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Die 24. Ausgabe des Festivals für den osteuropäischen Film in Cottbus hatte sich in diesem Jahr thematisch wieder Einiges vorgenommen. Vom Autorenfilm über den epischen Blockbuster bis hin zur frechen Komödie reichte das Spektrum der immerhin 169 Produktionen aus 35 Ländern. Auffallend oft bewegten sich dabei zu Beginn die Protagonisten in der freien Natur, entweder beim Verlust oder auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Der Begriff Heimat ist ja etwas, was besonders den osteuropäischen Film – nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der beginnenden Migration in den Westen – prägt. Neben den Sektionen Spektrum und globalEAST beschäftigten sich auch einige Beiträge des mit 12 Filmen bestückten Spielfilm-Wettbewerbs mit diesem Thema.
Als latente Gefahr sieht man immer wieder Patrouillenboote mit Bewaffneten vorbeifahren. Es dauert aber gute 20 Minuten, bis das erste Wort und – einige Zeit später – auch der erste Schuss in der Stille fallen und die Natur-Idylle kippen lässt. Ein georgischer Soldat rettet sich angeschossen auf die Insel und wird nun von den abchasischen Grenzern gesucht. Großvater und Enkelin pflegen den Verwundeten, wobei sich eine von gegenseitiger Neugier geprägte, zunächst wortkarg unsichere Beziehung zwischen dem jungen Mann und dem Mädchen entwickelt, die der Alte beargwöhnt. Irgendwann ist der Soldat wieder weg, und das Feld reif zur Ernte. Die Natur fordert unbarmherzig ihr Recht, das Mädchen erfährt ihren ersten Liebesschmerz, und die Insel wird in einer Unwetterflut hinweggespült. Ein eindrückliches Bild und Gleichnis des menschlichen Lebens mit den immer wiederkehrenden Jahreszeiten und Abläufen der Natur.

Der Film (für den es den Regiepreis des FilmFestivals in Cottbus gab!) gießt die Steppe in poetisch leuchtende Farben, taucht den Himmel am Abend in tiefes Rot, das durch die Haare des Mädchens leuchtet, lässt die Sonne auf- und untergehen und den Mond im Mund des Vaters verschwinden. Aber auch ein bitteres Geheimnis birgt das karge Land. Hinter einem großen Zaun liegt die verbotene Zone, das sowjetische Versuchsgelände für Atomtests. Vermummte Gestalten gehen mit Geigerzählern durch das Gehöft des Lkw-Fahrers, der seinen Glauben an den Fortschritt mit dem Leben bezahlen muss. Das Mädchen hat mit Gräsern und Blättern seine Träume in ein Poesiealbum gepresst. Den unausweichlichen Untergang der Natur malt dann eine andere, von Menschenhand gemachte Naturgewalt als leuchtenden Atompilz in den Himmel über der Steppe, bis die Druckwelle alles mit sich fortreißt.

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Nicht viele Worte aber große Bilder macht zunächst auch der slowenisch-österreichische Beitrag von Regisseur Marko Naberšnik zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs. Es sind dies zumeist die Kommandos des Hauptmanns eines österreichischen Artilleriebeobachtungspostens in den schroffen Bergen der Julischen Alpen nahe der berüchtigten Isonzofront, die er mit zwei Soldaten von oben beobachten soll. Einzige Verbindung zum Tal ist das stetig schnarrende Feldtelefon, ansonsten gibt der Berg nur das Echo von Wind, Vögeln und weit her wehendem Granatdonner wieder. Als sich doch eine Granate in die Stellung verirrt, verliert einer der beiden Gebirgsjäger sein Leben und der jüdische Hauptmann Jan Kopetzky sein rechtes Bein. Der einfache 19jährige Kärntner Handwerkersohn Jakob Lindner muss nun allein die Stellung halten und den verwundeten Hauptmann pflegen, da ein Hilfstrupp aus dem Tal wegen des Beschusses nicht nach oben kommt.
Der Film Die Wälder sind noch grün ist nach Tagebucheintragungen von österreichischen Soldaten entstanden. Auch der junge Gebirgsjäger Lindner vertraut hier seine Gefühle und Ängste einem Tagebuch an. Es sind dies Beschreibungen von Tagen des Leids, der Stille vor dem Sturm und den heimatlichen Wäldern, die noch grün sind, was dem Film seinen Namen gab. Bevor Kopetzkys stirbt, erzählt der Hauptmann dem Soldaten von seiner Kindheit und dem Pessach-Fest mit dem leeren Stuhl für den Propheten Elias, der die Ankunft des Messias verheißt. In einer alptraumhaften Sequenz steht Lindner schließlich vor einem zynischen K & K-General, der ihm als sein einziges Zuhause Österreich-Ungarn und als besten Freund allein den Tod verkündet. Das ist für Lindner der Beginn des Umdenkens, dem die Trennung von Telefon und Auftrag wie eine vollzogene Abnabelung folgt.

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Von heimatlichen Gefühlen, Kriegsleid ganz anderer Art und patriarchalen Hierarchien einer Dorfgemeinschaft erzählen Wettbewerbsfilme aus Kasachstan und dem Kosovo. Im Spielfilm Drei Fenster und ein Strick kämpft die Lehrerin Lushe, die während des Krieges mit Serbien in ihrem Dorf im Kosovo vergewaltigt wurde, verzweifelt gegen die männliche Wand aus Schweigen und Verdrängung. Jahre später erst vertraut sie sich einer Journalistin an. Als die Männer des Dorfes den Artikel lesen, fühlen sie sich in ihrer Ehre verletzt und grenzen die junge Frau systematisch aus. Sie lebt allein und muss für ihren Sohn sorgen. Die anderen Frauen des Dorfes, von denen drei weitere damals auch vergewaltigt wurden, leiden ebenfalls unter dem Druck nicht darüber reden zu können. Die Frau eines der Männer, den die drückende Ungewissheit plagt, und der sich doch nicht zum offenen Gespräch mit seiner sichtlich traumatisierten Frau durchringen kann, wird sich sogar aus Scham erhängen.
Nachdem die Tochter des patriarchal regierenden Dorfvorstehers Uka, der sich gern Präsident nennen lässt und großzügig Hilfsgelder verteilt, die Familie verlässt, versucht als einzige seine Frau die Stimme gegen ihren Mann zu erheben. Doch dieser bleibt unerbittlich gegenüber der Schande, die seiner Ansicht nach die Frauen über ihn und die Gemeinschaft gebracht haben. Regisseur Isa Qosja beschreibt hier sehr einfühlsam die Not dieser Frauen, die durch das erzwungene Verschweigen erneutes Leid erfahren müssen. Ein Schimmer der Hoffnung setzt die Rückkehr des im Krieg verschollenen Mannes von Lushe, der sich nicht von seiner Frau abwendet und ihr zuzuhören beginnt. Für den Film gab es eine lobende Erwähnung der Wettbewerbsjury.

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Wider dörfliche Verflechtungen, Korruption und staatliche Willkür ergreift der Film des jungen kasachischen Regisseurs Adilkhan Yerzhanov Partei. Drei Geschwister kommen nach dem Tod der Mutter aus der zu teuren Stadt in ihr Dorf zurück und ziehen in das geerbte Häuschen ein. Auf das hatte bereits auch der Bruder des Dorfpolizisten Anspruch erhoben und versucht sie nun mit Gewalt und Hilfe der korrupten Polizei wieder zu vertreiben. Die Eigentümer, wie sich der in teils brutalen, dann wieder kafkaesk surrealen Bildern gedrehte Film nennt, benutzt eine klare farblich angelegte Bildsprache. Die Bilder für die Natur, für Gut und Böse, werden mit den Farben grün, gelb und rot signalisiert. Der Maler Vincent van Gogh und seine farbigen Naturlandschaften standen dem Regisseur hier Pate.
Der große Bruder muss dann sogar wieder in Gefängnis, und der jüngere wird damit zur Herausgabe von Auto und Haus genötigt. Niemand kommt den Dreien zu Hilfe. Der Lauf der beiden Brüder gegen die polizeiliche Willkür, Korruption und Gewalt spiegelt sich im verträumten Blick der an einem Hirntumor leidenden kleinen Schwester als clownesk zirzensisches Treiben der Täter. Die Kasachische Provinz erweist sich hier als postkommunistischer Albtraum, dem der sich zu kurz gekommen fühlende Bruder des Polizeichefs in einer Hasstirade gegen die neue Zeit verbalen Ausdruck verleiht. Der wie in einem Western gestaltete Showdown auf dem Polizeirevier wird dann sogar zum grotesk surrealen Totentanz des jüngeren Bruders mit seinen Verfolgern.

(c) FilmFestival Cottbus
Ihre wahren Gefühle füreinander können sie sich aber nicht eingestehen. Immer wieder versuchen sie auch voreinander zu fliehen. Die ungeklärte, obsessive Beziehung, die erst spät auch in eine sexuelle mündet, ist in ihrer ungezügelten Provokation Protest der Jugend gegen die Angepasstheit der älteren Generation, die noch im Sozialismus aufgewachsen ist, nach der Umwälzung aber in den Normen der neuen, materialistisch und chauvinistisch geprägten Gesellschaft aufgehen. Der Sturm der Jugend, der aber noch kein wirkliches Ziel kennt, bekommt seine Entsprechung in der zerstörerischen Naturgewalt eines Tornados, der vernichtend über die Felder fegt.
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Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/home/
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Zuerst erschienen am 09.011.2014 auf Kultura-Extra.
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