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  • Borgen – Nicolas Stemann versucht an der Schaubühne die Repräsentation von Macht und Demokratie in der bekannten dänischen Polit-Serie zu dekonstruieren

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    Politik ist seit jeher ein Spiel um Macht. Nur wer tatsächlich politische Macht besitzt, kann seine Ziele durchsetzen. „Daher siegen alle bewaffneten Propheten, und die nicht bewaffneten gehen zugrunde“, schrieb der florentinische Staatsphilosoph Niccolò Machiavelli in seiner politischen Abhandlung Der Fürst. Mit dem unbewaffneten Propheten meinte Machiavelli den italienischen Dominikanermönch Girolamo Savonarola, der von 1494 bis kurz vor seiner Hinrichtung 1498 als politischer Berater de facto Herrscher über die damalige Republik Florenz war. Savonarola hatte eine große Vision von einem besseren, christlicheren Florenz, predigte für eine Volksregierung und versuchte Reformen gegen den korrupten etablierten Kirchenklärus durchzusetzen. Ein vergeblicher Kampf für mehr Sittlichkeit und Moral bei den politisch Mächtigen seiner Zeit.

     

    BORGEN_SCHAUBÜHNE-Febr. 2016
    Idealistische Ziele – Nicolas Stemanns Bühnenadaption der Polit-TV-Serie Borgen an der Schaubühne – Foto: St. B.

     

    Machiavellis Zitat ist auch Wahlspruch der erfolgreichen Polit-Serie Borgen (Die Burg) über das Machtzentrum Dänemarks, der Christiansborg. Ganz so drastisch scheitert die idealistische Politikerin und Serien-Heldin Birgitte Nyborg nicht, muss allerdings durch die Stahlbäder der politischen Willensbildung gehen und lernen, dass man als Politiker zum Machterhalt und zur Staatsraison im Sinne Machiavellis oft vor Entscheidungen steht, die die Gesetze der traditionellen Moral außer Kraft setzen. Um unbequeme Entscheidungen dem Volk als alternativlos zu verkaufen, halten sich die meisten Machtpolitiker sogenannte Spin-Doktoren, die ihnen die passenden Reden schreiben.

    Mit Kasper Juul hat die angehende dänische Ministerpräsidentin Birgitte Nyborg auch so einen politischen Ghostwriter. An die Macht gekommen ist die aufstrebende Politikerin der Moderaten aber durch die Verletzung der Regel, nur die vorgefertigten Texte in die Kamera zu sprechen, sondern durch eine improvisierte Rede, die sie als Mensch mit Visionen aber auch Schwächen zeigt. „Kann ich politisch erfolgreich sein und ich selbst bleiben?“ fragt sich die Politikerin, die nebenbei auch noch Ehefrau und Mutter ist, was bei ihren Gegnern sofort Zweifel an ihrer Kompetenz und der Vereinbarung von Karriere und Familie aufwirft.

     

    Borgen in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (c) Arno Declair
    Borgen in der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

     

    Gefährliche Seilschaften hieß die im deutschen Fernsehen auf arte ausgestrahlte Serie im Untertitel. Und genau das, wie Politik wirklich entsteht, scheint Nicolas Stemann an der Serie interessiert zu haben. Seine Bühnenfassung von Borgen feierte nun an der Berliner Schaubühne Premiere. Aber schon vorab hatte der Regisseur erklärt, dass für ihn die vom Borgen-Macher Adam Price mit „einem Kern von Idealismus, der wahr ist“ angelegte Politikerin Birgitte Nyborg viel zu gut wegkomme und dass er die Serie daher für ein schönes Märchen halte. Das legt den Fokus wieder klar auf die Inszenierung von Politik und den Spin-Doktor als eigentlichen Regisseur auf der Bühne der Macht.

    So zeigt sich die Inszenierung zu Beginn auch eher wie eine szenische Leseprobe am großen Konferenztisch, bei der zunächst die verschiedenen Charaktere vorgestellt werden mit ihren Parteizugehörigkeiten und Verbindungen untereinander. Die SchauspielerInnen Stephanie Eidt, Sebastian Rudolph, Tilman Strauß und Regine Zimmermann schlüpfen dabei immer wieder durch das Aufsetzen von Perücken, Bärten und Brillen in die einzelnen Figuren. Ganz wie in einem Fernsehstudio kommen Teleprompter zum Einsatz, von denen der Text abgelesen wird. Live gefilmt Großaufnahmen und Standbilder werden auf Videoscreens übertragen. Spielerisch ist das alles ganz auf Parodie angelegt. Wir erleben nun nach dem überraschenden Wahlsieg von Birgitte Nyborg die schwierige, intrigenreiche Regierungsbildung mit Bloßstellungsversuchen der Gegner, Erpressungsversuchen von Hinterbänklern und Stimmenfang mit kleinen Zugeständnissen.

    Zur Privatfehde um Liebesleben, Karriere und Familie, die Nyborg (Stephanie Eidt) mit ihrem Mann Philipp (Sebastian Rudolph) auszufechten hat, wird auf ein großes orangenes Sofa umgeswitcht, an dessen Enden die Kinder (Tilman Strauß und Regine Zimmermann) sitzen und bissige sozialkritische Kommentare über Realpolitik und Klassenkampf abgeben. So wird allein fast 90 Minuten darauf verwendet, das Prinzip der Serie für das Publikum begreifbar zu machen und den Idealismus, den die Macher gegen den herrschenden Politzynismus ins Feld führen wollten, ad absurdum zu führen.

     

    Borgen in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (c) Arno Declairn
    Borgen in der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

     

    Nach der Pause ändert sich daran nicht allzu viel, nur dass jetzt einzelne Episodenthemen näher verhandelt werden. Etwa der geplante Besuch des US-Präsidenten, der kurz als riesige Freiheitstatue nach vorn geschoben wird, dann aber wegen unbequemen Fragen über Guantánamo-Häftlinge auf Grönland wieder absagt. Dafür entern Komparsen in orangenen Overalls mit schwarzen Säcken über dem Kopf die Bühne. Eine Transparenzoffensive Nyborgs wegen Korruptionsverdachts kostet ihren Mann die neue CEO-Stelle bei einem Rüstungszulieferer und beendet auch die Ehe. Profilieren kann sie sich dagegen durch einen Deal mit der Wirtschaft, der ihr einen außenpolitischen Erfolg bei Friedenvermittlung in einem afrikanischen Bürgerkrieg sichert. Weiterhin kommen bissige Kommentare aus der Sofaecke und ein paar Fremdtexteinsprenksler über den Lobbyisten als stärksten Feind der Demokratie ohne Bannmeile sowie den Zusammenhang von Militärinterventionen, Terrorismus und Flüchtlingskrise. Und wir lernen: offene Grenzen sind wichtig für den Freihandel.

    „Zum Regieren brauche ich Bild, Bams und Glotze“, hatte Medien-Kanzler Schröder einst gesagt. Also positive News. Bei Stemann kommen zur schlechten Presse noch Pegida-Galgen und Nyborg-muss-weg-Chöre zum Einsatz. Denn natürlich spielt auch in Borgen die Macht der Medien eine nicht unwesentliche Rolle. Der einstige politische Gegner hat eine Boulevardzeitung gegründet, und das Fernsehen verfolgt die Ministerpräsidentin bis in die Privatsphäre. Mit der Handykamera hält Videofilmerin Claudia Lehmann die Gesichter fest. Aber auch im meinungsmachenden TV-Kanal 1 gibt es ein idealistisches Pendant zu Brigitte Nyborg. Die junge Moderatorin Katrine Fønsmark, von Regine Zimmermann mit Blondhaarperücke und Poster der Unbestechlichen gespielt. Sie möchte ihr eigenes kleines Watergate in Kopenhagen, wird aber immer wieder von ihrem Chef zurückgepfiffen. Das Thema Frauen und Quote performt man dann zur zweiten Pausenmusik im Abendkleid.

    Es gibt einen großen Bedarf beim Zuschauer an Serienformaten, die Politik oder Genre wie Krimi mit spannender Unterhaltung verbinden. Die amerikanischen Erfolgsserien wie House of Cards, auf die Stemann in seiner Inszenierung auch anspielt, oder Braeking Bad dienen in Europa immer wieder als Vorbilder, die man dem regionalen Mainstreamgeschmack anpasst, oder mit denen man auch schon mal auf den internationalen Markt schielt. Dabei entstehen dann Politreißer wie etwa die norwegische Serie Occupied – Die Besatzung oder bieder produzierte und mäßig interessante deutsche Polit- und Genrekopien wie Die Stadt und die Macht oder Morgen hör ich auf. Das zu kritisieren ist aber sicher nicht der Hauptintension von Nicolas Stemann. Wenn nicht immer mal wieder die beiden Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, die sonst für agit-propere Songs á la BrechtWeill zuständig sind, fragend ein paar reflektierende Episoden-Fazits frontal ins Publikum sprechen würden, wüsste man allerdings nicht, wozu man dieser mäßig spannenden Dekonstruktion von Borgen zur Politclownerie fast vier Stunden lang beiwohnen sollte.

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    BORGEN
    nach der TV-Serie von Adam Price, entwickelt mit Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm
    Deutsch von Astrid Kollex, Fassung von Nicolas Stemann
    Regie: Nicolas Stemann
    Bühne: Katrin Nottrodt
    Kostüme: Katrin Wolfermann
    Musik: Thomas Kürstner und Sebastian Vogel
    Video: Claudia Lehmann
    Dramaturgie: Bernd Stegemann und Bettina Ehrlich
    Licht: Erich Schneider
    Mit: Stephanie Eidt, Sebastian Rudolph, Tilman Strauß, Regine Zimmermann sowie den Statisten Daniel Ahl, Frank Jendrzytza, Hauke Petersen, Steven Raabe, Fabrice Riese, Benjamin Scharweit, Philip Schwingenstein und Malik Smith
    Premiere war am 14.01.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
    Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, zwei Pausen
    Termine: 06., 07., 08.03. 2016

    Infos: http://www.schaubuehne.de

    Zuerst erschienen am 16.02.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Ein Käfig ging einen Vogel suchen – Am Deutschen Theater Berlin schickt Andreas Kriegenburg den deutschen Kleinbürger mit Kafka auf die schiefe Ebene

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    Foto: DT-Schaukasten
    Foto: DT-Schaukasten

    Die Interpretation der Erzählungen und Romanfragmente des Schriftstellers Franz Kafka sind ein weites Feld, das gerade auch am Theater sehr gern beackert wird. Und dabei kann man schon mal auf die schiefe Ebene geraten. „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.“ ist daher eine recht passende Feststellung von Theodor W. Adorno zu Kafkas Werk. Regisseur Andreas Kriegenburg, der bereits in einer Bühnenadaption von Kafkas Prozess 2008 an den Münchner Kammerspielen die Welt eines normalen Kleinbürgers auf einer kippbaren Scheibe rotieren ließ, erschafft auch in seiner neuen Inszenierung verschiedener Kafka-Erzählungen am Deutschen Theater Berlin einen ineinander verschachtelten Bau aus kistenartigen Wohnräumen mit schiefen Böden und Wänden, die die Schwerkraft zum entscheidenden Mitspieler werden lassen.

    Die Welt des Kleinbürgers aus den Angeln zu heben, vermögen die Erzählungen Franz Kafkas sicher nicht. Sie lassen aber dessen Gewissheiten oft gefährlich ins Wanken geraten. Kafka spielt dabei mit diffusen Ängsten und klaustrophoben, scheinbar ausweglosen Zuständen, die die Protagonisten schicksalhaft anziehen und an denen sie schließlich verzweifeln und scheitern müssen. So auch in zweien seiner Schlüsselerzählungen Der Bau und Blumfeld, eine älterer Junggeselle, die Andreas Kriegenburg in seinem schiefen Kistenbühnenbild ineinander verschränkt. Das Klaustrophobe mit dem Absurden verbinden will dieser Abend gleichermaßen wie er auch den Einbruch des Irrationalen in die alltägliche Realität seiner Protagonisten beschreibt.

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    Ein Käfig ging einen Vogel suchen ist einer der schönen, absurden und sogenannten „kafkaesken“ Aphorismen, die der Schriftsteller im Laufe der Jahre neben seinen zahlreichen Prosawerken zusammengetragen hat und der jetzt den gleichlautenden Titel für Kriegenburgs Exkurs zur komischen Seite Kafkas gibt. Über den „lachenden Kafka“ im Gegensatz zum doch meist eher düster empfundenen ist viel diskutiert worden. Fakt ist, dass Kafka besonders mit der Erzählung Blumfeld, ein älterer Junggeselle eine tragikomische Slapstick-Figur geschaffen hat. Natürlich kann man sich Vieles aus der Besonderheit von Kafkas Biografie und seiner oft schwierigen Psyche zusammenreimen. An der absurden Komik dieser Erzählung, die natürlich auch selbstironische, autobiografische Züge trägt, wird man nicht vorbeikommen.

    (C) Arno Declair
    Foto (c) Arno Declair

    Kriegenburg überführt Kafkas Einzelgänger ins Universelle. Gemäß der Kurzparabel Gemeinschaft gibt es hier gleich fünf Blumfelds (Elias Arens, Moritz Grove, Bernd Moss, Jörg Pose und Natali Seelig), die sich allerdings Anton Blumenfeld nennen, aber genauso gut Müller, Meier, Schulze heißen könnten. Ausstatterin Andrea Schraad hat alle mit Halbmaske, Brille, Anzug und Aktentasche gleichgeschaltet. Otto-Normalbürger, die lieber unter sich bleiben wollen, aber plötzlich aus dem alltäglichen Trott ins Chaos gestürzt werden. Kriegenburg übersetzt das in entsprechend chaotische Wimmelbilder mit schrägen Hängepartien im Bühnenbild, zu denen Nele Rosetz die Texte spricht. Erster Höhepunkt des Abends ist aber mit Sicherheit die Schilderung der Bemühungen von Blumfeld, die daheim vorgefundenen, auf- und abspringenden Zelluloidbälle unter Kontrolle zu bringen. Laura Goldfarb und Lisa Quarg tragen das als doppeltes Lottchen im Stil einer Sportreportage vor.

    Es fällt einem zunächst etwas schwer, sich auf den Text zu konzentrieren. Verunsicherung ist Programm an diesem Abend. Denn auch in der ebenso surrealen Erzählung Der Bau, in der ein nicht näher definiertes Tier die Vorzüge seines gut getarnten, unterirdischen Heims mit Gängen und Kammern anpreist, geht es um schwindende Sicherheiten und eine wachsende Paranoia. Den Text sprechen alle abwechselnd in einem ähnlich forcierten, ironischen Tonfall wie zuvor den Blumfeld. Der zu neuer Leichtigkeit gefundene Regisseur Kriegenburg erweist sich einmal mehr als Meister des inszenierten Slapsticks, der vom höchst konzentriert spielenden Ensemble mit erstaunlicher Präzision beim Frühstücken, Krawattenbinden und Turnen am Zimmermobiliar zelebriert wird.

    Und noch weitere kurze Kafka-Texte finden Eingang in die Inszenierung und geben dem Abend letztendlich sogar eine ganz konkrete Richtung in die heutige Zeit. Aus dem Radio sind nicht nur Meldungen über schlechtes Wetter, sondern auch von Flüchtlingen zu hören. Übersetzt ins Kafka-Vokabular erzeugt die Veränderung der Welt die verschiedensten Ängste und Vorurteile sowie ein ständiges Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlusts. Und das gilt natürlich im Umkehrschluss nicht nur für Kafkas Figuren. In der Tierparabel Schakale und Araber wird das ziemlich deutlich. Eine relativ widersprüchliche Geschichte, in der Kafka seine innere Zerrissenheit gegenüber dem Judentum höchst symbolhaft thematisiert. Man müsste sie allerdings hier noch etwas negativer deuten.

    Noch problematischer wirkt da die Einflechtung der Erzählung Ein altes Blatt, in der die Machtlosigkeit eines Kaisers gegenüber fremden Nomaden, die eine Stadt belagern, beschrieben wird. Als verängstigtes Volk lässt Kriegenburg seine fünf Blumenfelds sich verzweifelt ans Interieur klammen, während sie von den beiden Friedas, die zu regelrechten Furien mutieren, bedrängt werden. Die Unruhe der Figuren, das immer wieder Abrutschen an der schiefen Ebene entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik und Ironie. Das Gefühl der inneren Sicherheit geht ja auch dem Bau-Verteidiger irgendwann flöten. Nur resultiert dies ja bekanntlich aus einer eingebildeten Gefahr.

    Wenn allerdings die Messer gewetzt und Abwehrwaffen gebastelt werden, kippt die Inszenierung vollends ins Paranoide und gibt die Stimmung in Teilen des Volkes – man summt auch mal die Melodie des Deutschlandlieds – durchaus recht drastisch wieder. Bei all dem momentanen Abschottungswahn will diese Inszenierung vielleicht ein Möglichkeitsraum sein, die Paranoia wegzulachen. Ein humorvoller Hoffnungsschimmer durch die Lücken der kafkaesken chinesischen Mauer, mit deren Bau die Länder Europas gerade den inneren Zusammenhalt erzwingen wollen.

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    Ein Käfig ging einen Vogel suchen
    von Franz Kafka
    Regie / Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad, Dramaturgie: Juliane Koepp
    Mit: Elias Arens, Laura Goldfarb, Moritz Grove, Bernd Moss, Jörg Pose, Nele Rosetz, Natali Seelig, Lisa Quarg
    Premiere war am 13. Februar 2016 im Deutschen Theater
    Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
    Termine: 18.02. / 13. und 16.03.2016

    Infos: https://www.deutschestheater.de/

    Zuerst erschienen am 15.02.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Unterwerfung – Edgar Selge turnt Michel Houellebecqs Roman am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in der Regie von Intendantin Karin Beier

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    Konnte man es schon für einen Coup halten, dass Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung gerade am Tag der islamistischen Attentate auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo erschien, so ist seine Adaptierung für das Theater ein Jahr später, auch wegen der erneuten Terroranschläge, nicht minder brisant. Mit seinen Romanen polarisiert Houellebecq seit jeher nicht nur Frankreich. Ganz bewusst schocken wollte er mit dem Gedankenspiel seines letzten Romans, in dem es im laizistischen Frankreich zum Wahlsieg eines gemäßigten Muslimführers kommt, der die Übernahme der Macht dem breiten Bündnis der liberal-bürgerlichen Parteien von mitte-links bis mitte-rechts verdankt, um eine Präsidentschaft Mariene Le Pens vom rechtsextremen Front National zu verhindern.

    Obwohl der Roman lediglich ein recht provokantes Gedankenspiel ist, erntete Houellebecq für seine dystopische Zukunftsvision eines islamischen Frankreichs im Jahr 2022 Kritik aus allen gemäßigten politischen Lagern und leider auch Zustimmung vom rechten Rand. Selbst das bürgerliche Feuilleton war sich nicht einig, ob Unterwerfung eine radikale politische Gesellschaftsanalyse ist oder einfach nur islamophob. Dass der Roman vor allem mit sehr Frankreich-spezifischen Bezügen arbeitet, machen Houellbecqs literarische Überlegungen für Deutschland aber nicht uninteressanter.

     

    Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto (c) Klaus Lefebvre
    Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
    Foto (c) Klaus Lefebvre

     

    Der Romanheld François ist ein typischer Vertreter der liberalen republikanischen Gesellschaft. Der 43jährige Literaturwissenschaftler und Professor an der Pariser Sorbonne verdankt seine akademische Karriere jenem System aus Resten von sozialdemokratischen Werten und gewissen sozialen Vergünstigungen. Trotzdem ist er weitestgehend unpolitisch und steht allem eher desinteressiert gegenüber. Houellebecq beschreibt hier sehr pointiert die herrschende Agonie in der französischen Gesellschaft und Politik, die nun aber durch das Erstarken der Rechten, offen ausgetragene ethnische Spannungen und das Auftauchen der gemäßigten Muslim-Bruderschaft neue Impulse erhält.

    François ist einer der typischen, männlichen Charaktere, wie sie Houellebecq zu Hauf in seinen Romanen beschrieben hat. Er ist opportunistisch, sexuell frustriert und pflegt keine nennenswerten sozialen Kontakte außer den wechselnden Semesterliebschaften mit seinen Studentinnen. Nur die Literatur und seine enge Verbundenheit zu dem Schriftsteller Joris Karl Huysmans, einem Vertreter der Epoche der sogenannten Décadence, haben ihm bisher Halt gegeben. In einer Phase der Enttäuschung und Orientierungslosigkeit hatte dieser sich dem Katholizismus zugewandt. François spirituelle Sinnsuche im Kloster scheitert aber an seiner inneren Leere und lässt ihn schließlich aus ganz materiellen und körperlichen Beweggründen zum Islam konvertieren.

    Auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses Hamburg spielt in der Regie von Intendantin Karin Beier der bekannte Film- und Theaterschauspieler Edgar Selge diesen innerlich abgestumpften und äußerst widersprüchlichen Charakter. Seine Verwahrlosung macht sich schon allein äußerlich bemerkbar. Selge trägt zunächst Parker zu wirrem Haarschopf und einen nichtssagenden, beigen Anzug. Die Ähnlichkeiten zum Autor Houellebecq sind hier sicher nicht rein zufällig. Er spielt vor dem durch eine Sperrholzwand geschlossen Bühnenraum, in die Olaf Altmann eine drehbare Trommel mit kreuzförmiger Öffnung gebaut hat. Das sich beständig drehende Symbol des christlichen Glaubens wird von Selge immer wieder beklettert. Hier macht er es sich bequem. Ändert das Kreuz die Lage, passt sich der Schauspieler an oder verlässt den einengenden Raum.

     

    Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto (c) Klaus Lefebvre
    Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
    Foto (c) Klaus Lefebvre

     

    Edgar Selge bestreitet den Abend solo, was kein Problem ist, da Houellebecqs Roman ein eloquent erzählter Strom aus François‘ Gedanken und einigen wenigen Dialogen ist. Seine Gesprächspartner mimt Selge mit teils verstellter Stimme oder einer Änderung der Körperhaltung, die das Gegenüber charakterisieren soll. Das funktioniert über weite Strecken des gut zweieinhalbstündigen Abends, auch wenn Selges Vortrag oft ein wenig zu sehr in den ironischen Plauderton kippt. Er stellt die Figur aus, gibt sie vielleicht sogar ein wenig der Lächerlichkeit Preis. Die zeitweise recht sarkastischen Äußerungen François‘ z.B. zum Patriarchat oder seine Pseudophilosophien über Kochtopffrauen und Dirnen geben dazu allerdings auch jeden erdenklichen Anlass.

    François ist der Sklave seiner sexuellen Phantasien und allen erdenklichen erotischen Reizen zugetan. Die expliziten Sexschilderungen mit seiner jüdischen Ex-Freundin Miryam und etlichen Escort-Damen erspart uns Selge nicht. Ansonsten ergeht sich der sehr ich-bezogene Mann seinem Selbstmitleid, alltäglichen Lebensplagen wie seinem verhassten Lehr-Job an der Uni, der Angst vorm Älterwerden ohne Partner und kleineren körperlichen Gebrechen wie Hämorriden und Ausschlag an den Füßen. Selge schmiert sich Salbe an die Füße und ins Gesicht und gibt damit eine grotesk clowneske Figur ab. Er schleppt Einkaufstüten in sein Kreuzverließ, isst, trinkt Wein und verfolgt den sich vollziehenden Wandel als passiver Teilnehmer am Fernseher oder in Gesprächen mit Kollegen.

    Bei all dem sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass es außer um die Lebenskrise eines mittelmäßigen westlichen Mannes ohne besondere Eigenschaften, sieht man mal von seinen intellektuell verbrämten Machismen ab, auch um einen gesellschaftlichen Wandel geht. Der vollzieht sich im Roman wie auf der Bühne nach der großen Koalition aller Parteien mit dem neuen Staatspräsidenten Ben Abbés ohne große Aufregung. Etwas, das vor allem François auffällt: Die Frauen verschwinden aus dem öffentlichen Leben. Aus der Uni ausgeschieden begegnet er dem Präsidenten der jetzt islamischen Sorbonne, Robert Rediger, einem ehemals konservativen Katholiken und Nietzscheaner, der ihm schmeichelt und ihn bei seinem Ego packt. Die Aussicht auf Geld und ein unkompliziertes, patriarchal organisiertes Eheleben mit drei Frauen machen es François leicht, sich einem Gott zu unterwerfen. Echte spirituelle Gedanken spielen bei der Abwendung vom Laizismus allerdings kaum eine Rolle.

    Selge legt nach und nach seine Kleider ab, ein Prozess des inneren wie äußeren Verfalls und der Auferstehung im reinen Weiß eines unbeschriebenen Blattes. François hat nichts zu bereuen und sieht in der Konversion eine zweite Chance für sein verkorkstes Leben. Das Trommelkreuz fährt nach hinten weg und lässt ein großes Loch. Dass nun auch noch die vorher schon desöfteren erwähnten Burka-Mädchen auftauchen und die Bühne leer räumen, ist nur ein Verweis auf Kommendes, das zu diskutieren die Regisseurin allerdings unterlässt und sich ganz auf die Kunst ihres Mimen verlässt.

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    Unterwerfung (SchauSpielHaus, 06.02.2016)
    von Michel Houellebecq
    Ein Monolog mit Edgar Selge
    Regie: Karin Beier, Bühne: Olaf Altmann, Licht: Rebekka Dahnke, Kostüm: Hannah Petersen, Dramaturgie: Rita Thiele
    Deutschsprachige Erstaufführung am 06.02.2016 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
    Dauer: Zwei Stunden, vierzig Minuten, eine Pause

    Termine: 17.02. / 03., 16., 26.03.2016

    Infos: http://www.schauspielhaus.de

    Zuerst erschienen am 08.02.2016 auf Kultura-Extra.

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  • „Ich bin wohl, … Alle Wetter sind schön“ – Johanna Schall inszeniert Peter Hacks‘ Monodrama über die vom Weimarer Klassiker-Genie Goethe verlassene Frau von Stein am Renaissance-Theater Berlin mit Annika Mauer in der Hauptrolle

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    Der Dramatiker, Lyriker und große Essayist Peter Hacks wird heute nicht mehr allzu oft auf den großen Bühnen der vereinten Bundesrepublik gespielt. Zuletzt führten 2010 Jürgen Kuttner und Tom Kühnel sein DDR-Produktions-Stück Die Sorgen und die Macht ganz erfolgreich an den Kammerspielen des Deutschen Theaters auf. Ein weiteres, zeitloses Erfolgsstück ist aber mit Sicherheit das 1974 uraufgeführte Monodrama Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe. Nicht nur dafür umarmte den sozialistischen Dichter Hacks sogar das bürgerliche Feuilleton, und der verstorbene F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher tönte 2008: „…er ist unser“. Wobei noch zu klären wäre, wen Schirrmacher eigentlich genau mit „unser“ meinte.

    Peter Hacks - (c)Bundesarchiv-Bild-183-R1202-328-CC-BY-SA-3.0
    Peter Hacks – (c)Bundesarchiv-Bild-183-R1202-328-CC-BY-SA-3.0

    „Kommunismus ist, wenn Shakespeare verstanden wird.“ – verständlicher ist Peter Hacks nicht zu haben. Und das ist nur eines seiner vielen apodiktischen Bonmots, die der 2003 als wahrscheinlich letzter seines Schlages Verstorbene für die Nachwelt hinterlassen hat. Ein anderes lautet: „Haltungen kann man nicht erläutern; Haltungen nimmt man ein.“ Der Meister der sozialistischen Klassik ist vor allem für seine Forderung, eine Haltung zu bewahren, erst zum Klassiker geworden. Und dass als Vorbild seiner Klassik nur der Weimarer Dichterfürst Goethe in Frage kam, machte Hacks unmissverständlich klar: „Die Kunstrichtung der Klassik bestand aus einem einzigen Autor, Goethe.“

    Und so steht es dann auch im erwähnten Monodrama über das abwesende Genie: „Weimar, das ist Goethe.“ Dass er erst in der Weimarer Gesellschaft zum Dichter reifen konnte, legt Hacks zumindest nahe und der Erzieherin des zunächst flegelhaften und zu domestizierenden Genies, Charlotte von Stein, in den Mund. Fakt ist, dass die Beziehung vor allem für Goethes Werdegang von Vorteil war. Dass er 1786 nach elf Jahren den ihn einengenden Verhältnissen am Weimarer Hof ohne Abschied entfloh, empfand die Verlassene daher auch als persönlichen Affront. Ganze fünf Akte lang lässt sich die adlige Dame über die Macken des Dichters aus. Hacks hat Material aus Briefen beider und auch aus persönlichen Quellen zu einer hochpoetischen Suada gemixt, in die er sogar sein Verhältnis zum Intimfeind Heiner Müller und dessen Frau, der Lyrikerin Inge Müller, gedanklich mit hineinschrieb.

    Denn: In dem Genie des abwesenden Herrn von Goethe sah Hacks niemand anderen als sich selbst und in der sich etwas zickig gebenden Frau von Stein die Personifikation einer feudalabsolutistischen und reaktionären Gesellschaft als Hindernis für ein sich frei entfaltendes Künstlertum bzw. im Umkehrschluss bezogen auf die DDR auch deren sich bisweilen selbst absolutistisch gebende Kulturpolitik – wenn nicht gar die Partei oder den Staat selbst, dem Hacks in herzlicher Hassliebe verbunden war. Gleichwohl eine unerfüllte Zuneigung, die Hacks dennoch bis zum bitteren Ende des Sozialismus pflegte und sich seinem Objekt der Begierde auch nicht durch vorzeitige Flucht entzog. Im Gegenteil – er weinte noch in Gedichten einem ihrer Bollwerke als „der Erdenwunder schönstes“ nach. Ein paradoxer Widerspruch, der sich durch den Wegfall der DDR nur noch verschärft haben dürfte. Das alles muss man im Hinterkopf behalten, will man Hacks Stück verstehen oder es gar aufführen. Es ist ein nach wie vor hoch politisches und selbstreferenzielles Werk. Trotzdem bleibt da immer auch reichlich „Spiel“-Raum für Interpretationen.

     

    (c) Renaissance-Theater
    (c) Renaissance-Theater

     

    Hätte der Meister der sozialistischen Klassik einen Ort für die Umsetzung seiner Pläne für ein sozialistisches Hoftheater bestimmen können, dann wäre es zweifellos das Deutsche Theater Berlin mit seiner neoklassizistischen Anmut gewesen, auch wenn man im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt in schönster Regelmäßigkeit noch immer Hacks‘ Monodrama von der Frau von Stein und dem abwesenden Genie aufführt. Hätte, wäre, wenn – ist aber nicht. Nun, das Renaissance-Theater ist auch nicht zu verachten. Wenn schon nicht Klassik, dann wenigstens Renaissance. Jedoch niemals nicht Romantik. Nun will es der Zufall, dass Darstellerin und Regisseurin beide einst am Deutschen Theater beschäftigt waren. Annika Mauer hat schon seit geraumer Zeit ihr Arbeitsasyl am Charlottenburger Renaissance-Theater gefunden. Und sie ist mit Sicherheit nicht nur ein Ersatz für die Anfang letzten Jahres aus Krankheitsgründen von der Rolle zurückgetretene Dagmar Manzel. Was Regisseurin Johanna Schall betrifft, so führt sie hier nach einer gefühlten Ewigkeit wieder mal Regie in Berlin.

    Frau Schall setzt in Kostüm und Bühnenbild voll auf ironisierendes Zeitkolorit. Annika Mauer trägt Blümchenreifrock, Strickjäckchen und Rokoko-Perücke. Das wirkt ein bisschen putzig aber auch passend spießig. Im Lehnsessel am Fenster sitzt nicht wie bei Hacks eine Puppe des Freiherrn von Stein, sondern hängen nur locker ein paar Kleidungsstücke. Links steht ein Spinett und rechts eine etwas angeknabberte Büste des jungen Dichters. Auch der Scherenschnitt von Charlotte von Stein, der Goethe einst auf die Dame aufmerksam machen sollte, hängt an der Wand. Weimarer Klassik dürfte ihr allerdings Wurscht sein, und Annika Mauer legt sofort los, den „berühmtesten Grobian“ vorzuführen. Das macht sie ganz ordentlich, zu weilen auch etwas zu ranschmeißerisch. Allerdings spielt hier ja jemand jemanden, der eine Rolle spielt, Publikum braucht und dankbar gefunden hat.

    Goethe auf einer Postkarte-nach-einem-Gemälde-von-Georg-Oswald-May 1779 - Wikipedia
    Goethe auf einer Postkarte nach einem Gemälde von Georg Oswald May 1779 – Wikipedia

    Hacks selbst spielt nur als Textlieferant eine Rolle. Goethe als Genie ist ebenfalls abwesend. Er bleibt zunächst noch Mann, auch wenn er über den Dingen zu schweben scheint. Und auch der ungeliebte Ehegatte von Stein bekommt sein Fett weg, und das in recht deutlichen Worten. Ob hier nun ein Lustspiel aufgeführt wird oder eine verdrehte Emanzipationsposse, wird nicht ganz klar. Annika Mauer rollt die Worte, flötet „Lieböö“ oder schnarrt vom „Wettterrr“ und stottert gekonnt die gesetzten Versprecher beim Vortragen des geflunkerten Liebesakts. Immer wieder holt sie aus einer demonstrativ lang ausziehbaren Schublade Goethes Briefe. Erst leis, dann immer lauter klingt das Posthorn und kündigt die finale Pointe an. Hier schlägt das Genie Goethe/Hacks zurück. Aus dem erhofften Heiratsantrag wird nichts. Aber Goethe fühlt sich wohl und: „Alle Wetter sind schön.“

    Die Stein reißt Goethes Kiste wie ein Westpaket auf, umtänzelt den Tisch mit der italienischen Herkulesstatue, lässt diese aber – wie schon zuvor die vom Universalgenie bemalte Kaffeetasse – fallen. Das wird hier aber weder ein großes Scherbengericht noch ist es eine Gesellschaftstragödie mit Frau von Stein in der Hauptrolle einer gescheiterten Heldin von gestern, die nach Fassung ringt. Jedoch nach hinten raus ein durchaus starkes Psychogramm, dem Annika Mauer nach der Pause noch ein paar mehr Facetten abringen kann. Und das muss der Neid ihr mindestens lassen, darin bleibt sie unbestrittene Siegerin über die etwas unentschiedene Regie.

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    Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe (02.02.2016)
    von Peter Hacks Regie: Johanna Schall
    Bühne: Horst Vogelgesang
    Kostüme: Petra Kray
    Dramaturgie: Gundula Reinig
    mit Anika Mauer als Charlotte von Stein
    Premiere war am 31. Januar 2016 im Renaissance-Theater Berlin
    Termine: 19., 20., 21.02. / 02., 03., 04., 30. und 31.03.2016

    Infos: http://www.renaissance-theater.de/

    Zuerst erschienen am 05.02.2016 auf Kultura-Extra.

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  • The Hateful Eight – In seinem achten Kinofilm beerdigt Quentin Tarantino gnadenlos die uramerikanische Mentalität des bewaffneten Law-and-Order-Denkens

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    The Hateful Eight_FilmposterNach The Revenant von Alejandro González Iñárritu ist mit Quentin Tarantinos The Hateful 8 der zweite große Schneewestern des Jahres in die deutschen Kinos gekommen. Auf den 156 Minuten währenden Rache- und Überlebenskampf von Leonardo DiCaprio legt Kultregisseur Tarantino für sein neuestes, in 70mm Panavison gedrehtes Kinowerk nochmal 11 Minuten drauf und erreicht mit der um weitere 20 Minuten längeren Originalfassung immerhin satte 187 Minuten. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Der Meister des gut gemachten Trashs hat sich, was die Länge seiner Filme betrifft, seit seinem 1992 erschienenen Erstling Reservoir Dogs (95 Minuten) stetig gesteigert. Und was die expliziten Gewaltszenen betrifft, werden die Fans des Splatter-Movies in The Hateful 8 ebenfalls auf ihre Kosten kommen. Auch wenn man nach dem Motto „Warten steigert das Verlangen“ diesmal etwas mehr Geduld zeigen muss. Wirklich langweilig wird es allerdings auch in den ersten zwei Dritteln des Films nicht.

    Fing Iñárritu die Weite der Bergwelt im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten um 1824 mit einer hochauflösenden Digitalkamera ein, so leisten sich Tarantino und sein Kameramann Robert Richardson den Luxus eines analogen, fast ausgestorbenen 70mm-Super-Breitwand-Formats. The Hateful 8 spielt einige Jahrzehnte später nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg in Wyoming. Gedreht wurde in Colorado auf den Spuren des großen Western-Helden John Wayne. Tarantino frönt also auch in seinem achten Werk dem Hang für die Filmgeschichte. Noch mehr als an Zitaten aus alten Genre-, Trash- und B-Movies berauscht sich der Regisseur allerdings diesmal an sich selbst. Kenner werden unschwer Verweise auf Themen, Stilmittel und andere kleine Details aus Tarantinos bisherigem Filmschaffen finden.

    Wenn man so will, ist es nicht das sogenannte verflixte siebte Jahr, das ihm zu schaffen macht, sondern lässt sich der Titel The Hateful 8 durchaus auch als der „verhasste“ achte Film verstehen – ein selbstironischer Rückblick auf fast 25 Jahre als Regisseur und Drehbuchautor. Und was in diesem Film so hassenswert oder verabscheuungswürdig daherkommt ist, gebannt auf anachronistisches Filmmaterial, die nicht totzukriegende, uramerikanische Mentalität, Recht und Gewalt als Mittel zur Ordnung selbst in die Hand zu nehmen. Und so zieht sich das Rachemotiv wie ein roter Blut-Faden durch die Filme Quentin Tarantinos. Wobei das Zählen nicht zu den Stärken des Regisseurs zu gehören scheint. Genau wie die Anzahl von acht Filmen, ist auch die Anzahl der Figuren in The Hateful 8 relativ und nach Belieben erweiterbar.

     

    The Hateful 8 – (C) The Weinstein Company

     

    Und so treffen sich in der gottverlassen Schneewüste Wyomings zum dräuenden Soundtrack von Altmeister Ennio Morricone all die Gewalt und Bosheit, Dummheit und Verschlagenheit sowie der Hass und Rassismus aus über 200 Jahren Land of the Free and Home of the Brave, vertreten durch zunächst einmal acht ganz instinktgetriebene Archetypen. „Einer von denen, ist nicht das, was er vorgibt zu sein“, vermutet etwas später John Ruth (Kurt Russell), der rücksichtslose Kopfgeldjäger mit Hang zum Henken, der um seine 10.000 Dollar fette Beute bangt, die in der Person von Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) als lebendes Anhängsel an sein Handgelenk gekettet ist. In Ruth‘ Kutsche nach Red Rock steigen noch der schwarze Kopfgeldjäger und Ex-Nordstaaten-Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) mit drei bereits steif gefrorenen Beutestücken und der sich als neuer Sheriff von Red Rock vorstellende Sohn des ehemaligen Anführers der Mannix-Marodeure aus den Südstaaten, Chris Mannix (Walton Goggins).

    Alte Animositäten brechen auf, und das Territorium wird sofort verbal neu abgesteckt. Handfest einstecken muss zunächst nur die Gefangene, der im Lauf des Films noch ganz andere Sachen ins Gesicht fliegen werden. Der Film und seine Männerwelt gehen nicht gerade zimperlich mit dem „Miststück“ um. „Bastarde müssen hängen“, ist einer ihrer Lieblingssätze. Und in Minnies Miederwarenladen, in dem die Gruppe vor einem aufkommenden Schneesturms Zuflucht sucht, wartet auch schon der englisch näselnde Henker von Red Rock, Oswaldo Mobray (Tim Roth) in Gesellschaft des geheimnisvollen Cowboys Joe Gage (Michael Madsen), des wie ein (noch) lebendiges Inventarstück wirkenden alte Südstaaten-Generals Sandy Smithers (Bruce Dern) und des zwielichtigen Mexikaners Bob (Demián Bichir), der vorgibt, Minnies Laden vorübergehend zu führen. Sie und der eher unbeteiligte Kutscher O.B. (James Parks) komplettieren die „Hateful Eigth“, die sich nun in der klaustrophoben Enge der Blockhütte gegenseitig belauern. Schöner Running Gag ist dabei die kaputte Eingangstür, die immer wieder aufgetreten und zugenagelt werden muss.

     

    The Hateful 8 – (C) The Weinstein Company

     

    Die alle bereits in mehreren Filmen von Quentin Tarantino aufgetretenen Darsteller treiben, nachdem sie Norden, Süden und eine neutrale Zone markiert haben, ein mehr oder minder lustiges Spielchen aus Verdächtigungen, Erniedrigungen und Beleidigungen, denen nicht nur die Frau ausgesetzt ist, auch der nach Belieben mit dem N-Wort belegte Major Warren kommt dabei nicht zu kurz. Er revanchiert sich mit einer besonders perfiden Racheschilderung und ist auch ansonsten nicht untätig in der Hölle des weißen Mannes, in der er sich nur sicher fühlt, wenn er ihn entwaffnet weiß. Seine selbst gelöste Eintrittskarte in die Gesellschaft trägt er als Brief von Abraham Lincoln bei sich, der ihm in gewissem Maße Respekt wie auch Verachtung einträgt. Das hier trotz Afroamerikaner und Mexikaner der Nativ American im Gegensatz zu The Revenant überhaupt keine Rolle mehr spielt, ist geradezu bezeichnend.

    In seiner kammerspielartigen Szenerie verliert der Film nie ganz seine Spannung. Dafür sorgen vergifteter Kaffee, reichlich Blutstürze, unerwartete Wendungen und eine Rückblende zur Aufklärung der allerwildesten Befürchtungen. Tarantino greift dabei auf bewährte Erzählstrukturen zurück. In Kapiteln, teilweise mit Erzähler und in einem detailreichen Plauderton, läuft die Maschinerie in Richtung gewohnt splattrigem Showdown, bei dem der Regisseur konsequent beerdigt, was sich von Amerika noch träumen lies. Weder Schwarz noch Weiß retten diese Welt, die sich mit Wonne in ihren Urinstinkten suhlt. Mit dem Diskurs um den Unterschied von Gerechtigkeit und Lynchjustiz ist es bei allen trotz rudimentärer Ahnungen nicht weit her. Anschaulicher und kunstvoller lassen sich Gewaltexzesse dieser Art nicht zelebrieren.

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    THE HATEFUL EIGHT (USA, 2015)
    Filmstart in Deutschland: 28.01.2016
    Regie: Quentin Tarantino
    Drehbuch: Quentin Tarantino
    Produktion: Richard N. Gladstein, Shannon McIntosh, Stacey Sher
    Kamera: Robert Richardson
    Schnitt: Fred Raskin
    Musik: Ennio Morricone
    Kostüme: Courtney Hoffman
    Ausstattung: Yohei Taneda
    Verleih: Universum Film
    Dauer: 187 Min
    Mit: Channing Tatum, Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Zoë Bell, Michael Madsen, Bruce Dern, Demian Bichir, Walton Goggins

    Infos: http://thehatefuleight.com/

    Zuerst erschienen am 02.02.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs – Milo Rau inszeniert an der Schaubühne am Lehniner Platz einen ziemlich ungemütlichen Theaterabend

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    Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Daniel Seiffert
    Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto (C) Daniel Seiffert

    In seinem Fünf-Punkte-Aufruf gegen den „zynischen Humanismus oder wie man anfängt, die Welt zu retten“ in der Züricher Sonntagszeitung hatte Milo Rau schon vorab den Rahmen seiner neuen Inszenierung an der Berliner Schaubühne abgesteckt. Der Vorwurf des bekannten Schweizer Recherche-Theatermachers (u.a. Hate Radio, Breiviks Erklärung, The Civil Wars oder Das Kongo-Tribunal) richtet sich vor allem gegen die Ignoranz der westlichen Welt, die es sich beim Unterschreiben von Online-Petitionen in einer Art „Wohlfühl-Ethik“ bequem macht. Und so lautet dann auch das für uns wohl eher etwas unerfreuliche Motto des Theaterstücks Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs: „Alle sind Arschlöcher“.

    Hinzufügen sollte man noch, dass es Rau auch um den aufklärerischen Aspekt von Theater geht. Im Programmheft äußert sich der Regisseur zur westlichen Selbstgerechtigkeit wie folgt: „2015 war ein heilsames Jahr: Es war das Jahr, in dem sich auf Grund der sogenannten Flüchtlingskrise die Nebelwand auflöste, die uns bis dahin vor dem Anblick der Folgen unserer Wirtschaftspolitik im Nahen Osten und in Zentralafrika geschützt hatte.“ Eine Auffassung, die auch in den Aktionen des Zentrums für politischen Schönheit um Philipp Ruch vertreten wird, damit niemand mehr behaupten könne, er hätte von den Folgen der Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik des Westens nichts gewusst.

    Allerdings richtet sich Raus Stück nun vor allem gegen den aufkommenden „Charity-Diskurs“, der die vorgenannte Nebelwand wieder aufgezogen habe. „Wer sieht uns, wenn wir leiden?“ ist dann auch die zentrale Fragestellung des Abends, der in drei Teile gegliedert ist. Zentral steht der von Ursina Lardi an einem Rednerpult auf zugemüllter Bühne vorgetragene Bericht einer ehemaligen Entwicklungshelferin, die noch einmal zu Recherchezwecken für ein Theaterstück in den Kongo gereist ist und mit etwas Nostalgie in der Stimme auf ihre Zeit als Mitglied einer NGO-Organisation namens „Teachers in Trouble“ zurückblickt. Das ist natürlich ein aus Berichten mehrerer NGO-Mitarbeiter zusammengeschnittener Vortrag, der auch ganz bewusst etwas Künstliches, Belehrendes an sich hat. „Rette die Welt. Du dies, tu jenes nicht.“ So kokettiert Lardi mit ihrer eigenen Erfahrungen als Schauspielerin und den erlernten Mitteln der Darstellung. Übungen, abgestuft von leicht bis schwer, mit denen man die Botschaft zum Publikum rüberbringt. Mitleid zu erregen fällt nicht schwer, vor allem unterstützt durch das richtige Bildmaterial wie etwa das Foto des vor der Küste der Türkei ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan, das Lardi in die Kamera hält.

     

    Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Daniel Seiffert
    Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz
    Foto (C) Daniel Seiffert

     

    Der leicht ironischen Kritik am vorherrschenden Theater, dass das Elend der Welt noch einmal für die eigenen Zwecke instrumentalisiert, folgt die Beschreibung des Werdegangs einer angehenden Entwicklungshelferin, dem Drang folgend, im Leben etwas Sinnvolles zu tun, das sich dann auch noch gut im Lebenslauf und auf Partys macht. Lardis Erzählungen aus dem Leben in einem Flüchtlingslager im kongolesischen Goma an der Grenze zu Ruanda sind teilweise an Zynismus nicht zu überbieten. Um die Schreie der von den Hutus umgebrachten Tutsi nicht hören zu müssen, dreht sie Beethovens 7. Sinfonie immer lauter. Als sie später die aus Ruanda geflohenen Täter in einem Workshop betreuen muss, entlädt sich ihr ganzer Ekel über deren Verhalten. Aber auch nach dem Einmarsch der Tutsi-Befreiungsarmee in Goma nimmt das Töten kein Ende, das nun auch die einheimischen Mitarbeiter betrifft. In einer Art metaphorischem Albtraum beschreibt Lardi die Demütigung einer Frau und pinkelt dabei auf die Bühne. Theatralisch umschreibt sie das zwiespältige Wesen der NGOs mit Ödipus, der schon vorher weiß, dass er an der Pest in Theben Schuld ist und dennoch weiter sucht.

    Umrahmt wird dieser recht zynische Bericht mit der Lebensgeschichte der in Burundi geborenen Schauspielerin Consolate Sipérius. Sehr frisch und im Gegensatz zu Lardis gespieltem Duktus zwischen Belehrung und zeitweiliger Empörung vermag diese Erzählung wirklich zu berühren. Mit viel Ironie und einiger Verwunderung über ihr neues Leben im Westen Europas, in das Sie nach der Adoption durch eine belgische Pflegefamilie kam, legt sie den Finger noch einmal in die richtige Wunde. Consolate Sipérius hat als Kind den Genozid 1993 in Burundi überlebt. Sie ist eine Zeugin, wie sie selbst betont. Jedoch inszeniert sie sich bewusst nicht, und wird auch von Rau nicht als Opfer inszeniert, sondern als selbst denkendes, empfindendes und handelndes Wesen.

    Das verdeutlicht sich auch im Vergleich zweier Kinofilme, die sich um Gewalt und Rache drehen. Ursina Lardi erzählt die Geschichte von Grace aus Lars von Triers Parabel Dogville, bei der die quälenden Dorfbewohner am Ende mit Maschinengewehren erschossen werden. Consolate Sipérius schildert die Szene aus Quentin Tarantinos Inglouries Bastards, in der von französischen Widerstandskämpfern in ein Kino eingesperrte Nazis durch die Jüdin Shosanna, deren Familie sie umgebracht hatten, von der Leinwand herunter von ihrem nahen Tod erfahren. Am Ende kommt es darauf an, wer die Maschinengewehre hat, ist das Fazit von Lardi mit der Kalaschnikow in der Hand, während Sipérius sich für eine Soundcollage mit lachenden Kindern aus Burundi entscheidet. Ein Schuss Hoffnung am Ende eines nicht nur wegen des Mülls auf der Bühne recht ungemütlichen Theaterabends, der, mal ganz abgesehen von einer Katharsis, sicher noch länger nachwirken wird.

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    Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs (Schaubühne, 29.01.2016)
    von Milo Rau
    Regie: Milo Rau
    Bühne und Kostüme: Anton Lukas
    Video und Sound: Marc Stephan
    Dramaturgie: Florian Borchmeyer
    Mitarbeit Recherche/Dramaturgie: Mirjam Knapp, Stefan Bläske
    Licht: Erich Schneider
    Mit: Ursina Lardi und Consolate Sipérius
    Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
    Premiere war am 16.01.2016 an der Schaubühne am Lehniner Platz

    Termine: 10., 11., und 14.02. / 31.03.2016

    Infos: http://www.schaubuehne.de/

    Zuerst erschienen am 31.01.2016 auf Kultura-Extra.

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  • „Bilder deiner Großen Liebe“ und „Kruso“ – Zwei interessante Romanadaptionen im Hans Otto Theater Potsdam

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    Das Hans Otto Theater Potsdam hat mit der Dramatisierung von Uwe Tellkamps Dresden-Roman Der Turm bereits eine Buchpreis-gekrönte DDR-Geschichte im Spielplan. Nun kommt nach Magdeburg und Gera mit der Bühnenbearbeitung von Lutz Seilers Insel-Roman Kruso eine weitere hinzu. Der aus Gera stammende Autor hat dafür 2014 den Deutschen Buchpreis erhalten. In seinem Romanfragment Bilder deiner großen Liebe beschreibt der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf den Ausbruch des lebenshungrigen Mädchens Isa aus der Psychiatrie. Er knüpft hier lose an seinen Erfolgsroman Tschick an, der ebenfalls in Potsdam als Bühnenfassung zu sehen ist. Damit…

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    Intendant Tobias Wellemeyer belässt in seiner Inszenierung einer Bühnenadaption von Wolfgang Herrndorfs Romanfragment Bilder deiner großen Liebe alles im sterilen Drinnen.

    Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme
    Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

    Wolfgang Herrndorf hat sich 2013, nachdem es keine Hoffnung mehr auf Heilung seines Hirntumors gab, das Leben genommen. Er wollte das Ende selbst in der Hand haben. Nicht mehr in der Hand hatte Herrndorf die Vollendung seines letzten Romans Bilder deiner großen Liebe. Der posthumen Veröffentlichung des Fragments liegen ein Manuskript von 95 Seiten und ein Textkonvolut Verstreutes zugrunde, das die befreundete Autorin Kathrin Passig und der Rowohlt-Lektor Marcus Gärtner geordnet und zu einer halbwegs linearen Erzählung gebündelt haben. Es geht darin um den Ausbruch der 14jährigen Isa aus einer geschlossenen Psychiatrie. Auf ihrem Weg über Felder, durch Wälder und auf Berge begegnet dieses Mädchen mit wilder Fantasie den unterschiedlichsten Menschen, wie etwa einem philosophierenden Kanalschiffer, einem väterlichen Schriftsteller und auf einer Müllhalde auch zwei gleichaltrigen Jungs in einem alten Lada, die die Herrndorf-Leser schon aus dem Buch Tschick kennen.

    Der Roman ist in der Bühnenfassung des Dresdner Chef-Dramaturgen Robert Koall zu einem regelrechten Theater-Renner geworden. Tschick ist neben Dresden und Berlin auch am Hans Otto Theater Potsdam zu sehen. Nachdem Robert Koall im letzten Jahr auch das Romanfragment Bilder deiner großen Liebe für die Dresdner Bühne adaptierte, hat es nun der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer in der Reithalle neu inszeniert.

    „Eine weniger verlässliche Erzählerin als Isa, die mit einem taubstummen Jungen plaudert und sich an Dinge erinnert, die nicht stattgefunden haben können, ist kaum vorstellbar.“ heißt es im Nachwort zum Buch von Kathrin Passig und Marcus Gärtner. Tobias Wellemeyer hat das anscheinend etwas zu wörtlich genommen. Seine Inszenierung spielt in einem Bühnenbild (von Matthias Müller), das etwas von der Sterilität eines Krankenhausflurs mit Medikamentenschrank rechts und gefliester Waschnische links hat. Eine große Glaswand mit Doppeltür bildet die Grenze zwischen Drinnen und Draußen. Das lässt fast unweigerlich nur die eine Assoziation zu: Alle Berichte über ihre Erlebnisse können nur Isas Kopf entsprungen sein. Dagegen spräche eigentlich der konsequent im Präsens gehaltene Erzählstil des Romans. Man kann das natürlich auch anders deuten.

    So wäscht sich die fabelhaft wild fabulierende Nina Gummich als Isa nicht mit Fanta die durch einen Einbruch in ein Lebensmittelgeschäft blutig geschnittenen Füße, sondern im Waschbecken und steigt nicht etwa auf den „goldenen Berg“, sondern nur auf den Medikamentenschrank. Dafür schmatzt sie umso genüsslicher echten Lachgummi, dass man ihn bis in die vorderen Sitzreihen riechen kann. Ansonsten hat Nina Gummich wie in der Bühnenfassung vorgesehen einen nur Mann genannten Partner für die Begegnungen auf Isas Weg, dessen Ziel lediglich vage angedeutet ist. Diesen Mann spielt René Schwittay, erkennbar als Mitpatient im Bademantel. Und nicht nur die merkwürdige Klammer an seinem kahlen Kopf lässt erahnen, dass Wellemeyer hier den an Krebs erkrankten Autor persönlich meint, der sich im Mann auf dem Friedhof auch selbst in die Geschichte geschrieben hatte. Am Ende wird sich die Setzung des Regisseurs dann umso deutlicher offenbaren.

     

    Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme
    Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

     

    Bis auf zwei, drei Szenen durchläuft die Inszenierung die einzelnen Etappen des Romans, mal nur von Nina Gummich erzählt, mal im Dialog mit René Schwittay, der auch kleine Passagen aus dem von Isa mitgeführten Tagebuch vorliest, das hier fast als einziges Requisit ständig präsent ist und auch immer wieder wie zur Bestätigung von der jungen Ausreißerin vorgezeigt wird. Hier hat sie die Erinnerungen an ihre Kindheit oder das, was sie dafür hält, aufgeschrieben. Die enge Vater-Tochter-Beziehung etwa oder einen Traum über ein normales Familienleben wie in einem Heimkehrer-Film aus dem Krieg ins ländliche Idyll. Wirklich ausgespielt wird nur die auch im Roman recht lang beschriebene Kanalfahrt mit einem weisen Schiffer, der dem hibbeligen Mädchen eine merkwürdige Geschichte über einen Bankraub und das Wartenkönnen im Leben erzählt.

    Sehr witzig auch die Szenen, in der Isa mit dem taubstummen Jungen Olaf spricht und dazu die Klappe eines Mülleimers bewegt, oder beim Schriftsteller mit einem imaginierten Rasenmäher zwischen den Baumstämmen draußen vor der Glaswand kurvt. Hier verlässt das Mädchen auch erstmals das hermetische Drinnen. Hall, Videoeinsatz und unbändiges Tanzen im Stroboskoplicht unterstreichen die Vitalität Isas gegenüber einem sonoren elektronischen Pling-Pling in den nachdenklich stimmenden Momenten, in denen das Mädchen auch mal vor ihrem Video-Spiegelbild erschrickt.

    In ihren Selbstreflexionen sagt Isa einmal, dass sie lieber ein Junge wäre, da man als Mädchen plötzlich einen Körper hat, auf den man ständig reduziert wird. Das ist im Buch an einigen Stellen noch deutlicher ausformuliert, etwa wenn Isa sich unter einem Rasensprenger auf einem abendlichen Fußballplatz wäscht und dabei von einer Gruppe trainierender Jungen beobachtet wird, oder in der Beschreibung des wegen ihr onanierenden Fahrers eines Schweinetransporters. Diese Szenen sind wohl der eher kammerspielartigen Bühnenbearbeitung zum Opfer gefallen.

    Das Mädchen Isa ist mitnichten bescheuert oder gar geisteskrank. Sie ist, wie sie selbst betont, nur etwas ver-rückt – neben der ärztlichen Norm. Eine Herrscherin über das Universum, die mit den Fingern die Sonne aufhalten und sich selbst vor dem drohenden Sturz in den Abgrund retten kann. Ganz abzuheben vermag sie in Tobias Wellemeyers Inszenierung, in der der Regisseur viel auf die Vorstellungskraft des Publikums setzt und auf eine großartige Schauspielerin, die in ihrer Darstellung ungezügelter Wildheit und Lebenssucht fast schon etwas zu expressiv agiert. Trotzdem, oder gerade wegen Nina Gummich, ist dieser durchaus bewegende Abend dennoch sehenswert.

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    Bilder deiner großen Liebe
    Nach dem gleichnamigen Romanfragment von Wolfgang Herrndorf
    Für die Bühne bearbeitet von Robert Koall
    Regie: Tobias Wellemeyer
    Bühne / Kostüme: Matthias Müller
    Musik / Video: Marc Eisenschink
    Dramaturgie: Helge Hübner
    Besetzung:
    Isa: Nina Gummich
    Ein Mann: René Schwittay
    Premiere in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters Potsdam war am 22.01.2016
    Dauer: ca. 90 Minuten

    Termine. 30.01. / 20. und 21.02. / 13. und 28.03.2016

    Infos: http://www.hansottotheater.de

    Zuerst erschienen am 24.01.2016 auf Kultura-Extra.

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    Verlorene Insel-Utopie – Der mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnete Hiddensee-Roman Kruso von Lutz Seiler in einer körperbetonten Inszenierung von Elias Perrig

    Wie sein Romanheld Edgar hat Lutz Seiler in Halle studiert und war Saisonkraft auf Hiddensee. Die von ihm in Kruso beschriebene Gemeinschaft der „Esskaas“ in der Ausflugsgaststätte Zum Klausner hat daher durchaus reale Vorbilder. Und ähnlich dem Turm handelt es sich hier ebenfalls um eine von der DDR-Realität weitestgehend abgeschottete Nische.

    Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme
    Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

    Auf die Insel Hiddensee, diesen „Sehnsuchtsort der Freiheit“, treibt es den Germanistikstudenten Edgar im Sommer 1989 kurz vor der Wende. Er will den Tod seiner verunglückten Freundin G. vergessen und nimmt eine Arbeit als Tellerwäscher an. Die „Besatzung“ unter dem Gaststättenleiter Krombach besteht aus den verschiedensten Typen, Verlorenen und Lebensphilosophen. Deren heimlicher Kopf ist der Tellerwäscher Alexander Krusowitsch, genannt Kruso. Der Sohn eines russischen Generals und einer Hochseilartistin ist durch das ungeklärte Verschwinden seiner Schwester Sonja ähnlich traumatisiert wie Edgar. Der Trakl-Liebhaber und Spezialist für Barocke Lyrik findet in Kruso so etwas wie einen Bruder im Geiste, der selbst Gedichte schreibt und ihn unter seine Fittiche nimmt.

    Kruso hat auf der Insel ein ausgeklügeltes Beherbergungssystem für DDR-Fluchtwillige geschaffen, die es von Hiddensee aus über den Bodden in Richtung der dänischen Insel Møn zieht. Allerdings will Kruso diese sogenannten Schiffbrüchigen innerhalb von drei Tagen mittels gemeinschaftsbildenden Initiationsriten zu ihren inneren „Wurzeln der Freiheit“ führen, so dass sie in der Lage sind, die Insel wieder in Richtung DDR-Festland zu verlassen und somit die Unfreiheit der Verhältnisse über die Zeit durch die Freiheit der Herzen und Menge der Bekehrten ändern. Diese Utopie einer solidarischen Gemeinschaft beschreibt Lutz Seiler in einer sehr poetischen Prosa. Liebe und Poesie als Widerstand.

    Diese Poesie der Worte kommt in der Inszenierung von Elias Perrig nur hin und wieder zum Vorschein. Zu Beginn schwebt Ed (Holger Byhlow), seine Vorgeschichte erzählend, wie ein „Pilot in seiner Kapsel“ vom Schnürboden aus in die mit Sperrholzwänden umfasste Bühne, die das Innere der schützenden Arche des Klausners mit Tischen, Stühlen und Abwaschbecken darstellt. Die Besatzungsmitglieder funktionieren wie ein eingespieltes Team, was hier mit einem rhythmischen Teller-Frisbee dargestellt wird, in das sich Ed nach und nach einfügen muss. Nach der immer gleichen, monotonen Alltagsarbeit setzt man sich am linken Bühnenrand zu Lesungen von Gedichten.

    Als einzige Stimme der Außenwelt dringt die Sprecherin des Radiosenders Viola in die abgeschottete Welt des Klausners, die ansonsten alle Gerüchte von außen als „Festlandgeplapper“ abtut. Andrea Thelemann spricht Viola an einem alten Rundfunkmikrofon und gibt daneben noch die Kellnerin Karola im Leoparden-Overall. Die Kostüme verströmen etwas Zeitkolorit wie etwa der braune Doppelreiher von Krombach (Christoph Hohmann), der Karo-Pullunder von Tresenmann Rick (Philipp Mauritz), die super-kurze Jeanshose von Eisverkäufer René (Axel Sichrovsky) oder die schwarze Lederkluft des Kellners Rimbaud (Eddi Irle). Dagegen kommt wohltuend wenig Ostalgie auf, auch wenn einmal ein Tablett mit blauem Würger, grüner Wiese und anderen farblich gut aufeinander abgestimmten DDR-typischen Trostspendern die Runde macht. Man stellt sich auf zum Gruppenfoto, erzählt anschaulich vom Insel-Fußballturnier, bläst um Mitternacht das Deutschlandlied auf Flaschen und singt immer wieder stolz den Song vom Mond, Mann und Meer.

     

    Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (c) HL Böhme
    Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

     

    Die „Freie Republik Hiddensee“ weiß sich zu feiern, und der wie ein stämmiger Seebär in blauer Latzhose auftretende Raphael Rubino als Kruso schwingt seinen massigen Körper mit dem aus dem Abfluss gejäteten „Unkraut“ wie bei einem Schlangentanz. Das sind fraglos die lustigen Szenen der Inszenierung, in die sich auch immer wieder Nachdenkliches mischt, wenn Kruso zu seinen Inselrundgängen verschwindet und Ed auf der Suche bei Rommstedt (Christoph Hohmann) in der alten Strahlenschutzstation, die hier durch Videos mit Elektrowellen an den Wänden angedeutet wird, einiges aus Krusos Vergangenheit erfährt.

    Wie eine magische Fee taucht immer wieder Larissa Aimée Breidbach als Erinnerung Eds an G., als Mädchen Cleo, die ihm durch Krusos „Beglückungsprogramm“ zugelost wird, und als Verrückter Junge mit Schappka, der Lotsensignale per Flaggenalphabet gibt. Als gegenseitige Lotsen empfinden sich auch Ed und Kruso, fast so wie eine körperliche Symbiose von Robinson Crusoe und Freitag. Verbale und körperliche Reibereien zwischen Ed und René lassen dennoch erste Zweifel an Krusos Kulthandlungen aufkommen. Die sonnenbebrillte Staatsmacht interessiert sich für die beiden und eine angeschwemmte Wasserleiche. Immer wieder donnert lautstark eine MiG über die Szene. Dazwischen flötet die Radiostimme erste Meldungen von Flüchtlingen in Ungarn und der Prager Botschaft. Im Herbst beginnt dann die eingeschworene Inselgemeinschaft zu zerfallen. Erst Koch-Mike (Michael Schrodt), dann das Tresen-Ehepaar und schließlich auch Rimbaud verlassen die Insel.

    Nun verliert leider auch die Inszenierung etwas an Fahrt. Ed und Kruso müssen das Schiff allein auf Kurs halten. Das Ausbleiben der Schiffbrüchigen und Eds Zweifel empfindet Kruso allerdings als Verrat an seiner Utopie und hält noch einen wutentbrannten Vortrag über das Wesen und den Preis der Freiheit. Er beschreibt das neue System von Markt und Verbraucher zynisch als Fressen und Scheißen und wirft sich wie ein Sumo-Ringer auf Ed. Das Ende von Kruso bleibt hier etwas im Dunkeln, dafür rezitieren alle aus Eds Epilog, in dem er von seinen Nachforschungen nach dem Verbleib der vielen unbekannten, in Dänemark angespülten Flüchtlingsleichen berichtet. Das etwas beklemmende Ende einer weitestgehend annehmbaren Inszenierung, die allerdings nicht ganz an die Vorlage heranreicht.

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    Kruso (Hans Otto Theater, 24.01.2016)
    Stück von Dagmar Borrmann nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
    Regie: Elias Perrig
    Bühne / Kostüme: Marsha Ginsberg
    Musik: Marc Eisenschink
    Dramaturgie: Ute Scharfenberg
    Mit: Holger Bülow, Raphael Rubino, Christoph Hohmann, Eddie Irle, Michael Schrodt, Axel Sichrovsky, Philipp Mauritz, Larissa Aimée Breidbach, Andrea Thelemann
    Premiere war am 15.01.2016 Dauer: 2 Stunden, keine Pause
    Termine: 20. und 21.02. / 10., 18. und 25.03.2016

    Info: http://www.hansottotheater.de

    Zuerst erschienen am 26.01.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Die dunkle Seite des Mondes – Stephan Ricks Film nach einem Roman von Martin Suter kann sich nicht zwischen Psycho- und Wirtschaftsthriller entscheiden

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    Der Wald besitzt in Deutschland vom Mittelalter über die Romantik bis in die Moderne eine große symbolische Bedeutung. Es ranken sich um ihn viele Mythen und Märchen. So ist der dunkle Wald vor allem ein Sinnbild für das Unbekannte und die Gefahr. Die naturverliebten Romantiker dagegen verklärten den deutschen Wald als einen unverbrauchten Sehnsuchtsort. Außerdem steht der Wald in der psychologischen Traumdeutung für das Unbewusste und Verdrängte.

    Die%20dunkle%20Seite%20des%20Mondes_FilmplakatIn seinem 2000 erschienenen Roman Die dunkle Seite des Mondes, Bestandteil einer neurologischen Trilogie, greift der Schweizer Bestsellerautor Martin Suter das Wald- und Naturthema für einen Trip ins Unbewusste des Menschen auf. Er bezog sich im Titel auf ein Zitat Mark Twains, das besagt, jeder Mensch sei ein Mond mit einer dunklen Seite, die er niemandem zeigt. Eine weitere Quelle ist das Konzeptalbum der Rockband Pink Floyd The Darkside oft he Moon, das sich mit der Entstehung von Ängsten und Wahnsinn befasst und auf ein Ereignis im Roman verweist, bei dem der Held nach der Einnahme psychedelisch wirkender Pilze eine traumatische Bewusstseinsveränderung erfährt.

    Um das Psychologische in den Figuren seines Romans noch zu betonen, benutzt Suter in der Schweiz recht gebräuchliche, sprechende Namen. So heißt die Hauptperson, der Wirtschaftsanwalt Blank, der sich im Laufe der Handlung immer mehr vom Wald angezogen fühlt, mit Vornamen Urs. Weitere Beispiele sind die Namen Florin oder Lucille. Sogar im doppelten Wortsinn trifft das auch auf Pius Ott, den Förderer und späteren Widersacher Blanks zu, der ein Vermögen aus der geplanten Fusion zweier Pharmakonzerne ziehen will. Ott beauftragt mit der Durchführung die Kanzlei von Urs Blank, den er wegen seiner Durchsetzungskraft für besonders befähigt hält, seine Pläne umzusetzen.

     

    Die dunkle Seite des Mondes mit Moritz Bleibtreu im Wald - Foto (c) Felix Cramer/Alamode Film
    Die dunkle Seite des Mondes mit Moritz Bleibtreu im Wald – Foto (c) Felix Cramer/Alamode Film

     

    Allerdings ist Blank (Moritz Bleibtreu), nachdem sich Dr. Florin, der unterlegene Firmenbesitzer, eine bereits geglückten Fusion vor seinen Augen erschießt, seelisch etwas aus der Bahn geraten und zeigt plötzlich Skrupel. Die Verfilmung von Stephan Rick verweist schon zu Beginn auf Analogien zwischen dem wilden Wald, in dem der passionierte Jäger Ott (Jürgen Prochnow) einen Wolf erlegt und sich damit als Herr in der Natur zeigt, und der blanken Skyline der Frankfurter Geschäftswelt, in der Anwalt Blank in Anzug und Krawatte seinen Fusionsgegner Fluri vertraglich zur Strecke bringt.

    „Wer die Kunst begreifen will, muss in den Wald gehen“ sagt Blanks Freund und Psychologe Alfred Wenger (Luc Feit) auf einer Vernissage mit Wald-Fotos. Und der erfolgreiche Anwalt schert nun tatsächlich aus seinem geregelten Leben aus, verlässt seine Frau Evelyn (Doris Schretzmayer) und verliert sich vorerst ganz unbewusst im Wald, wo er die flippige Lucille (Nora von Waldstätten) trifft. Techno, Joints und ungezügelter Sex lassen ihn langsam wieder aufleben. Nach dem besagten Psilo-Pilztrip bei einer Hippie-Kommune im Wald bekommt Blank dann aber plötzlich unkontrollierte Aggressionsschübe, die er erst an der Katze von Lucille auslässt. Später verursacht er auch einen folgenschweren Verkehrsunfall, schlägt seine Geliebte und vergreift sich sogar am Chef der Kommune (André Hennicke), um zu erfahren, welche Pilze seine psychischen Veränderungen verursacht haben.

     

    Die dunkle Seite des Mondes mit Jürgen Prochnow und Moritz Bleibtreu - Foto (c) Felix Cramer/Alamode Film
    Die dunkle Seite des Mondes mit Jürgen Prochnow und Moritz Bleibtreu – Foto (c) Felix Cramer/Alamode Film

     

    Nun ist der von seinen düsteren Gemütsanwandlungen und plötzlichen Gewaltausbrüchen verstörte Anwalt gar nicht so sehr daran interessiert, seine dunkle Seite wirklich kennenzulernen, von der Lucille behauptet, dass sie nur das zutage fördert, was eh schon immer in ihm war. Und hier liegt das Problem des Buches wie der Irrtum des Films. Das Jekyll-und Hyde-Szenario, dass hier noch zusätzlich durch den Werwolf-Mythos verstärkt wird, muss irgendwie aufgelöst werden. Im Buch geschieht das durch eine lange Reise des Protagonisten in die Natur der Wälder, wo Blank den einen Pilz finden will wie einst William S. Burroughs auf der Suche nach Yagé, der seine vermeintliche Psychose wieder umkehren kann. Im Film dagegen muss das Psychologische zu Gunsten eines Wirtschaftskrimis weichen, bei dem es zusätzlich noch um die vernichtende Studie um ein MS-Medikament geht, die den Fusionsplan Otts zunichtemachen würde.

    Die schönen, geheimnisvollen Bilder des Waldes, in dem Blank eigentlich Ruhe und Frieden verspürt, wechseln ständig mit Szenen in der Zivilisation wie Blanks Kanzlei oder der Praxis Wengers und münden schließlich in eine gnadenlose Verfolgung des Abtrünnigen durch Ott und die Polizei, die Blank zum Gejagten machen und das Ganze mehr in Richtung Thriller verdichten soll. Das ist sicher ganz gut inszeniert und gespielt, kommt aber qualitativ nicht über einen Sonntagabend-TV-Krimi hinaus. Zudem lässt der zum Buch leicht abgewandelte Showdown im Wald alles in einem ganz anderen Licht erscheinen. Moralische Gesellschaftskritik, Genrefilm über die Machenschaften von Pharmakonzernen oder psychologische Studie – das lässt sich hier nicht mehr so genau ausmachen.

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    Die dunkle Seite des Mondes (Deutschland, Luxemburg 2015)
    Regie: Stephan Rick
    Drehbuch: Stephan Rick, Catharina Junk, David Marconi
    Basierend auf dem Roman von Martin Suter
    Kamera: Stefan Ciupek, Felix Cramer
    Schnitt: Florian Drechsler
    Szenenbild: Gabriele Wolff
    Kostüm: Magdalena Labuz
    Musik: Gast Waltzing
    Besetzung:
    Urs Blank: MORITZ BLEIBTREU
    Pius Ott: JÜRGEN PROCHNOW
    Lucille: NORA VON WALDSTÄTTEN
    Evelyn: DORIS SCHRETZMAYER
    Joe: ANDRÉ HENNICKE
    Wenger: LUC FEIT
    Konrad Geiger: NICKEL BÖSENBERG
    Dr. Fluri: MARCO LORENZINI

    Kinostart war am 14.01.2016

    Infos: http://www.alamodefilm.de/kino/detail/die-dunkle-seite-des-mondes.html

    Zuerst erschienen am 21.01.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Die Lücke im Kopf – Karin Henkel inszeniert den Labiche-Klassiker „Die Affäre Rue de Lourcine“ am Deutschen Theater Berlin mit einem fast schon aseptischen Humor

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    Es muss etwas Schreckliches passiert sein. Auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin ist eine ganze Kolonne Tatortreiniger am Werk. Wer die NDR-Comedy-Serie kennt, die sich durch jede Menge Situationskomik und den trockenen Humor des leicht untersetzten Couch-Philosophen Heiko „Schotty“ Schotte auszeichnet, weiß ungefähr, wie das aussieht.

    Hier sind es die Weißwäscher einer hypothetischen Schandtat, und das Bühnenbild des zur Aufführung kommenden Labiche-Stücks Die Affäre Rue de Lourcine ist schon zu Anfang vollkommen aseptisch rein. Es hat den Charme eines Krankenhauszimmers mit weißen Vorhängen und leichter Schräge, die zu einer verdeckten Matratzengruft führt, über deren Eingang ein Kreuz hängt. Dort schläft der wohlhabende Rentier Oscar Lenglumé seinen Rausch aus. Er hat sich am Abend zuvor heimlich aus dem Haus geschlichen, um zum Jahresbankett der Internats-Ehemaligen zu gehen. Durch seinen verschnupften Diener Justin geweckt, stellt der verkaterte Lenglumé eine gewisse Gedächtnislücke nach dem Salat fest. Zudem befindet sich in seinem Bett noch ein unbekannter Mann, der sich schnell als sein ehemaliger Mitschüler Mistingue entpuppt.

     

    Die Affäre Rue de Lourcine am Deutschen Theater - Foto (C) Arno Declair
    Foto (C) Arno Declair

     

    Auch der französische Lustspielautor Eugène Labiche ist ein Meister der Situationskomik und des hintergründigen Witzes. Einige seiner satirischen Boulevardkomödien gelten nach wie vor als Renner an den deutschsprachigen Stadttheatern. Man kann durchaus sagen, dass Labiches Stücke auch heute noch ganz gut mit dem allgemeinen Mainstream schwimmen können. Etwas bürgerlicher Spott, etwas Gesellschaftskritik – nur nicht zu viel davon, es soll ja noch Spaß machen. Und so singt man dann auch am Ende der Affäre Rue de Lourcine: „Ist’s vorüber, lacht man drüber, Lachen ist gesund! Kommt man mit dem Schreck davon, hat man einen Grund.“ Das Lachen soll hier also nicht im Halse stecken bleiben, auch wenn sich kurzzeitig ein paar Risse in der bürgerliche Fassade auftun.

    Solch ein moralischer Riss manifestiert sich bei Lenglumé durch das, was er glaubt, in jener Nacht nach dem Bankett getan zu haben. Die Lücke in der Erinnerung der beiden Saufkumpane wird mit ein paar verdächtigen Indizien wie Kohlenstückchen, Haarteil, Damenhaube und -schuh, sowie einer Zeitungsmeldung über den Mord an einer Kohlenträgerin gefüllt. Schnell glaubt man, durch den am Tatort gefundenen Regenschirm und ein Taschentuch mit verräterischen Initialen als Täter identifizierbar zu sein. Was folgt, sind verzweifelte Vertuschungsversuche und sogar weitere Morde.

    Das alles scheint der Regisseurin Karin Henkel als Inszenierungsmotiv nicht genug. Man soll sich hier ja nicht unter Niveau amüsieren. Dem Ganzen muss also noch eine philosophische Metaebene eingezogen werden. Was zur Folge hat, dass sich alles auf der Drehbühne Befindliche wie Kulissen und Stückpersonal ständig verdoppelt oder sogar verdreifacht. Das kennen wir schon aus der beim Theatertreffen 2014 genau an diesem Ort zu sehenden Inszenierung des Kleist‘schen Doppelgänger-Lustspiels Amphitryon, ebenfalls in der Regie von Karin Henkel. Zur Identitätskrise gesellen sich nun ein paar Wahrnehmungsstörungen und zeitliche Verzerrungen, die die Erkenntnisnöte der beiden delirierenden Möchtegern-Delinquenten noch verstärken. Ein sich ständig weiterdrehender Albtraum.

     

    Die Affäre Rue de Lourcine am Deutschen Theater - Foto (C) Arno Declair
    Foto (C) Arno Declair

     

    Das ist zunächst auch ganz eindrucksvoll gemacht. Michael Goldberg und Felix Goeser als Lenglumé und Mistingue sind bis zur inneren Kenntlichkeit entstellt, stehen bedröppelt neben sich oder laufen ihren zeitverzögerten Doppelgängern, die von Christoph Franken und Camill Jammal gespielt werden, nach. Die Szenen wiederholen sich dabei zeitweise oder wirken wie Loops, wenn Anita Vulesica als Gattin des konsternierten Lenglumés wie ein Automat immer wieder sagt: „Oscar, krieg’ ich keinen Kuss?“ Der Diener Justin wird zum bezopften Dienstmädchen und, wechselnd oder auch mal zu dritt, von Wiebke Mollenhauer, Christoph Franken und Camill Jammal gespielt. Letzterer bekommt sogar einen Auftritt als hinzuerfundener Sohn mit Piepsstimme. Alles wirkt dabei irgendwie zombiehaft. Choralartig wird immer wieder zur Musik einer kleinen Orgel gesungen.

    In Labiches gut getimter Vorlage bleiben kaum Möglichkeiten der weiteren Überdrehung, ohne dass es im totalen Klamauk enden würde. Allerdings müsste das Angebot eigentlich für eine angemessene Situationskomik reichen. So greift auch Karin Henkel zu den altbekannten, im Text befindlichen Gags wie Austrinken der Blumenvase, Furz- und Rülps-Konzert oder Slapstick-Nummern mit den Requisiten. Nur kann das mittlerweile ein Herbert Fritsch viel besser, der das Stück vor fünf Jahren in Magdeburg inszeniert hat. Karin Henkel setzt dafür konsequent auf Dekonstruktion der bürgerlichen Maske und Selbstgewissheit sowie einen Jekyll-&-Hyde-Effekt, der Mistingue die Morde am angeblichen Mitwisser Potard (Christoph Franken) und gleich in dreifacher Form am Dienstmädchen Justin stellvertretend für Lenglumé ausführen lässt.

    Leider kommt dabei nichts wirklich Doppelbödiges zum Vorschein. Ihr abgründiges Doppel-Ich ist den Figuren ja schon mit falschen Nasen und Gebissen ins Gesicht geschrieben. Alles verpufft trotz großer schauspielerischer Anstrengungen wie eine schlechte Pointe. Als wäre eben wirklich nichts geschehen. Das zeigen auch die sich nach hinten wegdrehenden Bühneneinbauten, die den Blick auf ihre Kulissenhaftigkeit freigeben. Es gibt sicher auch Inszenierungen, die ganz gut damit auskommen, was ihnen Labiche vorgegeben hat, ohne dabei so bemüht verkopft-verkatert zu wirken. Der Witz Labiches liegt eben in der Auslassung…

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    Die Affäre Rue de Lourcine
    von Eugène Labiche
    Regie: Karin Henkel
    Bühne: Henrike Engel
    Kostüme: Nina von Mechow
    Musik: Arvild Baud
    Dramaturgie: Claus Caesar, Hannes Oppermann
    Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Christoph Franken, Camill Jammal, Wiebke Mollenhauer, Anita Vulesica

    Premiere im Deutschen Theater war am 17. Januar 2016

    Termine: 22.01. / 15. und 24.02. / 04.03.2016

    Infos: https://www.deutschestheater.de

    Zuerst erschienen am 19.01.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Wir schaffen das – Hakan Savaş Mican adaptiert den Erfolgsroman „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada für das Maxim Gorki Theater Berlin

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    Foto (c) Esra Rotthoff
    Foto (c) Esra Rotthoff

    „Wir schaffen das.“ – Mit dieser gut gemeinten Angela-Merkel-Floskel könnte die äußerst gut gemeinte und über weite Strecken auch sehr gut gemachte Bühnenadaption des 1932 erschienen Erfolgsromans Kleiner Mann – was nun? von Hans Fallada, die Regisseur Hakan Savaş Mican am Maxim Gorki Theater inszeniert hat, die titelgebende Frage glatt beantworten. Aber was hat die Kleine-Leute-Geschichte aus einem in den Nachwehen der Weltwirtschaftskrise liegenden Berlin am Vorabend des aufkommenden Nationalsozialismus mit unseren aktuellen Problemen und erst recht mit der Aufnahme von über einer Million Kriegsflüchtlinge zu? Nun, sie hat es indirekt über eine häufig in Falladas Roman eingeforderte ethische Haltung zu einer breiten Solidarität, an deren Fehlen auch heute wieder die Gesellschaft krankt. Die deutsche, wie auch die gesamte Bevölkerung Europas, zieht sich zunehmend lieber ins eigene Private zurück und beharrt, wo sie dem Druck zur neoliberalen Selbstoptimierung (im doppelten Wortsinn) unterlegen ist, auf weitgehend egoistischen bis hin zu rein nationalistischen Positionen einer Das-Boot-ist-voll-Mentalität.

    Unsere angebliche Solidargemeinschaft hat sich über der Frage zur Aufnahme von Flüchtlingen in einem Maße zerstritten, was den Zuständen der Streitkultur auf den Straßen vor dem Ende der Weimarer Republik immer ähnlicher werden. Zumindest hat man diesen Eindruck, wenn man die Kommentarspalten der Internetmedien und sozialen Netzwerke liest. Es wird lieber lauthals Bedenken geäußert anstatt an die Möglichkeit einer positiven Veränderung der Zustände geglaubt. All das zeugt nicht gerade von einem hohen Grad an politischem Bewusstsein. Wohlgemerkt, nicht alle sind so. Und auch Fallada hat wie in den meisten seiner sehr realistischen Romane das Bild einer recht breit gefächerten Gesellschaft gezeichnet. Es braucht also kaum der zwanghaften Aktualisierung auf der Bühne. Womit wir wieder beim eigentlichen Thema – der Inszenierung im Maxim Gorki Theater – sind, die dann auch ganz im Gewand der 1930er Jahre daherkommt.

    Das stellt sich hier zunächst als recht unterhaltsames Revuetheater mit passender Live-Musik-Begleitung und komödiantischem Typenkabarett dar. Wobei sich besonders Tim Porath als kauziger Kartoffelhändler Kleinholz, norddeutscher Proletarier-Vater Mörschel und fast schon UfA-reifer Kleinganove Jachmann hervortut. Lustig anzusehen ist sicher auch Tamer Arslan als Schupo und Nazi Lauterbach mit Blondperücke. Sie teilen sich in schnellen Wechseln mit Mehmet Ateşçi als Schulze, Jänicke und Spannfuß, Çiğdem Teke u.a. als mondäne Mutter Mia Pinneberg und Mehmet Yılmaz als solidarischem Kollegen Heilbutt die Rollen der Romanvorlage. Das hat schon Luc Perceval in seiner 2010 zum Theatertreffen eingeladenen Münchner Fallada-Adaption so gemacht. Die Sympathien lagen damals genau wie heute beim jungen Ehepaar, das inmitten einer klar in Oben und Unten geteilten, durchkapitalisierten Welt verzweifelt um sein kleines Glück kämpft.

    In historischen Kostümen swingt, singt, springt und rennt man auf einem schrägen Steg aus Brettern, die hier die kleine Welt des kleinen Mannes Johannes Pinneberg (Dimitri Schad) und seiner großen Liebe Emma Mörschel (Anastasia Gubareva) bedeuten. Sie nennt ihn stoisch-optimistisch „Junge“, er sie liebevoll „Lämmchen“. Mican lässt seinen herausragenden Hauptdarsteller Schad zu Beginn schwärmerisch von den ersten zarten Berührungen beim Kennlernen im Provinznest an der Ostsee erzählen. Da ist die Liebe noch ganz romantisch. Die Alltagssorgen stellen sich dann aber relativ schnell mit der Verkündigung des „Murkel“ ein. Chorisch tritt hier das Ensemble als Arzt auf. Das von den jungen Eheleuten sparsam zurückgelegte Wirtschaftsgeld im Blecheimer wird immer weniger, und Schad singt jammervoll vom Glück der kostenlosen Freuden.

     

    Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.
    Das Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

     

    An der Rampe springt Pinneberg auf den auskragenden Brettern wie auf einem Sprungbrett, allein der Absprung zum Aufstieg will nicht glücken. Immer wieder ist er angewiesen auf die Hilfe von Heilbutt, dem Mehmet Yılmaz im Gegensatz zum unterwürfigen Pinneberg eine straffe Würde verleiht. Aber nicht etwa nur der progressiv denkende Anhänger der Freikörperkultur ist der „Turm“, sondern vor allem Lämmchen ist sein heimlicher Fels in der Brandung. An der einfachen Tochter aus dem Arbeitermilieu kann sich der wankelmütige Kleinbürger Pinneberg anlehnen und wird von ihr mit einem bodenständigen „Junge lass, es wird schon gehen“ mehr als einmal wieder aufgerichtet.

    Den harten Konkurrenzkampf der Angestellten untereinander verdeutlicht der Regisseur in einem ständigen Auf- und Abrennen der Schauspieler beim „Sacken“ im Laden des antreibenden Kleinholz‘ und dann wieder in der Herrenkonfektion des Kaufhauses Mandel. Überall, wohin Pinneberg kommt, beginnt von neuem der Kampf dagegen, abgebaut zu werden. Und wenn auch beim Umzug nach Berlin die vom Schürboden hängende Schirmlampe gegen einen Kronleuchter wechselt, ist das Glück doch trügerisch. Der Abstieg erfolgt über einen Lagerraum mit „Kino beim Kacken“ bis in eine alte Laube außerhalb Berlins mit blanker Glühbirne. Symbolisch eingeschnürt in mehrere Jacketts schwitzt Pinneberg unter der Angst seinen Verkaufs-Soll nicht zu erfüllen. Am Ende steht er ohne Hemd da.

    Als Pinneberg zuvor einmal die im Kleinen Tiergarten sitzenden Arbeitslosen beobachtet, zählt er sich als einer von Millionen gedanklich schon zu ihnen. Aus ihrer Mitte tritt Mehmet Ateşçi als Gast aus der Zukunft und gibt auf Pinnebergs Frage, ob es einmal leichter wird, einen Ausblick auf die deutsche Geschichte vom Krieg, über den Mauerbau, der Ankunft erster Gastarbeiter bis zum heutigen Stress mit den Vielen, die da noch kommen werden. Da spannt Hakan Savaş Mican den anfangs schon erwähnten Bogen in die Gegenwart, auch wenn er sich dann nur noch in der Figur des Verkaufsoptimierers Spannfuß, der hier wie ein moderner Motivationstrainer auftritt und von Work-Life-Balance faselt, eine weitere sinnfällige Aktualisierung erlaubt.

    Dass der kleine Angestellte Pinneberg sehr wohl auch zum kleinen Wutbürger neigt, zeigen seine kurzen Ausbrüche mit einem fast schon prophetischen Hinweis auf einen, der da mal kommen wird, um sich für die kleinen Leute einzusetzen. Falladas unpolitisch erscheinendes Pärchen als Gegenentwurf zur Radikalisierung auf der Straße zu sehen, die hier wie im Roman als Kampf Nazis gegen Sozis gegen Kommunisten hin und wieder aufflackert, greift da wohl etwas zu kurz. Der Abend verliebt sich manchmal zu sehr in seine rechtschaffende Nettigkeit. Sympathieträger sind die wunderbar spielenden Anastasia Gubareva und Dimitrij Schad allemal. Sie halten sich auch bei Micas noch im allergrößten Elend und der schlimmsten Demütigung aneinander fest. Ein starkes Bild, aber insgesamt auch eher schwacher Trost, der zumindest als Fünkchen Hoffnung und Anreiz, dass es zu schaffen wäre, weiterglimmt.

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    KLEINER MANN – WAS NUN? (Maxim Gorki Theater, 15.01.2016)
    Regie: Hakan Savaş Mican
    Bühne: Sylvia Rieger
    Kostüme: Sophie Du Vinage
    Musikalische Leitung und Komposition: Jörg Gollasch
    Dramaturgie: Holger Kuhla
    Mit: Tamer Arslan, Mehmet Ateşçi, Anastasia Gubareva, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Çiğdem Teke und Mehmet Yılmaz
    Live-Musiker: Valentin Butt, Lukas Fröhlich und Matthias Trippner
    Premiere war am 15. Januar 2016
    Weitere Termine: 27. 1. / 6., 25. 2. 2016

    Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de/

    Zuerst erschienen am 17.01.2016 auf Kultura-Extra.

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