Wahnsinn!, dieser Ausruf der überwältigten Menge, ob der plötzlichen Öffnung der Mauer am 9.November 1989, ist wohl auch der am meisten zitierte, zeigt er doch am eindrücklichsten die Fassungslosigkeit der Menschen in der DDR, die nach 40 Jahren Sprachlosigkeit urplötzlich die eigene Sprache wiederfinden mussten. Nach fast 20 Jahren Deutscher Einheit und immer noch meilenweit von ihr entfernt, war das dem Bundestag 2007 einen Beschluss zur Errichtung eines Einheitsdenkmals auf dem Schlossplatz in Berlin wert, der nach unrühmlichem ersten Durchgang 2009 nach weiteren 2 Jahren nun nach erneutem Wettbewerb mit einer Entscheidung für die interaktive Skulptur der szenischen Designer Milla & Partner aus Stuttgart und der in der Theaterszene allseits bekannten Choreografin Sasha Waltz Bürger in Bewegung nun endlich zu einem Ergebnis geführt hat. Was weiterhin kontrovers diskutiert wird und auch berechtigter Weise diskutiert werden sollte.
Ich meine damit aber nicht, dass dieser Entwurf etwa völlig indiskutabel wäre, wie der etwas zynisch anmutende Vorschlag einfach eine vergoldete Banane auf den Kaiser-Wilhelm-Sockel auf dem Schlossplatz zu stellen, sondern kritisiere eher die naive Vorstellung, überhaupt mit einem Denkmal auf dieses Ereignis hinweisen zu müssen. Als wenn es der monumentalen Erinnerungsstütze wirklich bedürfte, dass da etwas im Leben der Menschen in Ost und West passiert ist, das für die meisten die wohl umfangreichsten und denkwürdigsten Veränderungen in ihrem Leben bedeutet hat. Jeder wird diesem Tag anders gedenken, soviel ist sicher, ein vereinheitlichter Gedenkstein wird daran nichts ändern können, genau wie die Einheitspartei im Osten nicht den Traum des Volkes nach individueller Freiheit auf Dauer unterdrücken konnte.
Nun ist es also ein Schüssel geworden, die von der Seite, böswillig betrachtet, immer noch einer Banane ähnelt, aber doch eher eine Wippe oder Schaukel darstellt. Wer oder was damit verschaukelt werden soll, das ist hier die große Frage, die den gesamtdeutschen Steuerzahler aber auch nicht weiter bewegen wird, oder den gemeinen Touristen, der eh mit dem deutschen Slogan Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk nicht viel anfangen kann, oder mit den ebenfalls geplanten Zitaten aus dem Widerstand von 1988/89, die sich gleich Stolpersteinen, wie sie für den flanierenden Hans-Guck-in-die-Luft überall auf den Wegen der Stadt verstreut sind, auf der Oberfläche der Schüssel befinden werden. Dabei ist noch nicht mal geklärt, was diese Sprüche im Einzelnen für Inhalte haben werden. Der Szenograf Johannes Milla will dazu mit den Initiatoren der Bürgerbewegung ins Gespräch kommen. Er setzt weiterhin auf eine schnelle Inbesitznahme der Skulptur durch die Bevölkerung, die sich durch persönliches Erleben davon überzeugen und somit wie schon bei anderen strittigen Denkmälern (Holocaustmahnmal) die Kontroverse beenden wird. Das Stuttgarter Büro mit einem Kundenkreis von Mercedes über Siemens bis zu E.ON hat bereits Erfahrungen mit ähnlichen interaktiven Aktionen. Im Rahmen der EXPO 2010 in Shanghai entwickelten sie eine Kugel mit 3 Meter Durchmesser und 1,2 Tonnen Gewicht für den Deutschen Pavillon (ballancity), die durch lautes Rufen des Publikums bewegt werden konnte, bei der erforderlichen Intensität zu kreisen begann und letztendlich zum Strahlen gebracht wurde.
Ganz so Popevent-mäßig wird es auf dem Schlossplatz nicht zugehen. Es müssen mindesten 50 Personen die Seite wechseln, um nur eine leichtes Schaukeln der Schüssel zu erreichen. Ob das unbedingt leiser vonstatten gehen wird als in Shanghai, wird man ja dann sehen und auch hören. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt, den damaligen Wahnsinn-Rufen sind. Demokratie erfahrbar gemacht, das komplizierte Aushandeln von Kompromissen, um die Waagschale der Einheit nicht zum Kippen in die eine oder andere Richtung zu bringen. Das politische Spiel, das sich tagtäglich mitunter lautstark im Bundestag erleben lässt, als Ausdruck von Machtspielen, die eigentlich hinter verschlossenen Türen ihre finalen Fortsetzungen finden. Die öffentliche Abstimmung verkommt damit nur noch zur Pose einer Vorgaukelung von demokratischer Willensbildung. So wird mit der geplanten Skulptur etwas spielerisch suggeriert, was in seiner Konsequenz das Volk mehr als einmal mit unverständlichen Entscheidungen konfrontiert hat, die radikal einschneidende Auswirkungen auf ihr Leben bedeuten können, wie z.B. Hartz IV oder die Rücknahme des Atomausstiegs.
Sasha Waltz, die mit ihren erfolgreichen Choreografien bisher immer hart am Menschen und seinem Körper arbeitete, hat in der letzten Zeit eher Räume erkundet und damit auch immer mehr Dialoge mit eigentlich toter Substanz geführt. Für Waltz steht ein Mensch im Zentrum ihrer Kunst, der sich in seiner Beziehung zu den ihn umgebenden überstarken, anonymen Räumen und einer feindlichen Umgebung behaupten muss. Das führte gerade in ihrem letzten Werk Continu zu einigen Verstörungen beim Publikum, ob der trost- und ausweglosen Situationen ihrer Protagonisten. Das Stück erschien etwas zu fatalistisch, war aber durchaus künstlerisch stark akzentuiert. Mit dieser Einheitsskulptur verlässt Waltz nun entgültig den Boden ernstzunehmender Kunst, zu Gunsten eines fragwürdigen Mitmachspaßes.
Die Choreografin verteidigt nun ihre Idee als soziale Plastik. Das Volk ist gezwungen, zum eigentlichen Gelingen des Konzepts beizutragen und soll somit Bestandteil der Skulptur werden. Jeder könne durch kreative Hingabe zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und sie mitgestalten, sagt Waltz. Ein hehres Ziel, gegen das im Prinzip nichts einzuwenden wäre, ob dafür eine 10 Millionen Euro teure vergoldete Einheitsschaukel Anregungen liefern kann, darf aber zu Recht bezweifelt werden. Der leere Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals als Zeichen der von oben erzwungen Einheit von 1871, kann Bühne genug für Menschen sein, die sich in eigener Kreativität das Terrain erobern, um sich letztendlich selbst auf den Sockel zu heben und zum bewegten Bürgermahl zu werden. Diesen starken Raum sinnvoll zu bespielen, hätte für Sasha Waltz ein Denkanstoß sein können, nicht ein weiteres wenn auch wackeliges Monument, wie diese Schüssel voller Einheitsbrei.

Modell des gemeinsamen Entwurfs der Choreographin Sasha Waltz und der Stuttgarter Szenografen Milla & Partner für das in Berlin geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal.
Gegen die ganze Schwere dieses Mahnmals gesamtdeutscher Befindlichkeit nimmt sich das neue Stück Berlin Elsewhere der argentinischen Choreografin Constanza Macras und ihrer Truppe Dorky Park in der Berliner Schaubühne regelrecht leichtgewichtig aus, was aber nicht mit Belanglosigkeit gleichzusetzen ist. Es ist eher die wunderbare Losgelöstheit ihrer Tänzer von früheren Kraftanstrengungen, wie sie noch in Megalopolis die Bühne beherrschten. Das macht diesen Abend so wunderbar locker und leicht, dass es einige Zuschauer bei der Premiere am Mittwoch nach dem Ende selbst nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.
Es geht wieder um Menschen in großen Metropolen, wobei hier am Anfang auf der Videowand erst mal erklärt wird Dies ist kein Stück über Berlin. Der globale Moloch Großstadt, als Bild für Einsamkeit, Verlorenheit und Gewalt, das war noch in Megalopolis das große Thema, nun geht es um den Wahnsinn, der dadurch im Menschen ausgelöst wird, in all seinen Arten und Darstellungsformen. Und wie das die Tänzer darstellen, ist unbedingt sehenswert. Zu Beginn bewegen sich die Tänzer vor der Kulisse von Schaumstoffhochhäusern noch gemeinsam zu verstörenden Choreografien, bis immer wieder einzelne hervortreten und ihr Geschichte erzählen. Wort und Tanz bilden bei Macras immer eine Einheit. Der Sound wird diesmal von zwei Frauen gemacht, Kristina Lösche-Löwensen und Almut Lustig bedienen kraftvoll das Schlagzeug, virtuos die Violine und andere erstaunliche Saiteninstrumente. Es geht dabei rockig und auch mal klassisch zur Sache.
Die Geschichten der Tänzer handeln von Ausgrenzung, Anderssein, Verständigungsschwierigkeiten in einer globalen, multilingualen Welt, aber auch von ganz banalen Zivilisationsneurosen, wie Ökoglauben, Gesundheits- und Konsumwahn. Tipps zur gesunden Ernährung stehen neben Tipps zum richtigen Kotzen für Frauen. Der brasilianische Tänzer Ronni Maciel erzählt von seiner Jugend in einer Favela bei Rio de Janeiro. Immer zu weiß für die anderen im Ghetto und zu schwarz für die weiße Gesellschaft. Um nicht schwul zu werden, musste er immer im Badewasser seines Vaters, einem Bauarbeiter baden, geholfen hat es nicht, sagt er und hebt dann im weißen Catsuite zu klassischer Ballettmusik ab. Eine besonders gelungene Szene stellt mit viel Ironie eine herrlich labelverrückten Städterin dar, die ihre von einigen Tänzern dargestellten Designsofas, die Markenstehlampe, Couchtisch und sogar ein Klo umarmt, die Möbel laufen ihr schließlich davon, um in einer gemeinsames Session Smells like Teen Spirit von Nirvana zu spielen.
Die Tänzer verfallen in wahre Besessenheitsattacken und werfen sich als lauter Egoshooter in eine Orgie auf einer aufblasbaren Riesenhüpfburg, sie karikieren den Unsinn von Einwanderungstests, der Gespaltenheit zwischen ethnischer Herkunft und Staatszugehörigkeit oder dem Integrationszwang. Eine japanische Tänzerin wird als Gartenzwerg dekoriert. Das zerfasert in seiner Vielfalt etwas zum Ende hin, weniger wäre hier oft mehr. Macras versucht das Gezeigte auch immer wieder mit philosophischen Statements zu unterfüttern, der Foucaultzitate z.B. hätte es aber sicher nicht zwingend bedurft. Keine Ahnung, ob Constanza Macras irgendwas vergessen hat, ich mit Sicherheit, aber es blühen halt auch viele Neurosen im Dunkeln. Letztendlich macht sie uns aber klar, dass man alle Probleme gemeinsam überwinden kann. Ob schwul sein, fremd sein oder neurotisch sein, der alltägliche Wahn ist nicht das eigentliche Problem, sondern die fehlende Akzeptanz des anderen. Das alles wirkt in seiner ganzen Vielfalt sicher etwas überladen, Langeweile kommt aber trotzdem nie auf. Mit 1 ¾ Stunden ist der Abend recht kurz und auch immer kurzweilig. Ihn dennoch in all seinen Facetten zu beschreiben, würde zu weit führen und ihm nicht im geringsten gerecht werden. Also selbst hingehen, gucken, staunen und abheben!
Schreibe einen Kommentar