Im Rahmen des europäischen Theaternetzwerks PROSPERO gastierte das Teatro Storchi di Modena, mit einer Adaption des Romans Die Fräulein von Wilko (Le Signorine di Wilko) von Jaroslaw Iwaszkiewicz in einer Inszenierung von Alvis Hermanis, an diesem Wochenende an der Berliner Schaubühne. Ein polnischer Autor inszeniert von einem bekannten lettischen Regisseur an einem italienischen Theater, europäischer geht es nicht mehr. Der Roman von Jaroslaw Iwaszkiewicz dürfte hier auch einigen aus einer Verfilmung des polnischen Star-Regisseurs Andrzej Wajda Die Mädchen von Wilko aus dem Jahre 1979 bekannt sein.
Ein allein lebender Mann um die 40, fährt 1930 nach einem körperlichen und psychischen Zusammenbruch, auf Anraten seines Arztes, aufs Land und besucht das Gut Wilko, wo er schon vor 15 Jahren den Sommer, vor allem wegen der 6 jungen Töchter des Gutsbesitzers, verbracht hat. Julcia, Jola, Zosia und Kazia sind nun zum Teil verheiratet, haben Kinder und Fela ist sogar bereits vor 15 Jahren gestorben, am spanischen Fieber wie es heißt. An Fela hat er besonders starke Erinnerungen, und so ist sie auch mit körperlich auf der Bühne anwesend. Wiktor, der junge Mann, hat sich damals sehr gefallen in der Rolle des Hahns im Korb, konnte sich aber nie für eine der Schwestern entscheiden und auch jetzt nach 15 Jahren ist er nicht im Stande sich der jüngsten Schwester Tunia zu öffnen, die damals noch ein Kind war und sich nun in ihn verliebt hat. Aber sie muss feststellen, das er nur die tote Fela in ihr sieht. Auch Wiktors erneute Annäherungen an die anderen Schwestern scheitern. Im Rausch der Gefühle bricht er fast wieder zusammen und reist überstürzt vorzeitig ab. Ihm ist klar geworden, das man die Zeit nicht zurückdrehen und Vergangenes nicht zurückholen kann. Er hat sich mit seinem Leben, allein ohne Frauen abgefunden.
Alvis Hermanis findet für das Geschehen auf der Bühne, die als Großküche des Landgutes mit rustikalen Möbeln und einen riesigen Strohhaufen im Hintergrund aufgebaut ist, fast surreal schöne Bilder für diese Zerrissenheit und das Unvermögen sich anzunähern. Die großartigen Schauspieler springen immer wieder in große Vitrinen aus Plexiglas und hämmern mit den Fäusten dagegen. Zu Beginn werden die 6 Schwestern, eine nach der anderen aus einem alten Schrank springend, von Wiktor vorgestellt, er fällt immer wieder in diesen Erzählton zurück und kommentiert das Geschehen. Der Schrank dient auch als Kleider-Reservoir für einige Kostümwechsel der Schwestern und zum Schluss wird sich Tunia darin aufhängen. In weiteren Szenen gibt es eine schneewittchengleiche Aufbahrung der Fela unter einer liegenden Vitrine und eine surreale Gebährszene aller Frauen mit Strohballen.
Alvis Hermanis ist ein Könner des Verbindens des epischen Theaters von Brecht und der Einfühlung a la Stanislawski. Beide Formen stehen hier gleichberechtigt auf der Bühne. Das war auch schon im letzten Jahr in Schukschins Erzählungen bei den Wiener Festwochen zu bestaunen. Eine Art von Theater, dass sich hier kaum jemand trauen würde, das aber durchaus seinen Reiz versprühen kann.
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