Herr Sonnenschein macht Urlaub oder ein Sommer oben ohne

Eine nicht ganz ernstgemeinte WortKlauberei.

Gottlieb Sonnenschein war Vertreter für Markisen und Jalousetten und hielt sich auf diesem Gebiet schon aufgrund seines Namens für eine wahre Koryphäe zwischen Ostseeküste, Fichtelberg, Harz und der Oder-Neiße-Grenze. An guten Tagen konnte er sogar Markisen für Balkone mit Nordausrichtung an Bewohner von Plattenbauwohnungen in Cottbus-Südstadt verkaufen. Was nur einmal scheiterte, als ein rotznäsiger Blag seinen bräsigen Erzeugern stolz den für 1,99 € gekauften Lidl-Kompass auf den Tisch knallte. Herr Sonnenschein murmelte noch etwas von Magnetanomalien in Stahlbetonwänden und fand sich wenig später mit einigen blauen Flecken auf dem Treppenabsatz nach unten wieder. Wegen seines sonst eher schlichten und einsilbigen Auftretens glaubten jedoch die meisten Menschen in den Landstrichen der ehemaligen DDR, eine gewisse Wesensverwandtschaft zu erkennen und kauften ihm, wenn schon nicht mit vollster Überzeugung, dann doch aus einem gewissen solidarischem Empfinden heraus, weiterhin seine Schatten spendenden Produkte ab. Dergestalt verschattet, schien auch das Gemüt von Herrn Sonnenschein in der letzten Zeit an einem gewissen Luziditätsmangel zu leiden. Er ertappte sich immer wieder dabei, mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Obwohl er schon immer seinem Hang zu Tagträumereien freien Lauf gelassen hatte, plagten ihn nun immer mehr düstere, undurchsichtige Phantasien. Das lag wohl auch daran, dass er gerade frisch geschieden, noch den Gewohnheiten der Zweisamkeit nachhing und sich mit seinem erneuten Singleleben nicht so recht anfreunden konnte.

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Nordseite oder Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau

Seine Frau hatte er bei einer Fachtagung des Bundesverbandes Rollladen und Sonnenschutz im Nordseebad Sankt Peter-Ording kennen gelernt. Sie war Farbdesignerin bei einem führenden Hersteller von Sonnenschutzbehängen und wohl von Herrn Sonnenscheins neuem graugrün schillernden Markenanzug beeindruckt, den er sich auf dringendes Anraten seines Chefs gekauft hatte. Nach einer kurzen, heftigen Liebes- und Verlobungsphase kauften sie nach der Hochzeit sofort eine Eigentumswohnung in Berlin, welche die Designerin voller Elan nach eigenen Plänen auszugestalten begann. Sie wollte etwas mehr Farbe in beider Leben bringen und wer hat denn schon Angst vor ein wenig Rot, Gelb und Blau. Sehr schnell musste sie aber erkennen, dass sich ihr Hang zum Extremen zu seinem eher etwas unterkühlten Temperament direkt entgegengesetzt verhielt. Sie hatte sich da noch einzureden versucht, dass sich beide gemäß der Komplementärfarbtheorie mit der Zeit gegenseitig ergänzen und zum Leuchten bringen würden, was aber letztendlich an Herrn Sonnescheins notorischer Farblosigkeit scheiterte. Um einer vollkommenen Subtraktiven Farbmischung zur grauen Maus zu entrinnen, entschloss sich die Farbdesignerin schließlich zum Kontrastprogramm und zog aus der gemeinsamen Wohnung aus. Trotz seines Jobs hatte Herr Sonnenschein keinen Sinn für derlei Farbspiele und empfahl seinen Kunden meist Markisen in gedeckten Tönen. Daheim verschmolz Herr Sonnenschein am liebsten in seinem magentafarbenen Pyjama mit dem blauen Bettzeug der roten Designercouch – alles noch von seiner Ex-Frau ausgesucht – und verschwand immer öfter völlig in seiner eigenen Gedankenwelt. Er hatte sich so mit den Jahren, bis auf das kurze Intermezzo seiner Ehe, schlicht und ergreifend aus dem Blickfeld seiner Umgebung selbst entrückt. Was ihm allerdings auch nichts weiter auszumachen schien.

Seit einiger Zeit war das Geschäft gerade in den Sommermonaten etwas flau, so dass sich Herr Sonnenschein wie schon in den Jahren zu vor entschloss, von Juli bis August Urlaub zu machen. Er zog es allerdings vor, nicht wie die anderen Großstädter in den sonnigen Süden zu fliehen, sondern lieber in seinen vier Wänden zu verweilen. Und so machte er es sich dann auch in gewohnter Weise nach einem späten Frühstück auf seiner Wohnzimmercouch bequem. Herr Sonnenschein blinzelte noch etwas träge durch das Fenster in den wolkenverhangenen Himmel, legte sich die Winterreise von Franz Schubert auf und begann die Zeitungen der vergangenen Wochen durchzublättern, die sich ungelesen auf seinem Couchtisch türmten. Außer einem Pipi-Kacka-Papa, Zipfelgeschnippsel, Fistkahl-Paketen und anderen Bondagen füllte trotz masseverheißendem „Gottesteilchen“ weiß Gott nichts Substanzielles die Seiten der Feuilletons. Higgs, Herr Sonneschein bekam unweigerlich einen Reflux beim Durchkauen des schwer verdaulichen Debattenquarks. Nur ein liturgie- oder war es doch ein literaturbesessener Anti-Blasphemiker erweckte noch kurz das Interesse von Herrn Sonnenschein. Jedoch verfinsterte sich – gleich dem wolkenverhangenen Morgen – seine Miene zusehends und proportional zur Anzahl der im Text zahlreich verstreuten externa verba. Herr Sonnenschein hatte nämlich sein Fremdwörterbuch Frau Söße aus dem Parterre geliehen, die gerade einen retraining course zur Visagistin absolvierte, und blätterte unlustig in seinem alten DDR-Synonymwörterbuch die Vokabeln consensus omnium nach.

Während sich für Herrn Sonnenschein die Zusammenhänge von Indifferenz, Intoleranz und Inkontinenz bereits bildlich vor seinem inneren Auge zu manifestieren begannen, versagte ihm hier schlicht die Vorstellungskraft. Er klappte ermüdet das Buch zu und legte die Zeitung beiseite, um sich wieder für ihn wichtigeren Dingen zu widmen. Nach reiflicher Überlegung war er zu der Überzeugung gelangt, zu einigen Ideen der Menschheit einfach keine Meinung mehr haben, und auch nicht jedem dahergelaufenen Gedanken, dem er ansichtig wurde, gleich reflexartig nachhecheln zu müssen. Seine Lebensmaxime hatte er sich in schwarzen Lettern über den Garderobenspiegel im Flur gepinselt. Sie lautete: „I would prefer not to“. Er hatte den Anglizismus aus einer wundersamen Erzählung des Amerikanischen Novellisten Herman Melville entlehnt, die ihm sein alter Bekannter Carl Fakes aus New York mitgebracht hatte. Eine gewisse Geistesverwandtschaft mit dem Schreiber Bartleby konnte Herr Sonneschein nicht leugnen. Allerdings mochte er Carl Fakes in seiner Interpretation der Melville´schen Erzählung nicht ganz folgen und verzichtete auch dankend auf die Annahme einer Einladung zum wilden Campen vor der Sparkassenfiliale auf dem Alexanderplatz.

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Venezianische Markisen am Canale Grande

Nach einer halbstündigen, erholsamen Augenpflege wurde Herr Sonnenschein unsanft durch das Läuten des Telefons aus seiner inneren Kontemplation geholt. Es war sein Chef, der aus dem Urlaub in Venedig anrief und ihm von seiner neuesten Urlaubsbekanntschaft vorschwärmte. Schon die letzte, die er im vorigen Sommer aus dem sonnigen Süden mitgebrachte hatte, fand Herr Sonnenschein in ihrer makellosen Bräune geradezu geschäftsschädigend an der Seite eines Filialleiters in der Verschattungsbranche. Die neue hieß Signora Lucida, was in dieser Hinsicht auch nichts Anderes vermuten ließ. Herr Sonnenschein mochte den Süden nicht besonders. Er war lieber in vertrauter Umgebung und verreiste äußerst selten. Eine gewisse Vorliebe hatte er für das gute alte Wien entwickelt. Dort fühlte er sich in seinem Wesen verstanden, und fand noch im schnodderigen Singsang des Abschiedsgrußes „Geh bitte, schleich di“ den unnachahmlichen Wiener Schmäh, der ihn nur vor einem überstürzten Heimweg bewahren wollte.

Trotz all seiner inneren Abneigung hörte sich Herr Sonnenschein geduldig die Schwärmereien seines Chefs an und versprach ihm auch, sich um passende Markisenstoffe für Signora Lucidas kleine Balconette zu bemühen. Sein Chef schien etwas besorgt um ihn zu sein und empfahl ein umfassendes cerebrales Update, durch eine sofortige Ortsveränderung einzuleiten. Herr Sonnenschein solle seinen Hintern vom Diwan erheben und die Oblomowerei beenden, bevor er sich irgendwann aus lauter Langeweile eine Pistole an den Schädel setzen würde. Parabellum, Cerebellum, Panoptikum! Herrn Sonnenschein schossen einige faszinierende Bilder durch den Kopf. Auch befand er sein Kleinhirn allemal ausreichend bemessen, um auch ohne völlig nutzlose Reiseanstrengungen allein mittels kognitiver Kräfte, seinen Horizont zu erweitern. Er zog es vor, ähnlich dem berühmten Müsiggänger aus dem Roman des Russen Gontscharow, nur von seiner Couch aus die Welt in einem rein geistigen Parabelflug umspannen zu können. Er würde es allen schon noch zeigen, wo Bartleby den Most holt.

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Signora Lucidas unverschattete Balconette

Herr Sonnenschein erinnerte sich wieder an das Versprechen, das er seinem Chef gegeben hatte, und kramte sein altes Notebook aus dem Schlafzimmerschrank. Er konnte sich sogar noch daran erinnern, wie man das Modem anschloss und gab das Wort Balconette in die Google-Suchseite ein, die zu seiner Freude ein Doodle des berühmten Wiener Malerfürsten Gustav Klimt zeigte. Größe setzt sich durch, dachte Herr Sonnenschein, während er die aufgerufenen Dessousshop-Seiten betrachtete und sich bildlich vorstellte, wie sein Chef versuchte, den Vorbau von Signora Lucida mit geblümtem Markisenstoff zu verschatten. Herr Sonnenschein bemerkte dabei eine plötzliche Erregung, die er so noch nicht an sich beobachtete hatte. Sichtlich beunruhigt googelte er sofort seinen neuen Gemütszustand. Leider fand er keinen ihm zusagenden Begriff und begann intuitiv einige der immer wieder auftauchenden Silben neu aneinander zu reihen. Besonders gut gefiel ihm dabei die Kreation ostemplativ. Um sich später daran erinnern zu können, machte er sich einige Notizen und erwog sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag zu erstellen.

Herr Sonnenschein unterbrach kurz seine Gedankengänge, um aus dem Fenster zu sehen. Er erinnnerte sich, von einem drohenden Sonnensturm in der Zeitung gelesen zu haben, und war etwas in Sorge, da er seine Markise in die Werkstatt gegeben hatte. Mit spürbarer Erleichterung aber sah er, tief unter ihre Regenschirme gedrückte Menschen auf der Straße vorbeihasten. Ihn überkamen sofort herbstliche Gefühle, die eine wohlige Welle der Melancholie in ihm aufwallen ließen. Um das aufkeimende, fast überschwängliche Glücksgefühl wieder etwas herunter zu dimmen, legte Herr Sonnenschein ganz behutsam eine Scheibe der Wiener Strottern auf und goss sich einen spanischen Brandy ein, genießerisch das golden glänzende Getränk in seinem Glas betrachtend. Die Sonne Spaniens hatte er selbst noch nie gesehen. Mit einem für seine Art unüblich ostentativem Gähnen wendete sich Herr Sonnenschein dann wieder seinem gewohnten Tagwerk zu und verfiel sofort in einen ihm ureigenen Dämmerzustand. Es erschien ihm einfach unangemessen, dem Umstand, nicht googelbar zu sein, mehr Bedeutung beizumessen als nötig. „O Sonnenschein! O Menschheit!“ hörte er sich noch leicht verzückt seufzen, während der nächste Regenschauer an sein französisches Fenster mit oben ohne prasselte. Herr Sonnenschein fiel endgültig in einen tiefen Sommerschlaf, aus dem ihn wohl kein Anruf der Welt so schnell würde erwecken können.

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Bitte nicht stören! Herr Sonnenschein macht Urlaub.
Foto: Lastminuteauskunft.de auf pixelio.de

(c) Text und Fotos (wenn nicht anders angegeben): Stefan Bock

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