Ein falsches Wembley-Tor oder Der wahre Klassiker

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Der Klassiker ist gelaufen, aber nicht klassisch wie erwartet, außer vielleicht das Deutschland gewonnen hat. Klassisch wäre gewesen, kraftbetonter Fußball, Kick and Rush, Standardsituationen und -tore oder vielleicht sogar ein Elfmeterschießen. Da ist jetzt sogar der schöne Text des Dramatikers und Lyrikers Albert Ostermaiers in der Welt über die WM als Lügenmärchen für Deutschland nicht mehr wahr und Jogis Einwechslungen sind schon lange nicht mehr so unverständlich wie ein Gedicht von Ostermaier.
Die unerwartete Klassik des England-Spiels bestand in einer wieder erfrischend aufspielenden deutschen Mannschaft mit zwei wunderbar herausgespielten frühen Toren und der plötzlichen kurzen Gegenwehr der Engländer mit Anschlusstor und der Tragik des Frank Lampard, der den Ball in der 38. Minute an die Latte knallte und alle ihn auch deutlich hinter der Linie sahen, zumindest in der Wiederholung der Torkamera. Von einem neuen oder Anti-Wembley-Tor wurde sofort gesprochen und der Videobeweis eingefordert. Vielleicht würde das aber gerade solche Klassiker verschwinden lassen, wenn alles nur noch unfehlbar sicher wäre. Nun könnte man noch den uruguayische Schiedsrichter Jorge Larrionda und seinen Assistenten Mauricio Espinosa als die schwarzen Engel der Gerechtigkeit bezeichnen, ganz wie in den Kontrakten des Kaufmann von Elfriede Jelinek, die nicht für die Gerechtigkeit sorgen können und sich gelangweilt und ignorant abwenden von einer unerschütterlichen Tatsache. Aber es hülfe leider nichts, die Entscheidung des Schiris ist unumstößlich und auch durch einen Antrag auf nachträgliche Anerkennung des Tores an den Petitionsausschuss im Bundestag nicht mehr zu ändern. „Das ist die Ironie der Geschichte“, sagt da nur lapidar Franz Beckenbauer, „Shame on You“ war die Reaktion von David Beckham auf Larrionda nach dem Abpfiff und Englands Coach Fabio Capello konstatierte: „Wir haben Fehler gemacht, aber der Schiedsrichter hat den größten Fehler gemacht.“ An diesen Knick in der Optik des Schiedsrichters wird man sich erinnern noch nach Jahren und nicht an das überragende Konterspiel der Löw-Jungen in der zweiten Halbzeit, das den letztendlich gerechten Einzug ins Viertelfinale gebracht hatte.
Und der Fehlleistungen nicht genug, gab es im anderen Achtelfinale noch ein Abseitstor der Argentinier, die aber dennoch souverän ins Viertelfinale einzogen. Apropos abseits, nun haben wir alle doch noch was dazu gelernt, das nicht mal Delling und Netzer sofort erkannt hatten, beim Abstoß vom Tor gibt es kein Abseits, übrigens auch nicht bei Ecke und direktem Freistoß.
Es ist nun Halbzeit bei der WM, die Vorrunde ist gelaufen und die Viertelfinals sind heute Abend komplett. Der Klassiker gab es auch in der Vorrunde genug, ständige interne Querelen bedeuteten das Aus für Frankreich, der immer währende Catenaccio das für die Italiener, die leider vergaßen vorher das Tor zu schießen. Griechenland ist nun entgültig so alt wie Otto Rehagel immer schon war und fährt verdient nach Hause. Von den vielen guten amerikanischen Mannschaften haben sich nur die südamerikanischen in der ersten K O-Runde durchgesetzt.
Was zeichnet denn nun dieses „We call it a Klassiker“ aus, um wieder mit Franz Beckenbauer zu Kalauern? In der Literatur und im Theater wissen wir es nicht erst seit dem Kanon von Marcel Reich-Ranicki. Es sind Goethe, Schiller und Co., erst Stürmer und Dränger und dann im Alter zumindest bei Goethe klopft die Restauration an die Tür. Es ist der ewige Kampf um eine bestimmte Bedeutungshoheit, sei es um ein Tor, die richtige Aufstellung oder um eine Theaterregie. Zur Zeit kämpft Nis-Momme Stockmann um die Bedeutung des Autors und die Kanonisierung der Dramatik einen klassischen Kampf. Man muss bedingungslos und immer wieder darüber streiten können, das ist der klassische Klassiker. Aber ist es auch der wahre?
Klassiker sind ohne Frage auch unser aller Kommentatorenpaar Delling und Netzer, nur hat ihnen mittlerweile unverhofft ein anderes Pärchen fast den Rang abgelaufen. Nach einem klassischen Fehlstart haben sich KMH und Olli Kahn zu einem ebenso gut auf einander abgestimmten Duo entwickelt und machen mit Sicherheit die besseren Witze, da sich das Konzept Delling ärgert und Netzer tut bemüht beleidigt abgenutzt hat. Mal ganz abgesehen von der Expertenfähigkeit eines Günter Netzer gegenüber Oliver Kahn, in Sachen Steifheit nehmen sie sich nach wie vor nichts, außer das Kahn sich zumindest um Lockerheit bemüht. Und wohin KMH und Olli nach Hause gehen, das wüssten wir dann doch gerne auch noch.
Es gibt übrigens noch zwei echte lebende Klassiker, einen bei der WM der Großen und einen der die kleinen auf diese WM vorbereitet. Die Rede ist von Maradona, dem Trainer der Argentinier, der den Fußball wie kein anderen mit Höhen und Tiefen nun auch auf der Bank auslebt und der andere, da sei noch mal Arkadij Zarthäuser für den Tipp gedankt, ist der Juniorentrainer des DFB, das „Kopfballungeheuer“ Horst Hrubesch, der ungefähr die Hälfte von Jogis Jungs mal unter seinen Fittichen hatte. Der lange als Auslaufmodell gehandelte Ex-Stürmer hat aus den talentierten Nachwuchskickern Aogo, Badstuber, Boateng, Khedira, Marin, Neuer, und nicht zu letzt Özil einen U21 Europameister 2009 gemacht. „Wenn du in die ganzen Gesichter guckst, dann siehst du das Leben“, sagte Hrubesch in einem Interview 2009 . „Es macht einfach Sinn, mit den Jungen zu leben.“ Der sich selbst als Spätzünder bezeichnende Hrubesch hat begriffen, was eine frühe Förderung für die Jungen bedeuten kann und Jögi Löw, einst selbst U21-Spieler, weiß das auch und kann nun davon profitieren. Hrubesch ist so ein wahrer Klassiker, der nicht nur von Bonmots lebt wie Kaiser Franz und Günter Netzer oder mit Stilblüten auffällt wie Uwe Seeler. Er hängt nicht mit seinen Gedanken im Gestern, sondern steht mit beiden Beinen im Hier und Jetzt. Das hat dann auch wirklich Klasse.
Das Zeug zum Klassiker zu werden, hat nicht erst seit dem England-Spiel nun auch der Wunderknabe im Mittelfeld Thomas Müller und das nicht nur wegen seines Namens. Er ist von der 2. Mannschaft der Bayern direkt zur Nationalmannschaft gestoßen. Ein weiterer Beweis für gelungene Talentförderung. Kleines dickes Müller ist jetzt groß und schlank aber ebenso torgefährlich wie der so vom damaligen Trainer Zlatko Cajkovski bezeichnete ehemalige Bayernstürmer und Nationalspieler Gerd Müller. Bleibt zu hoffen, das sich alle unsere jungen Spieler diese Frische durch das ganze Turnier bewahren können und nicht anfangen die eigenen Taten in den Himmel zu heben oder aber auch irgendwann zu tragischen Klassikern werden, wie England und heute die Portugiesen, die wieder im entscheidenden Spiel gegen Spanien keine Tore geschossen haben und vorher in einem Spiel gegen Nordkorea genügen für das ganz Turnier zusammen.
Also dann bis Samstag, Argentinien und die Hand Gottes warten. Noch so ein Klassiker.

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