Das Käthchen von Heilbronn am Berliner Ensemble

 in einer Inszenierung von Simone Blattner

Ach ja, da haben wir es wieder, das Problem mit der Werktreue. Aber das ist bei weitem nicht das einzige Problem, das diese Inszenierung hat. Was bewegt eigentlich junge talentierte Frauen immer noch dazu hohen Herren der Dichtkunst hinterher zu rennen und dann damit noch unbedingt am BE scheitern zu müssen? Es hilft Simone Blattner nicht, wenn ihre Inszenierung als so lala bezeichnet wird, sie reiht sich durchaus nahtlos in den sonstigen Plunder des BE ein.

Das ganze Ding ist eine Mogelpackung. Das Programmheft gibt einen Hinweis zur Parodie, den greift Frau Blattner aber nicht wirklich auf. Ich glaube etwas anderes als Parodie geht jedoch nicht, wenn man den Zuschauern ein 4-stündiges Ritterspiel aus der Dose ersparen will. Dass das Käthchen vielleicht in seiner Sprache und Konzeption für die heutige Bühne eine Zumutung darstellt, ist durchaus nachvollziehbar, das war es auch schon zu Kleists Zeiten. Selbst Goethe, hat es abgelehnt das Stück aufzuführen und sicher nicht nur weil er junge Kontrahenten gern mal weg gebissen hat. Nur den Text einkürzen und leicht modernisieren hilft da nicht. So mühen sich nun die Schauspieler alleingelassen mit Text und Treppe ab, beim parodieren von Schauspielern die Kleist spielen sollen, samt Schleefschem Femechor. Wenn man Kleist veräppeln will, muss man das auch konsequent durchziehen. Die Inszenierung schwankt zwischen Komödie und Tragödie hin und her, bis sie zum Vollschwank wird. So stürzt denn das Stück die Treppe hinunter und bricht sich dabei das Genick. Nun liegt es da und auch die wenigen lichten Momente bringen es nicht wieder ins Leben zurück. Nur zweimal stockt einem der Atem, wenn Ruth Glöss als Haushälterin Brigitte den Traum Friedrichs erzählt, da wird es ganz ruhig und der ganze Klamauk fällt mit einem Male ab. Hier wird ja auch das Motiv zum Hass Kunigundes (Ursula Höpfner im Ganzkörper-Korsett) und der Vergiftung Käthchens geprägt. Und dann der vielleicht größte Moment als Käthchen (Laura Tratnik als verhuschter Teenager) im Traum Friedrich (Sabin Tambrea als stürmischer Dränger) ihre Liebe gesteht und die bevorstehende Hochzeit vorhersagt. Diese Szene zeigt die wirkliche Schönheit dieser Liebesgeschichte und wozu Simone Blattner im Stande wäre, wenn sie sich nur trauen würde. Merkwürdig verkitscht dagegen der Hollerbusch als Strauchdeko, im Korb auf die Bühne gestellt.

Es gibt gelungene heutige Stückinterpretationen, die gerade dem Hollerbusch auch eine zentrale Rolle einräumen. Es ist sicher blöd eine Inszenierung gegen die andere aufzuwiegen, aber als häufiger Theatergänger hat man eben diese Möglichkeit. Ich denke da an die Inszenierung von Nicolas Stemann am DT von 2004, in der Inka Friedrich den besagten Strunk die ganze Zeit im Blumentopf mit sich herum trägt. Hier hopsen auch keine albernen Ritter rum, die Kampfszenen werden einfach per Beamer-Technik an die Wand geworfen. Im typischen Stemann-Stil wird die Handlung auch mal nur szenisch vorgetragen. Auch wenn hier emotional einiges auf der Strecke bleibt, bekommt das Stück durch den Einsatz des im Publikum stehenden Chores, der Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ vorträgt, einen gewaltigen Sog. Im BE darf Dejan Bućin als Ritter Flammberg auch kurz etwas singen, man versteht es aber gar nicht. Fast alle Szenen plätschern an einem vorbei, ohne dass wirklich etwas ernsthaft hängen bleibt. Da wird doch tatsächlich Ritter der Kokosnuss, eine Parodie der Parodie, für neu verkauft. Die Krönung ist der blecherne Vortrag zum Schluss von Jürgen Holz als Kaiser. Hier passt wirklich nichts zusammen. Wenn man keine echten Ideen zu diesem schwierigen Stück hat, sollte man es auch nicht inszenieren wollen.

Es bleibt Simone Blattner zu wünschen, dass sie mit einem Gegenwartsstück nach Berlin zurückkommt, etwas worauf das sonst so verschnarchte BE wirklich wartet.

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