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Es ist wieder soweit. Heraus zum 1. Mai! Wann wir schreiten Seit‘ an Seit’… Seid umschlungen, Millionen! Nur, wer sind eigentlich diese Millionen? Und wo sind die? Kenne ich einen davon? Manchmal plagen einen so Fragen, denke ich bei mir, während ich mein Notebook aufklappe. Und nun? Schon wieder 1.Mai. Was kann einem dazu schon noch einfallen? Ach, übrigens, hatte ich schon erwähnt, dass ich jetzt endlich auch jemanden mit Migrationshintergrund kenne? Als ich nämlich letztens meinem Blog meine neuesten, noch ganz frischen Gedanken mitteilen wollte, bevor sie im ach so schnelllebigen World Wide Web ihr Verfallsdatum erreicht haben, da versteht es mich plötzlich nicht mehr.

Ja, mein Blog, dieses nicht mehr wegzudenkende Anhängsel meiner virtuellen Existenz, spricht plötzlich eine andere Sprache. Es hatte klammheimlich, oder auch zwangsweise, ich rätselte noch eine Weile, sein Aussehen und seine Sprache verändert. Es kannte keine Ä-Ö-Ü- und sonstige Strichelchen mehr und die Admin-Seite befahl mir lauter Sachen auf Englisch. Schon diese merkwürdigen Internationalismen wie Admin. Früher hieß das einfach Verwalter. Ich war noch bis vor kurzem der uneingeschränkte Verwalter über einen kleinen, ganz und gar mir anvertrauten Bereich der digitalen Welt. Hier konnte ich mich sogar fast wie ein kleiner Alleinherrscher fühlen. Und nun, da mir diese Herrschaft nach und nach entglitt, was war ich jetzt?
Na ja, dachte ich mir, etwas Internationalismus im Netz kann ja heutzutage nicht schaden, solange man noch einigermaßen den Durchblick behält. Dieser Durchblick wurde mir aber nun durch eine mir völlig schleierhafte Useroberfläche und Menüführung förmlich vernebelt. Ich war so ziemlich am Verzweifeln. Admin, Admax, Admurx, ich wollte einfach mein altes Blog wieder haben.
„War mein Blog ein Netzflüchtling oder gar Opfer von digitalen Repressionen?“
Ich rief schließlich die Hotline meines Internetanbieters an. Nachdem ich eine Weile in der Warteschleife gehangen hatte, und dabei wechselweise Fahrstuhl-Musik zu hören bekam oder irgendwelche Zahlenkombinationen in den Hören bellen musste, fühlte sich endlich jemand für mein Problem zuständig. Ob ich denn nicht die Nachricht bekommen hätte. Was denn für eine Nachricht, fragte ich ziemlich zerknirscht.
Die Nachricht war vor einem Monat an die Mail-Box meines Kunden-Accounts versandt worden, die ich so gut wie nie besuchte, und lautetet: „Es ist unser Ziel, immer allen aktuellen technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen zu entsprechen. Daher teilen wir Ihnen mit, dass Ihr eingerichtetes Blog automatisch auf die aktuelle Version der Publishing-Plattform (XY) migriert wird. Und das Beste: Sie brauchen nichts weiter zu tun…“ Leider wären dabei einige Schwierigkeiten aufgetreten, an denen man aber bereits fieberhaft arbeite.
„HALLO? DEUTSCH! Versteht mich denn hier keiner?“
Ich war fassungslos. Also ohne mein Zutun migrierte mein Blog gerade in der virtuellen Weltgeschichte umher. War es zum Netzflüchtling geworden, gar Opfer von digitalen Repressionen? Musste ich mir ernsthaft Sorgen machen? Man vertröstete mich. Ich könne ja noch froh sein, dass alles in Englisch wäre. HALLO? DEUTSCH! Verstand mich denn hier keiner? Aha, ich sollte mich also allen Ernstes noch dafür bedanken, dass das Blog nicht nach China migriert sei, und ich täglich mit kryptischen Schriftzeichen begrüßt würde.
Ich war begeistert und harrte nun jeden Tag, tapfer aufkeimende nationalistische Gelüste in mir unterdrückend, auf die Rückkehr meines Blogs im Internet. Aber außer lauter Nachrichten und Kommentaren in mir nicht bekannten Sprachen, da waren sie also doch noch die chinesischen und vermutlich auch noch japanischen Kamikaze-Schriftzeichen, tat sich nichts. Ich kämpfte aufopferungsvoll gegen den auf mich einstürmenden internationalen Spam und kam mir dabei schon wie der Migrationsbeauftragte der Bundesrepublik Deutschland vor.
„Ein Musterbeispiel geglückter Integration.“
Als ich die Hoffnung so langsam aber sicher aufgegeben hatte, war es urplötzlich doch wieder da. Mein Blog, zurückgekehrt von der Bildungsreise im WWW, oder meinetwegen auch erfolgreich migriert, sprach, man glaubt es kaum, lupenreines Deutsch. Ein Musterbeispiel geglückter Integration dachte ich stolz bei mir, während sich die Seiten wieder mit meinen allerinnigsten eigenen Gedanken füllten. Ich glaube, wir werden jetzt doch noch richtig bestes Freunde, ich und mein Blog mit dem Migrationshintergrund. Aber zum eigentlichen Thema zurück. 1. Mai! Was war da gleich noch? Ach ja, genau, by the way, auf welche Demo gehen Sie eigentlich heute?

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