Pünktlich zum Beginn des Tanz- und Folkfestes im schönen Rudolstadt in Thüringen, das dieses Jahr zum 20. Mal stattfindet und in dem natürlich der Tanz immer ganz groß geschrieben ist, möchte auch ich etwas zu diesem schönen Thema berichten. Der Schwerpunkt des Festivals liegt diesmal auf dem Stepptanz, eine wie bei allen Tänzen üblich sehr beinlastige Unternehmung, wobei wir wieder beim Thema dieser Tage der Fußball-WM in Südafrika sind. Leider hat in Zeiten der Vuvuzela der monotone Klang das rhythmische Trommeln und Tanzen der Fangruppen so gut wie verdrängt und auch die vielleicht besten Tänzer der Fußballnation Brasilien müssen ihre Samba wieder in Rio de Janeiro tanzen, da sie über holländische Holzpantinen gestolpert sind. Auch in einer letzen kämpferischen Capoeira konnten sie nicht das des Tanzes unkundige europäische Bollwerk überwinden und mussten dezimiert die Trommeln einpacken. Die zweite südamerikanische Tanzbewegung, die Celeste aus Uruguay, konnte mit einem kraftvollen Candombe das letzte afrikanischen Tanzensemble aus Ghana, das fast mit seinem kriegerischen Agbekor wie der sichere Sieger aussah, noch im alles entscheidenden Penalty wegtrommeln.
Nun dürften viele der Festival-Teilnehmer in Rudolstadt mit halber Freude dabei sein, da auch sicher ihr Herz bei der ein oder anderen Fußballtanzeinlage hängen dürfte und vor allem gibt es morgen noch zwei Begegnungen mit stark tänzerisch geprägten Nationen. Am Abend müssen die Spanier sich zwischen feurigem Bolero, dem steigerungsfähigen Fandango oder dem entfesselten Flamenco entscheiden um die El Pajaro Campana aus Paraguay vom Rasen zu tanzen. Die vierte Tanztruppe aus Südamerika kann das Tempo mit einer Galopera durchaus noch anziehen. Vorher treffen sich noch zum nachmittäglichen Tanztee die Tango begeisterten Argentinier und die eher als Tanzmuffel bekannten Deutschen.
Wir sind Dank der Medien wieder bestens auf den nächsten Klassiker eingestimmt, noch zusätzlich befeuert durch die eher geistlosen und Spaß tötenden Mentalitätsprobleme Bastian Schweinsteigers. Da gilt es doch dringend Nachhilfe in Rhythmus und Feingefühl zu nehmen. Im Vorfeld ist viel über Gemeinsamkeiten und noch mehr über Rivalitäten gesprochen und geschrieben worden. Auf der einen Seite Tangofieber und das in Deutschland erfundene Bandoneon, auf der anderen Tumulte im Olympiastadion zu Berlin bei der WM 2006. Wie vor jeder Klassiker-Neuauflage fragt man sich auf der Theaterbühne wie auf dem Fußballfeld, wie man sich das nun diesmal vorzustellen hat. Werkgetreue Wiederauflage oder moderne Dekonstruktion. Nur der Fußball, wie das Rad werden auch diesmal nicht neu erfunden werden, nur kann man sicher mehr aus der Erde graben, als einen Faustkeil oder einen platt getretenen Ball. Man könnte zumindest die Illusion erstehen lassen, das auch die deutschen Spieler vielleicht doch ganz virtuose Tänzer sind. Dabei von Hilfe wäre das choreografische Können eines Experten in modernem Tanz. Ich denke da z.B. an Wanda Golonka, die in der Berliner Volksbühne bereits versucht hat Räume zu erkunden, obwohl sich diese nicht zwingend geöffnet haben. Eine zweite Möglichkeit wäre, wenn Jogi Löw in Mühlheim anruft, nur der Nachlass von Pina Bausch befindet sich, wie wir nun wissen, in den Händen von Rene Pollesch und Fabian Hinrichs, die damit versuchen einen perfekten Tag auferstehen zu lassen. Es wird also eng für die deutsche Tanzel(e)v.
Nun muss wohl doch Jogi Löw allein den Rhythmus und wer wen zum Tanz auffordert vorgeben. Einen Schritt weiter ist da bereits der Couch der Argentinier Maradona, der bereits mit Fidel in Kuba Cohiba rauchend eine flotte Rumba getanzt hat und mit Emir Kustirica bei den Filmarbeiten zu Maradona by Kusturica sicher nach einigen Slivovic die heißesten Zigeunertänze ausprobiert hat. Die Absolution des Papstes braucht die Hand Gottes auch nicht mehr, um gegen jeden Höllentanz gefeit zu sein, da hilft es auch nicht das Benedikt XVI. für Deutschland beten will.
Was werden nun also die Deutschen und die Argentinier auf dem Rasen aufführen? Nun der Tango ist sicher etwas zu überstrapaziert und man kann sich sicher Podolski und Klose auch schwerlich grazil über den Rasen schreitend vorstellen, besser aber bei einer Tritsch-Tratsch-Polka in der Art, links tanzt der Poldi, recht tanzt der Müller und in der Mitte Kloses Zusammenstuss, äh -schluss und dann hoffentlich auch Schuss. Özil wird sich hoffentlich nicht wie bei einem türkischen Derwischtanz im Kreis drehen, sondern eher elegant wie beim Walzer. Dabei ist sicher egal ob links oder rechts drehend, Hauptsache in den freien Raum nach vorn. Was aber kann die Abwehr darbieten? Walzer, Tango, Dreher oder Galopp scheinen eher ungeeignet zu sein, einen Messi ins Abseits zu tanzen. Was ist aber der deutscheste und dazu südlichste aller Tänze hinter dem Weißwurstäquator, natürlich der zumindest Philipp Lahm sehr geläufige Schuhplattler. Leider darf man beim Fußball nicht die Hände zu Hilfe nehmen und so wird es für reichlich Verwirrung sorgen, wenn Tanzführer Lahm und seine Buam Mertesacker, Friedrich und Boateng anstatt sich wie Rumpelstilzchen Maradona aufzuführen, eher wie die Donkosaken, mit vor der Brust verschränkten Armen, den Argentiniern entgegenhopsen. Aber hoffentlich treten die deutschen Jungs nicht mit einer Ententanzpolonaise nach Blankenese vom Rasen ab.
Die Argentinier werden sich sicher als besondere Strategie den eher unbekannten Tanz der Argentinischen Landbevölkerung die lustig leichte Chacarera einfallen lassen oder als Überfalltaktik die aus dem Karneval in Buenos Aires stammende Murga, eine gruppenbetonte Art des argentinischen Straßentanzes, bei der sich Lukas Podolski als alter Kölner durchaus wohl fühlen könnte. Vielleicht kommt aber auch die schnellere Variante des Tangos der abgedrehte und verrückte Valse Crusado beim Umtänzeln der deutschen Volkstanzgruppe zum Einsatz.
Was auch immer den Argentiniern in die Beine fährt, Bastian Schweinsteiger sollte sich mental darauf einstellen, um nach dem Spiel auch mal ein flottes Tänzchen mit seiner Lieblingsfreundin Angela Merkel aufs Parkett legen zu können. Ob es ein Veitstanz oder doch eher ein deutscher Trauermarsch wird, das liegt wie bei allen anderen Tänzern sicher auch an der eigenen Mentalität, sich nie all zu sicher zu sein, nicht auf die eigenen oder andere Füße zu treten und einen gewohnt sicheren Alleintänzer wie Lionel Messi nicht zu unterschätzen.
Vielleicht treffen sich auch alle noch vor dem Spiel zu einer Milonga der Gefühle und versuchen ihre Rivalitäten zu vergessen.
Milonga sentimental
Manns genug, um Dich sehr zu lieben,
Manns genug, um Dir alles Gute zu wünschen,
Manns genug, um Beleidigungen zu vergessen,
weil ich Dir schon verziehen habe.
Na, ob da der verklemmte Olli Kahn mitsingen würde.
Nun noch mal viele Grüße nach Rudolstadt, wo den Tänzern sicher Schnurz Piep egal ist, wer in der nächsten Woche im Halbfinale steht, oder vielleicht doch nicht. Man wird es sehen.
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