Man könnte es als Affront gegen Jean Ziegler werten, dass nach seiner Ausladung wegen angeblicher Nähe zum libyschen Diktator Gaddafi, nun der ostdeutsche Wende-Pfarrer und ehemalige Stasiunterlagenbeauftragte Joachim Gauck die Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele hielt. Der ehemalige Bürgerrechtler Gauck hat sich stets für seinen Abstand zu den DDR-Oberen gerühmt und begründet das mit seinen Erfahrungen als Sohn eines von den Stalinisten verurteilten und nach Sibirien verschleppten Vaters in der ehemaligen DDR. Ob davon in Salzburg alle anwesenden Kulturhungrigen wussten, darf getrost bezweifelt werden. Wissen konnte man, dass Gauck, ein brillanter Denker und eloquenter Redner, dem linksliberalen bis konservativen Bildungsbürgertum zuzuordnen ist. Dieser unbequeme Kopf lässt sich schwer auf eine politische Richtung festlegen. Aus seiner Ansicht gegenüber Reden a la Ziegler machte Gauck dann aber gleich zu Anfang keinen Hehl:
Ja, es gibt sie, diese Tristesse des Alltags. Sie umgibt alle Dinge mit einem Niederungsgrau. Die Unvollkommenheit der Leute und der Verhältnisse erzeugt dann eine ganze Kultur des Verdrusses. Einige – ich komme aus Deutschland – verbringen ihr ganzes Leben darin. Einige wenige halten es schon für Hochkultur, wenn ihre Klage nur schrill genug, ihre Distanz zu ihrer Umwelt nur grell und plakativ genug ausgestellt wird.
Treffer und versenkt, möchte man meinen. Man könnte Gauck natürlich auch zu Gute halten, dass er sich mit der globalen Anklage Zieglers gar nicht erst beschäftigt hat und die allgemeine Larmoyanz des deutschen Kleinbürgers meint, der sich seit geraumer Zeit in einem ständigen Wut- und Motzmodus befindet. Wie dem auch sei, Joachim Gauck ist jedenfalls die bestmögliche Alternative zu Jean Ziegler, wenn man sich politisch geben will und größeren Unmut unter den versammelten Geldgebern und kunstbeflissenen Schöngeistern vermeiden will. Gauck predigt gern von der Verantwortung des Bürgers und fordert dessen Engagement bei jeder Gelegenheit ein. Darin unterscheidet er sich nicht all zu sehr von den Forderungen des Globalisierungskritikers Ziegler, nur dass Gauck dabei vor allem an die Selbstverantwortung der durch Hartz IV Gebeutelten denkt, als an die der politisch Verantwortlichen. Als Alternative zu Christian Wulff als Bundespräsident war er vor einem Jahr keine besonders große Herausforderung, auch wenn er kurz mit seiner Kandidatur das konservative Lager verwirrt hat.
Seine Rede in Salzburg enthält alles, wofür er schon immer eingetreten ist. Eine wirkliche Überraschung birgt sie nicht, sieht man mal davon ab, dass er den Österreichern, die sich neben den Deutschen noch immer für den Nabel der europäischen Kultur halten, die Kunst der ehemaligen sozialistischen Blockstaaten Polen und Tschechien entgegenhält. Ein Land, das gerade mit viel Pomp den letzten Habsburger in die Gruft einfahren ließ, wird sich aber, ob der für viele völlig unbekannten Namen, nicht besonders angesprochen gefühlt haben. Wer bis hier noch nicht eingeschlafen war oder im Gedanken gerade seine Steuererklärung auf Bierdeckelgröße schrumpfte, verpasste dann aber die Essenz der Rede um Freiheit und Wahrheit, eines Mannes der sich stellvertretend für alle draußen – vor dem Tor hinstellte und von dem sprach … was Generationen von Menschen in Osteuropa prägte: Entfremdung durch perpetuierte Ohnmacht der Vielen bei beständiger Übermacht der Wenigen. Gauck meint damit, dass es nicht selbstverständlich für ihn sei, heute in Salzburg zu stehen, sondern gemahnt an die kommunistischen Diktatoren, denen die Werte des alten Europas nicht passten.
Wie vor Jahren Vaclav Havel oder Arpad Göncz, die an dieser Stelle zu Ihnen sprachen, erinnere ich Sie durch meine schiere Präsenz daran, dass es nicht selbstverständlich ist, dass freie Menschen in Freiheit und ohne Zensur, ohne den Nachweis des Wohlverhaltens durch die beteiligten Künstler einander in einem Festival begegnen – wie eben hier – ,wo die Freiheit der Kunst und der Künstler einfach gelebt wird. Frei gewählte Politiker und freie Bürger – unterstützt von Liebhabern der Kunst aus Medien und Wirtschaft – schaffen Kunst und Künstlern Wirkungsmöglichkeiten. So entsteht jenes besondere Flair, wo große Kunst eingebettet ist in den Lebensatem der Freiheit – ein Geschenk der Zivilisation an die Lebenden!
Alles schön und gut, aber spätestens hier ignoriert Gauck, dass es Leute gibt, die das durchaus auch anders sehen könnten und nicht nur in Osteuropa in den Zeiten des Kommunismus Menschen wegen ihrer Überzeugungen verfolgt wurden und immer noch werden. Die Freiheit der Andersdenkenden ist mit Sicherheit in der westlichen Welt heute garantiert, es gibt aber andere Mittel unbequeme Ansichten zu diffamieren und zu diskreditieren. Jean Zieglers Ausladung ist nur ein Beispiel dafür, wie weit sich die Kunst bereits in der finanziellen und die Politik in wirtschaftlicher Abhängigkeit von Sponsoren und Großkonzernen befindet. Dafür kann Joachim Gauck natürlich nicht verantwortlich gemacht werden, aber schon für seine Rhetorik gegen die Utopie einer besseren Welt, wie Jean Ziegler sie beschreibt, hin zur Politik der kleinen Schritte und Kompromisse, sprich der Realpolitik.
Als gebrannte Kinder werden wir Europäer künftig lieber das Schwarzbrot der Realpolitik essen, als zum Zuckerbrot der Ideologen zu greifen. Wir tun gut daran, weniger nach der vollkommenen Gesellschaft zu trachten, sondern stattdessen in mühseliger Arbeit das Bessere – oder wenn Sie so wollen: das weniger Schlechte – zu gestalten. Dies bedeutet nicht, sich der Banalität zu verschreiben, es bedeutet der Realität standzuhalten.
In diesem Duktus gehen seine wohl gut gemeinten und schönen Worte über die Kraft und Freiheit der Kunst unter und es bleiben die desillusionierenden Worte über den Typus des weltflüchtigen Kunstfreundes mit den Visionen einer ideologischen Imagination. Künstler sind mitunter, wie übrigens alle Menschen, auch Mängelwesen, wie Gauck es beschreibt, aber auch Suchende, die sich nicht nur aus Mangel an Alternativen in den schönen Schein flüchten. Kunst als Fluchtpunkt aus der Realität, nein, aus dem richtigem Leben im falschen vielleicht.
Und dann begibt sich die Freiheit aus den geschützten Innenräumen der Sehnsucht hinaus ins Freie, und auf der Straße findet das erwachte Denken dann die richtigen Worte für eine richtige Bewegung: Wir sind das Volk!
Mit diesen Worten beschreibt Gauck den Umbruch im Denken der Menschen während der Wende. Nur hat ihnen den Drang zur Freiheit nicht der liebe Gott eingegeben, wenn sich die Anfänge der Bürgerbewegung in der DDR auch aus den Kirchen heraus entwickelt haben, sondern die Utopie, dass es etwas Besseres gibt, als die Welt mit den Augen derer zu sehen, die einen regieren. In dieser Hinsicht kann Europa tatsächlich etwas aus der Wende im Ostblock lernen, und dann gehören vielleicht auch Mozart und das Salzburg der Künste und Künstler wieder in das Zentrum von Europa mit all seinen Neurosen und Problemen. Die Freude an der Freiheit, und da hat Gauck recht, heißt in erster Linie auch Verantwortung, aber eben auch Verantwortung für die ganze Welt.
Die Rede vom Joachim Gauck im Wortlaut auf DiePresse.com
Die nicht-gehaltene Rede von Jean Ziegler für Salzburg auf sueddeutsche.de
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