Blog

  • Das kleine Menschel Singer – Anne Lenk adaptiert den Roman „Hiob“ von Joseph Roth für die große Bühne des Deutschen Theaters Berlin

    ___

    „Birth – Love – Death“ stand auf einem in drei Kabinen unterteilten Karussell auf der von Bert Neumann zu Johan Simons legendärer Hiob-Inszenierung 2008 an den Münchner Kammerspielen gestalteten Bühne. Ein Sinnbild auf den ewigen Reigen des Lebens – from the cradle to the grave – in einer grandiosen Adaption von Joseph Roths gleichnamigem Bestseller. In dessem 1930 veröffentlichten Roman über den Leidensweg des einfachen, orthodoxen Tora-Lehrers Mendel Singer aus dem fiktiven jüdischen Schtetl Zuchnow in Russland verarbeitete der Autor nicht nur eigene harte Schicksalsschläge wie die bei seiner Frau diagnostizierten Schizophrenie, sondern reagierte auch auf die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs sowie die Widersprüche zwischen technischem Fortschritt in der Moderne und jüdischer Tradition.

     

    Spielzeitmotte „Der leere Himmel“ am DT – Foto: St. B.

     

    Der gottesfürchtige Jude Mendel Singer fühlt sich durch den Tod seines Sohnes, seiner Frau und dem Wahnsinn seiner Tochter wie der biblische Hiob von Gott über Gebühr geprüft, bis er als alter Mann im fremden, Glück verheißenden Amerika einsam und gebrochen den Glauben verliert und seinen grausamen Gott verflucht. Trost und neue Hoffnung bringt ihm am Ende nur die Wiederkehr seines verloren geglaubten Sohns Menuchim, den die Familie einst wegen dessen Epilepsie in Russland zurücklassen musste. Roth stellt hier in fast biblischer Sprache natürlich auch sehr existentielle Fragen an den Sinn des Lebens und den Glauben des Einzelnen an Gott in einer Welt des Leids.

    Das passt natürlich sehr gut ins Spielzeit-Motto des Deutschen Theaters „Der leere Himmel“. Dass es dabei in einer Berliner Theatersaison voll von epischen Stoffen schon wieder eine Romanadaption sein muss, zeigt nur erneut die Ratlosigkeit von Theaterschaffenden und ihr Unvermögen, auf die Suche nach zeitgenössischer Dramatik zu gehen. Nachdem man an den Kammerspielen des DT mit der spielfreudigen Romanadaption von Turgenews Väter und Söhne in der Regie von Daniela Löffner einen veritablen Coup gelandet hatte und damit sogar zum Theatertreffen eingeladen wurde, hoffte man mit der Hiob-Inszenierung von Anne Lenk (in eigener, gemeinsam mit der Dramaturgin Sonja Anders entstandenen Fassung) natürlich auf einen ähnlichen Erfolg.

    Diese Hoffnung hat sich leider nicht ganz erfüllt. Große Theaterwunder sind eher selten im Doppelpack zu haben. Und wie dem vorher als Leidensmann stoisch alles wegsteckenden und nun plötzlich vor Wut zu schäumen beginnenden Bernd Moss in der Rolle des vom Glauben abfallenden Mendel Singer im großen Amerika geraten wird, doch besser an kleinere Wunder zu glauben, so backt man am DT mal wieder nur kleine Brötchen auf großer Bühne. Und das beginnt zunächst auch sehr spartanisch mit einem sich in die Länge ziehenden Prolog an der hölzernen Bühnenrampe, die durch einen kleinen Graben von einem stahlumrahmten dunklen Gaze-Vorhang abgetrennt ist.

    Edgar Eckert, Camill Jammal und Lisa Hrdina als Geschwister Jonas, Schemarja und Mirjam, die älteren Kinder Mendel Singers, performen die Vorgeschichte im Schtetl als szenischen Romanvortrag. Dazu gibt es Videobilder, Licht- und Schattenspiele hinter dem Vorhang; und der als kranker Bruder Menuchim (gedoppelt als kleine Stoffpuppe) zunächst stumm am Rand sitzende Alexander Khuon wird, anstatt man ihn in eine Regentonne steckt, mit Wasser bespuckt und den leeren Plastikflaschen verprügelt. Menuchim ist aber nicht totzukriegen. „Er lächelte und lebte.“ Und sagt irgendwann Mama. Das geht so ein Weile, bis sich aus dem Dunkel hinter dem Vorhang Almut Zilcher als Mutter Deborah und Bernd Moss als Mendel Singer dazugesellen. Auch sie erzählen mehr als das sie spielen. Die Handlung schreitet so voran, die Spannung tritt eher auf der Stelle.

     

    Hiob am DT Berlin - (c) Arno Declair
    Foto (c) Arno Declair

     

    Das ist das große Problem des nacherzählten Romans. Beschreibungen, Gedanken und Reflexionen lassen sich kaum wirkmächtig darstellen. So entsteht hier mehr eine szenisch bebilderte Aneinanderreihung des Erzählten. Erst letztens war das sehr gut in Matthias Hartmanns Adaption des Dostojewski-Romans Der Idiot am Staatsschauspiel Dresden zu beobachten. Gepaart mit Ironie und Spiellaune schlägt das im besten Fall noch ins Unterhaltsame um, ansonsten macht sich schnell Langeweile breit. Am DT menschelt es zudem sehr oft und übertrieben. Besonders Almut Zilcher hat hier ein paar Szenen als treusorgende und einfallsreiche Mutter, die den kranken Menuchim zum prophezeienden Rabi schleppt, oder versucht ihre Söhne vom Militär freizukaufen.

    Im Gegensatz zum still duldenden Mendel, der sich ins Unabwendbare fügt und auch das schwindende körperliche Begehren in seiner Ehe wie von Gott gewollt hinnimmt, setzt Deborah zumindest einige resolutere Worte á la „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ entgegen. Viel hilft das allerdings nicht. „Gegen den Willen des Himmels gibt es keine Gewalt.“ Und so redet sich Mendel Singer das Unglück geradezu selbst herbei, weil er das Glück, das er in Händen hält, nicht erkennen will. Das Paradox: Die schmale Welt des Schtetls vor dem Vorhang verstellt zwar den Blick über den Tellerrand, aber schützt auch vor Identitätsverlust und Entfremdung, wie sie sich schnell in der neuen Welt Amerika einstellen.

    Krass bunt und weit nimmt sich die große Stadt New York aus, wohin Sohn Schemarja, der sich nun Sam nennt, vor der Armee geflohen ist, und die Eltern samt Schwester Mirjam, die den sexuellen Umtrieben mit den Kosaken entrissen werden soll, nachholt. Der dunkle Vorhang fährt nach hinten und gibt eine Bühnenschräge frei, auf der alle wie fremdgesteuerte Zombis in rot-weiß gestreiften Kostümen herumrennen, englisch radebrechen und von Geld, Geschäften oder dem Kino schwärmen. Mendel geht aber von Lärm und fremden Gerüchen überwältigt schnell auf die Bretter. Hier klingt durchaus auch etwas Kapitalismuskritik an, aber vor allem das Thema der jüdischen Entwurzelung im Exil wie bereits im kürzlich am Gorki Theater adaptierten Roman Feinde von Isaac B. Singer.

    Der in Europa ausgebrochene Krieg nimmt Mendel die Söhne, lässt die Frau sterben und die Tochter dem Wahnsinn anheimfallen. Nur passiert das hier alles so en passant – wie der Wutausbruch Mendels, der sich gerade noch an den Schuhen seines Sohns festhielt, während ein als Onkel Sam verkleideter Pfleger Tochter Mirjam in die Anstalt abholt. So bleibt nur der ständig auf der Bühne präsente Menuchim als Erzähler übrig. Mit ihm trudelt die Inszenierung ins mit Gott versöhnende und tröstende Ziel und verliert dabei doch alle wirklich existentiellen und spirituellen Fragen des Lebens aus den Augen. Man sieht die Bilder und hört Roths klare, aneinandergereihte Sätze, allein es fehlt der Glaube.

    ***

    Hiob
    nach dem Roman von Joseph Roth
    Fassung von Anne Lenk und Sonja Anders
    Regie: Anne Lenk, Bühne: Halina Kratochwil, Kostüme: Silja Landsberg, Musik: Leo Schmidthals, Video: Clemens Walter, Dramaturgie: Sonja Anders.
    Mit: Bernd Moss, Almut Zilcher, Edgar Eckert, Camill Jammal, Lisa Hrdina, Alexander Khuon.
    Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

    Premiere war am 31.03.2016 am Deutschen Theater Berlin

    Termine: 09. und 24.04. / 03., 14. und 24.05.2016

    Infos: http://www.deutschestheater.de/

    Zuerst erschienen am 03.04.2016 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Fellinis „Schiff der Träume“ – hübsch inszeniert von Jan Gehler am Staatsschauspiel Dresden

    ___

    Federico Fellinis Film Das Schiff der Träume (E la nave va), dieser große poetische Tanz auf dem kurz vor dem Ausbruch stehenden Vulkan Europa, bei dem eine dekadente Gesellschaft aus Künstlern, Verehrern und österreich-ungarischen Aristokraten im Sommer 1914 die Asche einer verstorbenen Operndiva bei einer Fahrt mit dem Luxusliner „Gloria N.“ im Mittelmeer verstreuen will und dabei auf schiffbrüchige Serben trifft, ist seit der aktuellen europäischen Flüchtlingskrise bei den Theaterschaffenden scheinbar wieder auf großes Interesse gestoßen. Erst kürzlich konfrontierte Karin Beier in ihrer recht freien Adaption am Deutschen Schauspielhaus Hamburg die in melancholische Agonie verfallene Schiffsbesatzung mit einer Schar afrikanischer Künstler, die den leckgeschlagenen Dampfer mit Tanz, Rap und coolen Sprüchen wieder auf Vordermann bringen wollte.

    Fellinis Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) Matthias Horn

    Foto (c) Matthias Horn

    Dagegen hält sich Regisseur Jan Gehler bei seiner Bühnenversion am Staatsschauspiel Dresden relativ genau an Fellinis Filmplot und lässt die wichtigsten Figuren gleich zu Beginn nach kurzen Einführung zu einer in Sepia-Licht getauchten, stummfilmreifen Parade vor dem Eisernen Vorhang auftreten. Das Dresdner Ensemble steckt dabei in glanzvollen historischen Kostümen und trällert den titelgebenden Song E la nave va (Ein Schiff fährt vorbei), während die Urne der toten Sopranistin Edmea Tetua feierlich an Bord getragen wird.

    Nachdem sich der Vorhang gehoben hat, sieht man ein in drei Ebenen geteiltes Bühnengerüst mit Oberdeck, Salon und niedrigem Unterdeck, auf dem sich Koch (Kilian Land) und Köchin (Lou Strenger) in gebückter Haltung umherwuselnd um das leibliche Wohl der Passagiere oben bemühen und ein Klavierspieler (Sven Kaiser) für den passend mondänen Soundtrack sorgt. Auch hierbei ist man wie schon bei Fellini ganz der vergangen Kunst des Stummfilms verpflichtet. Als personifizierte Hommage an Charly Chaplin trippelt Kilian Land als Stummfilmkomiker Ricotin, der doch auch als richtiger Schauspieler ernstgenommen werden möchte. Es wird viel und schön gesungen. Dabei kommt es zu einigen recht hübsch nachgestellten bzw. geringfügig variierten Szenen des Films – wie einem Blaskonzert auf Flaschen, dem Hypnotisieren des Kochs durch Gesang, bei dem er wie ein Huhn zu gackern beginnt und natürlich schwebt auch ein Nashorn vorbei.

    Jan Gehler konzentriert sich auf das kunstschaffende Personal des Films wie den eitlen Tenor Aureliano Fuzziletto (Jan Maak), die Mezzosopranistin Ines Ruffo Saltini (Anna-Katharina Muck), den Generalintendanten Reginald Dongby (Thomas Eisen) nebst lasziver Ehefrau Lady Violett (Yohanna Schwertfeger), die auch als Medium zu den Toten fungiert, und die geheimnisvoll verschleierte Wagner-Sopranistin Ildebranda Cuffario in Gestalt von André Kaczmarczyk, der auch den glühenden Opernliebhaber Conte di Bassano spielt. Komplettiert wird die Künstlergilde durch den dicklichen österreichischen Großherzog (Meik von Severen) und seine blinde Schwester Prinzessin Lerinia (Lou Strenger), die ähnlich wie im Film Gesangstöne mit Farben assoziieren kann.

     

    Fellinis Das Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) Matthias Horn
    Fellinis Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden
    Foto (c) Matthias Horn

     

    Neben den bekannten Filmnummern spielen sich zwischen den ProtagonistInnen jede Menge Eitelkeiten, Intrigen und Eifersüchteleien ab. Hat man sich nicht in den Haaren, wird über die wegen Übersetzungsschwierigkeiten missverständliche großherzögliche Allegorie zur internationalen Lage sinniert oder über das Prinzip Hoffnung und die Frage „Was ist denn eigentlich ein Mensch?“ philosophiert. Eine weltfremde, manierierte Blase schwärmt von der Sangeskunst der verblichenen Diva, probt ihr zu Ehren ein Totenoratorium und starrt melancholisch den Mond an.

    Das ist sicher beabsichtigt, um die nötige Fallhöhe zu den aus Seenot geretteten Schiffbrüchigen zu erreichen, allerdings wartet man doch etwas lang auf den Umschwung, der urplötzlich mit Schiffsirene und dem Aufritt einer Gruppe von Kinderdarstellern erfolgt, die sich sofort unter die Passagiere mischen und klammernd Schutz suchen. Ein geschickter Schachzug, der auf Wirkung inszeniert ist, um die sich sofort breitmachenden Ressentiments und Sicherheitsbedenken der honorigen Luxus-Passagiere auch aus heutiger Sicht ad Absurdum zu führen. Die unbedingte Schutzbedürftigkeit von Kriegsflüchtlingen wird so künstlich überhöht deutlich, ohne sich authentisch echter Geflüchteter bedienen zu müssen.

     

    Fellinis Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) Matthias Horn
    Fellinis Schiff der Träume am Staatsschauspiel Dresden
    Foto (c) Matthias Horn

     

    Allerdings grenzt das Ganze selbst oder auch gerade wegen der äußerst kunstvollen Schauspiel- und Sangeskünste etwas an Kitsch; und die inszenatorische und dramaturgische Vereinfachung der Flüchtlinge zum Kinderchor wirkt im Angesicht der aktuell einströmenden medialen Bilderflut doch etwas zu banal. Und man kann sich fragen, was heute schöner oder abstruser erscheint: Auf der Bühne Kunst und Flüchtlingsnot zu verknüpfen oder in der Realität die Flüchtenden gemäß dem Gebot der Menschlichkeit aus Seenot zu retten, nachdem man ihnen vorher die Fluchtwege abgeschnitten hat.

    In Dresden macht man sich darüber weniger Gedanken und lässt, nachdem der samtene Vorhang runtergerissen ist und den Rost des blanken Schiffsgerippes zeigt, die Kyrie eleison (Herr, erbarme dich!) singende Künstlerbagage untergehen. Ein durchaus unterhaltsamer Theaterabend, der sehr schön anzuschauen, aber auch recht folgenlos ist, da ja zumindest die Passagiere der „Gloria N.“ wie auch im Film gerettet werden. E la nave va. Und die Flüchtlingsboote und Luxusliner fahren weiter.

    ***

    DAS SCHIFF DER TRÄUME – E LA NAVE VA (Staatsschauspiel Dresden, 26.03.2016)
    von Federico Fellini
    Regie: Jan Gehler
    Bühne: Sabrina Rox
    Kostüm: Irène Favre de Lucascaz
    Musik: Sven Kaiser
    Licht: Jürgen Borsdorf
    Dramaturgie: Beret Evensen
    Besetzung:
    Sir Reginald Dongby, Generalintendant … Thomas Eisen
    Lady Violet, Sir Reginald Dongbys Frau … Yohanna Schwertfeger
    Ricotin, Stummfilmkomiker / Koch … Kilian Land
    Aureliano Fuciletto, Tenor … Jan Maak
    Ines Ruffo Saltini, Mezzosopranistin … Anna-Katharina Muck
    Ildebranda Cuffari, Sopranistin / Conte di Bassano … André Kaczmarczyk
    Großherzog / Geistlicher … Meik van Severen
    Prinzessin Lerinia, Schwester des Großherzogs / Köchin … Lou Strenger
    Kapitän … Sven Kaiser
    Serbische Flüchtlinge … Hilde Alice Behrens, Darnell Donat, Gloria Gruß, Mathilda Kaufhold, Konrad Neidhardt, Carlotta Panico, Ella Rox, Finn Seidel, Paul Terpe, Arthur Leo Weinhold und Mira Fanny Weinhold
    Premiere im Schauspielhaus war am 19. März 2016
    Weitere Termine: 2., 7., 30. 4. / 3. 5. 2016

    Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

    Zuerst erschienen am 29.03.2016 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Günter Brus. Störungszonen – Eine Retrospektive des österreichischen Aktionskünstlers im Berliner Martin Gropius Bau

    ___

    Günter Brus: Ich treibe nur in Störungszonen, 1985 © Sammlung Helmut Zambo Badenweiler/Wien; Fotograf: Samir Novotny
    Günter Brus: Ich treibe nur in Störungszonen, 1985 © Sammlung Helmut Zambo Badenweiler/Wien; Fotograf: Samir Novotny

    Er ist mit Sicherheit der bekannteste unter den Wiener Aktionisten, aber auch mit Berlin verbindet den österreichischen Künstler Günter Brus Einiges. Der als „Uni-Ferkel“ von Wien Verschriene flüchtete 1969 in den Westteil der Stadt und rührte nun nicht mehr nur in den eigenen Exkrementen, sondern die Schastrommel, das künstlerische Zentralorgan der „Österreichischen Exilregierung“, die bei Oswald Wiener (dem Vater der wohl bekanntesten Wiener Köchin in Berlin) in ihrem Leib- und Magen-Lokal Exil nicht nur Wiener Schnitzel servierten. Nun haben die Berliner Festspiele Günter Brus im Martin Gropius Bau die erste große Einzelausstellung in Deutschland ausgerichtet.

    *

    Auf dem Höhepunkte der österreichischen Studentenbewegung 1968 hatte eine Gruppe von Künstlern um Gunter Brus, Otto Mühl und Oswald Wiener bei der Aktion „Kunst und Revolution“, während sie die Bundeshymne absangen, auf eine ausgebreitete österreichische Nationalflagge uriniert und masturbiert. Das hatte für Brus wegen „Herabwürdigung der österreichischen Staatsymbole“und „Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit“sechs Monate verschärften Arrest zur Folge, von denen er zwei absitzen musste, bevor ihm die Flucht mit Frau und Kind nach Deutschland gelang.

    Heute ist der in der Steiermark geborene Brus mehr oder weniger mit seinem Land ausgesöhnt und hat es über die Jahre von der „Uni-Ferkelei“ bis zum Großen Österreichischen Staatspreis für sein Gesamtwerk geschafft. Dieses vielseitige Gesamtwerk steht nun mit zahlreichen Leihgaben aus Berlin, Wien, Klosterneuburg, Salzburg und Graz, wo dem Künstler ein ganzes Bruseum gewidmet ist, im Mittelpunkt der in einzelne Werkphasen unterteilten Ausstellung Günter Brus. Störungszonen.

     

    Günter Brus: Wiener Spaziergang, 5. Juli 1965 Innenstadt, 1010 Wien © BRUSEUM / Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum; Foto: Ludwig Hoffenreich
    Günter Brus: Wiener Spaziergang, 5. Juli 1965 Innenstadt, 1010 Wien
    © BRUSEUM / Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum;
    Foto: Ludwig Hoffenreich

     

    Ich treibe nur in Störungszonen nannte Brus 1985 eines seiner für ihn typischen mit Farbkreide auf Papier gezeichneten Kopfwesen mit langem, wirbelsäulenartigen Knochengerüst. Hier ist er in der Pose der Körper ganz nah an den dünnen Leibern Egon Schieles, aber auch an den symbolistischen Albtraumwesen des von ihm verehrten Alfred Kubin. Fühlen und Denken, Körper und Geist bilden in Brus‘ Kunst seit jeher eine Einheit. Als „Informel der letzten Stunde“stieg er schließlich aus der Fläche aus und in das Kunstwerk ein. Sein neues Credo heißt: „Mein Körper ist das Ereignis.“Brus erweiterte die klassische Leinwand ins Dreidimensionale und malte sich als Künstler mit seinem Körper als „leibhaftiges Bildnis im Rahmen“mit hinein. „Man muss leben in der Malerei.“So entstanden 1964 die ersten Selbstbemalungen und Aktionen wie Selbstverstrickung in einer aufgeschlitzten Leinwand – oder Ana gemeinsam mit seiner Frau Anna, die in Skizzen und Fotografien zu sehen sind.

    Brus lernte über Otto Mühl den Experimentalfilmer Kurt Kren kennen und ließ sich nun bei seinen Aktionen, die immer extremer wurden und auch vor Selbstverletzungen nicht zurückschreckten, filmen. Kopfüber hängte sich Brus an seine Wohnungstür oder schnitt sich mit Rasierklingen in die Oberschenkel. Die Malutensilien kommen dabei meist direkt aus dem Körper. Man kann diese teilweise tranceartigen Körpererfahrungen in einigen Videofilmen wie Strangulation oder Zerreißprobe gut verfolgen. Aufsehen erregte Brus allerdings dann wieder mit einer eher recht harmlosen Aktion als wandelndes, weiß getünchtes Kunstwerk in der Wiener Innenstadt. Der sogenannte Wiener Spaziergang im Jahr 1965 endet erwartungsgemäß auf dem Polizeirevier.

    Die Werkphase der Aktionen mit ihren radikalen Auseinandersetzungen mit der physischen Existenz und Selbstanalyse beschloss Günter Brus 1970 und widmete sich dann neben der Malerei auch der literarischen Tätigkeit. Nach einem kurzen, interessanten Rückblick auf die Berliner Exil-Zeit und auf Freundschaftsbilder mit ironischen Hommagen an Künstlerkollegen wie Oswald Wiener, Otto Mühl, Rudolf Schwarzkogler, Dieter Roth und Hermann Nitsch beschäftigt sich die Ausstellung im zweiten Teil ziemlich ausführlich mit den sogenannten Bilddichtungen, in denen sich Brus nach eigener Aussage die Sprache vom Leib wegschreiben wollte. Von seinen rund 900 Bild-Text-Zyklen sind in der Berliner Ausstellung zumindest die wichtigsten zu sehen.

     

    Günter Brus: Neuer Schilfgesang, 1983 Kohle, Wachs- u. Ölkreide auf Papier und Leinwand, 158 x 249 cm © Sammlung Essl; Foto: Archiv des Künstlers
    Günter Brus: Neuer Schilfgesang, 1983
    Kohle, Wachs- u. Ölkreide auf Papier und Leinwand, 158 x 249 cm
    © Sammlung Essl; Foto: Archiv des Künstlers

     

    Ein besonderes Schmankerl ist da vor allem der 1970 begonnene Text-Bildband Irrwisch. Die 136 Seiten sind auf einer ganzen Wand Blatt für Blatt zu besichtigen. Die Plastizität der körperlichen Zer- und Verstörungsorgien der 1960er Jahre zieht sich wieder in die zweidimensionale Bildebene zurück. Brus reflektierte mit viel Witz und Selbstironie seine aktionistische Phase, indem er Literatur und bildende Kunst miteinander verbindet. Die Mappe wurde zum Kult in der Berliner Kunstszene und auf der Documenta 5 in Kassel ausgestellt. Der freie Umgang mit Sexualität, sadomasochistische Folterphantasien und Religionskritik zeugen hier immer wieder vom konsequenten Überschreiten gesellschaftlicher Grenzen. In seinen Entwürfen für eine Reihe von Wandbildern für die Villa des Kunstsammlers und Verlegers Francesco Conz im italienischen Asolo malte Brus neun Kardinäle der Unzucht und geißelte so die verlogene Sexualmoral der Katholischen Kirche.

    Aber Günter Brus besitzt auch eine ganz romantische Ader. In die Bild-Texten zu Des Knaben Wunderhorn und Friedrich Hölderlin – Der tragische Prozess in Geschichte und Deutung lässt er seine poetisch-träumerischen Anteile fließen. Zu Franz Schrekers Oper Die Gezeichneten entsteht eine 64seitige Bild-Dichtung, die das Libretto in eine symbolische, farbintensive Bildsprache übersetzt. Vorbilder sind hier die romantischen Maler Johann Heinrich Füssli, Carl Frederik Hill und immer wieder der Symbolist Alfred Kubin. Später kommen noch Franzisco de Goya und William Blake hinzu. In der 11teiligen großformatigen Serie Das Inquisit von 1997 rückt sich Brus selbst in die Nähe Goyas. Seine Hommage an den großen, düsteren Zeichner von Himmel und Hölle William Blake, die 162seitige Bild-Dichtung Brus’s and Blake’s Job von 2007/08 beschließt die Schau im letzten Raum.

    Eine gelungene Retrospektive des Gattungs- und Disziplingrenzen sprengenden Aktionisten, Zeichners, Malers, Bilddichters und selbsternannten Titelfetischisten, dessen Einfallsreichtum allein schon in den selbstgestalteten Plakaten zu seinen zahllosen Ausstellungen zum Ausdruck kommt. Die Berliner Ausstellung umfasst bei weitem nicht alle Facetten des Multitalents Günter Brus, im Martin Gropius Bau ist aber zumindest ein sehr interessanter Bruchteil davon spannungsreich aufgefächert.

    ***

    Günter Brus. Störungszonen
    12. März bis 6. Juni 2016
    im Martin-Gropius-Bau Berlin

    Weitere Infos siehe auch: http://www.gropiusbau.de

    Zuerst erschienen am 24.03.2016 auf Kultura-Extra.

    __________

  • „Erobert euer Grab!“ – Die Berliner Volksbühne veranstaltet eine Schwarze Serie über Ostern

    ___

    Sterbehochamt – Krieg von Ragnar Kjartansson mit einer Komposition von Kjartan Sveinsson

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    Mit dem Aufruf „Erobert euer Grab“ hat die Volksbühne kurz vor Ostern eine „Schwarze Serie“ genannte Reihe von Kurz- und mittellangen Produktionen im Theatersaal und auf der Hinterbühne ins Leben gerufen. Eine theatrale Befragung über Gott und die Welt, zum Dilemma von Leben- und Sterbenmüssen und dem Sinn und Unsinn der Unsterblichkeit. Sieben Premieren in sieben Wochen im vom verstorbenen Bühnenbildner Bert Neumann schwarz gestalteten Inneren der Volksbühne.

    *

    Die theatralen Karwochen eröffneten dann standesgemäß mit einem düsteren, fast schon sakralen Stück des isländischen Installations- und Performance-Künstlers Ragnar Kjartansson. Krieg ist nach Der Klang der Offenbarung des Göttlichen seine zweite Theaterarbeit für die Volksbühne mit Musik des isländischen Komponisten Kjartan Sveinsson. Der Ex-Keyboarder der Postrocker Sigur Rós hat sich nach seinem Ausstieg aus der Band musikalischen Soloprojekten gewidmet, die stark sakrale Züge tragen, wie etwa das 2010 in New York uraufgeführte Orchesterwerk Credo. Und so ist Krieg nicht etwa wie angekündigt wirklich eine Oper, sondern eher ein Requiem für einen sterbenden Soldaten.

    (c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

     

    Recht dramatisch sieht es in jedem Fall aus, was der Volksbühnenmime Maximilian Brauer da ungefähr eine geschlagene Stunde lang treiben muss. Laut stöhnend sich den Bauch haltend robbt und stolpert der in verdreckter preußischer Gardeuniform Steckende durch ein Art Bühnen-Diorama aus dem Siebenjährigen Krieg vor einem mit Bergen und glutrotem Himmel bemaltem Rundhorizont. Ragnar Kjartansson hat ein dreidimensionales Schlachtengemälde mit glimmenden Lagerfeuern, Zaunresten, Baumstümpfen und herumliegenden Soldatenleichen auf die Hinterbühne gestellt, vor der das Publikum andächtig einem pathetischen Sterbehochamt beiwohnt.

    Maximilian Brauer performt von der Musik begleitet einen physischen Gewaltakt, bei dem er sich blutspuckend immer wieder entweder an einem Gatter, seinem Säbel, oder einem Vorderladergewehr mit aufgepflanztem Bajonett hochzieht und wieder zusammensackt. Blick und Arme gehen hin und wieder nach oben. Doch der Himmel ist bekanntlich leer und das Verrecken fürs Vaterland ein ziemlich unheroischer und dreckiger Job. Trotz recht plastischer Darstellung bleibt diese Performance in ihren Mitteln leider relativ eindimensional. Sterben als reine Kunstanstrengung.

     

    Foto Schaukasten Volksbühne - St. B.
    Foto Schaukasten Volksbühne – St. B.

     

    Und das ist das zweite Minus des Abends, der sich anmaßt, etwas über das Sterben zu wissen, das über eine bloße Theatralik hinausgeht. Ein Kinderspiel aufgeblasen zu einem multimedialen Bühnenereignis im Hollywood-Breitbildformat. Wenn das nur ansatzweise karikiert würde. Aber die vereinzelten Lacher im Publikum gelten eher der unfreiwilligen Komik des sich hinziehenden Sterbeaktes, dem dann ein Kartätschenschlag doch noch ein jähes Ende setzt. Zum Beifall erhebt sich der leidvoll gestorbene Akteur dann nicht mehr. Tot ist tot, würde Heiner Müller sagen.

    ***

    Krieg
    Oper in einem Akt. Von Ragnar Kjartansson mit einer Komposition von Kjartan Sveinsson. Eingespielt vom Deutschen Filmorchester Babelsberg
    Regie & Bühne: Ragnar Kjartansson
    Komposition: Kjartan Sveinsson
    Aufnahme: Deutsches Filmorchester Babelsberg
    Kostüme: Tabea Braun
    Maler: Christoph Fischer, Anton Hägebarth, Camilla Hägebarth, Ragnar Kjartansson, Julia Krawczynski, Anda Skrejane
    Licht: Johannes Zotz
    Mitarbeit Bühne: Axel Hallkell Jóhannesson, Jana Wassong
    Ton: Jörg Wilkendorf
    Dramaturgie: Henning Nass
    Mit: Maximilian Brauer
    Uraufführung am 11.03.2016 auf der Hinterbühne der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

    Termine: 08. und 17.04.2016

    _

    ***

    Castorf-Jünger auf Sommerfrische – Silvia Rieger inszeniert die SOMMERGÄSTE von Maxim Gorki

    Viel rumgelegen wird in Silvia Riegers Inszenierung des 1904 uraufgeführten Dramas Sommergäste von Maxim Gorki. Die für ihre recht kühlen und eher formal strengen Regiearbeiten bekannte Volksbühnenschauspielerin hat mit Studierenden der Schauspielschule Ernst Busch eine relativ freie und ziemlich abgefahrene Version des vorrevolutionären russischen Konversationsstücks auf den Asphaltbeton der Volksbühne geknallt. Wer noch die Birken von Peter Stein oder den abgeranzten Charme von Alvis Hermanis‘ Gartenvilla in der Schaubühne im Kopf hat, muss sich hier allerdings schnell von der Vorstellung eines konventionell gespielten, melancholisch schönen Theaterabends verabschieden. Nur eine Plastikblume, ein großer Pappmache-Pilz und ein von Frank Büttner und Martin Otting im Blaumann hereingeschleppter weißer Baumstamm zeugen noch von ländlicher Restatmosphäre. Ein düsterer Sommernachtsalbtraum auf kahlem Asphalt.

    (c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

     

    Wirklich heller wird es auch nach einer längeren Bach-Ouvertüre nicht. Dafür brüllt und kreischt es dann umso lauter, leider meist auch etwas unverständlich aus dem Dämmerlicht, wo die DarstellerInnen in einzelnen Gruppen oder ineinander verknäult Gorkis Text bröckchenweise von sich geben. Es wird viel gesoffen, mal berlinert, mal gesächselt, unterm Pilz philosophiert und viel auf hohen Hacken rumgerannt. Dazu gibt es noch einen Lampionumzug und ein Picknick auf rotem Tuch. Das hatte sich bereits zuvor, vom Rang heruntergelassen, Theresa Riess als schrille Dichterin Kaleria um den Kopf gewickelt und als russische Sphinx finster prophezeiend das 1918 verfasste Gedicht Die Skythen von Alexander Blok rezitiert. Der gierige Asiat schaut auf den finster brütenden Germanen. Nun ja, ein bisschen weltgeschichtlicher Fremdtext darf es an der Volksbühne ja immer sein.

     

    Sommergäste_Volksbühne_Schaukasten_antik-sepia
    Foto Schaukasten Volksbühne – St. B.

     

    So wie dem Rad schlagenden Literaten Schalimow (Benjamin Kühni) seine Leser abhandengekommen sind, verliert das Publikum hin und wieder mal den Faden. Genauere Figurenzuordnungen erschließen sich nur für Kenner des Textes, was hier aber nicht weiter ins Gewicht fällt. Die schlaffe, russische Intelligenzija-Meute auf Sommerfrische unterscheidet sich eh kaum voneinander. Sie sind wie Blasen auf den Pfützen, kommen hoch und platzen – weiß Martin Otting, Berlins meistbeschäftigter Nebendarsteller. Er und Frank Büttner vom Volksbühnenensemble geben das Wächterpaar, das wie Waldorf und Statler aus der Muppet Show vom Rang aus das Treiben unten auf dem Asphalt zynisch kommentiert und zum Schluss die verstreuten Picknickreste wieder einsammeln darf. Büttner gibt retrospektiv den Castorf inklusive Wutausbruch und Mäusehirn.

    Wie soll ich denn nur leben? Auf die große Frage des Stücks scheint es nach wie vor keine passende Antwort zu geben. Dafür wird dem Gorki gehörig der Tschechow ausgetrieben. Die Inszenierung zerfällt dabei aber zusehends in kleine, teils auch mal ganz amüsante Nümmerchen wie etwa einem Ausflug ins Pulp Fiction Trashfach. Kim Schnitzer zückt als Julia Filipowna den Revolver, ballert das Magazin leer und brüllt dann: „Pfoten hoch“. Darin lässt sie sich auch nicht von den beiden Clowns aus der Loge beirren, die von fehlender Form und Inhalt reden. Die Jugend hat halt ihren eigenen Kopf. Der Leere von Gorkis Figuren, die sich wie Scheintote auf Urlaub durchs Stück palavern, kann die Regie mit diesem bunten Kostüm-Karneval allerdings nicht allzu viel hinzufügen.

    ***

    Sommergäste
    nach Maxim Gorki
    Regie: Silvia Rieger
    In der Bühne von: Bert Neumann
    Kostüme: Laurent Pellissier
    Licht: Torsten König
    Einrichtung Musik und Ton: Wolfgang Urzendowsky
    Dramaturgie: Sabine Zielke
    Mit: Frank Büttner, Maximilian Hildebrandt, Daniel Klausner, Benjamin Kühni, Martin Otting, Marie Louise Rathscheck, Theresa Riess, Celina Rongen, Kim Schnitzer, Janet Stornowski, Ulvi Erkin Teke, Léa Wegmann und Felix Witzlau
    Eine Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin
    Premiere war am 15.03.2016 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

    Termine: 10., 16., 23.04.2016

    Infos Schwarze Serie: http://www.volksbuehne-berlin.de/deutsch/spielplan/?reihe=77

    Zuerst erschienen am 22.03. und 23.03.2016 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Drei sind wir – Das neue Stück von Wolfram Höll wird in der Diskothek des Schauspiels Leipzigs nach allen Regeln der Regiekunst von Thirzas Bruncken verhackstückt

    ___

    Der junge Dramatiker Wolfram Höll hat erst drei Theaterstücke geschrieben und ist bereits zum zweiten Mal für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Eine Erfolgsgeschichte, die unmittelbar mit dem Schauspiel Leipzig verbunden ist. Hier haben seit dem Beginn der Intendanz Lübbe einige hoffnungsvolle Talente wie (neben Höll) etwa der Österreicher Ferdinand Schmalz ihre Karriere begonnen. Das Format, junge Dramatik in der Nebenspielstätte Diskothek zu fördern, trägt also erste Früchte. Mit dem neuen Stück von Wolfram Höll wollte man anscheinend auf Nummer sicher gehen und hat die Uraufführung von Drei sind wir nicht einem jungen Regietalent übertragen, sondern in die Hände der mit ungewöhnlichen und sperrigen Texten erfahrenen Regisseurin Thirza Bruncken gelegt. Allerdings hätte man wissen können, dass die als ziemlich kompromisslos bekannte Regisseurin auch nicht gerade zimperlich mit Stücktexten umzugehen pflegt. Nun, der Erfolg scheint dem Schauspiel Leipzig nachträglich Recht zu geben. Dennoch gibt es durchaus einiges an der von Thirza Bruncken vorgelegten Regiearbeit zu kritisieren.

    Drei sind wir am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rolf Arnold
    Drei sind wir am Schauspiel Leipzig       Foto (c) Rolf Arnold

    Jungautor Höll baut seine lyrischen Textgebilde gern um eine Leerstelle. Waren es in seinen ersten Dramen das Verschwinden der Mutter (Und dann) oder des Vaters (Vom Verschwinden vom Vater), ist es nun ein Kind, das mit dem menschlichen Makel eines sehr selten Trisomie-Chromosomendefekts geboren wird. Den Eltern bleibt wenig Zeit und Hoffnung für ein Leben mit ihrem Kind. Trotzdem wandern sie zu dritt nach Kanada aus. Innerhalb eines Jahres wächst und entwickelt sich das Kind, bis es langsam wieder verschwindet und stirbt. Dazwischen kommen die beiden Großelternpaare, der Onkel des Kindes und die Urgroßmutter zu Besuch, um das Kind zu sehen. Aber Bedrückung, Hilflosigkeit und Unfähigkeit mit der Krankheit umzugehen, sind allgegenwärtig. An echte Normalität ist nicht zu denken. Dazu klingen ganz wie nebenbei unverarbeitete Familienprobleme an.

    Entlang der vier Jahreszeiten hangelt sich der Text an metaphorischen Naturbeschreibungen entlang wie etwa dem Angeln oder dem Herstellen von Akaziensirup im Vergleich zum Zustand des Kindes. Ohne direkte Rollenzuschreibungen ist das wie immer bei Höll ein nicht gerade für die konventionelle Bühnenpräsentation prädestinierter Text. Ähnlich wie schon Claudia Bauer Hölls Erstling Und dann als Sprech-Musik-Stück inszenierte, in dem die Figuren wie in einem verschwommenen Kindertraum unter riesigen Pappmache-Köpfen kaum auszumachen waren, versucht es Thirza Bruncken mit einer Art Bewegungschoreografie, die aus den vier DarstellerInnen (Julius Bornmann, Anna Keil, Bettina Schmidt und Sebastian Tessenow), die sich den Text teilen, steife, aufziehbare Gelenkpuppen macht. Dazu stehen sie in einem klaustrophobischen Guckkastenraum mit nur einer Tür und einem Spiegel und werden durch andauernde Störgeräusche, Musikeinspielungen und Lichtwechsel gesteuert.

     

    Drei sind wir am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rolf Arnold
    Drei sind wir am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

     

    Das Dargestellte entspringt aber eher einer vollkommen assoziativen Regieführung, die fast komplett am Stücktext vorbeiinszeniert. Sicher lässt sich der Takt des Textes gut in Musikalität und Bewegung übersetzen, kein Problem. Mit teilweise recht willkürlichen Zusammenzucken, Stammeln und Stampfen wird der Text dann aber doch ziemlich zerstückt und zertreten. Die SchauspielerInnen tragen dazu gutbürgerliche Kleidung der 1960er und 70er Jahre und singen wie bei einer steifen Karaoke-Veranstaltung Hits der 1970er und 80er wie Blondies „Heart of Glass oder Queens“ I „Want to Break Free“. Befreien wird sich aus dieser ausweglosen Situation niemand. Die Tür klemmt oder geht nur einen Spalt auf. In einer Art tänzelnden Chorus-Line stellen sich die vier auch mal zu einem Balkanbeat an die Rampe. Wie in einem Schneesturm werden alle an die Wände gedrückt oder brechen immer wieder zusammen. In französischem Gestammel werden die Nachbarn karikiert.

    Dass die Regisseurin eine Affinität zum Film (Darstellerin in frühen Filmen von Christoph Schlingensief) hat, beweist eine melodramatische Szene zwischen den beiden Frauen zu filmreifer klassischer Orchestermusik. Das Licht flackert wirr, und zerplatzende Glühlampen oder kaputte Leuchtstoffröhren zerreißen akustisch die Szenen. Was das Ganze mit dem Stück zu tun hat, erschließt sich allerdings nie so richtig. Man gibt bei der Macht der Bilder auch irgendwann unweigerlich auf, dem Text zu folgen, der auch teilweise relativ unverständlich rübergebracht wird.

    Am Ende, wenn das Paar nach einer kurzen Flucht in die Natur mit dem Kind an Schläuchen im Krankenhaus landet und das Leben langsam aus dem kleinen Körper entweicht und er verschwindet, schwenkt die Regie ganz auf Bebilderung um. Ein Negativvideo einer Inuitfrau mit Kind und Hundeschlitten wird auf die Wände projiziert, während die SchauspielerInnen in Pelzen wühlen. Sicher versucht sich Thirza Bruncken rein assoziativ den schwierigen Sprachbilder von Wolfram Höll, anzunähern, die sich immer wieder selbst zerlegen und neu zusammensetzen, den Wortsinn variieren, bis er sich verkehrt. Für eine Uraufführungsinszenierung wird von der Regie allerdings schon arg übers Ziel hinausgeschossen. Da kann man für Mülheim nur viel Glück in wünschen.

    ***

    Drei sind wir (12.03.2016)
    Von Wolfram Höll
    Regie: Thirza Bruncken
    Bühne & Kostüme: Christoph Ernst
    Choreographische Einstudierung: Sebastian Tessenow, Martin Opitz
    Musikalische Einstudierung: Francesco Greco
    Dramaturgie: Torsten Buß, Christin Ihle
    Mit: Julius Bornmann, Anna Keil, Bettina Schmidt und Sebastian Tessenow
    Premiere war am 20. Februar 2016 in der Diskothek des Schauspiels Leipzig
    Spieldauer ca. 1:20, keine Pause

    Termine: 03. und 28.04.2016

    Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

    Zuerst erschienen am 14.03.2016 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Am Maxim Gorki Theater inszeniert Yael Ronen eine Bühnenadaption des jiddischen Flüchtlingsromans Feinde, die Geschichte einer Liebe von Isaac B. Singer

    ___

    Der 1935 in die USA emigrierte jüdische Schriftsteller Isaac B. Singer, erster Nobelpreisträger für Literatur, der in jiddischer Sprache schrieb, beschreibt in seinem Roman Feinde – die Geschichte einer Liebe das Leben von vier Personen nach dem Zweiten Weltkrieg in New York, deren Erlebnisse während des Holocaust sie auf immer schicksalhaft miteinander verkettet haben. Yael Ronen, die junge jüdische Hausregisseurin am Maxim Gorki Theater, sonst eher bekannt für ihre politischen Recherchestücke, hat diesen Flüchtlingsroman nun für die Bühne adaptiert.

    Foto (c) Esra Rotthoff
    Foto (c) Esra Rotthoff

    „Der Jude hat nie verächtlich auf den Fahnenflüchtigen herabgeblickt, der sich in einem Keller oder dem Dachboden verkroch, während draußen in den Straßen Armeen aufeinanderprallten.“ heißt es in Singers Roman. Herman Broder, ein Shoa-Überlebender aus Polen, hat dieses Prinzip verinnerlicht. Im Gegensatz zu seiner Familie hat es ihm das Leben gerettet, aber auch einen großen, lebenslangen Schuldkomplex eingetragen. Von Yadwiga, der polnischen Dienstmagd seiner Eltern drei Jahre lang auf dem Dachboden versteckt, versucht Herman sich auch nach dem Krieg in New York vor dem wirklichen Leben zu verstecken. In Yael Ronens Inszenierung kriecht Aleksandar Radenkovic als Herman Broder zu Beginn aus einer Luke am Boden und flüchtet sich während der zweistündigen Aufführung öfter auf eine hohe Metallbrücke über dem Bühnenportal.

    Herman steht zudem zwischen drei Frauen. Yadwiga (Orit Nahmias), die er aus Dankbarkeit geheiratet hat, ist ein etwas einfach gestricktes Bauernmädchen, das weder lesen noch schreiben kann und ihm bedingungslos ergeben ist. Abwechslung sucht Herman bei Mascha (Lea Draeger), einer genauso hoch erotischen wie neurotischen Frau, die er in einem jüdischen Auffanglager kennen gelernt hat. Mit ihr hat er schnellen Sex auf dem Küchentisch, wird aber auch von ihren ständigen Eifersuchtsattacken geplagt. Ganz verzwickt wird die Lage, als seine totgeglaubte Ehefrau Tamara (Çizdem Tekes) plötzlich wie ein Geist oder jüdischer Dibbuk in New York auftaucht. Auch von ihr kann sich Herman wegen ihrer beider Vergangenheit nicht trennen. Er wird zum Trigamist wider Willen, ein albtraumgeplagter Wandler zwischen dem Hier und jetzt der New Yorker Gegenwart und den Schatten der Vergangenheit.

    Dazu kommt, dass alle Figuren mehr oder weniger durch ihre Erlebnisse während des Krieges traumatisiert und lebensunfähig sind. All das setzt Yael Ronen nun ganz geschickt um, in dem alle vier Figuren auf verschiedenen Podestebenen auf der Bühne immer gleichzeitig anwesend sind und Herman, verfolgt von per Video eingeblendeten Schatten und Negativaufnahmen, zwischen den Frauen ständig hin und her hetzen muss. Singer hat Herman noch einen identitäts- und namenlosen Job als Ghostwriter für den New Yorker Rabbi Milton Lambert gegeben, den er als Vorwand nutzt, um sich immer wieder für Stunden oder Tage zu Mascha oder Tamara zu flüchten. Ständig klingelt ein Telefon wie eine Lagersirene und schreckt Herman aus seinem aus Ausflüchten und Lügen zusammengehaltenen Lebensgebilde.

    In seiner Dankesrede zum Nobelpreis sagte Isaac B. Singer: „Gespenster lieben Jiddisch, und soviel ich weiß, sprechen sie es auch.“ Die Figuren seines Romans sind solche Gespenster, die ihre unbewältigten Traumata mit sich schleppen, unfähig sich in die neue Zeit des Friedens und der Freiheit zu integrieren. So tagträumt Herman z.B. von Nazis in Brooklyn. Yael Ronen hat diese epischen, teilweise sehr poetischen Passagen gestrichen sowie einige Nebenstränge gekappt und ihre Inszenierung ganz auf das schwierige Liebes- und Gefühlschaos der vier Hauptpersonen fokussiert. Eine recht konventionelle Regieführung, die sich an Konversationsstücken des New Yorker Broadway orientiert, aber auch slapstickhafte oder melodramatische Elemente mit einer Prise jüdischen Humors kombiniert. Dafür zieht Ronen eine neue, musikalische Ebene ein. Daniel Kahn performt mit seiner Klezmerband Tragikomisches aus jüdischer Tradition und Moderne. Er fungiert dabei als singender Erzähler und Witze reißender Rabbi Lambert.

    Zentral für das Spiel auf der Bühne sind aber vor allem die unterschiedlichen Charaktere der drei Frauen. Yadwiga entwickelt sich langsam aus ihrer devoten Rolle und findet während ihrer Schwangerschaft in der Konversion zum jüdischen Glauben einen neuen Halt, den Herman längst verloren hat. Mascha und ihre Mutter Shifrah Puah (Ruth Reinecke) haben Schreckliches erlebt, was sie zu verdrängen suchen, sich aber immer mal wieder in ihren emotionalen Ausbrüchen äußert. Der scheinbare Ruhepol in der Konstellation ist Tamara, die bei allem einen kühlen Kopf bewahrt. Ihre Gefühlskälte und Ablehnung gegenüber Herman ist dabei natürlich auch Ausdruck des Erlebten.

    Dabei sind gerade Familie und Kinder das Schmiermittel der Gesellschaft und des Weiterlebens. Eine Normalität, die den Protagonisten abhandengekommen ist und um die sie verzweifelt ringen. Sie ist im Video ständig anwesend, wie auch die vielen Toten des Holocaust. Das verdeutlicht die Inszenierung von Yael Ronen, die zum einen natürlich unterhalten will, aber auch das Gedenken wachhält mit einem kleinen Blick in Gegenwart und Zukunft. Die ungeliebten Flüchtlinge damals wie heute sind der Gesellschaft mit ihren Problemen unangenehm, da sie ein Verdrängen der Geschichte unmöglich machen. Ein Lichtblick des Abends ist da nach dem Verschwinden Hermans das Schlussbild der übriggebliebenen rein weiblichen Zweckgemeinschaft mit Kind.

    ***

    FEINDE, die Geschichte einer Liebe | ENEMIES, a love story
    von Isaac Bashevis Singer
    Premiere am 11.3. im Maxim Gorki Theater
    Regie: Yael Ronen
    Bühne Heike Schuppelius
    Kostüme Amit Epstein
    Musik Daniel Kahn
    Video Hanna Slak
    Dramaturgie Necati Öziri
    Besetzung: Lea Draeger, Daniel Kahn, Orit Nahmias, Aleksandar Radenkovic, Ruth Reinecke, Çiğdem Teke, Christian Dawid / Daniel Kahn / Hampus Melin
    Premiere war am 11.03.2016 am Maxim Gorki Theater
    Dauer: 120 Minuten, keine Pause

    Termine: 15.03., 04. und 07.04.2016

    Infos: http://www.gorki.de

    Zuerst erschienen am 13.03.2016 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Zweimal nachdenklich Stimmendes am Kudamm-Boulevard – „Geächtet – Disgraced“ von Ayad Akhtar und „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams

    ___

    Ivan Vrgoč bringt mit dem preisgekrönten Konversationsstück Geächtet – Disgraced von Ayad Akhtar eher Nachdenkliches auf die Boulevardbühne am Berliner Kudamm

    Geächtet_Plakat_santinis productionNach Rumors – Gerüchte…Gerüchte und Eine Familie – August: Osage County ist Geächtet – Disgraced von Ayad Akhtar der dritte Streich der unabhängigen Theaterproduktionsfirma santinis im Theater am Kurfürstendamm. Geächtet wird als „Stück der Stunde“ gehandelt und in diesem Jahr noch in mehreren deutschen Theatern zu sehen sein. Den Anfang machte vor zwei Wochen das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Das 2012 in Chicago uraufgeführte Boulevardstück hat in Folge auch kontroverse Diskussionen am New Yorker Broadway ausgelöst und wurde 2013 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Nun hat es Ivan Vrgoč, Schauspieler und Mitbegründer von santinis production, den großen, öffentlich subventionierten Theatern der Hauptstadt weggeschnappt und nach anfänglichen Schwierigkeiten selbst inszeniert. Nicht nur einer der geplanten Stars (Cosma Shiva Hagen) wurde ausgetauscht, auch der ursprüngliche Regisseur musste wegen künstlerischen Differenzen vorzeitig gehen. Nicht die allerbesten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Premiere und klingende Kassen.

    Dennoch braucht sich die Inszenierung nicht zu verstecken, wenn auch die Ankündigung, Geächtet stünde in der Tradition großer Theaterschlachten wie Wer hat Angst vor Virginia Woolf etwas zu hoch gegriffen scheint. Man tut sich damit nicht unbedingt einen Gefallen. Auch mit dem Prädikat „Stück der Stunde“ liegt man nur insoweit richtig, als dass mit dem Bürgerkrieg in Syrien und den permanent steigenden Flüchtlingszahlen der Islam im Westen als Religion wieder in aller Munde ist. Es geht, und das nicht erst seit heute, um religiöse Tradition, Integration oder Assimilation, alltäglichen Rassismus und Vorurteile gegenüber anders Aussehenden aus Angst vor dem Terrorismus.

    Zumindest zeigt Geächtet im Verlauf einer Dinner Party zweier Paare sehr anschaulich – und das hat es wiederum z.B. mit dem Gott des Gemetzels von Yasmina Reza gemein – wie dünn der Firnis der ach so aufgeklärten und offenen Gesellschaft ist, und dass auch in der sich sonst so politisch korrekt gebenden US-amerikanischen Upper Class das gute alte Ressentiment quer durch alle religiösen und politischen Bekenntnisse nicht vollends ausgestorben ist. Man spricht hier selbst einmal von Lippenbekenntnissen, als es um die allgemeine Behauptung geht, wirklich tolerant gegenüber anderen Religionen zu sein.

     

    Geächtet - Disgraced von Ayad Akhtar im Berliner Theater am Kurfürstendamm - Foto (c) Katarina Ivanisovic
    Geächtet – Disgraced von Ayad Akhtar im Berliner Theater am Kurfürstendamm – Foto (c) Katarina Ivanisovic

     

    Solch angebliches Musterbeispiel von Toleranz und gelungener Integration stellt das Upper-East-Side-Paar Evelyn (Katja Sallay) und Amir (Mehdi Moinzadeh) dar. Er, als in den USA geborener Muslim mit pakistanischen Wurzeln, hat dem Islam abgeschworen, sich eine indische Identität und den Nachnamen Kapoor zugelegt. Sie ist als Malerin von der orientalischen Kunst fasziniert und meint sogar, dass der Islam zu unserem Wesen gehört. Das sorgt nicht nur in der Beziehung für Spannungen, sondern wirkt sich auch bis ins Berufliche aus. Amir ist erfolgreicher Wirtschaftsanwalt in einer Kanzlei mit jüdischen Partnern und schreckt davor zurück, auf Bitten seines Neffen Abe (Rauand Taleb) einen Imam unter Terrorverdacht zu unterstützen. Als er es seiner Frau zu Liebe dennoch tut, bekommt er wegen eines Zeitungsartikels und seiner vorgetäuschten Identität Probleme in der Kanzlei.

    Abe meint zwar, dass es erlaubt ist, seine Religion zu verleugnen, beginnt sich aber enttäuscht von der ablehnenden Haltung seines Onkels und den zunehmenden Verdächtigungen gegenüber Bürgern muslimischer Herkunft zu radikalisieren. Dieser Exkurs in die Familiengeschichte Amirs, der das eigentliche Zentrum der Handlung, die eskalierende Dinner Party, wie ein Rahmen umspannt, ist durchaus wichtig, lenkt den Fokus des Stücks aber etwas zu sehr auf Amir selbst. Das Gästepaar, Amirs afroamerikanische Kollegin Jory (Dela Dabulamanzi), die ihm letztendlich von den Partnern der Kanzlei vorgezogen wird, und ihr Mann, der jüdische Gallerist Isaac (Gunther Gillian), bleibt hier in Figurenzeichnung und Darstellung etwas zu eindimensional.

     

    Geächtet - Disgraced von Ayad Akhtar im Berliner Theater am Kurfürstendamm - Foto (c) Katarina Ivanisovic
    Geächtet – Disgraced von Ayad Akhtar im Berliner Theater am Kurfürstendamm – Foto (c) Katarina Ivanisovic

     

    Der recht ironiefreie Abend kulminiert, noch bevor es zum mitgebrachten Nachtisch kommt, in die vorhersehbare Katastrophe. Nach anfänglichem Smalltalk beim Scotch kommt man schnell zu Themen wie dem Patriot Act und racial profiling, beim Salat geht es dann schon mit explizit israelkritischen Äußerungen und dem N-Wort zur Sache. Dabei gerät der eher islamkritische Amir, der seine Religion eigentlich für sehr rückschrittlich hält, immer mehr in die Defensive, aus der er sich nur mit der fragwürdigen Äußerung, der 11. September habe ihn mit einen Hauch von Stolz erfüllt, zu befreien glaubt. Da hört allerdings die Toleranz der anderen auf und beginnt der Abstieg für Amir.

    Regisseur Ivan Vrgoč lässt die vier Diskutierenden immer wieder aufgeregt auf der schrägen, spitz nach oben zulaufenden Bühne hin und her laufen und auch mal bedeutungsvoll ins Publikum blicken. Eine wirklich spannende Konversation entwickelt sich so aber nur bedingt. Es sind eher die stillen Momente im Vorfeld und im Nachwirken des für Amir zerstörerischen Abends, der auch noch die Entdeckung einer Affäre zwischen Evelyn und Isaac bereithält, die einem zum Nachdenken bringt. Amir bleibt ein Sklave seiner Abstammung, auch wenn ihn Evelyn nach dem Velasquez-Portrait des Mauren Juan de Pareja in stolzer Haltung malt. Sehr passend dazu auch der immer wieder zwischen den Szenen eingespielte Beatles-Song „A Day in the Life“ über das plötzliche Ende eines Aufsteigers. Insgesamt nicht gerade ein Wohlfühlabend für das sicher Seichteres gewohnte Kudamm-Publikum. Trotzdem sollte man sich das Stück ruhig ansehen.

    ***

    Geächtet – Disgraced
    von Ayad Akhtar
    Deutsch von Barbara Christ
    eine santinis production
    Regie: Ivan Vrgoč
    Bühne: Paul Lerchbaumer
    Kostüme: Neit Pazos
    Dramaturgie: Patrick Wildermann
    Mit: Katja Sallay, Mehdi Moinzadeh, Dela Dabulamanzi, Gunther Gillian und Rauand Taleb
    Premiere war am 28. Januar 2016 im Theater am Kurfürstendamm
    Spieldauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten

    Termine: 13., 16.03.-20.03. / 23.03.-27.03.2016

    Infos: http://www.komoedie-berlin.de

    Zuerst erschienen am 30.01.2016 auf Kultura-Extra.

    *

    ___

    Katharina Thalbach inszeniert Die Glasmenagerie von Tennessee Williams ungewohnt melancholisch und stimmungsvoll stimmig in der Komödie am Kurfürstendamm

    Die Glasmenagerie in der Komödie am Kufürstendamm | Foto (C) Barbara Braun
    Die Glasmenagerie in der Komödie am Kufürstendamm
    Foto (C) Barbara Braun

    Der US-amerikanische Schriftsteller und Dramatiker Tennessee Williams gehört neben William Faulkner, Flannery O’Connor, Harper Lee oder Truman Capote zu den Hauptvertretern des sogenannten Southern Gothic. In seinen Südstaatendramen wie Die Katze auf dem heißen Blechdach, Orpheus steigt herab oder Endstation Sehnsucht beschreibt er den Niedergang der dekadenten, gutbürgerlichen Südstaatengesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei nahm Williams in seinen Dramen meist direkt Bezug zur eigenen Familiengeschichte. So auch in dem 1944 in Chicago uraufgeführten Stück Die Glasmenagerie, mit dem er erstmals bekannt wurde.

    Wie das weitaus häufiger gespielten Stück Endstation Sehnsucht ist auch Die Glasmenagerie eine hochpsychologische Familienstudie mit starkem Symbolcharakter, wenn auch den Dialogen noch etwas die spätere Schärfe fehlt. Eine spezielle Besonderheit des Dramas ist aber die Einbindung einer epischen Erzählebene, in der die Hauptperson Tom Wingfield das Geschehen auf der Bühne immer wieder im Rückblick kommentiert und dazu noch in die große Weltgeschichte einordnet. Während im St. Louis der 1930er Jahre eine in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie mit Mutter, Tochter, Sohn zerfällt, gibt es in Europa bereits die ersten Anzeichen für den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg.

    Und so steht Leonard Scheicher als Tom Wingfield in Seemannsjacke auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm und berichtet zu coolen Schlagzeugbeats von Live-Musiker Emanuel Hauptmann von den Bomben des Spanischen Bürgerkriegs. Während Amerikas Jugend sich zu Jazzklängen amüsiert und in Hollywood-Kinofilmen von Abenteuern auf fernen Kontinenten träumt, schießt sich Hitler-Deutschland in Spanien bereits auf Kommendes ein. Auch Tom Wingfield war einst so ein Sehnsuchtsräumer. Mit flinker Hand führt er uns ein paar Zaubertricks vor und erzählt mit dem Wissen von heute eine Geschichte aus seiner Erinnerung. Und in der erscheint alles immer in der Begleitung von Musik. Melancholisch spielt das Grammofon alte Blues- und Jazz-Titel.

    Und so ist auch der Ton der Inszenierung von Katharina Thalbach, die sonst eher für deftigen Komödien-Klamauk á la Wie es euch gefällt bekannt ist, in weiten Teilen ein ganz zart-melancholisch weichgezeichneter. Bühnenbildner Ezio Toffolutti hat der Regisseurin dafür ein paar drehbare mit weißen Vorhängen luzid abgetrennte Räume geschaffen und mit ein paar alten Möbeln ausstaffiert. Hier strahlt alles Gemütlichkeit, aber auch etwas langweilige Spießigkeit aus. Mutter Amanda Wingfield (Anna Thalbach [die Tochter von Katharina Thalbach]) nervt nicht nur mit belehrenden Tischweisheiten und Kalendersprüchen, sondern auch mit ihren ewig gestrigen Geschichten aus einer einstmals besseren, mondänen Vergangenheit mit vielen Verehrern. Während sich der tags in einem Lagerhaus malochende Sohn Tom immer beengter fühlt und jede Nacht ins Kino oder den Alkohol flieht, zieht sich die lebensuntüchtige Tochter Laura (Nellie Thalbach [die Enkelin von Katharina Thalbach]) immer mehr in die fragile Traumwelt ihrer titelgebenden Glasfiguren zurück.

     

    Die Glasmenagerie in der Komödie am Kufürstendamm | Foto (C) Barbara Braun
    Die Glasmenagerie in der Komödie am Kufürstendamm
    Foto (C) Barbara Braun

     

    In ständiger, sparsam beleuchteter Düsternis werfen ferne, kaum hörbare Rufe und vage Umrisse hinter den Vorhängen Schatten böser Ahnungen voraus. In Tennessee Williams Drama einer zerbrechenden Südstaatenfamilie wechseln Wut und Emotionen mit Melancholie und Depression. Mit dem Mut der Verzweiflung versucht Mutter Wingfield alles zusammenzuhalten. Letztendlich nur ein kurzer Hoffnungsschimmer, ein letzter Griff nach dem rettenden Strohhalm. Anna Thalbach spielt das ganz resolut mal als gluckendes, schnarrendes Muttertier, mal als Dame von Welt mit Ambitionen zu Höheren. In die Zukunft der Kinder investiert sie alles, nur die Ungeduld des unzufriedenen Sohns, das schwindende Selbstvertrauen und der fehlende Lebensmut der Tochter torpedieren immer wieder die Bemühungen der Mutter.

    Letzte Chance für Laura ist ein arrangiertes Abendessen zur gezielten Eheanbahnung. Tom, der sich innerlich wie vor Jahren sein Vater schon längst verabschiedet und den Seemannspass in der Tasche hat, lädt seinen Arbeitskollegen Jim O’Conner (Florian Donath) ein, der neben dem Lagerhaus-Job Rhetorik und Radiotechnik an der Abendschule studiert. Bei dessen gut gemeinten Schmeicheleien taut die sonst recht ängstlich piepsige Laura kurzzeitig auf, bevor die letzte Enttäuschung sie endgültig verstummen lässt. Das symbolgeladene gläserne Einhorn verliert beim Tanz der beiden sein Horn und wird zum gewöhnlichen Pferd ohne Besonderheit.

    Nelli Thalbach schafft es sehr gut, der stets schüchternen, leicht gehandicapten Laura ein paar einfühlsame Facetten abzugewinnen. Die dankbareren Rollen haben aber sicherlich die beiden Ernst-Busch-Schauspielschüler Leonard Scheicher und Florian Donath, die ihre Figuren spielerisch hervorragend beherrschen und die recht einfache, konventionelle Inszenierung tragen. Das muss kein Nachteil sein. Katharina Thalbach zeigt, wie mit ein paar gezielten Lichtwechseln, Musik und Kerzenschein sowie gutem Schauspiel die düstere Gotik Tennessee Williams zu glänzen beginnt.

    ***

    Die Glasmenagerie (08.03.2016)
    Von Tennessee Williams
    Deutsch von Jörn van Dyck
    Regie: Katharina Thalbach
    Ausstattung: Ezio Toffolutti
    Musik und Drums: Emanuel Hauptmann
    Mit: Anna Thalbach, Nellie Thalbach, Leonard Scheicher und Florian Donath
    Premiere war am 6. März 2016 in der Komödie am Kurfürstendamm
    Dauer: ca. 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

    Termine: bis zum 17. April 2016 en suite Di-So

    Infos: http://www.komoedie-berlin.de/

    Zuerst erschienen am 11.03.2016 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Heu im HAU – Das Berlienr Hebbel am Ufer richet dem Dichter und Dramatiker Heiner Müller ein Festival aus

    ___

    „Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts.“ Heiner Müller (1982)

    Heiner Müller!_Plakat HAUHeiner Müller (1929-1995) war nicht nur ein bedeutender deutscher Dichter und Dramatiker, sondern auch eine begnadete Zitatmaschine. Mit vielen seiner überlieferten Sätze ließe sich heute gut leitartikeln. So sprach Müller bereits kurz nach dem Fall der Mauer von „neuen Mauern“. In seiner Rede zur Verleihung des Kleistpreises 1990 bezeichnete er Deutschland als ortlos und „Erdbebenzone (…) auf dem Riss zwischen West- und Ostrom“. Der neue Limes hat sich heute von der Elbe weiter nach Osten und Süden verschoben, an die Grenzen Europas. Die Dramen Heiner Müllers sind immer auch ein „Ausflug in die Geschichte aus der Gier des Dramatikers auf Katastrophen“ nebst Totenbeschwörung und einem nahezu prophetischen Blick in die Zukunft. Heiner Müller ist nun seit 20 Jahren tot und sozusagen selbst Geschichte. Geschichte schreiben aber nach wie vor andere.

    Zitatenreich wie Heiner Müller gibt sich auch das Festival, das das Berliner Hebbel am Ufer (HAU) dem Vielzitierten seit Donnerstagabend ausrichtet. Es heißt ganz einfach HEINER MÜLLER! – geschrieben in Müller-Versalien und mit Ausrufezeichen. Unter dem Motto des Müller-Zitats „Was jetzt passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart.“ versuchen noch bis zum 12. März Performer, Musiker, Schauspieler und Regisseure Müllers Texte auf Gegenwartstauglichkeit zu überprüfen.

    *

    Syberbergs Für Heiner Müller im HAU 1

    Den Anfang macht aber ein alter Müller-Bekannter aus früheren BE-Zeiten, der vor 25 Jahren auch schon mal am Hebbel-Theater gearbeitet hat. Die Rede ist vom Theater- und Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg, der sein Handwerk Anfang der 1950er Jahre am Berliner Ensemble erlernte. Und auch hier ein Bezug zu Heinrich von Kleist. Der Monolog Ein Traum, was sonst mit Edith Clever, 1990 im Hebbel-Theater aufgeführt, basiert u.a. auf Kleists Prinz von Homburg. Die Clever spielt die Gräfin Bismarck, die kurz vor Kriegsende in den Trümmern ihres Gutshauses auf die Russen wartet und dabei Kleist, Goethe und Euripides deklamiert. Eine hochästhetische Kunstanstrengung, deren Verfilmung von 1994 Teil einer multimedialen Installation Syberbergs im Theatersaal des HAU 1 ist. Im Zentrum des schummrigen Raums, der in einen Müller- und Syberberg-Flügel geteilt ist, steht ein Modell des Amphitheaters von Delphi, das Urbild der Theaterwelt, auf das sich Syberberg bezieht.

     

    Foto (c) Dorothea Tuch
    Foto (c) Dorothea Tuch

     

    Für Heiner Müller nennt sich diese mit einigen Fernsehbildschirmen, Videoleinwänden und einer Fuhre frischem Heu aus Syberbergs 2001 rückgekauftem ehemaligen elterlichen Gutshofs in Nossendorf ausgestattete, begehbare Installation. Syberberg stammt wie Müller aus Mecklenburg. Seine Familie wurde enteignet, er ging in den Westen. Müller blieb in der DDR und schrieb ein Drama zur Kollektivierung mit dem Titel Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande. 1961 von B. K. Tragelehn uraufgeführt, wurde es sofort verboten. Der Regisseur verschwand in der Produktion, der Autor flog aus dem Schriftstellerverband. Nun hat Müllers Stück eine Art Andachtsraum erhalten, den Syberberg gleichzeitig zur Reflexion seiner Geschichte als Großgrundbesitzersohn vor 1945 nutzt. Im Grunde genommen eine doppelte Rehabilitierung. Doch der Sieger der Geschichte ist der Traktor, wie Syberberg in seiner Einführung anmerkt. Ein kleines Model dieses Siegs des technischen Fortschritts über den Menschen ziert die Bühnenrampe und schlägt damit den Bogen zu Müllers frühen Werken.

    Es drängen sich noch weit mehr Assoziationen beim Durchgang durch die Installation auf. Im Rückblick auf Peter Steins Birken der alten Schaubühnenära, die im Theater am Halleschen Ufer um die Ecke begann, lässt sich feststellen, dass auch Heu im HAU einen irren Duft verströmt. Ansonsten kommt man sich zwischen den Filmapparaten wie in der Vernissage-Installation The Art Show von Edward Kienholz vor, wobei das Ganze noch die Aura einer Schlingesief‘schen Totenmesse wie einst im Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig hat. Ein wenig viel Syberberg und Clever, etwas zu wenig Heiner Müller, wobei die heiße Diskussion anlässlich einer Syberberg-Werkschau 1990 in der Akademie der Künste mit Heiner Müller und anderen Ost- und Westintellektuellen sowie die Rede von Alexander Kluge zu Heiner Müllers Tod allein schon das Ansehen wert sind.

    Und noch ein anderer Erinnerungskünstler deutscher Geschichte ist anwesend. Neben Syberbergs Bühnenaltar mit Heu und Scheunenskelett sowie links und rechts davon je einem Videoleinwandflügel gibt es auch einen Film über die Morgenthau-Plan-Gemälde von Anselm Kiefer zu sehen. Eine künstlerische Umsetzung der US-amerikanischen Nachkriegs-Vision eines Deutschlands als befriedetem Agrarland. Ob Müller-Utopie oder -Dystopie, darüber ließe sich nun trefflich streiten.

    **

    Müller-Maschinen im HAU 2 und 3

    HEINER MÜLLER! im Hebbel am Ufer - Foto: St. Bock
    Die Müllermatrix am HAU 2  Foto: St. Bock

    Wie die jüngere Künstlergeneration mit Heiner Müllers Erbe umgeht, ist beim laufenden Hebbel am Ufer-Festival HEINER MÜLLER! v.a. im HAU 2 und 3 zu sehen. Als „Mensch-Maschine“ ist die Stimme des toten Dichters in der Telefonzellen-Installation Die Müllermatrix von Interrobang zurückgekehrt und spricht auf Tastendruck in zusammengesampelten Textfetzen über ganz gegenwärtige Themen wie Migration, den Untergang Europas oder das zeitgenössische Theater. Ein Müller für jede Gelegenheit.

    Noch fast komplett analog ist da die Installation Transitraum goes HAU von Kristin Schulz und Chasper Bertschinger. Die Literaturwissenschaftlerin und Müller-Expertin Kristin Schulz hat dafür Teile des originalen Müller-Transitraums aus der HU Berlin in den 2. Stock des HAU 2 transferiert. Hier kann man nun ganz Old School haptisch in Werken, Manuskripten und Typografien Müllers blättern oder sehen, was in seiner Bibliothek stand und den Dichter inspirierte. Neben Sideboards mit Büchern von Bertolt Brecht, Alexander Bek, William Faulkner und Steven King sind aber auch einige Hörstationen aufgebaut, die einladen, Müller selbst beim Lesen zuzuhören oder gar in den Film-Gesprächen mit Alexander Kluge beim Zigarre-Paffen und Verfassen von Gedanken zuzusehen.

    *

    Die digitale Müller-Brille auf hat das Performance-Kollektiv andcompany&Co. mit ihrem Lecture-Konzert 2045: Müller in Metropolis im HAU 3. Hier wird nun Heiner Müller gänzlich zum Cyborg aus der Zukunft. „WIE FRÜHER GEISTER KAMEN AUS VERGANGENHEIT / SO JETZT AUS ZUKUNFT EBENSO“ heißt es in Brechts Fatzer-Fragment, das Müller bearbeitet hat. Ein Gedanke, der ihn bewegte und wohl auch Einzug in diese 45minütige Tischperformance mit Video und Musik gefunden hat. Der andcompany-Mastermind Alexander Karschnia und seine Cooperanten Nicola Nord und Sascha Sulimma scheinen ebenfalls die Kleistrede von Heiner Müller gelesen zu haben. Reichlich wird daraus zitiert. Aber v.a. die vorausschauende Äußerung zur „Hochzeit von Mensch und Maschine“ hat es ihnen angetan. Als Kind der 80er freut es einen natürlich immer, alte Elektrohelden mal in einer Theaterperformance verwurstet zu sehen. Hier ist es Anne Clark mit ihrem titelgebenden Hit Sleeper in Metropolis. Und Nicola Nord performt dann auch den deutschen Text zu Fritz Langs berühmten Stummfilmbildern mit ordentlich Nebel aus der Trockeneismaschine.

     

    Foto (c) Dorothea Tuch
    Foto (c) Dorothea Tuch

     

    Sind wir nicht alle digitale Schläfer? Eine Frage, der andcompany&Co. nachgegangen sind und mit einer Exkursion in die technologische Singularität und ins Silicon-Valley aufwarten. Auch Müller war in Kalifornien, wenn auch nicht in einer Garage in Palo Alto. Spaß haben und unheimlich reich werden ist die Maxime der digitalen Hippies, der neuen 68er Generation, die sich Mitte der 1980er Jahre aufmachte, um das World-Wide-Web zu erobern. Aus der Starre des Beobachtens in die Genickstarre der digitalen Kommunikation. Alles ist möglich, das „Ich“ zur Adresse geworden. 1 oder 0 ist wie Sein oder Nichtsein. Das Arbeiten an der Differenz geschieht im On-Off-Modus. Das permanente Lauschen im digitalen Rauschen der täglichen Informations- und Kommunikationsflut.

    Wie ein roter Faden zieht sich die Kybernetik, auch ein Hobby Müllers, durch die Eröffnungsveranstaltungen des Festivals im HAU. Man muss den turbo-philosophischen Ausführungen von Alexander Karschnia nicht unbedingt folgen, um hier etwas mitzunehmen. Die Menschheit hat den ersten Schritt zur technischen Evolution längst getan. Wir drücken im Internet auf den Unsterblichkeits-Button. Die Aufhebung des Menschen in seiner Schöpfung, der Technologie, wie es Müller formulierte. Vorbild ist wie immer Amerika, wo ein Transhumanist zum Präsidentschaftswahlkampf antritt, ein Terminator-Filmstar Gouverneur werden kann und man sich beim Burning Man in der Wüste Nevadas mit Mutantenfahrzeugen vergnügt. Der Mensch versucht aus der Geschichte herauszufallen, heißt es bei andcompany&Co. Sein Ziel ist die ewige Gegenwart.

    ***

    HEINER MÜLLER!
    Ein Festival im Hebbel am Ufer

    Mit: andcompany&Co., Sebastian Baumgarten, Ana Berkenhoff&Cecilie Ullerup Schmidt, Boris Buden, Laurent Chétouane, Marie-Hélène Gutberlet, Thomas Heise, Interrobang, Boris Nikitin, Patrick Primavesi, Damian Rebgetz & Paul Hankinson, Annegret Schlegel, Kristin Schulz, Veit Sprenger, Hans-Jürgen Syberberg, B.K. und Christa Tragelehn, Ginka Tscholakowa, Hans-Thies Lehmann, Helena Varopoulou u.a.

    Termine: 03. – 12. März 2016

    Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/2015-2016/heiner-mueller/

    Zuerst erschienen am 04.03. und 05.03.2016 auf Kultura-Extra

    __________

  • Französische Frischzellenkur am Berliner Ensemble – „Victor oder Die Kinder an der Macht“ und „Der Selbstmörder“ inszeniert von Nicolas Charaux und Jean Bellorini

    ___

    Nicolas Charaux inszeniert Victor oder die Kinder an der Macht von Roger Vitrac auf der Probebühne

    Das Berliner Ensemble bekommt ein Jahr vor dem Ende der Intendanz Peymann noch einmal eine geballte Infusion frischen Theaterbluts. Für diese sicherlich notwendige Frischzellenkur hat der scheidende Hausherr gleich zwei junge Regisseure aus Frankreich verpflichtet: den Absolventen des Wiener Max-Reinhardt-Seminars Nicolas Charaux (geb. 1982) und den Intendanten des kleinen Pariser Vorstadttheaters Gérard-Philipe de Saint-Denis, Jean Bellorini (geb. 1981)…

    *

    Den Anfang machte Nicolas Charaux auf der BE-Probebühne mit dem 1928 in Paris uraufgeführten Stück Victor oder Die Kinder an der Macht von Roger Vitrac, einem Vertreter des französischen Surrealismus und Dadaismus. Vitracs Dreiakter ist eine bösartige Parodie auf die Tradition des bürgerlichen französischen Schauspiels. Es gilt auch als Vorläufer des absurden Theaters. Nicolas Charaux ist gemeinsam mit seiner Bühnenbildnerin Pia Greven seit 2012 an österreichischen und deutschen Theatern unterwegs und wurde 2014 mit dem von den Salzburger Festspielen letztmalig vergebenen Young Directors Award für seinen Georg-Trakl-Abend Der Abschied ausgezeichnet.

     

    Victor oder die Kinder an der Macht am BE - Foto (C) Marcus Lieberenz
    Victor oder die Kinder an der Macht am BE
    Foto (C) Marcus Lieberenz

     

    Dass Charaux einen Hang zur absurden Komödie hat, bewies der junge Regisseur schon mit seiner Abschlussinszenierung des Labiche-Klassikers Die Affäre Rue de Lourcine 2010 am Max-Reinhardt-Seminar. Ein Blick in den bürgerlichen Abgrund. Ähnlich tief schaut Roger Vitrac mit seiner Farce Victor oder Die Kinder an der Macht, deren Hauptfigur allerdings nicht ein ausgewachsenes Exemplar eines bigotten Bürgers ist, sondern der neunjährige Musterknabe Victor, der sich, fast zwei Meter groß, allerdings schon sehr erwachsen und vor allem schrecklich intelligent fühlt. An seinem neunten Geburtstag startet Victor dann auch gemeinsam mit seiner sechsjährigen Freundin Esther den großen Enthüllungsangriff auf die Scheinfassade seines bürgerlichen Elternhauses. Und der Skandal bleibt natürlich nicht aus.

    Denn: Kindermund tut Wahrheit kund. Die netten Kleinen geben vor allen Geburtstagsgästen zum Besten, was sie tags zuvor den Großen abgelauscht haben. Hintergrund für Victors Frechheiten und Bloßstellungen ist die Affäre seines Vaters Charles Paumelle mit Thérèse Magneau, der Mutter von Esther. Was – man ahnt es irgendwann – die beiden halbreifen Früchtchen, Victor und Esther, sogar zu Halbgeschwistern macht. Aber nicht nur Ehebruch und Inzest, auch Militarismus und Katholizismus stehen in der Kritik dieses im Stile einer französischen Salonkomödie daherkommenden Stücks. Modern daran ist die Nähe zum Surrealismus, obwohl der Autor Vitrac und sein Regisseur Antonin Artaud bereits 1926 wieder aus der Gruppe der französischen Surrealisten ausgeschlossen wurden.

    Eine weitere Bezugsgröße ist Alfred Jarry, der Bürgerschreck und Autor des König Ubu, nach dem sich das von Artaud und Vitrac gegründete experimentelle Théâtre Alfred Jarry benannte und dem auch im Programmheft des BE gehuldigt wird. 1964 gelangte die deutsche Erstaufführung an den Münchner Kammerspielen in der Regie von Jean Anouilh und Roland Piétri sogar zu Theatertreffen-Ehren. Mittlerweile ist es etwas ruhiger um den Autor geworden. Eine Wiederbelebung im Zeichen der Zeit wird ihm auch am Theatermuseum Berliner Ensemble nicht zu teil. Die Inszenierung von Nicolas Charaux schleppt ihr historisches Säckchen über eindreiviertel Stunden mit sich herum, ohne es wirklich mal beherzt hinter sich werfen zu können.

     

    Victor oder die Kinder an der Macht am BE - Foto (C) Marcus Lieberenz
    Victor oder die Kinder an der Macht am BE
    Foto (C) Marcus Lieberenz

     

    Dabei beginnt eigentlich alles ganz interessant. Die Bühne von Pia Greven wirkt wie eine kleine, sauber aufgeständerte Puppenstube, in der sich die DarstellerInnen zunächst auch wie Puppen in ihren historisierenden Fantasiekostümen bewegen, diese künstliche Manier aber recht bald wieder ablegen. Vasen werden zerschmissen, Geschenke durch Klappen in den Bühnenwänden entsorgt und dadaistische Kunststückchen vorgetragen. Ein absurdes, widersinniges Treiben, dass besonders in dem zum „Hahnrei“ gemachten Ehemann Antoine Magneau (Jörg Thieme) zum Ausdruck kommt, der dem Wahnsinn nahe, ständig von der Schlacht von Sedan und dem Marschall Bazaine faselt. An den verlorenen Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erinnert auch der als Mischung aus französischem Offizier und Preußens Bismarck daherkommende General Étienne Lonségur (Roman Kaminski), der Victor zum Kürassier ausbilden will und als Hotte-Hüh-Pferdchen endet.

    Die „dreckige Göre“ hat hier die Zügel noch fest in der Hand, auch wenn es mit dem surrealistischen Max-und-Moritz-Paar Victor (Raphael Dwinger) und Esther (Karla Sengteller) noch böse enden wird. Der Rest des bürgerlichen Aufgebots in Gestalt der beiden Mamas Mme. Paumelle (Swetlana Schönfeld) und Magneau (Anna von Haebler) sowie dem Hausherrn Charles Paumelle (Norbert Stöß) tänzelt aufgeregt lachend umher. Den passenden Minimal-Sound macht Live-Musiker Martin Klingeberg in grüner Pagenlivree auf den verschiedensten Instrumenten. Nette Kleinstauftritte haben Nadine Kiesewalter als Hausmädchen Lili und Claudia Burckhardt als ganz in Schwarz gekleidete mystische Ida Totemar, deren Flatulenzen wie in Karin Henkels am benachbarten DT aufgeführtem Labiche-Äquivalent zur weiteren Belustigung beitragen. Ein Verwischen von Realität mit surrealen Alpträumen bleibt hier allerdings nur hysterische Behauptung, auch wenn Papa Paumelle nachts verstört am Ehebette hobelt.

    Nach den Vorschusslorbeeren, die Charaux für seine bisherigen Inszenierungen erhalten hat, muss man sich schon arg wundern, wie brav er diese einstmals so böse Farce vom Blatt weg spielen lässt, ohne wirklich zu verstören. Und wenn auch das Bühnenrund am Ende einer Wiese mit aufgewühlten Maulwurfshügeln gleicht, das Aufregungspotential dieser Aufführung tendiert doch heute deutlich gegen Null. Zum handwerklich soliden Bühnenspaß reicht’s allemal und lässt dabei für Jean Bellorinis Premiere des Selbstmörders noch reichlich Luft nach oben.

    ***

    VICTOR ODER DIE KINDER AN DER MACHT
    Roger Vitrac
    Deutsch von Hella Krolewski
    Regie: Nicolas Charaux
    Bühne und Kostüme: Pia Greven
    Musik: Martin Klingeberg
    Dramaturgie: Steffen Sünkel
    Licht: Steffen Heinke
    Mit: Raphael Dwinger (Victor, neun Jahre alt), Norbert Stöß (Charles Paumelle, sein Vater), Swetlana Schönfeld (Emilie Paumelle, seine Mutter), Nadine Kiesewalter (Lili, ihr Mädchen), Karla Sengteller (Esther, sechs Jahre alt), Jörg Thieme (Antoine Magneau, ihr Vater), Anna von Haebler (Thérèse Magneau, ihre Mutter), Roman Kaminski (Der General Étienne Lonségur), Claudia Burckhardt (Ida Totemar) und Martin Klingeberg (Musiker)
    Premiere am 10.02. 2016 auf der Probebühne des Berliner Ensembles
    Dauer: ca. 1h 45 Min (ohne Pause)

    Termine: 01., 14., und 20.03.2016

    Infos: http://www.berliner-ensemble.de

    Zuerst erschienen am 11.02.2016 auf Kultura-Extra.

    **

    Der Selbstmörder von Nikolai Erdman in der Regie von Jean Bellorini am Berliner Ensemble

    In der 1928 von Nikolai Erdman geschriebenen satirischen Komödie Der Selbstmörder verlangt es den arbeitslosen Bürger Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow eines Nachts nach Leberwurst. Der sonst eher auf seine Bequemlichkeit bedachte Zeitgenosse tritt damit eine Reihe von Ereignissen los, die ihn aus seinem beschaulichen Kleinbürgerleben reißen und für kurze Zeit zum begehrten Subjekt und Individuum machen. Etwas, was Podsekalnikow zunächst nicht ganz unrecht ist, wenn es dann nicht tatsächlich ans Leben ginge.

    Der Selbstmörder von Nikolai Erdmann am BE - (C) Lucie Jansch Deutsch von Thomas Reschke Inszenierung, Bühne, Musik: Jean Bellorini Künstlerische Mitarbeit und Kostüme: Camille de la Guillonnière Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks Dramaturgie: Dietmar Böck Mit: Carmen-Maja Antoni, Annemarie Brüntjen, Anke Engelsmann, Ursula Höpfner-Tabori, Hanna Jürgens, Judith Strößenreuter; Michael Kinkel, Matthias Mosbach, Joachim Nimtz, Luca Schaub, Martin Schneider, Veit Schubert, Felix Tittel, Georgios Tsivanoglou und Timofey Sattarov (Akkordeon), Philipp Kullen (Schlagzeug) Pemiere: Mittwoch, 17. Februar 2016
    Der Selbstmörder am BE
    Foto (C) Lucie Jansch

    Sich nur wegen eines Stückchens Leberwurst umzubringen, wäre allerdings auch etwas banal, und so machen sich einige andere Individuen daran, Bürger Podsekalnikow für ihre Zwecke einzuspannen. „In unseren Zeiten“, weiß der Vertreter der Intelligenzija, Aristarch Grand-Skubik, „kann nur ein Toter aussprechen, was ein Lebender denkt.“ Die Meldung, dass das Leben schön sei, wird sicher demnächst in der Iswestija dementiert. Also warum nicht wenigstens einmal in den Schlagzeilen stehen. Podsekalnikow schmeichelt das plötzliche Interesse an seiner Person, dass ihm auch die Schönheit Kleopatra Maximowna entgegenbringt. Wenn schon nicht für die Intelligenz sterben, dann doch wenigstens für die Liebe oder die Kunst. Aber auch die Kirche zeigt durchaus Interesse an einer „ideologischen Leiche“.

    „Russland, wo saust du hin?“ Die Veränderungen nach der Großen Oktoberrevolution gehen einigen etwas zu schnell. Jeder, der nicht mit den neuen Machthabern schwimmen kann, hat etwas zu beklagen, was Nikolai Erdman in einige spitze Dialoge gefasst hat oder so schöne Parabeln wie die vom proletarische Enteneier ausbrütenden Intelligenzija-Huhn. Das Stück wurde auch sofort verboten, und der Autor fristete Jahrzehnte in der sibirischen Verbannung. Erst nach dem Tod Stalins und der ersten Tauwetterperiode konnte er wieder schreiben, vermochte allerdings nicht mehr an die Klasse der ersten Stücke anzuknüpfen.

    *

    „Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ja oder Nein? Antworten Sie mir!“ Wie einst Samuel Finzi in Dimiter Gotscheffs knallbunter Volksbühneninszenierung darf auch Georgios Tsivanoglou in der Titelrolle des Podsekalnikow am Berliner Ensemble die existentielle Frage direkt an das Publikum richten, das ihm dann erwartbar auch ganz unentschieden antwortet. Der französische Regisseur Jean Bellorini hat eine kleine feine, zweistündige Gesellschaftsstudie hingelegt – mit einem spielfreudigem Ensemble, dass sich um ihren auserkorenen Messias Podsekalnikow wie zum letzten Abendmahl gruppiert, gegenseitig zuprostet und Lieder mit russischer Seele singt, die von einem musikalischen Liveterzett begleitet werden. Die Bühne von Bellorini besteht aus heb- und senkbaren Treppen und Stegen, als Sarg dient ein umgedrehter Teil der Tafel.

     

    Der Selbstmörder am BE - Foto (C) Lucie Jansch
    Der Selbstmörder am BE – Foto (C) Lucie Jansch

     

    Vom Schießbudenpächter (Joachim Nimtz) bis zu manch anderer verkrachter Schießbudenfigur wie etwa dem zottelhaarigen Intelligenzler von Veit Schubert oder Ursula Höpfner-Tabori als fusselbärtigen Vater Elpidius; Bellorinis Ausstatterin Camille de la Guillonnière hat tief in den Kostümfundus gegriffen. Georgios Tsivanoglou hat sichtlich Spaß an der Rolle und gibt den Creep von Radiohead auf dem Tisch. „What the hell am I doin‘ here?“ ist die große Frage Podsekalnikows, der zuvor schon ein paar philosophische Überlegungen zum bevorstehenden „Piff und Paff“ [s.o.] angestellt hat. Aber auch das restliche Personal wagt so manches Tänzchen unterm Neonlicht. Allen voran Carmen-Maja Antoni, die nach 1989 unter Manfred Wekwerth zum zweiten Mal die Rolle der Schwiegermutter am BE gibt.

    Die Lust am Leben und Feiern ist Podsekalnikow am Ende wichtiger als in einem Anflug von Größenwahn die Mächtigen, die ihn scheinbar vergessen haben herauszufordern. Marx und Massen gefallen ihm nicht. Doch der Anruf im Kreml bleibt folgenlos. An Podsekalnikows Bahre schneit es Ewigkeit. „Alle Errungenschaften, Weltbrände, Eroberungen, alles das, behaltet es für euch. Aber mir, Genossen, mir gebt nur ein ruhiges Leben und ein ausreichendes Gehalt.“ sagt er schließlich, aus dem Rausch erwacht. Tsivanoglou gibt genussvoll den Underdog als Hans Wurst mit einem lachenden und weinenden Auge. Es wird sich ein anderer in seinem Namen erschießen. Märtyrer sterben nie aus.

    Das wirkt durchaus schmissig, aber auch etwas drollig und viel zu harmlos. Es fehlt der echte Irrwitz, wenn da nicht noch im rechten Moment Carmen-Maja Antoni aus der Rangloge den Brief Michail Bulgakows an Stalin verlesen würde, in dem der Autor des ebenfalls nicht ganz systemkonformen Romans Der Meister und Margarita für den verbannten Kollegen Erdman bitten würde. Ein aktueller Bekennerbrief als Antwort aus der anderen Loge wäre auch nicht verkehrt gewesen.

    ***

    Der Selbstmörder
    Eine satirische Komödie in fünf Akten von Nikolai Erdman
    Deutsch von Thomas Reschke
    Regie, Bühne, Musik: Jean Bellorini
    Künstlerische Mitarbeit und Kostüme: Camille de la Guillonnière
    Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
    Dramaturgie: Dietmar Böck
    Mit: Carmen-Maja Antoni, Anke Engelsmann, Larissa Fuchs, Ursula Höpfner-Tabori, Laura Tratnik; Michael Kinkel, Matthias Mosbach, Joachim Nimtz, Luca Schaub, Martin Schneider, Veit Schubert, Felix Tittel, Georgios Tsivanoglou und Timofei Sattarov (Akkordeon), Phillip Kullen (Schlagzeug)
    Premiere am Berliner Ensemble war am 17.02.2016

    Termine: 01.03. und 20.03.2016

    Infos: http://www.berliner-ensemble.de

    Zuerst erschienen am 19.02.2016 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Österreichische Filme auf der Berlinale 2016 – Die Geträumten von Ruth Beckermann im Forum und Kater von Händl Klaus im Panorama Special

    ___

    66_Berlinale_PlakatA4_Wettbewerb_web_IMG_367xVARWien ist sicher nicht arm an tauglichen Filmsets. Die ehemalige Hauptstadt der Donaumonarchie versprüht den Charme von mehreren Jahrhunderten österreichischer und europäischer Kunst- und Kulturgeschichte. Und auch für die Liebhaber des zeitgenössischen Autorenfilms wird sich immer ein passender Drehort in Wien und Umgebung finden lassen. Bei nicht mehr als einer Handvoll Beiträgen aus Österreich im Programm der Berlinale 2016 verwundert es daher schon, dass gleich zwei Filmteams zum Teil die gleiche Lokation gewählt haben. So spielt das Funkhaus Wien in der Argentinierstraße – 1935 bis 1939 nach Plänen des Architekten Clemens Holzmeister erbaut – in den Filmen Die Geträumten von Regisseurin Ruth Beckermann und Kater von Regisseur Händl Klaus eine nicht unwesentliche Rolle. In beiden Fällen bleibt sogar die Kamera schon im Vorspann an den in blassen, erdigen Tönen gehaltenen Landschafts-Wandbildern in den Tonstudios hängen.

    *

    Ruth Beckermann hat für ihr Kunstfilmprojekt über den langjährigen Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan das Tonstudio 3 im Wiener Funkhaus gewählt, um eine möglichst intime, kammerspielartige Szenerie mit indirektem Blick nach draußen zu schaffen. Sie hat sich nicht für ein Biopic mit Ausflügen zu den Orten des Briefwechsels entschieden, sondern für eine Lesung der Briefe als gespielte Tonaufnahme mit zwei sich gegenüberstehenden Konterparts. Mit der Musikerin Anja Plaschg (Soap&Skin) und dem Theaterschauspieler Laurence Rupp fand Ruth Beckermann ein ziemlich authentisch wirkendes Darstellerpaar als Dichterin und Dichter „aus dem Hause Österreich“, das sich recht gut in den Tonfall der sehr intensiv und direkt geführten Korrespondenz hineinfühlen kann. Und wie Laurence Rupp als Mitglied des Burgtheaterensembles besitzt auch Anja Plaschg schon einiges an Bühnenerfahrung. Sie war die Nico in Werner Fritschs Stück Nico – Sphinx aus Eis und schreibt schon länger Bühnenmusiken für die deutsche Regisseurin Jette Steckel.

    Bachmann und Celan hatten sich 1948 in Wien kennengelernt. Der kurzen heftigen Liebesbeziehung folgte ein jahrelanger Austausch von Briefen, in denen man sich intervallartig zueinander wünschte und dann doch immer wieder größtmöglichen Abstand voneinander nahm. Der stetige Wechsel der Kameraeinstellung im Tonstudio von der Nahaufnahme in die Distanz wird dem gesprochenen Text zur kongenialen Entsprechung. Ausdrücke von Begehrlichkeiten, Stolz und Verletzungen wechseln einander in hochpoetischen Worten ab. Und selbst als beide schon in anderen Beziehungen stecken, hören die Bitten nach einer Fortsetzung der Korrespondenz nie ganz auf. Liebesschwüre und erneute Zweifel an den eigenen und den Gefühlen und der Zuneigung des anderen machen den Briefwechsel zu einer bestätig knisternden, spannungsgeladenen Angelegenheit. Dazu kommt, dass Plaschg und Rupp mit Blicken und Diktion der hohen Emotionalität der Worte Ausdruck verleihen können.

     

    Die Geträumten - Foto © Ruth Beckermann Filmproduktion
    Die GeträumtenFoto © Ruth Beckermann Filmproduktion

     

    Dem Gedicht Köln, Am Hof von Paul Celan für Ingeborg Bachmann sind der titelgebenden Zeilen „Herzzeit, es stehn / die Geträumten für / die Mitternachtsziffer“ entlehnt. Bachmann schrieb an Celan: „…ich wollte nichts, als eben ab und zu durch eine Karte von Dir die Bestätigung bekommen, dass ich nicht geträumt habe.“ Mehrmals fällt Plaschg dann auch Rupp ins Wort: „Sind wir wirklich nur die Geträumten?“ Die unterschiedliche Art des Ausdrucks von Emotionalität bei Mann und Frau lässt sich hier wunderbar ablesen. Während Celan oft gekränkt von sich spricht, auch bedingt durch schlechte Kritiken und zum Teil sogar antisemitische Reaktionen auf seine Gedichte, ist Bachmann immer wieder um Ausgleich bemüht.

    In improvisierten Pausenszenen erfährt der Briefwechsel eine Reflexion in Gesprächen beim Rauchen und poetische Fortsetzung in Bildern und Tönen. Dabei streift man durch die Gänge des Funkhauses, hört einer Orchesterprobe zu oder macht Lockerungsübungen zu James Browns „It‘s A Man‘s World“. Ruth Beckermann gelingt hier eine wunderbare filmische Umsetzung dieser literarisch so wertvollen Dokumentation einer um Worte ringenden Liebe im „Sinnlichen und Geistigen“, die sich nicht verwirklichen kann. Unbedingt sehens- und hörenswert. Zu lesen ist der gesammelte Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan im bei Suhrkamp erschienen Band Herzzeit.

    ***

    Die Geträumten (Österreich 2016)
    Fassung / Regie: Ruth Beckermann
    Drehbuch: Ruth Beckermann, Ina Hartwig
    Kamera: Johannes Hammel
    Mit: Anja Plaschg, Laurence Rupp

    _

    **

    Ebenfalls thematisch ganz gut passt das Tonstudio des Funkhauses Wien zum Beruf des Paars Andreas und Stefan (Phillip Hochmair und Lukas Turtur), das in Kater, dem zweiten Spielfilm des multibegabten österreichischen Schriftstellers, Dramatikers und Filmemachers Händl Klaus, eine nicht minder emotionale Liebesbeziehung durchlebt. Stefan ist Hornist im Rundfunkorchester Wien und wohnt mit Freund Andreas, dem Disponenten des Orchesters, in einer alten Villa am Rand der Weinberge Wiens. Es ist ein kleines, privates Paradies mit Garten und Kater Moses, das sich die beiden hier gemeinsam geschaffen haben. Die Liebe ist noch frisch und leidenschaftlich, was man zu coolen Jazzklängen gleich zu Beginn des Films intensiv auslebt. Auch im Beruf und dem Freundeskreis aus Musikern und Nachbarn läuft eigentlich alles ziemlich gut. Das Schwulsein ist hier so normal wie das Gießen der Blumen und das Füttern des Katers, an dem besonders Andreas hängt. Dabei sind Garten, Bilder und Musik nicht nur Metaphern für das Schöne, sondern auch intimer Rückzugsraum für den Einzelnen.

     

    Kater - Foto © coop99 filmproduktion
    Kater Foto © coop99 filmproduktion

     

    Dem schönen Idyll macht allerdings ein doch etwas an den Katzenhaaren herbeigezogener Gewaltausbruch Stefans ein jähes Ende. Ohne dass es irgendeinen Grund oder vorherige Anzeichen dafür gab, wirft dieser Vorfall das bisherige Leben des Paars komplett aus der Bahn. Kennt man den Partner wirklich? Nach einem Moment der Fassungslosigkeit und Trauer zieht sich Andreas immer mehr zurück, worauf Stefan mental zusammenzubrechen droht. Händl Klaus macht aus dieser Situation gottseidank kein Fischen im Trüben Freud‘schen Unterbewusstseins, obwohl Stefan auf Anraten Andreas‘ sogar zum Psychologen geht, sondern zeigt, wie plötzlich Liebe und Gefühle kippen können. Beide verarbeiten das Ganze dabei relativ unterschiedlich. Ständige Ängste, ein schleichender Vertrauensverlust und das plötzliche Schwinden körperlicher Nähe wirken sich nicht nur auf die Psyche der Protagonisten, sondern auf die Beziehung insgesamt aus, die dabei auf eine harte Probe gestellt wird.

    Der Regisseur hält die Situation trotz sparsamer Dialoge und langer Kameraeinstellungen äußerst spannungsgeladen und immer in der Schwebe. Eine „hochsensible Studie über Männer ohne Frauen“ beschreibt der Presse-Text den Film. Das klingt zwar etwas merkwürdig, man kann dem jedoch auf rein emotionaler Ebene weitestgehend zustimmen. Getragen wird die Story aber vor allem durch die beiden bühnenerprobten Mimen Lukas Turtur vom Residenztheater München und Philipp Hochmayr, der viel am Thalia Theater Hamburg und Burgtheater Wien beschäftigt ist. Beide liefern den Alltagsszenen und der zunächst sehr intensiv gelebten Sexualität ebenso wie der anschließenden Unsicherheit der Protagonisten große Glaubwürdigkeit. Händl Klaus lässt seinen Film schließlich ins Offene laufen, was vieles unbeantwortet lässt, aber auch Raum für Hoffnung gibt.

    Nachtrag: Regisseur Händl Klaus gewann mit Kater den Teddy für den besten Spielfilm.

    ***

    Kater (Österreich 2015)
    Regie / Drehbuch: Händl Klaus
    Kamera: Gerald Kerkletz
    Mit: Lukas Turtur, Philipp Hochmair, Thoma Stipsits, Manuel Rubey, Gerald Votava, Gabriela Hegedüs

    Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de

    Zuerst erschienen am 18.02.2016 auf Kultura-Extra.

    __________