Ein Sommernachtstraum für müde Städter mit Torschlusspanik

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Andreas Kriegenburg schickt am DT eine Cocktail-Party-Gesellschaft zur Traumdeutung in den Zauberwald von Athen.

Nach dem jüngsten Streit um eine Hamlet-Inszenierung am Thalia Theater Hamburg, nun am Deutschen Theater Berlin der nächste Regietheaterstreich mit William Shakespeare inszeniert vom Hausregisseur Andreas Kriegenburg, der auch wieder die Bühne gestaltet hat.

Zu Beginn stehen fünf Gestalten im Blaumann vor uns, sie haben Putzeimer und Lappen dabei. Vier Frauen und ein Mann. Sie stellen die Handwerker dar, hier sind es Fensterputzer, und warten erst mal auf die wohlverdiente Pause. Der einzige Mann der Handwerksgesellschaft hat weder Bart noch Haare auf dem Kopf, die vier Damen dagegen haben sie sogar auf den Zähnen. Markwart Müller-Elmau als Zettel geht erst mal kacken, während die Damenrunde beim Frühstück schon zu philosophieren beginnt. Es geht um Schein und Wirklichkeit, den Traum und seine Bedeutung. Dazu werden u.a. Walter Benjamin, der Verfechter des Auratischen und die Philosophin Petra Gering aus ihrem Werk „Traum und Wirklichkeit“ zitiert oder die Traumdeutung der Aborigines und natürlich Sigmund Freud diskutiert. Als Zettel endlich wiederkommt, kann mit Shakespeare begonnen werden. Die Fensterputzer machen sich auf, die Bühne beginnt sich zu drehen und gibt den Blick erst auf eine Glasfassade mit Pflanzen und dann auf einen fast kathedralenhaften Raum zwischen diesen Wänden frei.

Mehrere Menschen in Blumenkleidern und weißen Anzügen bewegen sich fast traumhaft zu Madrigalen. Aus ihnen schälen sich erst langsam die Darsteller der zwei bekannten Athener Paare. Die Anfangszene an Athens Hof ist gestrichen, von der bevorstehenden Hochzeit von Herzog Theseus und Hippolyta der Königin der Amazonen wird nur berichtet. Die Anklage des Egeus, Vater der Hermia findet nicht statt. Es beginnt sofort mit der Flucht der Hermia und ihres Geliebten Lysander in den Wald, die Verschmähten Helena und Demetrius folgen ihnen. In den Szenenwechseln putzen die Handwerker die Glasfenster und stellen wieder philosophische Betrachtungen an, das hat durchaus seinen Witz und ist nicht nur ein schmaler Running Gag.

Die Bewohner des Elfenreiches tragen alle Kopfputz aus Moos, Rinde, Strauchwerk und was der Wald sonst so hergibt. Es entstehen immer wieder merkwürdig phantastisch anmutende Choreografien bevor die eigentliche Handlung weiter geht. Der Puck des Daniel Hoevel ist ein Beau mit Spazierstock, ebenso wie sein Herr Oberon gespielt von Ole Lagerpusch, sie sind ersichtlich jünger als die Athener Paare, dargestellt von Bernd Moss, Natali Seelig, Jörg Pose, und Judith Hofmann. Das ist das Prinzip von Andras Kriegenburg, er stellt sie als gestresste Städter mit Torschlusspanik dar. Jörg Poses Demetrius ist der Partylangweiler schlechthin, er spricht seinen Text eher beiläufig daher.

Diese Gesellschaft wird nun von den übersättigten Partysprengern Puck und Oberon auf die übliche Weise durcheinandergewürfelt nur so zum Zeitvertreib. Der Text ist stark zusammengestrichen und auf die Szenen im Wald beschränkt. Die verwendete Übersetzung stammt von Frank Günther, der Shakespeare bereits in den 70er Jahren übersetzt hat. Andreas Kriegenburg setzt zur Unterstützung seiner Traumdeutung immer wieder ein ganzes Ensemble von Waldgeistern ein, die über die Bühne tänzeln und selbst Puck wächst ein Strauch aus dem Kragen, blind mit dem Zauberkraut umherirrend verwechselt er die Athener. Die konsequente Entschleunigung des Stücks öffnet das Auge für das Unterbewußte, endlich werden die Figuren nicht mehr durch den Wald gehetzt, sie sind eher Getriebene ihrer inneren Sehnsüchte.

Auf dem Höhepunkt der Verwirrung taumeln die verdrehten Paare zwischen lauter umherlaufenden Menschen mit Handys am Ohr umher, hatten wir das nicht erst vor kurzem, bevor sie erschöpft in einem Knäuel zusammenfallen. Das Konzept der Metropolenbewohner auf der Suche nach der Liebe zwischen Verlangen und Unfähigkeit ihre Lust ausleben zu können, trägt leider nicht den ganzen Abend und so besinnt sich Kriegenburg wieder auf die Geschichte der Handwerker, die für die dringend notwendig Abwechslung sorgen müssen. Ihr Probe ist mit einer der Höhepunkte des Abends. Zettel/Pyramus mit Starallüren, eine vor trockenem Humor strotzende Margit Bendokat als Flaut/Thisbe, Barbara Heynen als genervter Regisseur Squenz, Barbara Schnitzler als Schnauz im wahrsten Sinne und Almut Zilcher als Schnock auf der Suche nach seinen Cojones fürs echte Löwengebrüll. Eine herrliche Parodie auf den Theaterbetrieb. Gut gebrüllt, Löwe.

Puck zaubert nun Zettel den Eselskopf und die Handwerker zerstreuen sich maulend im Wald. Titania, Olivia Gräser als laszive traumwandlerische Verführerin, empfängt ihn in ihrer Bondage-Schaukel. Zettel wird umgarnt und verwöhnt bis Oberon den Zauber von ihnen nimmt. Allein steht Zettel nun auf der Bühne, als Einziger der zufrieden seinen Traum ausgelebt hat, genüsslich malt er ihn uns aus. Für alle anderen bleibt es wie immer ein Albtraum der Gefühle, der sich zum Schluss erst wieder durch die ordnende Hand des Zufalls richten wird. Analyse und Selbsterkenntnis fallen aus. Zum Schluss kann man noch genüsslich dem Schauspiel der Handwerker von Pyramos und Thisbe beiwohnen, einer schönen Parabel über Schein und Sein, Maske und Verstellung.

Für Jürgen Goschs sehr physischen gut vierstündigen Sommernachttraum vor nicht all zu langer Zeit gab es noch Zugaberufe, hier ist der Beifall eher recht brav für eine doch durchaus gelungene Shakespeareinterpretation, die auch ruhig noch etwas kürzer hätte ausfallen können.

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