Autor: Stefan

  • Blutleer und ausgedampft, Die Nibelungen von Friedrich Hebbel

    inszeniert von Michael Thalheimer am Deutschen Theater Berlin

    Eigentlich könnte man sehr schell fertig sein, bei Thalheimer mit diesem Blut-, Schicksals- und Rachegedampfe von Hebbel, denkt man sich so vorher, aber es gibt dann über drei Stunden immer wieder Blut satt in allen möglichen Variationen. Trotzdem wirken die Figuren merkwürdig blutleer. Sie sind eingesperrt in einer auf- und absenkbaren schrägen Ebene als einschränkendem Horizont, einem erdrückenden Raum, aus dem es kein entrinnen gibt. Das Ganze ist tatsächlich in eine fiktive Urzeit zurückversetzt. Thalheimer hat Hebbels Tagebücher gelesen und darin seinen Sinn für das Mythische in den Religionen gefunden. Er will das was Hebbel das Verhältnis der Menschen zur Urnatur und ihre Abhängigkeit an unerbittliche Gesetze nennt, aufgreifen. Allerdings wirkt das hier dann manchmal eher wie ein lustiger Familienausflug bei Wikingers mit viel Gegröle und ordentlich Faxebier.

    Was bewegt Michael Thalheimer nach der Orestie wieder einen solch schweren Abend einzurichten? Eine neue Facette vermag er mit dieser Inszenierung dem Thema leider nicht abzugewinnen. Immer mal wieder klingt das an, was seine Figurenaufstellungen so berühmt gemacht hat, das kurze Zucken der Protagonisten ausbrechend aus dem starren Rollenkorsett des Stückes, verzweifelt letzte Emotionen andeutend. Thalheimer vermag hier aber nicht wie in seinen früheren Inszenierungen, das konsequent umzusetzen, um die Handlung zu unterbrechen und die dargestellte Schwere dadurch aufzulösen. So entstehen mehr und mehr enervierende Tableaus der Sinnlosigkeit und eine mit Pathos angefüllte Atmosphäre, die durch die nervende Musik noch künstlich aufgeheizt wird.

    Gebrüllt wurde bei Thalheimer schon immer viel (von Liliom über Lulu bis zu den Ratten). Nur warum fällt uns das nun auf einmal so unangenehm auf? Waren es erst verzweifelte Schreie gepeinigter Menschen mit denen man sich identifizieren konnte, sind es nun die auf ihre Urlaute reduzierte Wesen, von denen wir uns nur um so lieber distanzieren möchten. Von daher ist es konsequent was Thalheimer machen will, leider können wir ihm da wohl nicht mehr folgen.

    Das was Thalheimer eigentlich auszeichnet, ein Stück bis auf seine Grundaussage zu entkernen, gelingt ihm mit dieser Inszenierung nicht, da es außer der sinnlosen Nibelungentreue keinen Kern und auch keine wirklich heutige Lesart für Hebbels Stück gibt.

    Die letzte Inszenierung der Nibelungen von Mayenburg an der Schaubühne war auch nicht das Gelbe vom Ei, aber sie hat mit dem Finale in dem eimerweise Blut die Treppe hinuntergekippt wurde, ein eindrucksvolleres Bild geschaffen als die Nibelungen bei Thalheimer, die sich auch noch im Blute suhlen müssen.

    So stehen wir letztendlich ratlos vor einer wahrhaft grandiosen Schauspielleistung des Ensembles ohne ein entsprechend gleichwertiges Inszenierungsgerüst darum gesehen zu haben.

  • Was! Ist das episches Theater? Von und mit Patrick Wengenroth an der Berliner Schaubühne, nach Texten von Bertolt Brecht

    Was! Ist das Episches Theater? Das wird die große Frage dieses Events bleiben. Patrick Wengenroth ist und bleibt ein großer liebenswerter Kindskopf. Wir befinden uns bei ihm mitten in einem verrückten Sit-in zum Theater des wissenschaftlichen Zeitalters. Es soll nicht um Brechts Stücke gehen, sondern um seine theatertheoretischen Schriften. Wengenroth hat sie sicherheitshalber gleich mal mitgebracht, vergisst Sie aber auch sofort wieder. Da wird im Brecht-Blaumann demonstriert, plakatiert, referiert, reflektiert, zur Schau gestellt oder was auch immer Wengenroth so zum Epischem Theater eingefallen ist, vor oder hinter der Gardine vorgeführt. Kein Klischee lässt er aus und niemand wird verschont. Vor allem nicht die Lachmuskeln der Zuschauer, wenn Größen wie Campino oder Klaus Maria Brandauer von ihm durch den Kakao gezogen werden und er aus ihrem Drei-Groschen-Heft-Brechterlebnisbuch zitiert, oder Milva beim Vortragen Brecht-Weill-Songs vor lauter Einfühlung auf dem Boden landet. Das Ganze ist von A bis Z ein riesiger Trash, aber es funktioniert, auch wenn alle die ernsthafte Erklärungen erwartet haben, gnadenlos enttäuscht werden. Dass Brecht auch ein gekonnter Plagiator war, will uns Wengenroth dann am aktuellen Beispiel deutlich machen. Helene Hegemann im Boxring mit sich und ihren Untermietern im Kopf kämpfend, selbst die erste Szene Axolotl Roadkill auf der Bühne erspart uns Wengenroth höchstpersönlich nicht. Dagegen dann der Aufmarsch der Leipziger Aufrufer der Entrüsteten in Mutter-Courage-Kostümen mit roter Fahne. Es gibt auch immer wieder brauchbare Realsatire für solche Typen wie Wengenroth, der das dann gnadenlos verwurstet in dieser himmelschreiend komischen Kopfgeburt. Das da Angela Winkler als angekündigter Stargast offensichtlich keine Lust hatte, als die Persiflage ihrer eigenen Mutter Courage aufzutreten und dem Abend ferngeblieben ist, kann man gut nachvollziehen. Eines hat dieser Versuch aber wieder mal bewiesen, man kann noch so derb auf Brecht herum klopfen, er ist einfach nicht platt zu kriegen. Das war nicht nur Brecht mit Über- sondern mit Vollschuss. Einfach Klasse!

  • Das Käthchen von Heilbronn am Berliner Ensemble

     in einer Inszenierung von Simone Blattner

    Ach ja, da haben wir es wieder, das Problem mit der Werktreue. Aber das ist bei weitem nicht das einzige Problem, das diese Inszenierung hat. Was bewegt eigentlich junge talentierte Frauen immer noch dazu hohen Herren der Dichtkunst hinterher zu rennen und dann damit noch unbedingt am BE scheitern zu müssen? Es hilft Simone Blattner nicht, wenn ihre Inszenierung als so lala bezeichnet wird, sie reiht sich durchaus nahtlos in den sonstigen Plunder des BE ein.

    Das ganze Ding ist eine Mogelpackung. Das Programmheft gibt einen Hinweis zur Parodie, den greift Frau Blattner aber nicht wirklich auf. Ich glaube etwas anderes als Parodie geht jedoch nicht, wenn man den Zuschauern ein 4-stündiges Ritterspiel aus der Dose ersparen will. Dass das Käthchen vielleicht in seiner Sprache und Konzeption für die heutige Bühne eine Zumutung darstellt, ist durchaus nachvollziehbar, das war es auch schon zu Kleists Zeiten. Selbst Goethe, hat es abgelehnt das Stück aufzuführen und sicher nicht nur weil er junge Kontrahenten gern mal weg gebissen hat. Nur den Text einkürzen und leicht modernisieren hilft da nicht. So mühen sich nun die Schauspieler alleingelassen mit Text und Treppe ab, beim parodieren von Schauspielern die Kleist spielen sollen, samt Schleefschem Femechor. Wenn man Kleist veräppeln will, muss man das auch konsequent durchziehen. Die Inszenierung schwankt zwischen Komödie und Tragödie hin und her, bis sie zum Vollschwank wird. So stürzt denn das Stück die Treppe hinunter und bricht sich dabei das Genick. Nun liegt es da und auch die wenigen lichten Momente bringen es nicht wieder ins Leben zurück. Nur zweimal stockt einem der Atem, wenn Ruth Glöss als Haushälterin Brigitte den Traum Friedrichs erzählt, da wird es ganz ruhig und der ganze Klamauk fällt mit einem Male ab. Hier wird ja auch das Motiv zum Hass Kunigundes (Ursula Höpfner im Ganzkörper-Korsett) und der Vergiftung Käthchens geprägt. Und dann der vielleicht größte Moment als Käthchen (Laura Tratnik als verhuschter Teenager) im Traum Friedrich (Sabin Tambrea als stürmischer Dränger) ihre Liebe gesteht und die bevorstehende Hochzeit vorhersagt. Diese Szene zeigt die wirkliche Schönheit dieser Liebesgeschichte und wozu Simone Blattner im Stande wäre, wenn sie sich nur trauen würde. Merkwürdig verkitscht dagegen der Hollerbusch als Strauchdeko, im Korb auf die Bühne gestellt.

    Es gibt gelungene heutige Stückinterpretationen, die gerade dem Hollerbusch auch eine zentrale Rolle einräumen. Es ist sicher blöd eine Inszenierung gegen die andere aufzuwiegen, aber als häufiger Theatergänger hat man eben diese Möglichkeit. Ich denke da an die Inszenierung von Nicolas Stemann am DT von 2004, in der Inka Friedrich den besagten Strunk die ganze Zeit im Blumentopf mit sich herum trägt. Hier hopsen auch keine albernen Ritter rum, die Kampfszenen werden einfach per Beamer-Technik an die Wand geworfen. Im typischen Stemann-Stil wird die Handlung auch mal nur szenisch vorgetragen. Auch wenn hier emotional einiges auf der Strecke bleibt, bekommt das Stück durch den Einsatz des im Publikum stehenden Chores, der Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ vorträgt, einen gewaltigen Sog. Im BE darf Dejan Bućin als Ritter Flammberg auch kurz etwas singen, man versteht es aber gar nicht. Fast alle Szenen plätschern an einem vorbei, ohne dass wirklich etwas ernsthaft hängen bleibt. Da wird doch tatsächlich Ritter der Kokosnuss, eine Parodie der Parodie, für neu verkauft. Die Krönung ist der blecherne Vortrag zum Schluss von Jürgen Holz als Kaiser. Hier passt wirklich nichts zusammen. Wenn man keine echten Ideen zu diesem schwierigen Stück hat, sollte man es auch nicht inszenieren wollen.

    Es bleibt Simone Blattner zu wünschen, dass sie mit einem Gegenwartsstück nach Berlin zurückkommt, etwas worauf das sonst so verschnarchte BE wirklich wartet.

  • Quai West von Bernard-Marie Koltès, inszeniert von Werner Schroeter in der Volksbühne Berlin

    Es lässt schon tief blicken, wenn die versammelte Kritikerschar zum kollektiven Abpennen in die Volksbühne geht. Wenn sie es schon nicht knappe zwei Stunden aushalten können einem Text zu folgen, schlafen können sie doch wirklich zu Hause.

    Natürlich macht es Schroeter keinem leicht, aber das war doch wohl auch zu erwarten, wenn man die Antigone/Elektra gesehen hat. Heute Abend hat zumindest, so weit ich das gesehen habe, kaum einer gepennt, obwohl man mindestens 2 Seesäcke zum ausbreiten hatte.

    Das Stück versprüht ordentlich 80ziger-Jahre-Ästhetik und Schroeter lässt das auch mit seiner Inszenierung zu. Kein Gegenwartsbezug, keine Schlapperhosen, Plastikbeutel, Flaschen oder ähnlicher Kram stört. Der würde sowieso nach ein zwei Drehungen von der Scheibe fliegen.

    Die Schauspieler sind konzentriert, immer präsent, verkrallen sich förmlich in diese schräge Platte. Wer aufgibt könnte runter fliegen. Jeder ist ganz Ich. Dialoge kommen kaum vor und wenn, dann ist da Kampf. Dieses Stück hat sehr viel mit der heutigen Gesellschaft zu tun.

    Das ist düster und ohne Ausweg. Vielleicht hat sich Schroeter genau so gefühlt und Koltès gerade deswegen ausgewählt, auch wenn der ja sogar von einer unmittelbare Komik in „Quai West“ spricht. Man spürt das ja an der grotesken Situation und den Dialogen, die immer irgendwie ins Leere laufen. Aber da ist trotzdem ganz normales Leben drin, schon dadurch das Maria Kwiatkowsky ständig hin und her tänzelt eben weil sie einfach mal pinkeln muss. Das Körperliche zusammen mit dieser überhöhten Sprache ist das was Schroeter ausmacht.

    Wer da wegschlummert, hat aufgegeben, wie Maurice. Wenn man dieses Stück noch sehen will, muss man sich wohl beeilen. Es wird wohl keine längere Chance an der Volksbühne haben.

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    „Die Sinnlichkeit. Dass man den Menschen als Körper nimmt und nicht als Gedanken. Die Sprache ist doch körperlich. Sie ist wie Pisse, das ist auch physisch. Alles ist Körper. Schauen Sie doch: Hier ist der Sprachkörper. Und jetzt ist er weg.“ (taz, April 2009)
    Werner Schroeter (* 7. April 1945 in Georgenthal; † 12. April 2010 in Kassel)
    Danke!

  • Ode an den Spiralblock

    zur Rettung der abendländischen Kultur

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    Die Kunst des schönen Sprechens am Theater

    Oh Block du weißt welch Geistes Vater

    Sie zu verdrängen sucht in einem fort

    Von diesem wunderbaren Ort

    Die will ich preisen auf dir jeder Zeit

    Zu allem dafür bin ich stets bereit 

    Just Edith sah ich deklamieren

    So wunderschön und nicht auf allen Vieren

    Wie diese Frevler vor des Macbeth Thron

    Verspottend diese Kunst – Doch ihren Ton

    Wird niemand treffen nicht in Jahren

    Dies bin ich angetreten zu bewahren 

    Und so Spiralblock mein

    Muss ich Tag aus Tag ein

    Beschreiben Dich ohn Rast und Ruh

    Doch ach die Liebesmüh wozu

    Kannst lieber Block Du mir das sagen

    Ich will nicht ob der großen Last verzagen 

    Und wieder muß ich da entdecken

    Versuchen heimlich ein paar Gecken

    Die Kunst des wahren Schönen

    Mit lauter Ekel zu verhöhnen

    Als Waffe führ oh Block ich Dich ins Felde

    Der Sieg ist unser schon in Bälde