Autor: Stefan

  • Mülheimer Dramatikerpreis 2010 für Roland Schimmelpfennig

    „Der Goldene Drachen“ in einer Inszenierung von Roland Schimmelpfennig für das Burgtheater Wien

    Chöre gehören also in die Kirche? Das ist die Meinung der Jurorin Katja Lange-Müller. Der Chor ist aber eines der vielleicht ältesten theatralischen Mittel überhaupt, möchte man da rufen. „Großartig“, „hochintelligent“, „meisterhaft“, „hervorragend“, „unglaublich virtuos“, „hoch beunruhigend“ urteilt die Jury zu den meisten der vorliegenden Stücke und „artistische Präzision“ wird dem Preisträger Schimmelpfennig bescheinigt. Also die Juroren entpuppen sich da ja wohl eher als Hohepriester ihrer eigenen Ästhetik. All das, was da gelobt wird, findet man auch bei den Kontrakten des Kaufmanns, nur das Elfriede Jelinek nicht vordergründig diese Klischees bedient. Sie verliert 2-3 zugunsten des gut Gebauten, raffiniert Verwobenen und einer „brisanten, aktuellen Problematik“. Da staunt man doch.

    Was ist nun an Schimmelpfennig tatsächlich so preiswürdig? Seine durchaus interessante Gestaltung, eine Short-Cut-Technik, schnelle Rollen- und Ebenenwechsel? Ähnliches macht auch Dea Loher in Diebe. Dazu kommt die Parabel der Grille und Ameise innerhalb der Rahmenstory, die sich einem erst nicht recht erschließen will, bis die Auflösung sie direkt in die Handlung einbezieht. Das ist aber auch der Knackpunkt, ab hier kommt es knüppeldick. Aus der Grille wird die Zwangsprostituierte Asiatin, der Händler wird zum Zuhälter und der von seiner Freundin verlassene Nachbar zum fiesen Sextouristen im eigenen Land. Da interessiert es kaum noch, dass im Asia-Imbiss der junge chinesische Aushilfskoch an einem gezogen Zahn verblutet. Die Stewardessen sehen ein kleines Boot im Meer (Achtung Flüchtlinge!) und eine von ihnen wirft den Zahn, der in ihrer Suppe gelandet ist, nach ein paar vergeblichen Gefühlsregungen ins Wasser. Der illegale Chinese wird in den Wandteppich mit dem goldenen Drachen gewickelt, das Symbol der Freiheit für ihn und in den Fluss entsorgt. Ohne seine Schwester im Nebenhaus gefunden zu haben, tritt er als Leiche eine wundersame Reise zurück nach Hause an. Das Schicksal schlägt halt gnadenlos zu, wer hätte das gedacht? Die Geschichte ist überladen mit Ausrufezeichen und lässt einem kaum noch die Möglichkeit der eigenen Reflexion.

    Die Inszenierung im Akademietheater besorgt er gleich noch selbst. Das Ganze erinnert ein wenig an den Guten Menschen von Sezuan von Friederike Heller an der Schaubühne. Schnelle Rollen- und Geschlechterwechsel, hier aber ganz ohne Musik, nur ein immer währender Klang einer Schelle oder Glocke im Hintergrund. Das hat es bei Gosch auch immer schon gegeben. Irgendetwas was sich durch das ganze Stück zieht, wie ein roter Faden, ein sich durchs Bühnenbild bewegender Baum, oder das stetige Verschieben einer Bühnenwand als Darstellung der Vergänglichkeit, das sich die Welt weiter dreht. Nun hat es Schimmelpfennig selbst probiert, einmal wie sein alter Regisseur zu sein und es gelingt ihm ganz gut. Das Stück beginnt etwas lau, aber es entwickelt sich im Laufe der Zeit ein Märchen, über die alltäglichen Dinge des Lebens, mit all ihren Härten und Abgründen, wie bei allen Stücken Schimmelpfennigs.

    Schimmelpfennig ist aber ein Meister des Einkleisterns in märchenhafte Bilder, das hat durchaus seinen Reiz. Jürgen Gosch hat diese überbordenden Phantasien immer wieder gut geerdet. Nur, nun ist Gosch weg, Schimmelpfennig entdeckt sein soziales Gewissen und gewinnt. Wo da plötzlich diese Brisanz herkommen soll, erschließt sich nicht so ganz. Ähnlich ist es mit Dea Loher, die uns jahrelang mit düsteren Beschreibungen der zwischenmenschlichen Abgründe erfreut hat und das meine ich durchaus ernst. Sie hat plötzlich einen Hang zur Komödie und die Theaterwelt jubelt. Ist es nicht eher die Inszenierung Andreas Kriegenburgs, die hier so hervor scheint? Denn die Geschichten um die eher banalen Figuren in Diebe, sind genau so übermotiviert und mit Fingerzeigen gepflastert, das man gar nicht weiß, worum es Loher hier eigentlich wirklich geht. Vielleicht sollte man die Stücke in Mülheim in Zukunft auch nur noch szenisch lesen, um Sie von den vorgefertigten Bildern einer Inszenierung zu befreien. Es wird aber mit beiden Stücken, die zur Zeit vorherrschende Ästhetik genau getroffen und so gehen die Preise, eben auch der Publikumspreis, natürlich auch an die Richtigen. Eine Jury ist ja auch nur ein Abbild eines bestimmten Geschmacks.

    Mit dieser Juryentscheidung wird aber wieder ein Text abgewertet, der einfach nur Text sein will, ohne das Schielen nach der möglichst kongenialsten Umsetzung. Die Kontrakte des Kaufmanns bräuchten diese ja nicht einmal, man kann das Stück auf einem Sofa sitzend vorlesen, das einem nachher unterm Hintern weggezerrt wird und alles wäre darin enthalten. Elfriede Jelinek hat mit diesem Stück eine Darstellung der sich immer wieder selbst pervertierenden für den normalen Menschen kaum noch zu durchschauenden Maschinerie der imaginären Geldvermehrung und -vernichtung auf den Finanzmärkten dieser Welt geschaffen. Der Text findet dafür immer wieder Begriffe die im normalen Sprachgebrauch bereits wie selbstverständlich erscheinen und zeigt uns deren Doppeldeutigkeit als Spiegel für unsere Reflexionen. Der Rückschluss ins Private kommt schlagartig mit der Axt.

    Dieser Text ist ein Angebot an jeden Regisseur, jenseits der vorherrschenden Mentalität Texte auszuplündern, sich immer wieder neue Bilder zu bauen. Um noch mal auf den Chor-Gedanken zurück zu kommen, es geht heute eben nicht mehr nur um Individuen, wir sind alle verstrickt. Und genau das zeigt der Text von Elfriede Jelinek, wie kein anderer, nur will das wohl nicht jeder wahrhaben.

    nachtkritik-stuecke2010.de

  • AfghanOpoly oder das große Spiel um ein Amt

    Eine Groteske für Martin Wuttke

     

    Ort: Kanzleramt.

    Es läuft im Fernsehen die Rücktrittspressekonferenz des Präsidenten. Der Ton ist abgeschaltet.
    Die Kanzlerin: Also, das hätte er nicht sagen dürfen, das mit den Handelswegen.
    Außenminister: Ja, es rufen schon den ganzen Tag die hiesigen Burka-Schneider an, ob da alles noch sicher ist. Soll ich mal runter fahren?
    Verteidigungsminister: Du bleibst hier.
    Kanzlerin: Hören Sie auf zu streiten. Meine Herren, ich brauche Vorschläge. Wo kriegen wir einen neuen Präsidenten her?
    Alle schweigen.
    Die Kanzlerin stellt den Ton wieder an.
    Präsident: Habe die Ehre, Habe die Ehre, Habe die Ehre…
    Er schaut verkrampft, seine Frau zieht an seinem Jackenärmel.
    Die Kanzlerin hämmert auf den Fernseher ein: Ich finde den Knopf zum Abschalten nicht.
    Sie schaltet endlich den Ton wieder ab. Stille. Der Präsident wird von seiner Frau vom Mikrofon weg gezerrt.
    Da stürmt der Kanzleramtsminister herein: Frau Kanzlerin, der Raab ist am Telefon. Er will uns eine Castingshow anbieten.
    Kanzlerin: Wer, was, eine Castingshow?
    Sie reißt ihm den Hören aus der Hand: Herr Bohlen?
    Alle: Raab, der heißt Raab.
    Kanzlerin: Ach so. Hallo Herr Raab, was kann ich für Sie tun?
    Raab: Ich biete ihnen eine Castingshow an. Das hat ja mit der Lena schon prima geklappt. So einen Erfolg könnten Sie dringend brauchen. Ich habe bereits mit allen TV-Sendern Verträge abgeschlossen.
    Kanzlerin: Wie soll denn das ablaufen?
    Raab: Na, ist doch ganz einfach. Es melden sich alle Bürger mit mindestens Abitur und echt authentischer Ausstrahlung. Wenn alles gut geht, sind wir vor dem nächsten Song Contest fertig.
    Kanzlerin: Was, so lange und singen sollen die auch noch? So was hatten wir doch schon.
    Raab: Ja, aber bedenken Sie doch mal, dieses tolle Image. Die Lena wird doch jetzt direkt zur neuen Königin der Herzen.
    Der Fernseher läuft und zeigt Lena die Satellite singt. Die Massen kreischen. Die Herren Minister schwenken kleine schwarz-rot-goldene Papierfähnchen.
    Kanzlerin: Danke, Herr Horn, Sie haben mich da auf eine Idee gebracht.
    Sie legt auf und wirft den Fernseher aus dem Fenster.
    Kanzlerin: Meine Herren, ich habe einen Plan.
    Alle schauen sie gespannt an.
    Kanzlerin: Meine Herren, wir führen die Monarchie wieder ein.
    Alle schauen verblüfft.
    Außenminister: Und wer soll König werden? Also, der Pinkelprinz geht nicht, zu schlechtes Image.
    Verteidigungsminister: Ja, und der Franz ist schon Kaiser.
    Kanzlerin: Meine Herren, es muss doch einen geben, der mindestens drei Sätze hintereinander ohne zu stocken sprechen kann und nicht ständig aus der Rolle fällt.
    Kanzleramtsminister: Frau Kanzlerin, ich hab es. Ein Schauspieler muss her.
    Alle: Ein Schauspieler, wo sollen wir den denn hernehmen?
    Kanzleramtsminister: Ich kenne da einen Theaterregisseur, den Pollesch, der hat auch Ahnung von Politik. Der kann uns sicher helfen.
    Nimmt das Telefon, wählt und gibt den Hörer der Kanzlerin.
    Am anderen Ende: Ja, bitte?
    Kanzlerin: Herr Castorf?
    Alle: Pollesch, der heißt Pollesch.
    Kanzlerin: Ah ja, Hallo Herr Pollesch, können Sie uns einen guten Schauspieler empfehlen?
    Pollesch: Na klar, ich mache gerade in Wien was mit dem Wuttke. Wir sitzen hier zusammen im Cafe Imperial.
    Kanzlerin: Imperial? Sehr gut. Geben Sie mir den Mann.
    Am anderen Ende: Wuttke, ja, bitte?
    Kanzlerin: Hallo Herr Wuttke, wir brauchen einen richtig guten Schauspieler für eine Königsrolle.
    Wuttke: Da sind Sie bei mir genau richtig, ich habe sie alle drauf. Wen wollen Sie haben, den Heinrich, den Edward oder den Richard?
    Die Kanzlerin: Also, ich dachte da mehr an etwas bodenständiges und volksnahes.
    Wuttke: Hm, also mehr so was wie den Ubu. Das könnte gehen.
    Alle mit Fragezeichen in den Gesichtern.
    Wuttke: Wie hoch wäre denn die Gage? Und ich brauche auch täglich die Flugbereitschaft, ich habe nämlich ein festes Engagement am Burgtheater.
    Kanzlerin: Unser Budget ist leider nicht so üppig. Wir können nur 10 Freiflüge im Jahr spendieren und es gibt ja hier auch ein schönes kleines Schloss.
    Wuttke: Also, den Lear geb ich euch nicht. Da könnt ihr euch einen anderen Dummen suchen.
    Er legt auf. Die Kanzlerin ist wütend: Dann soll der doch Kaiser von China werden, oder meinetwegen auch von Österreich.
    verzweifelt: Meine Herren, jetzt hilft nur noch eins.
    Sie holt tief Luft. Alle schauen wieder sehr gespannt.
    Kanzlerin: Meine Herren, jetzt müssen wir Fußballweltmeister werden. Dann überstehen wir auf jeden Fall die nächsten 4 Jahre.
    Alle knien sich vor ein Jogi-Löw-Bild und fangen an zu beten.

    ENDE

  • Born to be Wild, zum Tod von Dennis Hopper

    Der Schauspieler und Regisseur Dennis Hopper (1936 – 2010)

    Obwohl Dennis Hopper wohl nie auf der Bühne eine große Rolle gespielt hat, ist er aber dennoch ein Schauspieler und Regisseur gewesen, der mit sehr einfachen Mitteln große Themen angepackt hat und auch immer wieder in seinen Filmen fast kammerspielartig den amerikanischen Alltag sezierte. Er war kein Mann der großen Hollywoodepen, wenn er auch immer wieder in Filmen wie Speed oder Waterworld besetzt wurde.

    Er ist und bleibt mein absoluter amerikanischer Lieblingsschauspieler, da er wie kein anderer das unabhängige amerikanische Kino verkörpert, das mir immer so gefallen hat. Es gibt kaum einen anderen, der dieses Kino jenseits von Hollywood so gelebt hat wie er, vielleicht nur noch Harvey Keitel, oder heute die Schauspieler und Regisseure wie Vincent Gallo, Steve Buscemi, Sean Penn, John Waters, Jim Jarmusch und sicher auch Clint Eastwood.

    Angefangen hat er in den 50er Jahren in Nebenrollen an der Seite des großen James Dean in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“. Die beiden waren eng befreundet und Hopper war sehr betroffen über Deans frühen Tod.

    Sein Regiedebüt war der wohl größte amerikanische Kultfilm überhaupt, „Easy Rider“ mit Peter Fonda und Jack Nicholson, der wie kein anderer das Lebensgefühl der ausgehenden 60er Jahre in Amerika und der Hippies beschreibt, aber auch knallhart die Schattenseiten zeigt. Diesen Film hat er gelebt mit allen Höhen und Tiefen, Drogen und Alkoholexzessen. Der Film „The Last Movie“ von 1971 ist sein Traum vom Filmemachen, ein Abgesang auf das Hollywood-Kino aber bei der Kritik leider gnadenlos durchgefallen. Erst Anfang der 80er Jahre hat er wieder relevante Filme gemacht, wie z.B. 1980 „Out of the Blue“, der wieder ein Lebensgefühl, das der verlorenen amerikanischen Punk-Jugend am Beispiel des Mädchens CB (Linda Manz) beschreibt. Hier spielt er auch wieder selbst als alkoholkranker Vater mit. Eine Rolle, in die er sein ganzes Leben gepackt hat. Weitere bekannte Filme von ihm sind „Colors -– Farben der Gewalt“ mit Sean Penn von 1988, „Catchfire“ mit Jodie Foster von 1990 und die Komödie „Chasers“ von 1994. Als Schauspieler hat er immer wieder in Nebenrollen brilliert. Er verkörperte hier meist kongenial den durchgeknallten Freak, Gangster oder Psychopaten. Beispiele dafür sind David Lynchs „Blue Velvet“ mit Isabella Rossellini, das Roadmovie „True Romance“ von Tony Scott und Quentin Tarantino (Drehbuch) mit einer Reihe weiterer berühmter amerikanischer Schauspieler sowie die Filme „Apocalypse Now“ und „Rumble Fish“ von Francis Ford Coppola. Immer wieder hat er auch europäische Regisseure inspiriert und in Filmen von Wim Wenders große Rollen wie z.b. in „Der Amerikanische Freund“ und als Tod in „Palermo Shooting“ verkörpert.

    Weniger bekannt ist, dass er auch als Fotograf und Maler gearbeitet hat. Eine Retrospektive seiner durchaus bemerkenswerten Werke hat das MAK in Wien 2001 gezeigt.

    Privat hat er in mehreren Ehen auch eher vergeblich sein Glück gesucht. In einem großen Rosenkrieg mit seiner 5. Frau Victoria Duffy verzehrte er seine bereits vom Krebs geschwächten Kräfte in den letzten Jahren. Er war bis zu Letzt das, was er immer verkörpert hat, der ewige angry young/old Man des amerikanischen Films.

    Seine letzte Rolle spielte er 2008 als David Kepesh in dem Film „Elegy“ von Isabel Coixet nach dem Roman „Das sterbende Tier“ von Philip Roth an der Seite von Ben Kingsley und Penèlope Cruz.

    Gestern ist Dennis Hopper im Alter von 74 Jahren gestorben.

  • Die Fräulein von Wilko an der Schaubühne am Lehniner Platz

    Im Rahmen des europäischen Theaternetzwerks PROSPERO gastierte das Teatro Storchi di Modena, mit einer Adaption des Romans „Die Fräulein von Wilko (Le Signorine di Wilko)“ von Jaroslaw Iwaszkiewicz in einer Inszenierung von Alvis Hermanis, an diesem Wochenende an der Berliner Schaubühne. Ein polnischer Autor inszeniert von einem bekannten lettischen Regisseur an einem italienischen Theater, europäischer geht es nicht mehr. Der Roman von Jaroslaw Iwaszkiewicz dürfte hier auch einigen aus einer Verfilmung des polnischen Star-Regisseurs Andrzej Wajda „Die Mädchen von Wilko“ aus dem Jahre 1979 bekannt sein.

    Ein allein lebender Mann um die 40, fährt 1930 nach einem körperlichen und psychischen Zusammenbruch, auf Anraten seines Arztes, aufs Land und besucht das Gut Wilko, wo er schon vor 15 Jahren den Sommer, vor allem wegen der 6 jungen Töchter des Gutsbesitzers, verbracht hat. Julcia, Jola, Zosia und Kazia sind nun zum Teil verheiratet, haben Kinder und Fela ist sogar bereits vor 15 Jahren gestorben, am spanischen Fieber wie es heißt. An Fela hat er besonders starke Erinnerungen, und so ist sie auch mit körperlich auf der Bühne anwesend. Wiktor, der junge Mann, hat sich damals sehr gefallen in der Rolle des Hahns im Korb, konnte sich aber nie für eine der Schwestern entscheiden und auch jetzt nach 15 Jahren ist er nicht im Stande sich der jüngsten Schwester Tunia zu öffnen, die damals noch ein Kind war und sich nun in ihn verliebt hat. Aber sie muss feststellen, das er nur die tote Fela in ihr sieht. Auch Wiktors erneute Annäherungen an die anderen Schwestern scheitern. Im Rausch der Gefühle bricht er fast wieder zusammen und reist überstürzt vorzeitig ab. Ihm ist klar geworden, das man die Zeit nicht zurückdrehen und Vergangenes nicht zurückholen kann. Er hat sich mit seinem Leben, allein ohne Frauen abgefunden.

    Alvis Hermanis findet für das Geschehen auf der Bühne, die als Großküche des Landgutes mit rustikalen Möbeln und einen riesigen Strohhaufen im Hintergrund aufgebaut ist, fast surreal schöne Bilder für diese Zerrissenheit und das Unvermögen sich anzunähern. Die großartigen Schauspieler springen immer wieder in große Vitrinen aus Plexiglas und hämmern mit den Fäusten dagegen. Zu Beginn werden die 6 Schwestern, eine nach der anderen aus einem alten Schrank springend, von Wiktor vorgestellt, er fällt immer wieder in diesen Erzählton zurück und kommentiert das Geschehen. Der Schrank dient auch als Kleider-Reservoir für einige Kostümwechsel der Schwestern und zum Schluss wird sich Tunia darin aufhängen. In weiteren Szenen gibt es eine schneewittchengleiche Aufbahrung der Fela unter einer liegenden Vitrine und eine surreale Gebährszene aller Frauen mit Strohballen.

    Alvis Hermanis ist ein Könner des Verbindens des epischen Theaters von Brecht und der Einfühlung a la Stanislawski. Beide Formen stehen hier gleichberechtigt auf der Bühne. Das war auch schon im letzten Jahr in „Schukschins Erzählungen“ bei den Wiener Festwochen zu bestaunen. Eine Art von Theater, dass sich hier kaum jemand trauen würde, das aber durchaus seinen Reiz versprühen kann.

  • Mut zu(r) Lükke – „Die Überflüssigen“ von Philipp Löhle

    inszeniert von Dominic Friedel im Studio des Maxim Gorki Theaters Berlin

    Wie schon in Genannt Gosbodin müht sich in den Überflüssigen ein hoffnungsloser Utopist, um einen alternativen Lebensentwurf. Ist es mit Gosbodin noch ein weltfremder, schwadronierender Zivilisationsverweigerer, der erst mit dem Fund eines dubiosen Geldkoffers eher unfreiwillig wieder ins reale Leben gespült wird, ist es mit Eddie Seuss ein zivilisationsmüder und stressgeschädigter Workaholic, auf der Suche nach inneren Ruhe.

    Diese Umkehr der Voraussetzungen und der Kontext, über schrumpfende Städte in der Prignitz zu berichten, bilden die Grundlage für das neue Stück „Die Überflüssigen“ von Philipp Löhle. Übrigens kringelt mein Wordprogramm den Namen dieser brandenburgischen Region auch ein, als wenn er nicht wirklich existieren würde. Und genau so erscheinen einem die Figuren im Stück auch unwirklich, wie in dieser Welt vergessene oder gestrandete Außenseiter.

    Der Tod der Eltern, sie sind, wen wundert’s, mit einem Auto gegen eine Alleepappel gefahren, bringt Eddie eher gegen seinen Willen wieder zurück in die Heimatstadt Lükke und es ist für ihn auch genau so wie früher, alles beim alten geblieben, nebst dem blöden Spitznamen Eddie Spaghetti. Nach einem Disput mit dem daheim gebliebenen Bruder Uwe, über die Tatsache, das Eddie und nicht er zuerst vom Tod der Eltern informiert wurden und einem schrägen Begräbnis in, Ironie des Schicksals, Pappelsärgen, fährt Eddie erst mal wieder ins wahre Leben. Aber Lükke und die wiedergetroffene eine Klasse unter Uwe, eine Klasse über ihm Ellen, lassen ihn nicht in Ruhe und so reift der Traum dieses vergessene Nest wieder zu erwecken und zum Ruheidyll auf Matratzen für müde Städter umzuwandeln.

    Das ist nun der Knackpunkt der Story, denn nicht wie man meinen würde, Eddie freudig begrüßend, wollen der alte Kumpel Chris, ein stoischer, philosophierender Dorfpolizist und Fitz der Pappelzüchter, gar nicht erweckt werden. Das machen sie ihm nach und nach klar und scheuen letztendlich auch nicht vor dem Einsatz krimineller Mittel zurück. Eddies Steine, die er aus den verlassenen Häusern für eine monumentale Skulptur bricht, verschwinden und er verirrt sich, unter Mithilfe von Chris im Wald, auf der Suche nach den alten Einspurbahnschienen, weil er diese nun zu Geld machen muss. Sein Traum scheitert nicht zuletzt am Geldmangel, die Bank spielt auch irgendwann nicht mehr mit, sondern auch an der massiven Gegenwehr der Einheimischen, die sich in ihrer Lethargie wohl zu fühlen scheinen. Klischeebilder vom Wodkasaufen mit Russensound und zwei kleine Geschichten vom Bubble-Boy, der nur abgeschirmt in einer Blase leben kann und stirbt als er aus ihr befreit wird und der unter Hunden aufgewachsenen Oxana Malaya, sollen diese These verdeutlichen.

    Ist das nun eine umgekehrte Utopie oder eine Darstellung, wie man auch ohne allen Fortschritt glücklich leben kann? Aber glücklich scheinen die Bewohner von Lükke ja auch nicht zu sein. Das kommt vor allem in der tragischen Figur der Ellen zum Ausdruck, die ihr mit Eddie gezeugtes Kind lieber an die nach Familienglück gierende Kollegin von Eddie weggibt, als sich mit ihm ein neues Leben in Lükke vorstellen zu können.

    Die Geschichte bleibt ein Rätsel, und entwickelt sich sogar noch zum mysteriösen Krimi, als erst Eddies Bruder, der die Idee eines Ladens umsetzten wollte, an geplatzten Krampfadern stirbt und dann auch Eddie selbst im Luk mit aufgeschlagenem Kopf gefunden wird. Die Bewohner von Lükke haben ihre Störenfriede einen nach dem anderen aus dem Weg geräumt und sind nun wieder mit sich und der Welt im reinen. Wer jetzt wirklich „Die Überflüssigen“ sind, bleibt da auch völlig offen.

    Nun wäre sicher diese horrende Story zum Scheitern verurteilt, wenn nicht die wunderbaren Bilder der Inszenierung von Dominic Friedel und die tollen Schauspieler wären, die diese herrlich schräge Geschichte retten und nicht vollends ins Klischee abrutschen lassen. Hervorzuheben sind vor allem die Frauen. Ninja Stangenberg als träumerisch, traurige Ellen und Sabine Waibel, die gleich drei Figuren zu stemmen hat, die Bank, die Kollegin von Eddie und eine Klasse Slapstickeinlage als serbischer Türke mit Wiener Dialekt. Aber auch Robert Kuchenbuch als Eddie, Gunnar Teuber als Uwe / Chris und Horst Kotterba als Pappel-Fitz können in ihren Figuren durch leisen und trockenem Humor überzeugen.

    Ob nun Philipp Löhle mit diesem Stück den Nerv der Zeit getroffen hat, eine genaue Beschreibung der brandenburgischen Bevölkerung abliefert oder einfach nur eine Parabel über die Unmöglichkeit des Ausfüllens von Lebenslücken geschrieben hat, bleibt letztendlich egal. Befreit vom starren Kontext der Projekt-Vorgabe „Über Leben im Umbruch“, wird das Stück seinen Weg finden, denn Lükke ist schließlich überall.

  • Fazit zum Berliner Theatertreffen 2010

    Ich habe jetzt erst das Fazit von Rüdiger Schaper im Tagesspiegel vom 25.5.2010 zum Theatertreffen vollends zu Ende gelesen. Was hat denn Herr Schaper so Essentielles gesagt. Er ist wie die Furie über die Inszenierungen hergefallen und hat Sie in Bausch und Bogen abgekanzelt. Dass da sicher einiges Beliebiges dabei war, ohne Frage. Aber da bekommt man als Leser des Tagesspiegels doch ein völlig falsches Bild, wenn man hier nicht auch noch ein paar andere Stimmen dazu hört.

    Hier noch mal O-Ton Herr Schaper: „Mit ihrer Agenda 2010 ist die Jury auf dem kleinsten gemeinsten Nenner gelandet. Hier ein schockgefrorener Horváth mit Depressionsopfern, dort die volle Proll-Dröhnung der ‚Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen‘. Hier die miesen Alltagsmonster, die zwischen ‚Liebe und Geld‘ nicht mehr unterscheiden können, dort die Lemuren aus ‚Riesenbutzbach‘. Hier die aufgezogenen amerikanischen Androiden aus ‚Life and Times – Episode 1‘, dort die wortschwalligen ‚Kontrakte des Kaufmanns‘ der Elfriede Jelinek. Als ob die Theater in Köln und Wien, Hamburg und Berlin bloß noch die fiese Krise auf dem Spielplan hätten!“

    Was wäre denn die Alternative gewesen? Trust und Die dritte Generation fällt ihm ein. Na ja, darauf könnte man sich sicher noch einigen. Aber wieso hat die Wirtschaftskrise auf der Bühne nichts zu suchen. Was wäre denn noch so relevant heute? Man schreit immer, das Theater ist nicht aktuell an den Problemen der Leute dran, es wird immer nur hinterher gehechelt und jetzt hat man ein überaktuelles Stück der Frau Jelinek und es ist wieder nicht das Richtige. Verstehe das wer will, ich jedenfalls nicht. Alles keine echten Menschen, nur Typen etc. etc. Was wäre denn, wenn die Menschen auf der Bühne so echt wären, das es schon dokumentarisch wird, das wäre auch wieder keine Kunst in den Augen des Herrn Schaper. Performance mit echten Menschen à la Marina Abramovic, die sich im New Yorker MOMA an einen Tisch vor die Besucher gesetzt hat, das findet er gut. Wie funktioniert das denn im Theater? Ich kann mich erinnern, dass so etwas Ähnliches in der Schaubühne stattgefunden hat. Stücke für jeden einzeln nach Wunsch zusammengestellt in Kabinen. Pollesch hat ein Gesellschaftsspiel in der Volksbühne organisiert. Wäre das etwas für Herrn Schaper?

    Schlecht gespieltes Elend, ja wie sieht denn gut gespieltes aus? Elend ist Elend. Dann kommt er mit Franz Xaver Kroetz, Klasse, aber wo ist die passende Inszenierung dazu, her damit.

    Dann hat er ja wenigstens noch 2 Stücke nicht verrissen. Schimmelpfennigs Goldener Drachen bekommt eine lobende Erwähnung, wegen Ansätzen von Leichtigkeit, was auch immer er da leichtes gesehen haben mag und der „Solitär“ ist der Kleine Mann, na wer hätte das gedacht. Das Stück mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den man sich einigen kann in diesem Jahrgang, wie schon eine Jury im Fernsehen. Und das ist dann der Volltreffer? Halt mich fest.

    Ich will hier nur noch mal eine Lanze für Christoph Marthaler und Anna Viebrock brechen, da die hier in Berlin doch etwas untergegangen zu sein scheinen. Den Rest von Herrn Schapers Reflexionen vergesse ich lieber ganz schnell, sonst kriege ich noch nachträglich die Krise. Die „ewige Verblödungs- und Verödungsmasche“, Figuren, die „bemüht schlaff und maulfaul und lächerlich gekleidet ihre und unsere Zeit totschlagen“, das ist also sein Eindruck von Riesenbutzbach? Das geht doch nun wirklich nicht. Was hat er eigentlich erwartet?

    Mein Erlebnis dieser Inszenierung liegt zwar schon etwas zurück, ich sah das Stück bei den Wiener Festwochen im letzten Jahr, aber es ist für mich nach wie vor so präsent, als wenn es gestern gewesen wäre. Es ist eben wie immer ein typischer Marthaler-Viebrock-Abend und die haben nie ein großes Brimborium gebraucht um ihren feinen Charme zu versprühen. Es wird dem Nachbarn direkt übern Gartenzaun geschaut. Wir sehen die Mittelschicht beim Abstieg, beim leisen Goodby-Gesang aus der Konsumwelt. Der Tresor klemmt am Anfang und zum Schluss werden die Möbel abgeholt. Das geht halt heute ohne großes Aufhebens mit der Musik von Schubert, Schumann und Beethovens Fidelio. Wir wollen ja bittschön kulturvoll vor die Hunde gehen. Da schwingt jede Menge feine Ironie und a bisserl Melancholie mit und wenn man schon glaubt alles scheint verloren, dann kommt der Kleinbürger mit viel Schmäh und den Bee Gees zurück. We are „Staying Alive”.

  • Droht die Zwangskollektivierung der Schauspielkunst? Zum Abschluss des Theatertreffens 2010

    Ja, da kann einem tatsächlich Angst und Bange werden. Droht dem Theater jetzt die Zwangskollektivierung der Schauspielkunst? Ist das wieder so eine neue Idee von den Regisseuren, vor denen uns Stadelmaier, Strauß und Stein ständig warnen wollen.

    Was ist tatsächlich passiert? Es waren sehr ereignisreiche Tage in Berlin. Wir durften 10 ausgewählte Theaterstücke erleben, die fast alle einen unmittelbaren Bezug in die Gegenwart haben oder sogar direkt davon erzählten. So etwas hat es noch nicht gegeben, in den letzten Jahren waren es 2, 3 oder höchsten 4 der Inszenierungen. Und etwas fehlte tatsächlich der große Einzelschauspieler a la Bruno Ganz und so dürfte es dem Altmeister auch wirklich schwer gefallen sein, seinen Preis los zu werden. Er ist dann zwangsläufig beim einzigen Stück fündig geworden, was eine erkennbare Hauptfigur und einen ihm angemessen Plot besitzt, dem Kleinen Mann von Hans Fallada. Aber auch einer anderen Jury ging es ähnlich, da wurden die Schauspielensemble schmählich ignoriert und sogar versucht sie gänzlich weg zu diskutieren. Das dabei die schönste, dem Gemeinsinn geradezu frönende Inszenierung des Theatertreffens, Die Kontrakte des Kaufmanns, einem faulen Kompromiss zum Opfer gefallen ist, ist die Tragik eines ansonsten erfrischenden Jahrgangs, wenn man von einigen Ausrutschern absieht, die man nie verhindern kann und die auch zur Herausstellung des wirklich Bemerkenswerten dazu gehören.

    Die Wiederentdeckung des politischen Theaters wurde angeblich gefeiert. Meiner Meinung nach fehlt dazu noch einiges, aber es muss ja auch nicht zwangsläufig im Agitprop enden. Ein wenig störend finde ich jedoch, das ständige Unken über die Ausstellung von Unterschichten, Aquariengucken und das ewige Darstellen angeblich in unseren Köpfen existierender Klischees. Diese Klischees gehören einfach dazu, es kommt auch keiner auf die Idee der sogenannten Unterschicht ihre Klischees über den Bildungsbürger vor zu spielen. Ich glaube, der geübte Zuschauer kann sehr wohl die Wirklichkeit vom Spielen mit vorhanden Vorurteilen unterscheiden.

    Und noch etwas ist mir aufgefallen, die klammheimliche Rückkehr des so verpönten Bühnenbildes in viele der Inszenierungen, sei es Riesenbutzbach, Kasimir und Karoline, Der Kleine Mann, Diebe oder Die Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen. So unterschiedliche Bühnenaufbauten hat man lange nicht gesehen und selbst in den Kontrakten des Kaufmanns existiert so etwas ähnliches wie ein Bühnenbild, wenn es auch im Laufe des Spiels sehr leiden muss und schließlich wie ein Kartenhaus der Träume in sich zusammenfällt und gnadenlos vom begnadeten Ensemble zerschrotet wird.

    Am Rande durften wir noch Auszeichnungen für zwei verdiente Damen der Schauspielkunst in Berlin erleben, eine im Osten, gefeiert von den eher jungen Theaterleuten und eine im Westen, benutzt für den Versuch einer Reconquista der alten Garde, allen voran Botho Strauß, flankiert von einer Rede eines bekannten Theaterkritikers zu einer merkwürdigen Fahrt in die brandenburgische Provinz.

    Das muss man alles erst mal verarbeiten, bevor man wieder zum zur Zeit eher trüben Berliner Theateralltag übergeht. Aber nach dem Theatertreffen ist vor dem Theatertreffen und vielleicht erkennen dann doch noch bis dahin einige, die Liebe im Theater und den Einzelnen im Ensemble vieler, die diese Theaterliebe teilen und täglich leben. Also dann, in diesem Sinne, bis zum nächsten Mal.

  • Pilatus oder manchmal kimmt es anders als Mann denkt

    Ein kleines Satyr-Spiel für Oberammergau in 3 Akten und einem Epilog

     

    1. geänderte Fassung, Mai 2010

    Personen:
    Der große S, ein Schauspieler
    Der Regisseur
    Die Assistentin
    Die Souffleuse
    Die Kritikerin
    L, ein Jesusdarsteller
    Der Wirt
    Ein Zeitungsjunge
    Statisten

    Ort der Handlung:
    Festspielhaus Oberammergau
    und das Kinocafé von Oberammergau

    1. AKT

    Generalprobe für die Passionsspiele.
    Es wird die Pessachfestszene vor dem Palast des Pilatus geprobt.
    S (spielt den Pilatus): Sehet was ein Elch… äh…lass diesen Kelch… verflixt.
    Regisseur: Jetzt hoat der scho wieda sei Tekscht voargessen. I fasset net. Mariiiaa!
    Souffleuse: Ich weiß nicht wo der ist, das steht hier alles nicht.
    Regisseur: A Mönsch, a Mönsch, Himmi sacra. Woa isch denn doar Jesus hi?
    Assistentin: Der L hat sich im Kinocafè besoffen. Den kriegen wir nicht wach.
    Regisseur: Mei, Andrearl, dann hol hoilt oan andren Deppen, dös kriegt doch a jeder hi.
    S: So kann ich nicht arbeiten, wen soll ich denn jetzt ans Kreuz nageln?
    Regisseur: Du learn arscht amoi dei Tekscht, zefix no amoi.
    S: Was man sich hier so sagen lassen muss, ich spiele ja sonst nur beim Stein.
    Auftritt des Volkes mit Castorfmasken: Greizischt ihn, Greizischt ihn.
    Regisseur: Wos hoabn di gsagt, Maria?
    Die Souffleuse blättert aufgeregt im Textbuch und zuckt hilflos mit den Schultern.
    Assistentin: Die haben uns versehentlich die Statisten vom neuen Schlingensief aus Sachsen geschickt.
    Regisseur: Na pfüat di, dös übarleb i net. Andrearl moach Du dös weida. I broach a Weißbier uand a Brezn.
    Geht ab.
    Vorhang

    2. AKT

    Im Kinocafé. Der L, auf den Knien, wischt den Boden. Der Wirt steht daneben. Auftritt des Regisseurs.
    Regisseur: A Bier uand a Brezn, abar fix, i kriag a Krisen. Woas mochst Dua do L?
    L schaut nicht hoch und wischt weiter.
    Wirt: Der koa net zahln.
    Regisseur: Mei, schreibs hoalt bam Schlingesief oa. Der kimmt eh bald uand uabernimmt dös hia.
    Wirt ab. Die Assistentin kommt aufgeregt ins Cafè.
    Assistentin: Der S hat sich vor den Castorfmasken so erschrocken, das er in Ohnmacht gefallen ist und hat dann ständig fantasiert, das ihm der L seine Spiralnägel geklaut hat. Jetzt will er nicht mehr sprechen.
    Regisseur: Woas hoat der? I wir narrisch. Spinnst ihr aolle? Da soll hoalt die Maria den Tekscht aufsagn uand er wackelt mit da Pappen.
    Sieht den L strafend an.
    L: Ick hab nüscht jemacht. Weß ick doch nich, wat dem so durch de Birne rauscht. Ick hab och keen Bock mehr. Der spuckt ma dauernd an bein Dekla…kla…, wat weß ick wie dit heßt.
    Regisseur: Jetzt schloagts 13. Dua moachst hia waos i soag. Uand geh di duschn vor da Masken.
    L: Duschen? Dit ham wa bein Petras nie machn müssn. Dit nennt man denne S-o-z-i-a-l-i-s-t-i-s-c-h-e-n N-a-t-u-r-a-l-i-s-m-u-s.
    Regisseur: Schmarrn. Mia san hia in Obarammagau, da kimm de Leit gwaschn ans Kreiz.
    L maulend ab: Son Scheiß, menno.
    Regisseur: Andrearl, woaßt, so werd dös nix mit uans zwoa uand Bayreuth. Host me?
    Die Assistentin nickt traurig, beide ab.
    Vorhang

    3. AKT

    Nach der Premiere im Kinocafé.
    Am Tresen sitzen der Regisseur und die Assistentin. Der große S trinkt mit einer bekannten Kritikerin am Tisch Wein. L liegt unterm Tresen und schnarcht. Die Uhr über dem Tresen zeigt 2:00 Uhr morgens. Der Wirt stellt 2 Kästen Bier auf den Tresen und 4 Flaschen Rotwein dazu und verabschiedet sich ins Bett.
    Regisseur (stark betrunken): I bin aus, Andrearl, di solln do heuer no amoi mitm Schlingesief waida moachn. Host mi? Bayreuth, Bayreuth, wia kimmi.
    Assistentin: Das war aber auch eine starke Szene. Wie einst beim Schleef, wie die da immer wieder gerufen haben. Mir läuft es immer noch wie ein Schauer über den Rücken.
    Kritikerin: Herr S, das war so bildgewaltig, wie Sie diesen ungewaschenen langhaarigen L da dominiert haben.
    S: Ja, wie in alten Zeiten, beim Stein. Nach Moskau, nach Moskau. In diesem Bauernregietheater kann man ja kaum noch zeigen, was man so wirklich drauf hat.
    Im Oktober muss ich dann leider nach Leipzig. König Lear beim Hartmann.
    Kritikerin: Sie Ärmster. Das wird ja sicher fürchterlich für Sie.
    S: Genau, ich habe mir die ganzen alten Videos von der Schaubühne eingepackt. Das kriegen diese Ossis mit ihrem regievolkseigenem Leipziger Allerlei nie hin.
    L, unterm Tresen, ist erwacht und lallt: Ick werd Dir wat S, son Scheiß, ma sehn wat die da morjen widda jeschrieben hat. Is noch Bier da?
    Greift sich eine Flasche und trinkt auf ex.
    Vorhang

    EPILOG

    Nächster Tag im Kinocafé. Es ist 12:00 Uhr. Alle bis auf L sitzen mit Gepäck am Tisch. Die Kritikerin ist weg. Es werden Aspirin verteilt. L sitzt in den selben Klamotten wie gestern nacht da, ein Basecap tief ins Gesicht gezogen. Er bestellt: N Bier und n Kurzn.
    S: Weiß noch jemand wie das gestern nacht ausgegangen ist? Ich hatte einen totalen Filmriss.
    Alle zucken mit den Schultern. L grinst und trinkt sein Bier.
    Ein Zeitungsjunge kommt rein.
    Zeitungsjunge, ruft: Extrobload, Extrobload, Umfoi in Obarammargau!
    Regisseur: Wos hoast gsagt? Geh her da. Is da scho a Kritik drin?
    Reißt dem Jungen eine Zeitung aus der Hand. Er fängt leise an zu lesen und wird immer röter im Gesicht, bläst die Backen auf und lässt die Zeitung fallen.
    Regisseur: Die Kuah, die ranzige. Andrearl, aus is mit Bayreuth.
    Er schlägt den Kopf auf den Tisch.
    Die Assistentin nimmt die Zeitung und liest flüchtig vor: …postschleefsches Regietheater… aberwitzige Schaumschlägerei…die Fortsetzung des Programmhefts mit anderen Mitteln.
    Ihr huscht ein leichtes Lächeln über das Gesicht.
    S: Weiter, weiter, was steht da über mich?
    Die Assistentin liest weiter: …dekonstruierte Demonstrationsmaschine…merkwürdig sprachlos… castorfscher Brutalo. Will er so den Lear in Leipzig vorwegnehmen?
    S sinkt zusammen: Ich bin blamiert, dieser unfähige Stammtischregisseur.
    Er stürzt sich auf den Regisseur. Sie rollen über den Boden.
    L bestellt sich grinsend noch ein Bier und einen Kurzen.
    Die Assistentin liest weiter: Weiterhin konnten wir aber die Auferstehung eines Totgesagten in der Rolle des Jesus erleben. L überstrahlte alle, fernab jedweder Text- und Menschenverachtung reicht er uns eine Hostie der Verzückung.
    L grinst noch breiter und nimmt das Basecap ab. Er streicht sich durch das fettige Haar. Auf seiner Stirn steht groß mit Edding eine Telefonnummer geschrieben. Die Vorwahl ist leicht verwischt.
    Vorhang
    Jubel, Beifall, Bravorufe und vereinzelte Buhs vom Band.

    ENDE

    Ich widme dieses kleine Stück Herbert Achternbusch, Frank Castorf; Christoph Schlingensief, Armin Petras, Rene Pollesch, Andreas Kriegenburg, Michael Thalheimer und allen anderen von Herrn S. verkannten Genies. Den Regisseur muss der Sepp Bierbichler spielen, der kriegt das auch mit dem Bayrisch besser hin.

  • Zur Nichtvergabe des Preises beim Heidelberger Stückemarkt 2010

    Beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt wurde durch die Jury, bestehend aus der SZ-Kritikerin Christine Dössel, dem Dramaturgen Erik Altorfer und Vorjahrespreisträger Nis-Momme Stockmann, kein Preis vergeben, mit der Begründung, das keines der Stücke so herausrage, das es eine eindeutige und konsensfähige Entscheidung zu einem Preis gegeben hätte. Dazu kommt, das auch der europäische Förderpreis nicht verliehen wurde. Gastland war übrigens Israel vertreten mit 3 Stücken im Wettbewerb. Die Jury verbindet ihre Entscheidung mit der Anregung zu einer Diskussion über die Förderkultur der deutschsprachigen Dramatik.
    Das erregte den Unmut der Jungdramatiker der in einem offenen Brief gegen die Entscheidung, den Preis in gleichen Teilen an alle Teilnehmer zu vergeben, mündete. Es fehle eine inhaltliche Begründung und das pauschale Urteil atme den „Geist der Exklusion“ unter dem Mantel von Nachhaltigkeit und Qualität. Daraufhin wurde auf der Seite von Nachtkritik angeregt und sehr kontrovers von vielen Kommentatoren das Für und Wider diskutiert. Nachzulesen auf  www.nachtkritik.de unter Scharfe Kritik der betroffenen Autoren an der Jury des Heidelberger Stückemarkt. Dort wurde Christine Dössel, die in einem Artikel der SZ, das Fehlen von Stücken zum Nah-Ost-Konflikt und der Frage der Palästinenser bemängelte, unter anderem Antisemitismus vorgeworfen.
    Vorausgegangen war noch einer Art Philippika von Nis-Momme Stockmann gegen die Bewertungsmacht der Kritik auf der Stücke-2010-Seite von Nachtkritik zu den Mühlheimer Theatertagen. Nachzulesen auf Stücke 2010 – 35. Mülheimer Theatertage NRW

    Ja, da hat der junge Herr Stockmann ein paar Latten vom Zaun gerissen, die ihm jetzt durch jene, denen sie nun fehlen, gewaltig um die Ohren gehauen werden.
    Dieser Streit um das von Stockmann so bezeichnete „Bewertungskompetenzgold“ zeigt doch genau worum es eigentlich geht, der ewige Kampf um die, den, das Beste. Da kann das Ganze doch nur zum Katzengold mutieren. Unter welchen Kriterien soll denn nun in so einem Wettbewerb, das beste Stück gefunden werden? Das kann doch nur ganz subjektiv erfolgen und nicht nach „Bewertungsclustern“, wer will die denn auch bestimmen, das ist doch kein Sportwettkampf. Außerdem geht es Stockmann gar nicht um gesellschaftliche Relevanz, wenn die jetzt wieder eingefordert wird, sonder lediglich um „Theater wie es sein soll, eine Kunst, ein Medium – einfach ein Affekt, Leben, Brand, Versuch, Zwang, Neurose (und die Begegnung mit ihr), Verzweiflung, Dummheit, Irren, Widerspruch – Liebe Liebe Liebe – diffus und dumm – überwältigend, herabwerfend, katastrophal!
    Denn das ist menschlich.“
    Es ist allerdings auch schwach von der Jury, sich nicht weiter zum Thema zu äußern, sondern nun die Debatte den Institutionen und dem Feuilleton zu überlassen. Aber wahrscheinlich bedurfte hat es dieses Ausrufezeichens, um die Debatte überhaupt erst anzustoßen.
    Es ist wahrscheinlich richtig dämlich, den Streit um junge Dramatik in Deutschland vom Zaun zu brechen, wenn man sich Gäste aus Israel dazu eingeladen hat, die damit überhaupt nichts zu tun haben und das auch nicht verstehen können. Da ist sicher viel Schaden angerichtet worden. Aber es ist nie die richtige Zeit für bestimmte Debatten und man muss jetzt versuchen, das sauber zu trennen, um die sprichwörtliche Kirche/Synagoge/Moschee im Dorf zu lassen. Der Antisemitismusvorwurf ist schnell gemacht, aber danach ist es kaum noch möglich, eine sachliche Debatte zu führen.

    ——————————————————————————————–

    Die Musendrossel oder eine Schwalbe macht noch keinen Frühling.

    Flieg Drossel flieg,
    Dein Vater ist im Krieg.
    Die Mutter ist im Musenland,
    Musenland ist abgebrannt.
    Flieg Drossel flieg.

    Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar im Land der großen Sänger veranstalteten, wie in jedem Jahr, einen großen Wettstreit und sie lobten ein fetten Wurm als Preis aus, für denjenigen, der den schönsten Gesang unter den hiesigen Vögeln hätte.

    Zu Richtern erkoren sich die Vögel die in Kunstdingen erfahrene Musendrossel, den Einfarbgimpel von hinter dem Berg, der dort auch schon einen Sängerwettstreit abgehalten hatte und den Rüpellgirlitz, der sich als großer Sänger bereits im letzten Jahr hervorgetan hatte.

    Und so kamen sie denn, die Edelfinken aus den großen Städten, die Einsiedlerdrossel aus der fernen Provinz, Zwergdrossel, Singdrossel, Ringdrossel, selbst die Klippenschwalbe vom Meer kam und ein kleiner seltener Schlichtstar hüpfte ganz schüchtern und aufgeregt auf und ab, ob er wohl die Gnade in den Augen der Richter erlangen können würde.

    So standen sie nun alle vor dem hochheiligen Gerichte und putzten sich noch einmal von der Brust bis zum Bürzel, blähten die kleinen Lungen und sangen so schön von Freud und Herzeleid, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, das es die Luft nur so erfüllte.

    Von weit her kam die Rotmeerschwalbe, ein recht ein kryptischer Vogel, gleich einem Fabelwesen, welches hier zu Lande noch niemand gesehen hatte und erhob einen Gesang, den keiner verstehen und in seiner Fremdheit ertragen konnte. Da die Musendrossel so etwas nicht gelten lassen wollte, musste die Rotmeerschwalbe unverrichteter Dinge wieder abziehen.

    Auch die anderen Sänger fanden keine Gnade in ihren Augen und Ohren und so ward ein langes Harren ob der Entscheidung, wer denn wohl am besten gesungen hätte, die einfach nicht fallen wollte.

    Aber wie sich nun die Musendrossel, der Einfarbgimpel und der Rüpellgirlitz nicht einigen konnten wer den fetten Wurm bekommen sollte und diesen vor lauter Wut darüber, in lauter kleine Teile zerrissen, in den Rinnstein warfen, erhob sich ein Geschrei der anderen Vögel und die Aasgeier kreisten gleich den Erinnyen über den Himmel und gaben alle Schuld über den zerrissenen Wurm der Musendrossel.

    Erschauernd darüber verstummte die Musendrossel und der kleine Rüpellgirlitz hielt einen wundersamen Vortrag über die Liebe zum Gesang, den wiederum niemand verstand und darob auch keinen Beifall zollen wollte.

    Wie nun das Geschrei nicht verebbte und der Musendrossel schon ganz schwindelig war und ihr die kleinen Ohren wehtaten, hob sie zum großen Klagegesang an. All ihren Unmut über die ihr zu Teil werdende Schmach legte sie darein. Über die Unfähigkeit der kleinen Sänger und die schlechte Behandlung ihrer erlauchten Person, beklagte sie sich zu tiefst.

    Und so erhoben sich nun alle Vögel zu einer großen Nänie.

    Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
    Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
    Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
    Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
    Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
    Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
    Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
    Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
    Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
    Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
    Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
    Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
    Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
    Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

    Und es ward Stille hin fort im Land der großen Sänger.

    (Unter Verwendung von Friedrich Schillers Gedicht Nänie von 1799)

    PS: Die Drossel wird mit den Beeren gefangen, die sie gesäet. (Sprichwort)

    Stefan , 25. Mai 2010

  • Oh, Demosthenes – für Nis-Momme Stockmann, der Versuch einer Erwiderung

    „Unmöglich ist es, daß der Ungerechte, der Meineidige, der Lügner, eine dauerhafte Macht besitze. Eine solche Macht hält für einmal und auf kurze Zeit. Sie blüht, wenn es glückt, in Hoffnung auf, aber, von der Zeit belauert, fällt sie von selbst zusammen.“

    Demosthenes, der berühmteste Redner Attikas, versuchte in seinen Reden zum Kampf gegen die Vereinnahmung der Griechen durch Philipp II. von Makedonien aufzurufen.

    Auch Du hast Deinen Phillip gefunden. Ich darf doch Du sagen, da Du mir vorkommst, wie ein alter Kumpan, ein Bruder im Geiste.

    Nur sind wir auch Verbündete? Was weißt Du von mir, was weiß ich von Dir?

    Da wir doch keinen Sektor teilen, höchstens uns immer wieder annähern und entfernen, uns aneinander reiben und im günstigsten Falle eine kleine Schnittmenge bilden.

    Aber wir teilen eine Sehnsucht. Wir stehen am Meer der Geschichten aus Himbeersoße.

    „Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird liegen am Kai.“

    Dein Schiff wird kommen. Es wird mich mitnehmen über dieses Meer, wird mich wieder absetzen und ich werde warten auf die Rückkehr, einen Penny in der Hand.

    Bist Du der Mann der die Welt aß? Gib Sie wieder frei, Stück für Stück.
    Lass mich teilhaben an Deinen Träumen und Ängsten.
    Knuff mich ruhig stark in die Schulter, ich will es aushalten.

    „Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird beschießen die Stadt.“

    Du brauchst keinen Nietzsche, der Nihilismus ist Dir fremd.
    Sei ein Strauchelnder im Heer des Gleichschritts.

    „Auch Quellen und Brunnen versiegen, wenn man zu oft und zu viel aus ihnen schöpft.“

    Ein Besessener, in dem was du willst. Steh gleich einem Einar Schleef im Gleichmut des diskursiven Konsens.
    Saug Deine Wahrheit aus dem Hier und Jetzt. Vertraue nicht dem Ruf nach Brisanz und Relevanz.

    „Der Ausgangspunkt für die großartigsten Unternehmungen liegt oft in kaum wahrnehmbaren Gelegenheiten.“

    Und so will auch ich glücklich vor mich hin rezipieren, will zuhören dem Logographen der Seele, aufnehmen und verstehen.

    „Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird entschwinden mit mir.“

    Deinem Sinn für Liebe und Schönheit vertrauend, hoffend nicht für Dich zu sein, der mit dem falschen Teil um die Ecke kommt,

    Dein XYZ, nicht als Dein Kritiker sondern Dein Publikum.

    (Unter Verwendung von Zitaten des Demosthenes und Brechts Seeräuber-Jenny)

    ——————————————————————————————-

    Zur Philippika von Nis-Momme Stockmann gegen die Bewertungsmacht der Kritik auf der Stücke-2010-Seite von Nachtkritik zu den Mühlheimer Theatertagen. Nachzulesen auf  Stücke 2010 – 35. Mülheimer Theatertage NRW

    Das ist natürlich sehr kokett, in der Position von Nis-Momme Stockmann, zu behaupten nicht gefallen zu wollen. Mit seiner scheinbaren Verweigerung eine Geschichte zu erzählen, in „Ein Schiff wird kommen“, legt er aber den Finger in die Wunde. Ich meine, gut beobachtet zu haben, wie einige Zuschauer sich in ihren Sitzen hin und herrutschend, nicht so wirklich in diese Story ergeben wollten. Das ist ungewöhnlich für uns, erst zum Schluss etwas präsentiert zu bekommen, womit wir vorher nicht gerechnet haben. Aber ich glaube, darum geht es auch, keine Erwartungen zu erfüllen, sondern das zu machen, was für einen selbst Relevanz hat. Die Schmähung der Kritiker und des Kulturbetriebs, der auch Stockmann selbst trägt, ist aber durchaus nachvollziehbar. Er beißt voll Wut in die Hand die ihn füttert, das mag arrogant erscheinen, ob der Tatsache, das auch andere junge Autoren in diesem Betrieb bestehen wollen und müssen. Aber er hat einen Kampf begonnen, der ihm wichtig erscheint und das ist das Recht der Jugend. Er wird in Zukunft daran gemessen werden, vor allem von denen, die seiner Meinung nach die Künste verseuchen. Aber auch das Publikum wird erfahren wollen, wie er diese Kraft, die er aus der begonnen Auseinandersetzung gewinnen will, nutzen wird. Dafür wünsche ich ihm viel Erfolg und das sich ihm weitere Gleichgesinnte anschließen werden.