___

Filmplakat
1957 drehte der Regisseur Gerhard Klein im Auftrag der DEFA den Film „Berlin – Ecke Schönhauser“. Das Drehbuch schrieb der später preisgekrönte Autor Wolfgang Kohlhaase. In sehr realistischen, ungeschönten Bildern erzählt der Film die Geschichte einer Gruppe unangepasster, rebellischer Jugendlicher im Ostteil Berlins, die, konträr zum erwarteten Bild eines, den real existierenden Sozialismus aufbauenden Menschen, jenseits von FDJ-Versammlungen und SED-Bevormundung, ihren eigenen Weg ins Leben suchen. Die DDR-Oberen hatten nach dem Tod von Väterchen Stalin für kurze Zeit Tauwetter befohlen und drückten beide Augen zu.
Das West-Berliner Äquivalent von Regisseur Georg Tressler nannte sich „Die Halbstarken“ und war mit Karin Baal und Mädchenschwarm Hotte Buchholz besetzt. Ilse Pagé, der Brechtschwiegersohn Ekkehard Schall, Harry Engel und Ernst-Georg Schwill spielten in Kleins Ost-Variante. Ob nun Sissy und Freddy oder Dieter und Angela, wie das Leben so spielt, trennten sich auch in der Realität die Wege der damals noch jungen Darsteller. Einige wurden Filmstars im Westen und sogar in Hollywood, die anderen machten Karriere am Berliner Ensemble oder spielten im „Polizeiruf 110“, einer Serie des Deutschen Fernsehfunks der DDR.

Filmstill DEFA
Schauplatz der Geschichte von Angela, Dieter, Kohle, und Karl-Heinz ist der Kiez im Prenzlauer Berg, links und rechts der Schönhauser Allee mit ihrer markanten U-Bahn-Trasse. Ganz in der Nähe ihres damaligen Treffpunkts unter der Hochbahn steht in der Pappelallee das Ballhaus Ost, wo nun Theaterregisseur Christian Weise („Madame Bovary“ 2011 am Ballhaus Ost) und der argentinische Puppenspieler Sebastián Arranz, die nicht das erste Mal miteinander gearbeitet haben, den DEFA-Klassiker ins Berlin der Gegenwart holen, einem Ort der Gentrifizierung, des Ausländer- und Schwabenhasses sowie weiterer moderner sozialer Plagen.
Sebastián Arranz wurde 1983 in Buenos Aires geboren, studierte dort zunächst Schauspiel und später an der „Ernst Busch“ in Berlin Puppenspiel. Alle seine Freunde waren schon in Berlin, also musste er unbedingt auch dahin. Jedoch nur nicht in den Prenzlauer Berg der Mütter, Boutiquen und Ökoläden, sondern dann schon lieber nach Neukölln und besser noch in den Wedding. Wie es im Prenzlauer Berg zu Zeiten des Films ausgesehen hat, weiß die ehemalige DDR- und Gorki-Theater-Schauspielerin Ursula Werner, die sich Arranz als Zeitzeugin und wunderbare Erzählerin mit authentisch berlinerndem Kiezeinschlag geholt hat.

Foto (c) Jamal Tuschick
Ursula Werner, geboren 1943 in Eberwalde, aber nur der drohenden Bombennächte wegen kurzzeitig im Bauch der Mutter aus Berlin aufs Land verschickt, in der Rodenbergstraße aufgewachsen und in der Greifenhagener zur Schule gegangen – ihre Arme fliegen erklärend von links nach rechts über die Schultern – wohnt heute immer noch hier im Prenzlauer Berg. Sie berichtet mit leuchtenden Augen und Verve in der Stimme von jüdischen Angestellten bei Osram, dem Bruder, der mit falschem Pass auf der Schwedenfähre flüchtete, heimlichen Blicken über die Mauer sowie dem Vater, der beim Kaffe- und Kaujummi-Schmuggeln in der S-Bahn nie erwischt wurde und auch sonst immer erfolgreich ein Rohr zu verlegen wusste.
Beim Bäcker wurde der Kuchen noch frisch gebacken, Milch gab es in fliegenden Kannen und Ladenwohnungen mit Küche zum Hof. Unter den kalten Bodenbelägen kann man noch heute das vergilbte Zeitungspapier vergangener Tage finden. Berlin ist für den Taufschein die Würze. Hier kennt Ursula Werner jedes Eckhaus und weiß immer noch, wo damals die tollsten Kinos waren, bevor die Boutiquen einzogen. Sie baut in der Luft Eselsbrücken, singt von Engeln und drückt uns mit Hilde Knef und viel zu großem Mund an das zerknautschte Bärenfell der Stadt.
Marlene Dietrich sang einst: „Fühlt Muttern ihre Lebenszeit verfliessen, im Testament wird schnell noch angebracht: „Vergesst mir bloß nicht, Vatern zu begießen“ – Das ist Berlin, wie’s weint, und wie es lacht.“ Auch Ursula Werner besingt ihr Berlin. Und man möchte ihr ewig dabei zuhören, wäre da nicht noch eine Kasperletheaterbühne mit Konnopke-Imbiss-Aufschrift und fünf begeisterten Puppenspielern, die auf ihren Einsatz warten. Gemeinsam mit Jan Lennart Krauter, Anna Menzel, Hans-Jochen Menzel und Julian Steinberg erweckt nun Sebastián Arranz lauter liebenswerte Holzköpfe zum Leben. Vor unseren Augen entspinnt sich dann auch ein lebhaftes Spiel ums nämliche. Im Hintergrund wechseln auf einer Videoleinwand Tag und Nacht, bis der Himmel über dem U-Bahnviadukt rot anläuft.

Foto (c) Ballhaus Ost
Dort stehen Milan, Max, Johnny und Jenny, ein Girly im Parker, dass weder Bock auf ´nen Job bei Rossmann oder NanuNana hat, noch darauf, um Zwölfe oben bei der Mutter zu sein. Die macht ihr ständig Vorhaltungen, während ihr Lover ein- und ausgeht und auf Jugendversteher macht. Jenny kellnert lieber im „Sonntag im August“, steht auf Typen wie Johnny Depp und knutscht mit Milan unter den U-Bahnbögen. Der hat einen Migrationshintergrund und einen Bruder, der sich als deutscher Polizist fühlt, aber leider nicht so gewählt ausdrücken kann. Integration ist für Milan kein Thema, wie einst auch für Dieter das richtige Hemd oder die politische Einstellung. Und statt Boggie, können er und sein Kumpel Johnny eh viel besser rappen. Der junge Latino wird von seinem versoffenen Stiefvater verprügelt. Ohne Pässe schaffen er und seine Mutter es nicht, ihn zu verlassen. Die hat ein Leben lang gespart, trotzdem ist die Kohle immer knapp.
Für ein altes Smartphone von Max schießt Johnny die Laterne ein. Kohle wurde damals noch ´ne Westmark versprochen. Der Kommissar kommt ihnen auf die Schliche und mit der Liebe-Onkel-Tour. Er kann auch Kung Fu, wenn es darauf ankommt, was Milan zu spüren bekommt. Max ist zu clever für das Ganze und für Johnny sowieso. Seine Eltern dominieren den halben Bioprodukteabsatz im Prenzlauer Park und bunkern das Geld in einer Kassette unterm Bett, statt es der Steuer in den Rachen zu werfen. Die Aussicht als Mittelständler zu enden, reizt Max nicht sonderlich. Chillen ist besser und erben sowieso. Nur das Max nicht so lange warten will und ins Ökogeschäft der Alten einsteigt. Was er abzweigen kann, geht aufs eigene Konto.
Zwei schrägen Ganoven besorgt Max Pässe für blonde Prostituierte aus Osteuropa. Wo es lang geht, stoßen ihm die beiden trotz klemmender Türen in einem minutenlangen, filmreifen Auto-Slapstick Bescheid. Später wird es einen Roberto Blanco weniger geben und einen neuen Erdenbewohner mehr. „Wir ham als Kinder och immer Kasperletheater offm Hof jespielt.“ sagt Ursula Werner zum Schluss. Da ist Kohle/Johnny aber schon tot und nicht bloß vom Krokodil gefressen. Das sind die sogenannten Geschichten, die das Leben heute immer noch schreibt. Die muss man nicht neu erfinden. Großer Jubel und Beifall im Ballhaus Ost.

***
Termine: 04. / 05. / 06. / 07. 12.13 jeweils 20:00 Uhr
weitere Infos: http://ballhausost.de/spip.php?article547
Der Beitrag ist am 16.09.13 auch auf Livekritik.de erschienen.
Siehe auch Premierenkritik von Jamal Tuschik auf Kultura-Extra.
***
__________
Schreibe einen Kommentar