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  • Genre- und Experimentalfilme beim 12. Achtung Berlin Filmfestival 2016

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    achtung-berlin-logo-2016Auch zwei vorab schon viel gelobte Genrefilme im Spielfilm-Wettbewerb des 12. achtung berlin-Filmfestivals haben ungewöhnliche Frauenfiguren im Fokus.

    Da wäre zunächst der Langspielfilm Der Nachtmahr des Regisseurs und bildenden Künstlers Achim Bornhak (Das wilde Leben), der nun neu unter dem Pseudonym AKIZ firmiert. Ohne Förderung mit nur 80.000 Euro Budget und eigener Produktionsfirma OOO-Films hat er einen kleinen Horrorfilm inszeniert, der sich ähnlich der absurden Groteske Der Bunker von Nikias Chryssos nicht ins übliche Schema pressen lässt. Regisseur AKIZ spielt dabei mit vielerlei kunsthistorischen Anleihen und filmischen Vorbildern, die vom Maler Johann Füssli, von dessen Gemälde Der Nachtmahr sich der Film den Titel leiht, über die Psychoanalyse von Sigmund Freud bis zu Filmregisseuren der Neuzeit wie Steven Spielberg oder David Lynch reichen. Der 1969 geborene AKIZ ist da ganz Kind der 1980er und 90er Jahre, was sich auch in seinem Fabel für Street-Art und Techno-Musik zeigt. Als echter Gimmick ist die Ex-Bassistin der Kult-Band Sonic Youth Kim Gordon als Englischlehrerin besetzt, in deren Unterricht Gedichte des düsteren Romantikers William Blake gelesen werden.

    Durchaus zeitgemäß ist aber die eigentliche Story des Films, bei der die 17jährige Tina (Carolyn Genzkow) mit ihren Freundinnen von einer schrillen, wummernden Techno-Party zur nächsten zieht. Der Film arbeitet mit ordentlich Stroboskoplicht und binauralen Beats, die sich stimulierend aufs Hirn legen sollen. Das ist schon echt Hardcore. Es machen Selfies und skurrile Handy-Videos die Runde, Alkohol wird konsumiert und so manch andere Substanz. Das allein wäre schon genug für eine handfeste Psychose. Die wachsende Paranoia der jungen Filmheldin hat aber einen ganz realen Grund, den zunächst nur sie selbst sehen kann und deswegen von den hilflosen Eltern (Julia Jenkins und Arnd Klawitter) zum Psychologen geschickt und von ihrer Clique für verrückt erklärt wird.

     

    DER NACHTMAHR - Foto (c) achtung berlin
    DER NACHTMAHRFoto (c) achtung berlin

     

    Der titelgebende Nachtmahr, der sich in der heimischen Küche und Tinas Kinderzimmer zu schaffen macht, ist ein gnomartiges Wesen zwischen ET und einer Missgeburt in Spiritus aus der Anatomischen Sammlung. AKIZ hat es schon vor der ersten Filmidee modelliert und die Geschichte drum herum nach und nach entworfen. Tina muss nun zum Psychologen (Alexander Scheer), der ihr Tabletten verschreibt und rät die Kreatur in ihren vermeintlichen Albträumen doch einfach anzusprechen oder zu berühren. Der handfeste Beweis der Echtheit zeigt sich dann in Handlungen, die der Nachtmahr vollzieht und die sich wie Selbstverletzungen am Körper Tinas manifestieren.

    Zwischen den beiden entwickelt sich eine geistige, fast symbiotische Beziehung. Regisseur AKIZ verarbeitet im Film eigene Nahtoterfahrungen, Teenagerprobleme wie Liebeskummer, Bulimie oder ungewollte Schwangerschaften genauso wie psychologische Projektionen des Unterbewusstseins. Damit hält er den nach Erklärungen suchenden Zuschauer geschickt in einer dauerhaften Spannung. Echt skurril wird es nochmal, wenn der von der Polizei eingefangene Nachtmahr tatsächlich wie ET im Krankenhaus an Drähten hängt. Neben Horrorfilm und Psychothriller ist Der Nachtmahr aber auch eine ganz klassische Coming-of-Age-Geschichte, in der sich die Protagonistin von ihren Ängsten löst und lernt zu sich selbst und ihrem Körper zu stehen.

    Der Film hat auf dem Festival den Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFk) erhalten und startet bereits am 26. Mai in den deutschen Kinos.

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    DER NACHTMAHR
    Regie und Buch: AKIZ
    Kamera: Clemens Baumeister, Alex Bloom
    Mit: Carolyn Genzkow, Kim Gordon, Julia Jenkins, Arnd Klawitter, Alexander Scheer, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Sina Tkotsch, Michael Epp, Lynn Femme, Til Schindler, Uwe Preuss, Hagen Stoll

    Infos: http://der-nachtmahr.com/

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    Bereits mit einem First Step Award für den Kameramann Johannes Waltermann ging der Diplomfilm After Spring Comes Fall von Daniel Carsenty in den Spielfilmwettbewerb. Nun ist noch der Preis für die Beste Produktion beim achtung berlin-Filmfestival hinzugekommen. Während die Dokumentation Research Refugees Kommentare zur allgemeinen Lage von Flüchtenden in Europa abgibt, behandelt Carsentys Film einen ganz konkreten Fall von Flucht und Verfolgung, bei dem der syrische Bürgerkrieg die vor ihm geflohene Mina (Halima Ilter) in Deutschland wieder einholt. Auch Carsenty begann zunächst einen Dokumentarfilm über einen geflüchteten Syrer in Deutschland zu drehen, der vom syrischen Geheimdienst bedrängt wurde. Um seinen Protagonisten zu schützen, hat sich der Regisseur entschlossen, die recherchierten Fakten zu fiktionalisieren.

     

     © Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF
    After Spring Comes FallFoto (c) Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

     

    Es beginnt in Damaskus (wofür im Film ein Set in Potsdam-Babelsberg gebaut wurde) mit einer leidenschaftlichen Romanze zwischen Mina und ihrem Geliebten Khaled (Murad Seven), die abrupt durch Schüsse eines Snipers unterbrochen wird. Mina flüchtet nach Berlin und muss Khaled in einem Krankenhaus in Damaskus zurücklassen. Hier lebt sie illegal allein in einem Kreuzberger Apartment. Die Kamera beobachtet sie lange beim Weg zur Arbeit in einer Wäscherei, beim Telefonieren mit dem Geliebten und beim Geldschicken nach Daheim. Mina ist einsam und hat das Gefühl verfolgt zu werden. Die Paranoia ist nicht unbegründet, denn eines Morgens sitzen drei Männer vom syrischen Geheimdienst an ihrem Bett. Sie haben den Weg des Geldes verfolgt.

    Mina wird nun mit Drohungen und Foltermethoden zur Mitarbeit für den Geheimdienst in Berlin gezwungen. Sie gibt sich als Journalistin aus und interviewt den syrischen Oppositionellen Mansour (Asad Schwarz), der Professor an der Humboldt-Uni ist und wiederum Beziehungen zu anderen Oppositionellen unterhält. Mina begleite ihn auf Demos und macht Fotos. Ihr Führungsoffizier Abbas (Tamer Yigit) und seine Männer sind zynische Befehlsempfänger, die einfach ihren Job machen, um das marode Assad-Regime am Leben zu halten, an das sie selbst kaum noch glauben. Nicht nur die Schergen, auch die Beamten in der Flüchtlingsaufnahmestelle, in die Mina kurz nach einem Zusammenbruch eingeliefert wird, oder der Schichtleiter der Wäscherei, der sie kurzerhand feuert, überall wo Mina hinkommt, handeln alle mit blankem Zynismus und Gleichgültigkeit.

    Daniel Carsenty zeigt ein graues, unwirtliches Berlin, wie man es seit den 1980er Jahren in kleinen, dreckigen Agentenfilmchen wie Der Westen leuchtet! nicht mehr gesehen hat. Der kalte Krieg, der auch autoritäre Systeme wie das syrische geschaffen und gestützt hat, wirkt nun zurück bis in unsere freie Welt, die für die aus den Krisengebieten vor den Restriktionen Geflüchteten wieder zur Falle wird. Der Film schwankt zwischen Agententhriller und persönlichem Martyrium einer Frau, die aus Angst um ihre Liebe handelt und keinen Ausweg aus der Gewaltspirale sieht. Das ist sicher nicht so spektakulär gefilmt wie die gerade im deutschen TV laufende Berlin-Staffel von Homeland, aber ein trauriger Film Noir unserer Tage mit düster-jazzigen Klängen, glaubhaft inszeniert und gut gespielt.

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    After Spring Comes Fall (D, 2015), 92 Min.
    Regie und Drehbuch: Daniel Carsenty
    Kamera: Johannes Waltermann
    Mit: Halima Ilter, Tamer Yigit, Asad Schwarz, Murad Seven, Raschid Daniel Sidgi, Marc Philipps

    Infos: http://www.filmuniversitaet.de/de/filmeprojekte/filme/detail/kafkanistan/1/0.html

    Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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    Abseits des Spielfilmwettbewerbs in der Sektion „Berlin Highlights“ hatte im kleinen Kino 5 des Filmtheaters am Friedrichshain die kleine filmische Meditation Fideliche ihre Weltpremiere. So nennt zumindest der in Berlin lebende russische Filmregisseur, Theatermacher, Schauspieler und Musiker Alexey Shipenko sein neuestes Werk. Er hat es gemeinsam mit dem Schauspieler Stipe Erceg produziert, der auch eine der Hauptrollen übernahm. Gedreht wurde in Indien und Portugal, was nun nicht gerade Berlin-Bezüge vermuten lässt. Es geht auch eher um ein Gedankenspiel, das sich um den 9. Oktober 1967 dreht und ebenso geschickt im Filmtitel versteckt ist.

     

    Fideliche_- Foto (c) Nondual Productions
    FidelicheFoto (c) Nondual Productions

     

    Vermutlich haben sich Shipenko und Freunde nach Dreharbeiten zu anderen Projekten in Indien bei einem guten Joint gedacht, man müsste mal was zum zufälligen Zusammentreffen des 27. Geburtstags von John Lennon und dem Tag der Exekution Che Guevaras im bolivianischen Urwald machen. John Lennon hielt sich zu dieser Zeit mit Yoko Ono und den Beatles in Indien beim Guru Maharishi Mahesh Yogi auf und schrieb neben der Mediation die Songs zum Weißen Album der Beatles. Wenn man sich so die Bilder von damals ansieht, wirkt der hagere, langhaarige Lennon ein wenig wie die Reinkarnation von Jesus Christus. Später schreibt er mit Yoko Ono Happy Xmas (War ist over).

    Nachdem der lateinamerikanische Befreiungskampf nach dem Tod Che Guevaras beendet war, wurde Che zur bekannten Ikone, die ebenso an Jesus erinnert und die Hoffnung auf die Auferstehung der Revolution in sich trägt. Ob das nun genau die Intensionen Shipenkos waren, lässt sich nicht genau aus dem Gezeigten eruieren. Möglich wäre es schon. Zumindest wird auf zwei Ebenen in einer portugiesischen Theatergarderobe in spanischer Sprache viel über die Revolution sinniert und in einem indischen Landhaus über Jesus und das Leben an sich. Dazu treffen in besagtem Theater ein Fidel-Castro-Darsteller (Rui Madeira) und ein Toter in Militäruniform (Carlos Feio) aufeinander. Während Fidel revolutionäre Reden vor leeren Rängen schwingt, wäscht sich Che den Dreck des bolivianischen Dschungels vom Körper und raucht genüsslich eine letzte Zigarre.

    Als Reinkarnation in dreifacher Hinsicht dürfte sich die Figur Stipe Ercegs, ein Musiker, der mit japanischer Freundin (Fumie Kimura) und Kind Ferien auf dem indischen Land macht, fühlen. Er schwingt sich aufs Motorrad und fährt – wie Jesus einst in die Wüste -in den indischen Dschungel und macht sich dort seinen eigenen brennenden Dornbusch als Zeichen der Auferstehung. Dazu hören wir noch den Working Class Hero von John Lennon und erfahren von einem lächelnden Rastafari (Pranaji Bindoobaba), dass Ringo Star the King und Paul McCartney the Queen of Clubs ist. Auch Lennon wurde 1980 erschossen und ist zur Pop-Ikone auferstanden. So weit, so gut und in unserer kurzlebigen Zeit der TV-Stars und Sternchen ein paar Gedanken wert. Aber ob sich dafür ein Kinopublikum finden lässt?

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    Fideliche
    Regie und Buch: Alexey Shipenko
    Kamera: Christian Thiem
    Mit: Stipe Erceg, Rui Madeira, Fumie Kimura, Carlos Feio, Shion Kimura Jones, Frederico Bustorff, Pranaji Bindoobaba

    Infos: http://nondual-productions.org/de/projekte/fideliche/

    Fazit Teil 1

    Weiter Infos: https://achtungberlin.de/

    Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Junge Filmemacherinnen und neue Frauenfiguren im Spielfilmwettbewerb des 12. Achtung Berlin Filmfestivals 2016

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    achtung berlin_plakatIn sieben von zwölf Filmen des diesjährigen achtung berlin-Spielfilmwettbewerbs stünden Frauen im Mittelpunkt, rühmte sich das Festival zu Beginn. Das Thema „Neue Frauenfiguren“ war den Machern dann sogar ein eigenes Gesprächspanel wert, bei dem die bereits seit einigen Jahren spürbare Hinwendung zu Frauen im Film diskutiert werden sollte. Schaut man aber auf den Anteil von Regisseurinnen im Wettbewerb, sieht die Sache allerdings schon wieder etwas anders aus. Mit Bernadette Knoller, Leonie Krippendorff, Linnea Saasen (in Coworking mit Regie-Kollegen Alex Holdridge), Mia Maariel Meyer und Nicolette Krebitz (mit Wild außer Konkurrenz) waren ganze fünf Filmfrauen im Wettbewerb vertreten. Und so ist zwar eine gehobene Frauenquote feststellbar, ebenso bemerkenswert war aber auch der hohe Anteil von Debüt- und Diplomfilmen.

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    Treppe Aufwärts_FilmplakatMia Maariel Meyer hat in ihrem Spielfilmdebut Treppe aufwärts sogar eine reine Männerriege am Start. Taxifahrer Adam (Hanno Kofler) manipuliert nachts Spielautomaten, um die hohen Schulden seines spielsüchtigen und mittlerweile dementen Vaters (Ex-Falkenau-Förster Christian Wolff) abzubezahlen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes reine Männerwirtschaft, zu der sich noch Adams 16jähriger Sohn Ben (Matti Schmidt-Schaller) gesellt, der von seiner Mutter ausgerissen ist und einfach beim getrennt lebenden Vater einzieht. Statt wieder in die Schule zu gehen, gerät Ben unter den Einfluss des zwielichtigen Bardo (Patrick Wollf), der ihn zum Geldeintreiben bei säumigen Spielern schickt. Da es Adam wegen seines Geheimnisses nicht gelingt, Ben ein gutes Beispiel für die Zukunft zu geben, droht die Situation bald schon zu eskalieren. Ein ruhig gefilmtes aber dennoch eindrucksvolles und spannendes Generationenportrait, das schon in dieser Woche in die Kinos kommt.

    Von Frauen aus drei Generationen erzählt Regisseurin Leonie Krippendorff in Looping. Der Titel ihres Diplomfilms ist durchaus doppeldeutig. Die 19jährige Leila (Jella Haase aus Fack ju Göhte) lebt als Rummelkind zwischen Auto-Scooter und Zuckerwatte und wird durch die heimliche Liebe zu ihrer Freundin Sarah (Luisa-Céline Gaffron) und einer Vergewaltigung psychisch aus der Bahn geworfen. In der Psychiatrie trifft sie auf die 35jährige verheiratete Mutter Frenja (Lana Cooper aus Love Steaks) und die alleinstehende 52jährige Ann (Marie-Lou Sellem), deren Probleme sich in Essstörungen und Beziehungsunfähigkeit äußern. Durch gemeinsame Aktivitäten finden die drei Frauen langsam wieder zu sich. Das ist gut gespielt, einfühlsam und nicht ohne Witz inszeniert. Lana Cooper konnte „durch ihr unaufgeregtes Spiel“ den Preis für die Beste Schauspielerin einheimsen.

     

    LOOPING_Foto © Salzgeber & Co. Medien GmbH
    LOOPINGFoto © Salzgeber & Co. Medien GmbH

     

    Auffallend mental krisengeschüttelt sind auch die Frauenfiguren in den Filmen Lotte von Julius Schultheiß, Luka tanzt leise von Philipp Eichholtz und Ferien von Bernadette Knoller. Wobei in allen drei Filmen nicht so sehr viel Zeit auf das Warum verwendet wird, sondern eher auf die langsame Entwicklung der Figuren.

    Lotte (Karin Hanczewski) ist so etwa Anfang/Mitte dreißig, ziemlich flapsig und pflegt einen sehr lockeren Lebensstil mit nächtlichen Unternehmungen, reichlich Alkohol und hin und wieder Drogen. Obwohl es ihr als Krankenschwester nicht an Empathie zu Menschen in Not fehlt, halten ihre privaten Beziehungen meist nicht lang, und sie ist stets auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Nach 15 Jahren begegnen ihr plötzlich zuerst ihr kopfverletzter Ex-Freund (Paul Matzke) aus dem Heimatort und dann im Krankenhaus auch noch die verunfallte Tochter Greta (Zita Aretz), die sie damals beim Weggang nach Berlin zurückgelassen hatte. Greta hängt sich nun an ihre wiedergefundene Mutter, die damit zunächst überhaupt nicht klar kommt und weiter die Coole gibt. So entsteht nach und nach ein doch eher kumpelhafter Umgang, der sich in Discobesuchen und dem Erlernen von Rauchen, Saufen, Rülpsen erschöpft. Das wirkt mitunter merkwürdig, ist aber nur die konsequente Umkehr der gewohnten Geschlechterrollen und was man gemeinhin unter mütterlicher Verantwortung versteht.

     

    LOTTE - Foto (c) Martin Neumeyer
    Karin Hanczewski als LOTTEFoto (c) Martin Neumeyer

     

    Selbst als die Elternzusammenführung erwartungsgemäß genau an diesen gegenseitigen Vorwürfen scheitert, lässt Greta nicht locker und schreckt auch nicht vor einem Wetttrinken zurück, um die Mutter in Richtung Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – von der wie nie Näheres erfahren – zu drängen. Lotte weiß sich zu wehren und wirkt eigentlich nie unsympathisch dabei oder gar wirklich unglücklich. Wobei sie das in ihrer Art natürlich auch gut zu kaschieren weiß. Trotzdem fragt man sich mitunter, warum sie sich so unbedingt ändern sollte. Für die Spielfilmjury war das zumindest der überzeugendste Beitrag im Wettbewerb und den Hauptpreis für den besten Langspielfilm wert. Der zweite Hauptpreis hintereinander für Schauspielerin Karin Hanczewski nach Im Sommer wohnt er unten von Tom Sommerlatte im letzten Jahr, der (wie Lotte) zuvor schon auf der Berlinale lief.

    Seinen zweiten Film im Wettbewerb des Festivals hat Philipp Eichholtz mit Luca tanzt leise. War die Sarah (Lilli Meinhard, die hier mal in einer kleinen Nebelrolle vorbeirennt) aus Liebe mich! ziemlich flippig und laut, so ist die Luca der Martina Schöne-Radunski umso leiser und eher melancholisch veranlagt. Das liegt daran, dass Luca eine etwas längere dunkle Phase in ihrem Leben hinter sich hat. Nun macht die 25jährige ihr Abitur nach und will dann ein Praktikum bei der Tierärztin beginnen, zu der sie mit ihrer Hündin Martha geht. Das Kümmern um Martha gibt der jungen Frau Struktur für ihr Leben, das durch den zur Gewalt neigenden Ex-Freund (Sebastian Fräsdorf) immer wieder aus der Bahn gerät. Durch Mutti, die auch noch die Englischlehrerin ist, gegängelt und „Von Oma gefördert“ (die typische Eichholtz-Finanzierung), ringt die junge Frau um ihre Selbstbestimmung. Der Deal mit dem älteren Automechaniker Herrn Pfeiffer (Hans-Heinrich Hardt), durch gemeinsames Lernen die Prüfungen zu schaffen, gerät durch eine erneute Depri-Phase Lucas in Gefahr.

     

    Luca tanzt leise - Foto (c) von Oma gefördert
    Luca tanzt leiseFoto (c) von Oma gefördert

     

    Philipp Eichholtz hat eine weitere kleine Improvisation nach dem „Sehr gute Filme“-Manifest von Axel Ranisch vorgelegt, die eine junge Frau bei der Selbstfindung zeigt. Trotz der sympathisch agierenden Hauptdarstellerin krankt der Film ein wenig an seiner bewusst ausgestellten, fast schon dokumentarischen Schlichtheit. Die plötzliche Dramatik reißt zwar die Protagonistin aus ihrer Lethargie, den Film aber auch etwas aus dem Fluss. Die Probleme lösen sich am Ende etwas zu schnell in Wohlgefallen auf. Das kann nicht wirklich überzeugen.

    Als Komödie kommt der Erstling von Bernadette Knoller, Ferien, daher. Die an sich zweifelnde junge Staatsanwältin Vivian (Britta Hamelstein) verlässt Job, Freund (Golo Euler) und neu eingerichtete Wohnung, um sich auf der „Insel der Träume“ Borkum eine Auszeit zu nehmen. Was mit Heul- und Wutattacken wie ein Post-Examens-Burn-Out daherkommt, ist eine veritable Lebenskrise, womit sie auf der Insel nicht ganz alleine ist. Hier hat so ziemlich jeder einen kleinen, sympathischen Sockenschuss. Vivi zieht bei der etwas schrägen, alleinerziehenden Biene (Inga Busch) ein, die sich nach gescheitertem Bastelkurs mal wieder neuerfinden will. Mit deren Sohn Eric (Jerome Hirthammer), der ohne echten Anschluss ist, anleingelassen, muss sich Vivi sofort wieder behaupten. Was sie dann trotz ständiger Bevormundung durch ihren hyperaktiven Vater (Detlev Buck, Vater der Regisseurin) auch relativ relaxt mit einem Job im Kramladen des herrlich verhuschten Otto Mukitz (Ferdinand von Schirach) angeht. Der Film ist gut und witzig in Szene gesetzt und zudem noch bis in die Nebenrollen ausgezeichnet besetzt. Das Berliner Nachwuchstalent Jerome Hirthammer bekam für seine Rolle des 13jährigen Eric den Preis für den Besten Schauspieler zuerkannt.

     

    FERIEN - Foto (c) Nicolai Mehring
    FERIENFoto (c) Nicolai Mehring

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    Weiter Infos: https://achtungberlin.de/programm0/madeinberlinbrandenburg0/spielfilme/

    Fortsetzung folgt

    Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Research Refugees – Fluchtrecherchen – Ein gelungener aktuell-politischer Beitrag im Dokumentarfilm-Wettbewerb des Achtung Berlin Filmfestivals

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    achtung berlin_plakatKaum eine Kunstgattung kommt heute noch an der uns umgebenden Realität vorbei. Die Verarbeitung aktuell-politischer Themen wie Krieg, Flucht und Vertreibung in der bildenden und darstellenden Kunst gewinnt vor allem nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien immer mehr an Bedeutung. Vor allem das Genre des Dokumentarfilms eignet sich hier, möglichst schnell und direkt vor Ort auf die Ereignisse zu reagieren. Beweis dafür ist nicht nur der Goldene Bär für die Flüchtlings-Doku Fuocoammare auf der diesjährigen Berlinale. Auch auf anderen Filmfestivals ist der vermehrte Einbruch des realen Weltgeschehens in die Filmkunst zu verzeichnen.

    So haben Studierende der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und der Bauhaus Universität Weimar 2015 begonnen, in einem von Michael Klier betreuten Projekt die Flüchtlingsbewegungen in Europa aus verschiedenen Perspektiven filmisch einzufangen. Das Ergebnis hatte am vergangenen Sonntag im Rahmen des Dokumentarfilm-Wettbewerbs beim 12. achtung berlin-Filmfestival im Kino Babylon Weltpremiere. Herausgekommen sind elf filmische Skizzen zusammengefasst in einer 98minütigen Dokumentation mit dem Titel Research Refugees – Fluchtrecherchen.

    Es beginnt mit einer essayistischen Betrachtung über den Zufall von Ort und Zeit, bei der die in der Schweiz geborene Regisseurin Thaïs Odermatt ihre eigene Biografie und die Geschichte der Schweiz vom Franzoseneinfall zweihundert Jahre bzw. den Hungersnöten und Auswanderungen ungefähr einhundert Jahre vor ihrer Geburt mit dem Schicksal heutiger Flüchtlingskinder verbindet. Einleuchtendes Fazit: Kriege und Flucht sind kein Zufall, wo und wann man geboren ist schon.

    Auch der Film Wegweiser von Laura Laabs verwebt geschickt europäische Geschichte an den Grenzen von Österreich und Deutschland mit der jüdischen Familiengeschichte der Regisseurin. In einer sehr poetischen Sprache und mit entsprechenden Bildern geht es von Braunau, dem Geburtsort Hitlers, über Bayreuth, der Weihestätte für Wagner, bis zu einem Runengrenzstein in Jamel im Norden Deutschlands. Als Beispiel für Flucht und eine gelungene Integration zeigt Laura Laabs die Erlebnisse ihrer jüdischen Verwandten, die aus Breslau fliehen mussten und nach dem Krieg im bayrischen Trostberg in einem Bauerngehöft unterkamen, mit deren Bewohnern ihr altes Geschäft wieder aufgebaut haben. Auch eine Chance für Deutschland heute. Nur will keiner die Flüchtenden haben, die wie die drei Könige aus dem Morgenland in goldene Kältedecken gehüllt, auf ein Zeichen warten.

     

    Research Refugees - Fluchtrecherchen - (c) Carlos Vasquez
    Research Refugees – Fluchtrecherchen  (c) Carlos Vasquez

     

    Der Beitrag Police Woman & Dragon Rider von Duc Ngo Ngoc porträtiert Helfer und Betroffene vor dem LAGeSo in der Berliner Turmstraße, das in der letzten Zeit für etliche Negativschlagzeilen (die Versorgung der Flüchtenden betreffend) gesorgt hat. Die Mutter des 5jährigen Fabian und andere freiwillige Helfer sorgen hier vor Ort für die Verteilung von Kleidung und anderen Sachspenden. Der Film betrachtet das durch die Augen von Fabian und der 12jährigen Jaqueline aus Syrien und hält dabei Träume und Wünsche der Kinder für ihre Zukunft fest.

    Fast ohne Sprache kommt der Beitrag Autum Songs von Valérie Anex aus. Der Film zeigt die Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft in der Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule in Berlin-Schöneberg bei ihren täglichen Verrichtungen und dem Singen von Liedern aus ihrer Heimat. Mittlerweile mussten die Geflüchteten wieder aus der Schule ausziehen, da sie für die Eröffnung eines Bildungszentrums umgebaut werden soll. Der Film Kurzaufenthalt von Felix Pauschinger thematisiert das mit Bildern von Protesten vor der Schule und den leeren Räumen danach. Auf ironische Weise legt der Beitrag Meinungsaustausch von Sophia Bösch und Sophie Linnenbaum O-Töne mit deutschen Ängsten, Vorurteilen und Klischees über Fremde den betroffenen Flüchtlingen in den Mund.

     

    Research Refugees - Fluchtrecherchen - (c) Janine Paetzold
    Research Refugees – Fluchtrecherchen  (c) Janine Paetzold

     

    Weitere Beiträge beschäftigen sich auch mit den Fluchtwegen und den Geschehnissen in den europäischen Erstankunftsländern. So etwa Griechenland, wo junge Senegalesen am Strand Souvenirs verkaufen müssen und von ihrer Zukunft in Europa träumen (Nordwärts von Therese Koppe) oder Flüchtende an einem Grenzimbiss und einer Akkuladestation (Regie: Christoph Eder und Jonas Eisenschmidt) gefilmt werden. 0,5 m² von Tobias Wilhelm zeigt das Leben der Angekommenen in einem Flüchtlingsheim für christliche Männer in Deutschland.

    Ganz vom Dokumentarischen weg bewegen sich nur zwei der filmischen Beiträge. In Umut schwimmt eine muslimische Frau auf einer Europalette übers Meer und landet erst in einem idyllisch menschenverlassenen Olivenhain, bevor die Reise an einem überfüllten Touristenstrand endet. Der Schlussfilm Veto zeigt ironisch eine Festival-Kommission, die sich über der Auswahl passender Dokumentarfilmbeiträge zur Flüchtlingssituation in die Haare bekommt und dabei sämtliche bekannte Exoten-Klischees durchdekliniert. Eine ratlose Veranstaltung, der es nach dem vorher Gezeigten eigentlich nicht mehr bedarf. Also Licht aus und Spot an für zukünftige Fluchtrecherchen.

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    Fluchtrecherchen_FilmposterResearch Refugees – Fluchtrecherchen
    Dokumentarfilm (D 2016) 98 Min, OmeU
    Regie: Laura Laabs, Duc Ngo Ngoc, Tobias Wilhelm, Natalia Sinelnikova, Sophia Bösch, Sophie Linnenbaum, Christoph Eder, Therese Koppe, Thaïs Odermatt, Felix Pauschinger, Jonas Eisenschmidt, Valérie Anex, Baturay Ertas
    Kamera: Omri Aloni, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, David-Simon Groß, Therese Koppe, Lilian Nix, Felix Pauschinger, Janine Pätzold, David Schittek, Domenik Schuster, Carlos Vasques
    Schnitt: Valérie Anex, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, Emma Gräf, Andrea Herda-Muñoz, Friederike Hohmuth, Therese Koppe, Lena Köhler, Thais Odermatt, Felix Pauschinger, Laura Sabogal Espinel, Tobias Wilhelm, Martin Wunschick
    Musik: Franziska Henke

    Infos: https://achtungberlin.de

    Zuerst erschienen am 20.04.2016 auf Kultura-Extra.

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  • The Dark Ages von Milo Rau beim FIND #16 in der Berliner Schaubühne

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    The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber
    The Dark Ages am Residenztheater München – Foto (c) Thomas Dashuber

    The Dark Ages heißt der zweite Teil der Europa-Trilogie des Schweizer Recherchetheatermachers Milo Rau. Der Abend hatte vor einem Jahr am Residenztheater in München Premiere und war nun beim 16. FIND-Festival in der Berliner Schaubühne zu sehen. Wie schon im ersten Teil The Civil Wars (der 2015 ebenfalls zu FIND gastierte) geht es um den Mechanismus des Erinnerns aus der ganz persönlichen Sicht von Schauspielern und Betroffenen zu einem bestimmten Thema europäischer Geschichte. Ein Theaterabend, der wieder tief in persönliche Geschichten eintaucht und sehr nachdenklich stimmt.

    Bühnenbild und szenischer Aufbau sind ganz ähnlich dem beim Züricher Theater Spektakel 2014 uraufgeführten Stück, in dem es um die Entstehung von Extremismus in der bürgerlichen Gesellschaft ging. Wir schauen zunächst auf ein historisches Bild einer antiken Bühnenempore, die sich dreht und das Bild auf den Nachbau des NGO-Büros des bosnischen Menschenrechtsaktivisten Sudbin Musić freigibt. In der als Fünfakter angelegten Inszenierung The Dark Ages erzählen die fünf beteiligten DarstellerInnen, während sie sich mit einer Videokamera gegenseitig filmen, über ihre Erlebnisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. den Balkan-Kriegen in den 1990er Jahren. Nach dem eher aktiv spielerischen Rechercheprojekt Common Ground von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater eine ganz andere Art der Vergangenheitsbewältigung.

    Viele Familienmitglieder, Freunde und Bekannte aus dem Dorf von Sudbin Musić wurden während des Bosnienkrieges von serbischen Freischärlern umgebracht. Musić selbst überlebte ein serbisches KZ, öffnet heute Massengräber und spricht mit den Hinterbliebenen. „Im Identifizieren sind wir Bosnier weltführend“, sagt er. Für ihn ist der Krieg nicht vorbei, bevor es Gerechtigkeit für die Opfer gibt. Daran zu erinnern, in einer Welt, die schnell vergisst, ist sein Lebensinhalt. Musić zeigt ein Video einer Hochzeitsgesellschaft, spricht vom Tag, als der frühere Serbenführer Radovan Karadzic nicht vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal erschien, weil er es nicht anerkennt und zählt die noch Verbliebenen aus seinem Dorf auf. Er fühlt sich dabei tatsächlich wie der letzte der Mohikaner.

    Vedrana Seksan blieb während der serbischen Belagerung Sarajevos mit der Mutter und dem jüngeren Bruder in der Stadt. In der Kälte des Winters, ohne Kohle, oder Brot; und in der Gefahr vor Scharfschützen und Granatenbeschuss ging es immer ums tägliche Überleben. Vedrana leistete schon früh ihren Beitrag als 16jährige TV-Moderatorin und beschämte sogar den damaligen Uno-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali auf einer Silvesterparty mit unbequemen Fragen.

     

    The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber
    The Dark Ages am Residenztheater München
    Foto (c) Thomas Dashuber

     

    Auch die serbische Schauspielerin Sanja Mitrović war Teenager während des Ausbruchs des Krieges. Sie erinnert sich daran, wie plötzlich Bücher von kroatischen Schriftstellern aus dem Unterricht verschwanden und die Eltern ihr das Spielen mit Kindern anderer Nationalitäten verboten. Trotzdem empfindet sie selbst die Zeit des späteren Nato-Bombardements 1999 als die beste Zeit ihres Lebens. Vor allem an die Aufbruchsstimmung nach dem Fall der Milošević-Regierung erinnert sie sich gern. Heute sind die meisten Bekannten im Ausland. Sie selbst spielt nun Theater in Belgien.

    Mehr oder weniger gerahmt wird das Ganze durch die an Theaterdramen erinnernde Aktüberschriften „Die Schutzflehenden“, „Die dunkle Zeit“, „Versuch über das Böse“, „Die Lebenden und die Toten“ und „Schöne neue Welt“ sowie die extra für die Produktion komponierte Musik der bekannten slowenischen Rockband Laibach. Sanja und Vedrana berichten gleichermaßen enthusiastisch über Konzertbesuche in Belgrad und Sarajewo nach dem Krieg. Die Musik der Band, die immer wieder Themen und Symbole des Totalitarismus ironisch benutzt und überhöht, hat gerade für die Menschen in den Ländern Ex-Jugoslawiens eine ganz besondere Bedeutung.

    Ergänzt werden die Berichte der drei direkt Betroffenen von Erzählungen zweier Ensemblemitglieder des Münchner Residenztheaters. Manfred Zapatka berichtet von den letzten Kriegswochen, in denen er und seine Mutter in Bremen zweimal ausgebombt wurden. Er spricht von seiner schweren Nachkriegskindheit und der sehr engen Beziehung zu seinen Eltern bis zu deren Tod, der noch zusätzlich durch eine Erbstreitigkeit mit dem Bruder überschattet wurde.

    Das sich wie ein roter Faden durch den Abend ziehende Thema ist auch eines der persönlichen Verluste. Das wird vor allem in den Berichten der Schauspielerin Valery Tscheplanowa deutlich, die nach der Trennung der Eltern mit ihrer Mutter aus dem russischen Kasan nach Deutschland kam, es anfänglich recht schwer hatte und wenig sprach. Eine Eigenschaft, die sie auch in ihren Schauspielberuf einbrachte, was sich auch in der Arbeit mit Regisseur Dimiter Gotscheff niedergeschlagen hat. Sie erzählt von der gemeinsamen Inszenierung von Heiner Müllers Hamletmaschine, die sie lange am Deutschen Theater Berlin spielten. Und selbst noch kurz nach dem Tod des Regisseurs war sie damit in Kuba, wo Gotscheff als Videoprojektion eingespielt wurde.

    Teure Tote im Video sieht man öfter an dieser Aufführung, und trotzdem ist das in erster Linie kein sentimentaler, eher ein nachdenklich stimmender Abend über die Kraft der Erinnerung, wofür auch das Theater einen Beitrag leisten kann. So sprechen dann auch Valery Tscheplanowa und Sudbin Musić, der ähnlich wie Hamlet den Schädel seines exhumierten Vaters in Händen halten musste, Texte aus der Hamletmaschine Heiner Müllers, dem Meister der geschichtlichen Totenbeschwörung. „Each Man kills the Thing he loves“ singt die Band Laibach. Ein Jeanne-Moreau-Cover nach The Ballad of Reading Gaol von Oscar Wilde. Ob das die letzte Erklärung für das Böse in der Welt ist, bleibt fraglich.

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    (c) Schaubühne
    (c) Schaubühne

    THE DARK AGES 
    Regie: Milo Rau
    Bühne und Kostüme: Anton Lukas
    Musik: Laibach
    Licht: Uwe Grünewald
    Video: Marc Stephan
    Dramaturgie: Sebastian Huber und Stefan Bläske
    Mit: Valery Tscheplanowa, Manfred Zapatka, Sanja Mitrović, Vedrana Seksan und Sudbin Musić
    Uraufführung im Residenztheater München war am 11. April 2015
    Gastspiel beim FIND #16 an der Schaubühne am Lehniner Platz, 16.04.2016

    Weitere Infos siehe auch: http://www.residenztheater.de/

    Zuerst erschienen am 18.04.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Ausbruch mit Wolf – Wild, der neue Film von Nicolette Krebitz mit einer bemerkenswerten Lilith Stangenberg in der Hauptrolle

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    WILD_PlakatDie Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz hat ihren dritten Spielfilm Wild nicht auf der Berlinale sondern beim renommierten Sundance Film Festival für internationale unabhängige Produktionen gezeigt. Der Film hat dort für einiges Aufsehen gesorgt und war nun parallel zum deutschen Kinostart als Gast im Wettbewerb des diesjährigen achtung berlin-Festivals zu sehen.

    Wild handelt von der jungen Frau Ania, die sich nach der Begegnung mit einem Wolf aus ihren bisherigen Lebenszwängen befreit und zu einer selbstbestimmten Sexualität findet. In der Hauptrolle ist die bemerkenswert vielseitige Volksbühnenschauspielerin Lilith Stangenberg zu bewundern.

    Ania ist die graue IT-Maus in einem äußerlich sterilen PR-Büro in Halle. Ihr Chef Boris (Georg Friedrich) wirft mit Bällen gegen die Bürotrennwand, wenn sie ihm einen Kaffee bringen soll. Die Kamera verfolgt Ania zunächst auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit vorbei an stillgelegten Bahngleisen entlang eines verwilderten Parks in der Betonwüste Halle-Neustadts. Dort lebt sie allein, die Schwester ist zu ihrem Freund gezogen. Über den Flur befindet sich die Wohnung der Großeltern, um die sie sich kümmert, während der Großvater (Hermann Beyer) nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt und schließlich stirbt. Auf einem geselligen Abend mit den Kollegen fühlt sich die stille Frau deplatziert. Einzige Freizeitunternehmung scheint der regelmäßige Gang zum Schießstand.

    Das monotone Einerlei ihres Alltags ändert sich, als Ania am Rand des Wäldchens einen Wolf sieht. Man kann es schon im Leuchten ihrer Augen erkennen. Sie beginnt den Wolf zunächst mit einem riesigen Kottelet zu locken. Da er das Stück Fleisch verschmäht, kauft sie zwei lebendige Kaninchen und setzt diese aus. Als auch das fehlschlägt, erwacht in Ania der Jagdinstinkt. Dabei helfen ihr die Affinität zum Schießen und ein altes Buch des Großvaters über die sogenannte Lappjagd, bei der das Wildtier mit an Bäumen aufgefädelten Stofflappen in ein bestimmtes Gebiet getrieben wird.

     

    Lilith Stangenberg im Film Wild von Nicolette Krebitz - (c) Heimatfilm
    Lilith Stangenberg im Film Wild von Nicolette Krebitz
    Foto (c) Heimatfilm

     

    Ania vernachlässigt ihren Job und konzentriert sich voll auf die Jagd nach dem Wolf, bei der ihr drei Vietnamesinnen aus einer Lumpenfabrik helfen, in die sie wegen eines Kunden mit ihrem Chef gefahren war. Mit Fackeln und Blasrohr wird der Wolf schließlich gestellt und betäubt. Ania beginnt nun in ihrer Plattenbauwohnung mit dem die absolute Freiheit gewohnten Tier ein gefährliches Annäherungsspiel, das den Wolf in ihrer Fantasie sogar über ein Menstruationsrinnsal zwischen ihre Beine führt und dann beim gemeinsamen Eierfrühstück endet. Erst durch ein Loch in der Wand beobachtet, schlägt sich der Wolf schließlich zu ihr durch und beschnuppert seine Bezwingerin.

    Je mehr sie den Wolf domestiziert, umso mehr beginnt auch die junge Frau selbst zu verwildern. Das zeigt sich u.a. im plötzlich aufmüpfigen Verhalten gegenüber ihrem Chef, der davon sichtlich irritiert ist und sich nun ebenfalls zu ihr hingezogen fühlt. Nach wildem Sex auf dem Bürotisch versagt Boris allerdings, da er nicht aus seiner angestammten Rolle findet. Ania hinterlässt ihre Marke auf dem Tisch und zündet das nach künstlichem Bodenbelag riechende Büro einfach an.

    Der Ausbruch mit Wolf erst auf die Dächer über Halle-Neustadt und schließlich in die Wildnis eines verlassenen Tagebaus ist konsequenter Abschied aus der einengenden Zivilisation als Sinnbild des alten unfreien Lebens. Die Sehnsüchte und Wünsche dieser Frau lassen sich dabei nur schwerlich durch die Symbolik der Bilder oder gar durch Anleihen an Freud’sche Psychologiemodelle erklären. Das ist auch gut so. In dem sorgfältig fotografierten Film wirkt nichts aufgesetzt oder voyeuristisch. Es ist sogar Platz für eine leicht subtile Komik, die nie die Hauptfigur denunziert und jede Menge Platz für eigene Fantasien und Interpretationsmöglichkeiten lässt.

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    WILD (D 2016), 97 Min.
    Regie und Drehbuch: Nicolette Krebitz
    Kamera: Reinhold Vorschneider
    Schnitt: Bettina Böhler
    Szenenbild: Sylvester Koziolek
    Kostümbild: Tabassom Charaf
    Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl, Kotti Yun, Laurie Young, Pit Bukowski, Nelson und Cossa, Hermann Beyer
    Eine Produktion von Heimatfilm in Koproduktion mit WDR, ARTE
    Produzentin: Bettina Brokemper
    Kinostart: 14. April 2016

    Infos unter: http://www.heimatfilm.biz/?portfolio=wild&lang=de

    Infos Festival unter: https://achtungberlin.de/

    Zuerst erschienen am 16.04.2016 auf Kultura Extra.

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  • Freischwimmer am Nagel – Der 12. achtung berlin – new berlin film award wurde mit MANN IM SPAGAT – PACE, COWBOY von Timo Jacobs eröffnet

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    achtung berlin_plakat
    (c) achtung berlin

    Wie uns die Kino-Experten seit Jahren weiß machen wollen, steckt der deutsche Film tief in der Krise. Viel Grund zum Jammern, wie noch bei der Berlinale im Februar, haben Hajo Schäfer und Sebastian Brose, die beiden Leiter des achtung berlin-Filmfestivals, dessen 12. Ausgabe am vergangenen Donnerstag im Kino International eröffnet wurde, allerdings nicht. Spielt das Festival auch in einer anderen Liga, so hat es sich doch über die Jahre fest im Kalender der Berliner Filmenthusiasten etabliert. Und nun wird es nach dem letzten Jahr sogar noch etwas internationaler. Viele Filme des reichhaltigen Programms sind von Berliner Filmschaffenden mit verschiedenstem Migrationshintergrund, oder von RegisseurInnen, die gerade neu nach Berlin gezogen sind. Und was man internationalen Großfestivals voraus hat: Sieben der zwölf Filme im Spielfilm-Wettbewerb sind oder handeln von Frauen. Noch bis zum 20. April laufen die rund 80 Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und mittellangen Filme in vier Berliner Kinos und den Neuen Kammerspielen in Kleinmachnow.

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    Zum Auftakt des Wettbewerbs gab es aber einen echten Jungsfilm von Timo Jacobs zu sehen. Nach Klappe Cowboy! (2012) ist Mann im Spagat – Pace Cowboy, Pace die zweite Arbeit des Schauspielers und Regisseurs über sein Alter-Ego, den pfiffigen Berliner Lebenskünstler und BMX-Radler Cowboy. Entdecker von Timo Jacobs ist Kult-Regisseur Klaus Lemke, der sich bekanntlich seine DarstellerInnen immer direkt von der Straße castet. Mit Kein großes Ding war Lemke 2014 erstmals bei achtung berlinMann im Spagat deutlich anzumerken. Auch Cowboy (Timo Jacobs selbst) sprüht vor verrückter Ideen. Als praktizierender Freischwinger sowie Erfinder und Hersteller des dazu passenden esoterischen Wassers leitet er außerdem noch das Chapter Kreuzberg der „Agentur für Weltatem“.

    Doch der Vertrieb des Freischwinger-Wassers stagniert ebenso wie die allgemeine finanzielle Lage Cowboys, der seine kranke Mutter (Dorothea Hagena) anstatt in den mondänen Seniorensitz „Soho Savoy Ritz“ mit Elvis-Hologramm-Show ins Altersheim für Briefmarkensammler und BVG-Mitarbeiter geben muss. Bisher hatte Cowboy sich mit Diensten in der Sado-Maso-Szene über Wasser gehalten, nun will er einen ökologisch nachhaltigen Fahrradkurierdienst gegen das stinkende Pendant des benachbarten Motorockers Tschick McQueen (herrlich finster Clemens Schick) und seiner Partnerin Angel (Hanni Bergesch) etablieren. Worauf diese den bösen Teufel vom Herrmannplatz (wie immer sehr diabolisch: Claude-Oliver Rudolph) aus der Flasche lassen.

     

    Mann im Spagat_Foto -® Timo Jacobs Productions
    Ein Cowboy für alle Fälle – Timo Jacobs als Mann im Spagat 
    Foto (c) Timo Jacobs Productions

     

    Außerdem schneit Cowboy noch die schöne Fey (DT-Schauspielerin Natalia Belitski) von der „Agentur für Weltatem“ ins Haus, die sein Unternehmen zwecks finanzieller Zuschüsse evaluieren soll, aber schnell Job mit Gefühl vermengt und gleich bei ihm einzieht. Mit einer Fahrrad-Rallye der schrägen Typen quer durch Berlin will Cowboy punkten und das nötige Personal für den Kurierdienst an den Start bringen. Die große Flucht nach vorn, die zunächst auf dem Berliner Pflaster landet.

    Der Berliner Großstadtdschungel war schon immer Filmset, Spielwiese und Rennstrecke für Leute mit Kreativwahn und erhöhtem Hang zur Selbstdarstellung. Auch Timo Jacobs feiert das als Parade der unbeirrten Lebenskünstler und großspurigen Originale. Mann im Spagat ist dabei nicht nur als ironische Persiflage und komödiantische Farce angelegt, sondern auch als ein großes, filmisches Märchen über sympathische Verlierer, die wie Stehaufmännchen jeden Tag immer wieder am Start sind, ob es nun um die Kunst, Liebe oder den großen Weltfrieden geht.

    Leider ist das inhaltlich auf Dauer doch etwas dünn und redundant. Zum großen Spaß taugt es allemal, und was das sicher mit viel Herzblut und Engagement entstandene Filmchen halbwegs rettet, ist neben den tollen Kostümen der Einsatz von großen Mimen und Entertainern wie Meret Becker, Rolf Zacher, Friedrich Liechtenstein oder Olli Schulz, die selbst in Nebenrollen, oder als nölender Running Gag noch eine blendende Figur machen.

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    MANN IM SPAGAT – PACE, COWBOY, PACE. (D 2016) 90 Min.
    Regie: Timo Jacobs
    Buch: Federico Avino, Timo Jacobs
    Kamera: Dominik Friebel
    Ton: Robert Fuhrmann
    Szenenbild: Claudia Steinert
    Kostüm: Anna Schmidbauer
    Produzent: Timo Jacobs Produktion
    Darsteller: Timo Jacobs, Clemens Schick, Natalia Belitski, David Scheller, Meret Becker, Hanni Bergesch, Rolf Zacher, Claude Oliver Rudolph, Olli Schulz, Dorothea Hagena, Friedrich Liechtenstein

    Infos: http://mannimspagat.de/

    Infos Festival unter: https://achtungberlin.de/

    Infos Wettbewerb Spielfilm: https://achtungberlin.de/programm0/madeinberlinbrandenburg0/spielfilme/

    Zuerst erschienen am 16.04.2016 auf Kultura Extra.

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  • Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Armin Petras adaptiert Frank Witzels BRD-Roman für die Berliner Schaubühne

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    Schon der Titel ist Ungetüm und Zumutung, das über 800 Seiten starke Buch Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 von Frank Witzel erst recht. Für seinen Roman über einen dreizehneinhalbjähiger Teenager und seine Sicht auf die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse des Sommers 1969 in der alten Bundesrepublik bekam Witzel 2015 den Deutschen Buchpreis. Zwar ist die RAF immer wieder Thema von Büchern und Filmen, jedoch hat es etwas gedauert, bis die Aufarbeitung der bundesdeutschen Nachkriegszeit so richtig in Gang gekommen ist. Regisseur Armin Petras und Dramaturgin Maja Zade sicherten sich mangels eines entsprechenden Theaterstücks schon rechtzeitig die Bühnenrechte an Witzels Roman. Die Uraufführung ihrer Romanbearbeitung feierte nun an der Berliner Schaubühne im Rahmen des FIND #16 ihre Premiere.

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    Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 - Foto (C) Thomas Aurin
    Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Foto (c) Thomas Aurin

    Über die Geschichte der untergangenen DDR wurden schon einige Romane geschrieben und für die Bühne bearbeitetet. Auch Armin Petras hat hier Beiträge geleistet, wie etwa eine Adaption des Buchpreis-Romans Der Turm von Uwe Tellkamp für das Staatsschauspiel Dresden, oder von Christa Wolfs Roman Der geteilte Himmel für die Schaubühne Berlin. An den Theatern Gera, Magdeburg und Potsdam gab es kürzlich Bearbeitungen von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso. Ob und warum es tatsächlich kaum Dramen zur Geschichtsaufarbeitung von BRD und DDR gibt, lässt sich sicher nicht abschließend klären. Jedoch wäre Armin Petras‘ Autoren-Alter-Ego Fritz Kater dazu sicher auch in der Lage. So kann man sein Stück zeit zu lieben zeit zu sterben durchaus als ein ostdeutsches Pendant zu Witzels Roman lesen. Zumindest dürfte dem Regisseur Armin Petras der wilde, ausufernde Erzählstil von Frank Witzel sehr liegen.

    Zunächst fällt aber vor allem das Bühnenbild von Katrin Brack auf, das aus vielen kleinen Kinder- und großen Erwachsenen-Schaufensterpuppen besteht, die im Stil der 1960er und 70er Jahre gekleidet sind. Neben der angedeuteten Kleinstadt-Familienkonstellation sicher auch ein Verweis auf den Frankfurter Kaufhausbrand aus den frühen Jahren der RAF. Im Programmheft ist die Rechtfertigung Warenhausbrandstiftung der damals noch nicht aktiv beteiligten Journalistin Ulrike Meinhof abgedruckt, und in der Inszenierung spricht Jule Böwe Passagen daraus. Meinhofs Text Aktenzeichen XY – aufgelöst – ebenfalls im Programmheft abgedruckt – ist auch so ein Verweis auf die politischen und gesellschaftlichen Zustände der alten Bundesrepublik.

    Frank Witzel beruft sich in seinem Roman auf Symbole und „Narrative der Bundesrepublik“ wie Marken und Produkte oder das kultische Sehen von Fernsehsendungen. Schon die Eingangssequenz einer Verfolgungsfahrt in einem Auto Marke NSU Prinz (gebaut 1958-1973) ist voll davon. Wir bekommen sie in der Schaubühne von dem fünfköpfigen Schauspielensemble, Jule Böwe und Tilman Strauß (von der Schaubühne) sowie Julischka Eichel, Paul Grill und Peter René Lüdicke (vom Schauspiel Stuttgart) in grünen Pullis und Jeans frontal in verteilten Rollen erzählt. Tilman Strauß spielt sich immer mehr in die Figur des namenlosen Teenagers hinein. Die anderen geben Freunde, Eltern, Pfarrer, Psychologen oder die mysteriöse Frau von der Caritas, die die kranke Mutter ersetzt.

     

    Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 - Foto (C) Thomas Aurin
    Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Foto (c) Thomas Aurin

     

    Im Kleinstadtmief der 1960er Jahre in der bundesdeutschen Provinz fantasiert sich der Teenager aus Witzels Buch die ihn umgebende Welt als cooles Ritter-, Cowboy- und Indianerspiel, in dem er selbst bald die Übersicht verliert und psychisch abstürzt. Bei ihm ist Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung und Gudrun Ensslin nur eine detaillose Indianersquaw aus einer Wundertüte. Das Ensemble trägt in Schlafanzügen die Stationen der Kindheit des Protagonisten vor und spielt einige Szenen aus dem recht unübersichtlichen Plot aus 98 Kapiteln mit vielen Zeitsprüngen und Wechseln des Erzählstils, bestehend aus verhörartigen Gesprächen, Therapiesitzungen, eingangs erwähnten Action-Szenen, inneren Monolog und philosophischen Abhandlungen.

    Das alles kann eine Theaterinszenierung natürlich kaum innerhalb von knapp zweieinhalb Stunden bewältigen. Petras konzentriert sich dann auch nur auf die Geschichte des Heranwachsenden und lässt die zurückblickende Perspektive des Erwachsenden etwas aus dem Blick. Als Unterstützung hat sich der Regisseur die Stuttgarter Postrockband Die Nerven geholt, die gut abgehangene Rockmusik im Stile der 68er-Zeit spielt, aber auch den Schritt vom Hippietum der 60er zum Hardrock der 70er vollzieht. Für Witzel auch der Übergang der RAF von den Anfängen zum Weg in den Untergrund.

     

    Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 - Foto (C) Thomas Aurin
    Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Foto (c) Thomas Aurin

     

    Dagegen verschneidet Petras Szenen aus dem spießigen Familienleben mit Schlagern von Willy Schneider, die Paul Grill hinrappt, und der von Tilman Strauß vorgetragenen Philosophie der Durchreiche in der Wohnkultur der 1950er Jahre. Eine Slapstickparade aus witzigen Szenen mit Polizeimützen, Uniformen, Indianerkopfschmuck und einer Polonaise durch den Schaufensterpuppen-Parcours. Es fehlt nur noch eine Wasserpistole und echte Silly-Putty-Knete.

    Wie ein Kaleidoskoprohr nach dem Schütteln immer wieder ein anders Bild ergibt, verändert sich auch mehrfach die Perspektive des Teenagers zu seiner Geschichte, was Petras eben in ein etwas zielloses Aneinanderreihen von Best-of-Szenen übersetzt. Erwähnenswert sind da die Interpretation des Beatles-Album Rubber Soul als christliche Passionsgeschichte oder ein Beichtszene durch ein Sieb. So ist neben der Popmusik auch die katholische Erziehung ein weiterer Einfluss in der Kindheit des Protagonisten.

    Etwas unter gehen die philosophischen Aspekte, die Petras als kleine Monologe einstreut wie ein Vortrag über die Nachkriegs-Fleckentfernerpolitik der BRD zur Reinwaschung von jeglicher Schuld und eine Abhandlung über Wörter mit hohem Nazifaktor. Die echte Geschichte der BRD flimmert derweil auf der Videoleinwand, und das Ensemble stellt berühmte Protesttableaus wie die Kommune 1, Jimi Hendrix oder auch Jubelperser und den Kniefall Willy Brandts nach. Merklin oder Fleischmann, Beatles oder Stones, Gut oder Böse – die Zerrissenheit des Jungen lässt sich hier auf der Bühne nicht wirklich einfangen, und Armin Petras landet schließlich mit seiner durchaus witzigen Inszenierung etwa auf dem Niveau von Rainald Grebes Westberlin-Revue am gleichen Ort.

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    DIE ERFINDUNG DER ROTEN ARMEE FRAKTION DURCH EINEN MANISCH-DEPRESSIVEN TEENAGER IM SOMMER 1969 (Schaubühne am Lehniner Platz, 09.04.2016)
    Theaterfassung von Armin Petras und Maja Zade
    Regie: Armin Petras
    Bühne: Katrin Brack
    Kostüme: Annette Riedel
    Video: Rebecca Riedel
    Dramaturgie: Katrin Spira, Maja Zade
    Licht: Erich Schneider
    Mit: Jule Böwe, Julischka Eichel, Paul Grill, Peter René Lüdicke und Tilman Strauß
    Live-Musik: Die Nerven
    Uraufführung war am 9. April 2016
    Weitere Termine: 11., 12. 4. / 8., 29. 5. 2016
    Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart

    Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

    Zuerst erschienen am 09.04. 2016 auf Kultura-Extra:

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  • Das FIND #16 in der Berliner Schaubühne startete mit zwei Kurzdramen von arabischen Autoren

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    FIND #16, das Festival Internationale Neue Dramatik an der Berliner Schaubühne, setzte zu Beginn einen kleinen Schwerpunkt mit Kurzdramen arabischer Autoren. Eröffnet wurde das Festival am vergangenen Donnerstag mit dem ägyptischen Stück The Last Supper von Ahmed El Attar, der auch selbst die Regie führte. El Attar ist Theaterregisseur, Autor und Übersetzer und sehr gut vernetzt in der Kairoer Theaterszene. So ist er u.a. auch künstlerischer Leiter der Temple Independent Theatre Company und des Falaki Theaters. Außerdem leitet er das von ihm mitbegründete Theaterzentrum Emad Eddin, das Proben- und Trainingsräume sowie Residenzen an Performer in Kairo zur Verfügung stellt.

     

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

     

    In seinem Stück The Last Supper stellt der Autor eine reiche Kairoer Großfamilie in den Mittelpunkt der Handlung. Im Hause des Familienpatriarchen, einem einflussreichen Industriellen, treffen sich die Kinder mit den Ehepartnern und Enkeln zu einem geselligen Abendessen. El Attar beleuchtet einige Jahre nach dem Arabischen Frühling und der Revolution auf dem Tahrir-Platz die Sicht der oberen Zehntausend auf den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Wandel in Ägypten.

    Es ist eine recht bittere Bestandsaufnahme. In Form einer galligen Farce mit komischen und entlarvenden Elementen stellt El Attar die überkommenen Denk- und Verhaltensweisen der etablierten wirtschaftlichen Eliten in den Kontext von Tradition und Moderne. So teilt sich die Familie in einen traditionell religiösen Teil, der mit dem Vater und Schwiegersohn Mido zwar die Riten des Islam befolgt, aber auch für den eigenen Reichtum betet und alles aus der Sicht, ob es Profit verspricht, beurteilt. Dagegen pflegt Sohn Hassan ein freies Künstlerleben mit westlicher Musik und dem Traum vom Harley-Fahren. Allerdings gibt er nur vordergründig den „Blowin‘ in The Wind“ spielenden Bob Dylan, während er ansonsten gelangweilt das Personal drangsaliert und demütigt.

     

    The last Supper_Foto (c) Mostafa Abdel Aty
    The last SupperFoto (c) Mostafa Abdel Aty

     

    Auch Tochter Mayoush und Schwiegertochter Fifi haben zwei Seiten. Trägt Mayoush auch westliche Mode und schwärmt vom Paris, so hat sie doch bei ihrem Ehemann Mido nicht viel zu melden, während Ehefrau und Mutter Fifi zwar Kopftuch trägt, aber sich bestens mit Smartphone, Apps und Instagram auskennt. Was den Familienmitgliedern allen gemeinsam ist: sie schauen auf die in ihren Augen Minderbemittelten – wie das Kindermädchen von Fifi oder die Bediensteten des Vaters – herab. Auch Äthiopier oder Thailänder, die im Land arbeiten, werden rassistisch beurteilt.

    Zur Familienfeier gesellt sich noch der General, ein Freund des Vaters, der die alte politische Herrschaft repräsentiert. Er verschafft sich Respekt durch seinen über Jahre erreichten Einfluss und weiß kleine Gefälligkeiten durch Beziehungen zu erweisen. Befragt nach dem Wandel im Land, ist für ihn alles nur eine Frage der Zeit, bis wieder Ruhe und Ordnung einziehen.

    Die Gespräche sind zum großen Teil sehr oberflächlich und drehen sich um die besten Geschäfts- und Einkaufsmöglichkeiten im Ausland, Unterhaltungselektronik oder Fitness. Die Männer dominieren in ihrer angestammten Position und sehen die sexistischen, gewalttätigen Ausfälle von Hassan eher als Kavaliersdelikt oder setzen verbal noch eine drauf. Hier fehlt es ein wenig an einem entsprechenden Gegenpart. Die Oberschicht gärt in ihrem eigenen Fett.

    Immer wieder lässt El Attar das Szenenbild an der Tafel, die auch dem titelgebenden Gemälde von Leonardo da Vinci nachempfunden ist, minutenlang zu einem orientalisch klingenden Elektrosound einfrieren sowie einen Rinderkopf und Geflügel auftragen. Alle Figuren sind eher bigott und konsumorientiert. An einem demokratischen Wandel scheint das ägyptische Großbürgertum nicht wirklich – und wenn, dann nur aus Eigennutz – interessiert. Ein gut skizziertes, aber auch bedrückendes Gesellschaftsportrait, das wenig Hoffnung für einen echten Wandel in der arabischen Welt lässt.

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    Gerade erst waren Videobilder der syrischen Stadt Homs in Frank Castorfs Inszenierung von Friedrich Hebbels Judith an der Berliner Volksbühne zu sehen. Homs, die Stadt des antiken Sonnenkults, oder wie sie der syrische Autor und Theaterregisseur Anis Hamdoun nennt, die Stadt der Sonne. In seinem im letzten Jahr beim Theaterfestival „Spieltriebe“ in Osnabrück uraufgeführten Kurzdrama The Trip träumt der Protagonist Rami, der vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen ist, von der Sonne und dem blauen Himmel seiner Heimatstadt, die sich in Farben und Geschmack nur noch in seinem täglichen Frühstück mit traditionell weißem anstatt gelbem Käse aus Deutschland oder im arabischen Kaffee mit Kardamon manifestiert. Rami ist Flüchtling in Deutschland und steht vor einem Neuanfang, der ihm auch Ängste bereitet, da seine Ausbildung hier nichts gilt.

     

    The Trip - Foto (c) Maik Reishaus
    The TripFoto (c) Maik Reishaus

     

    So ein Neubeginn ist Anis Hamdoun, dem ausgebildeten Schauspieler und Regisseur, der 2013 nach Deutschland kam, erstaunlich schnell gelungen. Als Praktikant am Theater Osnabrück bekam er sofort die Chance mit Schauspielern zu arbeiten. Ergebnis ist das vorliegende Stück, das nun beim FIND #16 in der Schaubühne gastiert und auch in den regulären Osnabrücker Spielplan aufgenommen wurde. Das Interesse an den Ereignissen in Syrien und der arabischen Welt ist nach wie vor hoch, und The Trip schafft es ohne viel Betroffenheitsgetue, die Situation von Flüchtlingen in Deutschland ganz anschaulich zu beschreiben. Nachdem gerade das Internet und soziale Netzwerke einen gewissen Anteil am Durchbruch des Arabischen Frühlings hatten, konnte das Stück dann auch im Januar das virtuelle Theatertreffen auf nachtkritik.de für sich entscheiden.

    Nur ganze 40 Minuten dauert Anis Hamdouns The Trip. Aber das Stück hat es in sich. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gedanklicher und spielerischer Trip zurück nach Homs, das auch die Heimatstadt des Autors ist. Es spiegelt seine Erinnerung an das Leben vor und während des Arabischen Frühlings in Syrien, den Hamdoun mit seinen Freunden erlebt und dessen Ereignisse nur er überlebt hat. In dem autobiografisch geprägten Stück erstehen die Toten wieder auf und suchen das Alter Ego des Autors, den wie er aus Syrien geflüchteten Rami (Patrick Berg) in Deutschland heim. Sie bewohnen faktisch mit ihm ein kleines Zimmer, das Mona Müller nur ganz spartanisch angedeutet hat, etwa mit einem von der Decke herunterhängenden Vorhangquader, in dem am Beginn Marius Lamprecht als Videofilmer Saleem steht, oder einem am Boden festgehefteten Stoffschlauch aus dem sich Anja S. Gläser als dessen Schwester Sarah schält.

     

    The Trip - Foto (c) Maik Reishaus
    The TripFoto (c) Maik Reishaus

     

    Die Enge des Zimmers fliehend rennt Rami immer wieder im Kreis durch die Nacht, obwohl er sie nicht mag, um mit den Toten zu reden, um sie in Deutschland mit seinen Verordnungen und Paragrafen nicht zu vergessen. Er fühlt sich schuldig, überlebt zu haben. Die Stimmen seiner Freunde manifestieren sich in seinem Kopf und nehmen hier auf der Bühne ganz konkret und in einem Videofilm aus der Heimat (Nawar Bulbul als Mohammed) Gestalt an. Sie erzählen vom gemeinsamen Traum von Freiheit und ihren Berufswünschen, die sich für Sahra als Sanitäterin und Saleem als Videofilmer der Demonstrationen auf den Straßen Homs verwirklichen. Hier finden sie ihre Bestimmung, auch wenn sie später während der Folter durch Geheimdienstleute des Assad-Regimes oder – wie Mohammed, ein Student aus Homs, durch eine Granate – ihr Leben verlieren.

    Ihnen und ihrer Geschichten hat Anis Hamdoun mit diesem Stück ein Denkmal gesetzt. Und sich selbst versucht zu beantworten, wer er ist und was er in Deutschland für seine Heimat Syrien machen kann. Das ist präzise und eindrucksvoll gespieltes Theater und gut und wichtig, dass es hier beim Berliner FIND zu sehen ist. Weitere Gastspiele in Frankfurt, Karlsruhe und München werden folgen.

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    THE TRIP (Studio der Schaubühne, 08.04.2016)
    Text und Inszenierung: Anis Hamdoun Bühne: Mona Müller Kostüme: Anna Grabow, Miriam Schliehe Dramaturgie: Elisabeth Zimmermann
    Mit: Patrick Berg (Ramie), Anja S. Gläser (Sarah), Marius Lamprecht (Saleem), Nawar Bulbul (Mohammed, im Video) und Zainab Alsawah (Gesang)
    Dauer: ca. 40 Minuten
    Uraufführung am Theater Osnabrück war im September 2015
    Berlin-Premiere: 8. 4. 2016 Weiterer

    Termine in Osnabrück: 3. 5. 2016

    THE LAST SUPPER (Schaubühne am Lehniner Platz, 07.04.2016)
    Konzept und Regie: Ahmed El Attar (Ägypten) Bühne und Kostüme: Hussein Baydoun Licht: Charlie Aström Musik: Hassan Khan Sound: Hussein Sami
    Mit: Boutros Boutros-Ghali, Mahmoud El Haddad, Ahmed Farag, Mona Farag, Mohamed Hatem, Ramsi Lehner, Nanda Mohammad, Sayed Ragab, Abdel Rahman Nasser, Mona Soliman und Marwa Tharwat
    Berliner Premiere war am 7. April 2016
    Weiterer Termin: 9. 4. 2016
    Eine Produktion der The Temple Independent Theatre Company in Kooperation mit Tamasi Collective Gastspiel im Rahmen von FIND #16

    FIND #16
    Vom 07.04. – 17.04.2016
    Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

    Zuerst erschienen am 09.04. 2016 auf Kultura-Extra:

    http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/FIND16_thelastsupper.php

    http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/FIND16_thetrip.php

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  • Der russische Roman Exodus in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Eine Terrorkampagne mit Musik nach DJ Stalingrad in der Regie von Sebastian Klink

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    (c) Volksbühne
    (c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

    Pünktlich zur Karfreitagspremiere von Exodus gab es auch die erste Kreuzigung in der Schwarzen Oster-Serie der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die schmalen Holzkreuze liegen zu Beginn des Abends noch abgeklappt auf dem Beton, aber Alexander Scheer, bewaffnet mit Megafon, Stahlhelm und roter Lederjacke, macht keinen Hehl daraus, was damit in der Bühnenadaption des von Pjotr Silaew 2011 unter dem Pseudonym DJ Stalingrad in Russland veröffentlichten und 2013 in deutscher Übersetzung erschienen Debütromans geschehen soll. „Wir brauchen keinen Jesus. Wir sind selbst alle Jesus.“ brüllt er irgendwann ins Publikum. Später wird es eine Golgatha-Szene geben mit Hanfpflanzen in Töpfen und anschließendem Zertrümmern von Kloschüsseln, auf die man sich zu dritt davor gesetzt hatte, um über Jesus Einzug in Jerusalem am Palmsonntag auf einem Esel zu sinnieren.

     

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    Foto Schaukasten Volksbühne – St. B.

     

    Ein Symbol des Friedens und der Provokation der Mächtigen zugleich. Silaews Roman strotzt nur so vor Beschreibungen provokanter Aktionen. Nur ist seine Darstellung der postsowjetischen Zeit nicht gerade friedlich, sondern geprägt von blutiger Gewalt rivalisierender linker und rechter Straßengangs. Exodus ist zudem stark autobiografisch geprägt. Silaew wurde bis vor kurzem mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der 1985 geborene Autor, der Anfang der 2000er Jahre gegen russische Neonazis kämpfte und als Umweltaktivist an Aktionen gegen den Autobahnbau teilnahm, soll in Russland wegen Rowdytums vor Gericht. Es droht ihm Arbeitslager. Man kennt das von der Punkband Pussy Riot. Mittlerweile lebt und arbeitet Petr Silaew als Journalist und Autor in Spanien.

    Silaew, der ein abgeschlossenes Studium der Philosophie und Religionswissenschaft hat, verwendet in Exodus einige religiöse Metaphern. Es gibt einen fleischgewordenen Verführer, der wie eine Erscheinung des Herrn, dem jungen, namenlosen Erzähler Unheil verkündet, wenn er ihm nicht folge. Später wird der sich in der Volksbühne Iwan nennende Protagonist diesen Mann mit der Eisenstange erschlagen. Alexander Scheer malt das hier in allen Farben aus. In der Gewaltausübung findet die Gruppe um ihn (Rouven Stoer als Ruslan und Patrick Güldenburg als Crack) sogar etwas von Heiligkeit. Ihr Handeln ist dabei bewusst ambivalent und changiert von extrem links bis nach rechts außen inklusive Judenwitzen.

    Die verlorene, postsowjetische Generation geriert sich wütend gegen Staatsmacht, Wendegewinnler und das kapitalistische System des Westens. Der Hass der Verlierer entlädt sich bei Fußballspielen, Demos und Punkkonzerten. Ihre Religion ist der Schmerz. Das resultiert vor allem aus den Kindheitserlebnissen der Protagonisten, die bereits von Gewalt geprägt sind und sich wie mit einer Nadel in „eine Rille des Schmerzes auf das Vinyl“ gepresst hat. Wenig Licht, viele Schläge. Nur das Schmerzhormon lässt sie noch fühlen. Silaew beschreibt es u.a. recht poetisch wie das Gehen auf „Gras mit spitzen, scharfen Halmen, eine Wiese aus Blut.“

     

    Exodus_Volksbühne
    Schwarze Serie in der Volksbühne – Foto: St. B.

     

    Der sowjetische Mensch ist schwer zu erklären, heißt es einmal. Der Homo soveticus (nach Schriftsteller Alexander Sinowjew) hat sich in die neue Zeit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hinübergerettet, in eine Gesellschaft aus ziel- und prinzipienlosen Opportunisten, die bereitwillig den ihnen zugewiesenen Platz einnehmen. Silaew erklärt diese Geburt des neuen russischen Helden ausführlich in einem Abriss über „überflüssige männliche Individuen“, die als kluge Selbstregulierung der Gesellschaft aussortiert und einer ihren Talenten gemäßen Verwendung zugeführt werden. „Die einen überflüssigen Männer werden Polizisten, andere Verbrecher. Das hilft ein bisschen, das Blut fließt wieder.“ Ein Mechanismus des notwendigen Aderlasses, der zwangläufig nur ein Ziel hat: den Krieg. „Der Homo soveticus versteht was vom Sterben.“

    Spätestens mit diesen Theorien von der Entstehung der Gewalt und der Ausnutzung des vorhandenen Gewaltpotentials dürfte er für Volksbühnenintendant Frank Castorf interessant geworden sein, der eben genau diese Passagen aus Exodus als Fremdtext für seine Bearbeitung von Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow nutzte. Ein irrlichternder Abriss über die Geschichte der Gewalt von der russischen Orthodoxie, dem Nihilismus über die gewalttätige Vätergeneration bis zum politischen Ideologen Stalin und seinen Nachfolgern.

    Was wir nun in der Inszenierung Exodus – Eine Terrorkampagne mit Musik nach DJ Stalingrad von Sebastian Klink erleben, ist so etwas wie eine wilde, konzertante Zugabe. „Die Seele dem Chaos verkauft“, dient hier als Motto für einen schier überbordenden Abend voller aggressiver Rockmusik, körperbetontem Posing und kleinen Geschichten über die Schizophrenie der russischen Gesellschaft und deren Zusammenhalt anhand des Märchens von Strohhalm, Kohle und Bohne. Der Soundtrack zum Abend kommt von der Hardcore-Metalband The New World Order. Die drei Musiker spielen recht laut am Fuße des Asphaltbetons in einem Metallkäfig, der vom Schauspielensemble immer wieder bestiegen und mit Baseballschlägern und Eisenrohren traktiert wird.

     

    Rote-Armee-Denkmal in Sofia
    Rote-Armee-Denkmal in Sofia

     

    Es wird wie bei Castorf üblich viel mit der Livekamera aus den Katakomben der Volksbühne übertragen und als ergänzender Fremdbeitrag eine Vernehmung des politischen Konzeptkünstlers Pjotr Pawlenski, der sich u.a. mit seinem Hoden auf den Roten Platz genagelt hatte, nachgespielt. Was in eine Diskussion über die Einordung seiner Aktionen entweder als Schändung von gesellschaftlichen Symbolen und Bauwerken oder als Kunst führt. Zu sehen ist unter anderem auch die recht ironische Umgestaltung von Figuren des Russischen Ehrenmals in Sofia durch unbekannte Künstler zu US-amerikanischen Helden und Symbolen der Popkultur. Videoeinspielungen alter sowjetischer und DDR-Kinderfilme wie dem singenden Krokodil Gena und Jan und Tini auf Reisen stehen neben Straßenkampfszenen von Demonstranten mit russischen Sicherheitskräften.

    Sebastian Kling hat seinen Cliquenturbo aus Ernst Haffners Blutsbrüdern im 3. Stock noch mal angeworfen und die dortigen Darsteller Patrick Güldenberg und Rouven Stöhr mitgebracht. Sogar Axel Wandke ist erneut als Biberkopfinkarnation mit E-Gitarre wieder mit von der Party. Ähnlich wie Alexander Scheer, der seinen grandiosen Karamasow-Bruder Iwan in die Hauptfigur aus Pjotr Silaews Exodus transformiert. Eine Fortsetzung des alten Dostojewski-Prinzip „Alles ist erlaubt“ ins moderne Russland. Wobei der Bezug zum Westen etwas zu kurz kommt.

    Zum männlichen Trio Infernale gesellt sich noch die Schauspielerin Margarita Breitkreiz mit ein paar eindrucksvollen Szenen, etwa als Mutter Russland, die die Gekreuzigten wäscht, oder als Mutter eines aus dem 8. Stock eines russischen Plattenbaus gefallenen Kindes, was sie, während sie auf der anderen Seite rauchen war, nicht registriert hatte. Allerdings wirkt der gut zweistündige Abend auch etwas überdreht, und vieles wird durch das andauernde männliche Gepose mit tätowierten Oberkörpern und die krachige Musik übertönt. Als Livekonzert mit Zwischentext ist der Abend sicher annehmbar. Man sollte ihn aber unbedingt mit einem Besuch der Brüder Karamasow kombinieren. Denn nur so entfalten die Texte von DJ Stalingrad in einem gesamtgeschichtlichen Kontext ihre ganze Wirkung.

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     (C) Matthes & Seitz
    (C) Matthes & Seitz

    Exodus (01.04.2016)
    nach DJ Stalingrad
    Bühnenfassung und Dramaturgie: Thomas Martin
    Regie: Sebastian Klink, Bühne und Kostüme: Gregor Sturm, Musik: The New World Order, Licht: Hans-Hermann Schulze, Ton: Christopher von Nathusius, Video: Konstantin Hapke
    Mit: Margarita Breitkreiz, Patrick Güldenberg, Alexander Scheer, Rouven Stöhr, Axel Wandtke, Kriton Klingler-Ioannides (Musiker), Mathias Brendel (Musiker) und Conner Cornelius Rapp (Musiker)
    Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

     

    Uraufführung in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war am 25. März 2016.

    Termine: 23.04. und 06.05.2016

    Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

    Zuerst erschienen am 03.04.2016 auf Kultura-Extra.

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  • „Der Spieler“ in München und „Der Idiot“ in Dresden – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Adaptionen von Dostojewski-Romanen

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    Christopher Rüping inszeniert an den Münchner Kammerspielen unter neuer Intendanz eine verspielte Adaption des Romans Der Spieler

    Die Überraschung war groß, als im September 2013 bekannt wurde, dass Matthias Lilienthal, der ehemalige Leiter des Berliner Hebbel am Ufer, die Nachfolge von Johan Simons als Intendant der Münchner Kammerspiele antreten würde. Lilienthal steht programmatisch eher für interdisziplinäre Kunst und ein genreübergreifendes Theater. Und obwohl er versprach, dass drei Viertel des Programms ganz normales Ensemble- und Repertoiretheater sei, werden nun auch Musik, Architektur, bildende Kunst und Performance im Traditionshaus an der schicken Shoppingmeile Maximilianstraße Einzug halten. Neben den an deutschsprachigen Stadttheatern bereits gut bekannten Regisseuren wie Nicolas Stemann, Stefan Pucher, David Marton oder Simon Stone werden weitere internationale Künstler wie Rabih Mroué, Philippe Quesne und Boris Nikitin sowie freie Theaterkollektive wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop an den Kammerspielen arbeiten.

     

    Dostojewski in der Kammer 1 - Foto: St. B.
    Dostojewski in der Kammer 1 – Foto: St. B.

     

    Ein weiterer Neuzugang als junger Hausregisseur ist Christopher Rüping, der bereits mit seiner Stuttgarter Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest zum letzten Theatertreffen eingeladen wurde und u.a. auch für das Deutsche Theater Berlin inszeniert. Das hoffnungsvolle Regietalent hat sich mit einer Adaption des Romans Der Spieler von Fjodor Dostojewski gleich einen Brocken Weltliteratur als Einstand ausgesucht. Wobei Der Spieler mit seinen nur etwas über 200 Seiten eher als Leichtgewicht unter den immer wieder gern für die Bühne adaptierten Werken des russischen Schriftstellers zählt. Auch Frank Castorf hat ihn schon an der Volksbühne inszeniert. Dostojewski – selbst an permanenter Geldnot leidend – diktierte die Story um eine illustre Gesellschaft, die im fiktiven Ort Roulettenburg ihrer Spielsucht frönt, innerhalb von nur einem Monat seiner Frau, um wegen der Schulden gegenüber seinem Verleger nicht die Rechte an seinen Romanen zu verlieren. Die Geschichte des jungen Aleksej, Hauslehrer im Dienste des Generals Sagorjanski, der in seiner Liebe zu dessen Stieftochter Polina der Spielsucht verfällt, trägt auch autobiografische Züge.

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    Passend zum Thema geht Christopher Rüping seine Inszenierung, die am 17. Dezember 2015 Premiere hatte, auch ganz spielerisch an. Als Art Katalysatoren dienen ihm dabei die beiden jüngeren Kinder des Generals Mischa und Nadja, die verdoppelt in der Gestalt der 9-12-jährigen Kinder Kaspar Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen und Marlene Witzigmann zu Anfang im Bühnenbild aus lauter aufgestapelten Umzugskisten auftreten, dem Souffleur Joachim Wörmsdorf (der nebenbei noch einen eher wortlosen Mr. Astley gibt) das Textbuch wegnehmen und eben wie im Spiel die ersten Seiten des Romans mit der Vorstellung aller handelnden Personen bei einer Gesellschaft im Haus des Generals szenisch lesend performen. Zu launiger Klaviermusik arbeiten sie sich besonders schön an der recht bildlichen Darstellung der Charaktere ab und stupsen nach und nach die noch etwas lethargisch wirkenden SchauspielerInnen des Ensembles in ihre Rollen.

    Es hat durchaus seinen Witz, das Spiel hier buchstäblich wörtlich zu nehmen, was sich dann auch in den weiteren Romanszenen fortsetzt, die Christopher Rüping recht chronologisch abhandelt. Hie und da läuft dem jungen Regisseur sein performativer Grundgedanke, das Ganze wie eine improvisierte Stellprobe aussehen zu lassen, in der jeder noch nach der Haltung zu seiner Figur sucht, aber etwas aus dem Ruder. Der hochverschuldete General (Gundars Āboliņš) tritt irgendwann als tapsiger russischer Bär auf, der den alle finanziell in der Hand habenden Franzosen Marquis de Grieux ständig angrunzt. Niels Bormann spielt ihn näselnd im Rokokokostüm mit Perücke. Mademoiselle Blanche, die Geliebte des Generals, ist bei Ivana Uhlířová eine rätselhafte Frau mit Vergangenheit, die ihre Kostüme wie die Namen wechselt. Halbwegs normal wirkt da noch die Polina der Anna Drexler, die sich allerdings mit Thomas Schmauser, dem Darsteller der Hauptfigur Alexej, ein paar schöne dann auch wieder recht eigenwillige Rededuelle liefert. Mit diesen beiden steht und fällt die gesamte Inszenierung.

     

    Der Spieler an den Münchner Kammerspielen - Foto (C) David Baltzer
    Der Spieler an den Münchner Kammerspielen
    Foto (C) David Baltzer

     

    Einerseits macht Rüping im intensiven Zusammenspiel von Polina und Alexej sehr schön die zerstörerischen Wechselwirkungen des Spiels um Geld und/oder Liebe deutlich, andererseits übertreibt es der Regisseur auch ein wenig, wenn Schmauser immer wieder aus der Inszenierung aussteigt und auch noch mit Pieps-Stimme die plötzlich in Roulettenburg auftauchende Tante des Generals spielen muss. Die Babuschka, an deren Rockzipfel die Kinder hängen, haut nun das Erbe, auf das die ganze Blase eigentlich wartet, bei einem Kasinobesuch auf den Kopf, während die anderen hilflos über die gesamte Pause in Schaukelseilen hängend dem finanziellen Crash zusehen müssen. Zero, nichts geht mehr. Das Spiel im Spiel ufert nun in wildem Tanz, Schlagen mit Schaumstoffschlangen sowie ständigem Umstapeln und Einstürzenlassen der Kisten aus. Der Einsatz von Mikrofonen, das Projizieren von Live-Videos auf die Kisten und laute Sounds vom Band verstärken noch die etwas zu infantil geratene Dekonstruktion, ohne wirklich den Spielzwang als Ausbruchsversuch zu erklären.

    Ein bisschen Ernüchterung ob all des Spaßes am Spiel macht sich dann auch gegen Ende des gut dreistündigen Abends breit. Die Hinterbühne öffnet sich, und die Figuren, nun in Paris angekommen, irrlichtern verloren in den Kulissen herum. Niels Bormanns erzählt in aller Ruhe Alexej das Ende der Geschichte und dass Polina nun bei Mr. Astley in der Schweiz sei, ihn aber gerne noch einmal wiedersehen würde. Allein Schmausers Alexej hat sich nun vollends seiner Sucht ergeben und findet wie ein völlig überdrehtes aber erschöpftes Kind nicht mehr raus aus dem Spielmodus. Wie zu Beginn wieder an der Rampe stehend deklamieren die Kinder: „Das sind alles nur Worte und wieder Worte, und hier sind Taten nötig!“ Rüpings assoziatives Spiel-Experiment zeigt sich da selbst etwas ratlos.

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    Der Spieler (Kammer 1, 30.12.2015)
    von Fjodor Dostojewski
    in der Übersetzung von Swetlana Geier
    Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Video: Bert Zander, Licht: Christian Schweig, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg
    Mit: Gundars Āboliņš, Niels Bormann, Anna Drexler, Thomas Schmauser, Ivana Uhlířová, Kaspar Huber, Nikolai Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen, Marlene Witzigmann, Joachim Wörmsdorf

    Premiere an den Münchner Kammerspielen war am 17.12.2015
    Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

    Termine: 14.05.2016

    Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de

    Zuerst erschienen am 07.01.2015 auf Kultura-Extra.


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    Der Idiot – Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann lässt am Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman nacherzählen

    Auch Der Idiot hat wie schon der zwei Jahre zuvor entstandene Roman Der Spieler autobiografische Bezüge. Fjodor Dostojewski litt wie seine Hauptfigur, Fürst Myschkin, an Epilepsie. Die Anfälle verursachten bei ihm tagelange Dämmerzustände und Depressionen. Die Augenblicke kurz davor empfand Dostojewski allerdings als „solches Glück, wie es in gewöhnlichem Zustand nicht möglich ist…“. „Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses Gefühl ist so stark und so süß, dass man für einige Sekunden dieser Seligkeit, zehn Jahre seines Lebens, ja, meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.“ Über solche „Lichtblitze“, oder „Augenblicke höheren Bewusstseins“ berichtet auch Lew Nikolajewitsch Myschkin. Er betrachtet diese Empfindungen aber auch ganz nüchtern als eine „Unterbrechung des normalen Zustandes, eben als seine Krankheit“.

     

    Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.
    Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

     

    Dostojewski hat mit dem jungen Fürsten Myschkin, der nach einem längeren Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium nach St. Petersburg zurückkehrt, eine große idealistische Außenseitergestalt geschaffen, einen „vollkommen guten und schönen Menschen“, der von den anderen nur als unschuldiger „armer Ritter“, oder auch „Christus-Narr“ bezeichnet wird. Und dennoch verfallen alle seiner grundehrlichen, einnehmenden Art und beginnen völlig irrational gegen ihren eigenen Vorteil zu handeln. So wie im Spieler der Protagonist Aleksej Iwanowitsch das Geld als Voraussetzung für das Glück in der Liebe ansieht und damit der Spielsucht verfällt, sind die Figuren im Roman Der Idiot bereit für die Leidenschaft ihren Reichtum bedingungslos hinzugeben. Aber auch sonst gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen den Personen beider Romane. Hier wie da geht es um Geld oder Liebe.

    Und natürlich endet auch Der Idiot tragisch. Einerseits steht Myschkin zwischen zwei Frauen, der Geliebten des Großgrundbesitzer Totzkij, Nastassja Filippowna Baraschkowa, und der Generalstochter Aglaja Iwanowna Jepantschina, anderseits bilden der Fürst und der Kaufmann Rogoschin eine weitere verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit Nastassja. Myschkin will die als junges Mädchen von Totzkij missbrauchte Nastassja aus Mitleid heiraten, was diese allerdings in letzter Minute ablehnt und später vom eifersüchtigen Rogoschin erstochen wird. Daraufhin verfällt Myschkin wieder in seinen alten Krankheitszustand und kehrt ins Schweizer Sanatorium zurück.

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    Legendär ist sicher die knapp sechsstündige Adaption von Frank Castorf im Neustadt-Bühnenbild von Bert Neumann an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke in der Hauptrolle. Ganz so wild treibt es Matthias Hartmann in seiner ersten Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden nach dem schmählichen Rauswurf am Burgtheater Wien, dessen juristische Folgen für ihn immer noch nicht gänzlich absehbar sind, nicht. Ist dadurch Hartmanns Ansehen als Intendant mit Sicherheit etwas ramponiert, so hat er sich zumindest seinen doch teils ironisch boulevardesken Regiestil bewahrt. Und noch etwas Bewährtes hat der Ex-Burgdirektor mitgebracht. Johannes Schütz recycelt sein Türen-Bühnenbild aus Hartmanns Wiener Inszenierung von Schillers Der Parasit. Diesmal sogar mit herausziehbaren Wänden. Und ganz im Stile seiner Krieg und Frieden-Stückentwicklung am Kasino Wien lässt der Regisseur auch in Dresden das Ensemble an die Rampe treten und alle tragenden Rollen erzählender Weise vorstellen.

    Doch zunächst hat der junge Dresdner Schauspieler André Kaczmarczyk in einer Art Prolog seinen großen Auftritt als Fürst Myschkin mit besagten Lichtblitzen, Störgeräuschen und einem Monolog über die höchste Harmonie und Schönheit gegen die Störung des Normalzustands durch die Krankheit. Im ersten Teil des Abends entwickelt sich nun Stück für Stück und Szene für Szene die Handlung von der Ankunft des Fürsten im Zug, der Begegnung mit Rokoschin (auftrumpfend Christian Erdmann) und dem Beamten Lebedjew (fast hündisch auf Knien rutschend Philipp Lux) über den Antrittsbesuch im Haus des Generals Jepanschin (Holger Hübner) und der Vorstellung bei Gattin (mit viel trockenem Humor Rosa Enskat) und Töchtern (Lieke Hoppe als Aglaja und Cathleen Baumann im Kopftuchwechsel die beiden anderen) bis hin zur bildhaften Erscheinung von Nastassja (Yohanna Schwertfeger), die von Totzkij (Rainer Philippi) mit Ganja Iwolgin (Kilian Land) mitgiftschwer verkuppelt werden soll. Das ist viel Stoff und daher braucht das Publikum auch eine erste Pause.

     

    Der Idiot - Foto (c) Matthias Horn
    Der Idiot Foto (c) Matthias Horn

     

    Bis ist hierher das höchst lebendig gestaltet, nebst Nebel, Geräuschen und Myschkins wundersamen Geschichten über ein schwindsüchtigen Mädchen in der Schweiz, Hinrichtungen mit der Guillotine in Frankreich und die Mysterien der menschlichen Seele. Der naive, gute „Fürst Christus“ presst sein Bündelchen an sich und wagt seine ersten erstaunten Schritte in der St. Petersburger Gesellschaft, die entweder von ihm fasziniert ist, ihn nicht ganz ernst nimmt, oder für erste kleine Intrigen einspannen will. Hartmann versucht dabei etwas zu sehr die Komödie aus dem schweren Stoff zu kitzeln. Ein paar schöne Szenen mit Gesang hathier vor allem Rosa Enskat als Generalin Jepanschina. Allerdings schafft das auch nicht viel mehr als eine leicht ironisch aufgelockerte Atmosphäre.

    Der zweite Teil beginnt bei der Familie Gawrila (Ganja) Iwolgins mit dessen besoffenen Vater (Jan Maak), lässt sich noch mit großem Video-Kaminfeuer etwas länger bei der Geburtstagparty von Nastassja aus mit der Versuchung Ganjas, sich für die 100.000 Rubel Rogoschins die Finger zu verbrennen. Der Rest bis zur zweiten Pause wird nur kurz erzählt, einer der Nachteile dieser Art zu inszenieren. Es folgen kurze Gesprächs- und Briefszenen auf dem Landgut zwischen Rogoschin, dem Fürsten, Aglaja und Nastassja. Der Spannungsbogen steigert sich zum Ende hin vor dem Zusammenbruch noch einmal in ein fast mystisch dunkles Spiel vom Leiden und einer unter Schleiern aufgebarten Braut Nastassja. Herausfahrende Wände verdeutlichen immer wieder die Isolation der Figuren und Myschkin ist am Ende wieder der Ausgestoßene, ganz in seiner Krankheit Gefangene.

    Die geistige Spannung des Anfangs lässt sich über den zweiten und dritten Teil des Abends nicht ganz halten. Um eine echte philosophische oder höhere, transzendente Problematik scheint es Matthias Hartman in seiner kollektiven Nacherzählung des Romans nicht zu gehen. Er hält sich im Großen und Ganzen an die eher einfach zu fassenden Dinge, wie die Verwirrnisse aus Geldangelegenheiten und Liebesgeflechten, die sich bei Dostojewski zwischen den einzelnen Figuren entspinnen. Hartmann hat den weitläufigen Personenkreis auf die zentralen Gestalten hin ausgedünnt. Der ideologische Gegenpart Myschkins, Ippolit Terentjew, fehlt gar völlig. Überfordert wird hier sicher niemand. Man kann sich also ganz auf die recht unterhaltsame Erzähldramaturgie einlassen, ohne Angst haben zu müssen, den Faden zu verlieren. Was das Ganze allerdings auch ein wenig zu einfach und gefällig macht.

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    Der Idiot (25.03.2016, Staatsschauspiel Dresden)
    nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewskij
    Bühnenfassung auf der Basis der Übersetzung von Swetlana Geier von Matthias Hartmann, Janine Ortiz und dem Ensemble
    Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Johannes Schütz, Kostüm: Tina Kloempken, Musik: Parviz Mir-Ali, Video: Moritz Grewenig, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Janine Ortiz, Dramaturgische Mitarbeit: Nora Otte
    Mit: André Kaczmarczyk, Christian Erdmann, Yohanna Schwertfeger, Holger Hübner, Rosa Enskat, Cathleen Baumann, Lieke Hoppe, Jan Maak, Kilian Land, Rainer Philippi, Philipp Lux.
    Dauer: 4 Stunden, zwei Pausen
    Premiere war 16.01.2016 im Schauspielhaus
    Termine: 08., 13. und 26.04. / 05. und 16.05. / 04.06.2016

    Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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