In der spielfreien Zeit, im Sommer naturgemäß, wenn es draußen warm ist und alles ins Freie drängt, zieht es sie auch hinaus, die Schauspielverrückten der Republik, heraus aus der Enge der Stadttheater, an den Busen der Natur. Neuhardenberg hat sich in den letzten Jahren als Spielwiese für ihre Narreteien als besonders geeignet erwiesen, erst die Volksbühne mit Martin Wuttke an der Spitze als Darsteller der Persertragödie am geschichtsträchtigen Ort des Flughafengeländes, dann mit Dostojewskis Podpolje oder Lemschen Solaristräumen und im Doppelpack mit Jonathan Meese, dem Mythen- und Heldenperformer, als Nietzsches Zarathustra, schließlich Volker Schlöndorf und Gefolge, der russisches Schauspiel wohl mal unter echten Birken zeigen wollte und damit sogar bis auf Tolstois Landgut nach Russland vorgedrungen ist. Nun also auch Theatersonderling Armin Holz, der dafür in den Kritiken zu seiner Strindbergschen Sommernachtsphantasie mal wieder als unverbesserlicher Manierist des Unnatürlichen gescholten wird. Es gibt sie aller Orten die Naturstürmer, mal klopft man sich vor Vergnügen auf die Schenkel, mal vor Schmerzen an den Kopf. Was treibt sie alle zu diesen naturalistischen Weihespielen? Der Hang ins Freie zu flüchten, ist dem Menschen wohl in die Wiege gelegt. Der ausgeprägte Pantheismus der Stürmer, Dränger oder Romantiker, die Vereinigung des lyrischen Ichs mit der göttlichen Natur, sie sogar zur Idylle verklärend, hat sich aber neuerdings umgekehrt zu einem sich eher aufzwängenden Ich, Goethes Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! falsch deutend. Dagegen ist schwer anzukommen, es sei denn man zieht es vor, die eigenen vier Wände zur Bühne seiner Phantasien zu machen, was aber dem menschlichen Drang zur ewigen Selbstdarstellung widerstrebt. Da kommt ein Vorschlag der Berliner Tourismusbranche zur rechten Zeit, diesen Trend zu stoppen und die spielfreie Zeit zu verkürzen oder sogar ganz abzuschaffen. Darüber ließe sich in Anbetracht der qualvollen Langeweile aller Theaterschaffenden und ihres schon masochistischen Triebes, sich diesen jährlichen Freilichteskapaden immer wieder auszusetzen, ernsthaft nachdenken. Auf der grünen Wiese des Schlossplatzes, liest man nun in den Zeitungen, soll sogar ein ganzes Theater aus shakespeareschen Zeiten erstehen, es fehlen dazu nur 800.000 . Last Gras darüber wachsen, möchte man da ausrufen. Die Natur erobert sich ihr Terrain zurück. Sie ist sich selbst genug und zeigt uns immer wieder ihren eigenen naturgegebenen Hang zur Dramatik. Lust und Leid liegen im Auge des Betrachters z.B. der Fluten an Elbe, Neiße, Oder, Spree. Hier hat der Mensch auch die Regie versucht zu übernehmen und ist naturgemäß tragisch gescheitert.
Aus alten Märchen winkt es
von Heinrich Heine (1822)
Aus alten Märchen winkt es
Hervor mit weißer Hand,
Da singt es und da klingt es
Von einem Zauberland:
Wo große Blumen schmachten
Im goldnen Abendlicht,
Und zärtlich sich betrachten
Mit bräutlichem Gesicht; –
Wo alle Bäume sprechen
Und singen, wie ein Chor,
Und laute Quellen brechen
Wie Tanzmusik hervor; –
Und Liebesweisen tönen,
Wie du sie nie gehört,
Bis wundersüßes Sehnen
Dich wundersüß betört!
Ach, könnt ich dorthin kommen
Und dort mein Herz erfreun,
Und aller Qual entnommen,
Und frei und selig sein!
Ach! jenes Land der Wonne,
Das seh ich oft im Traum;
Doch kommt die Morgensonne,
Zerfließt’s wie eitel Schaum.
Schreibe einen Kommentar