Die Faszination für das Filmgenre des Western scheint auch Jahrzehnte nach seinem eigentlichen Tod ungebrochen. Angefangen bei den US-amerikanischen Coen-Brüdern mit True Grit über den Euro-Western Slow West des schottischen Regisseur John Maclean bis zum Racheepos The Hateful 8 von Quentin Tarantino gab es in den letzten Jahren eine regelrechte Western-Renaissance im Kino. Auch der deutsche Regisseur Thomas Arslan, sonst für Filme der Berliner Schule bekannt, drehte mit Gold einen Western über deutsche Einwanderer, die in Nordamerika ihr Glück versuchen. Nun also kommt von Valeska Grisebach der erste nach den Regeln des Western-Genres gedrehte Film einer Regisseurin ins deutsche Kino. Premiere hatte Western im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes, wo schon im Vorjahr Maren Ade mit Toni Erdmann brillierte.
Es ist nach den preisgekrönten Filmen Mein Stern (2001) und Sehnsucht (2006) der dritte Spielfilm von Valeska Grisebach, den sie ausschließlich mit Laien gedreht hat. Ähnlich wie Toni Erdmann in Rumänien spielt Western nicht im wilden Westen, sondern in Osteuropa, genauer in Bulgarien an der griechischen Grenze. Trotzdem spielt der Film auf fantastische Weise mit den Genremitteln des amerikanischen Spätwestern mit seinen gebrochenen Helden-Figuren. Der Lonesome Rider aus der amerikanischen Frontier-Mythologie ist hier ein zunächst unscheinbarer deutscher Bauarbeiter, der mit seiner Truppe an einem Fluss im bulgarisch-griechischen Grenzgebiet ein Wasserkraftwerk errichten soll. Meinhardt (Meinhard Neumann) entzieht sich mehr und mehr dem Gruppenzwang und den Männerriten seiner Landsleute und schart sich im Gegensatz zu ihnen nicht mehr nur im Camp unter einer aufgepflanzten Deutschlandfahne, sondern beginnt sich für die Einheimischen zu interessieren, um mit ihnen auch ohne die Chance einer wirklichen Verständigung ins Gespräch zu kommen.
Western – (c) Komplizen Film
„Bist du ein Schlitzohr?“ fragt ihn der misstrauische Polier Vincent (Reinhardt Wetrek). Doch Meinhardt will nur Geld verdienen und hat trotzdem auch eine unbekannte, dunkle Seite, von der wir wegen seiner Schweigsamkeit nicht viel erfahren – außer dass er weiß, was Gewalt ist und als angeblicher „Legionär“ in Afghanistan auch erlebt hat. Meinhardt liebt seine Freiheit, wie er auf Fragen der Dorfbewohner nach seiner Familie besteht. Unbeirrt geht er geradlinig seinen eigenen Weg von Freiheit, auch wenn er damit aneckt oder sich zwischen alle Stühle setzt. Das macht ihn in den Augen des machtbewussten Poliers suspekt. Es beginnen sich die klassischen Fronten zu bilden.
Valeska Grisebach entwickelten diesen Konflikt zunächst aber recht langsam. Eine Zwangspause wegen fehlendem Kies und Wasser verurteilt die Bauarbeiter zum Nichtstun. Sie trinken Bier, klopfen Sprüche und baggern ungelenk bulgarische Frauen am Fluss an. Meinhardt dagegen reitet auf einem in den Bergen freilaufenden Pferd ins Dorf und lernt dort den Besitzer und Chef der Gemeinde Adrian (Syuleyman Alilov Letifov) kennen. Von ihm erfährt er den Grund für das abgestellte Wasser, das die Dorfbewohner zur Bewässerung ihrer Tabakfelder benötigen. Doch während sich zwischen Meinhardt und Adrian eine echte Männerfreundschaft und ein Zweckbündnis bilden, fährt der um seine Autorität fürchtende Vincent voll auf Konfrontation. „Wir haben hier was zu schaffen.“ Der Westen bringt dem Osten die Infrastruktur und versteht nicht, warum das die Dorfbewohner nicht interessiert.
Western – (c) Komplizen Film
Natürlich sind auch die Frauen Grund zum Streit, vor allem die junge Studentin Veneta (Veneta Frangova), die den Sommer im Heimatdorf verbringt und nun zwischen Meinhardt und Vincent steht. Aber wir lernen auch Vyara (Vyara Borisova) und ihre alten Mutter (Ivanka Popova) kennen, jede für sich eine interessante, starke Persönlichkeit. Aber vor allem prallen hier zwei patriarchal organisierte Systeme mit starken Führungsfiguren aufeinander. Und doch liegt die Sympathie am Ende beim traditionell funktionierenden Dorfverband gegen die entwurzelten Bauarbeiter fern der Heimat.
Freiheit, Familie, Heimat, Heimweh und Zugehörigkeit sind neben den Männerbünden, deren Funktionsweise man hier wie unter einem Brennglas beobachten kann, das, was die Regisseurin interessiert. Ein fast ausschließlich aus Frauen bestehendes Filmteam mit einem Ensemble von Männern, die die Regisseurin direkt vom Bau oder im Fall des schweigsamen Meinhardt vom Havelländer Pferdemarkt gecastet hat. Man wird bei ihrem Auftreten nicht von ungefähr an den DEFA-Spielfilm Spur der Steine von Frank Beyer erinnert. Auch eine Art Western im Bauarbeiter-Milieu des noch wilden Ostens im Aufbau. Nur Grisebach zeigt den heutigen Bruch an der richtigen Stelle. Der Showdown wird zum Augenblick der Erkenntnis, wohin Mann wirklich gehört.
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Western
(Deutschland/Bulgarien/Österreich 2017)
Länge: 119 min.
Regie: Valeska Grisebach
Künstlerische Assistenz: Lisa Bierwirth
Bildgestaltung: Bernhard Keller
Montage: Bettina Böhler
Szenenbild: Beatrice Schultz
Kostümbild: Veronika Albert
Ton: Uve Haußig
Mischung: Martin Steyer
Tongestaltung: Fabian Schmidt
Casting: Katrin Vorderwülbecke
Produktionsleitung: David Keitsch
Herstellungsleitung: Ben von Dobeneck
Mit: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangova, Vyara Borisova u. a.
Kinostart war am 24.08.2017
Die dritte Ausgabe der Pop-Kultur ist Geschichte. Auf dem Areal der Kulturbrauerei im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg versammelte das Festivalteam um Katja Lucker und den beiden Kuratoren Martin Hossbach und Christian Morin wieder eine illustre Schar von altgedienten und jungen Pop-AvantgardistInnen. Die gute Mischung aus Live-Musik, Gesprächen, Lesungen, Ausstellungen und Filmen zur Geschichte des Pop wie etwa die Foto-Schau des langjährigen Konzertfotografen Roland Owsnitzki aus den 1980er Jahren oder die Filme ostPunk! to much future und Bunch of Kunst über die englische Band Sleaford Mods macht dieses Festival aus, obwohl natürlich die Musik wie immer im Vordergrund stand. Dabei zeigten sich die Spielarten der zeitgenössischen Pop-Musik sehr vielgestaltig. Seien es nun Spoken-Words-Performances oder Typewriter-Klangwelten mit Tanz, Rap, Gitarren- oder Synthie-Pop, für jeden noch so speziellen Geschmack ließ sich etwas finden.
Und es ist so wie mit Owsnitzkis Auswahl aus unzähligen alten Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen die Großen oder damals noch unbekannten Newcomer des Pop und Undergrounds wie Nick Cave, Divine, Nina Hagen, Sade, Iggy Pop, Blixa Bargeld, Die Ärzte oder Miles Davis versammelt sind. Fürs erste zählt der Augenblick, ein erster Eindruck. Was wirklich bleibt, wird sich in ein paar Jahren zeigen. Und vielleicht erinnert man dann auch den einen oder anderen Auftritt auf der Pop-Kultur 2017. Mit Sicherheit nicht so schnell vergessen sein wird die unsägliche BDS-Boykottkampagne, für die nicht nur deren Betreiber sondern auch das Festival selbst im Umgang damit in die Kritik geriet. Wichtig bleibt in jedem Fall die Absage an jegliche Form von Antisemitismus, Chauvinismus, Homo- und Xenophobie. Und damit hat das Pop-Kultur-Festival auch in der dritten Runde die Nase weit vorn. Diverser im Auftritt und auch kontroverser in den Diskussionen wie in diesem Jahr geht es kaum.
Romano auf der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.
Der zweite Tag des Festivals gehörte auf der großen Bühne im Kesselhaus klar dem Rap. Auf die regionale Größe mit dem Zöpfchen-Rapper und Muttis Liebling Romano alias Roman Geike aus Berlin-Köpenick folgte hier die schwarze UK-Rapperin Little Simz alias Simbi Ajikawo aus London. Netter geradliniger Spaß-Proll-Rap von nebenan gegen eine eher experimentelle Mischung aus Elementen von Hip-Hop, Drum ’n’ Bass und Grime mit durchaus politischem Anspruch.
Sehr divers auch die musikalischen Beiträge aus Osteuropa. Jeweils ganz spezielle traditionelle Musikeinflüsse verarbeiten dabei das russische Elektro-Trio Oligarkh wie auch die im Kosovo gebürtige Berliner Sängerin ANDRRA alias Fatime Kosumi. Die St. Petersburger Band Oligarkh verbindet einen Mix aus EBM und Industrial mit Samplings russischer Folklore zu einer Art extrem tanzbarem „Slawischen Rave“ und arbeitet sich dabei u.a. auch noch verstärkt durch visuelle Mittel an der orthodoxen Kirche ab. ANDRRA dagegen hat folkloristische Lieder aus Albanien und dem Kosovo gesammelt und trug diese trance-artigen Gesänge mit elektronischer Unterstützung durch eine Band um PC Nackt (Apparat, Hans Unstern) vor. Dagegen haben sich der aus Polen stammende Konzeptkünstler Jemek Jemowit oder auch die Istanbuler Band Jakuzi klar den westeuropäischen Wurzeln aus Synthie-Pop sowie britischem Soul und New Wave verschrieben. Jemik Jemowit führte in seiner ironisch als Gala präsentierten Commissioned Work „10 Jahre Jemek Jemowit“ durch ein ganzes Potpourri aus Punk, Wave und Electronic Dance Music.
Oligarch auf der pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.
Der ungekrönte König des deutschen Elektro-Pops bleibt aber der Hamburger Andreas Dorau. Hatte der Ex-NDW-Star vor zwei Jahren bei der ersten Pop-Kultur im Club Berghain noch sehr pointiert aus seinen Memoiren gelesen, so sammelte Dorau in diesem Jahr für seine Auftragsarbeit im Palais der Kulturbrauerei eine Art All-Star-Band um sich, mit der er 20 Refrains in 40 Minuten vortrug. Der Meister des ohrwurmartigen Refrains, den er selbst den „Brühwürfel eines Songs“ nennt, kreierte dabei einen unterhaltsamen Abend der pop-musikalischen Essenz auch ganz ohne störende Strophen. Ungewöhnlich zumindest von der Instrumentierung war auch der Auftritt der schottischen Komponistin Anna Meredith, die ihre Pop-Songs mit Unterstützung von Synthesizer, Klarinette, Schlagzeug, Cello, Tuba und E-Gitarre vortrug.
Noveller auf der Pop-Kultur 2017 Foto: St. B.
Aus dem englischen Bristol stammt die Post-Punk-Band Idles, die am Donnerstagabend im Franzz-Club den Auftakt der harten Gitarrenfraktion gaben und dabei zum Brexit kein Blatt vor den Mund nahmen. Brutalism heißt ihr erstes Album. Genauso rau und unbearbeitet wie der gleichnamige Architekturstil der Nachkriegsmoderne ist ihr Punk der depressiven Post-Brexit-Ära. „Well Done!“ Aber auch der Gitarrenrock ist schon lange keine reine Männer-Domäne mehr. Ob nun die in Berlin lebende US-Folkrock-Sängerin Marsha Qrella, die Hamburger Indie-Pop-Gitarristin Ilgen-Nur oder die US-Avantgarde-Gitarristin Noveller alias Sarah Liptstate, die auch schon in Glen Brancas 100 Guitar Ensemble spielte, beherrschten die Szene bei der Pop-Kultur. Besonders Noveller überzeugte hier mit ihrem mal flirrenden, mal knarzender Gitarrenambiant, elektronischen Loops und echten Soli.
Überraschend stark auch die Münchner Band Friends of Gas mit der Sängerin Nina Walser. Psychedelischer Krautrock und Post-Punk mit verrätselten deutschen Texten, gegen die die Headliner des Freitagabends All diese Gewalt, ein Soloprojekt des Friends-Produzenten und Gitarristen der Stuttgarter Post-Punker Die Nerven, Max Rieger, doch sehr eintönig und vorhersehbar erschien. Wie die weibliche Variante von Dinosaur Jr. wirkt der kraftvolle Indie-Rock mit deutschen Texten der Band AUF von Sängerin und Gitarristin Anne Rolfs. Und das nicht nur wegen der sehr hohen Gesangsstimme. Dass noch nicht alle Bands die Gitarren an den Nagel gehängt haben, zeigt auch das Comeback der schottischen Arab Strab. Eine gute Mischung aus Elektronik und Indie-Rock und der Beweis, dass trotzt dem Ende des dritten Pop-Kultur-Festivals die Pop-Musik noch nicht am Ende ist.
All diese Gewalt auf der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.
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Pop-Kultur Berlin 2017 23.08. – 25.08.2017
In der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg
Wenn man so will ist die Pop-Kultur 2017 in ihrem dritten Jahr mit der Wahl der Location Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg an ihre Ursprünge zurückgekehrt. An diesem geschichtsträchtigen Ort, an dem sich nach der Wende die ersten Kulturkreativen des ehemaligen Szenebezirks mit hoher Club- und Kneipendichte ansiedelten, fand auch einige Jahre das Vorgängerfestival, die ehemalige Popkomm statt. Mittlerweile ist der Prenzlauer Berg straff durchgentrifiziert, was sich nicht nur in einem verstärkten Clubsterben bemerkbar macht, sondern auch in immer massiveren Anwohnerbeschwerden wegen ruhestörenden Lärms aus den noch verbliebenen Clubs auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Der Prenzlauer Berg hat zwar seine Anziehungskraft für Städtetouristen noch nicht ganz verloren, aber hinsichtlich einer lebenden alternativen Kneipen- und Clubkultur an Attraktivität stark eingebüßt.
Der Aufgabe neue innovative Kultur-Orte zu entdecken, trug die Pop-Kultur mit dem letztjährigen Ausflug in den Boom-Bezirk Neukölln Rechnung, nun scheint es an der Zeit Bilanz zu ziehen. Dabei hat man auch vom 2016 spontan gegründeten Neuköllner Gegenfestivals „Off-Kultur“ gelernt und tatsächlich einige Berliner Szene-Größen und DJs eingeladen, die im benachbarten Prater in der Kastanienallee auftreten werden. Aber keine Pop-Kultur ohne kleinen Medienskandal. Diesmal verursacht durch die Absage einiger arabischer Acts, die sich durch eine von der Organisation BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) betriebene Boykott-Kampagne gegen das 500-€-Sponsoring der israelischen Botschaft in Berlin für die Anreise der jüdisch-arabischen Sängerin Riff Cohnen abschrecken ließen.
Pop-Kultur 2017 in der Kulturbrauerei – Foto: St. B.
Trotz Charme-Offensive mit Facebook-liken Kätzchen- und Hundepostern seitens der Pop-Kultur sorgte die vom BDS offensiv auch im Internet betriebene Anti-Israel-Kampagne im Vorfeld doch für einige Unruhe. Stellvertretend für die Festivalleitung versicherte Pop-Kultur-Chefin Katja Lucker bei der Eröffnung am 23. August, sich davon nicht einschüchtern zu lassen. Das Festival stehe nach wie vor für Diversität und kollektive, narrative Partizipation. Auch die Vertreter der öffentlichen deutschen Geldgeber wie die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Berliner Kultursenator Klaus Lederer fanden klare Worte gegen die Vereinnahmung des Festivals für die Ziele des BDS.
Der Bund unterstützt die „jungen Rebellen der Pop-Branche“ (Zitat Grütters) mit 500.000 Euro für eine Veranstaltungsreihe sogenannter „Commissioned Works“. Klaus Lederer versprach langfristige Sicherung von Orten für junge Künstler. Dabei stehen Standorte wie die Alte Münze im Fokus. Es sollen in Zukunft nicht nur Grundrisse von Kulturorten wie die im Hof der Kulturbrauerei gezeigte Installation des vor einem Jahr in Berlin-Friedrichshain abgerissenen Projektraums Antje Øklesund übrig bleiben. Man wird den Kultursenator beim Wort nehmen müssen. Jüngstes Negativbeispiel ist die Meldung der Berliner Zeitung über den Verkauf des Künstlerareals der Weddinger Uferhallen. Die ehemaligen Bus- und Bahnwerkstätten wurden vom Land Berlin vor etwa zehn Jahren an die eigens gegründete Uferhallen AG veräußert. Diese hat das Gelände nun für fast das Fünffache an eine Investorengruppe um einen der Samwer-Brüder weiter verkauft. Gentrifizierung auf dem Vormarsch.
Balbina bei der Pop-Kultur 2017 – Foto (c) Stefan Bock
Musik gab es dann zur Eröffnung aber auch noch. Und die vor allem von starken Pop-Frauen, die bei diesem Festival erstmals mit einer Quote von 50 Prozent vertreten sind. Als eine der Auftragsarbeiten präsentierte die Berliner Sängerin Balbina ein Konzert in einer extra entworfenen Lichtinstallation, die das Weiß der Bühne und des Kostüms der Sängerin in immer neuen Farben erscheinen ließ. Ansonsten performte Balbina ihre philosophisch angehauchten, poetischen Popperlen gewohnt gefühlvoll aber auch recht routiniert vor vollem Kesselhaus. Auch längst kein Geheimtipp mehr ist die US-amerikanischen R&B-Sängerin ABRA, die mit ihrer bombastischen Video-Light-Show den Auftritt von Balbina fast noch toppte. Wem das schon zu mainstreamig war, konnte bei gut abgehangenem Psychelic-Rock und Surf-Pop z.B. von Alex Cameron im Franzz-Club abhängen.
Urbanen Electro-Pop machen die beiden Briten Darkstar. Für ihre chillende Lounge-Musik hat der Regisseur Cieron Magat die passenden Musikvideos städtischer Sub- und Jungendkultur in hippem Schwarz-Weiß-Negativ gedreht. Um Subkultur ganz anderer Art ging es beim Videovortrag von Too Much Future von Schriftsteller und Galerist Henryk Gericke und Radiomoderator Ronald Galenza. Die beiden plauderten über den DDR-Punk der frühen 1980er Jahre, zeigten Fotos und spielten Songs von Bands wie Planlos, Schleimkeim, Zwitschermaschine oder Rosa Extra. Im Stile von Zwei-alte-Männer-erzählen-vom-Krieg gab es einige Anekdoten über die ostdeutschen Verweigerer der Einvernahme durch Einheitspartei und DDR-Staatsorgane. Und tatsächlich war Punk zu sein in der DDR nicht ganz ungefährlich. Viele gingen für ihre politischen Texte in den Knast wie Otze von der Erfurter Band Schleimkeim oder Jana Schloßer von der Ost-Berliner Band Namenlos.
Too much future – Ronald Galenza und Henryk Gericke berichten über Punkrock in der DDR – Foto: St. B.
Jana Schloßer kann man übrigens seit letztem Jahr im Theaterstück Atlas des Kommunismus im Maxim Gorki Theater sehen. Im selben Stück tritt auch der schwule Musiker und Performer Tucké Royal auf, der mit seiner Boiband ebenfalls auf dem Pop-Kulturfestival vertreten ist. Einen CD-Sampler zu den ostdeutschen Punk-Bands hat Henryk Gericke für die 2016 im Martin Gropius Bau gezeigte Schau Gegenstimmen zusammengestellt. So schließen sich für den interessierten Berliner Kulturgänger Kreise auf diesem Festival, das mit diesem kleinen Ausflug in die Vergangenheit, der mit der ostdeutschen Post-Punkbewegung vor der Wende noch fortgesetzt wird, an die Geschichte des Austragungsortes erinnert, der mit seiner Umgebung des alten Prenzlauer Berg eng verwoben ist.
Der Stein des BDS-Boykottanstoßes, die Sängerin Riff Cohnen, hatte übrigens dann am Eröffnungsabend noch im Palais der Kulturbrauerei einen viel umjubelten Auftritt und überzeugte das Publikum mit einem feurigen Mix aus orientalischen Sounds und frankophilem Powerpop. Ein echtes Highlight, wie auch die hochgehandelte und bereits im letzten Jahr auf der Pop-Kultur vertretene französische Sängerin Fishbach, die zur späten Stunde im viel zu kleinen Maschinenhaus diesmal mit unterstützender Band auftrat. Französischer Elektro-Pop mit Gitarrenbegleitung und einer gut gelaunten Performerin, die auch noch lächelnd über „La morte“ singen kann und vom Publikum die deutschen Worte für Tod und Ende lernte. Am Ende ist die Pop-Kultur scheinbar noch nicht, auch wenn es in einer Gesprächsrunde heißen wird: „Pop-Kultur – brauchen wir das überhaupt?“ Die Antwort darauf lässt sich noch bis zum Freitag auf dem Festival ergründen.
Riff Cohen bei der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.
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Pop-KulturBerlin 2017
23.08. – 25.08.2017
In der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg
Sommerzeit ist Open-Air-Kinozeit, und selbst wenn das Wetter derzeit nicht mitspielt, machen zumindest zwei neue deutsche Filme Lust auf Sonne, Ferien und Liebe, auch wenn es zunächst nach Beziehungsstress aussieht. „Camping ist Kacke“, ruft der Lucky Loser in Beziehungspause Mike im gleichnamigen Film von Regisseur Nico Sommer; und Hans aus Die Hannas von Regisseurin Julia C. Kaiser stöhnt auch nur: „Schon wieder ein Beziehungsfilm“. Was also ist das Besondere an diesen beiden Low-Budget-Filmen, dass man sie unbedingt gesehen haben muss?
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Nico Sommer hat mit Filmen wie Silvi (2013) und Familienfieber (2014) schon ganz gut unter Beweis gestellt, dass er sein Handwerk als Regisseur für improvisierte Filme mit hintersinnigem Humor versteht. Nun hat er mit Filmförderung durch das ZDF zum ersten Mal ein richtiges Drehbuch geschrieben. Für das Gelingen am Set sorgte bisher immer ein ausgesuchtes Ensemble von DarstellerInnen, zu denen vor allem sein jetziger Hauptdarsteller und Impro-Könner Peter Trabner gehört. In Lucky Loser gibt Trabner Mike, einen alleinstehenden Mitvierziger, der nach 8 Jahren Beziehungspause immer noch an seiner Ex-Freundin Claudia (gespielt vom TV-Liebling Annette Frier) hängt. Die ist allerdings längst mit dem etwas spießigen Thomas (Kai Wiesinger) liiert. Aber Mike gibt nicht auf. Am Rückspiegel seiner Schrottkarre hängt das Bild seiner Angebeteten – bis sie ihn erhört oder bis zu seinem bitteren Ende, wie er der gemeinsamen 15jährigen Tochter Hannah (Emma Bading) versichert. Hanna ist die einzige, die noch zu Mike hält, und beschließt daher spontan nach einem Streit mit der Mutter und deren Freund, bei ihrem Vater einzuziehen.
Da Mike aber gerade von seinem Vermieter (Gustav Peter Wöhler) wegen Mietrückständen auf die Straße gesetzt wurde, fängt die Sache an etwas kompliziert zu werden. Vom seinem Chef (Tatort-Kommissar Kopper alias Andreas Hoppe auf Kinoabwegen) aus der Autowaschanlage, in der er arbeitet, bekommt Mike einen alten Wohnwagen und beschließt notgedrungen, seine Tochter auf eine Campingtour ins Brandenburgische zu lotsen. Damit wird die Sache aber nicht einfacher, und es beginnt ein „Sommer in der Bredouille“, wie die Beziehungskomödie kalauernd im Untertitel heißt.
Lucky Loser – (c) Farbfilm Verleih
Denn nicht nur Mike hat Tochter und Ex nicht ganz die Wahrheit gesagt, auch Hannah hat ihrem Vater verschwiegen, dass sie ihren Freund Otto (Elvis Clausen) zwecks geplanter Entjungferung zum 16. Geburtstag auf den Campingplatz, auf dem schon Mutter Claudia die verregnetsten Sommer ihres Lebens verbringen musste, eingeladen hat. Nun ist Otto zum Erstaunen Mikes trotz entsprechendem Namen kein sogenannter „Biodeutscher“, sondern ein in Deutschland geborener, großgewachsener Spross ghanaischer Eltern, was nicht nur P.C.-Debatten über das „N“-Wort auslöst, sondern auch Anlass zu Auseinandersetzungen mit rassistischen brandenburgischen Jugendlichen gibt.
Mike macht sich aber zunächst eher Gedanken über Drogenkonsum sowie die Jungfräulichkeit seiner Tochter und wie sie alle gemeinsam die Verwicklungen vor der nun auch noch auf dem Campingplatz angekommenen Mutter verbergen sollen. Der Film schrammt hier natürlich hart an allerhand Klischees vorbei, kann diese aber auch zu jeder Menge Wortwitz nutzen. Mitreißend aber ist, wie Peter Trabner in der Rolle des Mike, ohne dessen Bemühungen um Tochter und Ex ins Lächerliche zu ziehen, den Jungen spielt, der nicht erwachsen werden will und dem als Lucky Loser alle Sympathien gehören.
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Als Komödie beginnt der neue Film von Julia C. Kaiser, der – wie schon ihr Erstling Das Floß! (2015) – wieder beim Achtung Berlin Filmfestival im April lief und dort gleich die Preise für den besten Film, das beste Drehbuch, die beste Darstellerin und den besten Darsteller abräumte. Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach), zusammen Die Hannas, leben seit 15 Jahren zusammen und sind nach der etwas unschmeichelhaften Feststellung von Annas Freundin (Anne Ratte-Polle) das Paar, das im Kompromiss glücklich sein kann. Wir sehen zwei, die ihren Alltag leben ohne durchzudrehen. Scheinbar. Denn eigentlich gehen die beiden jedem Konflikt – sei es die Urlaubsplanung oder nur das gemeinsame Essen – aus dem Weg. Und damit beginnen dann aber auch schon die Probleme.
Nicht nur die Physiotherapeutin Anna verliebt sich für sie ganz überraschend in ihre umtriebige und nicht ganz einfache Patientin Nico (Ines Marie Westernströer), die in einer veganen WG mit Café-Betrieb lebt und einen recht taffen 15jährigen Sohn (Tim Blochwitz) im Heim hat. Auch der etwas gemütliche und korpulente Hans gerät unverhofft auf Abwege, als er beim über seinen Freund Florian (Christian Natter) vermittelten Hardcore-Fitnesstraining die Bondage und anderen Spielen nicht abgeneigte Kim (Julia Becker) kennenlernt. Dass Nico und Kim Schwestern mit zunächst unklaren Vergangenheit sind, erfährt man erst nach und nach, was für weitere Verwirrung sorgt, die Spannung und scheinbare Absurdität der Story aber noch beständig steigert.
Die Hannas – (c) W-film
Allerdings beginnt hier auch der Wandlungsprozess des Paars, was die durch ihren Psychotherapeuten (Falilou Seck) ermunterte Anna weiter beflügelt ihren Gefühlen nachzugehen und auch Hans immer mehr aus seiner Lethargie reißt. Das bedeutet aber auch, dass die beiden den geschützten Kokon ihrer gewohnten Zweisamkeit verlassen müssen und ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird. Wie unwirklich sich das für sie manchmal anfühlt, zeigt der Film in einigen surreal wirkenden Szenen. Einerseits genießen Die Hannas den Reiz der neuen Freiheit und die anderen Erfahrung in Sachen Liebe, andererseits wollen sie sich nicht verlieren, was wiederum die Schwestern in eine Krise stürzt.
Julia C. Kaiser hat einen aufregenden Film gedreht, der abseits normierter Sehgewohnheiten für einen freieren Umgang mit Liebes- und Beziehungsdingen wirbt, Alternativen zur Diskussion stellt, es den Beteiligten aber auch nicht unbedingt einfach macht sich zu entscheiden. Ob Die Hannas, um ihr Leben zu ändern, über den geraden gelben Strich, den ein Straßenarbeiter beständig zieht, springen können, sei hier noch nicht verraten. Es lohnt aber in jedem Fall ihnen beim Versuch zu zusehen.
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Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille (Deutschland 2017)
Dauer: 94 Minuten
Regie und Buch: Nico Sommer
Kamera: Thomas Förster
Montage: Nico Sommer, Carlotta Kittel BFS
Ton: Tim Stephan
Sounddesign: Manuel Laval
Redakteur: Christian Cloos
Producerin: Katharina Possert
Produzenten: Boris Schönfelder
Mit: Peter Trabner, Annette Frier, Emma Bading, Kai Wiesinger, Elvis Clausen, Ursula Werner, Andreas Hoppe, Harald Polzin, Christin Nichols, Antonio Wannek, Michael Kind, Gustav Peter Wöhler, Karim Cherif, Alexandra Grimaldi, Deborah Kaufmann, Katharina Schlothauer
Die Hannas (Deutschland, 2016)
Dauer: 102 Minuten
Regie, Buch: Julia C. Kaiser
Kamera: Dominik Berg
Schnitt: Linda Bosch
Musik: Sorry Gilberto, Dominik Berg, Coleslaw Clubbing
Ton: Tobias Rüther
Kostüm: Ulé Barcelos
Szenenbild: Melanie Peter
Produzenten: Oliver Schütte, Stefan Jäger, Katrin Renz, Milena Klemke
Produktion: tellfilm Deutschland
Mit: Anna König, Till Butterbach, Ines Marie Westernströer, Julia Becker, Anne Ratte-Polle, Christian Natter, Tim Blochwitz, Çetin Ipekkaya, Mandana Mansouri, Cynthia Micas, Robert Nickisch, Jakob Renger, Falilou Seck, Oliver Steffen
Am 11.08.2017 wurde im HAU 1 die 29. Ausgabe von TANZ IM AUGUST eröffnet. Nach Reden von Gastgeberin Annemie Vanackere, Kultursenator Klaus Lederer und der Kuratorin Virve Sutinen, die den Jahrgang in seiner Themenvielfalt und dem Versuch von künstlerischen Reflexionen angesichts einer globalisierten Welt allgemein als einen sehr guten anpriesen, stand eine Aufführung des Tänzers und Choreografen Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso auf dem Programm im HAU 1. Mit seiner Kalakuta Republik tourt er derzeit durch ganz Europa. Deutschlandpremiere hatte die Produktion bei der bei Africologne in Köln. Die nächste Station wird das Sommerfest auf Kampnagel in Hamburg sein.
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Coulibaly thematisiert in seinem Tanzstück den Zusammenhang von Kunst und Revolte am Beispiel des bekannten nigerianischen Afrobeat-Musikers Fela Kuti, der von den 1960er Jahren bis zu seinem AIDS-Tod 1997 als Künstler und politischer Aktivist tätig war. In seinen Texten kritisierte er vor allem die Militärregierung des Landes. Anfang der 1970er Jahren gründete er in Lagos die titelgebende Künstlerkommune Kalakuta Republik. Diese wurde 1977 bei einem Angriff nigerianischer Regierungstruppen zerstört. Fela Kuti ist nach wie vor eine Leuchtfigur im Kampf gegen afrikanische Diktatoren oder die Folgen der westlichen Kolonisation. Von Kritikern wird er aber auch als Demagoge und sexistischer Fundamentalist bezeichnet. Vor allem seine klare Ablehnung der Homosexualität und der AIDS-Prävention sind bekannt.
Kalakuta Republik von Serge Aimé Coulibaly – Foto (c) Doune Photo
Diese Ambivalenz Kutis untersucht die Choreografie in zwei Teilen. Im ersten Teil, der mit „Without a Story we would go mad“ (Ohne eine Geschichte würden wir verrückt werden) überschrieben ist, zeigen die Tänzer in Gruppen- und Solopartien das Entstehen eines gemeinsamen Widerstands. Aber auch hier gibt es einen charismatischen Führer, der die einzelnen, farblich unterschiedenen Individuen um sich schart. Und immer mehr beginnen sie diesem zu huldigen. Die Choreografien sind dabei sehr körperlich, dynamisch und in ihrer Zeichenhaftigkeit nicht immer endschlüsselbar. Der treibende Beat der Funkmusik mit Saxofon-Einlagen trägt aber über die gut 40minütige, schweißtreibende Darbietung der 7 afrikanischen Tänzer und Tänzerinnen, zu denen der Choreograf selbst und auch die weiße, französische Tänzerin Marion Alzieu gehören. Als Requisiten dienen ihnen dabei einige Stühle eine Ledersitzecke und zwei große Videowände.
Der zweite Teil nach der Pause spielt in einem verrauchten Soul-Nachtclub, in dem die Stühle wild herumliegen, eine Frau auf einem Podest tanzt, betrunkene Gestalten umherirren und Männer die Frauen mit Gesten erniedrigen. So bläst einer der Tänzer einer Tänzerin, die am Mikrofon zu singen versucht, immer wieder Zigarettenqualm ins Gesicht und auf den Körper. „War is a purifiction rite“ (Krieg ist ein Reinigungs-Ritus) steht auf der Videowand oder auch „Dekadence can be an end in itself“ (Dekadenz kann Selbstzweck sein). Einer der Tänzer ruft: „Ich werde Präsident sein.“ Die Befreiung schlägt in ihr Gegenteil um, die Revolution frisst ihre Kinder. Der Widerstand erstickt in Ritualen der Körperlichkeit, der Dekadenz und des Machismo. In einer kleinen Parade mit wieder sehr symbolhaften Gesten verlässt die Truppe, die Tänzerinnen auf den Schultern der Tänzer, den Saal.
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Zora Snake bei seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain vor dem HAU 1 Foto: St. B.
Mit traditionellen Riten beschäftigt sich der 1990 in Kamerun geborene Choreograf Zora Snake in seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain (Jenseits des Menschlichen), die er im Anschluss an die Eröffnungspremiere draußen vor dem HAU 1 begann. Er setzt sich darin mit dem postkolonialen afrikanischen Körper auseinandersetzen und bedient sich dabei Mitteln der Performing Arts sowie des Urban und African Dance. Zunächst sprang Snake mit zwei Ritualschalen auf die Stresemannstraße und zog danach einen Sarg mit der Kameruner Flagge zum HAU 2, wobei ihm das Publikum folgte und auch eine Kette aus schwarzen Holzkreuzen hinterher trug. Vor dem Café Wau zelebrierte der junge Performer noch ein streng durchchoreografiertes, afrikanisches Begräbnisritual auf einem quadratischen Erdfeld und hielt eine Rede in Französisch, die im Programmblatt auf Deutsch abgedruckt war.
In dem Text Die Toten sind nicht tot geht es um die Tragödie aus Kriegen überall in Afrika. „Werden wir immer schweigende Beute bleiben?“ fragt Zora Snake und verneint dies mit dem Aufruf „dem Leben, das vor Jahrhunderten gestorben ist, wieder Leben einzuflößen“. Snake ruft dazu die Ahnen des schwarzen Widerstands wie Nelson Mandela, Mohamed Ali, Fidel Castro, Martin Luther King, Malcom X oder Patrice Lumumba. „In dem Ring meiner Erinnerung boxt die Hoffnung gegen die Hoffnungslosigkeit. Wir leisten Widerstand.“ Gerade in ihrer für uns Europäer vielleicht etwas simplen Archaik blieb diese Performance nicht ganz ohne Wirkung.
Zora Snake bei seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain vor dem HAU 2 – Foto: St. B.
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Kalakuta Republik
Konzept & Choreografie: Serge Aimé Coulibaly
Von und mit Adonis Nebié, Marion Alzieu, Sayouba Sigué, Serge Aimé Coulibaly, Ahmed Soura, Antonia Naouele, Ida Faho
Musik: Yvan Talbot
Video: Eve Martin
Dramaturgie: Sara Vanderieck
Assistenz Choreografie: Sayouba Sigué
Bühne & Kostüm: Catherine Cosme
Licht: Hermann Coulibaly
Technische Leitung: Sam Serruys
Produktion: Faso Danse Théâtre & Halles de Schaerbeek
Produktionsleitung: Halles de Schaerbeek
Distribution: Frans Brood Productions
Koproduktion: Maison de la Danse Lyon, TorinoDanza, Le Manège Scène nationale de Maubeuge, Le TARMAC – La Scène internationale francophone Paris, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Ankata Bobo Dioulasso, Les Récréâtrales Ouagadougou, Festival AfriCologne, CC De Grote Post Oostende.
Dauer: 85 min + Pause
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Au-delà de l’humain
von und mit Cie Zora Snake
Künstlerische Leitung: Zobel Raoul Tejeutsa / Snake
Konzept & Choreografie: Zora Snake
Bühnenbild: Snake
Produktion: Compagnie Zora Snake
Mit der Unterstützung von: Festival Ambony Ambany 4 Madagascar, Festival Mantsina Sony sur Scène – Congo-Brazzaville, Festival Les Récréârales, La Triennale danse l’Afrique danse, Festival les Dètours de Babel, Othni (laboratoire de théâtre de Yaoundé-Cameroun).
Dauer: 45 Min
Lucian Freud (1922-2011) wurde von seinen Kritikern als der „besessenste Maler des Fleisches“ bezeichnet. Seine stark pastösen Gemälde nackter Modelle wirken oft sehr korpulent und auf viele geradezu obszön. Jede Ader, jede Hautfalte, jeder noch so kleine Makel, alles Intime liegt in seinen radikal-realistischen Bildern gnadenlos offen. Aber es ist die Art, wie er die Menschen sah. „Zu den aufregendsten Dingen gehört, durch die Haut hindurchzusehen, bis zum Blut, zu den Venen und Narben.“ Das Innere bildhaft nach außen kehren. Darin ähnelt Lucian Freud seinem Malerkollegen und Freund Francis Bacon. Beide haben sich mehrfach gegenseitig portraitiert.
Die Modelle fand der in Berlin geborene Enkel des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud im direkten Umfeld. „Mein Werk ist rein Autobiografisch. Es ist der Versuch, etwas aufzuzeichnen. Es geht darin um mich und meine Umgebung. Ich male nach Menschen, die mich interessieren und die mir etwas bedeuten und über die ich nachdenke, in Räumen, in denen ich lebe und die ich kenne.“ Auch die Natur und vor allem Tiere tauchen immer wieder in Freuds Gemälden auf. In Kombination sind dies Bilder der Ruhe und Ausgeglichenheit, fast wie fleischgewordene Meditationen.
Wie setzt man diese Art zu Malen nun in das eher reduziertere Medium der Druckgrafik um? Dazu sind im Martin Gropius Bau zurzeit 51 Radierungen Freuds aus der UBS Art Collection zu sehen. Ergänzt werden sie durch ein aquarelliertes Selbstportrait und zwei bekannte Gemälde aus der großen Schweizer Unternehmens-Sammlung. Lucian Freud: Closer ist nach großen Retrospektiven 2010 im Centre Georges Pompidou Paris, 2012 in der National Portrait Gallery London und 2013 im Kunsthistorisches Museum Wien, eine erste Ausstellung mit Werken Freuds in Berlin seit 1991.
1922 in Berlin geboren, wanderte der damals 10jährige Freud nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mit seiner Familie nach Großbritannien aus. Mit 16 wurde er britischer Staatsbürger und besuchte bereits die Central School of Art. Kontinuierlich an sich arbeitend hatte Freud mit 21 seine erste eigene Ausstellung. Gezeichnet und radiert hatte er im kleinen Maßstab eigentlich schon immer. Aber erst ab den 1980er Jahren entstanden parallel zu seinen Gemälden viele auch großformatige Radierungen mit den gleichen Motiven. Die ausgestellten Werke stammen bis auf das Aquarell Self-Portrait aus dem Jahr 1974 aus der Zeit von 1982 bis 2001.
Als ironische Wertung der symbolhaft überladenen Werke der Surrealisten, denen er sich nur ganz kurz in den 1940er Jahren zuwandte, ist sein Ausspruch zu verstehen: „Was könnte surrealer sein, als eine Nase zwischen zwei Augen.“ Freud suchte die Wahrhaftigkeit in seinen Portraits. „Ich wünsche mir, dass meine Porträts sozusagen die Leute selbst sind, nicht nur deren äußere Erscheinung.“ Den strengen Maßstab seiner Portraitbilder legte er auch ans eigene Antlitz. Die Ausstellung öffnet mit dem besagten Selbstportrait am Eingang zum ersten Raum, in dem vorwiegend Portraits von Verwandten und Bekannten sowie Londoner Künstlerpersönlichkeiten gezeigt werden, und schließt mit einer sehr düsteren Self-Portrait-Radierung von 1996. Ein tief gefurchtes Gesicht mit dunklen Augenhöhlen und heruntergezogenen Mundwinkeln, nichts beschönigend. Zum Vergleich kann man im ersten Raum eine kleine Serie von Radierungen seiner Mutter betrachten. The Painter‘s Mother von 1982 dokumentiert schon ebenso kompromisslos die Vergänglichkeit des Körpers.
Lucian Freud: Large Sue, 1995, (Benefits Supervisor Sleeping), Radierung, 82,5 x 67,3 cm (c) Lucian Freud Archiv/Bridgeman Images UBS Art Collection
Weitere Radierungen zeigen vor allem seine Tochter Bella, Bekannte der Familie, wie den Anwalt seines Großvaters Sigmund Freund, oder Freunde und Künstlerkollegen wie den britischen Konzeptkünstler, Bildhauer und Filmemacher Cerith Wyn Evans, dessen Kopf er zusätzlich mit Pastellkreide wild über den Rand der Radierung hinaus kolorierte, oder in Head of a Man und Large Head den australischen Modedesigner und Performancekünstlers Leigh Bowery, der Freud ebenfalls meist nackt Modell stand. Eines davon, Reclining Figure, ist im zweiten Raum zu sehen, der sich ganz Freuds vielen Nacktmodellen widmet. Sie verströmen alle eine ganz spezielle Nähe und Intimität.
Lucian Freud ließ in den Radierungen alles Interieur um seine Modelle weg. Das erweckt tatsächlich den Eindruck von Schwebenden. Als signifikantes Beispiel dafür hängen hier die Bilder der recht barocken Arbeitsamtsangestellten Sue Tilley, die ihm sehr oft Modell saß, oder besser lag. Wie eine schlafende Madonna von Rubens. Als Gemälde erzielten diese Aktbilder auf Auktionen enorme Preise. Die Radierungen Large Sue und Woman with Arm Tattoo sind aber nicht minder eindrucksvoll.
Lucian Freud: Double Portrait 1988–1990 (Susanna Chancellor und Freuds Hund Pluto), Öl auf Leinwand, 113,3 x 134,62 cm (c) The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images UBS Art Collection
Freuds Vorlieben für Tiere und Naturdarstellungen widmen sich die hinteren Räume der Ausstellung. Hier fasziniert vor allem die Radierung eine feingliedrigen Diestel, ein Motiv, das öfters in seinen Gemälden auftaucht. Ebenso wie Hunde, die er zusammen mit ihren Besitzern portraitierte. Als anschauliches Beispiel dient hier das Gemälde Double Portrait (1988–1990), das Freuds Modell Susanna Chancellor mit seinem Jagdhund Pluto zeigt. In der Radierung reduzierte Freud den Bildausschnitt lediglich auf den Hund, der zu Füßen der Ruhenden liegt.
Vorbilder fand Freud in der klassischen französischen Portrait-Malerei des 18. Jahrhunderts mit Vertretern wie Jean-Auguste-Dominique Ingres oder Jean Siméon Chardin, dessen Gemälde Die Schulmeisterin er in zwei Radierungen adaptierte. Chardin ist als „Maler der Stille“ bekannt, was Freuds Intensionen der Malerei natürlich sehr nahe kommt. In der Radierung The Egyptian Book reflektiert Freud Besuche des Berliner Ägyptischen Museums in seiner Kindheit. Das Bild zeigt das aufgeschlagene Buch Geschichte Ägyptens aus seinem Besitz, mit den Portraits zweier früher ägyptischer Statuen. Ebenfalls eine Referenz an die Kunstgeschichte wie auch an die Vergänglichkeit.
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Lucian Freud: Closer
Radierungen aus der UBS Art Collection
22.07.2017 – 22.10.2017
Martin-Gropius-Bau, Berlin
Niederkirchnerstraße 7
Auf mittlerweile bereits fünf Ausgaben kann in diesem Jahr das kleine aber doch auch großartige Avantgarde-Jazzfestival A L’ARME! zurückschauen. Erstmalig 2012 ertönte der Aufruf „A L’ARME – zu den Waffen“ im Radialsystem V, einem umgebauten Pumpwerk am Spreeufer, das sich seit 2006 als internationaler Treffpunkt für experimentelle Musik, zeitgenössischen Tanz und viele andere Künste etabliert hat. Weniger militärisch als viel mehr improvisationslustig präsentierte sich seitdem auch das Line-up des Festivals, auf dem sich Avantgarde-, Noise- und Free-Jazz-Größen wie Peter und Caspar Brötzmann, Joe McPhee, Thurston Moor, FM Einheit, Mats Gustafson, Massimo Pupillo, Ken Vandermark, Ingrid Laubrock und sogar Pop-Größen wie Neneh Cherry ein Stelldichein gaben.
Zum viertägigen Jubiläum versprachen die Veranstalter eine Vielzahl von Album-Erstvorstellungen und kompositorische Uraufführungen. Dazu wurde eine Mix aus AL’ARME!-All-Stars und jüngeren Talenten der Avantgardemusik-Szene eingeladen. Wobei der Fokus des Festivals auf der Berliner Jazz- und Improvisationsszene liegen sollte. Spezielle After-Show-Partys mit elektronischer Musik präsentierte das Raster-Noton-Label.
Mieko Suzuki – Foto (c) Peter Gannushkin
Wie in den letzten beiden Jahren fand das Opening des Festivals am Mittwochabend in Berlins Techno-Tempel Nr. 1, dem Berghain statt. Die in Berlin lebende japanische DJ-Künstlerin Mieko Suzuki mischte dazu den passenden elektronischen Begrüßungssound. Auch wenn ihre schmale Silhouette hinter den Turntables kaum wahrnehmbar war, versprühte sie doch vor und zwischen den einzelnen Live-Acts mit ihren wabernden, elektroakustischen Basslinien eine bemerkenswert klangliche Präsenz. Ein fast psychodelisches Warm-up, zu dem der nachfolgende deutsche Elektropionier, Visual Artist und Mitbegründer des renommierten Raster-Noton-Labels, Frank Bretschneider, zunächst so gar nicht recht passen wollte.
Bretschneider, der mit seinem alten Kollegen aus Karl-Marx-Städter AG.Geige-Zeiten Olaf Bender aka Byetone Samstagnacht noch ein paar DJ-Sets im Radialsystem V spielen wird, trat mit seiner audiovisuellen EXP-Solo-Performance auf. Der elektronische Soundtüftler erzeugte auf seinem Laptop ca. eine halbe Stunde lang elektroakustische Störgeräusche, zu deren Rhythmus auf einem Videoscreen im Hintergrund bizarre Herzfrequenzkurven und andere Computergrafiken hypnotisch zuckten.
Frank Bretschneider – (c) A L’ARME! Festival
Es war ein Abend der Extreme und klanglichen Collagen. Extrem experimentell wirkte im Anschluss auch das Zusammenspiel der beiden avantgardistischen Gitarren-Gurus Caspar Brötzmann und Thurston Moor. Berliner Industrial trifft New Yorker Noise-Rock – zwei Fender-Gitarren im unmittelbaren Soundbattle. Die beiden Experimental-Gitarreros türmten zunächst ein paar improvisierte Lärmwände auf, die sie nach und nach unter viel Getöse wieder einrissen. Dabei wurden die Stahl-Saiten der Elektrogitarren auf alle nur erdenkliche Art und Weise malträtiert. Vorwärtstreibende Gitarrenriffs von Thurston Moor verknäulten sich mit den metallen zerrenden Geräuschen, die der Massaker-Frontmann seiner E-Gitarre entlockte. Ein Noise- und Feedbackgewitter, das hin und wieder auch in ein fast meditatives Glockengeläut überging.
Allein das wäre für geübte Noise-Rock-Jünger schon das Eintrittsgeld wert gewesen, wenn nicht mit dem norwegischen Hammond-Orgel-Powertrio Elephant9 gegen 23 Uhr noch ein ganz spezielles Set das Lärm-Glück komplettiert hätte. Man könnte meinen, die musikalischen Uhren im Berghain liefen an diesem Abend rückwärts. Die Auferstehung des Avantgarde-Jazz und Prog-Rock der 1960er Jahre, der nicht nur Brötzmann und Moor inspiriert haben dürfte, im bombastischen Sound-Gewand des Elektro-Organisten Ståle Storkløkken begleitet von Nikolai Hængsle Eilertsens psychedelischen Basslinien und den treibenden Drums des Schlagzeugers Torstein Lofthus. Und damit schwimmen die drei Norweger natürlich auf einer anhaltenden Retro-Welle. Was diesen an Prog-Rock-Größen wie King Crimson oder Amon Düül erinnernden Instrumentalsound ins 21. Jahrhundert trägt, sind der konsequente Einsatz von elektronischen Loops und verzerrten Fender Rhodes, die den Sound dadurch auch für jüngere Techno-Fans tanzbar machen. Eine gelungene Fusion von Elektronik und Art-Rock.
Elephant 9 – Foto (c) Hans Petter Heggli
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Nach der ersten Lärmoffensive zur Eröffnung des 5. A L’ARME!-Festivals am Mittwoch im Berghain stand der Donnerstag im Radialsystem V wieder ganz im Zeichen der Improvisation. Der Abend begann mit einem recht minimalistischen Solokonzert der in Amsterdam lebenden slowenischen Pianistin Kaja Draksler. Sie gehört zu den derzeit gefragtesten ImprovisatorInnen der Avantgarde-Szene und war daher auch noch für einen Auftritt mit ihrem Kaja Draksler Octet am Samstag gebucht. Im quadrophonisch neu ausgerichteten Saal des Radialsystems überzeugte Draxler mit einer Darbietung ihres Könnens am eher klassischen Konzertinstrument, bei dem sie alle Spielarten der Klangerzeugung selbst mittels auf die Saiten des Flügels geworfener Metallstückchen atmosphärisch austestete.
Kaja Draksler – Foto (c) Beata Szparagowska
Gleich danach präsentierte der Berliner Schlagzeuger und SWR-Jazzpreisträger 2017 Christian Lillinger mit seinem dänisch-deutschen Ensemble-Projekt Dell/Brecht/Lillinger/Westergaard eine elektroakustische Weltpremiere für Schlagzeug, Vibraphon, Kontrabass und Live-electronics. Herbei wurden die von Schlagzeuger Christian Lillinger, Vibraphonisten Christian Dell und Bassist Jonas Westergaard gespielten Improvisationen durch die Live-Bearbeitung des Stuttgarter DJs Johannes Brecht verstärkt. Was Brecht hier mit den Klängen der drei Mitstreiter anstellte, ist zwar musikalisch gesehen nicht unbedingt ganz neu, verfehlte aber seine akustische Wirkung im Saal nicht.
Natalie Sandtorv – Foto: St. B.
Eine improvisatorische Meisterleistung gelang der jungen norwegischen Sängerin und Preisträgerin des Moldejazz/”Sparebank 1-Jazz Talent“-Preises 2016 Natalie Sandtorv mit ihrem neustes Projekt, dem New Roots Trio. Bei diesem auskomponierten Konzert für Stimme, präpariertes Klavier und Schlagzeug wurde sie von dem norwegischen Schlagzeuger Ole Mofjell und der griechischen Pianistin Zoe Efstathiou unterstützt, die wiederum als sogenannte Meisterin des präparierten Klaviers gilt. Bemerkenswert aber war vor allem das Können Ole Mofjells, der ähnlich wie Draxler und Efstathiou, alle erdenklichen Möglichkeiten der Klangerzeugung auf seinen Drums und Schellen nutzte, was Natalia Sandtorv elfengleichen Voice-Improvisationen bestens ergänzte.
Ein bombastisches orchestrales Konzerterlebnis stand zum Finale des Donnerstagabends in der Halle des Radialsystems auf dem Programm. Der New Yorker Trompeter und Komponist Nate Wooley hat für die Berlin-Premiere der 2015 in New York uraufgeführten fünften Edition seiner siebenteiligen Kompositionsserie Seven Storey Mountain ein 19-köpfiges Ensemble, bestehend aus bekannten SpitzenmusikerInnen der internationalen Avantgarde-Bewegung, zusammengestellt. Das Werk begann mit einem fanfarenartigen Auftakt der Bläsersektion und steigerte sich dann im Zusammenspiel von zwei Vibraphonen, Schlagzeugen und Streichern, der Vocal-Instrumentalistin Liz Allbee und der Trompete von Nate Wooley zu einem orchestralen Infernal aller beteiligten MusikerInnen. Nach etwa einer Stunde war das fünfte Lärm-Geschoss erklommen und der Abend klang mit fast meditativen Glockenschlägen als Zeichen der unaufhaltsamen Vergänglichkeit aus.
Nate Wooley mit Seven Storey Mountain – Foto: St. B.
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Im Song Trends des deutschen Avantgarde-Pop-Duos Foyer Des Arts hieß es 1982 noch ironisch „Gitarrensolos erobern sich die Rockmusik zurück“. Bewahrheitet hat sich das u.a. mit Avantgarde-Musikern wie Caspar Brötzmann und Thurston Moore, die beide ihre Karriere in den 1980er Jahren begannen und nun zum widerholten Mal zum A L’ARME!-Festival eingeladen wurden. Nicht zuletzt würdigte man diese Tradition mit dem Auftritt eines weiteren Gitarren-Sets mit der niederländischen Punk-Legende The Ex, die das Festival am Samstagabend beendeten. Auch wenn Caspar Brötzmanns letzte eigene Platteneinspielung schon ein paar Jahre zurückliegt und der Extrem-Gitarrist nach mittlerweile 30 Jahren im Geschäft immer noch als Geheimtipp in der Szene gilt, war der eigentlich nie wirklich weg. Nach Projekten mit FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten und den beiden Schweizer Musikern Michael Wertmüller und Marino Pliakas belebte Brötzmann nun mit dem italienischen E-Bassisten Massimo Pupillo und dem Schweizer Schlagzeuger Alexandre Babel die Dreierkonstellation seiner legendären Band Massaker wieder.
Brötzman-Pupillo-Babel Foto (c) A L’ARME! Festival
Den Freitagabend im Radialsystem eröffneten die drei Musiker mit der ersten öffentlichen Vorstellung ihrer neuen LP Alexandre Babel/ Massimo Pupillo/ Caspar Brötzmann: Live At Candybomber Studio Vol. I. Man kann also noch auf weitere Releases dieser rein instrumental eingespielten E-Gitarren-Improvisationen hoffen. Wer diese Art von Brachialbeschallung mag, wurde beim Konzert in der Halle nicht enttäuscht. Brötzmann ließ wieder seine nur selten abebbenden Gitarren-Lärmwellen fließen und wurde dabei von Babels treibenden Drums und Pupillos Bass, den der italienische Fusion- und Improvisationsspezialist noch über Live-electronics verstärkte, bestens unterstützt.
Weniger lärmig aber nicht minder intensiv war das Duett des US-amerikanischen Free-Jazz-Veteranen Joe McPhee mit dem norwegischen Schlagzeuger Paal Nilssen-Love in benachbarten Saal. Nur durch einige Spoken-Words-Darbietungen unterbrochen, ließ McPhee immer wieder seine Stimme mit und durch sein Saxophon aufheulen. Dabei assistierte ihm Nilsson Love an Drums Gongs und Rasseln.
Corsano – Lee – Abdelinour – Maya – Foto: St. B.
Danach gehörte die kleine quadratische Bühne wieder dem nicht minder ambitionierten Nachwuchs. Der New Yorker Avantgarde-Schlagzeuger Chris Corsano, der am Donnerstag bereits beim „Seven Storey Mountain V“-Orchester an den Drums saß, präsentierte sein Projekt-Quartett Corsano/Lee/Abdelinour/Mayas, das neben ihm aus der koreanischen Noise-Cellistin Okkyung Lee, der Berliner Inside Piano-Virtuosin Magda Mayas und der französischen Alt-Saxofonistin Christine Abdelnour besteht. Ebenfalls ein Beitrag von spezieller, beeindruckender Improvisationskraft.
Thurston Moore & Band Foto: St. B.
Mit dem Ausruf „Rock‘n‘Roll!“ wurde der mittlerweile in London lebende Ex-Sonic-Youth-Mastermind Thurston Moore zu später Stunde in der gut gefüllten Halle des Radialsystems begrüßt. Hier stellte er dann auch sein neues Album Rock N Roll Consciousness vor. Nach dem Gitarren-Battle mit Caspar Brötzmann am Mittwoch im Berghain und nachdem dieser bereits furios vorgelegt hatte, war man gespannt, was Moore neues zu bieten hatte. Letztlich ähnelte der Auftritt der Thurston Moore Group doch sehr dem auf der letzten Pop-Kultur im Berliner Huxleys vor einem Jahr. Thurston Moore setzt da ganz auf Beständigkeit. Zu psychedelischen Videos mit konvulsierenden Sonnen, wechselnden Planetenkonstellationen und Magic Mushrooms legte Moore mit seiner Band seinen gewohnt bewusstseinserweiternden Gitarrensoundteppich aus, den man im Gegensatz zum Free Jazz fast schon melodiös nennen könnte. Dazwischen brandete aber immer wieder improvisierter Gitarrenlärm auf, der am Ende in einem fast zehnminütigen Feedback-Gewitter kulminierte. Der langjährige Erfolg und die fast frenetischen Zugabe-Rufe geben dem alten Avantgarde-Hasen aber durchaus Recht. Rock’n’Roll will never die. „Peace and Love“ wünschte der Meister zum Abschied.
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Das Berliner Festival hatte also in seiner Jubiläumsausgabe so einiges zu bieten. Erstmals gelang es nach 5 recht erfolgreichen Jahren auch, eine spartenübergreifende Förderung durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa zu ergattern. Mit dieser Geldspritze ist das Fortbestehen dieses kleinen aber innovativen Avantgarde-Festivals erstmal bis zur nächsten Ausgabe gesichert, und der Berliner Senat beweist neben dem etwas größer angelegten Pop-Kultur-Festival, das in drei Wochen folgen wird, seine Verantwortung auch für die Förderung und den Erhalt von Strukturen freier, alternativer Musikformen in der Stadt. Das hat das Festival sicher auch dem unermüdlichen Einsatz seines künstlerischen Leiters und A L’ARME!-Begründers Louis Rastig zu verdanken. Möge diese Zusammenarbeit auf Dauer fruchten.
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A L’ARME! Festival Vol. V
Improvised music & contemporary jazz
02. – 05. August 2017
Im BERGHAIN und dem RADIALSYSTEM V, Berlin
Macbeth im Monbijou Theater Foto (c) Bernd Schönberger
Sommerzeit ist Open-Air-Theaterzeit. So auch in diesem Jahr im Amphitheater am Monbijoupark in Berlin-Mitte. Nach der Abspaltung der alten Hexenkessel-Truppe um Jan und Carsta Zimmermann, die nun die Woesner Brothers auf dem Pfefferberg beerbt haben und das dortig Pfefferberg Theater betreiben, hat Christian Schulz, Theaterleiter und Geschäftsführer der Monbijou-Theater GmbH, die Zeichen auf Erneuerung gesetzt. Neben Die lustigen Weiber von Windsor, einem der üblichen Sommertheaterklassiker von William Shakespeare, hat man nun zwei eher schwergewichtigere Klassiker auf die Amphitheaterbühne gehievt. Nach Die Mitschuldigen (einer Jugendsünde von Johann Wolfgang von Goethe) im letzten Jahr eröffnete man die laufende Saison mit Faust, des Weimarer Geheimrats Tragödie erster Teil, der nun alternierend mit Macbeth, einem der wohl blutrünstigen Königsdramen Shakespeares gezeigt wird.
Nach Schenkelklopfen ist nun also Hauen und Stechen im Monbijou Theater angesagt. Das nötige Theaterblut dafür schleppt man gleich in mehreren Zinkeimern und -wannen auf die Bühne. Das Geschehen um den schottischen Edelmann Macbeth, der, angestachelt von seiner Frau und den Weissagungen dreier Hexen, er würde es zum Thane von Cawdor und schließlich gar zum König von Schottland bringen, den alten Monarchen Duncan ermordet und nachfolgend noch viele weitere Widersacher ins Jenseits befördert, spielt sich hier in einer kleinen Sandkastenarena zu Füßen der Zuschauertribüne ab. Während hier noch die drei Hexen ihre verwunschenen Beschwörungsformeln im Original singen, rollen nach gewonnener Schlacht Macbeth und Kumpan Banco von oben herab.
Die beiden sehen dabei aus, als wären sie eher Maske und Kostümfundus eines Mad-Max-Endzeitstreifens entsprungen. Wilde Gladiatorenkämpfer mit Lederschützern an Armen und Beinen und phantasievoll geformten Helmen auf dem Kopf, die sich im Sand einer antiken Arena suhlen. Regisseur Darijan Mihajlovic hat Shakespeares Drama auf handliche 90 Minuten gekürzt, aber wenig an der klassischen Übersetzung Friedrich Schillers geändert. Ohne allzu pathetisch zu werden, lässt das der Geschichte ihre düstere Wucht. Der Kampf um die Macht fordert auch hier seine Opfer.
Macbeth im Monbijou Theater – Foto (c) Bernd Schönberger
Wer einmal im Blute gebadet, ist davon gezeichnet und wird das auch so schnell nicht wieder los. Zunächst bekommt der übergriffige Suffkopp König Duncan seinen Eimer auf und später auch noch Banquo, dem die Hexen weissagten, einmal Könige zu zeugen. Wer kann, flieht nach England. Duncans Sohn benutzt dazu den Waschzuber, in dem später Mcduffs Weib samt Frischgeborenem das nächste Opfer der Blutorgie des Macbeth wird. Das Spiel gestaltet sich dabei sehr dynamisch. Fast fliegend wechselt das Ensemble immer wieder die Rollen – bis auf Macbeth, seine Lady und Banquo, der dem Mörder weiterhin als Geist mit blutigem Kopf beim Abendessen mit den Thanes erscheint.
Nun ist dies aber beileibe nicht nur ein martialisches Sandkastenspiel. Auch wenn Mord-, und Fechtszenen wie im schnellen Nummernprogramm wechseln, bleibt hin wieder auch mal Platz für etwas Slapstick oder einen theatralischen Wahnsinnsauftritt der Lady. Ernst und Unterhaltung halten sich die Waage, und auch das Publikum darf seinen Beitrag zum Sturz des Tyrannen leisten. Wenn dann endlich der Wald von Birnam nach Dunsinane gekommen ist, gibt es neben dem klassischen Ende noch eine überraschende Wende, bei der Banquos Sohn Fleance eine maßgebliche Rolle spielt.
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Macbeth (Monbijou Theater, 31.07.2017)
von William Shakespeare
Regie: Darijan Mihajlovic
Dramaturgie: Maurici Farré
Kostümbild: Isa Mehnert
Maskenbild: Rivka Dette
Bühnenbild: David Regehr
Technische Leitung: Sebastian Söllner
Biomechanisches Training: Tony De Maeyer
Musik: Anna Krstajić in Zusammenarbeit mit Darijan Mihajlovic
Bühnenbild: David Regehr
Technische Leitung: Sebastian Söllner
Biomechanisches Training: Tony De Maeyer
Musik: Anna Krstajić in Zusammenarbeit mit Darijan Mihajlovic
ENSEMBLE:
Macbeth: Jonas Kling / Markus Braun
Lady Macbeth: Anja Pahl / Franziska Hayner
Duncan/ Macduff Matthias Horn / André Kudella
Banquo/ Banquos Geist: Uwe Neumann / Daniel Sellier
Hexe 1/ Malcolm/ Mörder/ Lord: Tobias Schulze / Rashidah Aljunied
Hexe 2/ Sohn Macduff/ Bote/ Mörder 2/ Lenox/ Soldat: Carolin Ott / Melanie Stahl / Marisa Wojtkowiak
Hexe 3/ Lady Macduff/ Fleance/ Rosse/ Krieger: Carmen Betker / Vlatka Alec
Premiere war 21. Juni 2017 im Monbijou Theater
Termine: 22. Juni – 3. September 2017
Das Belvedere auf dem Pfingstberg Potsdam – Foto: St. B.
An der südwestlichen Grenze Berlins gelegen, ist Potsdam nicht nur geschichtlich eng mit der gesamt-deutschen Bundeshauptstadt verbunden. Die wesentlich kleinere brandenburgische Landeshauptstadt ist außerdem ähnlich gut wie ihre große Schwester mit kulturellen Highlights bestückt. Ein Grund mehr in der an Kultur-Events etwas flaueren Sommerzeit einen Blick über die Havel nach Potsdam zu werfen. Zu erreichen ist die alte preußische Residenz- und Garnisonsstadt über die Regionalbahn Richtung Brandenburg, mit der S-Bahn oder für sportlich Ambitionierte auch mit dem Fahrrad.
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Fährt man vom S-Bahnhof Wannsee entlang der Königstraße Richtung Potsdam am Schloss Glienicke vorbei, trifft man kurz hinter der Glienicker Brücke auf die Villa Schöningen. Direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen beherbergt die 2008 vom Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner und dem Vorstandsvorsitzenden der RHJI, Leonhard Fischer gekaufte und denkmalschutzgerecht wieder aufgebaute Villa eine Dauerausstellung zur Geschichte des Hauses und zur Glienicker Brücke. Im Obergeschoss finden noch dazu wechselnde Sonderausstellungen renommierter Künstler und Künstlerinnen statt. Momentan sind dort (noch bis 3. September) Werke des britischen Bildhauers Tony Cragg zu sehen.
Die Ausstellung umfasst eine kleine Auswahl von Skulpturen aus den letzten sechs Jahren sowie Zeichnungen und Grafiken der letzten zwanzig Jahre. Die Arbeiten bieten einen guten Einblick in die Vielfalt des Schaffens des Turnerpreisträgers von 1988, der auch schon mehrfach auf der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig vertreten war. Besonders faszinieren immer wieder seine dynamischen Skulpturen, die mal sehr filigran in die Höhe wachsen und dann wieder in gedrungener Form durchaus Ähnlichkeiten mit den wesentlich voluminöseren Bronzeskulpturen seines Landsmanns Henry Moore aufweisen. Zumindest teilt der 68jährige Cragg die Vorliebe Moors für polierte Oberflächen aus Marmor oder Bronze und widmete dem von ihm verehrten Kollegen eine Ausstellung in seinem 2008 eröffneten Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal.
Was allerdings die Skulpturen Tony Craggs auszeichnet, ist ihre abstrahierende Form aus ständig wechselnden Perspektiven. Die dargestellten Figuren bilden ganze Gesichts- und Körperlandschaften, die sich den BetrachterInnen aus verschiedenen Blickwinkeln immer wieder neu präsentieren. So auch bei den ausgestellte Werken in der Villa Schöningen. Sie zeigen Skulpturen aus behandeltem Holz, gegossene Bonzen und sogar mundgeblasene Gegenstände aus venezianischem Muranoglas. Besonders gut verdeutlichen die Bronze Woman’s Head oder die aus Holz gearbeitete Skulptur Contradiction das Prinzip des Bildhauers, die Formen von Werk zu Werk weiter zu entwickeln.
Tony Cragg, Ausstellungsansicht mit der Skulptur Contradiction – Foto: St. B.
Flankiert werden Craggs Skulpturen von Arbeiten auf Papier, die zum Teil wie Vorstudien zu seinem bildhauerischen Schaffen wirken, aber durchaus eine eigenständige von ihm „sculptures on the page“ genannte Werkgruppe bilden. Die auf den Zeichnungen und Druckgrafiken dargestellten Gesichter, sich windenden Formen und Figuren stehen hier in einer unmittelbaren Wechselwirkung zu den sinnlichen Skulpturen im Raum.
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Wenn man von der Villa Schöningen weiter durch den Neuen Garten vorbei am ebenfalls geschichtsträchtigen Schloss Cecilienhof fährt, kommt man schließlich zum Pfingstberg, mit seinem nach der Wende bis 2005 aus Spenden wieder aufgebauten Schloss Belvedere. Seit mehr als 25 Jahren engagiert sich der Förderverein Pfingstberg in Potsdam e.V. für den Erhalt des historischen Ensembles. Unter dem Titel „Kultur in der Natur“ veranstaltet der Förderverein hier in den Sommermonaten Open-Air-Kinoabende, Märchenlesungen, Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen. So etwa im ersten von Karl Friedrich Schinkel ausgeführten Bau, dem 2010 sanierten Pomonatempel. Hier findet eine jährliche Ausstellungsreihe mit Werken junger Künstlerinnen und Künstler statt. Die Auswahl trifft eine Jury des Fördervereins Pfingstberg.
Zur Zeit (noch bis zum 10. September) stellt die in Potsdam lebende Künstlerin Dominique Raack spezielle Fotoarbeiten und Keramiken aus. Auch sie experimentiert mit skulpturalen Formen und Arbeiten auf Papier. In ihrem bisherigen Œuvre dominieren aber eindeutig die foto- und videobasierten Papierarbeiten. Dominique Raack bearbeitet dafür am Computer im Atelier eigene Fotografien und Videos mit Motiven aus der Natur. Dabei werden mit Hilfe eines Bearbeitungsprogramms verschiedene Bildebenen (Layer) übereinander gelegt, bis ein neues Bild entsteht. Die Künstlerin arbeitet dabei sehr intuitiv. Am Anfang steht meist nur eine Idee, die sich bis zum Ende des Arbeitsprozesses aber noch stark verändern kann.
Es entstehen hierbei teils magische, teils sinnliche Bildcollagen, die ihren Ursprung etwa in den antiken Theorien von den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde als Ursprung des Lebens haben, oder wie Traumbilder das nicht Sichtbare in eine symbolhafte Form bringen. In ihren Bildern mit Titeln wie Driftin, Floating, Connected oder Between the lines setzt Dominique Raack Bestandteile der Natur in eine Beziehung zueinander oder zeigt in Weißer Regen das natürliche Fließen der Dinge.
Dominique Raack – Foto: St. B.
Ihre Inspirationen holt sie sich bei Spaziergängen durch die brandenburgischen Kiefernwälder, oder auf Reisen in andere Länder. So war sie bereits vor und auch nach dem Studium der Europäischen Medienwissenschaft an der Universität Potsdam für eine längere Zeit in Neuseeland, oder zu kürzeren Studien- und Arbeitsaufenthalten im spanischen Barcelona und der Ukraine. Der Mond ist die große Klammer für die Ausstellung im Pomonatempel. Zur neuen Werkserie Promises from the Moon mit Mond- Wald- und Bergmotiven kombiniert die Künstlerin weitere ähnlich surreale „Landschaftsklänge“ wie Gesang des Herzens oder Bei Vollmond. Die runde Mondform findet sich auch in der ausgestellten Keramikserie zu den vier Elementen wieder.
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Der Mond in echt ist im August noch jeden Freitag an den sogenannten Mondnächten auf dem Pfingstberg bei Musik und einem Glas Wein zu genießen. Berlin erreicht man dann wieder auf dem ausgeschilderten Mauerradweg über Sacrow, wo sich noch der Besuch des Schlosses und der Heilandskirche am Sacrower See lohnt. In Kladow geht die Fähre zurück zum S-Bahnhof Wannsee.
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TONY CRAGG
4. Juni bis 3. September 2017
VILLA SCHÖNINGEN
Berliner Straße 86
14467 Potsdam
Promises from the moon
Fotoarbeiten von Dominique Raack
29. Juli bis 10. September 2017
Eine Ausstellung des Fördervereins Pfingstberg im Pomonatempel auf dem Pfingstberg Potsdam
Öffnungszeiten: immer samstags, sonntags und feiertags in der Zeit von 14 bis 17 Uhr
Der Eintritt ist frei, Spenden sind jedoch erwünscht.
Die Stadt Wittenberg befindet sich momentan ganz im Luther-Fieber. Der Namenspatron und Kirchenreformer ist hier im sogenannten Lutherjahr überall präsent. Gleich am Bahnhof werden die Gäste von einem 27 Meter hohen, begehbaren Bibelturm begrüßt. Wer Lust hat, sich schon hier einen Ausblick auf die Stadt zu verschaffen, kann über ein verkleidetes Baugerüst auf eine Plattform steigen und die Lutherstadt mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Der Aussichtsturm gehört zum Projekt Weltausstellung Reformation – Tore der Freiheit, das sich über die gesamte Innenstadt erstreckt. 7 Tore bilden 7 Räume, in denen sich verschiedene Hochschulen zu 7 Weltthemen wie der Kultur, Globalisierung, Spiritualität, Jugend oder dem Frieden und der Gerechtigkeit widmen. Eine schöne Idee, deren Ergebnisse auch weitestgehend im Stadtbild verbleiben werden. Wer also neben dem Besuch der zahlreichen Ausstellungen zum Reformationsjubiläum noch genügend Elan verspürt, kann diesen für einen ausgedehnten Stadtspaziergang nutzen.
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Am anderen Ende der Innenstadt gleich hinter dem Stadtschloss mit seinem weit hin sichtbaren Kirchturm befindet sich das Alte Gefängnis Wittenberg. Es war bis in die 1970er Jahre in Betrieb und bietet nun einen interessanten Rahmen für die Ausstellung Luther und die Avantgarde, einer Schau zeitgenössischer Kunst mit 66 KünstlerInnen aus mehreren Ländern. Auch diese Ausstellung ist wie die großen nationalen Schauen zum Reformationsjubiläum dreigeteilt. Neben dem zentralen Ort Wittenberg gibt es im Rahmen der Documenta in der Kassler Karlskirche Werke von Shilpa Gupta und Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo zu sehen. Das britische Künstlerduo Gilbert & George zeigt in der St. Matthäus-Kirche am Berliner Kulturforum ihre Sündenbock-Bilder zum Thema religiöse und soziale Konflikte, Fundamentalismus und Terrorgefahr.
Torraum 2 – Spiritualität-Steg auf dem Bunkerberg der Lutherstadt Wittenberg – Foto: St. B.
Schon in der großen Wittenberger Ausstellung Luther! 95 Schätze – 95 Menschen hat man versucht, das Wirken des Reformators in einen Bezug zu Ansichten und Positionen von Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte bis ins Heute hinein zu setzen. Und auch auf dem Rasen vor dem Alten Gefängnis begegnet uns wieder Edward Snowden, der meistgesuchte Whistleblower, als auf schachbrettartigen Gehwegplatten verpixeltes, nur aus der Vogelperspektive erkennbares Portrait. Achim Mohnés am Computer entstandene Kunstwerk 0,000672 Megapixel – Citizen tob e seen from Mars setzt die über des Internet verbreiteten Enthüllungen Snowdens in einen direkten Kontext zu dem von Luther genutzten, damals wohl schnellstem medialen Verfahren, dem Buchdruck.
robotlab: bios [bible], 2007 – Foto: St. B.
Dem Druck der von Luther ins Deutsche übersetzten Bibel widmet sich auch das Künstlerkollektiv robotlab in ihrer Installation bios [bible], bei der ein programmierter Industrieroboterarm mit einem Füllfederhalter tagtäglich in deutscher Gutenbergschrift die komplette Luther-Bibel abschreibt. Überhaupt ziehen sich Sprache, Schrift und Buchdruck wie ein roter Faden durch die Ausstellungsräume in den langen Zellenfluren des viergeschossigen Gefängnisbaus. Viele der ausstellenden KünstlerInnen, wie auch die Konzeptkünstler Art & Language, die Luthers Schrift für den heutigen Kunstgebrauch desakralisiert haben, verbinden heute mit dem geschriebenen Wort auch ein mediales Ereignis. Diese Sicht karikiert Olaf Metzel mit seiner im Treppenhaus hängenden Metall-Installation Luther rauf und runter aus zerknüllten Zeitungsartikeln zum Lutherjahr. Eine Hommage an die Sprache in gedruckter Form ist das Gemälde Zeitungsstapel von Cornelius Völker.
Olaf Metzel: Luther rauf und runter – Foto: St. B.
Schrift, die man vervielfältigen kann, wird damals wie heute zur vielfach teilbaren Information. Als Metatext flimmert bei Mischa Kuball ein philosophischer Diskurs über Luther zwischen dem Psychoanalytiker Jacques Lacan und dem Kunsttheoretiker Felix Ensslin über den Bildschirm. In seiner narrativen Videoarbeit Von der Reformation zum Bombentrichter. Installation für eine Gefängniszelle verbindet der Filmemacher Alexander Kluge Schrift und Bild sowie deutsche Geschichte von Luther bis Bismarck mit der zerbombten syrischen Stadt Aleppo. Mit dem Thema Zensur beschäftigt sich die chinesische Künstlerin Jia, die die Wände der Treppenhäuser mit in der Kulturrevolution verbotenen Schriftzeichen bemalt hat. Mit arabischen Schriftzeichen in prophetischem Grün ritzte der deutsche Atheist Jörg Herold die 99 Namen und Eigenschaften Allahs aus dem Koran an die Wände seiner Zelle. Dass Sprache sehr komplex ist, verdeutlicht der Künstler Jan Svenungsson mit einem ebenfalls an die Zellenwände geschriebenen Mix aus Deutsch und Englisch, mit dem er für den Fall begrenzender Sprachbarrieren wirbt.
Die Zelle als Symbol des Eingesperrt-Seins ist Thema weiterer Arbeiten. Den äußeren Begrenzungen durch die Zellenmauern wird die innere Freiheit der Gedanken gegenübergestellt. Das Ringen, die innere und äußere Freiheit wiederzuerlangen, kann in ganz kontemplativen Werken wie etwa Die Dusche von der Künstlerin Paoloma Varga Weisz, bei der eine nackte, hölzerne Gliederpuppe wie ein betender Mönch auf dem Zellenboden liegt, zum Ausdruck kommen, oder aber ganz ostentativ mit der individuell kostümierten Schaufensterpuppen-Installation Schauspieler II, 4 von Isa Genzken. Der chinesische Künstler Ai Weiwei setzt sich als gefangener man in a cube gleich selbst in Szene. Der Künstler Andrey Kuzkin zeigt in Setzkästen, die die ganze Zelle ausfüllen, kleine betende Brotfiguren, wie sie in russischen Straflagern gefertigt wurden. In The Eminent Direction of Thoughts von Ilya und Emilia Kabakov führen die Gedanken einer unsichtbaren Figur wie Fäden an die Zellendecke. Leuchtende Spiritualität verströmt die Lichtinstallation Inner touch sphere des Künstlers Olafur Eliasson, während in Monica Bonvecinis Erhellung das Licht der Aufklärung strahlt.
Stephan Balkenhol: Nackter Mann, 2017 – Foto: St. B.
Direkt mit Lutherabbildern beschäftigen sich etwa die bunt collagierten Portraits von Adrian Ghenie oder der Entwurf von Markus Lüpertz für ein ambivalentes Lutherdenkmal, das er Eiferer nennt. Dagegen ist Stephan Balkenhols Nackter Mann eine Reflexion auf Luthers Auftritt vor dem Tribunal des Wormser Reichstags. Ulrike Kuschels Papier-Serie M.L. zeigt den Reformator als Figurengedicht aus Reden zum Thema Luther und die deutsche Geschichte von Thomas Mann über Erich Honecker bis zu Karl Carstens. Erwin Wurm stellt Luthers Wucht der Reformation als eingedellt-deformierten Boxhandschuh auf den Hof vor dem Gefängnis.
Der sonst den Hammer schwingende Nagelkünstler Günther Uecker verbindet in der Installation Tücher das persönliche Erlebnis von angespülten toten KZ-Häftlingen der untergegangen Cap Arcona mit dem Schicksal der Mittelmeerflüchtlinge. Bemerkenswert dazu auch die Videoarbeit Asylum von Julian Rosenfeldt. Der chinesische Künstler Sun Xun lässt in seinem aufregenden Animations-Film Protestant revolutionäre Protestbewegungen aus fünf Jahrhunderten revuepassieren. In Christian Jankowski Video wird ein Jesus vor einer vatikanischen Jury gecastet. Auch Jürgen Klauke beschäftigt sich in seiner Fotoserie Grüße vom Vatikan mit gesellschaftlichen Mechanismen der Deformation des Menschen im Namen von Glaube, Liebe, Hoffnung und Erlösung.
Jonathan Meeses Kunstzelle – Foto: St. B.
Luther stand der bildenden Kunst eher skeptisch gegenüber. Für den Protestanten waren Bilder nicht notwendig. Das verdeutlichen u.a. Christian Boltanski mit schwarzen Spiegeln oder der Künstler Tal R mit seinen schwarzen Jalousien. Gehörte Luther in seiner Zeit wirklich zur Avantgarde? Was machte ihn zum Vordenker einer neuen Zeit? Sehr kritisch und auf seine typisch provozierende Art setzt sich der Skandal-Künstler Jonathan Meese in seiner Kunst-Zelle mit Luther und der Reformation auseinander. Sein Fazit: „Alles für die Katz.“ Für Meese gehört die Religion abgeschafft und die Zukunft der ideologiefreien Kunst. In Miao Xiaochuns Zero Degree Doubt legt Caravaggios Ungläubiger Thomas nochmal computergeneriert den Finger in die Wunde.
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Luther und die Avantgarde
Zeitgenössische Kunst in Wittenberg, Berlin und Kassel
19. Mai bis 17. September 2017
Altes Gefängnis Wittenberg
Berliner Straße / Ecke Dessauer Str.
06886 Lutherstadt Wittenberg
Mit Werken von: Eija-Liisa Ahtila – Ai Weiwei – Art & Language – Stephan Balkenhol – Christian Boltanski – Monica Bonvicini – Maurizio Cattelan – Mat Collishaw – Olafur Eliasson – Ayse Erkmen – Elger Esser – Isa Genzken – Adrian Ghenie – Gilbert & George – Dorothee Golz – Manuel Graf – Assaf Gruber – Shilpa Gupta – Axel Heil + Roberto Ohrt – Diango Hérnandez – Jörg Herold – Thomas Huber – Richard Jackson – Christian Jankowski – Jia – Ilya und Emilia Kabakov – Yury Kharchenko – Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo – Jürgen Klauke – Alexander Kluge – Korpys/Löffler – Eva Kot’átková – Olya Kroytor – Mischa Kuball – Csilla Kudor – Ulrike Kuschel – Andrey Kuzkin – Thomas Locher – Markus Lüpertz – Antje Majewski – Jonathan Meese – Olaf Metzel – Miao Xiaochun – Marzia Migliora – Achim Mohné – Christian Philipp Müller – Eko Nugroho – Pjotr Pawlenski – Ivan Plusch – Johanna Reich – Sebastian Riemer – Robotlab – Julian Rosefeldt – Luise Schröder – Andreas Slominski – Song Dong – Juergen Staack – Sun Xun – Jan Svenungsson – Tal R – Pascale Tayou – Günther Uecker – Paloma Varga Weisz – Cornelius Völker – Erwin Wurm – Xu Bing – Zhang Huan – Zhang Peili
Eine Kooperation der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn mit dem Reformationsjubiläum 2017 e.V. und Teil der Weltausstellung Reformation