Autor: Stefan Bock

  • FASCHING von Gerhard Fritsch auf der Hinterbühne am Schauspiel Leipzig – Eva Lange inszeniert die Uraufführung ihrer Dramatisierung eines Romans des hier weitgehend unbekannten österreichischen Schriftstellers.

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    Fasching_Schauspiel Leipzig
    Schauspiel Leipzig

    Eine „Art Dürrenmatts Besuch der alten Dame unter anderen Vorzeichen“, nannte 2012 die österreichische Tageszeitung Der Kurier in einer Besprechung den 1967 veröffentlichten Roman Fasching von Gerhard Fritsch. Die beiden Werke sind natürlich nur bedingt miteinander vergleichbar. Bei Fritsch kehrt keine reiche Dame in die Stadt ihrer Jugend zurück, um sich für die erlittenen Demütigungen zu rächen. Der Protagonist ist männlich, und die Vorzeichen in Fasching stehen zunächst auf Krieg. Der 17jährige Felix Golub (Mathis Reinhardt) desertiert kurz vor Kriegsende aus der deutschen Wehrmacht und versteckt sich zunächst bei dem älteren, homosexuellen Fotografen Raimund Wazurak (Tilo Krügel), der in der Not den Einfall hat, dem jungen Mann eine neue Identität bei der Baronin Vittoria Pisani (Henriette Cejpek) zu verschaffen. Einer wohlhabenden Witwe und Miederwarenfabrikantin mit religiösem Tick und Hang zu skurrilen Spielchen.

    Worum es aber bei Fritsch wie auch bei Dürrenmatt geht, sind Bigotterie, Opportunismus gepaart mit dem Drang zur Geschichtsklitterung und die Freude an der Demütigung. Sei es die eigene oder die der anderen. Bevorzugt natürlich von Menschen, die mit ihrem Wesen und Verhalten außerhalb der Gesellschaft stehen. Das hat auch Gerhard Fritsch selbst erfahren müssen. Mit 45 Jahren schied der Wegbereiter von Schriftstellern wie Thomas Bernhardt und Peter Handke unverstanden aus dem Leben. Sein Fahnenflüchtiger Felix ist in den Augen der angepassten bürgerlichen Gesellschaft der Feigling, der in Frauenkleider gesteckt gehört. Der Deserteur hat in dieser Situation nicht mehr die Wahl der Verkleidung. Er überlebt nur in den Kleidern der Pisani, die ihn zum eigen Vergnügen in der Rolle der Dienstmagd und als willfährigen Geliebten zurichten will. Die Reitpeitsche ist dabei ihr wichtigstes Requisit, assistiert von den beiden als Zofen kostümierten Zwillingen Pia und Mia (Klara Deutschmann und Sina Martens).

    Willentlich zugerichtet von der Baronin wurde auch Fotograf Raimund Wazurak, Tilo Krügel gibt ihn meist devot gebückt. Auch er ist der schwarzgelackten Miedermamsell bedingungslos ergeben. Der Clou des Romans aber ist, dass Felix nicht nur einfach in Frauenkleidern überlebt, sondern zum lebenden Spiegelbild der lüsternen, unzüchtigen Gemeinschaft wird. Der kommandierende SS-Major des Städtchens, Lois Lubitz (Hartmut Neuber in noch mehreren anderen Uniformrollen), verliebt sich in Felix‘ angenommene Identität der Magd Charlotte. Felix kann sich ihm nur mit vorgehaltener Pistole erwehren und zwingt den feschen Kriegshelden, den Russen die Stadt mit runtergelassenen Hosen kampflos zu übergeben. Den Retter erwartet nicht etwa der Dank der Einwohner, sondern die Denunziation bei den Russen und Lagerhaft in Sibirien.

    Fasching mit Mathis-Reinhardt als Felix Golub Foto (c) Rolf Arnold
    Fasching mit Mathis Reinhardt als Felix Golub
    Foto (c) Rolf Arnold

    Nach 12 Jahren kehrt Felix an den Ort seiner Demütigung zurück. Auf Wunsch von Raimund wird er das Fotogeschäft von ihm übernehmen. Für eine passende Ehefrau ist auch schon gesorgt. Annett Sawallisch spielt die in ein enges Dirndl-Korsett gezwängte vorn ausstaffierte Hilga Pengg, wie auch die ehemalige polnische Zwangsarbeiterin und Geliebte von Felix Fela Pomorska. Vorab verlangt die Kommission der Stadt, in der dieselben Leute wie damals immer noch das Sagen haben, wiederrum seine Anpassung. Beim sogenannten „Heimkehrerball“ soll Felix richtig eingenordet werden. Der alte Korpsgeist funktioniert hier noch immer, bis auch der letzte Wehrmachtssoldat mit dem Rollstuhl aus Russland eingefahren ist. Eine befohlene Uniformierung, der sich der um Ausgleich Bemühte Felix kaum zu entziehen vermag. Als die honorige Bürgerschaft auch noch den vollkommenen Persilschein für ihre Vergangenheit verlangt – inklusive der Versicherung, dass Felix nichts mit den merkwürdigen Umständen zur Errettung der Stadt zu tun hat – rührt sich endlich doch so etwas wie Widerstand in ihm. Ein vergebliches Unterfangen, wie er erkennen muss. Die sich kompromittiert fühlenden Kleinbürger greifen nun ihrerseits zu Spott und Erpressung.

    Regisseurin Eva Lange und Dramaturg Matthias Huber nähern sich forsch aber auch immer wieder nachdenklich dem schweren Stoff. Ein toller Mathis Reinhardt in der Rolle des Felix ist hier immer präsent. Die ganzen fast 2 ½ Stunden steht er im Mittelpunkt des etwas überdreht wirkenden Spiels – unterbrochen nur durch gelegentliche einsam reflektierende Monologe. Die Inszenierung springt in den Zeiten und Bühnenebenen, gespielt wird auf einem hohen, die Hinterbühne umspannenden Laufsteg um das Publikum herum oder direkt davor. Als Felix wieder in Frauenkleider gezwängt und zur Faschingsprinzessin gewählt werden soll, öffnet sich die Stegkonstruktion und gibt eine kleine Bühne mit Flittervorhang frei. Hier gerät die Inszenierung tatsächlich zur bitter-bösen Kostümfarce mit Blaskapelle und Konfettikanone. Die Korsagen der Baronin Pisani sind das Bild einer rückgratlosen, verlogenen Gesellschaft von Biedermännern und Anpassern, die schon Raimund bis zur totalen Selbstverleugnung und Rückkehr in den Schoß der Kirche getrieben haben. Da ihnen das bei Felix nicht gelingen will, schlägt das Maskenvolk beim Faschingsball erbarmungslos zurück.

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    Fasching
    von Gerhard Fritsch
    Für die Bühne bearbeitet von Eva Lange und Matthias Huber

    Regie: Eva Lange
    Bühne und Kostüme: Carolin Mittler
    Musik: Katharina Hoffmann
    Dramaturgie: Matthias Huber

    Mit: Henriette Cejpek, Klara Deutschmann, Tilo Krügel, Sina Martens, Hartmut Neuber, Mathis Reinhardt, Annett Sawallisch und Statisterie
    Musiker: Sebastian Taubert, Julia Nagel, Michael Förster, Manfred Beckers

    Premiere war am 03.05.2014, Hinterbühne Schauspielhaus
    Spieldauer: 2:20, keine Pause

    Termine:
    Fr, 09. Mai, 19:30
    Mi, 14. Mai, 19:30
    Fr, 30. Mai, 19:30
    Fr, 13. Juni, 19:30
    Do, 26. Juni, 19:30

    Weitere Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/hinterbuehne/inszenierungen-az/fasching-ua/

    Zuerst erschienen am 05.05.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Mit Zement von Heiner Müller in einer Inszenierung von Dimiter Gotscheff ist am Freitag das 51. Theatertreffen eröffnet worden.

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    Die Berliner Festspiele richten dem im letzten Jahr verstorbenen Regisseur während ihrer Leistungsschau der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen des deutschsprachigen Theaters einen Fokus aus.

    Ein Fokus auf Dimiter Gotscheff Foto: St. B.
    Ein Fokus auf
    Dimiter Gotscheff
    Foto: St. B.

    Am Freitagabend hat sich wiedermal im Haus der Berliner Festspiele der Vorhang für die 10 bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Theaterraum gehoben. Und das Theatertreffen wird nicht wie im vergangenen Jubiläumsjahr selber feiern, sondern noch einmal einem bemerkenswerten, vielgeliebten und verehrten Theatermenschen huldigen, der sich Ende Oktober letzten Jahres für immer von der Bühne verabschiedet hat. Dimiter Gotscheff verstarb unerwartet und mit 70 Jahren, ähnlich wie sein großes Vorbild Heiner Müller, viel zu früh. Die Berliner Festspiele richten noch einmal den Fokus auf dem großen Theatergrübler Gotscheff. Der Regisseur ist fünfmal mit seinen Inszenierungen zum Theaterreffen eingeladen worden. Bunt ist die Palette der Autoren. Darunter Strindberg am Schauspiel Köln, Koltès und Tschechow an der Berliner Volksbühne, und Molière am Thalia Theater Hamburg. Zumeist standen dabei die Schauspieler der mit ihm kreativ verbandelten, sogenannten Gotscheff-Familie auf der Bühne.

    Und sie waren allesamt gekommen, um ihr Oberhaupt noch einmal hochleben zu lassen. Den „Nagel“ des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, den er als TT-Trophäe gestiftet hatte (ein in Bronze gegossener Armierungsstahl aus den eingestürzten Gebäuden des großen Erdebebens in der Provinz Sichuan), bekam dann auch nicht der Intendant des Residenztheaters Martin Kušej, sondern Gotscheffs Witwe Almut Zilcher. Sie gab den sofort liebevoll „Totschläger“ genannten Preis als Wanderpokal ans Ensemble weiter, das den Wurm ja dann auch durchaus weiter zersägen könne.

    Alexander Kluge - Foto: St. B.
    Alexander KlugeFoto: St. B.

    Vor der Aufführung der Eröffnungsinzenierung von Heiner Müllers Stück Zement ergriff der Autor und Filmemacher Alexander Kluge das Wort. Müllers Texte bezeichnet der langjährige Chronist seiner mit dem Berliner Dramtiker geführten Gespräche als den Einbruch der Wirklichkeit in das Theater, als Ort für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Müller und sein Regisseur Gotscheff lassen die Toten der Geschichte darin sprechen. Und daher fehlen sie auch dem Theater heute, das der Indendant der Berliner Festpiele Thomas Oberender zuvor noch als ein Medium der Morgenröte bezeichnet hatte. Die beiden schmerzlichst Vermissten müssten weiter neue Stücke schreiben und inszenieren. Ein fast schon verzweifelter Anruf der Toten.

    Mit dem von ihm verehrten und meistinszenierten Autor Heiner Müller ist Dimiter Gotscheff bisher noch nie zum Theatertreffen eingeladen worden. Der Zufall will es nun, dass seine allerletzte Arbeit ausgerechnet auch seine jüngste Auseinandersetzung mit seinem Leib- und Magenautor war. Für das Residenztheaters München inszenierte Gotscheff im Mai 2013 Heiner Müllers nachrevolutionäres, russisches Revolutionsdrama Zement. Zur entfernten Verwandtschaft in München zählen nicht erst seit gestern auch Valery Tscheplanowa, Bibiana Beglau und Sebastian Blomberg. Sie bilden hier die Gotscheff-Kernfamilie, die in diesem Fall auch die in Heiner Müllers Bühnenadaption des 1925 erschienenen Romans von Fjodor Gladkow aus der Zeit der jungen Sowjetmacht ist.

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    Der heimgekehrte rote Bürgerkriegsheld und Schlosser Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg) hat schwer an seiner Vergangenheit und an neuen Steinen, die ihm verschiedentlich durch die Vertreter der alten und neuen Macht in den Weg gelegt werden, zu tragen. Er soll die kaputte Zementfabrik wieder einer fruchtbaren Produktion zuführen. Über die hat sich der Rost der unproduktiven Jahre gelegt, und die Hallen sind von den Bauern für ihre Ziegen und Schafe geleert worden. Es regiert der Bauch. Seine einst liebende Frau Dascha (Bibiana Beglau) hat sich in einen Eisblock verwandelt. Das Kind ist im Heim, das Haus kalt und leer. Brotrationen gibt es nur für Registrierte. Daschas neues Zuhause ist das Exekutivkomitee und die Organisation der Frauen im Dorf. Sie lebt nur noch für die Idee, die auch körperlich ganz in sie gedrungen ist. Auf Glebs staubigem Soldatenmantel werden hart die neuen Regeln des Zusammenlebens verhandelt. Wer fragt das Pferd, wann es geritten werden will? tönt der Mann. Wenn du frierst heiz dich mit Arbeit, erwidert die Wissende. Die Privilegien, Krieger sind abgeschafft. Der Tod ist für alle. Gleb wird Daschas bitteres Geheimnis noch erfahren.

    ZEMENT/Residenztheater München Foto © Armin Smailovic
    ZEMENT/Residenztheater München
    Foto © Armin Smailovic

    Die Bühne ist ein schräges, graues Quadrat, das sich in die Senkrechte heben lässt. Die Toten war­ten auf der Gegenschräge / Manchmal hal­ten sie eine Hand ins Licht / Als leb­ten sie. Bis sie sich ganz zurück­zie­hen / In ihr gewohn­tes Dunkel das uns blen­det. Diese Zeilen von Heiner Müller, werden hier ganz Bild. Wie Schatten aus vergangenen Tagen zeichnen sich die Reste eines antiken Mosaiks auf dem Bühnenboden ab, die auch die Schatten von Fundamenthülsen für einen Neuaufbau sein könnten. Ein mythologisches Fundament auf den Knochen der Toten. Man muss die Toten ausgraben wieder und wieder. Zu Beginn klingt die Stimme Dimiter Gotscheff mit Worten aus Heiner Müllers Langgedicht Mommsens Block vom Band aus dem Off.

    Die weiß gekalkten Müller’schen Toten werden hier von zwölf Studierenden der Otto-Falckenberg-Schule und der Theaterakademie August Everding in aschgrauen Kleidern und Masken dargestellt. Sie umringen lauernd die Bühnenschräge, turnen darüber oder stampfen darauf im Takt der Kommandos von Gleb Tschumalow beim Bau des Zementwerks. Kalk und Asche erzählen von Unterdrückung und Revolution, Sieg, Niederlage und Tod. Njurka, das später im Heim verhungerte Kind der Tschumalows dient Gotscheff als Vermittler zwischen den Lebenden und Toten. Er stellt die Figur, die bei Müller nur in den Dialogen der Eltern vorkommt, ins Zentrum seiner Inszenierung. Valery Tscheplanowa spricht die mythologischen Kommentartexte von Herakles, der Hydra und der Befreiung des Prometheus. Sie bricht Müllers pathetische Sprache aber auch immer wieder mit russischen Liedern auf. Was für den sonst ziemlich werktreu arbeitenden Regisseur Gotscheff sicher einen Bruch mit Müllers Anweisung, die Kommentare nicht von den handelnden Personen zu trennen, bedeuten musste, ist aber letztendlich ein Glück für seine Inszenierung.

    Überhaupt ist dies eine großartige Ensembleleistung geworden. Als hätten sich alle noch einmal für ihren Regisseur in Zeug geworfen. Sei es Aurel Manthei als aasiger Vorsitzender Badjin, Glebs Gegenspieler, oder Paul Wolff-Plottegg als Ingenieur Kleist, der ihn einst verriet und dessen Kopf er nun für den Wiederaufbau braucht. Bedrückend die Szene in der Simon Werdelis als junger Makar einverstanden mit seiner Erschießung in den Tod geht und dabei noch einmal das frisch gelernte Alphabet aufsagt. Um dann wenig später wieder als wahnwitziger weißer Offizier Dimitri Iwagin über die Bühne zu irrlichtern. Nicht zu vergessen natürlich Genija Rykova als Polja Mechowa und Lukas Turtur als Sergej Iwagin, das zweite idealistische Revolutionspärchen, für das es nach den großen Parteisäuberungen nicht gut aussieht. „Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen. Der Aufstand der Toten wird der Krieg der Landschaften sein.“ Gotscheff bringt hier zum Schluss noch einmal Müllers Text aus dem Auftrag ins Spiel. Ein nun doppeltes Vermächtnis.

    ZEMENT/Residenztheater München Foto © Armin Smailovic
    ZEMENT/Residenztheater München
    Foto © Armin Smailovic

    Sei es nun Zufall oder nicht, das Residenztheater ist gleich mit noch einer Inszenierung, die neben dem Romanautor Louis-Ferdinand Célineauch wieder ausführlich Heiner Müllers Auftrag zitiert, beim Theatertreffen vertreten. Volksbühnenchef Frank Castorf auf Abwegen in München hat mit Reise ans Ende der Nacht nun ein Heimspiel in Berlin. In seinem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wird es auch am 5. Mai ein Wiedersehen mit Dimiter Gotscheffs Tschechow-Inszenierung Iwanow geben. Das Deutsche Theater, leider wiedermal ohne Einladung zum TT, ist seit Jahren Gotscheffs künstlerische Heimat. Am 4. Mai ist hier seine schelmische Heiner-Müller-Verdichtung Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten / Mommsens Block zu sehen und am 9. Mai dann den damals von der Theatertreffen-Jury verschmähten, mittlerweile legendären Run von Samuel Finzi und Wolfram Koch um eine Wand in Aischylos‘ Persern. Komplettiert wird der Fokus zu Ehren Dimiter Gotscheffs am 4. Mai mit dem Filmportrait Homo ludens im Deutschen Theater, einer Ausstellung im oberen Foyer des Berliner Festspielhauses und einer Party mit Mitkos Liedern im Anschluss an die Zementvorstellung am 3. Mai.

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    Zement
    von Heiner Müller
    Regie: Dimiter Gotscheff
    Bühne und Kostüme: Ezio Toffolutti
    Musik: Sandy Lopićić
    Licht: Gerrit Jurda
    Dramaturgie: Andrea Koschwitz

    Mit:
    Valery Tscheplanowa… Njurka
    Sebastian Blomberg… Gleb Tschumalow
    Bibiana Beglau… Dascha Tschumalowa
    Aurel Manthei… Badjin
    Lukas Turtur… Sergej Iwagin
    Genija Rykova… Polja Mechowa
    Paul Wolff-Plottegg… Kleist
    Götz Argus… Tschibis
    Simon Werdelis… Makar, Dimitri Iwagin

    Chor:
    Lena Eikenbusch
    Konstanze Fischer
    Daniel Gawlowski
    Jonas Grundner-Culemann
    Thomas Hauser
    Simon Heinle
    Ines Hollinger
    Lukas Hupfeld
    Johanna Küsters
    Judith Neumann
    Klara Pfeiffer
    Philipp Reinhardt
    Anna Sophie Schindler

    Premiere am Residenztheater war am 05. Mai 2013
    Vorstellungsdauer: ca. 3 Stunden 15 min., eine Pause

    Termine beim Theatertreffen:
    Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
    FR 02.05.2014, 19:30 & SA 03.05.2014, 18:00

    weitere Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/zement

    Das TT-Logo der Berliner Festspiele - Foto: St. B.
    Das TT-Logo der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

    Die weiteren eingeladenen Inszenierungen:

    Amphitryon und sein Doppelgänger
    Schauspielhaus Zürich
    Deutsches Theater Berlin
    SA 03. & SO 04.05.2014, 19:30

    Onkel Wanja
    Schauspiel Stuttgart
    Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
    MO 05. & DI 06.05.2014, 19:30

    Fegefeuer in Ingolstadt
    Münchner Kammerspiele
    Hebbel am Ufer / HAU1
    MI 07.05.2014, 20:00 & DO 08.05.2014, 16:30 & 20:00

    Reise ans Ende der Nacht
    Residenztheater, München
    Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
    DO 08.05.2014, 19:00 & FR 09.05.2014, 18:00

    tauberbach
    Münchner Kammerspiele / les ballets C de la B, Gent / NT Gent
    Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
    SA 10.05.2014, 19:30 & SO 11.05.2014, 18:00

    Die letzten Zeugen
    Burgtheater, Wien
    Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
    DI 13.05.2014, 19:00 / MI 14. & DO 15.05.2014, 19:30

    Ohne Titel Nr. 1 // Eine Oper von Herb…
    Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
    Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
    MI 14. & DO 15.05.2014, 19:30

    Die Geschichte von Kaspar Hauser
    Schauspielhaus Zürich
    Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
    SA 17. & SO 18.05.2014, 19:30

    Situation Rooms
    Rimini Apparat / Ruhrtriennale
    Kann aus terminlichen Gründen nicht gezeigt werden
    Am Berliner HAU wieder im Dezember 2014

    Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/theatertreffen/ueber_festival_tt/aktuell_tt/start.php

    Zuerst erschienen am 30.04. 2014 auf Kultura-Extra.

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  • Die Balzac-Trilogie der Berliner Volksbühne ist vollendet. Martin Wuttke führt „‚amour“ nach Honoré de Balzac auf.

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    Nach dem Komödiendichter Molière in der letzten Spielzeit haben sich das Dreigestirn der Berliner Volksbühne Frank Castorf, René Pollesch und Martin Wuttke, nun dem französischen Romancier des 19. Jahrhunderts Honoré de Balzac zugewandt. Es ist wieder eine Trilogie geworden.

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    Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Foto: St. B.
    Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
    Foto: St. B.

    Den Anfang machte diesmal im September René Pollesch mit Balzacs Glanz und Elend der Kurtisanen. Allerdings bediente sich der Diskurskünstler hier lediglich des Titels und einiger der Figuren aus dem großen Epos über die Verruchtheit der Pariser Gesellschaft. Bereits in seiner etwas untergegangenen, aber deswegen nicht uninteressanten Inszenierung Der General hatte Pollesch so etwas wie eine kritisch, ironische Betrachtung des Bühnenraums abgeliefert. Mit Glanz und Elend… schließt er da nun fast nahtlos an. Den leeren Raum mit Möglichkeiten füllen, das ist wohl eine der Grundideen von Theater. Ideen, die bei Pollesch immer auch gleich durch den Möglichkeitsdiskurswolf gedreht werden. Leben, Liebe, Tod – bei Balzac kommt notwendigerweise noch das Geld hinzu – wie geht das zusammen? Der Vergleich der realen Räume von Heterotopien als Kompensationsräume für die Illusion einer fast schon obsoleten Utopie. Der Theaterraum als Möglichkeit einer Illusion oder Utopie? Bei Pollesch alles eine Frage der Betrachtungsweise.

    Mehr noch als bei Molières Don Juan (dem immer verfügbaren Lover) ist das Bordell als Heterotopie auch bei Balzacs Kurtisanen Zentrum der Illusion bürgerlichen Verlangens. Für Liebesdienste muss jedoch bezahlt werden. Die Sehnsucht nach dem großen Gefühl gestaffelt nach den Möglichkeiten des Geldbeutels. Bei Pollesch ist das Gefühl und hier im Speziellen die Schönheit der Geste aber eine Frage des Glaubens. Die Liebe ohne Glauben gibt es für ihn nicht. Sie ist die Eintrittskarte zu all dem wofür wir stehen. Die große Geste ist laut Pollesch heute weitestgehend aus dem öffentlichen Raum verbannt in die Oper, oder besser noch Soup-Opera. Er inszeniert das als große Revue mit seinen Glanzstars Martin Wuttke und Birgit Minichmayr aus Wien auf leerer Bühne vor Glitzervorhang von Bert Neumann. Körperliche und verbale Turnübungen zu Musik. Irgendwann hebt die Blasen und Kobolz schlagende Diskurswolke einfach mit einem Heißluftballon ab. BAL-ZAC steht darauf – ein Knüller. Der Möglichkeitsraum Theater entleert sich. Der öffentliche Raum bleibt demnach ebenso leer, wie die Menschen allein bleiben, auch wenn sie zusammen sind. Die Wahrheit ist nicht zu gebrauchen, nur die Lüge ist kontextfrei, wie es bei Pollesch heißt. Was einer kleinen Bankrotterklärung für das Theater gleich käme.

    Volksbühne_Glanz und Elend der Kurtisanen Foto: St. B.

    Glanz und Elend der Kurtisanen
    nach Honoré de Balzac

    Regie: René Pollesch
    Bühne : Bert Neumann
    Kostüme: Tabea Braun
    Licht: Lothar Baumgarte
    Dramaturgie: Anna Heesen

    Mit: Franz Beil, Christine Groß, Birgit Minichmayr, Trystan Pütter und Martin Wuttke

    Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

    Nächste Termine:
    So 01.06.14

    Weitere Informationen: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/glanz_und_elend_der_kurtisanen/

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    Liebe und Ökonomie ist dann das große Thema in Frank Castorfs Inszenierung des Balzac-Romans La Cousine Bette (dt. Tante Lisbeth). Dem Chef der Volksbühne fiehl im Dezember 2013 wie schon bei Molières Der Geizige der monetäre Teil der Trilogie zu.

    Honoré Balzac, Daguerreotypie von Louis-Auguste Bisson, 1842
    Honoré Balzac, Daguerreotypie von Louis-Auguste Bisson, 1842

    „Balzacs Romane spielen zum überwiegenden Teil in der Zeit zwischen den beiden Revolutionen von 1830 und 1848, in der Zeit der »bürgerlichen Monarchie« des Königs Louis Philippe. Das französische Großbürgertum ist bereits unumschränkter Beherrscher des Landes; das eigentliche Schicksal der Nation wird an den Pariser Banken entschieden. Bestechung, Spekulation und die moralische Entwürdigung des Menschen kennzeichnen das Leben in den herrschenden Schichten – so wie es fast an allen Hauptfiguren in »Tante Lisbeth« deutlich wird.“ Rolf Schneider im Vorwort zur Ausgabe des Aufbau Verlags 1956

    Besagte Cousine Bette (Jeanne Balibar) ist eine verarmte, alleinstehende Dame mittleren Alters, die sich an der Familie ihrer Schwester Adeline Hulot (Kathrin Angerer) rächen will. Dafür benutzt sie die Kurtisane Valérie Marneffe (Claire Sermonne), der die Männer der Familie der Reihe nach erliegen und sich ruinieren. Zuerst der Lebemann Baron Hulot (Alexander Scheer) und später auch noch der von Bette auf dem Dachboden entdeckte, bisher erfolglose polnische Maler Wenceslas Steinbock (Maximilian Brauer), der aus Geldgier die Tochter der Hulots Hortense (Lilith Stangenberg) heiratet und nicht auf die Avancen Bettes eingeht.

    Balzacs weit ausschweifendes Gesellschaftsportrait walzt Frank Castorf dann auch auf fast fünf Stunden lustvolles wie nervenaufreibendes Theater aus. Wie immer verfolgt er die Figuren mit der intimen Kamera bis in den hintersten Winkel, der von Bert Neumann sparsam gestalteten dunklen Drehbühne, stellt ihr Spiel auf der Videoleinwand aus und lässt sie schreiend und schwitzend über die Szenerie eines puffartigen Asia Imbiss irrlichtern. Schon zu Beginn strapaziert Castorf Nerven und Lachmuskeln des Publikums gleichermaßen mit einem minutenlangen Disput am Kaminfeuer zwischen dem Parfümfabrikanten Crevel (ein rheinisch parlierender Marc Hosmann mit umgeschnalltem Wohlstandsbauch) und der biederen Gattin Hulots über die Käuflichkeit von Glück und Gefühlen. Wir sehen weiterhin Alexander Scheer auf fröhlicher Bühnenkamikazetour, eine wunderbar nölige Lilith Stangenberg als Girlie Hortense und die großartige Jeanne Balibar sich in langsam drohendem Wahnsinn drehend, gefangen in ihrem eigenen Intrigengeflecht. Der rote Faden ist hier sehr locker gestrickt.

    Die Handlung bleibt dabei in weiten Teilen nachvollziehbar, wird jedoch wie bei Castorf üblich auch immer wieder mit Fremdtexteinlagen vom „Dachboden der Weltliteratur“ angereichert. Dafür ist hier vor allem Volksbühnen-Tausendsassa Bernhard Schütz in den verschiedensten Rollen, auch mal geblackfaced oder mit den Blut-und-Rasse-Hasstriaden auf die Renegaten der Weltrevolution des französischen Literaten und neuer Castorf-Entdeckung Celine, zuständig. Ein fast schon forensischer Blick auf die Welt, womit die Inszenierung einer wirklichen Comédie Humaine wesentlich näher ist, als René Polleschs immer wiederkehrende Diskursschleifen. Zum Schluss will die sichtlich gealterte Balzac-Bagage einfach nicht mehr aufhören und bemüht singend das Illusionstierchen vom Dienst, Paulchen Panther, und witzelt wie die Muppetsgrantler Waldorf und Statler. Wer hat an der Uhr gedreht… in der Volksbühne ist es wieder mal spät geworden. Nur abtreten will hier keiner.

    La Cousine Bette
    nach Honoré de Balzac

    Regie: Frank Castorf
    Bühne: Bert Neumann
    Kostüme: Tabea Braun
    Licht: Lothar Baumgarte
    Kamera: Andreas Deinert, Mathias Klütz, Adrien Lamande
    Live-Schnitt: Jens Crull
    Musikalische Konzeption: Wolfgang Urzendowsky
    Dramaturgie: Sebastian Kaiser

    Mit: Jeanne Balibar (Tante Lisbeth), Alexander Scheer (Baron Hector Hulot d’Ervy), Kathrin Angerer (Baronin Adeline Hulot d’Ervy), Marc Hosemann (Célestin Crevel), Claire Sermonne (Valérie Marneffe), Bernhard Schütz (Jean-Paul-Stanislas Marneffe, Baron H. Montès de Montéjanos & Mme. de Saint-Estève alias Nourrisson), Lilith Stangenberg (Hortense Hulot d’Ervy), Maximilian Brauer (Comte Wenceslas Steinbock) und Noa Niv (Josépha Mirah)

    Dauer: ca. 5 Stunden, eine Pause

    Nächste Termine:
    Sa 03.05.14

    Weitere Informationen: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/la_cousine_bette/

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    Lange vor der Premiere schon konnte man darüber rätseln, was denn Schauspieler Martin Wuttke zur Balzac-Trilogie der Berliner Volksbühne beitragen würde. Es sollte wieder um Glanz und Elend der Kurtisanen gehen, den 1846 erschienenen 4teiligen Großroman des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac, an dem er rund 13 Jahre gearbeitet hatte. Als Teil seines Mammut-Projekts der Comédie Humaine schuf Balzac hier ein detailliertes Zeit- und Sittengemälde der Pariser Gesellschaft aller Schichten. Der Titel Trompe l’amour spielt einerseits thematisch auf die im Roman beschriebene trügerische Welt der Liebe an und andererseits auf eine der Hauptfiguren, die durch mehrere Romane der Comédie Humaine hindurch immer wieder unter anderen Namen und Pseudonymen auftritt. Der entlaufene Sträfling Vautrin alias Jacques Collin alias Abbé Carlos Herrera, auch Trompe-la-Mort genannt, zieht geschickt im Hintergrund die Fäden, um mittels von ihm protegierten jungen Männern Einfluss in den höheren Pariser Kreisen zu erlangen.

    Martin Wuttke, 2011 © Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)
    Martin Wuttke, 2011 © Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

    Diesen geschickten Täuscher und Wanderer zwischen den Identitäten also wollte Martin Wuttke nun spielen, wie er noch kurz vor der Premiere in einem Interview dem Berliner Stadtmagazin zitty mitteilte. Daraus ist leider nichts geworden. Wuttkes Name ist in der Aufzählung der Darsteller im Programmheft überklebt, bei der Regie soll ihm Hausherr Frank Castorf helfend unter die Arme gegriffen haben. Der Wanderer zwischen den Theaterwelten Wien und Berlin fühlte sich der Doppel- bzw. Dreifachbelastung von andauernden Reisen, Schauspiel und Regie nicht mehr gewachsen. Es hätte seine Rolle werden können.

    So sehen wir nun in der Volksbühne Schauspielkollegen Jean Chaize in einer Sparvariante des Abbé Herrera, das Textbuch immer in Griffweite. Gespart hat man auch am Bühnenbild, wie schon bei der Molière-Trilogie ist die Grundidee eines übergreifenden Gestaltungsmerkmals beibehalten worden. War es da ein hausähnliches Lattengerüst mit Vanitas-Motiv, hängt Bert Neumann hier nun wie bereits in Glanz und Elend der Kurtisanen (Regie: René Pollesch) und La Cousine Bette (Regie Frank Castorf) einen glitzernden Lamettavorhang an die Bühnenwände.

    Zu Beginn wird eine Kutsche auf die Bühne gezogen, und es spult sich zunächst minutenlang der Handel des Bankiers Baron von Nucingen (Hendrik Arnst) um die Kurtisane Esther (Britta Hammelstein, letztes Jahr noch am Maxim Gorki Theater, nun Leihgabe des Residenztheaters München) ab. Nucingen will Liebe, und wer lieben will, muss hier erst mal zahlen. Er will die Katze nicht im Sack, bekommt aber gegen Aufgeld auch noch die Kammerzofe Eugenie (Jasna Fritzi Bauer, ein Mitbringsel Wuttkes vom Wiener Burgtheater) und die Köchin Asien (Jeanne Balibar, bereits als grandiose Cousine Bette bei Frank Castorf zu sehen) im Doppelpack dazu.

    Es ist etwas schwer zu folgen, da Rollenzuschreibungen und Kostüme ständig wechseln. Wer den Roman nicht kennt, könnte hier leicht Probleme bekommen. So verdoppelt sich der Liebhaber Esthers, der aufstrebende Schriftsteller Lucien von Rubempré (Maximilian Brauer), auch mal, und Esther (nun von Jasna Fritzi Bauer dargestellt) switcht zwischen Maximilian Brauer und Franz Beil hin und her. Wuttke lässt viel im Halbdunkel spielen, so wie sich die gesamte zwielichtige Story Balzacs ja auch oft in der Halbwelt des Betrügers Vautrin und seiner weiblichen Gehilfen bewegt. Dazu gibt es auf drei Videoleinwänden Einblicke vom Bühnengeschehen dahinter. Typische Volksbühnenästhetik in Bild, Sprache und Gestik. Die Handschrift Frank Castorfs ist überdeutlich.

    Lucien braucht Geld, um in die vermögenden Kreise der Pariser Gesellschaft einheiraten zu können. Abbé Herrera überredet daher Esther, den Baron von Nucingen auszunehmen, was dem Bankier auf Dauer ziemlich schwer auf die Verdauung schlägt. Das Komplott geht nicht auf. Esther bringt sich mit Gift selber um, noch bevor sie von ihrer großen Erbschaft erfährt. Der Verdacht fällt auf Lucien, der schließlich Abbé Herrera ans Messer liefert. Die Geheimpolizei ist ihm nun auf den Fersen. Noch einmal eine Pat-und-Patachon-Rolle für das männliche Gespann Maximilian Brauer und Franz Beil. Ansonsten wird auch so viel gekaspert und gekalauert.

    Der Selbstmord Esthers bildet den Höhepunkt dieser doch deutlich unter dem gewohnten Volksbühnen-Niveau rangierenden Inszenierung. Britta Hammelstein steigt auf eine flux hereingefahrene Attrappenbühne, die den großen Pariser Gaumont Palace darstellt, und setzt zum großen nicht enden wollenden Abschiedsmonolog an. Daraufhin sieht auch Maximilian Brauer als Lucien keinen Grund mehr weiterzuspielen und legt sich daneben. Als dann noch Hendrik Arnst („Mir ist auch nicht gut“) auf der Bühne umkippt, ist die Farce perfekt. Die Launen einer Frau wirken sich auf einen ganzen Staat aus, wie es bei Balzac heißt. Das Kartenhaus aus Erpressung und Korruption in Adel, Bürgertum und Polizei bricht zusammen, und der saubere Abbé mutiert nun geläutert selbst zum Freund und Helfer.

    Glamour, Lüge, Krise mit Balzac an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Foto: St. B.
    Glamour, Lüge und Krise mit Balzac an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
    Foto: St. B.

    Martin Wuttke wollte etwas über die Ökonomie der Gefühle und Trugbilder der Liebe erzählen, ein paar reingefummelte Fremdtexte sollen das verdeutlichen, aber das hatten René Pollesch und Frank Castorf vor ihm bereits ausführlichst erledigt. Wuttke hat sich also etwas verkalkuliert, das Spiel mit den vielen Identitäten ist auf ihn selbst zurückgeschlagen. Und so ist seine Inszenierung nicht mehr als ein Trompe-l ‚œil, eine optische Täuschung, die Tiefe vorgibt und doch auch nur an der schönen, glitzernden Oberfläche kreist. Balzac vollendet, nur eben nicht gerade in Vollendung.

    Trompe l’amour
    nach Honoré de Balzac
    Premiere vom 24.04.2014
    an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

    Regie: Martin Wuttke
    Bühne und Kostüme: Nina von Mechow
    Grundraum: Bert Neumann
    Licht: Lothar Baumgarte
    Kamera: Andreas Deinert
    Video: Jens Crull
    Ton: Christopher von Nathusius
    Dramaturgie: Anna Heesen
    Mit: Hendrik Arnst, Jeanne Balibar, Jasna Fritzi Bauer, Franz Beil, Maximilian Brauer, Jean Chaize,
    Britta Hammelstein und Martin Wuttke

    Dauer: 2 Stunden, keine Pause

    Nächste Termine:
    Fr 02.05.14 und Mi 21.05.14

    Weitere Informationen: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/trompe_lamour/?id_datum=7760

    Der Trompe-l’amour-Teil ist zuerst erschienen am 27.04.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Posen in Angst, das neue Theaterprojekt von Wenzel & Zybowski feierte Premiere im Ballhaus Ost.

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    (c) Ballhaus Ost
    (c) Ballhaus Ost

    Der 1976 im polnischen Łódź geborene Przemek Zybowski kam mit neun Jahren nach Deutschland, studierte später Medizin und machte eine Weiterbildung in der Psychoanalyse. Seit 2007 schreibt er Prosatexte und Theaterstücke. Johannes Wenzel, 1977 in Karlsruhe geboren, kam über ein Studium der Philosophie und Germanistik zum Theater. Nach mehreren Hospitanzen und Gastassistenzen führt er seit 2005 selbst Regie. Gemeinsam bilden die Beiden seit sechs Jahren ein Autor-Regie-Team. Dabei sind mittlerweile einige Theaterproduktionen in Berlin und Hamburg entstanden. Vor einem Jahr zeigten Wenzel/Zybowski im Ballhaus Ost Rom – die lange Rückkehr in den Westen, eine deutsch-polnische Geschichts- und Familienabrechnung. Ihre neue Produktion Posen in Angst hatte nun wiederum im Ballhaus Ost Premiere.

    Autor Zybowski kann man hier durchaus eine Neigung zum Phantastischen bescheinigen. Sein Stück kommt zunächst wie eine Art Science-Fiction daher, eine Dystopie auf das Onlinezeitalter. Im Jahr 2040 sind die Menschen der westlichen Welt via implantiertem Chip mit einem übergeordneten Online-Bewusstsein verbunden. Da bricht in der EU ein nicht näher beschriebener mysteriöser Online-Virus, der mit einem Gedächtnisverlust einhergeht, aus und stürzt den Westen in eine Krise. Der sich noch offline befindliche Osten wird plötzlich zum Flucht- und Sehnsuchtsort der orientierungslosen Menschen. Der Autokrat Putin dagegen hat bereits Polen und das Baltikum besetzt und steht mit der russischen Armee wiedermal an den Seelower Höhen. Zybowski nimmt mit seinem Stück die Ängste der westlichen Welt und ihre Projektionen auf den Osten aufs Korn. Der Russe kommt, und die EU droht in einem Krieg unterzugehen.

    Im Lazarettlager des zynischen Arztes Che (Andreas Nickl) in Berlin kreuzen sich die Geschichten von fünf ganz unterschiedliche Personen. Die idealistische Wissenschaftlerin Katja (Vera Löbau) sucht verzweifelt nach einem Impfstoff, dessen Träger sie in Boris (Johannes Suhm) sieht, der auf der Flucht nach Posen zum alten Landsitz derer von Bonin ist. Im Gepäck hat er die alten Germania Möbel, die die Gräfin von Bonin einst auf ihrer Flucht vor den Russen nach Berlin im Brandenburgischen vergraben hatte sowie die Jüdin Rebekka (Lale Yavas) und deren Mutter Martha (Michaela Hinnenthal), die eigentlich auf dem Weg nach Jerusalem waren. Boris steht nun zwischen seiner Liebe zu Rebekka und Katjas Drängen aus seiner DNA, die mehr einem Tier als einem Maschinenmenschen gleicht, und dem Extrakt der Germania Möbel, als Träger von Erinnerungen, den erforderlichen Impfstoff zu gewinnen.

    Klingt das auch irgendwie ziemlich verrückt, so hat es doch Methode. Zybowski mixt geschickt kaum verständliche wissenschaftliche Details, biblische und jüdische Mystik mit Daten und Ereignissen aus der europäischen Geschichte und Gegenwart. Während man im Inneren über die Rettung der Onlinewelt philosophiert, lässt der Arzt Che die Infizierten, die das Lazarett wie die rettende Arche Noah der Online-Zivilisation belagern, immer wieder durch Schlägertrupps in die Quarantänestation nach Tempelhof bringen. Seine Gedanken vertraut der Arzt seinem persönlichen Logbuch an. Michaela Hinnenthal ist hier in einer schönen Doppelrolle als verfremdete Computerstimme (HAL aus Kubricks 2001 lässt grüßen) und Orakel Martha zu sehen. Sie sieht in Boris einen neuen Zaddik, einen Gerechten zur Rettung des jüdischen Volks.

    Posen in Angst im Ballhaus Ost. Bettler 2006 (c) Philip Wiegard
    Posen in Angst im Ballhaus Ost. Bettler 2006  (c) Philip Wiegard

    Zybowskis Stück ist durchaus auch als politische Satire zu verstehen. So hält Boris wie in Trance einen hochkomischen Monolog über das Zustandekommen des polnischen EU-Beitritts, den der trinkfeste und hitzeresistente Helmut Kohl Boris Jelzin und Michail Gorbatschow in der Sauna abgerungen hat. Eva Löbau darf dann noch einmal in einem verzweifelten Aufruf an die Vernunft und Freiheit des Online-Individuums brillieren. Da aber ist der Versuch einer Therapie des Online-Bewusstseins bereits gescheitert, und das einerseits befürchtete wie anderseits erhoffte Offlineloch hat sich aufgetan. Offline ist Tabula Rasa, wie Katja prophezeit, es herrscht Maschinendämmerung. Die Gruppe steht den sich neu auftuenden Möglichkeiten am Ende doch noch etwas ratlos gegenüber.

    In Przemek Zybowski Text geht es immer wieder um Erinnerungen, kollektive wie individuelle, und deren Verlust. Amnesie folgt Amnestie und umgekehrt. Wer oder was bestimmt unsere Erinnerung? Und was tragen kollektive Erfahrungen und einzelne Biografien dazu bei? In der Stadt Berlin, die immer auch ein Tor zum Osten war, treffen nach wie vor die verschiedensten Geschichten, Werte und Erfahrungen aufeinander. Andererseits enthält das Stück auch eine Zivilisations- und Technikkritik. Der moderne Mensch hat sein Gedächtnis längst an Maschinen abgegeben, die er nicht mehr kontrollieren kann, die ihn aber umso kontrollierbarer machen.

    Gebrochen wird Zybowkis schier überbordender Text immer wieder mit den melodiösen Synthie-Pop-Balladen des Musikers Friedrich Greiling (Mittekill), die das Stück thematisch gut ergänzen. Gespielt wird vor einer Art Eiszeitkulisse, die mit Installationen und Fabelwesen der bildenden Künstler Tobias Yves Zintel und Philip Wiegard bevölkert sind. Ein etwas mutigerer Eingriff des Regisseurs Johannes Wenzel und ein paar Striche mehr hätten dem ca. 1 3/4 Stunden dauernden Abend sicher auch gut getan. Wenzel nimmt den Text aber sehr ernst und vermeidet so eine Überironisierung der Geschichte.

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    POSEN IN ANGST
    Text PRZEMEK ZYBOWSKI
    Regie JOHANNES WENZEL
    Art Direction TOBIAS YVES ZINTEL
    Musik FRIEDRICH GREILING
    Produktionsassistenz / Musikdramaturgie MONICA SUTEU
    Regiehospitanz PATRICK SCHNEIDER
    Bühnenbildassistenz MICK KLOECKER
    Technische Leitung VOLKER M. SCHMIDT
    Produktionsleitung TINA PFURR / BALLHAUS OST
    mit MICHAELA HINNENTHAL, EVA LÖBAU, ANDREAS NICKL, JOHANNES SUHM, LALE YAVAS

    mit Kunstwerken von PHILIP WIEGARD und TOBIAS YVES ZINTEL
    EINE PRODUKTION VON WENZEL & ZYBOWSKI IN KOOPERATION MIT DEM BALLHAUS OST UND DEM TEATR NOWY POZNAN
    PREMIERE 25. APRIL im Ballhaus Ost
    WEITERE VORSTELLUNGEN 28. APRIL UND 03. MAI

    Weitere Informationen: http://ballhausost.de/index.php?article609&sub=20

    Zuerst erschienen am 27.04.2014 auf Kultura-Extra.

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  • 450 Jahre Shakespeare in München – Hamlet im Deutschen Theatermuseum und Ophelia an den Kammerspielen.

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    Hamlet – Tell My Story! Eine Ausstellung zu William Shakespeares bekanntester Tragödie im Deutschen Theatermuseum München

    William Shakespeare (1564-1616) englischer Dichter.Bedeutendster Dramatiker der Weltliteratur
    William Shakespeare (1564-1616) englischer Dichter. Bedeutendster Dramatiker der Weltliteratur

    Vor 450 Jahren wurde der englische Dichter und Dramatiker William Shakespeare geboren. Wann genau, da streiten sich noch die Gelehrten. Als sicher gilt sein Taufdatum, der 26. April 1564. Allemal Grund genug für ein Shakespeare-Jahr. Nur dass man davon noch nicht allzu viel merkt, gilt Shakespeare doch ehedem landauf, landab als meistgespielter Bühnenautor. Was den Erfolg seiner Stücke ausmacht, ist mit Sicherheit ihr universeller, fast zeitloser Charakter, der in bildreicher Sprache und atmosphärisch aufgeladener Stimmung immer wieder Menschen unterschiedlichster Stellungen, Machtverhältnisse und Charaktere in Beziehung zueinander setzt. Diese unglaubliche Palette an Spiegelungs- und Gestaltungsmöglichkeiten hat das Interesse der Theaterzuschauer wie -macher gleichermaßen nie erkalten lassen. Oder wie es Professor Dr. Wolfgang Clemen, Ordinarius für Anglistik an der Universität München, für das Shakespeare-Jahr 1964 treffend formulierte:

    „Sehen wir ein Stück von Shakespeare, so treten wir für Stunden in eine Welt ein, deren eigene Gesetze wir widerspruchslos akzeptieren. Wir unterliegen völlig der Illusion dieses Spiels, von dem wir zwar wissen, daß es ein Spiel ist, das uns aber trotz aller seiner Unwahrscheinlichkeiten durch seine innere Wahrheit unmittelbar berührt.“ (DIE ZEIT v. 17.04.1964)

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    Der wohl bekanntesten Dramengestalt Shakespeares, dem Hamlet, widmet das Deutsche Theatermuseum München noch bis zum 22. Juni sogar eine ganze Ausstellung. Ähnlich wie die Geburt Shakespeares ist auch die Entstehungszeit der Tragödie des dänischen Prinzen nicht endgültig geklärt. Bereits vor 1600 könnte eine Urfassung des Hamlets in London bekannt gewesen sein. Der Stoff geht auf eine mittelalterliche nordische Erzählung zurück. Mit eingeflossen sein könnten auch antike griechische und römische Sagenstoffe sowie italienische und spanische Rachetragödien aus der Zeit der Renaissance. Die um etwa 1601 bis 1603 von Shakespeare geschriebene endgültige Fassung der tragischen Geschichte des Hamlet, Prinz von Dänemark ist aber mit Sicherheit neben Romeo und Julia das wohl berühmteste Drama des Dichters. Dass man dem Hamlet im Frankreich des 18. Jahrhunderts auch mal ein Happy End andichtete, trug nur zur weiteren Popularität des Stückes auf dem europäischen Kontinent bei.

    Erstmals 1762-66 von Christoph Martin Wieland ins Deutsche übertragen, setzte Shakespeares Hamlet spätestens in der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel (ab 1797) zu seinem Siegeszug in Deutschland an und ist neben den Werken von Goethe und Schiller aus den Schulbüchern und von den deutschsprachigen Bühnen nicht mehr wegzudenken. Befragt man etwa wahllos Passanten, wie es Münchner Studenten der Theaterwissenschaften für ein Shakespeare-Seminars auf dem Odeonsplatz unweit des Deutschen Theatermuseums getan haben, wer denn dieser Hamlet wohl sei, dann bekommen doch zumindest die meisten den dänischen Prinzen noch irgendwie mit seinem Autor Shakespeare zusammen. Die Handlung des Stücks in fünf Worte zu fassen, fällt dagegen schon bedeutend schwerer. Erst die Frage nach einem typischen Zitat und der erkennenden Geste zeigt, was sich vom Hamlet ins Gedächtnis der Deutschen tatsächlich eingebrannt hat. Auch wenn beides nicht unmittelbar zusammengehört, eindeutiges Erkennungsmerkmal des großen Zauderers sind der versonnene Blick, gerichtet auf den Schädel Yoricks und die Anfangsworte des wohl bekanntesten Theatermonologs „Sein oder Nichtsein…“.

    Hamlet_Theatermuseum München4
    Foto: St. B.

    Ganze 13.700.000 Treffer erzielt man beim Googeln des Namens Hamlet. Das Internet bietet mit Sicherheit einiges an Wissen. Jedoch wird die Vielzahl der Angebote den Suchenden auch immer verwirren. Mit Hamlet – Tell My Story versuchen nun die Kuratoren dieser detailreichen und dennoch übersichtlich gestalteten Ausstellung dem interessierten Theaterliebhaber Handlung und Rezeptionsgeschichte der Shakespeare’schen Tragödie wieder etwas näher zu bringen. Man kann natürlich die umfangreiche Story, wie humorvolle junge Comicautoren, in wenigen Szenenbildern mit kurzen Sprechblasen zusammenfassen. Die Ausstellung bedient sich dann auch einiger richtungsweisender Schlagworte aus dem Stück, um den Handlungsverlauf thematisch gegliedert wiederzugeben. In Bild und Texttafeln zu Zitaten wie „Dem Sohn mehr Onkel als dem Neffen Vater“ über „Die Zeit ist aus den Fugen“, „Das Schauspiel ist die Zange“ oder „Jetzt könnt ich’s tun“ bis zu „Der Rest ist Schweigen“ erfährt man dann aber einiges mehr über die Isolation des jungen Prinzen in der Gesellschaft des dänischen Königshofs, den Rache-Auftrag, den Hamlet vom Geist des Vater erhält, dem Stück im Stück (Die Mausefalle), das den Vatermörder Claudius entlarven soll und natürlich psychologische Deutungsversuche wie Freuds Ödipus-Theorie implizierte. In den acht großen Monologen des Hamlet, die hier zusammengefasst sind, stecken viel Symbolik, Philosophisches wie auch Überlegungen zu Macht und Politik.

    Neben der Aufführungsgeschichte der Tragödie, dem deutschen Theater, der Bühnenraumgestaltung und den verschiedenen Interpretationen durch die Epochen hindurch interessieren natürlich am meisten die Figur des Hamlets selbst wie auch ihre Besetzung. Traum- und Angstrolle jedes großen Mimen. Und hier ist die Riege der deutschsprachigen Darsteller lang und prominent besetzt. Eine Bildergalerie zeigt bekannte Schauspieler und natürlich auch Schauspielerinnen – die Rolle weiblich zu besetzen, ist durchaus kein Regieeinfall der Neuzeit – in Kostüm und Rollenpose. Hier sind vor allem zu erwähnen Josef Kainz, Sarah Bernhardt, Alexander Moissi, Adele Sandrock, Fritz Kortner, Gustaf Gründgens, Maximilian Schell, Bernhardt Minetti, Will Quadflieg, Klaus Kinski, Bruno Ganz, Ulrich Wildgruber, Klaus Maria Brandauer, Ulrich Mühe, Angela Winkler, Ulrich Tukur, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff, Alexander Khuon oder Lars Eidinger etc. etc. etc. Ob jung oder alt, klein oder groß, schlank oder korpulent, Mann oder Frau, schneidig oder weinerlich, warm oder schrill. Ein Hamlet in all seinen Facetten.

    Sarah Bernhardt als Hamlet, 1899 - Foto (c) Deutsches Theatermuseum
    Sarah Bernhardt als Hamlet, 1899 – Foto (c) Deutsches Theatermuseum

    Einige der Genannten ließ der Hamlet ein Leben lang nicht mehr los. So versuchten sich z.B. Gustav Gründgens und Maximilian Schell nicht nur als Darsteller, sondern auch mehr oder minder erfolgreich in der Regie des Stücks. Die Zahl der Regisseure ist seit Beginn des Regietheater im 20. Jahrhundert mindestens ebenso lang. Die Ausstellung wartet natürlich mit einer Vorstellung der denkwürdigsten Aufführungen auf. Ein Begleitband dokumentiert die wichtigsten Inszenierungen, zu denen sicher die von Gründgens und Schell zu rechnen sind. Als revolutionär für ihre Zeit gelten aber immer noch die von Leopold Jessner aus dem Jahr 1926 (mit Fritz Kortner in der Hauptrolle) und Peter Zadeks erste Inszenierung des Hamlet 1977 (mit Ulrich Wildgruber). 1999 spielte Zadek mit fast dem gleichen Ensemble das Stück noch einmal, diesmal mit Angela Winkler in der Rolle des Dänenprinzen. Die Züricher Inszenierung in Koproduktion mit den Wiener Festwochen gastierte an der Berliner Schaubühne und war auch zum Theatertreffen 2000 eingeladen.

    Da hier vor allem der Hamlet auf dem deutschen Theater behandelt wird, wirft das irgendwann auch die Frage nach der Übersetzung auf. Im ersten Stock bietet das Theatermuseum dann auch einen eingehenden Blick in die Übersetzerwerkstatt. Neben den schon erwähnten Wieland und Schlegel haben den Hamlet in der Neuzeit auch Schriftsteller und Dramatiker wie Gerhart Hauptmann und  Erich Fried oder (in der ehemaligen DDR) Maik Hamburger für die legendäre Greifswalder Inszenierung von Adolf Dresen 1964 mit Jürgen Holtz als Hamlet oder Heiner Müller für seine Wende-Inszenierung 1990 mit Ulrich Mühe am Deutschen Theater Berlin. Unterschiede im Stil der Übersetzer, die der schwer romantisierenden Verssprache von Schlegels Übertragung ein gebräuchliches Deutsch entgegenstellen wollten, werden exemplarisch am Beispiel des „Sein oder Nichtsein“-Monologs verdeutlicht.

    „Deutschland ist Hamlet.“ verkündete 1844 der enttäuschte Dichter Ferdinand Freiligrath im biederen deutschen Vormärz. Der Satz prangt ganz oben an einer Wand im 3. Obergeschoss der Ausstellung, die mit weiteren Pressezitaten aus Politik, Sport und Boulevard geschmückt ist. Die Rezeption der Hamlet-Figur in Deutschland ist heute vielgestaltig. Hamlet ist als Pop- und Identifikationsfigur zum Mythos geworden. Seine Sätze dienen den Deutschen nur mehr als Zitatsteinbruch. Das geht sogar soweit, dass Name und Story für bestimmte Produkte wie Schuhe, Zigaretten, Schnaps, Parfüm oder sogar Haushaltsreiniger herhalten müssen. Der Mythos hat Einzug gehalten in Kochbücher, Comics, Videospiele und eine Vielzahl von Literatur- und Filmadaptionen hervorgerufen. In einer Regalwand stehen sie aufgereiht wie in einem theatralen Devotionalienschrein.

    Aufforderung des Deutschen Theatermuseums: Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    Aufforderung des Deutschen Theatermuseums:

    Hamlet spielen!

    • Knopf drücken
    • Auftritt in 20 Sekunden
    • Einen Schädel nehmen
    • Das Licht geht aus…

    Ihr Auftritt

    Bevor der Besucher sich dann endlich auf einer Bretter-Bühne, die die ganze Welt bedeutet, selbst einen Glitzerschädel greifen kann, um im Karaoke-Stil über Sinn und Unsinn des Lebens zu sinnieren, flimmern vor seinen Augen noch einmal die großen Stars und Sternchen aus Film und Fernsehunterhaltung wie Asta Nielsen, Charly Chaplin, Laurence Olivier, Mel Gibson, Angela Winkler und deklamieren noch einmal den großen Hamlet-Monolog. Die britische Komikertruppe Monty Python legte Hamlet einfach auf die Couch, die Besatzung des Raumschiffs Enterprise war auf der Suche nach dem „unentdeckten Land“ und der Schauspieler Patrick Stewart, Nachfolge-Captain Picard auf der Enterprise, hält als Gaststar der Sesamstraße ein „B ore not a B“ in seiner Hand. Bei den selbst schon zur Legende gewordenen Trickfilmfiguren der Simpsons gibt Bart den dänischen Rache-Prinzen, und in South Park spielt man einen Canadian Hamlet. „Armer Yorick“, wer könnte da schon widerstehen. „Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht.“ verkündete der britische König Cymbeline angesichts der nahenden Römer. Oder mit Hamlet zu sprechen: „Bereit sein ist alles.“

     

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    Hamlet – Tell My Story
    4.4. – 22.6.2014
    Gemeinsames  Ausstellungsprojekt des Theatermuseums Düsseldorf
    und des Deutschen Theatermuseums München zum Shakespearejahr
    Deutsches Theatermuseum München
    Galeriestr. 4a (Hofgartenarkaden)

    Katalog:
    Winrich Meiszies / Claudia Blank
    SEIN ODER NICHT SEIN.
    Hamlet auf dem deutschen Theater
    Henschel Verlag (Leipzig 2014)
    18,95 €

    weitere Infos: http://www.deutschestheatermuseum.de/

    Zuerst erschienen am 26.04.2014 auf Kultura-Extra.

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    Hamlet nacherzählt – OPHELIA nach William Shakespeare von Kristof Van Boven im Werkraum der Münchner Kammerspiele

    Die Liste der Shakespeare’schen Dramengestalten ist lang. Viele der Hauptprotagonisten wie Hamlet, Macbeth, König Lear oder Othello sind zudem titelgebend und somit namentlich nach wie vor gegenwärtig. Darüber hinaus haben es noch einige wenige Nebenfiguren als Begleiter (Horatio, Mercutio) oder Antagonisten (Jago) des Helden zu etwas mehr Ansehen gebracht. Relativ bescheiden nimmt sich dagegen der Bekanntheitsgrad der bewusst handelnden Frauenfiguren in Shakespeares Tragödien aus. Nach Julia an der Seite ihres Romeos kommt da erst mal eine ganze Weile nichts, bis wir auf Cleopatra und Cressida stoßen, die auch noch in Stücktiteln verewigt sind, oder den aufbegehrenden Töchtern wie Portia und Cordelia. Zu guter Letzt bleiben noch die einfach nur tragisch und still leidenden Figuren wie Lavinia, Desdemona oder eben Hamlets Ophelia.

    Ophelia von John Everett Millais, 1852 (Detail)
    Ophelia von John Everett Millais, 1852 (Detail)

    Das ist bereits 1838 Heinrich Heine aufgefallen, und in dem Essay Shakespeare’s Mädchen und Frauen sang er, nachdem er den englischen Pietismus gegeißelt hatte, erst dem Dichter selbst und dann dessen Frauenfiguren eine Eloge. Als Inspiration für sein Auftragswerk dienten ihm dazu englische Stahlstiche mit fiktiven Porträts einiger Frauengestalten aus dem Werk Shakespeares. Im 18. und 19. Jahrhundert fanden vermehrt Darstellungen von tragischen Frauenfiguren des Elisabethanischen Dramatikers Eingang in die Bildende Kunst. Am bekanntesten ist da wohl die im Wasser treibende Ophelia des Präraffaeliten John Everett Millais aus dem Jahr 1852, Ausdruck einer romantischen Naturverehrung dieser Künstlergruppe.

    In der Zeit der Frauenbefreiung und des Feminismus schlug dann aber zum Beispiel die Schriftstellerin Christine Brückner in ihrem 1983 erschienenen Buch Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen erstmals andere Töne an. Die von ihrem eifersüchtigen Gatten Othello Gemeuchelte hält hier nicht wie angeordnet den Mund, sondern darf noch einmal die letzte Viertelstunde im Schlafgemach des venezianischen Feldherrn aus ihrer Sicht rekapitulieren. Das war den Frauenfiguren im Hamlet bisher nicht vergönnt. Lediglich in dem Theaterstück des britischen Dramatikers Tom Stoppard Rosenkrantz und Güldenstern sind tot (1966) wird das Geschehen aus der Sicht der durch eine Gegenintrige Hamlets ums Leben gekommenen Höflinge auf absurde Weise neu erzählt.

    *

    Auch unter heutigen Theaterleuten scheint es wieder vermehrt in Mode gekommen zu sein, unterprivilegierten Nebenfiguren aus großen Dramen der Weltliteratur im Nachhinein mehr Augenmerk zu verleihen. Wie man eine vermeintlich schwache weibliche Nebenrolle aus einem bekannten Bühnenklassiker zum Glänzen bringt, hat übrigens die Regisseurin und Autorin Anja Gronau in dem preisgekrönten Theatermonolog Grete (3. Teil ihrer Trilogie der klassischen Mädchen) anhand des Gretchens aus Goethes Faust I unter Beweis gestellt. Weitere Beispiele hierfür sind die Stücke der niederländischen Autorin Lot Vekemans Judas und Ismene, Schwester von, die zurzeit in deutscher Erstaufführung an den Münchner Kammerspielen und dem Deutschen Theater Berlin zu sehen sind. Zwar in ganz unterschiedlicher dramatischer Qualität, jedoch gleichwertig starker Besetzung mit den Bühnenstars Steven Scharf und Susanne Wolff.

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    In Ophelia nach Shakespeare, einer Inszenierung des belgischen Schauspielers Kristof Van Boven – wiederum an den Münchner Kammerspielen – ist das Drama um Dänemarks dunklen melancholischen Prinzen Hamlet eigentlich schon gelaufen. Der dabei entstandene Dreck wird zu Beginn symbolisch von zwei Bühnenarbeitern aufgefeudelt. Das anschließende Schweigen zu brechen, ersteht nun ausgerechnet Nebenfigur Ophelia, die eigentlich schon nach der Hälfte des Stücks aus dem Leben scheiden musste, wieder auf. Marie Jung, akkurat im Trenchcoat mit Kurzhaarschnitt und Brille, schaut lange, freundlich bestimmt ins Publikum. In hohem Ton beginnt sie in einer Art Klagegesang von Vatermord und Bruderzwist zu singen. „O Hamlet, du zerspaltest mir mein  Herz.“ ist eigentlich ein Ausspruch von Hamlets Mutter Gertrud, die nach dem Tod von Hamlets Vater dessen Bruder Claudius geehelicht hatte. Es könnte aber auch gut den Gemütszustand Ophelias wiedergeben. Erst umworben, dann für fremde Interessen missbraucht, verraten und schließlich vom Geliebten wieder zurückgewiesen. Die Bitterkeit und Kälte am Hofe von Helsingör haben die junge Frau in den Wahnsinn getrieben.

    Nun will Van Boven ihr erneut eine Stimme geben, um das Geschehen noch einmal aus ihrer Sicht aufzurollen. Doch was Marie Jung hier letztendlich tut, kommt leider über ein Nacherzählen von Shakespeares Mord- und Rachegeschichte nicht hinaus. Dazu noch sehr verkürzt, ohne jegliches Einziehen einer eigenen Reflexionsebene. Ziemlich emotionslos, fast wie ein seelenloses Wesen, spult Ophelia die Ereignisse vom ersten Erscheinen des Geistes von Hamlets Vater bis zur entscheidenden, totbringenden Fechtszene zwischen Hamlet und ihrem Bruder Laertes ab. Sie stand dabei stets nur im Hintergrund, auf Anraten von Vater und Bruder ihre eigenen Wünsche und Neigungen zurückstellend. Das scheint dann auch Prinzip dieser Inszenierung zu sein. Und dazu bedient sich Van Boven bekannter Zitate aus Shakespeares Text und lässt Marie Jung lediglich noch in sparsam gestischen Anspielungen agieren.

    Es sind eh alles nur „Worte, Worte, Worte“, wie sie selbst betont. „Sein oder nicht sein… Es ist was faul im Staate Dänemark… Mehr Inhalt, weniger Kunst.“Wohl, wohl“. Sehr viel mehr haben uns Ophelia wie auch die Inszenierung nicht zu sagen. Das geht soweit, dass Marie Jung sich in eine kleine Nasszelle zurückzieht, die Wanne einlässt, ein Radio anstellt und sich ein Tuch fest um den Hals schlingt. Irgendwie erinnert das an ein bekanntes Stück ohne Worte, und zwar an Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz. Die junge Frau plagen sichtlich Selbstmordgedanken und die Bee Gees singen dazu „Tragedy“. Das Radio fällt in die Wanne und der Strom für kurze Zeit aus. Nacht ist’s in Helsingör, Rache und Intrigen nehmen ihren Lauf, woran auch Ophelia im Nachhinein nichts ändern wird. Hätt‘ ich doch geschwiegen, ist die einzige Selbstreflexion der Enttäuschten, die nicht über den Verlust ihrer Liebe hinweggekommen ist. Der Rest ist so rätselhaft wie der ganze Hamlet selbst und schlussendlich herrscht wie immer Schweigen. Zum irischen Wild Rover schiebt Marie Jung dann noch ein großes Fabelwesen im Eisbärenpelz nach vorn, an das sie sich sehnsüchtig schmiegt. „Tell my Story“ darf man hier vermutlich auch weiterhin als eine Anweisung, die Geheimnisse des Prinzen betreffend, deuten.

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    OPHELIA
    nach William Shakespeare
    Werkraum Kammerspiele
    Premiere war am 3. April 2014
    Regie: Kristof Van Boven
    Bühne und Kostüme: Sina Barbra Gentsch
    Licht: Jürgen Kolb
    Dramaturgie: Matthias Günther
    Mit: Marie Jung

    weitere Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de/spielplan/ophelia/

    Literatur:

    • Simone Kindler: Ophelia – Der Wandel vom Frauenbild und Bildmotiv
      Berlin: Reimer Verlag, 2004, 255 Seiten, 49 Euro
    • Heinrich Heine: Shakespeare’s Mädchen und Frauen
      Julia, Ophelia, Lady Macbeth oder Helena – Shakespeare hat ihnen und vielen anderen in seinen Theaterstücken eine Stimme verliehen und sie unvergesslich gemacht. Heinrich Heine, ein großer Bewunderer des englischen Dramatikers, befasst sich mit jeder einzelnen und lässt sie in einem neuen Licht erscheinen. Mit zeitgenössischen Illustrationen der Erstausgabe von 1838 und einem Nachwort von Jan-Christoph Hauschild.
      Hoffmann und Campe Verlag, 2014, 240 Seiten geb. im Schuber, 29,99 Euro

    Zuerst erschienen am 26.04.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Die 10. ACHTUNG BERLIN new berlin film awards – Ein Fazit und die Preise

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    Sebastian Brose und Hajo Schäfer, die beiden Festivalleiter von ACHTUNG BERLIN - Foto (C) St. B.
    Sebastian Brose und Hajo Schäfer, die beiden Festivalleiter von ACHTUNG BERLIN
    Foto (c) St. B.

    Das war es also wiedermal. Eine Woche voller Filme ist schnell vorüber, auch wenn sie mehr als vollgepackt mit fast 100 Dokumentar-, Kurz-, Lang- und mittellangen Spielfilmen war. Die Kinostadt Berlin im Fokus von vier Wettbewerbssektionen, Retrospektive, Spezial und Directors‘ Cut Screenings. Und was am Ende übrig bleibt, sind nicht nur viele schöne Filmminuten, sondern auch jede Menge Preise, die wie immer am Mittwochabend im Kino Babylon-Mitte verliehen wurden.

    Ganze acht Jurys hatten in elf Kategorien Preise zu vergeben, was ihnen auch diesmal nicht leicht gefallen ist, wie alle Mitglieder betonten. Etwas, was bei der Vielzahl der unterschiedlichen Spielarten und Genres eigentlich auch fast unmöglich erscheint, haben sie dennoch zielsicher und professionell gemeistert. Oder wie es Jakob Lass, selbst Regisseur und diesmal auf der anderen Seite in der Kurzfilmjury, betonte, man sah sich einfach genötigt, eine Entscheidung fällen zu müssen.

    Und die fiel in einigen Teilen dann auch durchaus überraschend aus. Altmeister Klaus Lemke, der das Festival in diesem Jahr mit seiner unkonventionellen Art und seinen schräg-schillernden Darstellern schmückte, ging leer aus, ebenso wie Filme, die mit einigen schon bekannteren Gesichtern aufwarten konnten. Isabell Šubas‘ schon im Vorfeld hochgelobte Cannes-Persiflage Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste konnte lediglich eine lobende Erwähnung aus dem Mund der Deutschen Filmkritiker-Jury einheimsen. Das wachsame Auge der Filmkritik sah sich in erster Linie als Vermittler zwischen Kunst und Publikum und vergab seinen Hauptpreis an ein kleines Familiendrama in der brandenburgischen Provinz.

    Preis der Deutschen Fimkritiker für Antons Fest, Regie: John Kolya Reichart - Foto (C) St. B.
    Preis der Deutschen Fimkritiker für Antons Fest, Regie: John Kolya Reichart – Foto (c) St. B.

    Mit Antons Fest, seinem Abschlussfilm für die Filmhochschule Ludwigsburg, ist Jungregisseur John Kolya Reichart eine wirkungsvolle Versuchsanordnung gelungen. Auf einem brandenburgischen Gehöft finden sich Freunde, Ex-Geliebte sowie die völlig zerrüttete Familie jenes titelgebenden Anton ein. Wer nicht kommt, ist der Gastgeber selbst. Späte Rache oder heimlicher Therapieversuch, man wird es bis zum Schluss nicht genau erfahren. Die stark problembeladenen Protagonisten müssen ein Wochenende wartend und streitend miteinander verbringen, und so manch verdrängte Emotion, Komplexe oder blanker Frust brechen sich plötzlich Bahn. Die größtenteils improvisierten Dialoge und Spielszenen überzeugen durch Witz, große Gefühle und starke schauspielerische Performance.

    Der Dokumentarfilm nahm in diesem Jahr einen besonderen Stellenwert im Festival ein und konnte deutlich preiswürdig zum Spielfilm aufschließen. So gingen der Zitty-Leserpreis mit Holanda del Sol (Regie: Florian Lampersberger, Daniel Abma), der Kamerapreis für Paola Calvo (The Visitor) und der Preis der Ökumenischen Jury für Wiener Ecke Manteuffel (Regie: Florian Schewe) an die Dokumentarsparte. Neben dem Preis der Ökumenischen Jury konnte das eindrucksvoll von Florian Schewe gefilmte Portrait zweier Langzeit-Aidserkrankter in Berlin-Kreuzberg auch den Hauptpreis der Dokumentarfilmjury für sich verbuchen.

    new berlin film award für die Beste Produktion. Die Geschichte vom Astronauten, Regie: Godehard Gise - Foto (C) St. B.
    new berlin film award für die Beste Produktion. Die Geschichte vom Astronauten, Regie: Godehard Gise – Foto (c) St. B.

    Mit großer Spannung wurde, wie in jedem Jahr, die Vergabe der new berlin film awards in den Hauptkategorien der Spielfilmsektion erwartet. Zum Regie- und Hauptpreis für den Besten Film gab es diesmal eine neue Kategorie, den new berlin film award für die Beste Produktion. Und der ging an Die Geschichte vom Astronauten in der Regie von Godehard Gise, was diesen sichtlich freute wie auch überraschte. Die Jury überzeugte die herausragende Bildsprache seines Regiedebuts, in dem die Schriftstellerin Charlotte (Stephanie Petrowitz) mal nicht in Berlin, sondern auf einer kleinen Mittelmeerinsel nach Inspiration für ihren neuen Roman sucht. „Godehard Giese gelingt es in Personalunion als Autor, Regisseur, Produzent und Mitglied des Ensembles, im Programm dieses Festivals einen ruhigen, konsequenten und stilistisch eigenwilligen Film vorzustellen.“ (Begründung der Jury)

    Im letzten Jahr noch Gewinner des Preises für den Besten Spielfilm konnte Nico Sommer für seine Beziehungskomödie im Brandenburgischen mit melancholisch-ironischem Unterton nun den new berlin film award für die Beste Regie einheimsen. In Familienfieber beeindruckte die Spielfilmjury aus Schauspielerin Franziska Petri, Produzent Martin Heisler und Regisseur Edward Berger wie der Regisseur in der Kürze der Zeit (7 Drehtage) das Maximum aus sich und seinem Team herausholte. Das Ergebnis lässt sich tatsächlich sehen und knüpft in seiner unnachahmlich frischen, improvisierten Machart fast nahtlos an den erfolgreichen Erstling Silvi an.

    new berlin film award für die Beste Regie für Nico Sommer - Foto (C) St. B.
    new berlin film award für die Beste Regie für Nico Sommer – Foto (c) St. B.

    Kaum jemand dürfte aber den Hauptpreisgewinner auf der Rechnung gehabt haben. Etwas überraschend holte sich Regisseur Fabian Möhrke den new berlin film award für den Besten Spielfilm für sein Debut Millionen ab. Hier muss ein Kleinstadtangestellter einen unerwarteten Lottogewinn verdauen und sich gegenüber die großen Verlockungen des plötzlichen Mammons und den Erwartungen aus Familie und Bekanntenkreis positionieren. Geld allein und dazu noch im Überfluss macht bekanntlich nicht nur glücklich.

    Die Ambivalenz zwischen Porsche, Edelboutique und seinem alten Leben sowie den Fußballkumpeln machen dem bodenständigen Thorsten arg zu schaffen. Hier spricht die Spielfilmjury zwar von starken noch weitgehend unentdeckten Schauspielern, mit Andreas Döhler in der Hauptrolle verfügt der Film aber über einen am Deutschen Theater bereits seit geraumer Zeit erfolgreich agierenden Theatermimen. Ein Plus, das sich auch im Kinofilm positiv bemerkbar macht. Kinostart ist für Fabian Möhrkes nun preisgekrönten Streifen übrigens bereits am 3. Juli.

    new berlin film award für den besten Spielfilm. Millionen, Regie: Fabian Möhrke - Foto (C) St. B.
    new berlin film award für den besten Spielfilm. Millionen, Regie: Fabian Möhrke – Foto (c) St. B.

    Den Abschluss einer spannenden Preisverleihung bildete die Vorführung des vorher in der Kategorie Bester Kurzfilm prämierten surrealen Handwerkeralbtraums Curcuit von Schauspieler und Musiker Robert Gwisdek, der hier einen Elektriker spielt, der in einem leeren Raum zwischen zwei Schwingtüren gefangen scheint. Tür auf, Tür zu – wie in einer Zeitschleife rennt der junge Mann sich förmlich selbst hinterher. Der Ausbruch will nicht gelingen. Eine herrlich skurrile Parabel auf die sinnlos anmutende Qual der alltäglichen Verrichtungen und wohl auch das Leben selbst. Mit Komik und Slapstick rückt Gwisdek dieser Vergeblichkeit zu Leibe. Ein filmischen Kleinod, das der immerwährenden Kinoverrücktheit huldigt und damit dem Achtung Berlin Filmfestival selbst.

    Kurzfilmpreisträger Robert Gwisdek - Foto (c) St. B.
    Kurzfilmpreisträger Robert Gwisdek – Foto (c) St. B.

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    Weitere Infos und alle Preise hier: http://achtungberlin.de/home/

    Achtung Berlin 2014 Wettbewerbsbeiträge Teil 1

    Achtung Berlin 2014 Wettbewerbsbeiträge Teil 2

    Zuerst erschienen am 17.04.2014 bei Kultura-Extra.

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  • Hauptrolle Berlin – Weitere Wettbewerbsfilme mit künstlerischem Berlinbezug beim 10. ACHTUNG BERLIN new berlin film award 2014

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    AB-Logo

    http://achtungberlin.de/

    Als coole Film-Location steht Berlin immer wieder auch ganz bewusst im Mittelpunkt von Geschichten, mit denen Filmemacher das ganz spezielle Lebensgefühl in dieser Stadt beschreiben wollen. Ob nun Kiezkultur, Soziotop oder angesagte Kunstmetropole, Berlin hat von allem etwas zu bieten. Das ACHTUNG BERLIN Filmfestival veranstaltete in diesem Jahr sogar eine Videobustour zum Thema „Filmstadt Berlin – Das rollende Festival“ und zeigte zu Ausschnitten von Filmen deren wahre Entstehungsorte. Berlin ist bereits seit langem der Ort für Kreative jeglicher Couleur. Neue Galerien schießen hier nach wie vor aus dem Boden und buhlen um die Gunst von Kunstliebhabern oder Leuten, die Werke angesagter Künstler als Geldanlage betrachten. Daneben gibt es einen unüberschaubaren Pool von Künstlern, die noch mehr oder minder erfolgreich ihre Existenz am Rande des etablierten Kunstbetriebs fristen, auf der Straße performen, bei Vernissagen oder in Cafés rumhängen und auf Entdeckung bzw. Förderer warten.

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    Reality creates Art

    Den Art Girls im gleichnamigen Wettbewerbsbeitrag von Regisseur Robert Bramkamp geht es da ganz ähnlich. Gedreht wurde in der alten Bötzow Brauerei im Prenzlauer Berg und den Galerien der schicken Berlin-Mitte-Kunstszene. Objektkünstlerin Nikita (Inga Busch) geht langsam das Geld aus. Der Kühlschrank ist leer, der Freund weg und die Inspirationen sind in der ganzen Wohnung verstreut. Behalten oder aus dem Fenster werfen? Alles liegt bei allem, wie bei den richtigen Kreativen. Freundin und Videokünstlerin Una (Megan Gay) fehlt ebenfalls ein Sponsor für eine neue Installation. Ihr Galerist und Lover setzt jedenfalls lieber auf leicht verkäufliche Kunst. Gemeinsam versucht man nun neue Wege zur „Kunst die wirkt“ zu beschreiten. Die Lösung des Problems kommt dann plötzlich in Gestalt des geheimnisvollen Kurators Peter (Peter Lohmeyer) im Rollstuhl daher gefahren. Er legt den Frauen – zu den beiden stößt noch die leicht aggressive Raumdesignerin Fiona (Jana Schulz) – 10.000 Euro zur freien Verfügung auf den Tisch.

    ART GIRLS_Inga Busch, Megan Gay, Saralisa Volm und Peter Lohmeyer vor dem Kino Babylon
    ART GIRLS – Inga Busch, Megan Gay, Saralisa Volm und Peter Lohmeyer vor dem Kino Babylon – Foto: St. B.

    Peter ist der experimentierfreudige Teil eines erfolglosen Wissenschaftler-Zwillingspaars und hat sich bei einem Selbstversuch Beine und Männlichkeit aufgeweicht. Die beiden Brüder wollten für eine Biotech-Firma mittels einer lebendigen Software biosynchronisierte Wesen kreieren. Was später auf den Menschen übertragen werden soll, haben sie bisher erfolglos mit fliegenden Fröschen getestet. Leider fehlt es noch an einer stabilen Strahlungsquelle und einem geeigneten Verstärker. In der Berliner Kunstszene mit ihrer speziellen kreativen Ausstrahlung will Peter fündig werden. Und in Nikita findet er schließlich auch das ideale Medium mit einem besonders ausgeprägten Strahlungssignal. Fasziniert wühlt Peter in Nikitas Kreativmüll, und nach wiedererlangter Manneskraft besiegelt eine Runde Sex mit dem Kurator den Kontrakt.

    Das erinnert ein wenig an den Pakt zwischen Faust und Mephisto, nur dass hier statt Blut andere Körpersäfte fließen und Energien übertragen werden. Das Ergebnis der Übertragung überrascht zunächst Künstlerinnen wie Kurator gleichermaßen. Die Kunstfiguren der Art Girls beginnen zu leben, die Sonne färbt sich blau, und es kriechen bunte Regenwürmer auf der Erde herum. Draußen wird wirklich, was wir drinnen machen, stellen Nikita und Una fasziniert fest. Alles Reale verbindet sich mit dem Fiktiven, was auch entsprechend wahrgenommen und in der Stadtbevölkerung breit rezipiert wird. Absolut wirkungsvolle Kunst, der Traum eines jeden Künstlers.

    Der Einbruch der Natur in die Kunst bleibt natürlich nicht ohne Negativ-Folgen. Fiona verschwindet bei einer Performance am Berliner Fernsehturm, der dabei auch noch kunstvoll in die Knie geht. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Eine Versuchsgruppe gleichgeschalteter Biosyncs gerät wie einst die fliegenden Frösche aus dem Gleichgewicht und die Welt bald vollends aus den Fugen. Ein total synchronisierter Kunstalbtraum ergreift von der Menschheit Besitz. Una wechselt die Seiten und macht mit Peters geschäftstüchtiger Zwillingsbruder Laurens gemeinsame Sache. Der will den Evolutionssprung in die kollektive Wir-Intelligenz profitabel ausnutzen. Nur durch ein von Nikita geschaffenes Tor kann der Eingang in die neue Welt wieder stabilisiert werden.

    ART GIRLS mit Inga Busch als Nikita - Foto (c) achtung berlin
    ART GIRLS mit Inga Busch als Nikita

    Wer hier noch nicht den Faden verloren hat, bekommt vermutlich am Ausgang des Kinos ein Diplom. Was zunächst noch wie eine ironische Zustandsbeschreibung des elitären Berliner Kunstbetriebs aussieht, entpuppt sich bald als eine Mischung aus Kunstdesign and Science Fiction. In seiner Retro-Ästhetik der 80er und 90er Jahre kommt dieser Film aber mindestens zwei Dekaden zu spät. Er erinnert an Experimentalfilmversuche wie Conceiving Ada von der Videokünstlerin Lynn Herschman-Leeson, in dem bereits 1998 Tilda Swinton die Rolle einer nach künstlichem Leben forschenden Wissenschaftlerin spielte.

    Trotz schmalem Budget ziehen Regisseur Robert Bramkamp und Produzentin Susanne Weirich in Art Girls die Geschichte nur noch wesentlich größer und phantastischer auf. Dabei geht einem leider ziemlich bald das ganze pseudowissenschaftliche Gedöns auf die Nerven. Und was die Kunstwirkung betrifft, mit den stylischen Kostümen der Art Girls und den dauernden Video-, Computer- und Animationseffekten beginnt das Filmteam irgendwann den Größenwahn und die Schnelllebigkeit der Kunstszene, die sie kritisieren wollen, selbst zu reproduzieren. Der ziemlich überambitionierte Film geht sich somit in die eigene Falle.

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    Kunst oder Knast – Jedes Wort ist Waffe

    Kein großes Ding von Klaus Lemke mit Henning Gronkowski und Thomas Mahmoud     Kein großes Ding  mit Henning Gronkowski und Thomas Mahmoud     Foto (c) achtung berlin
    Kein großes Ding mit Henning Gronkowski und Thomas Mahmoud
    Foto (c) achtung berlin

    Ein ganz spezielles Bild vom Berliner Kreativ-Prekariat vermittelt der neue Film Kein großes Ding von Kultregisseur Klaus Lemke. Er zeigt den Typus des Kreativen, der das Wort Prekariat vermutlich nie in den Mund nehmen würde, uneingeschränkt an sich selbst glaubt und nie auf die Idee käme, das ihm irgendetwas fehlen würde, schon gar nicht das nötige Talent. Ein Musterbeispiel dieses Typs einsamer, unverstandener Künstler ist Mahmoud (Thomas Mahmoud). Ein Nerd mit ganz eigenem Style und der selbstermächtigte, einzig legitime Erbe von fuckin‘ Sex Machine James Brown. Immer unterwegs, immer erfolglos, ein verhinderter Glücksritter in eigener Sache.

    In Sachen Kult-DVDs versteht der ehemalige Filmvorführer jedenfalls keinen Spaß. Für sein alternatives Vertriebsmodel im großen Stil hat er sogar zwei Jahre gesessen. Wieder draußen, versucht es Mahmoud nun selbst mit dem Videodreh. Seine auserkorene Hauptdarstellerin Tini (Tini Bönig) ist allerdings die lebende Antithese von dem, was er künstlerisch vermitteln will. Sie findet, er sieht aus wie ein Provinz-Honk und zieht ihr weißes Kleidchen vom Trödel lieber für einen großen polnischen Schnauzbart mit Cowboyhut (Gregor Biermann) an und aus. Für Mahmoud ist Berlin voll von laufenden Fakes, die in sein Leben eindringen. Umso deutlicher grenzt er sich dagegen ab und ist stets gewappnet gegen die Bakterien der Ansteckung, wenn es sein muss mit Desinfektionsspray. Zuviel Nähe bedeutet Gefahr für die Schärfe und korrumpiert den eigenen Kreativvorrat.

    Trotz all dem läuft Mahmoud irgendwann der schlaksige Streuner Henning (Henning Gronkowski) zu und fortan hinterher. Der Ex-Grower hat keinen Bock mehr auf das dunkle Shit-Bergwerk des Holländers Tom (Tom Laterveer) und will lieber im Scheinwerferlicht des Wild at Heart als Strip-Tänzer reüssieren. Um Mahmoud zu seinem ersten Auftritt zu verhelfen, übernimmt er einfach ungefragt dessen Management, um ihn ebenfalls groß raus zu bringen. Sein unumstößliches Credo: Wenn du ihn noch nicht verstanden hast, dann kommt das später. Allerdings hält die Chefin im Burlesk-Club (Hanni Bergesch) den Eigenbrötler mit Netto-Tüte voll für assi. Mit ihm, das geht gar nicht, sagt ihr das professionelle Kennerauge, und so muss nach gescheitertem Debüt an der Seite von Busenwunder Leila Lowfire zunächst der Frauenschwarm und gute Schlecker Henning das Duo wieder über Wasser halten.

    Kein großes Ding mit Thomas Mahmoud, Tini Boenig und Gregor Biermann
    Kein großes Ding mit Thomas Mahmoud, Tini Boenig und Gregor Biermann
    Foto (c) achtung berlin

    Seine Methoden sind unorthodox und 5.000 Euro Vorschuss für das aufwendige Equipment einer Keller-Marihuana-Plantage werden spontan für Designerklamotten ausgegeben, mit denen er den völlig konsternierten Mahmoud beschenkt. Doch der hat seine festen Prinzipien. Der unfreiwillige Sponsor Tom darf sich anschließend seine Kohle an den Mülltonnen im Hof wieder abholen. Als selbst Spontanität und aller Einfallsreichtum nicht den gewünschten Durchbruch bringen, ergreift Mahmoud wieder die Initiative der notwendigen Geldbeschaffung. Diesmal muss es klappen, schließlich hatte er schon mal zwei Jahre Zeit sich das zu überlegen.

    Regisseur Klaus Lemke lässt seine unglaublichen Protagonisten hier völlig ohne Leine durch Friedrichshain-Kreuzberg mit seinen Szene-Cafés, Clubs und Späties laufen. Immer auf der Suche nach dem Glück und selbst bei miesestem Wetter stets mit einem coolen Spruch auf den Lippen. Zwei liebenswerte Originale wie sie die Straßen und Casting-Alleen der Hauptstadt zu Hauf bevölkern, gleichermaßen sympathisch wie durchgeknallt.

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    weitere Infos: http://achtungberlin.de/programm0/made-in-berlin-brandenburg0/spielfilme/

    Achtung Berlin 2014 – Wettbewerbsbeiträge Teil 1

    Zuerst erschienen am 15.04.2014 bei Kultura-Extra.

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  • Willkommen im Hauptstadtkino! – Erste Wettbewerbsfilme beim 10. ACHTUNG BERLIN new berlin film award

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    achtung_berlin_Plakat_2014„Zehn Jahre kreatives Hauptstadtkino, zehn Jahre mutige Filmkunst, zehn Jahre Heimat für Filmschaffende und Cineasten.“ Das mittlerweile zweitgrößte Filmfestival der Hauptstadt Berlin feiert sich im Jubiläumsjahr gleich mit drei wichtigen Eigenschaften oder Merkmalen, die der alternativen Kreativszene in Berlin und Brandenburg immer schon nachgesagt wurden. Also Mut zur Kreativität gepaart mit regionaler Bodenständigkeit. Man schwört auf den Standort Berlin. Auch wenn die Kassen an der Spree nicht gerade voller geworden sind und das Anträge schreiben für die öffentliche Filmförderung eher frustet als fruchtet. Viele Filmemacher haben eigene Firmen zur Produktion ihrer Werke gegründet. Man greift immer mehr zu alternativen Finanzierungsmodellen und setzt u.a. auf die Mithilfe von Filmverrückten und Kino-Fans, sprich der Crowd, oder anderen kreativen Methoden zur Geldbeschaffung bzw. Optimierung des Prozesses bis zum fertigen Film.

    Jung wäre eine weitere Eigenschaft, die das Achtung Berlin Filmfestival 2014 auszeichnet. Die meisten der Regisseure, die hier auf dem Festival und dem Spielfilmwettbewerb ihr Filme zeigen, haben die magischen Vierzig noch nicht überschritten. Ausnahmen, wie der seit den 60er Jahren aktive Underground-Altmeister Klaus Lemke, der mit Kein großes Ding im Spielfilmfestival vertreten ist (Kritik folgt) bestätigen da nur die Regel, und dass man für den jungen, frischen Berlinfilm nie zu alt sein kann. Es dauert nur manchmal etwas länger, bis man aus dem Süden der Republik in der Hauptstadt angekommen ist.

    Trotzdem oder auch gerade deswegen, schauen die beiden enthusiastischen Festivalleiter Sebastian Brose und Hajo Schäfer mittlerweile stolz auf 10 Jahre Berliner Filmschaffen zurück und widmen die diesjährige Retrospektive dem Berliner Film der 90er Jahre, also einer Zeit, da die Stadt nach dem Mauerfall neuen kreativen Zulauf aus allen Teilen der Republik bzw. sogar der ganzen Welt erhielt und sich damit nachhaltig zu wandeln begann. Junge Filmemacher wie z.B. Thomas Arslan, Andreas Dresen oder RP Kahl zeigten damals ihre ersten Filme mit Berlinbezug. Manche begründeten so eine ganze Schule und fanden sich schnell im Berlinale-Wettbewerb wieder, andere sind bis heute dem alternativen Großstadt-Kino treu geblieben.

    Kein Bett an der Croisette

    Am Mittwoch wurde das 10. Achtung Berlin Filmfestival mit dem ersten Film im Wettbewerb eröffnet, der auch der erste Langspielfilm der 1981 in Berlin geborenen Regisseurin Isabell Šuba ist. 2012 wurde sie mit ihrem Kurzfilm Chica XX Mujer zum Filmfestival nach Cannes eingeladen. Ihren fünftägigen Aufenthalt an der Croisette, Traumort für so viele junge Filmschaffende, hat sie in einer Art Mokumentary festgehalten. Dazu übernahm die Schauspielerin Anne Haug ihre Identität, während sich Isabell Šuba als Filmstudentin akkreditierte. Ihr Produzent Matthias Weidenhöfer spielte sich in der Rolle des überforderten Produzenten und Geschäfts-Partners der Regisseurin David Wendlandt sozusagen selbst. In Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste entsteht so ein ziemlich genaues Bild des Filmgeschäfts, in dem Frauen immer noch nicht die Rolle spielen, die ihnen qualitativ wie quantitativ zukäme.

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    Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste von Isabell Šuba – Foto: achtung berlin 2014

    Ausgehend von der Tatsache, dass 2012 in Cannes kein einziger Film einer Frau im Wettbewerb vertreten war, versucht Isabell Šuba die These aus dem Titel ihres Films (einem ähnlich lautenden Protestbrief von Regisseurinnen gegen die Einladungspraxis in Cannes entlehnt) mit dem entsprechenden Hintergrund vor Ort zu untermauern. Schon die Ankunft in Cannes lässt die Katastrophe erahnen. Der vorgereiste Produzent hat den Ankunftstermin verpennt und noch zwei weitere Freunde im gemeinsamen Appartement einquartiert. Termine und Einladungen zu wichtigen Interviews und Filmpartys werden verpasst und das Promoten eines geplanten Filmprojekts der Regisseurin droht an der Unfähigkeit und Ignoranz des Produzenten zu scheitern. Er nimmt seine Partnerin nicht ernst und hat auch die Log Line für den Film nicht gelesen – eine etwas komplizierte Frauengeschichte im ländlichen Milieu, aus der er kurzerhand einen Body-Western machen will.

    So kabbeln sich die beiden selbst vor Interviewpartnern, rennen gestresst durch die Straßen der Filmmetropole an der Côte d’Azur, versuchen auf Filmpartys zu kommen und ihr neues Projekt an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Immer wieder stehen sich die beiden dabei selbst im Weg und im wahrsten Sinne des Wortes im Regen von Cannes. Die Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen scheint hier ein Ding der Unmöglichkeit, zu weit auseinander steht man in den Ansichten zu Beruf und Genderfragen. Dass dann auch noch die Ex der Regisseurin (Eva Bay) mit ins Appartement zieht, sorgt für zusätzliche Spannungen. Die Kamera fängt dazu Bilder von Celebrities, Groupies, Hedonisten und dem ganzen unvermeidlichen Anhang des Kino-Jet-Sets ein. Eine treffsichere Studie mit viel Sarkasmus und einem selbstironischen Blick, der nicht nur Filmleuten gefallen dürfte.

    Und die Kuh schaut staunend zu

    Ein weiteres Improfilmprojekt stammt vom Gewinner des letzten achtung berlin new berlin film award für den besten Film Nico Sommer (Silvi). Sommer ist es auch in seiner neuen Komödie Familienfieber. Die reine Drehzeit betrug hier sieben Tage. Ein frisch verliebtes Teenagerpärchen (Anais Urban und Jan Amazigh Sid) überrascht seine sehr unterschiedlich sozialisierten Eltern mit einem Kennenlernen-Wochenende auf dem Landsitz der Eltern des Jungen. Dieser entpuppt sich dann nicht etwa, wie in der Erinnerung des Mädchens, nur als großes Haus, sondern als ausgewachsenes Schloss. Was den bodenständig berlinernden Vater Uwe (Achtung-Berlin-Urgestein Peter Trabner) plötzlich vor das Problem „Kuck doch mal, wie ich aussehe“ stellt und die Mutter Maja (Kathrin Waligura) peinlicherweise mit Freitagsliebschaft und Chef Stefan (Jörg Witte) konfrontiert.

    Familienfieber von Nico Sommer
    Foto: achtung berlin 2014

    Stefan und Frau Birgit (Deborah Kaufmann) sind „irgendwie“ zu Geld gekommen, was sie in ein tief in der brandenburgischen Provinz abgelegenes ehemals adliges Anwesen zwischen Schönefeld und Schöneweide (oder so ähnlich) gesteckt haben. Hier lebt Birgit ihre Kreativität als Malerin aus, während Mann Stefan in Berlin für das nötige Kleingeld und die Befriedigung seiner Libido sorgt. Der Plakatkleber und großmäulige Pantoffelheld Uwe lebt ganz in der Angst, seiner Frau nichts mehr bieten zu können, worauf sich die liebesbedürftige Maja immer mehr von ihm entfernt hat. Das Geheimnis zwischen Maja und Stefan ist schnell gelüftet, der Minibus für die Flucht springt nicht mehr an, und so verleben die vier in Liebesdingen frustrierten Narren und Genarrten nun ganz ungewollt eine Art schräge Woody Allen’sche Midsummer Night’s Sex Comedy auf Berlin-Brandenburgisch.

    Zwischen männlichem Balzverhalten und weiblichem Zickenkrieg ereilt alle irgendwann auch die Ernüchterung und eine Ahnung, dass es so nicht weitergehen kann. Um eine Lösung zu erzwingen, kommt Uwe die Idee von paartherapeutischen Interviews mit allen Beteiligten, die, mit der Videokamera von Stefans Sohn aufgenommen, wie kleine Zwischenkommentare zum Film immer wieder in die Geschichte eingeblendet werden. Was die beiden routinierten Paare inzwischen ganz vergessen haben, ist die Tatsache, dass sich neben ihrem Beziehungsstress noch ein junges Nachwuchspaar in der brandenburgischen Natur mit ganz eigenen, aber durchaus ähnlichen Problemen quält. Nico Sommer ist mit dieser witzigen, in vollständig improvisierten Dialogen gedrehten Beziehungskomödie ein großer Spaß mit melancholisch-ironischem Hintersinn nicht nur für gestandene Familientiere gelungen.

    Realität und Fantasie, Traum- und Nebenwelten

    Zwei weitere Wettbewerbsfilme verlassen sich dann wieder eher konventionell auf ein klassisches Drehbuch. Alles andere als konventionell kann man dabei aber die Ergebnisse nennen. Willkommen im Klub von Regisseur Andreas Schimmelbusch fällt aber zunächst durch eine erlesene Schauspielriege auf. Patrycia Ziolkowska, Bibiana Beglau, Wolfram Koch, Samuel Finzi und Almut Zilcher sind allesamt erfolgreiche Theaterschauspieler in Berlin, Hamburg und München. Koch, Finzi und Zilcher bildeten am Deutschen Theater und der Volksbühne Berlin die sogenannte Gotscheff-Familie. Eine der Locations im Film ist dann auch das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz. Hauptspielort ist jedoch ein Hotel mit einem dunklen Geheimnis. Die Gäste kommen hier eher zum stilvollen „Auschecken“. Kate(Patrycia Ziolkowska), eine junge Frau mit Selbstmordabsichten, verliebt sich in den diskreten, zuvorkommenden Portier Victor (Wolfram Koch). Sie gibt ihr Vorhaben zunächst auf und zieht sogar mit dem geheimnisvollen Mann zusammen. Die Beziehung der beiden krankt aber schnell an den dunklen Stimmungen Kates und ihren übersteigerten Vorstellungen über die Beziehung. Zweifel machen sich breit und den Liebhaber zusehends krank.

    Willkommen im Klub - Foto © Schimmelbusch GmbH
    Willkommen im Klub von Andreas Schimmelbusch – Foto © Schimmelbusch GmbH

    Es ist viel Alkohol im Spiel und ein ungelöstes Problem aus der Kindheit. Die dominante Mutter (Almut Zilcher) hat der Tochter den gewaltsamen Tod des Vaters verschwiegen. In den Albträumen Kates verschwimmen zusehends Realität und Wahnvorstellungen. Victor wird zur Vaterfigur. Die eifersüchtige Hotelbesitzerin (Bibiana Beglau) managt nebenbei noch einen Selbstmörderklub, in dem man sozusagen das richtige, erfolgversprechende Handanlegen erlernen kann. Der zu rekrutierenden Kundschaft wird anhand der gescheiterten Versuche einiger Verzweifelter das richtige Ableben näher gebracht. Inspiriert durch das Buch Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod des österreichischen Schriftstellers Jean Améry entwickelt Schimmelbusch einen etwas wirren, pseudopsychologischen Plot aus literarischen und filmischen Anspielungen, in dem Samuel Finzi auch noch als Psychologe mit Wirkung auf Frauen eine freudsche Wiederkehr seiner bekannten Pathologenrolle geben muss. Liebe oder Selbstmord auf Rezept? Eine Frage die hier auf Dauer nicht wirklich interessiert.

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    Eher im Bereich des Genrefilms ist das Regiedebut Vergrabene Stimmen des Schauspielers Numan Acar, der auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle übernahm, angesiedelt. Nach acht Jahren Knast kommt der Kleinkriminelle Kaan (Numan Acar) wieder zurück in seinen alten Berliner Kiez. Seine geliebte Mutter Selda ist gestorben, der Vater schmeißt Kaan verbittert raus. Die alten Kumpels Eko (Kida Ramadan) und Bilo (Tyron Ricketts) haben es sich mit Hartz IV in ihrer Mittelmäßigkeit gut eingerichtet. Es läuft der alte Trott, nur dass Kaan nach all der Zeit irgendwie nicht mehr dazugehört. Um dem Schicksal zu entfliehen, versucht Kaan sein Glück auf dem Arbeitsamt. Da ihm hier aber nur ein würdeloser Ein-Euro-Job angeboten wird, geht er auf den Vorschlag seines Freundes Mo (Stipe Erceg) ein und heuert beim Unterweltboss Mr. Omar (Ralph Herforth) als Fahrer an. Vorher hat er mit den alten Kumpels schnell noch das Ersparte der Kiez-Prostituierten Magda (Katy Karrenbauer) durchgebracht.

    Vergrabene Stimmen von Numan Acar -  Foto: achtung berlin 2014
    Vergrabene Stimmen von Numan Acar
    Foto: achtung berlin 2014

    Bei dem Mädchen Aenna (Julia Dietze), die Kaan auf dem Friedhof trifft, versucht er Liebe und etwas Geborgenheit zu finden. Er will sich endlich wieder spüren. Sie vergräbt Kassetten mit Texten, die Kaan an seine eigene schwierige Kindheit, Jugend und die Knastzeit erinnern. Der Traum vom gemeinsamen Glück scheitert aber an seinem Unvermögen zu wirklichen Empfindungen, genauso wie die Karriere als Geldeintreiber für Mr. Omar am abgekarteten Spiel des Gangsters Franky (Dirk Borchardt), der rechten Hand von Mr. Omar. Das Leben besteht aus Entscheidungen, sinniert Aenna auf einer der Kassetten. Nur welche Kaan auch trifft, „Ich bleibe immer der Selbe hinter meiner verfickten Visage.“ Kaan hat keine Chance und ergreift sie.

    In mehreren Traumsequenzen steht Kaan vor eine Mauer und reibt mit den Händen eine Unterwasserwelt mit Fischen an die Wand. Ein Sinnbild für das Eingesperrtsein wie in einem Aquarium. Der Film taucht tief in diese parallelen Nebenwelten ab. Mit seinen düsteren Bildern nah am Film Noir angelehnt, besitzt er in seiner schicksalhaften Ausweglosigkeit durchaus die Kraft einer griechischen Tragödie, die seinem gebrochenen Protagonisten jedoch keine Katharsis vergönnt. Laut Angabe des Regisseurs Acar, war ihm das auch sehr wichtig. Eine Darstellungsweise, die die Zerrissenheit der Hauptfigur nicht auflöst, sondern Kaan so sein lässt, wie er ist. Und das ist dann trotz aller Pathetik schon auch ansehenswert.

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    Das Festival läuft noch bis zum 16.04.14 in den Kinos Babylon Mitte, Filmtheater am Friedrichshain, Tilsiter Lichtspiele und Passage Neukölln.

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    Weitere Infos: http://achtungberlin.de/

    Achtung Berlin 2014 – Wettbewerbsbeiträge Teil 2

    Zuerst erschienen am 13.04.2014 auf Kultur-Extra.

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  • Durchbruch durch die vierte Wand oder diese Welt ist mir zu klein – MEAT, eine 240 Stunden Performance-Installation des Schweden Thomas Bo Nilsson und „Dieses Grab ist mir zu klein“ ein Theaterstück der serbischen Dramatikerin Biljana Srbljanović über das Attentat von Sarajevo beim F.I.N.D. 2014 an der Berliner Schaubühne.

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    (c) Schaubühne
    (c) Schaubühne

    Meat Life (fleischliches Leben) ist eine Szene-Bezeichnung für das reale Leben von Cyberspace-Protagonisten außerhalb ihrer virtuellen Aktivitäten, das viele von ihnen aber zunehmend auch vorzugsweise ins World Wide Web verlegt haben. Der ehemalige kanadische Pornodarsteller, Stripper und Escort Luka Rocco Magnotta scheint da irgendwann etwas durcheinandergebracht zu haben. Aus seinen zahlreichen Online-Identitäten aufgetaucht, lebte er seine virtuellen Obsessionen plötzlich auch real aus. Man wirft ihm vor, einen chinesischen Studenten ermordet, zerstückelt und sich an der Leiche vergangen zu haben. Das Video zur Tat soll Magnotta ins Internet gestellt und Leichenteile an kanadische Politiker versschickt haben. 2012 wurde er in einem Neuköllner Internetcafé erkannt und verhaftet. Im September diesen Jahres wird ihm in Kanada der Prozess gemacht.

    Diese verrückte Story des mutmaßlichen Kannibalen von Montreal hat Thomas Bo Nilsson, den ehemaligen Bühnenbildner der Performancetruppe Signa, inspiriert, die verschobene Lebenswelt Magnottas im Studio der Schaubühne nachzubauen und mit bis zu 60 Performern zu bevölkern. Während des Festivals Internationaler Neuer  Dramatik werden sie bis zum 13. März 240 Stunden rund um die Uhr dort leben. Es ist keine heile Welt, und schon gar nicht deren Abbild. MEAT ist der Entwurf einer ins Reale transformierten Gegenwelt im Spiegel unserer Vorstellungen. „If you don’t like the reflection. Don’t look in the mirror. I don’t care.“ lautet ein in roten Lettern geschriebenes Zitat aus einem Schrank in Magnottas Wohnung in Montreal. Ob man es tatsächlich mag, was man da zu sehen bekommt, oder nicht, muss dann aber schon jeder selbst herausbekommen.

    You can be whoever you want to be.” – ein Schlagwort der Netzcommunity wie auch der neoliberalen Gesellschaft. Die Verführung ist groß, das Versprechen auf ein ereignis- und erfolgreiches Leben nicht minder. Wer ließe sich da nicht bereitwillig an die Hand nehmen und in den illustren Kreis der MEAT-Community einführen. Bezeichnender Weise geschieht das dann auch beim Eintritt ins Innere des Schaubühnenstudios. Jeweils sechs Personen werden im Dreiminuten-Takt am Einlass von maskierten Damen und Herren abgeholt und erst einmal irgendwo in der Großrauminstallation abgestellt. Im Kreisrund einer angedeuteten Mall schmiegen sich kleine Läden dicht aneinander. Internetcafé, Asia-Imbiss, Bianca‘s Sexshop, Gogo-Bar, ein Massage- und Kosmetikstudio und der Eingang zur Kneipe Zu den drei Stufen befinden sich hier.

    MEAT - Gregor Biermann, Dennis Kwasny Foto: Matt Lambert
    MEAT – Gregor Biermann, Dennis Kwasny
    Foto: Matt Lambert

    Auf einer ersten Entdeckungstour fällt ein japanisches Pärchen im Schulmädchenlook auf, das in den Ecken steht oder ziellos die Flure durchstreift. Die schwarzhaarige Dame im Erotikshop erklärt ihren Kunden ihre Lustspielzeuge, Transvestiten kleiden sich für ihren Auftritt, ansonsten scheint alles noch wie in der Ruhe vor dem ersten Ansturm. Es ist später Nachmittag, es könnte also auch eine Art Endlos-Afterhour-Stimmung sein, die sich breit macht und einen förmlich mit runter zieht. Die vorherrschende Lage der Protagonisten ist dementsprechend noch größtenteils waagerecht, oder sie sitzen in den weichen Kissen der Sessel und Ledercouchgarnituren verkeilt. Es riecht nach angebranntem Essen in den hinteren Räumen. Verlebter und unaufgeräumter kann es in keiner Studenten-WG aussehen. Nilsson hat sich große Mühe gegeben bei der Gestaltung des verwohnten Charmes in Anlehnung an Objektkunst und Eat Art mit Billigmöbeln, herumliegenden Haushaltsartikeln und Essenresten sowie Postern von Pin-ups und Popsternchen an den Wänden. Allenthalben flimmern Flachbildschirme und zeigen Seiten von sozialen Netzwerken und Chats. Man fühlt sich wie ein nächtlicher Einbrecher oder Voyeur, der heimlich nach den Schätzen fremder Leute fahndet.

    Schlager-Chanteuse Rita Bauer scheint zunächst die einzig wirklich Aktive hier. Sie wirbt für ihre Show in einer halben Stunde auf der kleinen Bühne der Kneipe. Vorher muss sie noch schnell ins Nagelstudio. Ein Fluchtpunkt, den auch andere Bewohner und Besucher gerne nutzen, sei es zur Massage, Gesichtskosmetik, zum Nägel lackieren, oder einfach nur Relaxen auf der Liege. Viel reden muss man hier nicht. Ansonsten ist das schon Bedingung, um überhaupt etwas zu erleben. Zu apathisch, ja fast schon wie unter Tranquilizer bewegen sich die lässig kostümierten Gestalten durch die Räume, rekeln sich müde in aufgewühlten Betten oder auch mal lasziv an der Gogo-Stange. So etwas wie Leben suchend, wird man da eher in der Kneipe fündig, das pulsierende Herzstück inmitten der Installation. Das Rustikale Holzambiente erinnert an Alt-Berliner Eck-Kneipen der 70er Jahre, und auch der Musikgeschmack des Trackertypen mit Bart, Basecap und Sonnenbrille hinter dem Tresen scheint irgendwo in dieser Zeit stehen geblieben zu sein. Das Speisekartendesign stammt aus einer DDR-HO-Gaststätte. Die Preise entsprechen allerdings schon Kudamm-Niveau.

    Von einem Mann mit weißer Michael-Myers-Maske in Unterwäsche und Hauspantoffeln bekomme ich ein Glas Tonic. Er spricht nicht, möchte aber gern etwas in mein Notizbuch krakeln. Als das misslingt, legt er es einfach auf den Tresen und verschwindet. Später erfahre ich seinen Namen. Es ist Medeas Jason, der allein Zurückgebliebene spielt nun mit einer jungen Frau Mensch ärgere dich nicht. Typisch weibliches Helfersyndrom. Ein Zuhältertyp in weißer Jacke und Schlaghosen holt seine Mutter ab, die schon sichtlich vor sich hin dämmert. Danach herrscht er seine opulente schwarzhaarige Begleitung an und befördert einen verdutzten Besucher mit fachgerechten Handgriffen vom Tresen direkt nach draußen. Und das alles während Rita Bauer versucht aus ihrem Leben als Schlagerstar in Regensburg zu erzählen. Ein zwanzig Jahre jüngerer Südländer namens Rado hatte ihr einst das Herz gebrochen. Vor dem Gang in Donau bewahrte Rita nur die Liebe zu Hildegard Knef. Und auch für uns lässt sie noch einmal Rote Rosen regnen.

    MEAT - Dennis Kwasny, Dominik Hermanns - Foto: Matt Lambert
    MEAT – Dennis Kwasny, Dominik Hermanns
    Foto: Matt Lambert

    Richtig sentimental wird es, als der Rausschmeißer Herr Fuchs nach getaner Arbeit seiner geliebten Frau Armira, ebenfalls ganz in weiß, einen Song widmet. Es ist die Hymne der stets Daheimgebliebenen. Ihr Wohnzimmer und die große Bühne des Lebens haben sie hier Zu den drei Stufen. Damals saß Udo Jürgens noch neben Frank Elstner auf der Wetten, dass-Couch und Hawaii war nur ein Toast auf der Speisekarte. Die Sehnsüchte nach der weiten Welt auf wenigen Quadratzentimetern Weizenbrot (Gudrun Rothaug: Vom Toast Hawaii zum Döner. Essen in Deutschland). Ich fliehe Bohnerwachsgeruch und Spießigkeit und mische mich wieder unter die Schaulustigen der Shoppingmall. Musternde Blicke, kurzer Smalltalk – außer einem „Haste mal Feuer“ hält sich die Anmache in Grenzen. Wer was erleben will, muss zahlen. Das Motto lautet: Meat and Greed.

    Die Spuren des Canadian Psycho Luka Rocco Magnotta verlieren sich im Nichts. Eine Tür im Obergeschoss zeigt ein grünes Exit-Zeichen. Fluchtpunkt reale Welt oder gar letzter Ausgang aus einem künstlichen Albtraum? Hinter der Tapetenwand am Absatz einer Fluchttreppe sitzen zwei Feuerwehrmänner. Der Einbruch der Realität ins Spiel. Aktiv teilnehmen oder passiv beobachten? Es ist dann doch auch ganz wie im wahren Leben. Aber selbst zwei junge Mädchen, die mit Engelsstimmen Donuts im Sonderangebot anpreisen, können mich nicht mehr davon abhalten, den so Zeit wie geschichtsvergessenen Ort endgültig zu verlassen.

    MEAT
    240  Stunden Performance-Installation (Schweden)
    von Thomas Bo Nilsson, Studio der Schaubühne (Premiere war am 03.04.14)
    Künstlerische Leitung Thomas  Bo Nilsson, mit Borghildur Indriðadóttir, Julian Wolf Eicke und Olga Sonja Thorarenssen
    Konzept, Regie, Text Thomas  Bo Nilsson
    Produktion Borghildur Indriðadóttir
    Regieassistenz Olga Sonja Thorarenssen, Jens Lassak, Hannah Fissenebert
    Bühne Thomas  Bo Nilsson, Julian Wolf Eicke
    Bühnenbildassistenz Adela Bravo Sauras, Danielle Fagen, Magdalena Emmerig
    Kostüme Thomas  Bo Nilsson, Julian Wolf Eicke, Larissa Bechtold
    Kostümassistenz Benedetta Baiocchi, Emily Tappenden, Maryam Afschar
    Video und Web Dominik Wagner
    Sound Design Dennis Beckmann
    Tonassistenz Jan Tackmann
    Trailer Matt Lambert
    Choreographie Matteo Marziano Graziano
    Fundraising und Sponsoring Anne Odoj, Magdalena Frankiewicz
    Produktionsteam Alexandra Tivig, Angela Roudaut, Carolina Duarte, Cecilia Helsing, Christian Kleemann, Dóra Hrund Gísladóttir, Egor Kirpichev, Emanuele Capissi, Ermina Apostolaki, Florian Schneider, Francisca Villela, Halla Mía Ólafsdóttir, Hauke Vogt, Hélène Vergnes, Ivan Ivanov, Julia Berndt, Kate Jones, Kathrin Mergel, Laurent Pellissier, Lena Stihl, Madeleine Edis, Magdalena Emmerig, Maria Trinka Lat, Matthias Karch, Miren Oller, Ole Schmidt, Órla Fiona Wittke, Rimma Starodubzewa, Sabine Sellig, Tristen Bakker, Vivian Kvitka

    Mit Adela Bravo Sauras, Anton Perez, Ardian Hartono, Benjamin Mangelsdorf, Borghildur Indriðadóttir, Carolin Mylord, Cesare Benedetti, Charles Lemming, Christian Wagner, Claudia Kandefer, Danilo A. Sepulveda Cofre, Daniel Merten, Dennis Kwasny, Dolly, Dominik Hermanns, Dorothee Krüger, Elisabeth Kudela, Emanuele Capissi, Emiria Snyman, Eva Maria Jost, Eva Marie Bargfeld, Gianni v. Weitershausen, Glenn Crossley, Gregor Biermann, Jens Lassak, Jiwoon Ha, Joanna Nutall, Johannes Frick, Juan Corres Benito, Judith Seither, Julia Effertz, Julia Stina Schmidt, Julian Wolf Eicke, Karsten Zinser, Kay Minoura, Kirsten Burger, Lara Mándoki, Larissa Bechtold, Larissa Offner, Lina Axelsson, Lodi Doumit, Luca Angioi, Marcus Wagner, Maria Polydoropoulou, Marie Polo, Matteo Marziano Graziano, Maximilian Rösler, Mayla Arslan, Mia May, Ming Poon, Nils Malten, Nina Weniger, Olga Sonja Thorarensen, Peter Groom, Peter Sura, Rachel Foreman, Regula Steiner-Tomic, Ria Schindler, Safira Robens, Sophie Reichert, Stuart Meyers, Susana Abdulmajid, Taneshia Abt, Thomas Bo Nilsson, Tim-Fabian Hoffmann, Tomomi Tamagawa, Ute Reintjes, Ya-Hui Kuan, Yoni Downs

    Termine:
    Einlass jeden Tag um 1.00, 5.00, 9.00, 13.00, 17.00, 21.00 letzter Einlass am 13.4. um 13 Uhr.

    Weitere Infos und Tickets: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/meat.html

    Zuerst erschienen am 09.04.2014 auf Kultura-Extra.

    ***

    Der künstlichen Lebenswelt des Mörders Magnotta in MEAT entkommen, wartet noch ein weiterer Mord auf mich, einer der die Geschichte Europas und der Welt auf dramatische Weise beeinflussen und für die Begründung der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts herhalten sollte. Die Rede ist vom Attentat am österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand und seiner Gattin, just vor 100 Jahren in Sarajevo von jungen serbischen Nationalisten verübt. Ein Ereignis, das Österreich und Deutschland veranlassen sollte, den Ersten Weltkrieg vom Zaun zu brechen. In ihrem 2013 am Wiener Schauspielhaus uraufgeführten Stück Dieses Grab ist mir zu klein beschreibt die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanović die ganz persönliche Geschichte der jugendlichen Attentäter. Im kleinen Saal der Schaubühne wird es nun einer Werkstattinszenierung der jungen, schon recht erfolgreichen Regisseurin Mina Salehpour gezeigt.

    Das F.I.N.D. 2014 in der Schaubühne - Fot: St. B.
    Das F.I.N.D. 2014 in der Schaubühne – Foto: St. B.

    Hier ist die unsichtbare vierte Wand wieder aufgebaut, man kann sogar Schauspieler daran stellen. Die anderen Kollegen lungern auf der Holzschräge herum, die nach hinten durch einen an einer Stelle löchrigen Lattenzaun begrenzt ist, geben launige Kommentare ab, oder warten still die Szene beobachtend auf ihren Auftritt. Es herrscht eine zunächst aufgeräumte aber im Laufe der Zeit immer angespanntere Stimmung. Vier junge Menschen serbischer Abstammung verstricken sich im Frühjahr 1914 in Sarajevo in nationalistische Strömungen rund um die studentischen Unruhen gegen die österreichische Besatzung Bosnien-Herzegowinas. Man ist für eine unabhängige jugoslawische Demokratie oder ein großjugoslawisches Königreich, aber in erster Linie ist man stolzer Serbe. Was interessieren da die Forderungen der kroatischen Studenten in Zagreb.

    Biljana Srbljanović hat das recht unübersichtliche historische Gemenge aus Hintermännern und Akteuren des Attentats auf fünf Protagonisten zusammengeschrumpft. Der 19jährige Gymnasiast und Mitglied einer proserbischen bosnischen Jugendorganisation Gavrilo Princip (Bernardo Arias Porras) und sein Freund, der ebenfalls 19jährige Druckergeselle Nedeljko Čabrinović (Konstantin Shklyar), bekommen über serbische Geheimdienstler die Nachricht vom Besuch des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo zugespielt und beschließen spontan ein Attentat auf ihn. Die Waffen bekommen sie über Danilo Ilić (Tilman Strauß), den Bruder der 15jährigen Ljubica (Luise Wofram), in die beide verliebt sind. Sie mieten ein Zimmer für ihre Treffen im Haus von Ilić, der Verbindungen zum Anführer des serbischen Geheimdienstes Dragutin Dimitrijević Apis (Ulrich Hoppe) unterhält.

    Dieses Grab ist mir zu klein Foto (c) Gianmarco Bresadola
    Dieses Grab ist mir zu klein
    Foto (c) Gianmarco Bresadola

    Die Rollen sind an die realen Personen angelehnt, die Geschichte, die Biljana Srbljanović erzählt, aber eher fiktiv. Es geht ihr auch nicht vordergründig um die Fakten, sondern um die Menschen hinter der Tat. Die Autorin zeigt in ihrem Stück junge Leute, die aufbegehren, etwas verändern wollen, dabei aber auch naiv und leicht verführbar für nationalistische Ideologien sind. Regisseurin Mina Salehpour befreit die Geschichte vom heroischen Pathos und zeigt junge Menschen, die diskutieren, sich streiten, aber auch träumen und herumalbern. Der ferne Thronfolger ist ihnen nur aus Legenden und Anekdoten bekannt. Blutrünstig wird ein Jagdgelage ausgemalt. Man sitzt gemeinsam erstaunt mit offenem Mund im Kino, neckt sich und fast dennoch ohne zu Zögern eine folgenschwere Entscheidung. Ein Selbstmordkommando mit Bombe, Pistole und Zyankalikapsel. Ein irrer Duft nach Mandeln.

    Mina Salehpour Inszenierung wartet mit farbigen Kostümen, Charleston-Musik, Stummfilm-Slapstick und schnoddrigem Jugendslang auf. Ihre Protagonisten scheinen damals wie heute seltsam aus der Zeit gefallen und bewegen sich dennoch nahe am Abgrund der Realität. Dieses Theater gibt nicht vor, das wahre Leben zu sein. Es zeigt exemplarische Figuren, wie sie in jeder Generation, in jedem Land auftreten können und theatralisiert deren Gefühle, Handlungen und ihr Schicksal. Das Attentat gelingt dann mehr aus Zufall. Die erste Bombe verfehlt noch ihr Ziel, tötet aber die unbeteiligte Ljubica. Die Schüsse Gavrilo Princips sitzen. Da die Zyankalikapseln versagen, werden alle nacheinander gefasst.

    Im zweiten Teil des Stücks berichten die Figuren in längeren Monologen von ihrer Haft in der Festung Theresienstadt, Verhören, der Sehnsucht nach Freiheit und den Freunden, sowie vom Tod, der sie auf unterschiedliche Weise, aber immer einsam und leidvoll durch Hinrichtung oder Krankheit ereilt. Hier schlägt das Stück auch wieder eine Brücke in die Geschichte. Der jugendliche Attentäter Princip wird nach seinem Tod zum Märtyrer und serbischen Nationalhelden stilisiert, sein Grab mehrfach umgebettet. Ein Streitobjekt bis in die Balkankriege nach dem Zusammenbruch von Titos Variante eines geeinten jugoslawischen Staats. Theresienstadt, heute Tschechische Republik, der Ort von Princips Martyrium, wird im Zweiten Weltkrieg als KZ der Nazis wieder Todesort für Menschen anderer Nationalitäten sein. Die Bezüge in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf dem Balkan und ganz Europa sind offensichtlich. Wie sich da die Idee eines großen, europäischen Hauses jenseits von nationalistischem Hass durchsetzen soll, scheint heute mehr denn je schleierhaft.

     

    Dieses Grab ist mir zu klein
    von Biljana Srbljanović
    Werkstattinszenierung (Serbien/Deutschland) Premiere: 06.03.14
    Deutsch von Vukan Mihailović de Deo und Aleksandra Pejović
    bearbeitet von Renata Britvec
    Regie: Mina Salehpour
    Bühne Céline Demars
    Kostüme Valerie Gasse
    Musik Markus Hübner
    Dramaturgie Maja Zade
    Licht Eduardo Abdala
    Mit:
    Bernardo Arias Porras: Gavrilo Princip
    Konstantin Shklyar: Nedeljko Čabrinović
    Tilman Strauß: Danilo Ilić
    Luise Wolfram: Ljubica Ilić
    Ulrich Hoppe: Dragutin Dimitrijević Apis

    Termine: 13.04. und 16.04.2014 jeweils 20:00 Uhr

    Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/dieses-grab-ist-mir-zu-klein.html/ID_Vorstellung=577

    Zuerst erschienen am 09.04.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Ist der Mensch fremdbestimmt? – DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN! Ein Stück von Fränk Heller im SchwuZ und „Woyzeck III – Magic Murder Mystery“ frei nach Georg Büchner von Mirko Borscht und Ensemble am Maxim Gorki Theater

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    DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN!
    Ein Stück von Fränk Heller über pseudowissenschaftlichen Selbstoptimierungswahn aufgeführt im SchwuZ.

    Fränk Heller (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY
    Fränk Heller (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

    „Du musst dein Leben ändern“ ist der in fünfhebige Jamben gemeißelte Ausruf der Bewunderung des Dichters Rilke beim Anblick eines Jünglingstorsos im Pariser Louvre. Was damals noch Ausdruck einer Art Offenbarung, in jenem leuchtenden Steinfragment des Dichtergotts Apoll das Licht der Wahrheit erblickt zu haben, ist in Zeiten der Postmoderne zu einem reinen Schlagwort verkommen. Eine schöne Phrase, die zwar einem bekannten deutschen Philosophen noch für einen anthropologisch umwickelten bunten Strauß aus kulturhistorischen Bonmots taugte, aber ansonsten beliebig anwendbar nur noch die ständige Optimierung des eigenen Ichs meint. Peter Sloterdijk spricht von Übungen zur Perfektionierung des Menschen in Hinsicht auf biologische, soziokulturelle und symbolische Eigenschaften. Die Arbeit an sich selbst, was nichts anderes bedeutet, als eine allgemeine und umfassende Disziplinierung des Individuums zur Verbesserung seiner selbst und somit der Welt.

    Einen besonderen Raum nehmen dabei sogenannte „spirituelle Übungssysteme“, auch Religionen genannt, ein. Nun haben wir gerade erst in Nis-Momme Stockmanns Stück Die Kosmische Oktave gelernt, dass der Individual-Wahn mit seinem Streben nach Einzigartigkeit und Ausschöpfung aller persönlichen Möglichkeiten durchaus auch einen geheimen Wunsch nach Uniformierung impliziert. Der Mensch ist bei seiner Suche nach Selbsterkenntnis und -verwirklichung ganz besonders anfällig gegenüber jeglicher Art spiritueller, religiöser oder parawissenschaftlicher Ansprache. Ratgeberliteratur, Selbsthilfegruppen, Lebenstipps aus Zeitschriften, Weblogs und entsprechenden Internetseiten verbreiten dabei nicht nur verschiedenste Anregungen und Ansichten, sondern auch jede Menge unbelegtes Halbwissen.

    (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY
    (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

    Womit wir dann auch beim eigentlichen Thema sind, dem sich das Ensemble der ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY um Regisseur und Autor Fränk Heller in ihrer neuen Theaterproduktion mit dem gleichermaßen philosophischen wie programmatischen Titel Du musst dein Leben ändern widmet. Gleich beim Einlass ins SchwuZ, dessen Clubräume sich hinter einem unscheinbaren Neuköllner Garagentor labyrinthartig ausbreiten, wird einem von einer vollkommen überzeugend argumentierenden jungen Frau gesegnetes Liebeswasser für 59 € die Flasche angeboten. Sie nennt es eingeweckte Liebe. Ob nun zur inneren oder äußeren Anwendung muss ihr Geheimnis bleiben, denn schon wird man von einem jungen Mann in seinen Bann gezogen, der von sich behauptet, the cutest Boy in Town zu sein. „My car is fast, my teeth are shiney / I tell all the girls they can kiss my heinie“ singt dieser cool actin’ Boy und seine Jünger schwören auf Bobs Fähigkeiten als Körpercoach.

    In einem Nebenraum sitzt ein Mann, der eine platonische Beziehung zur Stimme seines Navigationsgeräts im Auto pflegt, die sich nach Belieben ein- und ausschalten lässt. Er ist wegen eines Hilferufs seines Bruders auf dem Weg nach Berlin. Wir beobachten weiter ein schwules Pärchen im Disput über eine den Beziehungsalltag rettende Idee einer Weltreise. Zögerlichkeit gegen klare Ansage. Jeder pflegt hier seine ganz persönliche Neurose nach dem Motto: In Schöneberg hocken wie Kant in Königsberg, nur von Vernunft keine Spur. Raus aus der Do-it-your-self-Gemütlichkeit, Angst vorm Verlieren ist Bäh. Wenn nur jemand eine Richtung vorgeben könnte. Man sehnt sich nach Führung und schreitet bestens angeleitet zur Vermessung des Ichs. Der Macho Bob dringt vor zur neuen Epoche der Männlichkeit und will dafür Herzblut und nicht nur sein Sperma verschwenden.

    Das Zusammentreffen aller erfolgt fast zwangsläufig auf dem Dancefloor des Nachtclubs. Zu Electro-Beats mischen sich problembeladene Schwule wie Heteros, tanzen, baggern, reden und versuchen ihr Ego zu wahren, bis die festgefügte Fassade zu bröckeln beginnt. Bob trifft seinen schwulen Halbbruder Bernd, um sich Rat zu holen. Beim großen Coach in Liebesdingen herrscht nämlich schon länger tote Hose. Beide führen ein selbstverleugnendes Doppelleben und auch der Rest der ausgebrannten Gesellschaft hält sich nur mit schaler Esoterik und Internetwissen über Karma und feinstoffliche Wesen über Wasser. Skeptiker erzeugen da nur schlechte Vibes und Negativstimmungen. Die Wurzel des Problems wird längst durch die vielen Ratgeberstimmen überdeckt, erlittenes Unheil als Chance verkauft. Einfach loslassen und die Resettaste zum Neustart drücken, ist die Devise.

    (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY
    (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

    Heller lässt seine Figuren hier in völliger Konfusion zusammenprallen, was auch zuweilen für etwas Verwirrung beim Zuschauer sorgt. Das Tempo und andauernde Stimmengewirr lässt einem auch kaum Zeit, Atem zu holen, um das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten. An sich ist das Setting des SchwuZ dafür schlau gewählt und die Thematik auch gut durchdacht. Etwas Straffung täte der Story aber durchaus gut. Man verliert sich doch etwas in den schönen Bildern und übt sich in Phraseologie. Fränk Heller löst das Problem der inneren Unruhe und Fremdbestimmung seiner Protagonisten auch nicht auf. Er schafft mit seinem ironischen Text jedoch berechtigte Zweifel am Ritus des sich stets erneuernden Menschen. Der Rausschmeißer kommt in Gestalt der Putzfrau, die den intellektuellen Problemmüll mit Wortgewalt und haarigem Besen auskehrt. Die Party ist hier aber noch lange nicht am Ende.

    DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN!
    ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY
    Premiere war am 02.04.2014 im SchwuZ
    Rollbergstraße 26
    12053 Berlin-Neukölln

    Regie und Text: FRÄNK HELLER
    Recherche u. Dramaturgie: JUDITH KÖNIG
    Choreographie: TOMER ZIRKILEVICH
    Musik: MARCELO ROYO
    Licht: JULIA KLEINKNECHT
    Sound: SERGIO MARINARO
    Video: SIMON WECKERT
    Maske: SEMIH USTA
    Bühne: BENJAMIN MENZEL, JOHANNES SCHNEIDER
    Produktion: MARKUS WECHSLER
    Spiel:
    KEVIN BRANDSTÄTTER, IRIS MARIE DUFFEK, RONAN FAVERAU BERTHELO, NINA HEITHAUSEN, NATASCHA MATTMÜLLER, MAX PHILLIP SCHRÖDER, PETER STEINKOHL, DENITSA STOYANOVA, LAURA PREUSSING, MARKUS WECHSLER, TIBOR WOLF

    Karten und weitere Infos: http://www.efb-company.de/de/projects/du_musst_dein_leben_aendern.html

    Termine:
    MITTWOCH, 9. APRIL 2014
    Einlass 20.30 Uhr
    danach Party im SchwuZ: Populärmusik
    MITTWOCH, 16. APRIL 2014
    Einlass 20.30 Uhr
    danach Party im SchwuZ: Populärmusik

    Zuerst erschienen am 06.03.2014 auf Kultura-Extra.

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    Woyzeck III – Magic Murder Mystery
    Eine Stückentwicklung frei nach Georg Büchner von Mirko Borscht und Ensemble am Maxim Gorki Theater.

    Am Maxim Gorki Theater sind seit Neuestem Rechercheprojekte und gemeinsame Stückentwicklungen in Mode gekommen. Nach Falk Richters Small Town Boy und Yael Ronens Common Ground nun also Woyzeck III – Magic Murder Mystery. „Wie viel Woyzeck braucht der Mensch?“ fragen das Ensemble und Regisseur Mirko Borscht in ihrer gemeinsamen Arbeit frei nach Georg Büchner. Eine Frage, die man durchaus auch ganz ketzerisch in „Wie viele Woyzecks verkraftet ein Theaterabend?“ abwandeln könnte. Ausgehend von Büchners Dramen-Fragment um den einfachen Soldaten Franz Woyzeck, der, getrieben durch innere Stimmen und eine ihn quälende Umwelt, aus Eifersucht seine Geliebte Marie ersticht, soll hier verhandelt werden, was genau einen denn da so umtreibt. Ein Blick in den Abgrund des Menschen, zwischen Liebe und Hass, Leben und Tod. „Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.“ – wie es bei Büchner heißt. Oder besser noch: „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“

    Woyzeck III am Maxim Gorki Theater - Foto (c) Esra Rotthoff
    Woyzeck III am Maxim Gorki Theater
    Foto (c) Esra Rotthoff

    Regisseur Mirko Borscht kommt vom Film. Mit Combat Sechszehn, einem Film über das Abdriften eines Jugendlichen in die rechtsextreme Szene, hatte er 2005 einen ersten größeren Kinoerfolg. Borscht greift in seinen Theater- und Kinoarbeiten immer wieder Extreme und Abgründiges in der Gesellschaft auf. Es scheint ihn wie magisch anzuziehen. Bühnen-Adaptionen von Werken der Schriftsteller Wladimir Sorokin und Matias Faldbakken zeugen ebenfalls von dieser Obsession. Die beiden bilden auch den Grundstock der Inspiration für das nun aufgeführte Theater-Projekt, das mit Texten von Clemens J. Setz, Julian Jaynes, dem Ensemblemitglied Dimitrij Schad und einem weiteren Extremisten der deutschen Underground-Literatur Jörg Fauser aufwartet. Fausers Kriminalromane und seine eigene Biografie sind mit Sicherheit eine Fundgrube des Abstrusen. Durch die amerikanischen Beatpoeten beeinflusst, griff Fauser zur Cut-up-Methode und unter Drogen auch mal gedanklich zur Pistole, was uns zu William S. Burroughs führt, dem Vater der Beatniks, der versehentlich seine Frau erschoss und dessen Roman Naked Lunch auch mal kurz in Borschts Woyzeck-Projekt auftaucht.

    Hier wahrscheinlich aber eher in der Kino-Fassung von David Cronenberg, den Borscht zwar nicht in seinen Quellenangaben aufführt, der aber mit seinen zahlreichen Horror- und Science-Fiction-Streifen durchaus Pate für diese Inszenierung gestanden haben könnte. Orientiert hat man sich hier laut Angabe am französischen Dokumentar- und Experimentalfilmer Philippe Grandrieux, dem US-Regisseur Abel Ferrara und dem US-Drehbuchautoren Nic Pizzolatto. Da hängt Borscht die textliche und visuelle Messlatte natürlich ziemlich hoch. Dem Urheberecht ist das Team jedenfalls ganz geschickt und durchaus künstlerisch ambitioniert aus dem Weg gegangen. Wie Burroughs und Fauser bedient man sich ebenfalls einer Art des Cut-ups, zerschnipselt das vorliegende Text- und Bildmaterial und puzzelt das Ganze zusätzlich beballert mit eigenen Überschreibungen als Collage wieder zusammen.

    Herausgekommen ist ein düster-magischer Abend, der um das Morden in all seine Facetten kreist. Das Töten aus Gier, Eifersucht, Hass oder Leidenschaft, es wird hier in losen aneinander gereihten Spielszenen von den fünf Darstellern Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Friederike Bernhardt, Dimitrij Schaad, Falilou Seck und Till Wonka immer wieder recht plastisch vorgeführt. Es beginnt aber mit einer sehr interessanten, wenn auch etwas fantastisch anmutenden Fassung der Urschöpfung. Falilou Seck trägt den Bericht zur melancholisch-klassischen Klaviermusik der Musikerin Friederike Bernhardt vor. Es geht um die Wandlung des unendlichen Lichts zum Universum, die Entstehung Gotts aus einer Träne, die Schaffung der Welt, des Menschen und des ersten für Gott begangenen Mords. Was darin mündet, dass sich der Mensch fortan in Schmerz in seine Urform der Unschuld zurücksehnt und darum weiter mordet. Auf einer Videoleinwand ist der Rückraum der Bühne zu sehen, auf der Till Wonka Leichenpuppen in einem Totem-Kreis drapiert und gelegentlich mit der Axt bearbeitet. Dazu stößt er Laute und Kommentare aus, die den ersten Woyzeck-Darsteller Tamer Arslan zur Tat treiben sollen.

    Dem mit einer  Langhaarperücke ausgestattetem Zauderer redet Dimitrij Schad als diabolischer Demagoge alle möglichen Gründe für eine Ermordung seiner Frau ein. Mareike Beykirch gibt erst eine Frauenleiche und dann wohl eine recht resolute Marie, die ihren Woyzeck ebenfalls provoziert und wohl an die auch auf dem Programmzettel angegebene Schriftstellerin und Radikalfeministin Valerie Solanas, die durch ihr SCUM-Manifest und Schüsse auf den Popart-Künstler Andy Warhol für Aufsehen sorgte, angelehnt ist. Ansonsten ist eine Rollenaufteilung schlecht auszumachen. Man bewegt sich recht frei eines zwingenden Regiekonzepts zu orgelnden Elektroklängen und flimmernden Videos über die Bühne, und der Zuschauer hat dabei schon etwas Mühe den Faden nicht zu verlieren. Faliou Seck rezitiert im Bühnenhintergrund düstere Verse und es laufen Geschichten ab, die von echten Mördern wie dem als Unabomber bekanntgewordenen US-Amerikaners Ted Kaczynski oder dem britischen Massenmörder Dennis Nilsen inspiriert sein könnten.

    Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.
    Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

    Mirko Borscht lässt nichts unversucht, das Publikum mit visuellen Reizen zu überfordern und Mord als Ursache suchender, durch Schuld getriebener Wesen darzustellen. Dabei verliert die sichtlich an sich selbst besoffene Inszenierung irgendwann jegliches Gespür für ein Ziel, Zeit und einen tieferen Sinn. Der ist wohl angesichts des schweren Themas und gruftigen Settings auch nicht ernsthaft zu erwarten. Als tatsächlicher Lichtblick der Inszenierung schält sich schließlich der im Mittelteil von Dimitrij Schad vorgetragene, selbst gestaltete Monolog nach den Theorien des US-amerikanischen Psychologen Julian Jaynes heraus. Hier ist die Rede von einer, noch in der Antike vorherrschenden, bikameralen Psyche des Menschen. Sie greift die bei schizophrenen Menschen auftretende Stimmenproblematik auf, und zeichnet, anhand der Heldensagen des Homer, den Menschen als von göttlichen Stimmen in seinem Gehirn fremdbestimmten Menschen. Erst später entwickelte sich durch soziale Gegebenheiten ein Bewusstsein, das diese Stimmen verdrängte. Die alten Götter schienen tot, und der Mensch erfand in Form von neuen Religionen die notwendigen moralischen Instanzen. Etwas, was durchaus diskussionswürdig wäre, aber sicherlich zeitlich eine Theatervorstellung sprengen dürfte.

    Danach zerfließt das Ganze immer mehr in Kunstnebel, Kunstanstrengung und visueller wie textlicher Beliebigkeit. Man schaut wie in eine sich drehende Dreamachine von Brion Gysin, bis es einem vorm Auge zu flimmert beginnt. Allerdings ohne wirklichen visionellen Zugewinn. Die Inszenierung wiederholt und erschöpft sich schließlich in einer symptomatischen Feststellung, dass jeder Ausweg gleich enttäuschend und sinnlos sei. Etwas versöhnlich aber auch unbefriedigend dann das Schlussbild mit einem sich im wahrsten Sinn des Wortes zusammenraufenden Paar. Liebe als Ausweg? Dem stünde dann nur noch der so schuldbeladene Mensch selbst im Weg.


    Woyzeck III – Magic Murder Mystery
    frei nach Georg Büchner
    von Mirko Borscht und Ensemble
    Premiere: 04.04.2014 am Maxim Gorki Theater
    Regie: Mirko Borscht
    Bühne: Christian Beck
    Kostüme: Elke von Sivers
    Musik: Friederike Bernhardt
    Video: Hannes Hesse
    Dramaturgie: Holger Kuhla
    Mit:
    Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Friederike Bernhardt, Dimitrij Schaad, Falilou Seck und Till Wonka

    Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/woyzeck-iii/743/

    Zuerst erschienen am 06.03.2014 auf Kultura-Extra.

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