Autor: Stefan Bock

  • „Wir sind nicht das Ende“ von Carsten Brandau. Ein intensives Kammerspiel in der Regie von Manuel Harder zu Gast am Ballhaus Ost.

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    Die Ewigkeit hat 738 Flügel, weiß Ziad, einer der Attentäter des 11. Septembers. „Wir sind nicht das Ende.“  beteuert er seiner zurückgelassenen Frau. Diese Gewissheit über das Paradies kann Aisha nicht teilen. Sie hat die realen Bilder der für sie unbegreiflichen Tat vor Augen und Fragen, die ihr der tote Geliebte nicht mehr beantworten kann, im Kopf. In einem Brief Ziads, den Aisha von einem Beamten des BKA zusammen mit einem Paket erhält, beschwört dieser noch einmal ihre immerwährende Liebe: Du darfst keinen Zweifel daran haben. Ich liebe Dich und ich werde Dich immer lieben bis zur Ewigkeit”.

    Wir sind nicht das Ende - Foto © Rolf Arnold
    Wir sind nicht das EndeFoto © Rolf Arnold

    Der Hamburger Autor Carsten Brandau hat die, auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte einer jungen türkisch-deutschen Ärztin dramatisiert und Regisseur Manuel Harder verdichtet diesen Text zu einem intensiven, atmosphärisch tiefen Kammerspiel. Eine Tour de Force durch die verstörte Gefühlswelt einer Frau, die um ihre zerstörte Liebe ringt. Bereits 2008 hat Manuel Harder Carsten Brandaus Drama in Dortmund uraufgeführt. In einer Neuinszenierung brachte der Schauspieler und Regisseur Harder das Stück dann 2011 mit Birgit Unterweger und seinem Bruder Günther Harder auch in der Skala, der kleinen Spielstätte des Centraltheaters Leipzig, heraus. Alle drei waren bis vor kurzem Schauspieler im Ensemble von Sebastian Hartmann und arbeiten nun u.a. in Hannover, Weimar und Frankfurt. Am 25. Februar erlebte die Inszenierung im 4. Stock des Ballhaus‘ Ost ihre Berlinpremiere.

    Aisha (Birgit Unterweger) glaubte den Mann, mit dem sie drei Jahre verheiratet war, bis zu seiner Narbe am Unterschenkel und deren Geschichte zu kennen. Nun fühlt sie sich getäuscht. Ist Ziad nur ein Blender, hat er ihre Liebe missbraucht? Diese und andere Ungewissheiten quälen die junge Frau und treiben sie bis zur Raserei. Wie im Wahn beginnt sie ein Zwiegespräch mit dem, der sie verlassen hat. Nur in ihren Träumen ist Ziad nie weggegangen. Hier reflektiert Aisha nun ihre gemeinsame Beziehung aus den Erinnerungen der Jahre mit den Stationen Greifswald, wo sie den jungen Libanesen kennenlernte, über Bochum, bis zu ihrem plötzlichen Abschied in Hamburg. Ziad wollte nach Amerika um Pilot zu werden, sie ihr Studium der Medizin beenden.

    Dies ist der Punkt, an dem beider Wege auseinandergehen und sich wenig später auf einem Acker in Pennsylvania verlieren. Zweifel, Selbstvorwürfe und Spekulationen brechen sich nun in Aisha Bahn. Günther Harder gibt ihr imaginiertes Gegenüber. Mal ist er Ziad, mal ein Fremder oder ein Ermittler des BKA, der Aisha beim Verhör über ihren, für sie in immer weitere Ferne rückenden Mann befragt. Wer war er? Was wusste sie wirklich über ihn? Aisha kämpft mit sich und ihren verwirbelnden Erinnerungen an Ziad, auch wenn diese wie mehrfach kopierte, unscharfe Fahndungsfotos zu verblassen scheinen. Nur einmal gelingen frohe und ungetrübte Momente einer Fahrt nach Paris.

    Wir sind nicht das Ende im Ballhaus Ost - Foto: St. B.
    Wir sind nicht das Ende im Ballhaus Ost – Foto: St. B.

    Manuel Harder umwirbt Birgit Unterweger mal zärtlich, mal herausfordernd, verspricht als Ziad immer wieder, Aisha dereinst abzuholen. Er geriert sich dabei sogar als mystische Ikone eines Märtyrers. Nur Aisha zweifelt daran, dass er vom Himmel herabsteigen wird. Sie umkreisen und umarmen sich, verbrennen aneinander. Birgit Unterweger ist der aktive Part dieses Stücks. Mit körperbetontem Spiel und gewaltiger Stimme dominiert sie diesen Part selbst noch in den schwachen Momenten ihrer Figur. Die wenigen Requisiten wie Papierblätter, Scheinwerfer und Mikrofon sowie die dezent eingesetzte Musik im Hintergrund passen sich dem körperbetonten Spiel gut an.

    Auch wenn Autor Brandau seinen Text immer wieder mit mystischer Symbolik auflädt, setzt Regisseur Harder ihn in recht einfache, eindrückliche Bilder um. Die Liebenden ringen miteinander, bis Ziad schließlich am Boden liegt. Es geht nur am Rande um die religiösen Motive der Attentäter, und die Frage nach einem Sinn bleibt unbeantwortet. Der Terrortat des Geliebten kann Aisha nur die Radikalität ihrer Liebe entgegensetzen. Doch sie muss weiterleben, und schneidet sich diese wie ein Stück Fleisch aus dem Körper. Ein Herz das blutet. Der Rest verliert sich im Dunkel.

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    Wir sind nicht das Ende
    von Carsten Brandau
    Regie: Manuel Harder
    Sounds: Raphael Tschernuth
    Dramaturgische Mitarbeit: Daniel Jurisch
    mit: Günther Harder, Birgit Unterweger

    weitere Termine: 27. Februar und 2. März um 20:00 Uhr im Ballhaus Ost

    Infos: http://www.ballhausost.de/index.php?article601&sub=20

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  • Dorothy Iannone – This Sweetness Outside of Time. Gemälde, Objekte, Bücher 1959 – 2014 in der Berlinischen Galerie

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    Für fleißige Berliner GaleriegängerInnen ist die 1933 in Boston, Massachusetts geborene Malerin, Grafikerin, Objekt- und Videokünstlerin Dorothy Iannone sicher keine Unbekannte mehr. Bedenkt man aber, dass sie bereits seit 1976 in Berlin lebt, lässt die Präsenz dieser außergewöhnlichen Künstlerin bei größeren Ausstellungen in der Stadt (die letzte war die Berlin Biennale 2006) doch noch zu wünschen übrig. Mit dieser ersten großen Retrospektive in der Berlinischen Galerie – ein Jahr nach ihrem 80. Geburtstag – dürfte sich das nun sicher ändern.

    Dorothy Iannone: The Next Great Moment in History is Our (1970) -
    Dorothy Iannone: The Next Great Moment in History is Our, 1970 – Courtesy die Künstlerin, Air de Paris, Paris, und Peres Projects, Berlin, Foto: Joachim Littkemann

    Dorothy Iannone studierte von 1953 bis 1958 amerikanische und englische Literatur in Boston und Waltham, Massachusetts. Bereits in diese Zeit fallen ihre ersten noch informell wirkenden Collagearbeiten, Zeichnungen und Gemälde, die im ersten Raum der Ausstellung zu sehen sind. In den stark farbig-ornamentalen Werken zu Anfang der 1960er Jahre tauchen dann erste Figuren auf. In ihren erotischen Bildergeschichten thematisiert Dorothy Iannone nun konkret sexuelle Beziehungen zwischen Mann und Frau. Dabei erregten vor allem die prall zur Schau gestellten weiblichen Sexualorgane großes Aufsehen. In der 1969 in Bern gezeigten Skandalausstellung „Dialogues“ wurden diese vom Kurator sogar überklebt. Dorothy Iannones, auf den ersten Blick an die weitaus bekanntere Künstlerin Niki de Saint Phalle erinnernden, farbenfrohen Figuren, entwickeln beim genaueren Hinsehen aber einen viel intensiveren Sog als die gemütlich gerundeten Nana-Figuren der französischen Bildhauerin. Sehr offen erzählen sie von alltäglichen Geschichten, die sich nicht nur über den Text vermittelt, sondern auch bildlich eindrucksvoll von Liebe, Lust und Glück oder auch Macht, Schmerz und Abhängigkeit berichten.

    Eine ihrer wohl innigsten Liebesbeziehungen verband Dorothy Iannone mit dem Fluxus-Künstler Dieter Roth (seit kurzem wieder durch die Inszenierung seines aus einem Wort bestehenden Stücks Murmel Murmel von Herbert Fritsch an der Berliner Volksbühne bekannt geworden). Roth wurde für sie eine Quelle der Inspiration und männliche Muse zugleich. In der Ausstellung wird der Beginn dieser Lovestory in Form eines meterlangen, reich bebilderten und mit Texten versehenen Leporellos vor dem Betrachter ausgebreitet. Retrospektiv angelegt, reflektierte Dorothy Iannone hier wie in einem Bild-Tagebuch ihre Eindrücke und Gefühle vom schweren Ende und dem Neubeginn einer Liebe. Und so sollte sie es auch weiterhin tun. Als Iannone sich 1974 wieder von Roth trennte, verarbeitete sie auch diesen Einschnitt in ihr Leben künstlerisch. Aua, Aua heißt eine ihrer zahlreichen Installationen aus bemalten Sperrholzboxen, mit Videoscreen und Kassettenrekorder. Selbst noch im Jahr 2000 klagt Iannone in einem Bild: „Miss My Muse“.

    Dorothy Iannone: Let the Light from My Lighthouse Shine on You, 1981 - Privatsammlung Schweiz, © Dorothy Iannone, Foto: Jochen Littkemann, Courtesy Air de Paris, Paris
    Dorothy Iannone: Let the Light from My Lighthouse Shine on You, 1981 – Privatsammlung Schweiz, © Dorothy Iannone, Foto: Jochen Littkemann, Courtesy Air de Paris, Paris

    Die reich bemalten Speaking oder Singing Boxes nehmen einen nicht unbedeutenden Raum in der Ausstellung ein und vermitteln neben den Bildern eine weitere interessante Facette in Dorothy Iannones Schaffen. Warmherzig aber mit viel Ironie ist hier auch ihre Stimme zu vernehmen, beim Singen von Brechtsongs (z.B. dem Surabaya Johnny), dem Huldigen ihrer Hassliebe Berlin („Du meine alte Liebe, Berlin bleibt doch Berlin!“) oder in der Videobox Follow Me bei einer Ansprache an die Männer. Iannone beschwört hier eine mythische, in die Zukunft weisende matriarchalische Ära. Eine Art Goldenes Zeitalter, in dem die Frauen zentrale gesellschaftliche Rollen einnehmen werden. „The Next Great Moment in History is Our.” heißt eines ihrer Bilder von 1970. Eine Ikone der „Women‘s Liberation“ ist Dorothy Iannone dennoch nicht geworden. Wenn sie mit ihrer expliziten Kunst auch immer wieder auf Ablehnung stieß, bleibt die Künstlerin doch auch weiterhin um Ausgleich bemüht. Die Zeiten von Zensur, überklebten Genitalien oder zerstörten Kunstwerken sind allerdings noch immer nicht vorbei, und die von Iannone, in ihren Bildern angestrebte Human Liberation noch bei weitem nicht überall erreicht.

    Neben den vielen psychedelisch-ornamentalen Bildern, Schrift- und Klang-Objekten sind auch einige der Künstlerbücher von Dorothy Iannone zu sehen. Auffallend hier vor allem The Berlin Beautys aus den Jahren 1977/78. In einem comicartigen Langgedicht preist sie hier die Sehnsucht nach Liebe anhand des fiktiven Liebhabers Danton. Hatte sich Dorethy Iannone bereits seit den 1970er Jahren mit mythischen Motiven (Kleopatra, Venus, Penthesilea und Achilles) beschäftigt, wendet sie sich in den 1980er Jahren dem tibetischen Buddhismus zu. Ihre nun an indische Vorbilder gemahnende Malerei bekommt dabei eine stark Mantra-artige Bildsprache. Hier heißt es u.a. Om Ah Hum (Ein Mantra zur Reinigung), Let The Light From My/Your Lighthouse Shine On You/Me, Love The Stranger, oder einfach nur Yes. Eine fröhliche, lebensbejahende Kunst. Die Ausstellung schließt mit mehreren flachen, farbig bemalten Sperrholzskulpturen, die Stills aus Lieblingsfilmen der Künstlerin wie The Piano oder Brokeback Mountain darstellen. Mit den Movie-People aus den Jahren 2009/10 greift Dorothy Iannone ihre Cutout-Werkserie People aus den 1960er Jahren wieder auf, die ebenfalls in der Schau zu sehen ist. Der Katalog zur Ausstellung ist eine wunderbare Ergänzung zur Vertiefung in diese zeitlos schönen Bilderwelten.

    Dorothy Iannone: Brokeback Mountain, aus der Serie Movie People, 2010 - Courtesy die Künstlerin, Air de Paris, Paris, und Peres Projects, Berlin, Foto: Hans-Georg Gaul
    Dorothy Iannone: Brokeback Mountain, aus der Serie Movie People, 2010 – Courtesy die Künstlerin, Air de Paris, Paris, und Peres Projects, Berlin, Foto: Hans-Georg Gaul

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    Dorothy Iannone
    This Sweetness Outside of Time
    Gemälde, Objekte, Bücher 1959–2014
    20.02. – 02.06.2014
    Berlinische Galerie
    Landesmuseum für Moderne
    Kunst, Fotografie und Architektur
    Alte Jakobstraße 124–128
    10969 Berlin

    Weitere Infos: http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/

    Zuerst erschienen am 25.02.2014 auf Kultura-Extra.

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  • „Auf hoher See“ von Sławomir Mrożek und „Philoktet“ von Heiner Müller in einer weiteren Doppelpremiere am bat-Studiotheater der HfS „Ernst Busch“

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    Delikater Zickenkrieg auf hoher See.

    Sławomir Mrożek, 2006 – Foto: Mariusz Kubik (Wikimedia Commons)
    Sławomir Mrożek, 2006
    Foto: Mariusz Kubik (Wikimedia Commons)

    Dem im letzten Jahr 83jährig verstorbenen polnischen Schriftsteller und Dramatiker Sławomir Mrożek wurde in zahlreichen Nachrufen immer wieder bescheinigt, ein glänzender satirischer Erzähler zu sein, der mit viel Witz und geschliffenen Formulierungen den Absurditäten unserer Wirklichkeit zu Leibe rückte. Mit seinen gesellschaftssatirischen Theaterstücken Die Polizei, Tango, Striptease oder Die Emigranten feierte er in den 1960er und 70er Jahren auch in Deutschland große Erfolge. Sein etwas in Vergessenheit geratener Einakter Auf hoher See taucht auch heute immer mal wieder auf den Spielplänen kleiner deutschsprachiger Studiobühnen auf. Gute Voraussetzungen also für eine Neuinszenierung am bat-Studiotheater der HfS „Ernst Busch“.

    In der Regie von Rebecca Charlotte Bussfeld sind (wie bei Mrożek) nicht etwa drei Männer in den Hauptrollen zu sehen. Der dicke, der mittlere und der schmächtige Schiffbrüchige werden hier von den Schauspielschülerinnen Carolin Hartmann, Deleila Piasko und Mariananda Shemp gespielt. Und wie zur Bestätigung dessen läuft zum Einlass die Dance-Hymne „We Are Girls“ des schwedischen Pop-Duos Rebecca & Fiona. Auf einem schräg abgesägten Containerdach mit halb erkennbarem Markenaufdruck eines führenden Lebensmittelherstellers bewegen sich die drei wie zur Disco Kostümierten auf Balance-gefährdenden High Heels zu den Rhythmen des Songs auf schiefen Ebenen. Verteilt über das Dach liegen Reste der konsum- und unterhaltungsorientierten Wegwerfgesellschaft wie Popcornkartons und Schokoriegel.

    Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 2Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 3Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 1Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 4

    Auf hoher See. Fotos (c) Magdalena Bichler

    Die letzten Büchsen mit Kalbsfleisch und Erbsen sind zur Neige gegangen. Den aus nicht näher erläuterten Gründen auf diesem Floß gefangenen Damen verlangt es nach Essen. Verblüffende Erkenntnis: „Wir müssen nicht etwas, sondern jemanden essen.“ Nach fehlgeschlagenem diktatorischem Gehabe der größten Dame, Appellen an die Gerechtigkeit und den Kameradschaftsgeist einigt man sich schließlich auf eine demokratische Abstimmung mit obligatorischen Wahlkampfreden. Aber auch der abstruse Versuch eines als überlebt erachteten Parlamentarismus bringt nicht die erwünschte Entscheidung. Schönrednerische Posen wechseln mit Sticheleien und kleineren Boxkämpfen. Für zusätzliche Verwirrung der Protagonisten und weiteren Spaß sorgen Kurzauftritte von Nele Sommer als unverhoffte Telegrammzustellerin und Nanny.

    Einen Hauch zivilisatorischen Grundgebarens hat frau sich also in dieser aberwitzigen Situation noch bewahrt und versucht diesen schönen Schein auch bis zum bitteren Ende konsequent aufrechtzuerhalten. Wer hier nun die Stärkere, die Mitläuferin oder das vermeintliche Opferlamm ist, bleibt dabei noch weitestgehend offen. Bevor man dann über das auserkorene Opfer herfällt, muss es sich erst selbst dazu erklären. Die freiwillige Einsicht in die Notwendigkeit und eine höhere (wenn auch eingeredete) Wahrheit bringt schließlich die Entscheidung. „Ich bringe es noch zu etwas“, zumindest im Opfertod. Den drei Darstellerinnen gelingen hier einige bizarre Einblicke in menschliche Charaktereigenschaften. Allerdings wird die politische Dimension von Mrożeks Satire dabei nicht wirklich erreicht und auch das Besondere an diesem Zickenkrieg muss uns die Regie schuldig bleiben.

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    Lüge oder absolute Wahrheit? In Troja ist dein Tisch gedeckt.

    Heiner Müller - Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-047 - Link, Hubert - CC-BY-SA (Wikimedia)
    Heiner Müller
    Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-047 – Link, Hubert – CC-BY-SA (Wikimedia Commons)

    Nach den Damen und einer kurzen Pause sind die Herren der Schöpfung an der Reihe. Sławomir Mrożeks Satire Auf hoher See mit Heiner Müllers düsterer Tragödie Philoktet zu kombinieren, scheint nur auf den ersten Blick etwas abwegig. Heißt es doch da im Prolog: „Sie sind gewarnt. Sie haben nichts zu lachen. / Bei dem, was wir jetzt miteinander machen.“ Müllers Stück über Lüge, Demagogie und Manipulation steht aber in seiner Aktualität Mrożeks zeitlos gültiger Parabel auf menschliches Verhalten in nichts nach. Auch hier geht es letztendlich um die Einsicht zu einer Grundsatz-Frage.

    In Müllers Übertragung der Tragödie des Sophokles versucht der schlaue Ideologe Odysseus mit Hilfe des Neoptolemos, Sohn des Achills, den einst von ihm verwundet auf der Insel Lemnos ausgesetzten Philoktet wieder auf Linie zu bringen. Der Bogenschütze mit seinen Pfeilen des Herakles wird im Endkampf um Troja gebraucht. Also muss der nun die Griechen Hassende mit List vom großen, gemeinsamen Ziel überzeugt werden. Bei einem kleinen Vorspiel wird dem wartenden Publikum erstmal mittels eines coolen Take-Five-Jams nach Dave Brubeck, bei dem die fünf Schauspieler in den Zuschauerreihen sitzen, Müllers kurzer Prolog dargebracht. Eine böse Clowneske aus der Vergangenheit, ohne Lehre und Moral, als der Mensch dem Menschen noch ein Todfeind war. Dass Müller dabei wie immer auf eine vermeintlich fatale, geschichtliche Allgemeingültigkeit zielte, steht außer Frage.

    Die ersten Sätze werden dann chorisch aus dem Dunkel gesprochen, nur ein Scheinwerfer blendet das Publikum. Die strenge Dreierkonstellation des Stücks löst Regisseur Marcel Kohler zu Gunsten von fünf in den Rollen wechselnden Darstellern (Philipp Kronenberg, Nils Rovira-Munoz, Lukas Schrenk, Sebastian Schneider und Nils Strunk) auf. So, relativ frei von fester Personenzuschreibung agierend, ergeben sich für die Protagonisten immer wieder neue spannungsgeladene Konstellationen. Die Rolle des Demagogen, des Verführten („… ein Helfer, der lügt“) und des Abtrünnigen wechseln beständig und lassen dadurch keine klare Identifikation zu. Jeder ist verwickelt in das Spiel um Lüge und absolute Wahrheit.

     

    Philoktet. Grafik (c) Philipp Kronenberg
    Philoktet. Grafik (c) Philipp Kronenberg

    Bei einer trunkenen Verbrüderungsszene tanzen alle Kämpfer ausgelassen zu griechischer Musik. Neoptolemos steht dann zunächst noch allein gegen eine ganze Philoktet-Gruppe. Nachdem er den begehrten Bogen errungen hat, kehrt sich diese Konstellation plötzlich um. Nun steht Philoktet allein, in einer Art schiefem Metallquader gefangen. Der jeweilige Odysseus bleibt bei all dem meist auffällig im Hintergrund. Im Disput mit Philoktet und Odysseus wechselt der schwache Neoptolemos mehrfach die Seiten. In einem starken Solo zu Rockmusik bewegt sich der Betrogene Philoktet voll Rachedurst, alle Möglichkeiten innerlich abwägend, wie rasend im Geviert. Der Rest der Gruppe wartet dabei still auf das Ende dieser Raserei. Doch Zeit ist Mörderin und der Gruppendruck wächst. Ein athletischer Stangenkampf ist die Folge.

    Seinen Wankelmut endgültig korrigierend, tötet Neoptolemos schließlich Philoktet hinterrücks auf dessen Höhepunkt, der Demütigung des Odysseus. Der kann ihn daraufhin wieder für sich instrumentalisieren, und sei es als Schutzschild oder toten Märtyrer. Ein Regen aus scheppernden Blechmasken und bekannten Parolen unserer Zeit (Yes, We Can!) weisen den Weg von Troja bis zum Hindukusch. Ein jederzeit spannungsgeladenes Spiel, das es nicht ganz ohne Witz versteht, uns den schwierigen Dramatiker Heiner Müller mal wieder etwas näher zu bringen.

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    bat-Studiotheater - HfS Ernst Busch
    bat-Studiotheater – (c) HfS Ernst Busch

    Auf hoher See
    Regie: Rebecca Charlotte Bussfeld
    Bühne und Kostüm: Elisabeth Wendt
    Dramaturgie: Tina Ebert
    Musik: Tom Virkus
    Es spielen: Carolin Hartmann, Deleila Piasko, Mariananda Shemp und Nele Sommer

    Philoktet
    Regie und Bühne: Marcel Kohler
    Musik: Alex Semrow
    Dramaturgie: Josephine Tietze
    Es spielen: Philipp Kronenberg, Nils Rovira-Munoz, Lukas Schrenk, Sebastian Schneider und Nils Strunk

    Die Doppelpremiere war am 21. Februar 2014.

    letzte Doppelpremiere vom  31. Januar 2014

    Weitere Infos: http://www.bat-berlin.de/spielplan-archiv/

    Zuerst erschienen am 23.02.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Love Steaks – eiskalt und kurzgebraten. Der Max-Ophüls-Preisträgerfilm von Jakob Lass zu Gast auf der Berlinale 2014.

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    Berlinale 2014
    Berlinale 2014

    Ein Experiment für Freiheit möchte die Liebeskomödie Love Steaks sein. Nach Frontalwatte (2011) legt Jakob Lass seinen zweiten Lang-Spielfilm in Koproduktion mit der HFF Potsdam vor. Der bereits im München und Saarbrücken ausgezeichnete Film lief in schöner Tradition als Max-Ophüls-Preisträger am Abschlusstag der diesjährigen BERLINALE in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“.

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    Rennt der leicht tollpatschige mit einem Sprachfehler behaftete Franz (Franz Rogowski) auf der Suche nach Liebe in Frontalwatte noch weich abgefedert gegen die Wand, muss sich der schüchterne, männliche Protagonist Clemens (wieder Franz Rogowski) in Love Steaks im rauen See-Klima eines Wellness-Hotels an der deutschen Ostseeküste behaupten. Auch wird der noch ganz idealistische Neuankömmling im eher sanft-esoterischen Spa-Bereich des Hotels nicht gerade nur in Watte gepackt. In der Besenkammer einquartiert, sieht sich der Nachwuchs-Masseur und Vegetarier bald mancherlei Verunsicherungen und fleischlichen Gelüsten ganz anderer Art ausgesetzt.

    Der Fahrstuhl führt Clemens zudem in die niederen Bereiche der heilen Wellness-Welt. Hier trifft er auf Lara (Lana Cooper), die eine Lehre in der Küche des Hotels absolviert. Und auch dort sorgt man für das leibliche Wohl der gutsituierten, nach vielerlei hungernden Klientel. Am Herd herrscht ein herzlich-rauer Ton, dem sich Lara in ihrer schonungslos offenen Art gut angepasst hat. Den Ausbruch aus der strengen Hierarchie des männlich dominierten Küchenpersonals probt die junge Frau mit Hilfe von taffen Sprüchen und ständig verfügbarem Alkohol. Harter Rock und ein Hang zur Exzentrik lassen sie immer wieder mal unsanft anecken. Aus einer anfänglichen Irritation erwächst schließlich eine gewisse Sympathie zum zunächst noch unsicheren Clemens, der sich aber schnell als der gesuchte Ruhepol und Rettungsanker für die quirlige Lara erweist.

    Franz Rogowski und Lana Cooper in Love Steaks © Hochschule für Film und Fernsehen HFF Konrad Wolf
    Franz Rogowski und Lana Cooper in Love Steaks
    © HFF Konrad Wolf

    Diese zwei so gegensätzlichen Charaktere ziehen sich von Anbeginn förmlich magisch an, auch wenn sie sich dann im wahrsten Sinne des Wortes regelrecht zusammenraufen müssen. Es entwickelt sich ein interessantes Spiel aus wechselseitiger Dominanz und Sich-fallen-lassen-Können. Von Blut- und Fleischpimmel-Philosophien über Nackttests im Kühlraum bis zur peinlichen Anmache zwecks Angstüberwindung wird dem armen Clemens dabei einiges abverlangt. Bei ihren ungewöhnlichen Annäherungsversuchen geraten die beiden schnell in ständige Beobachtung durch das ranghöhere Hotelpersonal („Der Fuchs schläft nicht, er schlummert nur.“) und werden so zum allgemeinen Betriebsgespräch. Während Clemens schließlich seine eigene Stimme findet, verfällt Lara wieder in alte Verhaltensmuster. Trotz der von Clemens praktizierten Therapieversuche manueller und spiritueller Natur lässt sich Laras Aggressionspotential nicht in die von ihm erwünschte positive Lebensenergie wandeln.

    Zusätzliche sorgen die gut gemeinten Bemühungen von Clemens, Laras Alkoholprobleme auf seine Weise zu lösen, für Missverständnisse. Den beiden fällt es schwer, sich dem anderen bedingungslos zu öffnen. Wie sich die vom Leben Verunsicherten dann im offenen Clinch doch noch freilaufen, ist dann vor allem schmerzhaft aber dennoch humorvoll erzählt und unbedingt sehenswert. Letztendlich spielt dabei das gegenseitige Vertrauen eine nicht unerhebliche Rolle. Genau da dockt dann auch das Prinzip des Filmteams um Regisseur Jakob Lass mit seinen selbst gesetzten FOGMA -Regeln an. Das Brechen mit den festen Traditionen des Filmemachens, das Vertrauen in eine gute Geschichte sowie die Kraft und die Frische der Improvisation. Diese Offenheit und Freude am Risiko machen dieses an Originalschauplätzen mit vielen Laiendarstellern gedrehte filmische Experiment erst so sympathisch. Und so kann es dann auch ruhig mit FOGMA#2 weitergehen.

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    © Daredo/HFF
    © Daredo/HFF

    Love Steaks (D, 2013)

    Regie: Jakob Lass
    Drehbuch: Nico Woche, Jakob Lass,
    Ines Schiller, Timon Schäppi
    Kamera: Timon Schäppi
    Schnitt: Gesa Jäger
    Musik: Golo Schultz
    Kostüme: Anna Hostert

    Mit: Lana Cooper, Franz Rogowski, Kerstin Abendroth, Daniela Adenauer, Georg Ludwig-Grosse, Simone Düring, Eric Popp, Björn Küssner, Marcel Herbrich, Marcel Gronzka, Ev-Katrin Weiß u.a.

    Kinostart: 27.03.2014

    Weitere Informationen: http://www.lovesteaks.de/LOVE_STEAKS.html

    Zuerst erschienen am 19.02.2014 auf Kultura-Extra.

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  • DeAD (Deutschland 2013) – Ein schräger Genre-Mix von Sven Halfar neu im Kino.

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    © 2014 Aries Images
    © 2014 Aries Images

    Der Hamburger Filmproduzent und Regisseur Sven Halfar hat einen eindeutigen Hang zum trashig-makabren Genre-Kino. Schon der reißerisch animierte Vorspann zu seinem ersten Langspielfilm DeAD lässt daran keinen Zweifel. Totenköpfe und Blut zu Roadmovie-reifem Retro-Rockabilly-Sound. Auffallend sind zu dem noch der coole Soundtrack von Nils Kacirek (Musik) und Dörte Benzner (Texte und Gesang) sowie die schwere Fifties-Attitüde der Hauptfigur, gespielt vom Berliner Schaubühnenmimen Tilman Strauß. Patrick findet zu Beginn seine in Alkohol- und Sehnsucht nach der Vergangenheit versunkene Mutter im Paillettenkleid an der Küchendecke hängend. Nach fettigem Leichenschmaus an der Würstchenbude macht sich Patrick mit Schmalztolle, dickem roten Ami-Schlitten und seinem schrägen Buddy Elmer (Niklas Kohrt) im Schlepptau auf, seinen unbekannten, vermutlich stinkreichen Erzeuger-Daddy an dessen 60. Geburtstag heimzusuchen.

    Patrick und Elmer haben eindeutig zu viele schlechte Filme gesehen, was sich auch in einigen Zitaten von John Wayne, über Quentin Tarantino, bis zu Michael Haneke niederschlägt. So spielen die zwei auch zunächst rein äußerlich die Nice Gays, bis deren Grund auf verdorbener Kern ziemlich bald zum Vorschein kommt. Erste Leiche auf ihrem Weg ist eine Boutiquenbesitzerin, die nebenbei mit dem noch ahnungslosen Daddy in Spe Reimund (Thomas Schendel) eine etwas abseitige außereheliche Sexualbeziehung pflegte. Frisch eingekleidet tauchen Patrick und Elmer dann zum Kaffeekränzchen bei Reimunds Familie auf. Der Leiter eines Internats, bürgerlicher Schöngeist und Zierfischliebhaber, hat es sich in einer Villa am Standrand mit zweiter, wesentlich jüngeren Frau Judith (Judith Rosmair) und pubertierender Tochter Romy (Ruby O. Fee) gut eingerichtet. Ihr Kommen haben außerdem noch Reimunds nervige, dem Alkohol zusprechende Ex-Gattin Birgit (Suzanne von Borsody) nebst degeneriertem Muttersöhnchen und Investmentbanker Holger (Tobias Kay) angekündigt.

    DeAD - Foto (C) Aries Images
    DeAD – Foto © Aries Images

    Der schnöselig-schmierige Yuppie und passionierte Porschefahrer (mit „Eure Armut kotzt mich an“-Aufkleber am weißen Schlitten) tritt dann auch sofort mit dem unterpri­vi­le­gierten, aber wesentlich tafferen Patrick in Konkurrenz um die jahrelang versagt gebliebene Anerkennung des Erzeugers. Was dem zunächst pikierten Jubilar zunehmend außerordentlich imponiert, wird aber schnell zum großen innerfamiliären Debakel. Auf höchst drastische Art und Weise brechen sich nun angestaute Problemchen der fortgeschrittenen Wohlstandsverwahrlosung und ausgeprägte Psychomacken ihre Bahn, und deren Folgen auf die zunehmend alkoholisierte Feiergemeinde nieder. Die bürgerlich-bigotte Fassade bekommt Risse, was Patrick und Elmer genüsslich auskosten und befeuern. Gewinner und Verlierer in diesem fiesen Wahrheitsspielchen lassen sich da nur schwer auszumachen.

    Als dann schließlich Holger im Hirschgeweih hängt und die inzwischen mächtig lallende Birgit völlig die Kontenance verliert, bekommt der absurde Streifen allerdings einen mächtigen Knacks. Auch wenn sich streckenweise die Parallelen zum Klassiker Pulp Fiction förmlich aufdrängen, ist der Filmtitel dann doch mehr ungeschickter Hilfeschrei nach Vater-Liebe, als eiskaltes Bekenntnis zum trashigen Action-Kino. Sven Halfar meint es nämlich tatsächlich ernst mit seinem Anspruch, auch noch eine echte Botschaft transportieren zu wollen. Patrick und sein unverbesserlich liebloser Dad bekommen plötzlich irgendwie einen schrecklich Moralischen, was dann doch eher putzig deutsch wirkt, als trashig cool. Auch Zierfisch stinkt vom Kopfe her, und der Plot tappt schließlich in die küchenpsychologische Klischee-Falle. Es beginnt irgendwann sogar gewaltig zu nerven. Handwerklich streckenweise ganz ordentlich gemacht und mit einigen schönen Show- und Dance-Einlagen zu Jan Delays Oh Johnny, kriegt der Film leider hinten raus einfach nicht die richtige Kurve.

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    DeAD – Deutschland 2013

    Beitrag in der Reihe Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale 2013

    Regie: Sven Halfar
    Drehbuch: Sven Halfar
    Kamera: Carol Burandt von Kameke
    Schnitt: Angela Tippel
    Musik: Nils Kacirek

    Darsteller:
    Tilman Strauß … Patrick
    Thomas Schendel … Reimund Borz
    Niklas Kohrt … Elmer
    Judith Rosmair … Judith
    Ruby O. Fee … Romy
    Tobias Kay … Holger
    Suzanne von Borsody … Birgit
    Matthias Wiebalck … Pfarrer
    Hark Bohm … Stiftleiter
    Anette Hellwig … Claudia

    Produktionsfirma: Skalar Film GmbH (Hamburg)
    Produzent: Rike Steyer

    Original-Soundtrack:
    Musik von Nils Kacirek
    Texte von Dörte Benzner
    Songs:
    Jan Delay – Oh Johnny
    Kitty, Daisy & Lewis – Buggin‘ Blues
    Nick Curran – Kill my Baby
    D-Flame – Revenge

    Kinostart: 13.02.0214

    Weitere Infos: http://www.dead-derfilm.com/

    Zuerst erschienen am 06.02.2014 auf Kultura-Extra.

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  • SCHUTT (Debris) – Mit Dennis Kellys Erstling gibt Marike Moiteaux ihr Regiedebut in der Box des Deutschen Theaters Berlin

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    „Mein Sohn, Mein Sohn, warum hast du mich verlassen?“ sind die letzten Worte von Michaels Vater, der sich just am 16. Geburtstag des Jungen mittels einer selbstgebauten, perfid-perfektionierten Maschinerie in der eigenen Wohnung selbst ans Kreuz genagelt hat. In Dennis Kellys Erstling Schutt/Debris, das 2003 im Latchmere Theatre London uraufgeführt wurde und bereits ein Jahr später seine deutschsprachige Erstaufführung im Vestibül des Wiener Burgtheaters erlebte, wird diese Kreuzigung des Vaters am Beginn des Stücks durch den Sohn wortreich im Detail beschrieben. In teilweise recht poetischer Sprache erzählt dann auch noch Michaels Schwester Michelle die Story ihrer Geburt bei gleichzeitig dreifachem Tod der Mutter, die dabei wahlweise an einem Hühnerknochen erstickt, oder neben dem desinteressierten Vater beim gemeinschaftlichen Fernsehen einfach vom Sofa rutscht.

    Dennis Kelly ist ein Meister des explizit bis versponnen Surrealen. Sein Theaterstück Schutt ist voll von sprachlichen Anspielungen und Metaphern. Dabei sind Worte für den Dramatiker nur Mittel um die verschüttete Gefühlswelt seiner meist aus der britischen Arbeiterklasse stammenden Protagonisten an die Oberfläche zu bringen. Mimisch und gestisch ist dem kaum noch etwas ergänzend hinzuzufügen. Deutschsprachige Umsetzungen scheitern da in schöner Regelmäßigkeit fast immer an den sprachlichen Eskapismen des 45jährigen englischen Dramatikers. Kelly ist mittlerweile eine eingeführte Größe und sichere Bank. Er gehört neben Sara Kane, Simon Stephens oder Enda Walsh zu den im deutschen Sprachraum meistgespielten britischen Theaterautoren. Besonders der DT-Regisseur Stephan Kimmig hat sich mit Inszenierungen dieser Autoren einen Namen gemacht.

    Das Deutsche Theater in Berlin - Foto: St. B.
    Das Deutsche Theater Berlin – Foto: St. B.

    Nun versucht sich in der Box des Deutschen Theaters Regieneuling Marike Moiteaux an Kellys eigenwilliger sozialer Traumstudie um die Geschwister Michelle und Michael (in den Rollen Olivia Gräser und Thorsten Hierse). Schon die Bühne stellt dabei deutlich den Realismus gegen die Traumwelt der Geschwister. Auf der einen Seite ein angedeuteter Campingwagen als schäbige Behausung, auf der anderen ein großer, schräggestellter Pfeil als Auftrittsfläche für jede Menge Bühnenzauber. Der versoffene Vater verscherbelt die Geschwister nach dem Tod der Mutter an den schmierigen, pädophilen Onkel Arry, der die beiden wiederum an Mister Bodenschmeiß mit der Aussicht auf ein Leben jenseits von Pommes und Kleinkriminalität weiterreichen will. Was sich dabei in der Phantasie der Kinder abspielt, stellt Marike Moiteaux als Zaubernummer mit Zylinder, Bonbons und Gorilla-Maske dar.

    Als Michael später ein Baby im Müll findet, es mit nach Hause bringt und ihm den Namen Schutt gibt, wandelt sich die anfängliche Konkurrenz der beiden Geschwister schließlich in eine Art familiäre Notgemeinschaft. Für die Beiden scheint die Kopie des von den Eltern vorgelebten Entwurfs ganz selbstverständlich, wie schon der seltsame Fund im Schutt oder die Unabdinglichkeit eines Fernsehers, den Michael auch sofort beschaffen geht. Der Traum von körperlicher Nähe und Geborgenheit ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Für Dennis Kelly liegt nicht nur einiges im Argen, sondern eine ganze Welt in Trümmern. Gott hat die Welt und den Menschen aus lauter lange Weile erschaffen und sieht längst nicht mehr zu. Dem hat Marike Moiteaux außer ein wenig buntem Tand, Torten-Kostümen und ironischen Liedchen à la „In heaven, everything is fine“ nicht allzu viel hinzuzufügen.

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    Schutt
    von Dennis Kelly
    in der Box des Deutschen Theaters Berlin
    Deutsch von Johannes Schrettle

    Regie: Marike Moiteaux
    Bühne: Merle Vierck
    Kostüme: Karin Rosemann
    Musik: Jacob Suske
    Dramaturgie: Malin Nagel
    es spielen:
    Michelle: Olivia Gräser
    Michael: Thorsten Hierse
    Premiere war am 30.01.2014
    Dauer: ca. 75 Minuten, keine Pause
    Weitere Termine: 09. / 22. Februar 2014

    Informationen: https://www.deutschestheater.de/spielplan/schutt/

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  • Doppelpremiere im bat-Studiotheater (1): „Das blaue blaue Meer“ von Nis-Momme Stockmann und „Der Kampf des Negers und der Hunde“ von Bernard-Marie Koltès

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    Am 31. Januar lud das bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch zu einer interessanten Doppelpremiere. Die 3. Studienjahre Regie und Schauspiel brachten zwei sehr unterschiedliche Gegenwartsdramen auf die kleine Bühne in der Belforter Straße. Es begann mit dem 2010 in Frankfurt uraufgeführten Sozial-Drama Das blaue blaue Meer von Jungdramatiker Nis-Momme Stockmann. Das Stück handelt von den Problemen junger Leute in einer Plattenbausiedlung. Danach folgte das Stück Der Kampf des Negers und der Hunde des französischen Dramatikers Bernard-Marie Koltès. Obwohl bereits 1981 in New York uraufgeführt, hat das Drama um den Tod eines schwarzen Arbeiters auf einer französischen Baustelle in einem westafrikanischen Land nichts an Aktualität eingebüßt. Besonders die Inszenierung des im letzten Jahr verstorbenen Regisseurs Dimiter Gotscheff 2003 an der Berliner Volksbühne gilt als legendär und (bezüglich des Themas Blackfacing) umstritten gleichermaßen.

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    Das blaue blaue Meer von Nis-Momme Stockmann - (c) bat-Studiotheater
    Das blaue blaue Meer von Nis-Momme Stockmann – (c) bat-Studiotheater

    Passend für eine Hochhaussiedlung lässt Regisseurin Sarah Wenzinger Nis-Momme Stockmanns Stück Das blaue blaue Meer auf einem Gerüst (Bühne: Hannah Geldbach) mit mehreren Ebenen spielen, das die drei Darsteller Katherina Sattler, Gabriel Schneider und Thieß Brammer schon zu Beginn rege beklettern. Ein maschinelles Geräusch bohrt sich dabei in die Gehörgänge des eintretenden Publikums. Die ersten Sätze sprechen die drei zunächst chorisch durcheinander, bis sich die einzelnen Rollen herausschälen, die aber während des Spiels immer mal wieder gewechselt werden. Das wirkt von Anfang an sehr dynamisch und körperbetont, ganz im Gegensatz zum eigentlichen Stillstand der Stockmann‘schen Figuren.

    Das blaue Blaue Meer - Foto: Scherin Moaiyeri
    Das blaue Blaue Meer
    Foto: Scherin Moaiyeri

    Hauptprotagonist Darko (Gabriel Schneider) sinniert über die Sterne, die man eigentlich sehen müsste, aber im ewigen Grau des Himmels über der Siedlung verschwunden scheinen. Ansonsten säuft er am liebsten mit seinem Kumpel Elle, dem schon ein paar Hirnsynapsen mehr abhandengekommen sind. Thieß Brammer hängt dabei im Gerüst, ganz abwesend röchelnd und schnarchend. Keine Hoffnung oder Zukunft nirgends. Plastisch ausgemalt wird das mit Unglücks- und Selbstmordberichten aus dem „Biotop der Perversionen“. Dass Darko mal eine Vergangenheit mit Eltern, Geschwistern, Karate und Musik hatte, blendet er durch den Alkohol konsequent aus. Als ihm die junge Prostituierte Motte (Katherina Sattler) begegnet, scheint so etwas wie ein neues Ziel auf. Motte erzählt ihm vom blauen Meer in Norwegen. Gemeinsam will man weg. Wenn da nicht noch Meese wäre. Genau wie Darko, an dem eine ungesühnte Schuld nagt, hat auch Motte ein Geheimnis, dass sie fanatisch fixiert in der Siedlung gefangen hält.

    Als vierter Protagonist ist da noch Elles Schwester Ulrike, die stumm an Darko hängt. Das vom Vater missbrauchte Mädchen wird hier durch eine Schreibtischlampe mit roter Glühleuchte dargestellt, die beim finalen Sprung vom Hochhaus einfach nach unten klatscht. Die drei jungen Schauspieler meistern Stockmanns sehr ausladenden, prosaischen Text hervorragend, besonders tut sich hier Katherina Sattler mit einem starken Solo beim gescheiterten Zoobesuch von Motte und Darko hervor. Die Regie verzichtet weitgehend auf knallige Effekte. Sparsamer Video- und Musikeinsatz tun ihr Übriges für eine rundum gelungene Umsetzung.

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    Mächtig Aktion herrscht auch bereits zum Einlass der zweiten Inszenierung des Abends. Vor glitzerndem Lametta-Vorhang (Bühne: Lena Schmid) tanzt das Ensemble in folkloristischen Kostümen zu afrikanischer Showmusik. Unterbrochen wird das lustige Treiben schließlich durch eine Figur, die als Schattenriss hinter einem Folienvorhang auftaucht und mit einer durch Mikro verfremdeten Stimme die Rückgabe der Leiche fordert. Der Schwarze Alboury, der gekommen ist, seinen toten Bruder in die Familie heimzuholen, wird hier von Rouven Stöhr als geheimnisvoller Mann mit Stock, Zylinder und zunächst schwarzer Totenmaske dargestellt. Darunter ist er weiß geschminkt.

    Der Kampf des Negers und der Hunde von Bernard-Marie Koltès - (c) bat-Studiotheater
    Der Kampf des Negers und der Hunde von Bernard-Marie Koltès – (c) bat-Studiotheater

    Noch blasser bleiben allerdings die eigentlich weißen Charaktere. Regisseur Gordon Kämmerer verlegt die Handlung auf eine deutsche Baustelle. Die Freundin des Bauleiters Horn, Léone (Sylvana Schneider), reist daher auch aus Berlin an. Der in sich zerrissene, entscheidungsschwache Horn (Max Thommes) deckt den Mord seines Ingenieurs Cal (Moritz Kienemann), der ihm im Gegenzug die Freundin ausspannen will. Léone fühlt sich da immer mehr vom fremden Afrika und dem beharrlichen Schwarzen Alboury angezogen. („Schwarz ist meine Farbe.“) Die fiebrige Atmosphäre zwischen den Weißen in Koltès‘ Stück um Lüge, Angst und Verrat treibt Kämmerer mit schweißtreibendem Spiel von Anfang an in eine überdrehte Farce.

    Der Kampf des Negers und der Hunde - Foto: Ingrid Raab
    Der Kampf des Negers und der Hunde
    Foto: Ingrid Raab

    In wenigen Szenen können die Darsteller dann auch mal Tiefe aufscheinen lassen. Etwa in dem eindrucksvollem Wolken-Monolog Albourys, in dem er die Notwendigkeit von Nähe mit der fehlenden Wärme beschreibt („Die Wolke folgt unserer Familie,… eine unübersehbaren Familie aus Toten“). Womit natürlich das afrikanische Volk insgesamt gemeint ist. Im Gegensatz dazu stehen Cals Wahn- und Großmachtfantasien über spuckende Neger und die ungestörte koloniale Ausbeutung Afrikas. Das Ende, an dem Cal erschossen wird, bleibt diffus offen. So wie diese Geschichte eigentlich auch immer noch nicht auserzählt ist. Die Regie setzt hier auf eine Videoeinspielung aus Wes Cravens Horrorklassiker The Serpent and the Rainbow von 1988, der eigentlich in Haiti spielt. Die Folterszene mit Pill Pullman als ängstlichem pretty Whiteface scheint aber doch etwas bemüht. Insgesamt trumpft die Inszenierung mit vielen Showeffekten und furios agierenden Darstellern mächtig auf, wirkt aber mit knalliger Musik, etlichen Videoprojektionen und einer großen Leuchthyäne auch recht überladen. Weniger ist da oft mehr.

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    Das blaue blaue Meer
    von Nis-Momme Stockmann
    Regie: Sarah Wenzinger 3. Stj. Regie
    Bühne: Hannah Geldbach
    Video: Diana Bauer
    Dramaturgie: Hannes Oppermann MA Dramaturgie
    Musik: Paul Seidler und Jerome Huber.
    Regieassistenz: Nick Neddermeier.
    Ausstattungsassistenz: Navina Roline Patzschke.
    Es spielen: Katherina Sattler, Gabriel Schneider und Thieß Brammer alle 3. Stj. Schauspiel

    Der Kampf des Negers und der Hunde
    von Bernard-Marie Koltès
    Regie: Gordon Kämmerer 3. Stj. Regie
    Bühne: Lena Schmid
    Kostüme: Jana Wassong
    Dramaturgie: Gerhild Steinbuch MA Dramaturgie
    Es spielen: Sylvana Schneider, Moritz Kienemann, Rouven Stöhr alle 3. Stj. Schauspiel
    Max Thommes 4. Stj. Schauspiel

    Dauer: jeweils ca. 60 Minuten, eine Pause zwischen den Inszenierungen

    (c) bat-Studiotheater
    (c) bat-Studiotheater

    Die nächste Doppelpremiere findet am 21.02.14, 19:30 im bat-Studiotheater statt.
    Auf hoher See von Slawomir Mrozek und
    Philoktet von Heiner Müller

    Weitere Infos: http://www.bat-berlin.de/

    Zuerst erschienen am 03.02.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Markus Lüpertz – Bilder, Skulpturen, Texte, 1964 – 2014 im Ernst-Barlach-Museum in Wedel.

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    (c) Ernst-Barlach-Gesellschaft-Hamburg
    (c) Ernst Barlach Museum Wedel

    Man kann Markus Lüpertz sicher einiges nachsagen. Eins aber mit Sicherheit nicht. Der leicht egozentrisch auftretende Malerfürst hat sich nie dem allgemeinen Zeitgeschmack gebeugt. Seinem monumentalen, neoexpressionistisch anmutendem Malstil ist Lüpertz, seit er in den 1960er Jahren großformatige Stahlhelme, Baumstämme oder Zelte mit dem Zusatz „dithyrambisch“ versah, stets treu geblieben. Damals, als in Berlin niemand seine Bilder auch nur mit der Kneifzange anfassen wollte, wurde er vom Kunsthändler und Galeristen Michael Werner gefördert und feierte schließlich erste Ausstellungserfolge in Köln. Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Markus Lüpertz zählt mittlerweile zu den ganz Großen im deutschen Kunstbetrieb. Ihm wurden etliche renommierte Kunstpreise verliehen und Professuren an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und der Kunstakademie Düsseldorf, deren Rektor er bis 2009 war, angetragen.

    Die Ernst-Barlach-Gesellschaft Hamburg richtete dem 72jährigen Künstler nun eine kleine Retrospektive mit 70 Bildern, Skulpturen und Texten aus den Jahren 1964-2014 in Barlachs Geburtshaus in Wedel ein. Markus Lüpertz war zur Eröffnung der Ausstellung am 26. Januar selbst anwesend und ließ es sich auch nicht nehmen, ein paar Worte ans zahlreich erschienene Publikum zu richten. Er sprach von der Schwierigkeit des Malers in den Zeiten moderner Medien wie des Internets und der Fernsehunterhaltung als Geschichten- und Märchenerzähler wahrgenommen zu werden. Die Malerei komme im Alltag nicht mehr vor. In diesen Worten liegt kein Wehmut, sondern eher die Aufforderung an den Interessierten, sich wieder auf die Wirkung des gemalten Bildes einzulassen. Der Kunstkritik sprach der Meister dagegen offen die Fähigkeit zur Beurteilung von Malerei ab. Bescheidenheit ist die Zier des selbsternannten Genies gerade nicht.

    Markus Lüpertz im Ernst Barlach Museum Wedel - Foto: St. B.
    Markus Lüpertz im Ernst Barlach Museum Wedel
    Foto: St. B.

     „verachtet die kleinkinder unseres berufes / die amateure, die mitmacher, die frömmler / liebt den bohème, ich bin ein bohème, liebt mich.“ (Markus Lüpertz, 1973)

    Was den herrschenden Zeitgeist betrifft, kann Lüpertz sehr konservativ sein. Was man allerdings nicht allein an seiner stets akkuraten Aufmachung festmachen sollte. Für ihn eher eine Art Selbstverständnis, das keiner weiteren Erklärung bedarf. Der Vorwurf der Zurschaustellung von Statussymbolen berührt den Künstler daher kaum. Lüpertz ist immer streitbar geblieben. Die Lust zur Provokation, mit seinem ungewohnten Formenverständnis anzuecken, zeigen dabei vor allem seine Skulpturen im öffentlichen Raum. Unverständnis und massive Gegenwehr schlugen Lüpertz wegen der eigenwilligen Form- und Farbgebung seiner Bronze-Skulpturen vor allem in Bamberg und Augsburg entgegen. In Salzburg wurde sein farbenfroh zwitterhafter Musen-Mozart sogar rot lackiert und gefedert. Die Skulptur war wohl etwas zu expressiv für die österreichische Bundeshauptstadt der barocken Zuckerbäckerei.

    In Wedel sind nun neben etlichen Gemälden und Papierarbeiten auch mehrere kleinformatige Herkules-Entwurfsmodelle in Bronze zu bewundern. Wie die 2010 in Gelsenkirchen aufgestellte Monumental-Skulptur sind diese Entwürfe farbig gestaltet. Lüpertz orientiert sich hierbei stets am antiken Vorbild und dem Torso als Zeichen des Versehrten oder Unvollkommenen. Ein Ausdruck für den ewigen Kampf zwischen Apollinischem und Dionysischem in der Kunst, wie auch in seinen nach dem Werk Nietzsches benannten dithyrambischen Bildern. An den Wänden des Erdgeschosses sind diese Gemälde der 1960er und 70er Jahre um eines der Herkules-Modelle gruppiert. Lüpertz Werke sind um Ausgleich und Harmonie bemüht. Standbein-Spielbein als Zeichen einer inneren Balance.

    Markus Lüpertz: Herkules Entwurfsmodel - Foto: St. B.
    Herkules Entwurfsmodel
    Foto: St. B.

    Einen breiten Raum in der Ausstellung nehmen Arbeiten aus der 1993 begonnenen Werkreihe Männer ohne Frauen – Parsifal ein. Die Gemälde und Papierarbeiten, die immer wieder das Antlitz eines Weinenden zeigen, beziehen sich gleichermaßen auf Wagners Oper Parsifal wie auf Hemingways Kurzgeschichten Men Without Women. Lüpertz hat das Sagen-Motiv des nach Erlösung suchenden reinen Toren Parsifal mit dem modernen männlichen Helden Hemingways, gefangen in seiner Angst zu versagen, kombiniert und bis heute in zahlreichen Versionen untersucht.

    Im oberen Geschoss sind noch einige Landschaftsbilder und Gemälde zum Thema Arkadien ausgestellt. Wie andere deutsche Künstler, z.B. Anselm Kiefer, beschäftigt sich Lüpertz natürlich auch mit dem kulturellen Erbe der Klassik, das er dem des deutschen Militarismus und Totalitarismus gegenüberstellt (siehe: Arkadien – Soldat, 2013). Komplettiert werden die Bilder und Skulpturen mit Prosatexten, Lyrik und Auszügen aus Reden des Künstlers. Bereits 1975 erschien mit 9 x 9 der erste Gedichtband von Markus Lüpertz. Bei diesem „Öffnen des Herzens in die Poesie“, wie es Lüpertz selbst bezeichnet, standen vor allem Hölderlin, Heine und Rilke Pate. In seinen Texten feierte der Maler immer wieder das unbedingte Künstlertum und bezeichnete den Künstler als Erwartungsträger auch über seine Kunst hinaus. Und das ist ihm wichtig, vor allem noch zu Lebzeiten. Aber Lüpertz will nicht nur geliebt werden. „… ich bitt euch, lasst mich leben.“ heißt es zum Ende des oben zitierten Gedichts. Geben wir der Kunst also ihre Freiheit.

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    Markus-Lüpertz_Barlach-Haus-Wedel_Herkules Entwurfsmodel vor Männer ohne Frauen - Parsifal - Foto: St. B.
    Herkules Entwurfsmodel vor Männer ohne Frauen Parsifal – Foto: St. B.

    Markus Lüpertz – Bilder, Skulpturen, Texte, 1964 – 2014

    Ausstellung bis zum 27. April 2014

    Ernst-Barlach-Museum Wedel, Mühlenstraße 1

    Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr

    Weitere Infos: http://ernst-barlach.de/lüpertz.html

    Zuerst erschienen am 01.02.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Komm doch mit zu ‘nem Ritt auf dem Sofa – „Ohne Titel Nr. 1“ – Herbert Fritsch lädt zu seiner ersten Oper in die Berliner Volksbühne

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    Ohne Titel Nr. 1_ Logo Volksbühne
    Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (c) LSD

     „Komm doch mit zu ‘nem Ritt auf dem Sofa“ sang in den 1980er Jahren die Leipziger Spaßpopband Amor & Die Kids. Aus dem einstigen KidTobias Künzel wurde später ein Prinz und berühmter Komponist eines Musicals über das Comeback von Karl Marx. Über diese Phase ist der große Spaßproduzent Herbert Fritsch mit Frau Luna bereits hinaus. Es konnte eigentlich nur noch eine Oper kommen. Mangels Thema und passendem Namen hat er seinen Erstling einfach Ohne Titel Nr. 1 genannt. Und da Fritschs Komödienmotor keine Spaßbremse kennt, wird daraus vermutlich eine Serie werden. Dass als Bühnenrequisit nur ein Sofa in Frage kommen konnte, weiß jeder, der einige seiner grellbunten Inszenierungen gesehen hat.

    Nun bezieht sich Ohne Titel natürlich auch auf die Bezeichnung so manch abstrakter Gemälde, denen ihre Produzenten nicht mehr vermochten, einen sinnvollen erklärenden Namen zu geben. Die Volksbühne hatte mit Hinweisen auf das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch und den großen Farbdripper Jackson Pollock eine Fährte ausgelegt, und der kunstbeflissene Bildungsbürger tappt wie immer bei Herbert Fritsch prompt in die verflixte Erklärungsnotfalle. Erklären muss sich ein Kunstwerk aus sich selbst heraus. Kognitive Fähigkeiten zur Imagination und Assoziation helfen einem bei Fritsch aber auch nicht immer weiter. Komposition und Abstraktion gehören spätestens seit den Suprematisten zum kunstwissenschaftlichen Kanon. Der Spaß am sinnfreien Herumblödeln kennt aber keine Theorie. Mit Murmel Murmel, der Inszenierung eines Theaterstücks von Dieter Roth, hatte Fritsch bereits erfolgreich die Sprache auf ein einziges Wort reduziert. Wie abstrakt könnte also die Reduktion einer Oper und ihrer Sänger allein auf die Musik und Körper wirken?

    Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Foto: St. B.
    Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Foto: St. B.

    Zunächst einmal sieht in der Volksbühne aber alles so aus, als würde sich hier wirklich gleich der schwere Vorhang zu einer ernstzunehmenden Oper heben. An den farbenfrohen Glitzerkostümen der Orchestermusiker sieht man aber schon, hier folgt gleich die ganz große Show. Es erscheint nun der Dirigent, begrüßt den Konzertmeister und hebt den Taktstock. Da knarrt der Stuhl des Pianisten und muss ausgetauscht werden. Die Ouvertüre auf teilweise etwas merkwürdigen Instrumenten wie Pfeifen, Klatschen und Knisterpapier gerät dann auch etwas schräg. Und als sich endlich der Vorhang hebt und den Blick auf die Bühne freigibt, steht es da, das riesige holzfarbene Sofa auf angedeutetem Dielenboden. Ein Mann (Matthias Buss) sitzt darauf und grinst ins Publikum. Anfänglicher Verblüffung im Orchestergraben folgt die Flucht der Musiker auf die Bühne, die prompt das neue Spielgerät erobern.

    Es knarzt und knackt im Gebälk. Dirigent Ingo Günther dreht am großen Hebel seines Konzert-Knarzianos. Und plötzlich kommt Bewegung in die wie die Couch-Potatos aufgereiht sitzende 12-köpfige Bande von Operndarstellern. Sie beginnen sogleich wie aufgezogen herumzurennen, zu kriechen und zu hüpfen. Die drei verbliebenen Musiker wechseln bald von harten Gitarrenriffs zu einem flotten Cha-Cha-Cha und landen schließlich beim shakendem Swing eines Salonorchesters. Oper geht eigentlich anders. Nur scheint das unsere leicht schreckhaften, sich tapfer selbstvergewissernd auf die Pappköpfe hauenden Aufziehmännchen und -weibchen auf der Bühne nicht zu interessieren. Hier wird nicht nur ohne große Worte abstrahiert, hier wird gemeinsam grimassiert, karikiert, persifliert und in kleinen Soloauftritten brilliert.

    Die da wären: Ein rhythmisches Pups-Konzert, das sich im Duett mit dem Geräusche gebenden Musiker zum großen akustischen Durchfall hochschaukelt, bis die Hosen voll sind. Eine Zungen-Arie der Soubrette (Frau Luna-Darstellerin Ruth Rosenfeld) zu schlangenbeschwörender Musik. Oder einer imaginierter Bumerang-Slapstick. Und endlich fällt auch jemand in den Orchestergraben. Es ist Fritsch-Mime Wolfram Koch, der sogleich ein ganzes Slapstickfeuerwerk an der Rampe mit Schuh und Papier entzündet. Das Unaussprechbare, hier nimmt es groteske Gestalt an. Irgendwann schauen sie dann alle auch mal in die Ferne des imaginierten, flimmernden Bühnenhintergrunds, als wäre dort irgendwo der Sinn ihres Tuns versteckt.

    In gekonntem Nonsensprech versucht man sich immer wieder mal auch verbal zu artikulieren. Zwei Americans sind rauchend ganz in ihren Bar-Small-Talk vertieft. Und eine lustige Gruppentherapiesitzung auf dem Sofa gibt sich gute Ratschläge im Dialekt. Nachdem genug getollt ist, wenden die Darsteller ihre Kostüme und verschmelzen nun Ton in Ton mit dem Riesen-Möbel und den Dielen auf der Bühne. Ein letzter Choral beendet schließlich den Spuk. Die Geister, die Herbert Fritsch für kurze 77 Minuten rief, verschwinden einfach wieder in seiner Kiste, oder dem Kopf aus dem sie entsprangen.

    Herbert Fritsch Mai 2013 - Foto: St. B.
    Herbert Fritsch
    Mai 2013 – Foto: St. B.

    Dass er im besten Sinne nicht alle Latten am Zaun hat, demonstriert Fritsch ganz selbstbewusst und -ironisch mit Brett vorm Kopf zum abschließenden Applausballett. Für ihn ist Theater die Freiheit zu machen, was er will. Das trifft sicher zu, solange man die Lacher noch auf seiner Seite weiß. Das sich Fritsch auch ungeniert aus dem bewährten eigenen Repertoire bedient, wer will es ihm verdenken. Solange dabei solch kurzweilige, kleine Kunstperlen, oder besser Murmeln, über die Bühne rollen. Doch was sangen die Prinzen doch noch gleich? In der Kunst ist eh alles nur geklaut? Sicher, und erlaubt ist was gefällt. Da kann man dann ruhig auch mal ein bisschen recyceln.

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    Ohne Titel Nr. 1 // Eine Oper von Herbert Fritsch
    Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

    Regie und Bühne: Herbert Fritsch
    Kostüme: Victoria Behr
    Licht: Torsten König
    Musik: Ingo Günther, Herbert Fritsch
    Ton: Klaus Dobbrick
    Video: Konstantin Hapke
    Dramaturgie: Sabrina Zwach

    Mit: Florian Anderer, Matthias Buss, Nora Buzalka, Werner Eng, Patrick Güldenberg, Jonas Hien, Wolfram Koch, Inka Löwendorf, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Axel Wandtke, Hubert Wild, Ingo Günther, Fabrizio Tentoni und Michael Rowalska

    Premiere war am 22.01.2014
    Dauer: 77 Minuten
    weitere Termine: 31. 1. / 4. + 23. 2. 2014

    Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/ohne_titel_nr_1_eine_oper_von_herbert_fritsch/?id_datum=7343

    Zuerst veröffentlicht am 24.01.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Some Day My Prince Will Come – „Die Damen warten“ von Sibylle Berg in den Hamburger Kammerspielen

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    Gerade eben erst wurde Sybille Bergs neues Stück Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen am Maxim Gorki Theater Berlin uraufgeführt. Berg nimmt darin die Orientierungslosigkeit und Wut junger Frauen im digitalen Zeitalter des Postfeminismus aufs Korn. Regisseur Sebastian Nübling hat diesen satirisch angelegten Fließtext auf vier junge Schauspielerinnen verteilt. Vor gut einem Jahr wurde in Bonn das letzte Stück von Sibylle Berg uraufgeführt. Die Damen warten behandelt die Situation von Frauen im Alter zwischen 40 und 50 auf genau die gleiche satirisch-sarkastische Art, die Berg nun mal besonders eigen ist. Wieder sind es vier Protagonistinnen, die hier aus verschiedenen Perspektiven auf ihr Lebensentwürfe blicken. An den Hamburger Kammerspielen ist das Stück nun mit prominenter Besetzung in der Regie des Grimme- und Fernsehpreisträgers Kai Wessel (Zeit der Helden, 2013 auf Arte) erneut zur Aufführung gekommen.

    Die Damen warten an den Hamburger Kammerspielen - Foto: Oliver Reetz
    Die Damen warten von Sibylle Berg an den Hamburger Kammerspielen
    Foto: Oliver Reetz

    Die beiden Stücke besitzen trotz der verschiedenen Lebensalter der Frauen durchaus einige interessante Anknüpfungspunkte. Es ist nicht allein die satirische Betrachtung von Wellnesswahn und Körperkult, die hierbei ausschlaggebend ist. Vor allem wohnt der Jugend noch der Traum inne, dass mit dem Alter doch alles besser werde. Dabei will frau natürlich unter keinen Umständen den Lebensentwurf der Mutter kopieren. Zitat Berg: „Ich kann es manchmal nicht erwarten, älter zu werden. Denn vielleicht bedeutet das, nicht mehr so blöd zu sein.“ Und während Sibylle Berg die indifferente, suchende Jugend noch als „eine Person und mehrere Stimmen. Oder anders“ beschreibt, sind die Damen in den besten Jahren nun bereits auf einen ganz bestimmten Typ festgeschrieben. Dabei gelingt es den vier Exemplaren in Die Damen warten ihre unterschiedlichen Lebenssituationen anhand ihres reichhaltigen Erfahrungsschatzes dennoch recht gallig genau zu reflektieren.

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    Zu Anfang sitzt jedoch Hildegard Schroedter auf der Bühne und lässt das Publikum warten. Regisseur Wessel hat den Prolog in Bergs Stück etwas umgebaut. Anstatt der Vorstellung der vier Protagonistinnen lässt er zunächst Hildegard Schroedter, Marion Martienzen und (als männlichen Sidekick) Kai Hufnagel ganz aktuell über Frauen im Beruf und Haushalt, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und Frauen in Vorstandsetagen referieren. Die Frau dringt ein in den geschützten Raum der Männerverwahrstätten und sieht sich alsbald den üblichen männlichen Vorurteilen ausgesetzt. Sie kriegt das Kind, der Mann flieht aus der hormonell aufgeladenen Atmosphäre daheim ins Büro. Kausalkette: Sekretärin, Scheidung, Pfändung des Gehalts. Wer ist da eigentlich das schwache Geschlecht? Das sitzt gleich zu Beginn. Die Zielrichtung ist damit klar ausgegeben.

    Nach einem ersten Black öffnet sich die Bühne und zeigt eine Art Wellness-Tempel mit Säule im Hintergrund. Unsere vier Damen werden hier zu einem von der demokratisch gewählten Regierung organisierten Wellness-Wochenende erwartet. Sie sollen anlässlich des Frauentags ein kostenloses kosmetisches Update in Form einer Typberatung, neuen Frisur, Gesichtsbehandlung und Körper-Massage bekommen. Beim Handauflegen auf eine Art Wahrheitsdetektor beichten die vier nach und nach eintreffenden Frauen aus ihrem Leben. Ziemlich taff agiert Nina Petri als Wissenschaftlerin und Pathologin Frau Grau. Die 25 Jahre bei der Beförderung Übergangene setzt Geist über Körperlichkeit, fühlt sich aber letztendlich in ihrem Bild als geschlechtloses Wesen nicht bestätigt. Für die Maklerin Frau Töss (aufgedonnert: Julia Jäger) sieht es karrieremäßig ähnlich aus. Sie begreift allerdings die Tatsache von den Männern auf ihren Körper reduziert zu werden auch als Angebot, und hat sich in der Rolle der ewigen Liebhaberin bestens eingerichtet.

    Dagegen stehen die Hausfrau und Mutter Frau Merz-Dulschmann (Marion Martienzen mit betont gieksiger Stimme) und die alleinerziehende Angestellte Frau Luhmann (Hildegard Schroedter). Marion Martienzen gibt hier ganz das brave Klischee einer Frau, die sich nach geschlechtlicher Pflichterfüllung dem Verschönern des eigenen Heims widmet und über fehlende Anerkennung und das Desinteresse klagt. Erst spät geht ihr auf, dass sich ihr Mann längst Abwechslung bei einer Anderen wie etwa Frau Töss sucht. Die burschikose Frau Luhmann sieht das alles eher relativ leidenschaftslos und pragmatisch. Sie macht sich schon lange keine Illusionen mehr und hadert nur noch mit ihrem YouPorn süchtigen Sohn. So in ihre eigene Welt eingefahren, lässt Berg die vier nun auf einander und den männlichen Host des Wellness-Wochenendes namens Horst (Kai Hufnagel) los.

    Die Damen warten mit Nina Petri, Julia Jäger, Hildegard Schroedter, Kai Hufnagel und Marion Martienzen  - Foto: Bo Lahola
    Die Damen warten mit Nina Petri, Julia Jäger, Hildegard Schroedter, Kai Hufnagel und Marion Martienzen – Foto: Bo Lahola

    Nach dem Motto „man kann Frauen gestalten und formen, wie einen Klumpen Lehm“ macht sich der staatlich geprüfte Masseur, Fitnesstrainer, Stilberater und Hair-Make-Up-Artist eifrig daran, den Damen das passende Outfit zu verpassen und nervt nebenbei mit sexistischen Bonmots männlicher Persönlichkeiten aller Epochen von Luther bis Beckett sowie eigenen Ansichten zum Thema. Dass er neben so manch anderem Song auch noch den vielgecoverten Schmachtfetzen „Some Day My Prince Will Come“ aus Disneys Snow White auf der Gitarre klampfen muss, lässt den „Vogel“, wie ihn Frau Grau despektierlich tituliert, gänzlich ins Groteske fallen. Hier entpuppt sich ein etwas zu kurz geratenes männliches Exemplar als Weichei und Muttersöhnchen, dass die Schuld dafür natürlich dem weiblichen Geschlecht gibt.

    Das Wellness-Satire-Programm spult sich dann in drei Akten zu den Bereichen Arbeit, Zu Hause und Der Körper ab und gibt einiges an Gelegenheiten zum fiesen Sticheln untereinander oder Lästern über die Männer und die missratene Brut daheim. Als der selbst gefrustete Horst die auf ihren Liegen auftrumpfenden Damen kurzerhand als „unterfickt“ bezeichnet, wendet sich das Blatt. Deren Frust entlädt sich nun am willkommenen Opfer. Da ist es aber schon zu spät. Das volle Verwöhnprogramm entpuppt sich nämlich als abgekartetes Spiel, die nutzlos gewordenen Frauen aus dem Blickfeld der Männer zu entsorgen, um Platz für junge eloquente Entscheidungsträger zu schaffen. In einer Art unterirdischen Wellness-Hölle finden sich die vier dann auf Schaukeln wieder und trällern selbst befreit ein Liedchen von einer Welt ohne Männer: „Wir sind allein, Gott ist die Frau.“

    Man hat Sibylle Bergs Stück nach der Uraufführung mit der Kraft der Textflächen einer Elfriede Jelinek verglichen. Das ist vielleicht etwas zu viel der Ehre. Lediglich in der Intensität des Wortschwalls ihrer Protagonistinnen und der Lust zum Kalauern erreicht Berg hier die Nähe zur österreichischen Nobelpreisträgerin. Kai Wessel hat allerdings auch einiges an Spitzen herausgeschnitten. Das Damen-Quartett bemüht sich auffallend in leicht unterkühltem Understatement. Ein Spiel der zunächst gekonnt kleinen Gesten, das etwas zu unvermittelt in die offene Aggression kippt. Das Stück ist beileibe keine leichte Konversationskomödie für den gehobenen Boulevard. Dazu kommt die unentschiedene Regie. Zu brav, zu bieder dann doch wieder vom Blatt inszeniert. Etwas mehr Expressivität wäre hier durchaus nicht fehl am Platz. Zumindest wirkte das Publikum nach der Premiere in den Kammerspielen etwas verstört. Und das ist doch immerhin schon mal die halbe Miete.

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    Die Damen warten
    von Sibylle Berg
    Hamburger Kammerspiele
    Regie: Kai Wessel
    Ausstattung: Maren Christensen
    Mit: Kai Hufnagel, Julia Jäger, Marion Martienzen, Nina Petri, Hildegard Schroedter
    Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 25 Minuten, ohne Pause
    Premiere war am 26. Januar
    weitere Vorstellungen bis 2. März 2014

    Infos: http://www.hamburger-kammerspiele.de/

    Zuerst erschienen am 29.01.2014 auf Kultura-Extra.

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