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„1. irgendwer hat den leuten eingeredet, wir alle müssen sterben. das ist natürlich völliger humbug.
2. keiner stirbt, wenn er nicht will, und jeder lebt, solange er weitermacht. das problem ist: die leute machen nicht.“
Ronald M. Schernikau, aus: legende
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25 Jahre ist es nun her, dass im November 1989 die Berliner Mauer fiel. Für den jungen Schriftsteller Roland M. Schernikau ein Akt der Konterrevolution. In einer vielbeachteten Rede 1990 auf dem Kongress des Schriftstellerverbands der DDR gab er seiner Verblüffung Ausdruck über „die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlaß gewährt wird, das einverständige, ganz selbstverständliche Zurückweichen, die Selbstvernichtung der Kommunisten.“ Für Verblüffung sorgte auch ein Jahr zuvor Schernikaus Einreise aus dem Westen in sein Sehnsuchtsland DDR. „Eine seltsame Vorstellung,“ vermerkt die mit ihm korrespondierende Elfriede Jelinek „wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten.”
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Foto Schaukasten
„schreiben schwulsein kommunist sein – glaube liebe hoffnung – kindlich tuntig selbstbewusßt.” Das waren für Roland M. Schernikau keine Gegensätze. Er machte es ohne Umschweife vor, Sexualität und Überzeugung zu leben, ohne Rücksicht auf sich selbst und jedwede Konsequenz. Reicht das schon zum Vorbild oder zur Provokation? Zumindest reicht es zur Legende, wie sich auch sein letzter Roman nennt, der auch zu seinem Vermächtnis wurde. 1991 starb Schernikau 31jährig in Ost-Berlin an AIDS. Wie schon in Schernikau.Sehnsuchtsland, einer dreiseitigen Annäherung an den schwulen Autor von PortFolio Inc. 2010 im Theater unterm Dach, versucht nun auch Regisseur Bastian Kraft mit seiner Ronald-M.-Schernikau-Collage Die Schönheit von Ost-Berlin an den Kammerspielen des DT hinter das Geheimnis dieser schillernden Persönlichkeit im grauen Vorwende-Ost-Berlin zu kommen.
Stand die Rede von der Konterrevolution im Theater unterm Dach noch am Ende der theatralen Befragung, stellt sie Bastian Kraft im Deutschen Theater ganz an den Anfang. In szenischen Rückblenden nähert er sich dann dem Leben des Ronald M. Schernikau. Dazu hat Peter Baur eine kleine Insel (Inselstadt West-Berlin!) auf die Bühne gestellt, bestehend aus Klavier, Klappcouch, Laterne, Globus und dem Benz, in dessen Kofferraum der 6jährige mit seiner Mutter 1966 in den Westen flüchtete. Im Inneren drehen sich Literatur-, Polit- und Pop-Ikonen aus der Geschichte um eine Kamera, deren Bilder auf die Bühnenrückwand projiziert werden. Karl Marx, Che Guevara, Peter Hacks, Heiner Müller, Andy Warhol, Kati Witt und Bruce Lee – ein Mont Klamott der Kinderzimmeridole gemischt mit politischer Symbolik und Zeitungsmaterial.
Dazu singt vom Band Regine Dobberschütz von Solo-Sunny‘s Traum „of the Golden Girls and the Men so strong“. Der Titelsong des gleichnamigen DEFA-Kultfilms. Ein Anflug von Ostalgie, dem sogleich der Mief der westdeutschen Provinz entgegenweht. Erste schwule Teenagererlebnisse aus dem Erstling Kleinstadtnovelle des 19jährigen Autors. Ein Coming-of-Age-Roman als Coming out unter Spießern. Das spielen hier Elias Arens, Thorsten Hierse, Wiebke Mollenhauer und Bernd Moss, die sich als Schernikau-Doubles mit Brille und Langhaarperücke alle Rollen dieser Schernikau-Biopic-Revue teilen. Und ohne Musik geht hier nichts. Der junge Schernikau wäre gern selbst ein Schlagerstar. Es ist ihm schwules Bedürfnis auf die Bühne zu stehen. Marylin Monroe, die Kneef, Nina Hagen, es sind die Diven der Punk-, Schlager- und Schwulenszene, die es Schernikau angetan haben. Er schreibt für Marianne Rosenberg den Song Amerika und beschreibt in ein lied für rostock die fiktive Teilnahme der DDR am Grand Prix mit einem Song von Aurora Lacasa. Alles ist wunderbar in der DDR gewinnt haushoch. Ost- wie westdeutsch gleichermaßen sozialisiert, fühlt sich der junge Autor schon bald selbst wie die Milva der deutschen Literatur.
Das bunte Treiben auf der Bühne immer wieder unterbrechend, berichtet die auf einem Stuhl am Rande der Bühne sitzende Margit Bendokat im ruhigen Vortragston aus dem Leben der Mutter. Schernikau selbst hatte sie 1980 interviewt. Das Ergebnis wird zum Theaterstück in Blankversen: Irene Binz, die Frau im Kofferraum. Posthum ist ein Band dieser Gespräche unter dem Titel Irene Binz. Befragung erschienen. „All unsere Schöpferkraft für den Sozialismus“ steht unter den Brücken des einen Deutschlands. Ein Leben was wir haben wollen, sagt die Mutter ihrem Sohn. Die Frau folgt dennoch ihrer Liebe in das andere Deutschland, dass sie nicht lieben kann und das sie nicht versteht. Ellen Schernikau tauscht ihre Überzeugung nicht für ein Kreuz auf einem Formular. Die finanzielle Unterstützung für politische Flüchtlinge lehnt sie ab. „Ich bin privat hier.“ gibt sie trotzig zu Protokoll. Auch ohne den geliebten Mann wird sie bleiben, für den Sohn. Der geht Jahre später den Weg wieder zurück.

In den 80er Jahren zunächst nach Westberlin. Schernikau wird SEW-Mitglied und taucht ein die schillernde Subkultur der Mauerstadt. Einige Szenen aus seinem Stück die schönheit, geschrieben für die Tuntentheatergruppe „ladies neid“, gibt die lustige Schernikau-Viererbande zum Besten. Eine schräge Maskerade und Spionagekrimi-Farce per Video aus dem Inneren der Bühnen-Insel übertragen. Transvestiten-Theater als beste Umsetzung des V-Effekts. Politisch liegt für Schernikau der Kommunismus klar auf der Hand. Die Dummheit der Kommunisten im Osten gilt ihm auch später nicht als Argument gegen den Kommunismus. BRD und DDR – das Falsch und Richtig als biografischer Zufall. In den West-Berliner WG-Diskursen stößt er damit eher auf Unverständnis.
Weiter geht’s für Schernikau ab 1986 am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Genie ist möglich, attestiert ihm der Hof haltende DDR-Dichterfürst Peter Hacks. Aber erst mal gilt es sich einzureihen in die Schlange der vielen. Die DDR kennt kein Leistungsprinzip. „ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.” beurteilt Schernikau in die tage in l. die Möglichkeit einer Verständigung. Er passt sich auch im Osten nicht an, verweigert den für westliche Ausländer obligatorischen AIDS-Test und fährt immer wieder zu seinem Freund nach West-Berlin. „Fickt weiter!” ist Schernikaus Radikal-Aufruf als Reaktion auf die Angst vor AIDS: „wer jetzt aufhört zu ficken, sollte aufhörn zu rauchen trinken essen arbeiten autofahrn spraydosen benutzen lackfarbe plastik radios kinos menschen.” Zumindest das Letztere keine Option für ihn.
Das von Schernikau noch kurz vor seinem Tod fertiggestellte 700-Seiten-Werk legende wird sein selbst verfasster Nachlass. Der kommt für Elfriede Jelinek aus der „Ecke des linken Schelmen-Romans“. Für Bastian Krafts bunte Schernikau-Collage erweist sich dieses Vermächtnis nun als mächtiger Text-Steinbruch der Lebens- und Gedankenwelten Ronald M. Schernikaus. Daraus meißelt der Regisseur dem Schriftsteller irgendwie auch so etwas wie einen leicht verspäteten Nachruf in Bildern. Da wird es dann auch noch mal richtig gefühlig, wenn zum Ende hin die beiden Parallelebenen Mutter und Sohn am Bett des Sterbenden wieder zusammengeführt werden. Es ist viel von Schmerz die Rede, aber auch von trotziger Zuversicht. „alles lässt sich leben, auch der eigene tod.“ schreibt der Dichter Schernikau, und leicht ironisch: „die nachwelt wirds schon richten.“
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die nachwelt
die nachwelt wirds schon richten
die nachwelt machts schon gut
die nachwelt die macht alles
was sonst keiner gerne tut
die nachwelt wirds schon richten
wir haben ja zum glück
die gute alte nachwelt
unser bestes stück
Ronald M. Schernikau
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Die Schönheit von Ost-Berlin (18.11.2014)
Eine Ronald-M.-Schernikau-Collage
Premiere im DT war am 07.11.2014
Regie: Bastian Kraft
Bühne: Peter Baur
Kostüme: Inga Timm
Musik: Ingo Schröder
Dramaturgie: John von Düffel.
Mit: Margit Bendokat, Elias Arens, Thorsten Hierse, Wiebke Mollenhauer, Bernd Moss.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Termine: 27.11., 06.12., 16.12. und 28.12.2014
Infos: www.deutschestheater.de
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