Ein Fensterladen, der im Wind klappert – „Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz im bat-Studiotheater

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Einige Nachrichten an das All heißt das zweite Stück des Dramatikers Wolfram Lotz, das er 2010 im Rahmen eines Werkauftrags des Berliner Stückemarktes für das Nationaltheater Weimar geschrieben hat. Es ist seitdem einige Male mehr oder weniger erfolgreich aufgeführt worden. Der Text ist eine trotzige Antwort auf das, was Lotz selbst ein Jahr zuvor in seiner „Rede über das unmögliche Theater“ als Aufsetzen der Fiktion „auf der Landebahn der Wirklichkeit“ bezeichnete. Mit dieser Bruchlandebahn ist, wie unschwer zu erkennen, das moderne Theater gemeint, dass „die Fiktion auf dem Altaratartrara der Wirklichkeit“ opfert, indem sie sie an die Wirklichkeit anpasst.

EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL_Plakat batWie das aussehen könnte, wenn das Theater um seine Autonomie ringt und die Fiktion die Wirklichkeit verändert, liegt nun ganz in den Händen derer, die sich an die Inszenierung von Lotz‘ tragikomischer Kollision von Fiktion und Wirklichkeit wagen. Denn: „Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker.“ heißt die nicht gerade einfache, den gesamten Text überspannende Regieanweisung. Man kann sie aber auch wie eine muntere Aufforderung zur überdrehten Farce oder Klamotte lesen, um so der Suche nach der Wahrhaftigkeit einer alles verändernden Fiktion ironisch aus dem Weg zu gehen. Umso mutiger nun der Versuch der Regiestudentin Rebekka David im Rahmen der Inszenatorischen Praxis im 1. Jahr an der HfS Ernst Busch das Stück auf die bat-Studiotheaterbühne zu bringen.

Rebekka David hat dazu ein buntes Schauspielteam aus Studierenden der HfS und UdK Berlin sowie HfMT Hamburg um sich geschart. Die fantasievollen Kostüme stammen von Philine Stich von der KHB Weißensee. Die Bühne hat Eva Lochner von der HfBK Dresden gestaltet. Hier hocken in weißen Stramplern mit Pierrotkragen die beiden Lotz’schen Krüppelfiguren Purl Schweitzke und Lum (Benjamin Radjaipour und Mervan Ürkmez) wie zwei traurige Clowns auf einem schwarzen Podest und stapeln mit mechanischen Bewegungen Blechbüchsen von links nach rechts und wieder zurück. Zwei zunächst noch unsichere Pantomimen, die langsam eine Sprache finden, zum Dialog über Ort und Sinn ihres Daseins. Sie hangeln in höchster Verrenkungsnot nach Zetteln mit Botschaften, kämpfen mit der Ordnung der leeren Büchsen und werfen schließlich in einem Anflug von Auflehnungsfuror alles wieder durcheinander.

Purl und Lum sind zwei unfertige Theaterfiguren, die nicht wissen, worum es in ihrem Stück geht. Zwei existentialistische Idioten, die beschließen, ein Kind zu bekommen, um ihrem zufälligen Dasein einen Sinn zu geben. Jedoch ihr Wunsch geht nicht in Erfüllung. Um sie herum geschieht etwas, aber es bedeutet nichts und hat auch nichts mit ihnen zu tun. Das hat natürlich etwas von Beckett und berührt auch ganz philosophische und religiöse Themen. Nur ist hier im bat das einleitende Krippenspiel gestrichen. Die beiden Clowns warten von Anbeginn auf die Erlösung in Gestalt eines Kindes, oder irgendeinen anderen Fortgang der Geschichte. Dabei geht es um scheinbar ganz willkürliche Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, sich aber auch um die Welt und das All, eben das große Ganze, drehen.

Dazu treten im Folgenden ein alleinerziehender Vater, seine zu Tode verunfallte Tochter Hilda (Lola Klamroth) und ein fette Frau aus der Talkshow Britt auf. Ein schräg kostümierten Talkmaster mit Mikrofonkamera lässt als Leiter des Fortgangs (Gro Swantje Kohlhof) Personen aus Historie und Medien wie etwa den Botaniker und Sprachforscher Rafinesque oder den bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (im Stück eigentlich CDU-Politiker Ronald Pofalla) über seine Apparatur Nachrichten ins All senden. Dazu stehen sie in einem mit blauen Styroporkugeln gefüllten Bassin. Der Politiker Horst Seehofer kommt als Sprüche klopfendes, gestikulierendes Doppelwesen (Lola Klamroth und Kaspar Weith) daher.

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Bildrechte: bat-Studiotheater (c) Eva Lochner

Ihre knackig auf den Punkt gebrachten Einwort-Botschaften heißen schlicht: Mama, Bums und Unterhaltung. Wobei für die Unterhaltung natürlich der LdF selbst zuständig ist. „Nur keine Leere aufkommen lassen!“ Der tote Dichter Heinrich von Kleist (Oleg Tikhomirov) fährt mit der ebenso toten Hilda in einem Sarg vorbei. Nach einem Schwätzchen über das Sterben verweigerter er sich allerdings dem weiteren Treiben. „Ich kann die Welt nicht in einem Wort sagen, ich kann sie nicht mal in tausend Wörtern sagen. Die Sprache reicht dafür nicht aus, zu sagen, wie es ist.“ Ein Scheitern des Autors mit Ansage.

Autor Lotz hat zu alledem noch 64 Fußnoten unter seinen Text gestreut, die hier immer wieder eher beiläufig als Lautsprecherstimme aus dem Off zu vernehmen sind. So etwa: „Man ist da und irgendwann ist man wieder weg.“ Oder auch: „Das eine Ende des Universums hat mit dem anderen nichts zu tun.“ Natürlich hat man es hier mit lauter zwischen Realität und Fiktion schwankenden Verzweiflungsfiguren zu tun – Realitätskaspern und Sinnsuchern die von Glück, Hoffnung oder Tod sprechen, oder von einem kleinen, goldenen Zelt als Schutz vor dem Unsinn der Welt träumen (man könnte es auch Utopie nennen). Raum und Zeit dehnen sich aus und alles fliegt von einem weg, bemerkt Purl Schweitzke am Ende. Der Mensch, „ein Fensterladen, der im Wind klappert.“

Im geschützten Raum des Studiotheaters lässt nun Regisseurin Rebekka David ihr Ensemble aber weder in Sentimentalität noch übertriebenem Klamauk versinken. Leise Momente stehen neben komischen Passagen. Die Regie ist nicht arm an Einfällen und bietet sämtliche Theatermittel von Musik über Video bis zur Slapsticknummer auf. Purl Schweitzke bringt sich in einer Art Robot-Walk-Dance um, während der immer weiter stammelnde Lum schließlich von den Bühnenarbeitern auf einem Wagen herausgefahren werden muss. Während Teile des Publikums schon den Saal verlassen, durchstreifen die anderen DarstellerInnen, hinter Silikonmasken Nonsenstexte deklamierend, die sich auflösende Bühne. Ein Theater, das in der Falle einer reflexiven Endlosschleife steckt, oder auch die bewusst ironische Zurschaustellung der Ohnmacht vor dem Stück. Das alles wirkt dann aber doch schon etwas zu abgeklärt.

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EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL
von Wolfram Lotz
Premiere im bat-Studiotheater war am 27.09.2015
Regie: Rebekka David (1. Stj. Regie HfS)
Dramaturgie: Joshua Wicke (1. Stj. Dramaturgie HfS)
Bühne: Eva Lochner (Bühnen- und Kostümbild HfBK Dresden)
Kostüme: Philine Stich (Bühnen- und Kostümbild KHB Weißensee)
Maske: Julia Styrie (Maskenbild HfBK Dresden)
Musik: Paquita Maria Etter und Benjamin Stein
Mit: Gro Swantje Kohlhof, Lola Klamroth, Benjamin Radjaipour, Oleg Tikhomirov (alle Schauspiel UdK) Mervan Ürkmez (Schauspiel HfMT Hamburg) Kaspar Weith (1. Stj. Puppenspielkunst HfS)

Termine: 08.11.2015 um 20:00, bat Studiotheater, Parkstraße 16, 13086 Berlin

Weitere Informationen: http://www.bat-berlin.de

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