seiner kostspieligen Eisenbahnbauvorhaben. Er bezahlte die ausführenden Generalunternehmer mit Anteilen an seinen Eisenbahnaktien, die jedoch weit überzeichnet waren und somit das vermeintliche Kapital seiner Gesellschaft künstlich aufblähten. Eine faule Finanzblase also, die einem heute auch nicht von ungefähr so aktuell erscheint. Nach dem Platzen der finanziellen wie politischen Träume in den 1870er Jahren verstarb Bethel Henry Strousberg in eher einfachen Verhältnissen 1884 in Berlin.

    King Bethel_Teil 1
    King Bethel. Das kleine Journal – Foto: St. B.

    Strousberg hatte aber auch eine durchaus fortschrittliche und soziale Seite an sich, die man nicht ganz unerwähnt lassen sollte. Er zahlte vergleichsweise gute Löhne, baute Arbeitersiedlungen in der Nähe seiner Fabriken und verkürzte die Arbeitszeit von seinerzeit 11 auf 10 Stunden pro Tag. Diese Ambivalenz eines einerseits an hochproduktivem Manchesterkapitalismus und dubiosen Finanzierungsmechanismen orientiertem Industriellen und andererseits eines am gesellschaftlichen Fortschritt interessierten Entwicklers ganzer Stadteile und überregionalen Infrastrukturen bietet genug Stoff für eine abendfüllende künstlerische wie auch politische und in Teilen nicht ganz unironische Betrachtung seitens der Macher von Shakespeare im Park. Jedes der drei Stücke nimmt sich dann auch eine ganz bestimmte Episode aus der bewegten Biografie Strousbergs zum Thema einer spielerisch didaktischen Performance mit viel Musik und regional spezifischem Bezug zum Spielort Görlitzer Park.Zu Beginn des 1. Teils, der am 10. August Premiere hatte, verteilt das Team (Katrin Beushausen, Maxwell Flaum, Alberto Di Gennaro und Brandon Woolf), in blaue historische Schaffnerkostüme gekleidet, „Das kleine Journal“. Ein Handzettel, auf dem anhand von Leitartikeln und in kleinen Randglossen die Story in groben Zügen nachlesbar ist. Innerhalb von ca. 45 min. entwickeln die Performer ein Bild des Mannes, um den es laut Titel dieser „ortsspezifischen Performance“ im Weiteren gehen wird. Und dazu werden in einem Buddelkasten am Rande des Görlitzer Parks mit Paletten und Metallstangen auch Schienen verlegt. Ein Prozedere, das sich an den folgenden Tagen immer wiederholen wird.

    King Bethel, Teil 1 Foto: St. B.
    King Bethel, Teil I – Foto: St. B.

    King Bethel Strousberg im weißen Frack, in der Gestalt des sonst stummen Musikers Leigh Jonathan Thomas, wird in einer Art Schatztruhe auf Rädern über diesen provisorischen Schienenstrang geschoben. Sein Leben entsteht in Erzählungen, Spielszenen und kleinen Moritaten wie dem „Choo, Choo Sham!“ (Eisenbahnschwindel), einer Art Präludium, das, auf einem kleinen Flügel vorgetragen, zum alles verbindenden musikalischen Hauptthema des Stückes wird. Es geht um die Anfänge Strousbergs, seine erste Maschinenfabrik in Hannover-Lenden und dem von ihm errichteten Musterstädtchen, das bei einer Art imaginierten Führung bildlich aus Pappe vor uns entsteht. Der Wohltäter King Bethel, der seine Nähe zu den Arbeitern betonte und sie sogar als „Schwingen des Kapitals“ bezeichnete, schloss das Werk in Hannover allerdings nach einer ersten Krise sofort und zog nach Berlin.

    King Bethel Teil II. Die kleine blaue Lokomotive - Foto: St. B.
    King Bethel, Teil II. Die kleine blaue Lokomotive – Foto: St. B.

    Hier finanzierte er mit Hilfe von Aktienverkäufen z.B. den Bau des Görlitzer Bahnhofs, baute die erste Markthalle und wurde von Friedrich Engels bereits zum neuen Kaiser von Deutschland geadelt. Der 2. Teil, der wie ein lustiger Kindertheaternachmittag beginnt, und von der Willenskraft der kleinen blauen Lokomotive aus einem gleichnamigen Kinderbuch berichtet, führt das Publikum spielerisch an die schwierig zu verstehenden Zusammenhänge und Finanzierungspraktiken Bethel Strousbergs heran. Es treten ein erster Gastarbeiter Mr. Spider und die schlauen Anwälte Herr Fuchs und Herr Igel auf, die Spider einen imaginären Phantasietaler überreichen. Dazu philosophiert Kant, der andere große Ostpreuße aus Königsberg und Experte für gesunden Menschenverstand, über die Vorstellungskraft und den Satz vom Widerspruch. Apriori oder a posteriori, mit der Kraft der Imagination und Phantasie lässt sich auch eine hohe Parkmauer bezwingen, wie dieser sehr unterhaltsame Nachmittag beweist.Im Teil 3 geht es dann noch um die globalen Unternehmungen Strousbergs. In einer fiktiv satirischen Rede des osmanischen Botschafters spricht Katrin Beushausen von den Bestrebungen des Eisenbahnkönigs um 1868 eine Bahn nach Istanbul zu bauen. Er nutzte dazu wiederum seine Beziehungen zum Haus der Hohenzollern, dessen Prinz Karl Eitel Friedrich Fürst von Rumänien war. Finanzierungsengpässe, Pfusch am Bau und der Russisch-Osmanische Krieg 1878-79, in dessen Ergebnis sich Rumänien unabhängig erklärte, lassen Strousbergs Expansionsträume jedoch platzen. Der Gründerkrach bringt ihn um 1879 dann schließlich ins Schussfeld nationalliberaler Reichstagsabgeordneter wie Eduard Lasker und Heinrich von Treitschke, die mit antisemitischen Ressentiments und entsprechenden Schriften Stimmung gegen die „Gier des Gründerunwesens“ und das „Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur“ machen. Treischkes Machwerk „Unsere Aussichten“ wird verteilt und das Team setzt sich Masken mit krummen Nasen auf.

    King Bethel, Teil III Foto: St. B.
    King Bethel, Teil III – Foto: St. B.

    Strousberg landet schließlich hinter Gittern und eine Pappeisenbahn geht in Flammen auf. Im letzten Teil der Trilogie überschlagen sich die Ereignisse etwas, was sich auch im leicht chaotischen Spiel der multilingualen Truppe bemerkbar macht. Die Fäden laufen nicht mehr so zielsicher zusammen, wie noch beim Bau der Spreewaldgurkenbahn. Und wie eine Bahnlinie mit den Stationen London, Berlin, Istanbul nicht an einem Nachmittag erbaut ist, so lässt sich selbst mit den Mitteln der Imagination in einem Stündchen Theater vergleichsweise wenig an Informationen unterbringen.

    Was in den letzten Jahren das Pfund war, mit dem die Truppe wuchern konnte, erweist sich nun vor den Mauern des Parks als großes Manko. Die Einengung auf ein beschränktes Areal, tut der schier grenzenlos, ausufernden Performance nicht immer gut. Ob es dem Mangel an Fördergeldern geschuldet ist, oder den in Kreuzberg allgegenwärtigen Mechanismen zwischen Migration, Integration und Verdrängung, die das Stück ja auch indirekt thematisiert. Egal, was das Performanceteam daraus machen, ist in jedem Fall sehenswert. Es ist den Machern von Shakespeare im Park auf jeden Fall zu wünschen, dass es auch im nächsten Jahr mit ihrem stadtteilerkundenden Spiel weitergeht.

    King Bethel. Der Musiker Leigh Jonathan Thomas - Foto: St. B.
    King Bethel. Der Musiker Leigh Jonathan Thomas – Foto: St. B.

    „Disconto is the New World Esperanto…”
    (Shakespeare im Park)

    Letzte Termine:

    Teil I: So, 25.8 (16h)
    Teil II: Sa, 24.8 (19h)
    Teil III: Fr, 23.8 (19h)

    Ort: Görlitzer Park, Berlin
    Wiener Str. Ecke Görlitzer Ufer,
    an der äußeren Parkmauer
    Der Eintritt ist frei.

    zur Livekritik

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    „Forest: The Nature of Crisis“ – Im romantisch verwunschenen Müggelwald lässt Constanza Macras die Krise tanzen.

    „In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in der Verbindung mit dem Ganzen steht.“ Johann Wolfgang Goethe

    Die Idee, die satten Kulturgroßstädter im Sommer raus aufs Land zu bringen, ist nicht neu. Es ist noch nicht allzu lange her, dass bei sogenannten Landpartien willige Bildungsbürger Berlins eingesammelt und mit Bussen nach Groß Leuthen, Neuhardenberg oder sonst wohin ins Brandenburgische gekarrt wurden. Meistens klingt das irgendwie nach romantischer Sommernacht in einem abgelegenen Wasserschloss mit angeschlossenem Park, wo feenhafte Wesen auf Ruderboten bei Fackelschein Goethe, Shakespeare, Nietzsche oder Selbstgedichtetes zur Laute deklamieren, während sich das geneigte Publikum am Ufer des Sees bei einem guten Tropfen Wein und Mitgebrachtem aus dem Picknickkorb niederlässt. Als Kontrastprogramm dazu gibt es moderne Kunst in alten ruinösen Gemäuern zu sehen. Das Ganze nennt sich dann Rohkunstbau, und findet immer noch in abgelegen Schlössern im Umland von Berlin statt. Dazu aber vielleicht später noch mehr.

    Der Müggelturm - Foto: (c) Andreas Steinhoff
    Der Müggelturm – Foto: (c) Andreas Steinhoff

    Nicht ganz so deliziös und leicht verdaulich ist die Kost, die uns ebenfalls ab dem 10. August die Choreografin Constanza Macras mit ihrer Tanzcompany „DorkyPark“ im Köpenicker Müggelwald auftischt. Sie bringt die allgegenwärtige Krise samt krisengeschütteltem Kunstpersonal in die Natur. Das nennt sich dann „Forest: The Nature of Crisis“ und stützt sich wohl auf die Theorie vom naturgegebenen Zyklus des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Das Gesetzmäßige dieses zyklischen Auf und Abs lässt sich schon bei Karl Marx nachlesen. Constanza Macras, sonst an der Schaubühne aktiv, interessiert sich nun für die Umsetzung dieser Bewegung in modernen Tanz. Wobei ihr das Gelände am Teufelssee um das stillgelegte Ausflugslokal Müggelturm eine kongeniale Umgebung zu sein scheint. Nur das dieses kriselnde ostdeutsche Vehikel eher eine wendebedingte Altlast darstellt, und nun in Zeiten des allgemeinen Investitionsstillstands wohl endgültig in seinem andauernden Dornröschenschlaf dahindämmern wird.

    Nun ist das Gelände wenigsten zeitweilig durch Musenkuss erweckt, und muss sich gleich einer ungewohnt hohen Anzahl nach Kunst gierender Eindringlinge erwehren, die mit Klapphockern, Taschenlampen und mehr oder weniger tauglichem Schuhwerk ausgerüstet, über die alten Waldwege trampeln. Einem Herdenauftrieb gleich strömt das Volk den Weg zum Müggelturm und zur ersten Station der Krisenperformance hinauf, während links im Wald die ersten Opfer gesichtet werden, die schreiend den Hang hinunter stürzen. Oben stehen Dixiklos. Erstaunlicherweise muss nur ich. Das Sturzbier beim Rübezahl-Biergarten am Müggelsee, der pünktlich um 19:00 Uhr schließt, drückt. Jetzt fängt es zu allem Übel auch noch an zu regnen. Das musste ja bei dem andauernden schönen Wetter mal so kommen. Erste Regenschirme werden aufgespannt, während wir an der Prinzessin auf der Erbse, die sich albtraumartig räkelt (sie drückt vermutlich eher der eingenähte Notgroschen), einem herumspringenden Zottelwesen und einem freundlich winkendem Menschen mit Wolfskopf vorbeigehen. „Es wird Ihnen nichts passieren.“ verspricht er fröhlich.

    Forest_Eingang
    Treffpunkt am Rand des Müggelwaldes zu „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras. – Foto: St. B.

    Da bin auch ich froh und ziehe den Reißverschluss meiner Regenjacke bis unters Kinn zu. Auf einer Waldlichtung sitzen einige der Performer und blasen auf Mundharmonikas Krisensound, während sich Tänzerinnen über den Waldboden drehen, winden und das Haar schütteln. Wir sind zweifellos bei Rapunzel angekommen, wie das Programmheft verheißt. Dazu singt schaurig schön eine Sängerin Schumannlieder, wie Heinrich Heines „Lotosblume“ („Der Mond, der ist ihr Buhle…“) und anderes. Ein Mondlicht ist leider nicht zu sehen. Dafür gibt es jetzt moderne Märchen vom armen Jazzdance Teacher und bösen ausbeuterischen Pizza Master sowie dem Schneewittchen, das heute eine Studentin aus Zaragossa ist, Drogen nimmt, sich für eine Eigentumswohnung schwer verschuldet und eine böse Stiefmutter mit Hang zur plastischen Chirurgie hat. Und der Apfel, der Schneewittchen vergiftet, ist zwar Bio, aber mit Quecksilber belastet. Da hilft wohl nur eine Rückkehr zu den Zeiten vor der großen Depression in den USA. Aber auch das kann Schneewittchen nicht wirklich erwecken. Das ultimative Ziel ist da ein starkes widerstandfähiges Ego, wie wir lernen.

    Die nächste Station lädt zu einem ebenfalls recht ironischen Ausflug in die Historie des John Law, einem Ökonomen und Banker der ersten Stunde, der, in England in Ungnade gefallen, Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankreich Papiergeld, Kreditwirtschaft- und Aktienhandel einführte und somit die wundersame Vermehrung von Reichtum. Irgendetwas scheint aber damals schon schief gegangen zu sein. Während heutzutage, auch ganz ohne Regen, ein Rettungsschirm nach dem anderen aufgeht, musste Law mal wieder das Land verlassen und verfiel dem Glücksspiel. Kommt einem trotzdem irgendwie bekannt vor. Sich regen, bringt Segen. Und wohl auch deshalb wird wieder getanzt und auf dem Klavier erklingt Richard Claydermans romantische „Ballade pour Adeline“, bevor wir mit dem gestörten Ökosystem der Großstädte, den globalisierten Wegen des Grünen Punkts und der Müllmafia, die unseren Plastikabfall im Indischen Ozean verklappt, konfrontiert werden. Voyage voyage oder der Mensch wird zum Survivalist in einer Welt aus giftigen Plastikgeräten. Thanks BP.

    Forest_Blockhaus2
    Im verwunschenen Müggelwald. „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras. – Foto: St. B.

    Vor der Ruine des Ausflugslokals am Müggelturm angekommen, haben derlei lehrreiche Abhandlungen dann erst mal Pause und die Truppe tanzt wild über den Betonparkplatz, während der Himmel die Schleusen weiter öffnet. Wohl auch deshalb geht es ziemlich schnurstracks zur letzten Station von Constanza Macras „Tour de force de la crise dans marche de la nature“ durch den mittlerweile ziemlich dunklen und rutschigen Müggelforst. Vom Teufelssee her winken feenhafte Gestalten. Das kennt man ja schon als alter KulTourist, und streut schon mal vorsichtshalber Kiesel auf den Weg, um den Abzweig zur Straße nicht zu verfehlen. Auf einer erleuchteten Waldlichtung sitzt eine Performerin und erzählt dann tatsächlich die Geschichte von Hänsel und Gretel, nur unter ganz anderen Vorzeichen, als noch bei den Brüdern Grimm. Die zwei werden hier von der Stiefmutter zum Betteln nach Buenos Aires gebracht und merken sich den Rückweg an den vielen Werbeplakaten. Als die in Folge der Krise immer mehr aus dem Stadtbild mit seinen Häuserschluchten verschwinden, treffen unsere hungrigen Kids wieder auf den Pizza Master und Hänsel übernimmt, nachdem er aus diesem Traum erwacht, einen Job als Pizzabote und Gretel als Mädchen für alles. Und wenn sie nicht gestorben sind, werden sie bestimmt in nicht allzu langer Zeit reich sein.

    Wie um diese ironische Aussicht zu brechen, bewegt sich der ganze Pulk der Performer noch einmal in verstörenden Choreografien der Anziehung und Abstoßung, einem nicht enden wollenden Auf und Ab der krisengeschüttelten Körper. Dazu spielt die Live-Band 80er-Jahre-Rock und Wave-Musik bis die düstere Ballade vom Erlkönig die Show beendet. Und da gibt es tatsächlich nicht mehr viel zu sagen, wie eine Frau im Regen allein am Flügel konstatiert. Der Städter ist wieder mit sich allein und kämpft sich den dunklen Waldweg in Richtung Zivilisation zurück, die er spätestens an der Straße wieder erreicht hat. Und auch wenn die Krise hier recht leicht abperlt, wie der flüchtige Regen, und vorerst abgeschüttelt scheint, wird einiges der Performance sicher noch nachwirken. Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht…

    Rübezahl - Foto St. B.
    Rübezahl.
    Foto: St. B.

    Darauf schwiegen die Vögelein im Walde.
    Über allen Wipfeln ist Ruh
    In allen Gipfeln spürest du
    Kaum einen Hauch.

    Bertolt Brecht nach Goethes „Ein Gleiches“

    Siehe auch die Livekritik vom 16.08.13

    Keine weiteren Termine mehr in Berlin.

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  • Festivalsommer 2013 (4) – Shakespeare, Brecht, Molière und Co. in den Open-Air-Theatern in und um Berlin. (Teil 1)

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    „die engländer und franzosen haben nach dem 17. jahrhundert nur noch die komödie, die deutschen haben sie im 19. jahrhundert noch nicht.“ Bertolt Brecht

    Das Angebot an Open-Air-Theater ist in diesem Jahr so vielgestaltig wie selten. Und man kann dem schönen Wetter nur danken, dass es einem genügend trockene Abende gönnt, die man bei erfrischender Theaterkunst und leichter Komödie im Freien verbringen kann. Ein buntes Menü an Komödien ist es auch meist, was man da bevorzugt vorgesetzt bekommt. Vor allem Molière, Goldoni und natürlich Shakespeare eignen sich am besten, das vergnügungswillige Volk bei der Stange zu halten. Aber auch die sogenannten Königsdramen des auf deutschen Bühnen meistgespielten elisabethanischen Dichters bieten mitunter ein nicht geahntes komödiantisches Potential. Eine Frage stellt sich dabei in erster Linie sofort: Darf man das?

    Richard III! von der Shakespeare Company Berlin im Naturpark Schöneberger Südgelände – Ein Wahnsinns-Solo mit Schlagzeugbegleitung für den Schauspieler Andreas Petri.

    Shakespeare in Grün. Eingang zum Naturpark Südgelände. Foto: St. B.
    Shakespeare in Grün. Eingang zum Naturpark
    Schöneberger Südgelände. – Foto: St. B.

    Wenn man es wie die Berliner Shakespeare Company macht, lautet die Antwort unbedingt: Ja! In ihrem Domizil im Naturpark Schöneberger Südgelände bietet das Ensemble um den künstlerischen Leiter Christian Leonard neben den üblichen Komödien-Highlights in diesem Jahr auch mit „Macbeth“ und seit dem 31. Juli mit „Richard III!“ zwei der blutigsten Dramen, voll von machthungrigen, intriganten und gedungenen Königsmördern. Ein Manko bei den nicht gerade kurzen und an Rollen überreichen Shakespearestücken ist das meist begrenzte Schauspielpersonal der recht kleinen Open-Air-Ensembles. Gerade diese Not macht sich die Shakespeare Company nun zur Tugend. Der Schauspieler Andreas Petri bestreitet das Drama einfach im Alleingang. Ihm zur Seite stehen nur noch ein Musiker (Matthias Trippner), zwei Schlagzeuge, diverse recht einfach zu handhabende Requisiten und ein unbestreitbar komödiantisches Talent zur schnellen Verwandlung.

    Verstellung ist es auch, was den Schurken Richard, Herzog von Gloster und drittgeborener Sohn des Dukes of York vor allem ausmacht. Sowie sein unbedingter Wille zur Macht, koste es was es wolle. Das 1597 von Shakespeare geschriebene Drama „Richard III.“ steht am Ende einer vierteiligen Folge von Königsdramen, genannt die „Yorktetralogie“ oder auch „Die Rosenkriege“, was selbst gekürzt am Stück gespielt in etwa einen Tag in Anspruch nehmen würde. Es stellt das Ende des Hauses York im Kampf gegen das Haus Lancaster dar und den Beginn einer bis hin zu Elisabeth I. zu Lebzeiten Shakespeares reichende Zeit der Tudors. Entsprechend harsch geht die Geschichte auch mit dem unterlegenen Geschlecht der Yorks um. Die Krönung im wahrsten Sinne des Wortes stellt der „blutige“ Richard dar.

    Richard III! von der Shakespeare Company - Foto: René Löffler
    Richard III! von der Shakespeare Company Berlin
    Foto: © René Löffler

    Ein Ruf, der ihn bis in unserer Zeit verfolgt und erst mit der Auffindung der Gebeine „Richards III.“ jüngst unter einem Parkplatz in Leicester mal wieder etwas relativiert wurde. Eine von dessen unbestreitbaren Eigenschaften nimmt sich jedoch die Shakespeare Company zum Thema. Und zwar die niemals endende menschliche Gier nach Macht und Machterhalt, dargestellt als teuflischer Spaß am Morden. Richard, einer der Urväter des Bösen, der in uns schlummernden schwarzen Seele, möchte man meinen. Denn Leichen pflasterten buchstäblich seinen Weg zur Krone Englands. Über 500 Jahre ruhte seine Leiche unter dem mit Geschichte und Geschichten beladenen Pflaster eines Parkplatzes und somit mitten unter uns. (Auszüge nachzulesen im Programmheft zur Inszenierung der polnischen Regisseurin Iwona Jera.)

    Es setzt einiges an Stückkenntnis voraus, wenn man den Windungen und Volten der hier dargebotenen Story folgen will. Shakespeare macht es uns auch im Original nicht gerade leicht. Auf das Wesentliche gekürzt, lässt sich die Handlung des Stückes nicht mehr ohne weiteres nachvollziehen. Zum besseren Verständnis zählt Andreas Petri zu Beginn erst mal alle Figuren des Dramas mit Paukenschlag auf. Nebst einem Hund, einem Entenschwarm und natürlich einem Pferd, was Petri dann im Folgenden auch tatsächlich sehr witzig in die Inszenierung einbaut. Der eigentlich missgebildete Richard ist bei Petri allerdings kein finsterer, buckliger Hinkefuß, sondern ein sehr wendiger und geschmeidiger Intrigant im schwarzen Hemd, der seine Umgebung geschickt zu manipulieren weiß und sein Ziel, im Eingangsmonolog erklärt, stringent verfolgt. Er ist dabei selbst „gewillt, ein Bösewicht zu werden.“ Erste Opfer seines Griffs nach der Krone sind die Brüder Clearence, ein tumber Stotterer, und König Edward IV., den Petri als bräsig larmoyanten Schwächling mit Stoffhut unter der Krone spielt. Der eine endet im Wassereimer, der andere stirbt bei der Überbringung der Todesnachricht röchelnd am Herzinfarkt.

    Richard III-2
    Andreas Petri in „Richard III!“
    Shakespeare Company
    Foto: © René Löffler

    Und so geht es weiter. Petri springt von einer Rolle in die nächste, schwitzt, stammelt, lispelt oder setzt die Worte pointiert. Zeigt Wendigkeit und Verstellungskraft, um alle anderen Figuren des Dramas im schnellen Wechsel der Requisiten mit Hut, Halskrause, Umhang oder Badekappe darzustellen. Die Lords Hestings, Rivers, Buckingham, Boten, den Bürgermeister von London oder den Mörder Tyrell, er hat sie alle drauf, gibt jeder Figur ein ganz spezielles Gepräge. Erscheinen sie dabei wie austauschbare Knallchargen, sind sie doch vor allem auch Geschöpfe Richards Manipulation, befinden sich in seiner Hand und springen dabei früher oder später über seine Klinge. Einem Beatstick, den Petri kräftig am Schlagzeug einsetzt, gegen seine Feinde oder auch verschlagen bei der Werbung um seine künftige Gemahlin Lady Anna. Das eine zu besitzen, um es zu behalten, das andere um es bei nächster Gelegenheit schnell wieder loszuwerden.

    Eine kleine rollbare Showtreppe ist Thron, Richtblock oder Gepäckwagen bei der Ankunft der beiden kleinen Prinzen, die ihren Onkel foppen und von ihm herzig in die Wange gekniffen werden. Nach dem Mord an ihnen ist der Weg frei. Nach einer kurzen Pause wird ein roter Teppich ausgerollt und unter Trommelwirbel besteigt Richard, nun im roten Hemd, den Thron und setzt sich die goldene Pappkrone auf. Das Ende ist bekannt. Auch er wird verraten werden und stürzen. Der neue König Richmond steht schon bereit. So hetzt denn Petri durch den Stoff, und bei allem Spaß daran, will uns nicht wirklich aufgehen, worauf dieses Wahnsinns-Solo hinauslaufen soll, außer auf eine Spielwiese für einen begnadeten Komödianten.

    Weit Anlauf genommen und doch etwas zu knapp gesprungen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Etwas zu kurz gekommen sind auf jeden Fall die Frauenrollen. Wie auch in der ein- oder anderen Szene etwas mehr drin gewesen wäre, als nur ein gut gemachter Slapstick. Die Witwe Heinrichs des VI., Margarete von Anjou, ist gar gänzlich gestrichen. Was uns um die einzige Figur bringt, die nicht einfach Richards Täuschungen verfällt, und ihn letztlich mit dem Fluch belegt, der ihm auch hier noch einmal kurz vor seinem Ende alle seine Opfer im Traum erscheinen lässt. „Denk‘ in der Schlacht an mich … Verzweifl‘ und stirb!“ Und auch das berühmte Pferd nimmt noch unerwartete Gestalt an, bevor Richard fällt und sich mit einem neu hineingeschmuggelten Schlussmonolog von Martin Engler verabschiedet. „Alles Blut getrunken ward. Trinkt auf mich, / Auf meine Braut Vernichtung. / Bis nur Reinheit bleibt.“ Bei einem guten Glas Rotwein danach, lässt sich trefflich darüber sinnieren. In diesem Sinne, Prost und Amen!

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    Die nächsten Termine für
    RICHARD III!

    • 11.08.13, 19:00 Uhr
    • 12.08.13, 20:00 Uhr
    • 25.08.13, 19:00 Uhr
    • 26.08. und 27.08.13, 20:00 Uhr
    • 08.09.13, 19:00 Uhr
    • 09.09. und 10.09.13, 20:00 Uhr
    • 16.09.2013, 20:00 Uhr

    Zur Livekritik von RICHARD III!

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    Hans im Glück – Das Ton und Kirschen Wandertheater spielt die Fragment gebliebene Parabel von Bertolt Brecht auf einer Wiese an der Havel in Werder.

    In der bewegten Luft
    bewegt der Mond seine Arme
    und zeigt, schlüpfrig und rein,
    seine Brüste aus hartem Zinn.

    aus: „Romance de la Luna, Luna” von Federico Garcia Lorca

    Der Mond hat es den Machern des Ton und Kirschen Wandertheaters besonders angetan. Noch vor zwei Jahren gastierten sie mit dem Stück „La Luna, Luna“, über den spanischen Lyriker und Dramatiker Federico Garcia Lorca in der UfaFabrik Berlin. Der Mond (La Luna), im spanischen weiblich, steht bei Lorca einerseits für die Liebe anderseits auch für den Tod („La luna y la muerte“), ein antropomorphes Wesen mit elfenbeinernen Zähnen. „Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“, sagt der Hans aus der neuen Produktion des Ton und Kirschen Wandertheaters „Hans im Glück“, bevor er selbst sein Leben dran gibt. Am Ende der Inszenierung des Brecht-Fragments fliegt eine Gans aus Blech durch eine rostige Mondscheibe. Die Träume des naiven Glückssuchers haben sich nicht erfüllt.

    Der junge Brecht - Foto: Staats-und-Stadtbibliothek-Augsburg
    Der junge Brecht
    Foto: Staats-und-Stadtbibliothek-Augsburg

    Aber nicht nur in Sachen Mond, so scheint es, bestehen Parallelen zwischen Lorcas Lyrik und den Werken des jungen Brecht, der sich mit 22 Jahren an der Adaption des bekannten Märchens der Gebrüder Grimm versuchte. Lorcas Dichtung und seine Dramen stehen stark in der Tradition der Geschichte des spanischen Volkes und setzen sich mit deren Mythen und Märchen auseinander. Auch Brecht experimentierte immer wieder mit den Elementen des Volksstücks. Es kam ihm aber nicht darauf an, einfach nur besonders volkstümlich zu sein, sondern wahrhaft volkstümlich zu werden. Dabei räumte Brecht mit dem falschen Pathos des Volkstümlichen auf und befreite den Begriff von allem unhistorischen Traditionalismus. „Das Volk, das die Dichter, einige davon, als seine Sprechwerkzeuge benutzt, verlangt, daß ihm aufs Maul geschaut wird, aber nicht, daß ihm nach dem Maul gesprochen wird.“ Volkstümlich bedeutete für Brecht: „…den breiten Massen verständlich, ihre Ausdrucksform aufnehmend und bereichernd / ihren Standpunkt einnehmend, befestigend und korrigierend / den fortschrittlichsten Teil des Volkes so vertretend, daß er die Führung übernehmen kann,…“ (aus: Schriften zum Theater IV).

    Hans (Rob Wyn Jones) und die Gans. Foto: St. B.
    Hans (Rob Wyn Jones) im Glück. – Foto: St. B.

    Diese Intension scheint sich für ihn bei dem Versuch, den Märchenstoff der Brüder Grimm zu einer Parabel umzuarbeiten, so nicht erfüllt zu haben. Er gab die Arbeit daran schließlich auf. „Hans im Glück mißlungen, ein Ei, das halb stinkt.“, lautet das eigene, vernichtende Fazit in Brechts Tagebuchaufzeichnungen. Mit dem Volksstück setzte sich Brecht dann wieder in seinen Schriften zum Theater sehr ausführlich und kritisch in Zusammenhang mit der Entstehung des Stücks „Herr Puntila und seich Knecht Matti“ auseinander. Sein früher Versuch „Hans im Glück“ aus dem Jahr 1919 ist aber durchaus das Unterfangen einer Inszenierung wert. Handelt es sich doch hierbei um einen ziemlich guten Mix all dessen, was den jungen Brecht damals umtrieb und sich in seinen frühen Werken mal besser oder schlechter niederzuschlagen suchte.

    Besonders vom derb frivolen Ton der sketchartigen Einakter wie „Die Kleinbürgerhochzeit”, „Er treibt einen Teufel aus“ und „Der Fischzug“, sowie dem bauernschlauen, der parabelhaften „Der Bettler oder Der tote Hund“ und „Lux in Tenebris“ ist das Stück förmlich durchdrungen. Auch sind der Einfluss Karl Valentins und die Verehrung Brechts für den Münchner Komiker deutlich spürbar. Bei all dem volksnahen, märchenhaften Charakter von „Hans im Glück“ verliert Brecht aber nie den Blick für die Realität. Er dekonstruiert geschickt die schöne Mär vom glücklichen Hans, der sich nach und nach von alle seinen Besitztümern befreit. Was jedoch am erstaunlichsten ist, auch das Ungestüme und Expressionistische des „Baal“, an dem Brecht 1919 parallel arbeitete, zeigt sich im Schicksal von Hans, der zum Ende seines Runs nach Glück, Freiheit und Freundschaft unter die Diebe und Halsabschneider fällt. Eine ganz zeitlose Geschichte, mit vielen kleinen versteckten Wahrheiten. Ein wahrhaft faules Ei, das es neu auszubrüten gilt.

    Hans im Glück_Kapelle
    Hans im Glück – Ein wundersame Mischung aus Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater und Musik. – Foto: St. B.

    Für das Ton und Kirschen Wandertheater ist das genügend Futter für eine ihrer typischen Inszenierungen aus einer Mischung von Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater, Musik, Bühnenbild- und Objektkunst. Auf einer Wiese neben der Havel in Werder sind eine kleine Bretterbühne mit Stühlen und Blümchentapetenwand, die Hans‘ Behausung darstellen, sowie im Hintergrund ein Portal mit Blechvorhang aufgebaut. Hans (Rob Wyn Jones) lebt hier eigentlich recht zufrieden mit seiner Frau Hanne (Tanja Watoro), bis ihm von einem schlauen Reisenden und Schürzenjäger (Richard Henschel), dessen Pferd er beschlägt, erste Zweifel ein- und die Frau abgeschwatzt werden. Auch so lebt es sich noch ganz gut in den Tag hinein. Später tauscht Hans dann bei fahrenden Händlern sein Haus gegen einen alten Campinganhänger und die Freiheit in die Welt ziehen zu können.

    Hans im Glück_Rob Wyn Jones als Hans und der Freund (David Johnston)
    Rad oder Rat? – Rob Wyn Jones als Hans und David Johnston als der Freund. – Foto: St. B.

    Doch auch auf seiner weiteren Reise wird der gutmütige, naive Hans, der am liebsten anderen stundenlang beim Geschichtenerzählen zuhören würde, weiter übervorteilt und verliert seinen Schimmel an einen vermeintlichen Freund (David Johnston), bis er schließlich an eine geschäftstüchtige Marketenderin (Margarete Biereye) gerät, die seine Arbeits- und Manneskraft schamlos ausnutzt. Mit einfachsten aber erstaunlich wirkungsvollen Mitteln lassen Ton und Kirschen die einzelnen Szenerien fast aus dem Nichts entstehen. Dabei werden in geradezu zirzensischer Manier die Bühnenbilder auf- und wieder abgebaut.

    Als dann auch noch seine, von dem Reisenden verlassene und nun schwangere Hanne wieder auftaucht, tauscht Hans für seine hungernde große Liebe das Karussell gegen eine Gans. Und während er sich noch an der Sonne und seiner fetten Gans erfreut, geht Hanne bereits ihrem düster poetischen Ende im schwarzen Fluss entgegen. All das kann Hans nicht wirklich erschüttern, ist er doch ganz durchdrungen von der ihm eingepflanzten Philosophie der Schatten- und Sonnenseiten des Lebens. Und so verschenkt er auch noch schnell seine Jacke, denn Gottes Erbarmen ist mehr wert, als ein alter Rock. Gans und Freiheit gehen schließlich für das nackte Leben drauf, was Hans, nun selbst auf der Flucht, schließlich auch noch drangibt.

    Hans im Glück_Das Ende
    „Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“ – Foto: St.B.

    Ton und Kirschen spielen das als zauberhaften Reigen. Einen beschwingten Tanz um Leben und Tod, ganz ohne den Brecht‘schen Zeigefinger, aber mit viel Witz. Alle Darsteller zeigen hier ein lebendiges Theater, was immer in Bewegung ist. Ein „Perpetuum Mobile“, wie treffend eines ihrer erfolgreichsten Stücke heißt. Ihr Leben besteht dann auch ganz aus der Arbeit für dieses Theater. Ein Theater für alle, nicht nur für ein elitäres Publikum, wie es die Macher selbst bezeichnen. Und so war es wohl auch nur eine Frage der Zeit, dass das Ton und Kirschen Wandertheater zwangsläufig auf den jungen noch „volkstümlichen“ Brecht stoßen musste. Eine durchaus befruchtende Liaison, die geradezu nach einer Fortsetzung verlangt.

    Tourdaten:

    09.08. Burgpark, Burg Lenzen, 20:00
    10.08. Langerwisch, Vorwerk, Neu Lagerwisch 6b, 20:00
    24.08. Theater am Rand in Zollbrücke, Oderaue, 20:00
    25.08. Friedenfelde (Uckermark), Salon im Gutshaus, 16:00
    18./19.10. (20:00), 20.10. (16:00), 25./26.10. (20:00 Uhr), 27.10. (16:00) Fabrik Potsdam
    02.11. Werder/Havel, Scala Kino, 20:00 Uhr

    http://tonundkirschen.de/page/

    zu Teil 2

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  • Das ganze Leben (usw.)

    So ist das Leben
           Sprach er munter
                Mal geht es rauf
           Dann wieder runter
    So wie das Wetter
           Sprach er weiter
                Mal ist es wolkig
           Dann wieder heiter

                Erst bist du jung
           Dann wirst du älter
    Noch ist dir heiß
           Bald immer kälter
                 Erst volles Haar
           Dann eine Glatze
    Schön dein Gesicht
           Bald ist es Fratze

    Was einstmals glatt
         Bekommt nun Falten
                        Zwecklos
                            Sprach er
                          Es aufzuhalten
                   Am Anfang schmal
             Dann immer breiter
        Gehst du durchs Leben
    usw. …

    Max_und_Moritz_(Busch)_Onkel FritzeBild: W. B.

    Text: St. B.

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  • Festivalsommer 2013 (Teil 2) – Avanti Popolo… Das Volk tanzt wieder Folk beim 23. TFF in Rudolstadt.

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    tff13_Heidecksburg tff13_Burgstiege

    Auch 2013 ging`s wieder öfter hoch zur Heidecksburg und wieder runter in die Stadt.

    tff13_Handwerkerhof
    Blick vom Handwerkerhof zur Heidecksburg am Abend.

    In etwas verballhornend abgewandelter Form prangte das Motto des 23. Festivals für Folk- Roots- und Weltmusik auf unzähligen T-Shirts, die wie immer an der Folkbude am Markt in Rudolstadt käuflich zu erwerben waren. Man hatte sich das wohl bei typisch italienischen Designer-Polos abgeschaut und das Heimatland der Mode sowie des Arbeiterliedes „Bandiere rossa“ auch gleich zum aktuellen Länderschwerpunkt erkoren. Der immer vorwärtsgewandte Folktyp tritt ja alljährlich Anfang Juli in Rudolstadt, um noch etwas weiter zu kalauern, zumeist in Rudeln auf und geht triumphierend in all seiner Pracht und Vielfalt zum Angriff auf das kleine thüringische Städtchen über.

    Avanti Popolo also – Vorwärts zu neuen Ufern der Welt- und alten Wurzeln der Volksmusik! Und was lege näher, als damit mal wieder darauf hinzuweisen, wo Lied und Tanz tatsächlich wurzeln. Nämlich im originären Volk, das neben der Arbeit auch schon immer zu feiern wusste. Gegenwart und Zukunft sind nicht ohne den Rückblick in die Tradition denkbar. Zumindest so ähnlich sieht es auch die Ehrenruth-Preisträgerin und deutsche Tanzlegende Eva Sollich. Und genau deshalb findet sich das Folk- und Weltmusikvolk auch immer wieder zu den mittlerweile schon vier tollen Tagen hier in Rudolstadt ein.

    Der Donnerstag

    Souad Massi am Donnerstag auf der Großen Bühne im Heinepark.
    Souad Massi auf der
    Großen Bühne im Heinepark.

    Dabei ist das TFF-Banner nicht einfach nur einfarbig rot. Denn das Festival hat sich, wie bereits erwähnt, die Vielfalt auf die Fahne geschrieben. Und bunt ging es dann auch gleich zur Eröffnung am Donnerstagabend mit drei Acts aus vier Ländern im Heinepark los. Den Anfang auf der Großen Bühne machte die algerische Sängerin und Gitarristin Souad Massi, die seit Ende der 90er Jahre in Frankreich lebt und mit ihrer Band traditionelles arabisches Liedgut mit Folk-Balladen und französischen Chansons mischte. Mit der Macht ihrer Stimme sang sie sogar die einzigen echten Regenwolken des Wochenendes weg.

    tff13_Tiger Lillies
    Martyn Jacques von den
    Tiger Lillies.

    Düster-witzig ging es danach auf der Konzertbühne weiter. Die Tiger Lillies aus Großbritannien luden zu einer ihrer berühmt berüchtigten Shows. Martyn Jacques trug seine schrägen Balladen wie immer am Akkordeon mit hoch-sonorer Stimme in Begleitung des neuen Schlagzeugers Adrian Huge und Adrian Stouts singender Säge vor. Altbekanntes stand dabei neben neuen Songs aus ihrem Doppelalbum „Hamlet“ über Shakespeares schwermütigen Dänenprinzen. Thematisch hatten sich die Briten ja bereits mit dem deutschen Struwwelpeter (Shockheaded Peter) und Georg Büchners Woyzeck auseinandergesetzt.

    The Tiger Lillies nach ihrer Show auf der Konzertbühne im Heinepark.
    The Tiger Lillies nach ihrer Show auf der
    Konzertbühne im Heinepark.

    Nach dem Absolvieren des Sets und einiger vom Publikum enthusiastisch eingeforderter Zugaben baten die drei schwarzhumorigen Künstler am Rande der Bühne noch zu einer lockeren Autogrammstunde mit Fotosession. Den Abend beschloss gegen Null Uhr die Hippiefraktion mit dem Singer Songwriter Edward Sharpe und seinem Magnetic Zeros aus Los Angeles, California. Durchaus keine Nullnummer zur späten Stunde.

    Der Freitag

    Cajun Roosters im Tanzzelt im Heinepark.
    Die Cajun Roosters im Tanzzelt im Heinepark.
    Melina Kana auf der Heidecksburg.
    Melina Kana auf
    der Heidecksburg.

    Am traditionellsten geht es aber immer noch im Tanzzelt im Heinepark zu. Bei italienischer Tarantella, sardischen Akkordeon- und Flötentönen, Cajun oder Blasmusik aus Dänemark vergnügte sich auch diesmal das tanzwütige TFF-Volk. Die dazugehörigen Bands wie die Sonadores, die Cajun Roosters oder Habadekuk fanden wie immer schnell ihr begeisterungsfähiges Publikum. Und auf der großen Bühne des Heineparks gab sich die finnische Folkband Frigg am Freitagnachmittag ein geigenlastiges Stelldichein zum Tanz. Überhaupt waren die für skandinavische Bands typischen Fiddler wieder zahlreich vertreten.

    Das Magische Instrument, das seine Heimat mittlerweile auf der Bühne der Burgterrasse gefunden hat, war aber in diesem Jahr die Flöte. Die „Magic Flutes“ setzten sich aus immerhin 9 Virtuosen aus 9 Ländern mit ihren zahl- und variantenreichen Flöteninstrumenten zusammen. Komplettiert wurde ein wieder eher ruhiger Tag auf der Burg mit einem wunderschönen klassischen Fado-Konzert der portugiesischen Sängerin Carminho begleitet von den Thüringer Sinfonikern auf der Großen Bühne und der griechischen Rembetiko-Sängerin Melina Kana, die beide für die stimmungsvollsten und auch stimmlich größten Höhepunkte des Freitags sorgten.

    Enzo Avitabile & Bottari di Portico im Heinepark
    Enzo Avitabile & Bottari di Portico
    im Heinepark.

    Im Heinepark geht es dagegen für gewöhnlich musikalisch etwas aufregender ab. Hier wechselt das Partyvolk im wesentlich schnelleren Takt zwischen Großer und der kleineren Konzertbühne lustig hin und her. Erst tanzte man zu kolumbianischer Cumbia mit Ondatrópica auf der Konzertbühne und zum Ende des Freitagabends schlugen dann noch die italienischen Trommler von Bottari die Portico um den Sänger Enzo Avitabile auf der Großen Bühne auf ihre schweren hölzernen Weinfässer ein. Der brachiale Sound brachte dabei selbst die bereits etwas müden Glieder im Publikum wieder zum Zucken.

    Der Samstag

    Maria Sadovska auf der Burg.
    Maria Sadovska auf der Burg.

    Der Samstag stand wie immer ganz im Zeichen der Ruth-Verleihung auf der Heidecksburg. Der Weltmusikpreis des Festivals wurde etwas umstrukturiert und in vier neuen Kategorien vergeben. Neben der eingangs erwähnten Eva Sollich, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, bekam die in Köln lebende Ukrainerin Mariana Sadovska den Hauptpreis. Eine Multi-Künstlerin in den Bereichen Komposition, Instrument, Gesang und Performance, die sich insbesondere um die Verbindung von traditioneller ukrainischer Volks- mit moderner Popularmusik verdient gemacht hat. Am Klavier stellte sie einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Solo-Programm „Odessa-Underground“ vor.

    Das Lao Xao Trio auf der Burg.
    Das Lao Xao Trio auf der Burg.
    Das Ravichandra Kulur Trio auf der Burgterrasse.
    Das Ravichandra Kulur Trio
    auf der Burgterrasse.

    Der Förderpreis ging an das Lao Xao Trio aus Dresden, das traditionelle vietnamesische Liebeslieder mit Jazz kreuzt und in Khanh Nguyen eine bezaubernde Stimme dafür gefunden hat. Der Jazz steht auch im Namen der Truppe um Sänger Cappuccino, die zum 20. Bandjubiläum die TFF-Ruth serviert bekamen. Das in der Jazzkantine nicht nur kalter Kaffee ausgeschenkt wird, bewiesen die Braunschweiger dann mit ihrem Gedeck aus Bigbandjazz, Reaggae, Rap und Soul. Sie meditierten darüber was eigentlich heute Heimat bedeutet und hatten sogar ein paar deutsche Volkslieder wie „Kein schöner Land“ oder „Wenn ich ein Vöglein wär“ in ihrem musikalischen Menü inklusive.

    Das Keimzeit Akustik Quintett auf der Burg.
    Das Keimzeit Akustik Quintett auf der Burg.

    Jazzige Klänge im weitesten Sinne standen eigentlich bereits den ganzen Tag im Mittelpunkt der Konzerte auf der Burg. Nachdem die Brandenburger Kultband Keimzeit um Sänger Norbert Leisegang und Geigerin Gabriele Kienanst ein Akustikset ihrer bekanntesten Songs auf der großen Bühne dargeboten hatte, gab es nach Carminho und Melina Kana auf der Burgterrasse weitere Frauenpower mit Dotschy Reinhardt. Die Jazzsängerin und Sinteza aus der großen Familie des Jazzgitarristen Django Reinhardt spielte mit ihrem Sextett auf der Suche nach den indischen Wurzeln der Sinti Stücke aus ihrem neuen Album „Pani Sindhu“ und sprach über ihre Kindheit und die Geschichte ihrer Familie. Indisch ging es auch weiter mit dem Ravichandra Kulur Trio unterstützt durch den Shehnai-Spieler Sanjeev Shankar. Ein musikalisches Duett zweier Flöten-Virtuosen und auch Duell zweier begnadeter Perkussionisten.

    Dotschy Reinhardt auf der Burgterrasse.
    Dotschy Reinhardt auf der Burgterrasse.

    Am Abend gab es auf der Burgterrasse noch ein unbedingtes Muss mit dem rumänischen Balanescu Quartett, das klassische Musik mit modernen Klängen mischt und auch geniale Coverversionen der deutschen Elektropop-Pioniere Kraftwerk wie „Model“ und „Computerliebe“ in ihrem Best-Of-Programm hat. Den Samstagabend konnte man dann wieder beschwingt im Heinepark beschließen. Auf der Konzertbühne rappten die beiden Gwisdek-Brüder Robert und Johannes als Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi Texte vom Hypothalamus über die Hypophyse bis ins Knie.

    Robert Gwisdek ist Käptn Peng.
    Robert Gwisdek ist Käptn Peng.

    Den deutschen Filmpreis schnappte dem Schauspielersohn Robert zwar sein Vater Michael weg. Dafür feierte dieser jetzt mit seinem Wortkaskaden-Rap und Funky-Beats große Erfolge beim zahlreich erschienen jungen Publikum in Rudolstadt und ist ab 8. August als gestresster Jungregisseur in dem Kinofilm „Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ zu sehen. Alle Altersgruppen in Trance vereint konnte man dann an der Großen Bühne bei genialem Dub-Reggae und Elektrobeat von Fat Freddy’s Drop aus Neuseeland sehen.

    Fat Freddy's Drop im Heinepark.
    Fat Freddy’s Drop im Heinepark.
    Noemi Waysfeld & Blik auf der Burgterrasse.
    Noemi Waysfeld & Blik auf der Burgterrasse.

    Der Sonntag

    Während am Sonntagmorgen einige auf dem dicht besiedelten Zeltplatz an der Saale neben dem Heinepark bereits wieder an den Aufbruch in Richtung Heimat dachten, stürzten sich andere noch einmal ins Getümmel, um auch den letzten Tag noch einmal bei Musik und Tanz zu genießen, im Park oder der Innenstadt zu schlendern und zu schauen oder einfach nur auf einer der vielen sonnigen Wiesen zu chillen. Auf der großen Marktbühne schafften sich die vier österreichischen Beatboxer von Bauchklang oder gaben die Damen der französischen  Band La Mal Cofiffée ein A-Capella-Konzert. Und auf der Burgterrasse gab es noch Klezmer mit Noemi Waysfeld & Blik. Nicht zu vergessen die vielen Künstler der Stramu, die an allen Ecken der Stadt immer dicht umringt von Publikum ihr Bestes gaben.

    Stramu in der Innenstadt.
    Stramu in der Innenstadt.

    Einen Ex-Straßenmusiker der es geschafft hat, konnte man dann mit dem Hamburger Felix Meyer am Abend auf der Konzertbühne im Heinepark sehen. Er wird am 2. August im Vorprogramm von ZAZ, die bereits vor zwei Jahren in Rudolstadt zu sehen war, in der Zitadelle Spandau in Berlin auftreten. Nicht verpassen durfte man den Auftritt von Gitarrenmultiinstrumentalist David Lindley auf der Burg. Hier setzte das TFF eine schöne Tradition fort, bereits etwas in Vergessenheit geratene Musiker wieder einem breiteren Publikum in Deutschland vorzustellen. Der als „Prince Of Polyester“ bekannte Steel-Guitar-Master Lindley saß im karierten Hemd auf der Bühne, scherzte sichtlich gut aufgelegt mit dem Publikum und spielte relaxten New-Orleanse-Blues.

    David Lindley auf der Großen Bühne der Heidecksburg
    David Lindley auf der Großen Bühne der Heidecksburg

    Beschlossen wurde das 23. TFF am Sonntagabend mit den verrückten Franzosen von La Caravane Passe auf der großen Bühne im Heinepark. Balkanbeats, Hip Hop und Reggae begeisterten ein letztes Mal für dieses Jahr die Zuschauer. Noch bis weit in die Nacht trommelten einige von ihnen unermüdlich auf den Mülltonnen im Park. Und gegen den Entzug lässt sich auf jeden Fall Abhilfe schaffen, trägt doch fast jeder der immerhin 87.000 Besucher in Form vieler kleiner silberner Scheiben die Erinnerung an die vier großartigen Tage mit nach Hause. Im nächsten Jahr warten dann beim 24.TFF vom 3.- 6. Juli ein Länderschwerpunkt Tansania, der Bass als Magisches Instrument und man wird passend zur Fußballweltmeisterschaft in Brasilien Samba tanzen können.

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    La Caravane Passe im Heinepark.

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    Link zur Fotogalerie vom 23. TFF in Rudolstadt

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    TFF-Beiträge auf livekritik.de:
    Teil 1 und Teil 2

    TFF 2011

    TFF 2012

    alle Fotos: (c) St. Bock

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  • Festivalsommer 2013 (Teil 1) – Müritz-Saga Episode 8: „Gottesfurcht im Niemandsland“ auf der Freilichtbühne Waren (Müritz)

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    Die Müritz-Saga. Seit 8 Jahren in Waren an der Müritz. - Foto: St. B.
    Die Müritz-Saga. Seit 8 Jahren in Waren an der Müritz – Foto: St. B.

    Eine halbe Stunde vor Premierenbeginn tröpfelte es noch vom grauen Himmel. Kaum aber das Intendant und Regisseur Nils Düwell seine Eröffnungs- und Dankesworte an alle Sponsoren, freiwilligen Helfer und sonstigen Partner gesprochen hatte, verzogen sich die Wolken und es konnte mit Gottes Willen und „Gottesfurcht im Niemandsland“ losgehen. Hier hatte also wirklich jeder seine Rostbratwurst, Bulette oder Schmalzstulle aufgegessen. Und vor allem hat die halbe Stadt an der Bühne mitgebaut. Das musste ja klappen. Waren an der Müritz ist nicht einfach irgendein Niemand im platten Land Mecklenburg-Vorpommerns, sondern seit acht Jahren der Austragungsort der Müritz-Saga, die sich alljährlich von Ende Juni bis Ende August ihre begeisterte Fangemeinde erspielt.

    Die Müritz-Saga 2013 auf der Freilichtbühne am Mühlberg, Waren (Müritz) - Foto: St. B.
    Die Müritz-Saga 2013 auf der Freilichtbühne am Mühlberg, Waren (Müritz) – Foto: St. B.

    Autor Roland Oehme hat auch diesmal ein Stück rund um die Geschichte des norddeutschen Landstrichs zwischen Ostsee und Müritz geschrieben, das für jeden Geschmack im Publikum etwas bereithält. Und das vor allem mit Herz, viel Witz und durchaus einigem künstlerischem Anspruch. Verbindet doch Oehme und Regisseur Düwel seit Jahren die gleiche Leidenschaft für anspruchsvolles Open-Air-Theater mit regionalem Bezug. Wolf von Warentin (Ulrich Blöcher), Held der Müritz-Saga, hat auch in der neuen Episode „Gottesfurcht im Niemandsland“ einige Abenteuer zu bestehen, bis er seine Frau Clara (Elke Zeh) wieder in den Armen halten kann. Wie im Traum von fern erscheint sie ihm auf seinem Weg durch die Wirren des dreißigjährigen Kriegs, um dem geliebten Mann den nötigen Mut zuzusprechen.

    Müritz-Saga 2013. Wolf (Ulrich Blöcher) und Clara (Elke Zeh) bedroht. Foto:
    Müritz-Saga 2013. Wolf (Ulrich Blöcher) und Clara (Elke Zeh) bedroht. Foto: Gerlind Klemens

    Nachdem Wolf von Warentin den Landesfürsten Granzow in einem Duell getötet hat, tritt er auf seiner Flucht in den Dienst der kaiserlichen Armee unter General von Wallenstein. Trotzdem er wie alle im Norden bereits reformierten Landsleute protestantischen Glaubens ist, bindet ihn nun ein Eid an den Kaiser, der die Abtrünnigen wieder unter die päpstliche Macht zwingen will. Hier begegnet Warentin auch dem auf Rache sinnenden Bruder Granzows, einem Fähnrich (Grian Duesberg) unter Oberst von Arnim (Stefan Bergel), und bekommt sofort Händel mit ihm. Der kaiserliche Heerführer von Arnim, einst Freund Wolf von Warentins, soll für Wallenstein die freie Hansestadt Stralsund einnehmen und zur Garnisonsstadt machen. Er gibt den beiden Streithähnen den Befehl mit einem Fähnlein eine Insel vor Stralsund zu besetzen, um von dort die Belagerung zu forcieren.

    Müritz-Saga 2013: Hardy Halama als Bürgermeister Ludowig Sturkow und Ulrich Blöcher als Wolf von Warentin. Foto: St. B.
    Müritz-Saga 2013: Hardy Halama als Bürgermeister von Stralsund Ludowig Sturkow und Ulrich Blöcher als Wolf von Warentin. Foto: St. B.

    Hier haben sie aber nicht mit dem Widerstand der stolzen Hanseaten gerechnet, die unter ihrem leicht verhuschten Bürgermeister Ludowig Sturkow (Hardy Halama als sympathischer nordischer Sturkopf) und seiner resoluten Frau Reglinde (Ex-DDR-Film- und Fernsehstar Ute Lubosch) auf ihre Unabhängigkeit pochen und die Insel kurzerhand von den Eindringlingen wieder zurückerobern. Wolf von Warentin, dessen Herz eigentlich mehr für die wehrhaften Bürger der Stadt Stralsund schlägt, als für seinen prinzipientreuen Oberst, gerät immer mehr zwischen die Fronten eines Krieges, dessen Ziele er nicht mehr versteht, und der sich nur noch gegen die wehrlose Bevölkerung richtet. Der junge Offizier muss sich schließlich zwischen der Loyalität zu seinen Untergebenen, seinem Eid an den Kaiser und seinem eigenen Gewissen entscheiden. Und der Krieg verlangt weiter unerbittlich seine Opfer.

    Müritz-Saga 2013: Stefan Bergel als Oberst von Arnim, Ute Lubosch als Reglinde Sturkow und Hardy Halama als Bürgermeister Ludowig Sturkow - Foto: St. B.
    Müritz-Saga 2013: Stefan Bergel als Oberst von Arnim, Ute Lubosch als Reglinde Sturkow und Hardy Halama als Bürgermeister Ludowig Sturkow
    Foto: St. B.

    In kleinen Episoden wird immer wieder das harte Leben im Krieg für die Soldaten, ihre Familien und die gebeutelte Zivilbevölkerung sehr eindrücklich beschrieben. Selbst einer wie Oberst von Arnim fragt sich da in einer nachdenklichen Minute: Was macht der Krieg aus unseren Kindern? Warentin, nun auf der Flucht vor den Häschern der Kaiserlichen, trifft in einer abgelegenen Kirche mitten im Niemandsland endlich wieder auf seine Frau, die er über eine polnische Magd (Bozena Baranowska) aus dem heimatlichen Röbel dorthin bestellt hat. Ein höchstmusikalische Pastor und seine Frau gewähren den Verfolgten dort Unterschlupf. Fernab aller Kämpfe versucht der Kirchenmann den Sinn für die Kunst, die Menschlichkeit und seinen Glauben an Gott selbst noch nach dem scheinbar unvermeidlichen Eindringen des Krieges in seine kleine Enklave des Friedens zu bewahren. Weitere Glanz-Rollen für Ute Lubosch und Publikumsliebling Hardy Halama.

    Müritz-Saga 2013: Amazone Sibylla kämpft. Foto:
    Müritz-Saga 2013: Amazone Sibylla kämpft.
    Foto: Gerlind Klemens

    Und so verwebt die Inszenierung immer wieder Nachdenkliches mit typischen Passagen aus der Kiste des Mantel-und-Degen-Genres. Eine regelrechte Attraktion ist dabei Alexandra Krüger als kampfstarke Amazone Sibylla hoch zu Ross, oder auch Grian Duesberg als bauernschlauer Spion Thies und forscher Fähnrich Granzow mit Hang zum Slapstick und wilden Kampf- und Fechteinlagen. Lob gilt natürlich auch den vielen spielfreudigen Kleindarstellern und Laien. Liebe, Leid und Schmerz, Spaß, Klamotte und Kampfszenen halten sich den ganzen Abend hindurch die Waage. Der mit Elke Zeh und Ulrich Blöcher ein sympathisches Paar hat, mit dem man mitfiebern kann, und das zum Ende noch einmal alle im Publikum mit einem gefühlvollen Liebeslied zur rühren weiß. Sie tragen damit nicht nur kämpferisch, sondern auch gesanglich zur überzeugenden Leistung des gesamten Ensembles bei.

    Müritz-Saga_Premierenapplaus_Ensemble2 Müritz-Saga_Premierenapplaus_Ensemble4

    Ein großes Feuerwerk setzt den leuchtenden Schlusspunkt unter eine gelungene Premiere. Viel Beifall für die Akteure und Freude bei den zahlreich erschienen Einheimischen und Urlaubern gleichermaßen.

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    Das Ensemble beim Premierenapplaus. Fotos: St. B.

     

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    „Gottesfurcht im Niemandsland“, die achte Folge der Müritz-Saga

    Ensemble 2013:

    • Ulrich Blöcher: Wolf von Warentin
    • Elke Zeh: Clara von Warentin
    • Hardy Halama: Bürgermeister Ludowig Sturkow & Pastor
    • Ute Lubosch: Reglinde Sturkow & Frau des Pastors
    • Stefan Bergel: Oberst von Arnim
    • Bozena Baranowska: Jagna
    • Grian Duesberg: Fähnrich von Granzow & Thiess
    • Dan Merkert: Stadtbüttel & Soldat
    • Alexandra Krüger: Sibylla
    • Blanca Hahn & Paula Hub: Ewa
    • Eric Mahlau: Söldner & Kurdirektor von Waren
    • Johann Hub: Söldner & Stadtbüttel
    • sowie weitere Kleindarsteller
    • Roland Oehme: Autor
    • Nils Düwell: Regie
    • Christian Mathis: Musik
    • Katharina Lorenz: Bühnenbild und Kostüm
    • Joe Alexander: Kampf-Choreografie
    • Michael Huhsch: Veranstaltungstechnik

    Unbenannt-1

     

    Dauer ca. 3 Stunden, eine Pause

     

    • Weitere Vorstellungen vom 29. Juni bis zum 31. August 2013 jeweils Mittwoch bis Samstag 19.30 Uhr und Sonntag 17.00 Uhr auf der Freilichtbühne Waren (Müritz).
    • Informationen und Karten unter: www.mueritz-saga.de

    Fotos: Gerlind Klemens © Müritz-Saga 2012

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  • Dreimal explosive Dreierkonstellation – „X Freunde“ von Felicia Zeller, „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ nach Harold Pinter im Theater unter Dach und „Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe“ im Ballhaus Ost

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    X Freunde – Stephan Thiel inszeniert Felicia Zellers neues Stück am Theater unterm Dach Berlin

    „Stress soll ja auch positiv, obwohl, positiver Stress, diesen Begriff hat sich auch mal wieder jemand ausgedacht, dessen Job es ist, diese Welt für uns Unglückliche und Verzweifelte POSITIVER STRESS! Gestresst zu sein, ist nichts weiter als ein modischer Euphemismus für einen schlecht gelaunten, müden und aggressiven Menschen WIR WARTEN! HALLO!“ Peter Pilz in „X Freunde“ von Felicia Zeller

    X Freunde von Felicia Zeller im Theater unterm Dach - Foto: St. B.
    X Freunde von Felicia Zeller im Theater unterm Dach.
    Foto: St. B.

    Felicia Zellers Figuren stehen ständig unter Strom. Es scheint, als müssten die Schauspieler bei einem Schnellsprechwettbewerb reüssieren, und nicht am Theater, für das Zeller ihre Charaktere aus dem prallen Leben immer wieder direkt auf die Bühne katapultiert. Da tummeln sich dann biertrinkende Frauen, gestresste Mütter wollen ihre Au-pairs heiraten oder drei überforderte Sozialarbeiterinnen verzetteln sich in groteskem Sozialamtsdeutsch. Am liebsten nimmt sich die in Stuttgart geborene und seit einigen Jahren in Neukölln lebende Autorin aber die alltäglichen Klischees aus dem eigenen Umfeld vor und verwurstet diese in anarchisch komischen Kolumnen wie „Einsam lehnen am Bekannten“. Eine Auswahl daraus gab es 2011 am Ort ihres Entstehens im Heimathafen Neukölln zu sehen.

    Zellers Stücke sind im wahrsten Sinne des Wortes dreidimensionale Gebilde, wie sie selbst es formuliert. Bühneraum, Körper und Sprache ergeben dabei im besten Falle eine untrennbare Einheit, was den Schauspielern auch immer einiges an Körperbeherrschung abverlangt. Anfang Oktober 2012 wurde Felicia Zellers vom Schauspiel Frankfurt/M in Auftrag gegebenes Stück „X Freunde“ ebenda uraufgeführt. Wieder ein extrem schnelles Sprachgebilde über eine typisch deutsche Sozialkrankheit, der schier unheilbaren Sucht nach Arbeit, befördert durch einen ständigen Kreativzwang und unbegrenzt freiwillige Selbstausbeutung. Eine Mischung aus der Explosivität einer Dreierkonstellation unter Freunden und situationsbedingter Sprachkomik.

    Das Stück wurde außerdem in der Inszenierung von Bettina Bruinier zu den im Mai stattfindenden Mülheimer Theatertagen eingeladen. Die Regisseurin stellt die drei notorisch nervösen Zellerfiguren als Zappler und Schaumschläger in einen mit Papierwänden ausstaffierten Raum der mit Matratzen ausgepolstert ist. Geschlafen wird, wenn überhaupt, nur im Stehen. Man kann dies auch als eine Kreativzelle des beginnenden Wahsinns deuten. Die Figuren bewegen sich im Dauerbetrieb und fallen nur hin und wieder in einen kurzen Standby. Aus diesem festumzirkelten Ring gibt es kein Entrinnen, geht keiner als Sieger hervor. Man kann den Darstellern vergnügt fast 2 Stunden beim Frasieren, Jammern oder ihre Hymnen an den Laptop singend zusehen. Aber nachdem die Papierfassaden abgerissen sind und die Gerippe ihrer Existenzen zum Vorschein kommen, ist die Luft auch ziemlich raus aus dem bunten Treiben auf der Bühne.

    Allen, die nicht nach Frankfurt oder Mülheim fahren konnten und auch das Gastspiel bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater Berlin verpasst haben, sei das Berliner Theater unterm Dach wärmstens empfohlen. Dort hat Regisseur Stephan Thiel nach seiner gefeierten Inszenierung von „Kaspar Häuser Meer“ Anfang April auch das neueste Stück von Felicia Zeller auf die kleine Bühne unter dem Dach des kommunalen Kulturzentrums an der Danziger Straße gebracht.

    Mit von der Partie ist wie schon in „Kaspar Häuser Meer“ die quirlige Tilla Kratochwil als Unternehmensberaterin Anne, die nach der Kündigung ihr eigene Agentur „Private Aid“ gegründet hat, und nun die Politik mit neuen Ideen für „Wege aus der Gleichgültigkeitskrise“ versorgen will. An ihrer Seite hat Christoph Schüchner als Ehemann Holger und ehemaligem Betreiber eines Pleite gegangen Cateringservice keinen leichten Stand. Als beider Freund und Bildhauer Peter hadert Jaron Löwenberg mit sich und dem fordernden Kunstbetrieb. Seinem Projekt „X-Freunde“ fehlt der krönende Abschluss für die bevorstehende Ausstellung in Schwaden-Schwaden. Ein riesiger Stein-Monolith steht in seinem Atelier und wartet auf die finale Idee des Künstlers, den ultimativen letzten Freund.

    X-Feunde_TuD
    X Feunde im Theater unterm Dach.
    Foto: (c) Produktion

    Diese drei Charaktere stehen stellvertretend für ein zum ständigen Erfolg verurteiltes Kreativprekariat, very busy und immer auf dem Sprung. Keine Zeit mehr für eine Pause, man ist ja schließlich kein Schokoriegel aus der Werbung und schon gar nicht in einer dieser Komm-doch-mal-auf-einen-Espresso-vorbei-Ich-bin-schon-da-Agenturen. Für ein Bier oder einen Kaffee unter Freunden bleibt da kaum noch Zeit. Das ehemalige Trio Cappuccino aus dem Café Tasse, schwärmt sentimental in Erinnerungen an alte Zeiten. Längst lebt man nur noch für die Arbeit, oder sucht verzweifelt nach Auswegen aus der Schaffenskrise. Da droht bei einer Freundschaft unter Dreien immer der Schwächste auf der Strecke zu bleiben.

    Während sich Anne in ihrem wichtigen Projekt mehr und mehr zum völligen Kontrollfreak entwickelt, lenkt sich Peter mit Internet, Twitter und anderen „privatberuflichen“ Dingen ab. peter.pilz@pilzpeter.de, immer präsent und aktiv um Aufmerksamkeit heischend. Ständige Nachfragen der Kuratorin, jeder Anruf und jede noch so kleine Störung reißen ihn immer wieder aus dem Kreativprozess. Geradezu an Aufmerksamkeitsdefiziten leidet der unterbeschäftigte Holger. Unfähig mit der neuen Freiheit umzugehen, bekocht er seine Frau und sieht ihren Erfolg mangels eigener Ideen als sein Projekt. Verzweifelt trägt er sogar Baumarktbesuche als Geschäftstermine ein. Ein ertrotzter gemeinsamer Urlaub mit Anne auf einer Sonneninsel wird zur Katastrophe.

    Felicia Zellers hyperventilierenden Text setzen die drei Schauspieler im Theater unterm Dach in kongeniale Bewegung um. Sie treiben zum Beat der Sprache den Wahnsinn auf die Spitze. In gekonnten Soloeinlagen wird der biegsame, flexible Mensch beim Meistern der alltäglichen Stresssituationen performt. Das Bühnenbild von Halina Kratochwil mit dem unendlich variablen Stapelregal lässt sich wunderbar den einzelnen Spielszenen anpassen. Es ist hippes Wohnaccessoire, Weinregal und Skulptur, zeigt den in sich gefangenen Künstler Peter und ist Bahre für Holger. Zur Untermalung gibt es passender Weise wunderbare A-cappella-Versionen der Kraftwerk-Songs „Computerliebe“ und „Autobahn“.

    Gestresste Zeitgenossen auf Abruf - CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG und TILLA KRATOCHWIL als Holger, Peter und Anne in Felicia Zellers „X Freunde" am TuD - Foto: (c) Produktion
    Gestresste Zeitgenossen auf Abruf – CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG und TILLA KRATOCHWIL als Holger, Peter und Anne in Felicia Zellers X Freunde am TuD – Foto: (c) Produktion

    Laptop und das allgegenwärtige Smartphon werden zum handlichen Dauerslapstick. Tilla Kratochwil trägt einen großen Telefonhörer wie angekettet mit sich herum. Der gefeierte Neubeginn gerät letztendlich für alle immer mehr zum Fluch. Die anfängliche Erfolgstrunkenheit weicht schnell allgemeiner Ernüchterung. Die „Generation Beißschiene“, eine wunderbar doppeldeutige Bezeichnung, hat bald ihre Bissigkeit verloren und leidet an Zahn-, Kopf- und Rückenschmerzen. Trotzdem scheint allen die Suche nach der entscheidenden „Idee, die es nicht gibt“ als alternativlos. Selbst der verordnete Ausgleich durch Laufen wird für Anne gleich wieder zum Projekt.

    Wie in einem Albtraum trifft man sich irgendwann bei den anonymen Workaholics. An ein Aufhören ist aber nicht mehr zu denken. Für den Erfolg macht Anne einfach immer weiter und bezahlt den Preis dafür. Einen Tod muss man schließlich sterben. Das es gerade Holger trifft, verwundert dabei nicht, sind doch Angehörige von Süchtigen aller Art selbst akut gefährdet. Für Anne geschieht auch das wie immer gerade jetzt zur unpassenden Zeit. Es fällt ihr sogar erst nach 36 Stunden wirklich auf. Das ehemalige Trio schrumpft zum Duo Infernale.

    Von Peters X-Freunde-Projekt bleibt schließlich nur mehr der Staub der Steine, zugleich Grabmahl und Asche seiner auf der Strecke gebliebenen Freundschaft zu Holger. Und selbst diese Niederlage lässt sich in einem nach immer Ausgefallenerem süchtigen Kunstbetrieb wie ein Erfolg feiern. Die Laudatorin des 2009 an Felicia Zeller verliehenen Clemens-Brentano-Preises, Katja Lange-Müller, attestierte der Autorin im wahrsten Sinne des Wortes, aus Scheiße Bonbons machen zu können. Das Team um Stephan Thiel verarbeitet diese neue Steilvorlage nach allen Regeln der Kunst zu geradezu süchtigmachenden Pralinés. Bitte unbedingt weiter machen, denn auch wir zahlen gerne den Preis dafür.

    Felicia Zeller bei der Preisverleihung im DT - Foto: St. B.
    Felicia Zeller bei der Preisverleihung
    im DT – Foto: St. B.

    Einen weiteren Preis heimste Felicia Zeller am 7. Juni 2013 bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater ein. Nach der Aufführung ihres Stückes „X Freunde“ in der Frankfurter Inszenierung von Bettina Bruinier wurde ihr der mit 5.000 € dotierten Hermann-Sudermann-Preis für herausragende Leistungen im Bereich der deutschen Dramatik verliehen. Laudator Gerhard Jörder, Theaterkritiker und Zeit-Autor, würdigte den Mut der Autorin, uns die „Banalität unserer alltäglichen Lebensnot noch einmal aufzutischen“. Sie schreibe aber keine Sozialdramen sondern Sprachfarcen und wolle uns damit zeigen, wie „Menschen beim Sprechen scheitern“. Dabei sei für Jörder der zentrale Satz des Stücks „Der Wahnsinn ist, dass der Wahnsinn für alle schon Normalität ist“. Er plädierte für mehr Empathie und Mitleidensfähigkeit. Jörder stimmte weiterhin auch ein Loblied auf den heute angeblich so unterbewerteten Theater-Autor an. „Stücke, die so viel Eigen- und Hintersinn, Wahrheitswillen und Witz atmen wie die Ihren – auf sie wollen wir unter gar keinen Umständen verzichten.“ Dem ist, was Felicia Zeller betrifft, nichts weiter hinzuzufügen.

    Außer, dass die Produktion X FREUNDE in der Regie von Stephan Thiel für den Friedrich-Luft-Preis 2013 nominiert ist.

    Weitere Termine:

    X FREUNDE von Felicia Zeller im Theater unterm Dach Berlin
    mit TILLA KRATOCHWIL, CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG
    Ausstattung HALINA KRATOCHWIL
    Assistenz JULIA OTTEN

    • Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
    • So 30.06.13, 20:00 Uhr
    • Sa 28.09.13, 20:00 Uhr
    • So 29.09.13, 20:00 Uhr

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    Flokati-Boulevard der Lügen – Mit „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ inszeniert Schauspieler Cornelius Schwalm im Theater unter Dach eine Berlin-Mitte-Ménage-à-trois nach Harold Pinters Stück „Betrogen“

    „Eine Verständigung der Menschen untereinander ist etwas so Schreckliches, dass sie lieber dauernd aneinander vorbeireden, ständig über etwas anderes sprechen, als über das, was ihren Beziehungen zugrunde liegt“ Harold Pinter

    Der Titel ist doppeldeutig und führt eigentlich auf eine falsche Fährte. Der irische, romantisch-symbolistische Dichter William Butler Yeats legte sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts den Titel „Daemon est deus inversus“ als Mitglied einer esoterischen Loge zu. Harold Pinter drehte in seinem bösen Boulevard-Albtraum „Betrayal“ (Betrogen) aus dem Jahr 1978 über die Beziehungslügen zwischen drei Freunden lediglich die Handlung um. Er begann mit dem Ende, bei dem das Lügengebäude langsam einzustürzen beginnt, und arbeitete sich langsam zum Beginn der Geschichte mit der Hochzeit des Paares Emma und Robert vor. Zwischen beiden steht Roberts Freund Jerry, der gleich nach der Heirat ein Verhältnis mit Emma beginnt, das über sieben Jahre andauert, in denen die drei sich aber weiterhin wie Freunde begegnen und sich dabei eiskalt und gekonnt etwas vormachen.

    Der Dämon ist ein umgedrehter Gott_TuD_Promo
    Verena Unbehaun, Katja Uffelmann und Merle Wasmuth in „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ am Theater unterm Dach – Foto: Promo

    Regisseur und Schauspieler Cornelius Schwalm (MARIAKRON) dreht noch ein wenig weiter, und besetzt die beiden Männerrollen auch mit Frauen. Bei ihm heißt Jerry nun Arndt, ist Literaturagent und wird von der bekannten Berliner Wengenroth-Darstellerin Verena Unbehaun gespielt. Seinen Freund, den Verleger Robert, gibt Katja Uffelmann, Merle Wasmuth ist seine Frau und Galeristin Emma. Schwalm reichert dieses sogenannte „amourösitäre Beziehungsbestinarium“ noch mit weiteren Motiven nach August Strindberg, Henry Rollins, Franz Xaver Kroetz und David Foster Wallace an, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, sieht man mal davon ab, dass man William Butler Yeats und David Foster Wallace vermutlich auch als Brüder im Geiste bezeichnen könnte. Das Grundmotiv ist und bleibt der umgedrehte Gott, und der ist hier der janusköpfige Dämon der Lüge, der einem trügerischen Geflecht aus Liebe, Sex und Eifersüchteleien entspringt. Man findet ihn natürlich auch in den anderen angegeben Quellen wieder.

    Wir befinden uns hier wie bei Felicias Zeller wieder im kreativen Intellektuellen-Milieu. Die Story siedelt Schwalm dabei im hippen Berlin Mitte an und spult den retrospektiven Boulevard der Lügen auf weißem Retro-Flokati (Bühne: Hovi-M) ab. Eine Frau zwischen zwei Männern, die dazu noch beste Freunde sind, eine nicht ganz ungewöhnliche Konstellation, der man wohl nicht mehr allzu viel Neues entlocken kann. In mehreren Spielszenen, die durch Schwarzblende von einander getrennt werden, breiten die Drei ihr Spiel aus feinen Lügen, Eitelkeiten und Psychospielchen aus. Solange der Schein gewahrt bleibt, ist für Robert halbwegs alles in Ordnung und auch Arndt scheut die Enthüllung der Affäre und die daraus entstehenden Konsequenzen. Außenwirkung und die Beibehaltung des Status Quo sind ihnen wichtiger, als klare Verhältnisse. Und dabei geht es ihnen nur ganz am Rande um eine Freundschaft oder die Fortsetzung einer bereits gescheiterten Ehe. Nur der Erfolg zählt, Scheitern ist im Lebensplan der beiden Männer nicht vorgesehen.

    Der Dämon ist ein umgedrehter Gott am TuD
    Der Dämon ist ein umgedrehter Gott am TuD
    Foto: Promo

    Katja Uffelmann und Verena Unbehaun spielen ihre Hosenrollen ziemlich überzeugend, lassen aber auch kein Männerklischee ungenutzt, um es köstlich bloßzustellen. So überdreht die Story an manchen Stellen etwas. Regisseur Schwalm setzt noch einen drauf, und lässt es sich nicht nehmen, als Szeneautor Wadim Bolotkowski, eine immer wieder erwähnte Randfigur des Stücks, im Foyer in einer auf Spontanwirkung zielenden ironischen Startsequenz in den Abend einzuführen. Durch die entscheidende Kraft von Merle Wasmuths Emma, ein als Einzige zu so etwas wie echten Gefühlen fähiges Wesen und Frau, wird schließlich die anscheinend so festgefügte Fassade der Männerfallance ins Wanken gebracht und das übertriebene Spiel der anderen wieder wohltuend geerdet. Ein in vielerlei Hinsicht ähnlich angelegtes Stück wie Felicitas Zellers „X Freunde“, was vor allem das Karikaturhafte der Charaktere angeht. Regisseur Schwalm siedelt das Ganze aber noch näher am Boulevard an. Das Bittere der Lebenslügen in Pinters böser Psychofarce schlägt hier nicht angemessen ernst genug auf die Figuren zurück. So funktioniert das Stück nicht mehr unbedingt als psychologische Beziehungsstudie der Zielgruppe Mitte-Boheme, aber als sarkastischer Independent-Boulevard doch allemal noch sehr gut.

    Der Dämon ist ein umgedrehter Gott
    Ein Beziehungsbestinarium nach Harold Pinter, Franz Xaver Kroetz, David Foster Wallace, Henry Rollins und August Strindberg. Eine Produktion von MARIAKRON
    Regie: Cornelius Schwalm
    Dramaturgie: Sophie Nikolitsch
    Bühne: Hovi-M
    Kostüm: Andrea Göttert
    Spiel: Katja Uffelmann, Verena Unbehaun, Merle Wasmuth

    • Zurzeit keine weiteren Termine im Theater unterm Dach.

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    Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. Ein Schauspiel zwischen medialem Kult, schwarzer Boulevardkomödie und deutscher Geschichte am Ballhaus Ost.

    Eine explosive Dreierkonstellation der ganz anderen Art gibt es im Ballhaus Ost zu sehen. Da steht er vor uns, der nackte blanke Wahnsinn, gekleidet in einen frotteeweichen, weißen Bademantel der häuslichen Normalität. Und das gleich mal drei. Das Ballhaus zeigt „Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe“. Der Leipziger Schauspielers Andrej Kaminsky ist Beate. Eva Bay und Gina Henkel geben die beiden Uwes. Regisseurin Mareike Mikat und Autorin Olivia Wenzel haben ein Theaterstück erarbeitet über die Zwickauer Terrorzelle, die gemeinsam sieben Jahre lang den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) bildete und seit dem spektakulären Doppelselbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Schlagzeilen durch die bundesdeutsche Presse geistert. Übrig geblieben ist der weibliche Teil des Trios, Beate Zschäpe, die gerade im Begriff ist, im Zuge des NSU-Prozesses ihre zweite Medienkarriere zu beginnen. Der Teufel im Look einer Beate Mona Lisa.

    Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost. - Foto: Marie Roth
    Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe.
    im Ballhaus Ost. – Foto: Marie Roth

    Die von der Presse kreierte Bezeichnung „Döner-Morde“ schaffte es 2011 sogar zum Unwort des Jahres. Für den halbwegs vernunftbegabten Mensch wird es da schwierig Hintergründe zu deuten und Begriffe richtig einzuordnen oder gar die Wahrheit hinter all den Schlagzeilen, Spekulationen und angeblichen Fakten zu erfassen, die hier noch einmal auf uns niederprasseln. Die drei Täter fläzen dabei auf einem bequemen Sofa und werfen dem Publikum ihre ganze Verachtung entgegen. Sie haben gehandelt, während wir in unserer verkackten Mittelmäßigkeit allabendlich vor dem Laptop sitzen. Ihre Botschaften sind so simpel wie gefährlich. Was letztlich im Spiegel der Medienberichte davon übrig bleibt, ist ein von jeglichen Inhalten befreiter, medial aufbereiteter Brei aus schwarzem Boulevard und sexueller Fantasie. Wie geschaffen für die theatrale Verwurstung. Sieg geil!

    Die Hasstiraden der drei werden mit einem fast spießigen Familienleben zu dritt konterkariert. Beate kocht für ihre Jungs. Hm, ganz köstlich. Und Böni, der noch beim Kaffeetrinken mit der Großmutter von „Negerschweiß“ redet, zieht daheim OP-Überzieher über seine Springerstiefel. Jährlich fährt das Trio in den Sommerurlaub nach Fehmarn und täuscht unter den Namen Lisa, Max und Garry für Wochen ein normales Leben vor. Auf der Videowand sieht man Meer und Strand, die Darsteller wiegen sich im Wind und amen Möwen nach. An den Wänden hängen gehäkelte Verballhornungen dieser deutschen Gemütlichkeit. Auch Goethe kommt zu Wort und Adorno. Sein „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ bekommt hier noch mal eine ganz andere Dimension. Oder sogar die einzig richtige.

    Das Stück lässt nichts aus. Es greift viele, vielleicht zu viele Themen auf, stellt aber auch unbequeme Fragen. Was ist eigentlich los mit den Ostdeutschen, was wollen die und wer sind die? Der unbekannte Osten als Keimzelle des Rechtsradikalismus? Der ewige Ossi mit dem viel zu kleinen Pimmel, der gegenüber dem dicken Schwanz des Wessis immer den Kürzeren zieht und sich über den Mustafa im BMW wundert. Der Türke im „Baader Meinhoff Wagen“ hat einen Schwanz mit Vanillegeschmack, die Skorpiens singen „Wind of Change“ und Moral ist die kollektive Wahnvorstellung einer Mehrheitsgesellschaft. Das ist der Theaterstoff für viele Jahre und ganz großes Kino mit Moritz Bleibtreu, Daniel Brühl und Nora Tschirner in ihrer ersten ernsthaften Rolle. Die Tränen von Iris Berben sind ihnen gewiss. Der Rest ist das Schweigen der Beate Z, der stolzen Nazi-Witwe.

    Obwohl die Truppe mit Uwe Mundlos, der trotz der langen Haare sogar Meese mag, so etwas wie einen gebildeten Kopf besitzt, gibt es eigentlich keinen wirklich intellektuellen Hintergrund. Genau wie bei Anders Breivik werden nur die altbekannten Vorurteile einer faschistisch chauvinistischen Ideologie reproduziert. Und das ist bei allen schrecklichen Gemeinsamkeiten wohl der große Unterschied zum anderen Terrortrio der bundesdeutschen Geschichte. Im Gegensatz zur Baader-Meinhoff-Gruppe fehlt es ihnen an einer echten Utopie. Dass die finsteren Gedanken aber direkt aus unserer Mitte entspringen, lässt noch einmal eine der früheren Bekannten des Trios erkennen, die klar zwischen guten Ausländern, die wie Deutsche grillen und ackern, und schlechten in Asylbewerberheimen unterscheidet. Für sie wird Beate Zschäpe immer ihre Lisa bleiben, dieser herzensgute Mensch.

    Unter Drei. Beate Uwe und Uwe im Ballhaus Ost - Foto: Marcus Lieberenz
    Unter Drei. Beate Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost
    Foto: Marcus Lieberenz

    Die Opfer erscheinen zunächst nur als geisterhafte Schattenrisse hinter einer Wand aus Pergament. Als Slapstick-Spiel des Unvorstellbaren beleuchten Eva Bay und Gina Henkel nun als Süleyman, Mehmet oder Halit die verwirkten Leben der sogenannten Kanaken, die das Mord-Trio wie nebenbei aus ihrer Lebensmitte geschossen hat. Sie ringen hier in verzweifelt komischer Gestalt um Kontur und ihre verblassende Geschichte. Selbst die ermordete Polizistin Michéle Kiesewetter a.D. liefert sich mit dem in seinem Internetcafé in Kassel praktisch vor den Augen eines Verfassungsschutzmitarbeiters mit dem Spitznamen „Klein Adolf“ erschossenen Halit Yozgat einen wahnwitzigen Dialog über Zuständigkeiten und eine katastrophale Polizeiarbeit.

    Am Ende aber wird die diffuse Wand rissig und die Gestalten verlassen ihr Schattendasein für kurze Zeit. Sie treten ins Rampenlicht und übernehmen die ihnen bisher vorenthaltene Deutungshoheit. Ein fiktiv utopisches Gedankenspiel um Mitleid, Rache und Vergebung. Man träumt von einer neuen Mordserie gegen Nazis und will den NMU (Neuer Migrantischer Untergrund) gründen. Letztendlich wird mit den gesammelten Nägeln niemand ans Kreuz geschlagen. Verziehen werden kann nicht, einer Rache bedarf es aber ebenso wenig. Die Diskussion darüber wird weitergehen. Die im Premierenpublikum sitzende Schauspielerin Sascha Ö. Soydan, Darstellerin in Milo Raus „Breiviks Erklärung“, machte später im Hof des Ballhaus Ost schon mal einen Anfang.

    Weitere Vorstellungen von Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. am Ballhaus Ost

    • Fr 28.06.13, 20:00 Uhr
    • Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
    • So 30.06.13, 20:00 Uhr

    mit EVA BAY, GINA HENKEL, ANDREJ KAMINSKY
    Regie MAREIKE MIKAT Dramaturgie SOPHIE NIKOLITSCH Ausstattung MARIE ROTH Musik FRANCESCO WILKING Regieassistenz JOHANNES AMBROSIUS Ausstattungsassistenz CLARA AURICH Technische Leitung RALF ARNDT Produktionsleitung DANIEL SCHRADER / BALLHAUS OST; UNTER VERWENDUNG VON TEXTEN AUS „WEISSES MÄUSCHEN, WARME PISTOLE“ VON OLIVIA WENZEL
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