Fußball-WM gegen Schauspiel und Performance. Am letzten Donnerstag wurden die 3. Foreign Affairs im Haus der Berliner Festspiele eröffnet. (Teil 1)

Ende einer Liebe von Pascal Rambert auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele

(c) Berliner Festspiele
(c) Berliner Festspiele

Nicht gerade ein Publikumsrenner waren die ersten beiden Ausgaben der die spielzeit’europa abgelöst habenden FOREIGN AFFAIRS. In diesem Jahr muss das Festival, das zum zweiten Mal von Matthias von Hartz verantwortet wird, sogar noch gegen die allgemeine Fußballeuphorie antreten. Man hat aus der Not eine Tugend gemacht und den angeblichen Gegner einfach ein eigenes Feld im Haus der Berliner Festspiele bereitet. Im hinteren Teil des Gartens vor einer kleinen Kiste mit Videowand sind Bänke und Liegestühle aufgebaut, und ab Samstag gibt es dort sogar ein moderiertes WM-Studio. Na wenn das kein Alternativangebot der öffentlich gesponserten Theaterzunft zur laschen Kommentarsoße der öffentlich rechtlichen Fußballberichterstattung ist. Regelrecht scharf dagegen war der Entschluss der Festivalmacher, gleich die erste Premiere auf den Spielbeginn der Entscheidung in Gruppe G, Deutschland gegen USA, anzusetzen. Anstoß zu Ende einer Liebe – man wollte es also tatsächlich wissen – (gecoacht vom französischen Regisseur Pascal Rambert) war pünktlich 18 Uhr. Einmarsch zur Seitenbühne mit deutscher Nationalhymnenbeschallung von nebenan.

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Ich will mir im Weiteren, wenn möglich, die Fußballvergleiche verkneifen; aber ganz kommt man nicht daran vorbei. Die erste Paarung lautet also Mann gegen Frau, was im Fall des Schauspielerehepaares Jens Harzer und Marina Galic vom Thalia Theater Hamburg sogar stimmt. Sie haben sich den zweistündigen Text von Pascal Rambert sicher im Schweiße ihres Angesichts antrainiert und schießen ihn nun quer über das leere weiße Spielfeld aufeinander ab. Das muss man sich jetzt aber nicht als Schlagabtausch in Form eines wütenden, scharfzüngigen Dialoges vorstellen. Nein, die verbalen Fouls werden in zwei aufeinanderfolgenden Monologen zelebriert. Es beginnt Harzer, und Galic muss gerade stehen und zuhören. So will es jedenfalls der Coach Rambert. Harzer holt dann auch ohne Umschweife zum abschließenden Befreiungsschlag aus: „Es ist aus. Es geht nicht mehr.“

Es wird also verbal gegrätscht, bis einer von beiden in die Knie geht. Und Harzer lässt keinen Zweifel daran, dass er Blut sehen will. Hier scheint sich einer die Worte lange und gründlich zurechtgelegt zu haben. Er fühlt sich gefangen im Netz ihrer Blicke, will ausbrechen aus dem Mausoleum, aus der Fiktion, für das er ihr gemeinsames Laben hält. Er sieht dabei ein wenig wie ein großer, verunsicherter Junge aus, schrägstehend im sportlichen Schlabberlook mit Trinkflasche, als wäre er gerade vom Joggen und Nachdenken heimgekehrt. Auch Galic trägt legere Freizeitkleidung und eine Tasche. Vermutlich ist sie auf dem Weg zum Shopping. Es könnte aber auch am Rande einer Theaterprobe sein, kleine Nebensätze über die Arbeit lassen das vermuten. Auf jeden Fall hat man es hier mit zwei durchaus intellektuellen Menschen zu tun.

Nachdem Harzer über Codes, die Bausteine der Sprache, das Zuhören und Atmen referiert hat, wobei er immer mal wieder ein paar Kommandos brüllt (also doch Probe), kommt er über das Parametrisieren schließlich auf das Feld der Körperlichkeit und Sexualität. Und Blut und Sperma fließen dabei in Metaphern, wie auch der gesamte Text von Rambert in teilweise höchst pathetische Worte gefasst ist. Das geht sogar so weit, dass Harzer sich ins Kriegsvokabular versteigt und beide mit dem Kultehepaar der Kunstszene Yoko Ono und John Lennon vergleicht, auf die vor dem Dakota Building wohl schon der nächste David Chapman wartet. Harzer lässt schließlich auch keine Eigentumsfragen offen. Er möchte einen kleinen Sessel mit rosa Stickereien (?) und eine alte Zeichnung mit einem Kinderkopf, da sich darin ihr ganzes Leben spiegele.

Das Haus der Berliner Festspiele zur Eröffnung der Foreign Affairs 2014 - Foto: St. B.
Das Haus der Berliner Festspiele zur Eröffnung der Foreign Affairs 2014Foto: St. B.

Als tatsächlich noch die Sprache auf die Kinder kommt, gibt es erste körperliche Regungen bei Marina Galic, die bis dahin nur ein paar Schluchzer vernehmen ließ. Sicher eines der schmerzhaftesten Themen bei einer Trennung. Nachdem sich Jens Harzer bereits zum Gehen entschlossen hat, kommt dann noch als kleiner Break ein Kinderchor und probt kurz das Lied „Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit“. Der einzige Ironieeinschub des Abends. Es folgte spontaner Beifall. Danach werden die Plätze getauscht, und Marina Galic hat nun nichts weiter zu tun, als ihrem Gegenüber seinen aufgeblasenen Nullmonolog verbal um die Ohren zu hauen. Sie spielt sozusagen gekonnt den Ball emotional aufgeladen wieder zurück. Und das hat mir dann, muss ich ehrlich sagen, doch noch imponiert.

Hier ringt jemand mit seinen Worten, der zuvor kurz vor der sprachlichen Vernichtung stand. Und das geht dann auch erstmal nur über die verbale Beschimpfung, auch wenn dabei vielleicht einmal zu viel „du Arschloch“ gesagt wird. Harzers Taktik der Attacke wird von Galic nun entsprechend pariert. Sie entlarvt seine Logorrhoe als leeres, hirnloses Geschwätz. Er habe kein Innenleben, alles nur intellektuelle Theorie und Äußerlichkeit. Galic punktet eindeutig auf dem Feld der Erinnerung. Nicht materielle Dinge sind ihr wichtig, sondern gemeinsam Erlebtes, das sie in sich bewahren wird, wie ihre Version des ersten Mals, seine Kopfform im Kissen und sogar seinen Abdruck auf der leeren Kloschlüssel. Ihr Kunstvergleich der Trennung ist die Vertreibung aus dem Paradies, ein Fresko von Masaccio, das beide im Dom von Florenz gesehen haben.

Sie stehen sich dann zum Schluss oben nackt mit einem fächerartigen Kopfputz wie zwei erstarrte Idole stumm gegenüber. Es ist alles gesagt. Diese Versuchsanordnung, mit der Pascal Rambert seit 2011 von Theater zu Theater zieht, ein Trennungsgespräch in dieser Form aufzusplitten, jedem die Zeit und das Recht für seine Sicht der Dinge zu geben, scheint auf den ersten Blick interessant, es fehlt ihm aber hier an theatraler Kraft, die ein dialogischer Schlagabtausch bringen könnte. Dass man nicht genau erfährt, was letztendlich der tatsächliche Grund der Trennung ist, die eigentlich Geschichte dahinter, lässt sich dabei verschmerzen. Die schmerzlich gestellte Frage: Wen liebe ich, wenn ich dich liebe und ist es der- oder diejenige dann auch wert, bleibt so oder so unbeantwortet schwebend im Raum.

Ende einer Liebe (Clôture de l’amour)
von Pascal Rambert
Deutsche Übersetzung: Peter Stephan Jungk
Mit Marina Galic, Jens Harzer und dem Kinderchor Canzonetta
Regie und Ausstattung: Pascal Rambert
Ausstattungsmitarbeit: Christoph Rufer
Dramaturgie: Susanne Meister
Regieassistenz: Helge Schmidt
Premiere am Thalia in der Gaußstraße (Hamburg): 26.04.2014
Aufführung vom 26. Juni 2014 (Haus der Berliner Festspiele, Seitenbühne)
Weitere Aufführung am 28. Juni 2014

Zuerst erschienen am 29.06.2014 auf Kultura-Extra.

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Van den vos – Das belgische Künstlerkollektiv FC Bergman mit einer schrecklich schauerlichen Version der Fabel von Reineke Fuchs im Haus der Berliner Festspiele.

Nach dem obligaten Pausentee nach der Vorstellung von Ende einer Liebe und ein paar Begrüßungsworten von Thomas Oberender und Matthias von Hartz im Garten, in der der eine von der Kreativität der sich nicht auf den Staat stützen könnenden Albaner mit ihren großen Taschen und Holzkiosken schwärmte und der andere damit kokettierte, dass nach seinem Beispiel ein nicht ganz unbedeutendes Sportereignis in Übersee zur selben Zeit angesetzt wurde, ging es um 21 Uhr auf der Großen Bühne des Hauses der Berliner Festspiele mit der nächsten Eröffnungspremiere weiter. Es herrschte schon beim Einlass fast völlige Dunkelheit, was einem nicht nur das Auffinden des Platzes erschwerte. Man hatte auch das Gefühl, nun wohl etwas ganz schauerlich Erhabenem beizuwohnen, war das Stück doch erst ab 16 Jahren freigegeben. Die Altersbeschränkung hätte man sich aber ruhig sparen können, die Fabel von Reineke Fuchs gehört eh nicht zum heutigen Kanon der Jugendliteratur, so dass sie wohl kaum mehr einen Minderjährigen hätte locken können.

FC Bergman: Van den vos  © Kurt van der Elst / www.kvde.be
FC Bergman: Van den vos
© Kurt van der Elst / www.kvde.be

Stein des Anstoßes sind dann wohl eher ein paar explizite Gewaltbilder in dem zur Produktion laufenden Video, die man allerdings in jedem illegal aus dem Internet heruntergeladenen Slasherfilm hätte besser bekommen können. Oder bei der FIFA-Pfeifen-WM in Brasilien wesentlich lustiger und auch noch für lau. Zu Beginn sitzen auf immer noch dunkler Bühne vier Personen in einem alten PKW und philosophieren über den Respekt vor dem Gesetz, den Ursprung der Moral und den Vorsatz bei Mord. Die Wollust bei der Beobachtung von Grausamkeiten wie der Kreuzigung, Kämpfen in den antiken Arenen oder beim heutigen Stierkampf schlägt den Menschen seit ehedem in ihren Bann. Auf der einen Seite steht die Moral der zivilisierten Gesellschaft, auf der anderen das Gesetz der Natur.

Nun sitzen da aber nicht Immanuel Kant und der Marquise de Sade beim Plausch, sondern Isegrim, der Wolf (Dirk Roofthooft) als Vertreter der Moral und Gentle, die Königin (Viviane de Muynck), die für sich das Lustprinzip beansprucht, und erzählen uns was vom bösen, schlauen Fuchs. Der Frage: „Warum sind wir so?“ geht die Produktion Van den vos der belgischen Künstlertruppe FC Bergman dann aber nicht mehr weiter nach. In den Eröffnungsreigen der FOREIGN AFFAIRS hat es diese pseudophilosophierende und -psychologisierende Performance mit Musik wohl auch nur deswegen geschafft, da die Macher einen Fußballclub und den bekannten schwedischen Film- und Theaterregisseur im Namen vereinigen. Auf der Bühne wird dann auch viel live gefilmt und die Bilder auf eine große Plexiglaswand projiziert. Diese stellt die Grenze zwischen Zivilisation mit Swimmingpool und der bösen Natur in Form eines Waldes auf der hinteren Bühne dar.

Aus dem Pool wird zunächst eine schöne Wasserleiche gefischt, die dem Kommissar Wolf auch weiterhin Kopfzerbrechen bereiten wird. Seine Frau ist bereits vom Fuchs im Gesicht verunstaltet, der Sohn geblendet worden. Stumm und mit Hang zum Suizid sitzt er am Beckenrand. Dem Rand zur Wildnis bleibt der Wolf selbst fern und schickt, ganz wie in der Fabel, lieber erst Bruin, den Bären (Wim Verachtert) und dann Tybalt, die Katze (Bart Hollanders) los, um den Fuchs zu holen. Die Katze versichert ihrem Chef vorher noch, einen gerechten Kampf zu führen. Jeder Kampf, mit kleinen Einschränkungen natürlich, muss gekämpft werden. Der Wolf kämpft hier eher mit sich selbst und seinen Obsessionen und Phantasien, in denen ihm das tote Mädchen als Hure zu Willen sein muss.

FC Bergman: Van den vos  © Kurt van der Elst / www.kvde.be
FC Bergman: Van den vos
© Kurt van der Elst / www.kvde.be

Immer wieder gibt es kleine philosophische Geplänkel mit der Königin, die sich auch schon mal eine Fuchsmaske aufsetzt, und dann wieder Filmsequenzen an einer Klippe, wo der Fuchs gnadenlos seine Verfolger malträtiert. Die blutigen Leichen werden nacheinander aus dem Wald getragen. Derweil sorgt sich der Wolf über Blätter im Pool, die er pedantisch herausfischt, und immer wieder bedeutungsvoll an der Drehtür zur Wildnis verharrt. Dabei hat der verbissene Tugendmärtyrer natürlich immer „das grüne Weideglück für die Herde“, wie ihm die Königin ironisch zu verstehen gibt, diesseits der Grenze im Auge. Das Ganze wird mit düster romantischer Kammermusik des Ensembles Kaleidoskop untermalt, sehr virtuos und einziger Lichtblick dieser Veranstaltung.

Die nächste wohl eher ungewollte Parallele zu Fußball-WM eröffnet sich in der letzten Videoeinspielung, die den Fuchs (Gregory Frateur) bei der Tat zeigt. Für eine wesentlich harmlosere Beißattacke hatte der Uruguayische Torjäger Luis Suárez gerade erst eine viermonatige Spielsperre bekommen. „Das ist auch etwas Psychologisches“, schrieb der Corriere dello Sport. Wie wahr. Gibt es eigentlich auch eine Art FIFA-Gericht für Theaterperformer? Vorerst gehen diese wohl aber noch straffrei aus. Der Delinquent Fuchs bekommt hier noch eine wunderschöne, verführerische Arie, bevor er sich wegen des Unvermögens des Wolfes selbst aus dem Leben schießen muss. Man könnte darin durchaus auch ein Jekyll-und-Hyde-Gleichnis sehen. Leider überladen die Macher ihre Performance derart mit Bedeutung, dass einen die prätentiöse Art irgendwann nicht mehr interessiert. Zumindest kann man die Augen schließen und alles als misslungene Operninszenierung mit zumindest annehmbarer Musik hinnehmen. Bestimmt können die FOREIGN AFFAIRS in den nächsten zwei Wochen aber noch mit der einen oder anderen Produktion wieder punkten.

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Van den Vos (Deutsche Erstaufführung)
von FC Bergman
FC Bergmann: Stef Aerts, Joé Agemans, Bart Hollanders, Thomas Verstraeten, Marie Vinck, Musik: Michael Rauter, Daniella Strasfogel, Paul Valikoski – Solistenensemble Kaleidoskop und Liesa Van der Aa, Live-Musik: Solistenensemble Kaleidoskop: Dea Szűcs, Paul Valikoski, Ildiko Ludwig, Yodfat Miron, Boram Lie, Michael Rauter, Caleb Salgado, Magnus Andersson, Text Josse De Pauw, Text des Schlussliedes Gregory Frateur, Craig Ward.
Mit: Stef Aerts, Joé Agemans, Bart Hollanders, Thomas Verstraeten, Marie Vinck, Viviane De Muynck, Gregory Frateur, Dirk Roofthooft, Wim Verachtert, Bent Simons, June Voeten.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Produktion: Toneelhuis / Muziektheater Transparant / Solistenensemble Kaleidoskop
In Zusammenarbeit mit: Stadsschouwburg Amsterdam / Kaaitheater / Le Phénix – Scène nationale de Valenciennes / Wiener Festwochen / Operadagen Rotterdam / Stichting Theaterfestival Boulevard / Berliner Festspiele – Foreign Affairs

Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/ueber_festival_fa/aktuell_fa/start.php

Zuerst erschienen am 29.06.2014 auf Kultura-Extra.

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