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  • Berlin – Ecke Schönhauser. Regisseur Christian Weise und Puppenspieler Sebastián Arranz adaptieren einen 50er-Jahre-Klassiker der DEFA und holen ihn im Ballhaus Ost in den Prenzlauer Berg der Gegenwart. Als Zeitzeugin der noch geteilten Mauerstadt steht ihnen dabei die Schauspielerin Ursula Werner zur Seite.

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    Berlin - Ecke Schönhauser der Film
    Berlin – Ecke Schönhauser
    Filmplakat

    1957 drehte der Regisseur Gerhard Klein im Auftrag der DEFA den Film „Berlin – Ecke Schönhauser“. Das Drehbuch schrieb der später preisgekrönte Autor Wolfgang Kohlhaase. In sehr realistischen, ungeschönten Bildern erzählt der Film die Geschichte einer Gruppe unangepasster, rebellischer Jugendlicher im Ostteil Berlins, die, konträr zum erwarteten Bild eines, den real existierenden Sozialismus aufbauenden Menschen, jenseits von FDJ-Versammlungen und SED-Bevormundung, ihren eigenen Weg ins Leben suchen. Die DDR-Oberen hatten nach dem Tod von Väterchen Stalin für kurze Zeit Tauwetter befohlen und drückten beide Augen zu.

    Das West-Berliner Äquivalent von Regisseur Georg Tressler nannte sich „Die Halbstarken“ und war mit Karin Baal und Mädchenschwarm Hotte Buchholz besetzt. Ilse Pagé, der Brechtschwiegersohn Ekkehard Schall, Harry Engel und Ernst-Georg Schwill spielten in Kleins Ost-Variante. Ob nun Sissy und Freddy oder Dieter und Angela, wie das Leben so spielt, trennten sich auch in der Realität die Wege der damals noch jungen Darsteller. Einige wurden Filmstars im Westen und sogar in Hollywood, die anderen machten Karriere am Berliner Ensemble oder spielten im „Polizeiruf 110“, einer Serie des Deutschen Fernsehfunks der DDR.

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    So sah Berlin – Ecke Schönhauser 1957 aus.
    Filmstill DEFA

    Schauplatz der Geschichte von Angela, Dieter, Kohle, und Karl-Heinz ist der Kiez im Prenzlauer Berg, links und rechts der Schönhauser Allee mit ihrer markanten U-Bahn-Trasse. Ganz in der Nähe ihres damaligen Treffpunkts unter der Hochbahn steht in der Pappelallee das Ballhaus Ost, wo nun Theaterregisseur Christian Weise („Madame Bovary“ 2011 am Ballhaus Ost) und der argentinische Puppenspieler Sebastián Arranz, die nicht das erste Mal miteinander gearbeitet haben, den DEFA-Klassiker ins Berlin der Gegenwart holen, einem Ort der Gentrifizierung, des Ausländer- und Schwabenhasses sowie weiterer moderner sozialer Plagen.

    Sebastián Arranz wurde 1983 in Buenos Aires geboren, studierte dort zunächst Schauspiel und später an der „Ernst Busch“ in Berlin Puppenspiel. Alle seine Freunde waren schon in Berlin, also musste er unbedingt auch dahin. Jedoch nur nicht in den Prenzlauer Berg der Mütter, Boutiquen und Ökoläden, sondern dann schon lieber nach Neukölln und besser noch in den Wedding. Wie es im Prenzlauer Berg zu Zeiten des Films ausgesehen hat, weiß die ehemalige DDR- und Gorki-Theater-Schauspielerin Ursula Werner, die sich Arranz als Zeitzeugin und wunderbare Erzählerin mit authentisch berlinerndem Kiezeinschlag geholt hat.

    Ursula Werner und Sebastián Arranz im Ballhaus Ost.
    Foto (c) Jamal Tuschick

    Ursula Werner, geboren 1943 in Eberwalde, aber nur der drohenden Bombennächte wegen kurzzeitig im Bauch der Mutter aus Berlin aufs Land verschickt, in der Rodenbergstraße aufgewachsen und in der Greifenhagener zur Schule gegangen – ihre Arme fliegen erklärend von links nach rechts über die Schultern – wohnt heute immer noch hier im Prenzlauer Berg. Sie berichtet mit leuchtenden Augen und Verve in der Stimme von jüdischen Angestellten bei Osram, dem Bruder, der mit falschem Pass auf der Schwedenfähre flüchtete, heimlichen Blicken über die Mauer sowie dem Vater, der beim Kaffe- und Kaujummi-Schmuggeln in der S-Bahn nie erwischt wurde und auch sonst immer erfolgreich ein Rohr zu verlegen wusste.

    Beim Bäcker wurde der Kuchen noch frisch gebacken, Milch gab es in fliegenden Kannen und Ladenwohnungen mit Küche zum Hof. Unter den kalten Bodenbelägen kann man noch heute das vergilbte Zeitungspapier vergangener Tage finden. Berlin ist für den Taufschein die Würze. Hier kennt Ursula Werner jedes Eckhaus und weiß immer noch, wo damals die tollsten Kinos waren, bevor die Boutiquen einzogen. Sie baut in der Luft Eselsbrücken, singt von Engeln und drückt uns mit Hilde Knef und viel zu großem Mund an das zerknautschte Bärenfell der Stadt.

    Marlene Dietrich sang einst: „Fühlt Muttern ihre Lebenszeit verfliessen, im Testament wird schnell noch angebracht: „Vergesst mir bloß nicht, Vatern zu begießen“ – Das ist Berlin, wie’s weint, und wie es lacht.“ Auch Ursula Werner besingt ihr Berlin. Und man möchte ihr ewig dabei zuhören, wäre da nicht noch eine Kasperletheaterbühne mit Konnopke-Imbiss-Aufschrift und fünf begeisterten Puppenspielern, die auf ihren Einsatz warten. Gemeinsam mit Jan Lennart Krauter, Anna Menzel, Hans-Jochen Menzel und Julian Steinberg erweckt nun Sebastián Arranz lauter liebenswerte Holzköpfe zum Leben. Vor unseren Augen entspinnt sich dann auch ein lebhaftes Spiel ums nämliche. Im Hintergrund wechseln auf einer Videoleinwand Tag und Nacht, bis der Himmel über dem U-Bahnviadukt rot anläuft.

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    Berlin – Ecke Schönhauser heute im Ballhaus Ost
    Foto (c) Ballhaus Ost

    Dort stehen Milan, Max, Johnny und Jenny, ein Girly im Parker, dass weder Bock auf ´nen Job bei Rossmann oder NanuNana hat, noch darauf, um Zwölfe oben bei der Mutter zu sein. Die macht ihr ständig Vorhaltungen, während ihr Lover ein- und ausgeht und auf Jugendversteher macht. Jenny kellnert lieber im „Sonntag im August“, steht auf Typen wie Johnny Depp und knutscht mit Milan unter den U-Bahnbögen. Der hat einen Migrationshintergrund und einen Bruder, der sich als deutscher Polizist fühlt, aber leider nicht so gewählt ausdrücken kann. Integration ist für Milan kein Thema, wie einst auch für Dieter das richtige Hemd oder die politische Einstellung. Und statt Boggie, können er und sein Kumpel Johnny eh viel besser rappen. Der junge Latino wird von seinem versoffenen Stiefvater verprügelt. Ohne Pässe schaffen er und seine Mutter es nicht, ihn zu verlassen. Die hat ein Leben lang gespart, trotzdem ist die Kohle immer knapp.

    Für ein altes Smartphone von Max schießt Johnny die Laterne ein. Kohle wurde damals noch ´ne Westmark versprochen. Der Kommissar kommt ihnen auf die Schliche und mit der Liebe-Onkel-Tour. Er kann auch Kung Fu, wenn es darauf ankommt, was Milan zu spüren bekommt. Max ist zu clever für das Ganze und für Johnny sowieso. Seine Eltern dominieren den halben Bioprodukteabsatz im Prenzlauer Park und bunkern das Geld in einer Kassette unterm Bett, statt es der Steuer in den Rachen zu werfen. Die Aussicht als Mittelständler zu enden, reizt Max nicht sonderlich. Chillen ist besser und erben sowieso. Nur das Max nicht so lange warten will und ins Ökogeschäft der Alten einsteigt. Was er abzweigen kann, geht aufs eigene Konto.

    Zwei schrägen Ganoven besorgt Max Pässe für blonde Prostituierte aus Osteuropa. Wo es lang geht, stoßen ihm die beiden trotz klemmender Türen in einem minutenlangen, filmreifen Auto-Slapstick Bescheid. Später wird es einen Roberto Blanco weniger geben und einen neuen Erdenbewohner mehr. „Wir ham als Kinder och immer Kasperletheater offm Hof jespielt.“ sagt Ursula Werner zum Schluss. Da ist Kohle/Johnny aber schon tot und nicht bloß vom Krokodil gefressen. Das sind die sogenannten Geschichten, die das Leben heute immer noch schreibt. Die muss man nicht neu erfinden. Großer Jubel und Beifall im Ballhaus Ost.

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    Berlin – Ecke Schönhauser im Ballhaus Ost – Foto (c) Ballhaus Ost

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    Termine: 04. / 05. / 06. / 07. 12.13 jeweils 20:00 Uhr

    weitere Infos: http://ballhausost.de/spip.php?article547

    Der Beitrag ist am 16.09.13 auch auf Livekritik.de erschienen.

    Siehe auch Premierenkritik von Jamal Tuschik auf Kultura-Extra.

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  • RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE – Drei szenische Lesungen im neuen STUDIO Я am Maxim Gorki Theater

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    Süß findet die junge Prostituierte Bibi (Lina Krüger) Adems andauernde, ungelenke Annäherungsversuche. Süß und teuer sind auch die Baklava, die Adems Mutter Meryem (Sema Poyraz) aus der Türkei mit nach Berlin gebracht hat. Allerdings zeigt Adem (Jerry Hoffmann) mehr Interesse für Bibis Po, als für die lästigen Fragen und alten Geschichten seiner besorgten Mutter Meryem. Und dann gibt es da noch Adems Freundin Joelle (Katja Nesytowa), die Jüdin ist, und das leidige Problem: Wie bringe ich es meiner Mutter bei?

    Das neue STUDIO Я am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.
    Das neue STUDIO Я am Maxim Gorki Theater.
    Foto: St. B.

    Um derlei Probleme, Mutter-Sohn-, Mutter-Tochter- und/oder Tochter-Vaterbeziehungen sowie dass die jungen Protagonisten immer noch mindestens ein weiteres Land mitdenken müssen, obwohl sie doch in Deutschland geboren sind und hier ihren Lebensmittelpunkt haben, drehen sich die drei Stückentwicklungen, die das neue Gorki-Studio Я nun als szenische Lesungen herausgebracht hat. Die jungen Leute besitzen alle einen ganz bestimmten Hintergrund, der ihnen zu schaffen macht, ob sie nun wollen oder nicht. Ihre Eltern oder Großeltern sind irgendwann mal aus der Türkei, Afrika oder Russland nach Deutschland ausgewandert. Und wo wären ihre Geschichten besser aufgehoben, als am neuen Gorki Theater, das sich seit dieser Spielzeit mit neuer Intendanz und multiethnisch gemischtem Ensemble verstärkt den Themen der Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund widmen will.

    Adem wird im Lauf des von Hakan Savaş Mican geschrieben Stücks Du weißt ich muss gehen erfahren, dass es besser ist, sich den Problemen zu stellen, als vor ihnen davon zu laufen, auch wenn das Schmerzen auf allen Seiten zur Folge haben kann. Mutter Meryem erweist sich trotz Kopftuch als weitaus weltoffener als vermutet, und auch Joelle muss im Gespräch mit der Schwiegermutter in Spe einige ihrer Vorurteile revidieren. Regisseur Michael Ronen hat die Lesung auf einem großen Bett eingerichtet, was ein wunderbares Sinnbild für Unter-einer-Decke-Stecken bzw. etwas unter der selbigen halten wollen darstellt. Ins gemachte Bett kann sich hier jedenfalls keiner legen. Hakan Savaş Micans Stück, das zu ca. zwei Dritteln zur Aufführung kam, sprüht nur so vor Wortwitz, und man möchte gern erfahren, wie sich Adem nun entscheiden wird und ob es doch noch Hoffnungen auf das türkisch-israelische Wunder gibt, oder ganz andere Wunder auf die Protagonisten warten.

    Am liebsten auf den Mond schießen möchte Noah (Ernest Allan Hausmann), der Protagonist aus mais in deutschland und anderen galaxien von Olivia Wenzel, seine Mutter Susanne. Sie, einst siebzehnjährige Punkerin in der DDR, hat sich nie sonderlich für Noah interessiert. Susanne, in allen Lebenssituationen unglaublich präsent von Gorki-Schauspielerin Ruth Reinicke dargestellt, wollte immer nur ganz weit weg und hätte ihn gern zu seinem Vater nach Angola gebracht, um dann weiter zu fliehen. Das hat sie allerdings damals nur bis in die Psychiatrie gebracht. Noah wuchs die meiste Zeit bei seinen von Susanne wegen ihrer spießigen Angepasstheit gehassten Großeltern auf. Das Stück verfolgt Noahs Leben vom dreijährigen Jungen bis zum 50jährigen Mann, der immer noch auf der Suche nach sich selbst und seinen eigentlichen Talenten ist.

    Noahs Problem ist nicht so sehr seine dunkle Hautfarbe, obwohl er sich auch mal gegen eine Bande von Skinheads verteidigen muss. Wie seine Mutter kann er in seinen Beziehungen nie wirkliche emotionale Nähe aufbauen. Als Zwanzigjähriger, nachdem er endgültig bei Susanne ausgezogen ist, beginnt er seine Hassliebe zur Mutter in einem Comic zu reflektieren. Und der beinhaltet jenen finalen Wunsch, Susanne so weit weg wie möglich in die Galaxie zu schießen. Auf der Reise zum (bei einem Preisausschreiben gewonnen) Mondflug begegnet den beiden das wunderliche Mädchen Lila (Elmira Bahrami), das mit seinen konkreten Fragen die nie ganz ausgesprochenen wunden Punkte zwischen Noah und Susanne wieder aufbrechen lässt. Die bekannte deutsch-türkische Schauspielerin İdil Üner hat den Text, der beständig zwischen Realität und Märchen changiert, mittels South-Park-Puppen und phantastischen Kostümen wunderbar eingerichtet. Olivia Wenzels Text, der am weitesten fortgeschritten war, hat durchaus das Zeug zum Publikumsrenner.

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    RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE
    Foto: Esra Rotthoff

    Zu bereits fortgeschrittener Stunde kam dann noch das Stück Zöpfe – Вера, Надежда, Любовь (Wera, Nadeshda, Ljubow) von der Dramatikerin und Studio-Я-Leiterin Marianna Salzmann zur szenischen Aufführung. Hier geht es beileibe nicht nur um alte Zöpfe, die abgeschnitten gehören. Die Haare dienen auch als generationsübergreifendes Sinnbild für die Sehnsüchte der Protagonisten zwischen Tradition und dem eigenen Kopf, den es durchzusetzen gilt. Die recht komplexe Handlung dreht sich um die Ärztin Wera, ihre Tochter Nadeshda und den russisch jüdischen Großvater Konstantin, früher Held der Roten Armee, jetzt krebskrank ans Bett gefesselt. Nadeshda wünscht ihre Haare loszuwerden. Konstantin, der das für eine Ersatzhandlung zur jüdischen Beschneidung hält, wünscht sich seine einstige Haarpracht zurück. Dazwischen steht die alleinstehende Wera, die zwischen dem türkischen Blumenhändler Imran und dem Amerikaner John schwankt.

    Dass auch Nadeshda zu John eine rein sexuelle Beziehung pflegte, verkompliziert das Ganze zusätzlich. Sie hat beider Frucht abgetrieben. Nun verfolgt sie dieses Kind vergangener Liebe (Ljubow) in Gedanken und erzählt makabre Witze. Wera, Nadeshda, sind nicht nur einfach drei russische Frauennamen, sondern stehen auch für die drei christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Trotz dass Marianna Salzmann, die bereits mit Muttersprache Mameloschn am DT und Schwimmen lernen jüngst hier im Studio Я glänzte, ihr Stück dermaßen symbolisch auflädt, hebt es nicht total ab. Diese multikulturell zusammengewürfelte und religiös so verschiedene Gruppe von Menschen kommt ausgerechnet zu Weihnachten am Bett Konstantins zusammen und tut, was alle Familien an Heilig Abend so tun. Sie lieben und sie streiten sich.

    In der von Babett Grube eingerichteten szenischen Lesung sitzt das bestens aufgelegt Ensemble wie bei einer Familienaufstellung auf Stühlen beisammen. Die Gorki-Truppe mit Marina Frenk (Ljubow), Dimitrij Schaad, Mehmet Yılmaz und ihre Gäste Katja Nesytowa (Nadeshda), Daniel Kahn und Adriana Metzlaff sowie die beiden DT-Schauspieler Anita Vulescia und Bernd Stempel als Wera und Konstantin spielen sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes in einen Rausch und bekommen dann noch nacheinander die Haare geschnitten. Nicht zuletzt hier zeigt sich, dass die Themen dieser Stücke direkt aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen. Um die Zukunft des neuen Gorki-Studios unter der Leitung von Marianna Salzmann muss man sich so keine Sorgen mehr machen.

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    Gorki-StudioDie insgesamt sieben Stücke der Reihe RAUŞ – Neue deutsche Stücke werden im Januar 2014 noch einmal im koproduzierenden Ballhaus Naunynstraße zu sehen sein. Die Texte und Portraits der Autoren kann man im Gesellschaftsmagazin freitext, Heft 22 (10 €) nachlesen.

    Premiere vom ersten Abend war am 29. 11.2013 im Studio Я.

    RAUŞ – Neue deutsche Stücke

    Stagediving

    Eine Kooperation vom Maxim Gorki Theater mit dem Ballhaus Naunynstraße und dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext, gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

    Du weißt ich muss gehen
    Von Hakan Savaş Mican
    Szenische Einrichtung: Michael Ronen
    Mit Jerry Hoffmann, Katja Nesytowa, Sema Poyraz, Lina Krüger

    mais in deutschland und anderen galaxien
    Von Olivia Wenzel
    Szenische Einrichtung: İdil Üner
    Mit Ernest Allan Hausmann, Ruth Reinecke, Heide Simon, Peter von Strombeck, Prodromos Tsinikoris, Katharina Alf, Elmira Bahrami

    Zöpfe – Вера, Надежда, Любовь
    Von Marianna Salzmann
    Szenische Einrichtung: Babett Grube
    Mit Anita Vulescia, Katja Nesytowa, Marina Frenk, Bernd Stempel, Daniel Kahn, Mehmet Yılmaz, Dimitrij Schaad, Adriana Metzlaff

    Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/raus-neue-deutsche-stuecke-29-11-13/

    zuerst erschienen am 02.12.2013 auf Kultura-Extra

    siehe auch Beitrag auf Freitag-Community

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  • Denkerpause, bitte nicht stören!

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    Drücken.

    denkerpauseDrückt da wer?
    Da drückt doch wer.
    Wer drückt denn da?
    Drück doch mal!
    Drückst Du schon?
    Ich drücke schon.
    Drück Dich nicht!
    Drücke mich!
    Dass ich mich nicht drücke.
    Es ist gedrückt.
    Drück Dich aus!
    Wie drücke ich mich aus?
    Ist es ausgedrückt?
    Es ist ausgedrückt.
    Aus ist es gedrückt.
    Gedrückt geh ich aus.
    Ausgedrückt!

    Aus!

    Text und Fotomontage: St. Bock

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  • DIE RASSEN von Ferdinand Bruckner in einer Fassung von Manfred Karge auf der kleinen Bühne des Pavillons am Berliner Ensemble.

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    „Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung, gleichgültig welcher Rasse er angehört, ist eine Beleidigung der ganzen Menschheit.“ Albert Camus

    Berliner Ensemble - Foto: St. B.
    Berliner Ensemble – Foto: St. B.

    Dieses Zitat des französischen Schriftstellers und Existentialphilosophen Albert Camus hat das Berliner Ensemble an das Ende seines Programmhefts zu Ferdinand Bruckners „Die Rassen“ gesetzt, in dem auch der Text der Spielfassung von Manfred Karge enthalten ist. Bruckner hatte das Stück 1933 unter dem Eindruck der Ereignisse nach den Märzwahlen in Deutschland im Pariser Exil geschrieben. Er erahnte darin fast prophetisch die beginnende Verfolgung und den Rassenhass der deutschen Nationalsozialisten und beschrieb treffend den Taumel, in dem ein ganzes Volk begann, deren Ansichten teilend, diese in die Tat umzusetzen. Nun jährt sich die sogenannte Reichspogromnacht 1938 zum 75. Mal. Zwei Tage zuvor beging man auch den 100. Geburtstag Camus, der in seinem großen, metaphysisch allegorischer Roman „Die Pest“ die Folgen dessen beschrieb, was mit dem Ausbruch der braunen Pest in Deutschland seinen Anfang genommen hatte.

    Die Anwendung des heute kaum mehr gebräuchlichen Begriffs der Rasse auf die biologische bzw. anthropologische Klassifizierung von Menschen hat ihren etymologischen Ursprung in den lateinischen bzw. romanischen Worten für Wurzel, Art oder Wesensmerkmal. Deutlich abwertend wurde er wieder ab dem 19. Jahrhundert im Zuge der Kolonisierung weiter Teile Afrikas durch europäische Wissenschaftler benutzt. Die Nationalsozialisten griffen deren Rassentheorien, die sich bereits seit langem als Vorurteile in der deutschen Bevölkerung festgesetzt hatten, dankbar auf, um ihre Blut-und-Boden-Theorien zu untermauern. Das Bild der Juden als verschlagen raffgierige, mindere Sklavenrasse, bekam damit sogar eine wissenschaftlich begründeten Hintergrund, was sich ab 1935 auch in den deutschen Rassegesetzen niederschlug.

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    DIE RASSEN: Nicolai Despot, Marina Senckel
    Foto: Barbara Braun

    In Ferdinand Bruckners Stück ist all das von Anfang an gegenwärtig. Im Gespräch des Studenten Karlanner (Nicolai Despot) mit seinem Kommilitonen Tessow (Stefan Schäfer) werden diese „rassischen“ Vorurteile bereits zu Beginn deutlich vor uns ausgebreitet. Karlanner, der sich bisher mit wenig Ehrgeiz mehr recht und schlecht durch sein Medizinstudium gequält hat, lebt seit zwei Jahren mit der Jüdin Helene (Marina Senckel). Durch ihre Liebe bekommt sein bisher unstetes Leben wieder eine Richtung und er steht kurz vor seiner Promotion beim ebenfalls jüdischen Professor Horowitz. Allerdings lässt sich der willensschwache und von der wechselhaften Politik der Weimarer Republik enttäuschte Karlanner nur zu gern in den nationalistischen Taumel um die Wahlerfolge der NSDAP reißen und trennt sich auf Drängen Tessows von Helene.

    Tessow ist der Inbegriff des kleinen Mitläufers. Ohne jegliche eigene Ambitionen gibt er bereitwillig seine Individualität auf, um Teil des großen, völkischen Gedankens zu werden. Karlanner und Tessow schließen sich nach dem Wahlsieg der Nazis den Sturmtrupps um den charismatischen, faschistischen Studentenführer Rosloh (Marko Schmidt) an. In einer Männerrunde im Münchner Brauhauskeller huldigt man Hitler und intoniert nationales Liedgut wie die „Wacht am Rhein“. Bereits ein kleiner Junge wird von seinem SA-Vater (Uli Pleßmann) auf die neue Bewegung eingeschworen. Manfred Karge inszeniert die Bierseligen als kostümierte Stammtischkarikaturen und großes Tableau an der Rampe. Besonderer Regieeinfall ist dabei wohl die Besetzung des „Knaben in braun“ mit dem deutsch-türkischen Jungen Arda Dalci, der unter Blondhaarperücke deutschnationalistische Phrasen repetiert. Trotz allem bleibt Bruckners Text hier aber bedrohlich gegenwärtig.

    DIE RASSEN: Hannes Lindenblatt, Stephan Schäfer, Felix Isenbügel, Marco Schmidt, Detlef Lutz, Nicolai Despot, Thomas Wittmann, Gustav Körner, Michael Kinkel, Uli Pleßmann, Andy Klinger - Foto: Barbara Braun
    DIE RASSEN: Hannes Lindenblatt, Stephan Schäfer, Felix Isenbügel, Marco Schmidt, Detlef Lutz, Nicolai Despot, Thomas Wittmann, Gustav Körner, Michael Kinkel, Uli Pleßmann, Andy Klinger – Foto: Barbara Braun

    Dass Karge, der diesmal auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, das Stück in einer Art klaustrophoben Gefängniszelle mit abgeriegelter Tür und Pritsche spielen lässt, tut sein Übriges. Hauptfigur Karlanner bleibt hier die ganze Zeit anwesend. Gefangen gleichsam in den Gedanken und Taten der Bewegung, wie auch in seinen aufkeimenden Zweifeln, die ihn wieder zu Helene treiben. Sich dem Befehl Roslohs, Helene zu verhaften, widersetzend, versucht er schließlich auszubrechen und wird nun selbst zum „Verräter Deutschlands“ gestempelt. „Die Rassen“ des in den 1920er Jahren viel gespielten Dramatikers Bruckner ist eines der eindrücklichsten Zeitstücke über die Gefahren des Faschismus, wie es sonst nur noch Bertolt Brecht mit „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ oder dem „Arturo Ui“ gelang. Beide Stücke befinden sich ebenfalls im Repertoire des Berliner Ensembles.

    Deutliche Parallelen zu Bruckners Stück weist auch das Drama „Professor Mamlock“ von Friedrich Wolf auf, das 1934 in Warschau uraufgeführt und 1961 von der DEFA in der Regie von Wolfs Sohns Konrad verfilmt wurde. Der Arzt Mamlock, zu Beginn wie Helenes Vater (Martin Schneider) noch überzeugter, deutschlandtreuer Hindenburg-Wähler, macht hier die gleichen Demütigungen durch, wie der jüdische Student Siegelmann (Winfried Goos) in Bruckners Rassen, und begeht zum Schluss Selbstmord. Bei Bruckner kommt Siegelmann die Rolle des jüdischen Sündenbocks zu. Es sind dies die eindrücklichsten Szenen einer Inszenierung, die sonst dem gewohnt hochtrabenden Sprechduktus des Berliner Ensembles folgend, eher recht altbacken und konventionell daherkommt. Wiewohl das Thema Faschismus und Rassismus doch gerade wieder sehr aktuell ist. Ein Grund mehr, den Weg in den Pavillon des BE zu wagen, um dieses Stück dunkelster, deutscher Geschichte wiederzuentdecken.

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    DIE RASSEN von Ferdinand Bruckner
    Fassung von Manfred Karge

    Mit: Nicolai Despot (Karlanner), Stephan Schäfer (Tessow), Winfried Goos (Siegelmann), Andy Klinger (Rosloh), Martin Schneider (Marx), Marina Senckel (Helene), Marko Schmidt (Der Studentenanführer), Hannes Lindenblatt (Der erste Student), Felix Isenbügel (Der zweite Student), Uli Pleßmann (Der Festredner), Michael Kinkel (Der Professor), Detlef Lutz (Der Dekan), Thomas Wittmann (Der Oberstudienrat) und Arda Dalci / Gustav Körner (Ein Kind)

    Regie, Bühnenbild, Kostüme: Manfred Karge
    Musikalische Mitarbeit: Alfons Nowacki
    Dramaturgie: Hermann Wündrich
    Licht: Steffen Heinke

    Dauer: ca. 1h 40 Min (ohne Pause)

    Premiere war am 11.11.2013

    Temine und Infos:
    http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/94/die-rassen

    Literaturtipp:
    Friedrich Wolf / Ferdinand Bruckner / Ernst Toller / Bertolt Brecht / Johannes R. Becher (u. a.)
    Stücke gegen den Faschismus. Deutschsprachige Autoren.
    Henschelverlag Berlin 1970, 614 S. auf ZVAB.de

    siehe auch:

    http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/die-rassen-von-ferdinand-bruckner

    http://www.livekritik.de/livekritiken/livekritik-von-stefan-bock-30/

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  • Vom 5.-10. November fand wieder das 23. FilmFestival in Cottbus statt – Eine Bilanz des Wettbewerbs und seine Preisträger

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    Am vergangenen Samstag ging das 23. Festival des osteuropäischen Films mit der Preisverleihung in der Stadthalle Cottbus zu Ende. 150 Filme aus 38 Ländern standen diesmal auf dem Programm. Mit 20.300 Zuschauern konnte das Festival auch einen neuen Besucherrekord verbuchen. Das Cottbuser Publikum und zahlreiche internationale Gäste füllten besonders an den Abendveranstaltungen die fünf Festival-Kinos in der Stadthalle, dem Weltspiegel, den Kammerspielen des Staatstheaters Cottbus sowie dem Gladhouse- und Obenkino. Bis zu 700 Filme wurden für das Festival gesichtet, wie Programmchef Bernd Buder, der auch den erkrankten Festivalchef Roland Rust vertreten muss, dem Medienpartner Radioeins vom RBB verriet. Bei der Auswahl sei man dabei wie immer um ästhetische und thematische Vielfalt bemüht gewesen. Und so bekam man dann auch eine breite Palette an Genre-, Autoren- oder epischen Filmen im Programm des Festivals geboten. In den Spielfilmwettbewerb hatten es diesmal elf Filme aus dreizehn Ländern geschafft. Das lag vor allem daran, dass viele Filmschaffende Osteuropas untereinander kooperieren oder sich Produzenten aus dem Westen Europas suchen.

    Stadthalle Cottbus - Foto: St. B.
    Die Stadthalle Cottbus – Foto: St. B.

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    Gleich zum Anfang machte das FilmFestival Cottbus mal wieder seinem Ruf alle Ehre, eine besonders novembrige Veranstaltung mit Hang zur Melancholie zu sein. Besonders düster in Farbe und Thema war dann auch der Beitrag aus Bosnien-Herzegowina, Für die, die keine Geschichten erzählen können. Die Idee zum Film geht auf eine Tanzperformance der Australierin Kym Vercoe zurück, die bei einem Festival in Sarajevo aufgeführt wurde. Vercoe verarbeitete darin ihre Erlebnisse als Touristin im Nachkriegsbosnien. Durch Zufall erfährt sie später im Internet, dass das Hotel in dem für seine alte Brücke bekannten Višegrad, in dem sie übernachtet hatte, während des Krieges als Vergewaltigungscamp genutzt wurde. Bei einer zweiten Recherchereise in die Republika Srpska, dem von Serben bewohnten Teil Ost-Bosniens, stößt sie bei ihren Nachforschungen auf eine Mauer aus Mistrauen, Schweigen und sogar offener Feindseligkeit. Die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić, bekannt durch den Film Grbavica, der den Goldenen Bären bei der BERLINALE 2006 erhielt, musste diesen Stoff unbedingt in einen Film umsetzten. Mit der Australierin Vercoe in der Hauptrolle stellt sie deren Bemühungen, den stummen Opfern (nichts in der Stadt verweist auf die Kriegsverbrechen) eine Stimme zu verleihen, in einer Art semidokumentarischem Streifen nach. Der Film entstand fast ohne Budget und besitzt allein durch die ständige Präsenz und den hartnäckigen Kampf der Hauptdarstellerin gegen das Vergessen eine Dringlichkeit, die bei aller Sparsamkeit der Mittel und Schwierigkeit des Drehs vor Ort doch ein stetiges Unbehagen beim Zuschauer erzeugt und somit für den notwendigen Gesprächsstoff sorgen dürfte.

    Die Religionen in Osteuropa waren großes Thema des letztjährigen Festivals. Diesmal hatte es die Ökumenische Jury etwas schwerer, einen passenden Beitrag zu prämieren. Der Preis ging an den serbischen Wettbewerbsbeitrag Odumiranje (Das Verschwinden) von Regisseur Miloš Pušić. Hier spielt zur Abwechslung mal den Krieg in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens nur ganz am Rande eine Rolle. Hauptthema ist das Ausbluten der ländlichen Gebiete. Bis zu 300.000 junge Serben haben nach Aussage des Mitproduzenten und Hauptdarstellers Branislav Trifunovic schon das Land verlassen. Einer von ihnen ist Janko, der es selbst in der Hautstadt Belgrad nicht mehr aushält und sich entschlossen hat, in die Schweiz auszuwandern. Zuvor will er schnell noch den väterlichen Grund und Boden, auf dem auch das Grab des Vaters liegt, zu Geld machen und kehrt dazu in sein Heimatdorf zurück. Hier lebt noch seine Mutter, die die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass sich Janko doch noch mit einer Frau hier niederlassen wird. Ihre Einwände und Wünsche spielen für Janko aber keine Rolle. Die Hoffnung der Mutter wie auch die Hoffnungen der anderen Dorfbewohner stellen sich bald als Selbstbetrug heraus. Sämtliche Familienverhältnisse sind hier längst tief zerrüttet.

    Odumiranje (Das Verschwinden) von  Miloš Pušić. Foto (c) FFC
    Odumiranje (Das Verschwinden) von Miloš Pušić. Foto (c) FFC

    Janko lässt sich in seiner Entscheidung auch nicht durch Strahinja, den alten Freund des Vaters, der sich schon vor Jahren erhängt hat, umstimmen. Auch Strahinja selbst steckt in einer tiefen familiären Krise, die er mit sentimentaler Musik und Alkohol ersäuft. Im Film geht es um das Wegbrechen von familiären Traditionen und den Verlust der Heimatverbundenheit infolge mangelnder Perspektiven. Das weite, karge Land tut sein Übriges zu diesem fast wie ein Kammerspiel wirkenden Film, der auch tatsächlich auf einem Theaterstück beruht, und hier zum stummen Mitspieler und bildgewaltigen Mahner wird. Die Ökomenische Jury sah darin vor allem ein moralisches Dilemma und einen provokanten Verweis darauf, das 4. Gebot „Ehre deine Eltern“ neu zu überdenken. Mit dem kroatisch-serbischen Film Svecenikova Djeca (Die Kinder des Priesters) übte ein anderer Wettbewerbsbeitrag Kritik an den strengen Dogmen des Katholizismus und der Scheinheiligkeit sowie den Verfehlungen des Klerus. Regisseur Vinko Brešan erzählt von einem übereifrigen Priester, der, um die Moral seiner Schäfchen zu stärken und den Kindermangel auf einer kleinen kroatischen Insel zu bekämpfen, u.a. Löcher in Kondome sticht. Dass, wenn man selbst Gott spielen möchte, auch einiges schief laufen kann und dem Priester dabei schließlich des Heft des Handelns entgleitet, zeigt dieser Film auf schwarzhumorige Weise, was zum Ende hin auch ins Tragische kippt.

    Der dritte Beitrag aus einer der Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawiens ist in Slowenien angesiedelt. Chefurji raus! (Chefurs raus!) spielt in der Ljubiljaner Hochhaussiedlung Fužine, in der überwiegend Einwanderer aus den anderen Republiken des einstigen Vielvölkerstaats leben. Eine Gruppe von Jugendlichen um den Basketballer Marko verbringt hier ihre Zeit mit dem Abhängen vor den Blocks. Die Jungs sind auf der Suche nach einer eigenen Identität und zeigen dies auch stolz in machohaften Gesten und Opposition gegen Elternhaus und Staatsgewalt. Sozialkritische Studie und Coming-of-Age-Drama gleichermaßen, zeigt der Spielfilm nicht ganz ohne Witz ihren Alltag zwischen Traditionen, zerbrechenden Familienbanden und Ausgrenzung durch die slowenische Gesellschaft. Auch dieser Film hat eine bekannte literarische Vorlage und wurde bereits als Theaterstück umgesetzt. Der auf realen Erlebnissen von Jugendlichen aus diesem Stadtviertel beruhende Plot zeigt durchaus Parallelen zu in Deutschland oder anderswo im Westen lebenden Menschen mit Migrationshintergrund, was auch das Interesse am Stoff über die Grenzen Sloweniens hinaus und die Übersetzung der Novelle in mehrere Sprachen erklärt.

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    Einer der Höhepunkte dürfte der polnische Spielfilm Papusza vom Regie-Duo Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze gewesen sein. Ein gewaltiges filmisches Epos und beeindruckender Beitrag zum diesjährigen Fokus auf das Leben der Roma im Wettbewerb des Festivals. In langen Einstellungen und vielen Rückblenden erzählt der in Schwarz-Weiß gedrehte Film das Leben der ersten Roma-Dichterin Bronislawa Wajs, genannt Papusza, in einem Zeitraum von ihrer Geburt 1910 bis in die 1970er Jahre des kommunistischen Polens. Die junge Papusza, ein lebhaftes, neugieriges Mädchen, lernt bei einer jüdischen Buchhändlerin, die sie dafür mit gestohlenen Hühnern bezahlt, lesen und schreiben. Ein Schulbesuch bleibt ihr aber verwehrt. Mit 15 wird sie mit dem viel älteren Harfenspieler und Clanchef Dionizy Wajs verheiratet. Der polnischer Schriftsteller Jerzy Ficowski, der sich einige Monate nach dem Krieg bei der fahrenden Romagruppe vor den polnischen Behörden verstecken muss, erkennt ihr lyrisches Talent und bewegt sie dazu, ihre Gedichte aufzuschreiben. Später sorgt er auch für Veröffentlichungen in polnischen Zeitungen. Nachdem er im kommunistischen Staatsapparat aufgestiegen ist, schreibt Ficowski ein Buch über seine Erlebnisse und die Lebensweise der polnischen Roma, für das er auch Gedichte von Papusza verwendet.

    Papusza von Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze - Foto (c) FFC
    Papusza von Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze
    Foto (c) FFC

    Der Film verfolgt das harte Leben der fahrenden Roma von der Verfolgung vor und während des Krieges, bis zu den Zwangsmaßnahmen zur Sesshaftmachung durch die kommunistische Regierung Polens. Das Leben in der Natur, Sehnsüchte und Träume, aus denen ihr dichterisches Vermögen entspringt, werden Papusza dabei aber auch zum Verhängnis. Die um ihre Identität fürchtenden Roma sehen in Papusza eine Verräterin ihrer Geheimnisse und Gebräuche. Die unglückliche Ehe, ständige Armut und schließlich der Ausstoß aus der Gemeinschaft der Roma lassen Papusza schließlich seelisch und psychisch zusammenbrechen. Ein tragisches Leben als bedrückendes und zugleich aufwühlendes Filmerlebnis.

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    Etwas heller wurden die Farben dann in der ukrainisch-türkischen Koproduktion Lyby meine (Liebe mich). Allerdings nicht in dem Maße, wie es sich die Regisseurin Maryna Er Gorbach vorgestellt hatte. Sie unterbrach die Vorführung im Weltspiegel wegen ästhetischer Unzumutbarkeit, so dass nur ein Gang in den Presse-Vorführraum des Festivals blieb, um den Film noch in voller Pracht sehen zu können. Die technische Panne bewahrte zumindest einen Teil des Cottbuser Publikums vor einem etwas zu dick aufgetragenen Sozialkitsch.

    Der junge Türke Cemal bekommt von seinem Onkel vor der Hochzeit eine Reise in die Ukraine geschenkt. Dort will man sich noch mal so richtig ausleben, bevor der traditionelle Ehealltag in der Türkei beginnt. Cemal rutscht hier als Sextourist wider Willen in einige Verwicklungen um die junge schöne Kiewerin Sasha, die ihn aus Liebes-Frust (ihr verheirateter Geliebter hat sie an Silvester versetzt) aus einem einschlägigen Club abschleppt. Die mondäne Sasha kommt eigentlich aus ärmlicheren Verhältnissen, und bei der Suche nach der verstörten Großmutter lernt Cemal mit ihr die ukrainischen Verhältnisse hinter den glitzernden Sex-Bars kennen. Das erschöpft sich allerdings in den üblichen Klischeebildern von Säufern, Rassismus, korrupten Polizisten, abgerissenen Mietskasernen und dem allgegenwärtigen Mangel in der postkommunistischen, ehemaligen Sowjetrepublik. Etwas zu blauäugig erscheint hier der junge Türke auf seinem unfreiwilligen Sex-Trip. Und die allzu schöne, etwas oberflächlich gezeichnete Sasha ist auch keine wirklich herausragende Charakterstudie. Man hat das alles schon wesentlich eindrücklicher gesehen.

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    Geograf Globus Propil (Der Geograf, der den Globus austrank) von Aleksandr Veledinsky - Foto (c) FFC
    Geograf Globus Propil (Der Geograf, der den Globus austrank) von Aleksandr Veledinsky – Foto (c) FFC

    Schalgartig heiterer wurde es dann in der russischen Geograf Globus Propil (Der Geograf, der den Globus austrank). Der Film von Aleksandr Veledinsky berichtet in flotten Sprüchen und mit viel Humor über das Leben eines Geografielehrers in der eintönigen, russischen Provinzstadt Perm. Viktor, eigentlich Biologe, ist wegen seiner Trunksucht in Moskau entlassen worden und ergreift die Chance, als Lehrer in der Provinz den Unterhalt für seine kleine Familie zu verdienen. Er bemüht sich zunächst noch, den desinteressierten Jugendlichen etwas über ihre Heimat und den Fluss Kama beizubringen, gibt aber schnell auf und verfällt wieder dem alten Trott aus Saufgelagen mit seinem Kumpel und amourösen Abenteuern mit den ebenfalls frustrierten Frauen der Stadt. Der graue Himmel, der die Sonne nur schemenhaft durchlässt und von einer Schülerin als permanente Explosion bezeichnet wird, charakterisiert auch gut Viktors Stimmungsschwankungen. Der zunehmend zynische, sich selbst als überflüssigen Menschen bezeichnende Viktor erkennt erst auf einer Klassenfahrt mit Raftingtour auf der Kama, die fast in einem Drama endet, wieder den Blick für das eigentlich Wesentliche in seinem Leben.

    Aleksandr Veledinskys wunderbare Tragikomödie konnte aber schließlich nicht wie vermutet den Publikumspreis, dafür aber überraschender Weise den Hauptpreis, die gläserne Lubina, mit nach Hause nehmen. Der Regisseur weilte leider nicht in Cottbus, so dass die Lubina für den besten Spielfilm von Olga Vostretsowa, der ehemaligen Programmkoordinatorin des Goethe Instituts Moskau, entgegengenommen wurde. Der Wettbewerbs-Jury imponierte an dieser „Geschichte um einen modernen, russischen Heiligen“ auf der Suche nach dem Glück vor allem die vorzügliche Beherrschung des Handwerks und seine große Verspieltheit. Was in dieser Kombination tatsächlich preiswürdig sein dürfte. Der Film lief ebenfalls schon recht erfolgreich auf den Festivals in Sotchi und Odessa und wird am 27. November im Kino International die 9. Russische Filmwoche in Berlin eröffnen.

    Pepe Danquwart im Weltspiegel - Foto: St. B.
    Pepe Danquwart im Weltspiegel – Foto: St. B.

    Zuvor hatte der Eröffnungsfilm des Festivals Lauf, Junge, lauf von Regisseur Pepe Danquart den Publikumspreis eingeheimst. Die deutsch-französische Koproduktion beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Uri Orlev, der 2004 die Erlebnisse des heute in Israel lebenden Yoram Friedmann während der Jahre 1942-1945 im besetzten Polen aufgeschrieben hatte. Als Neunjähriger war Friedmann aus dem Warschauer Ghetto geflohen und versuchte, indem er sich als polnische Waise ausgab, in den Wäldern und unter polnischen Bauern den Zweiten Weltkrieg zu überleben. Jurek, wie sich der jüdische Junge Srulik in Orlevs Roman nennt, wird im Film von den polnischen Zwillingen Andrej & Kamil Tkacz verkörpert. Bei seiner Flucht vor der SS und deutschen Wehrmacht durch das katholisch geprägte, ländliche Polen erfährt Jurek Nächstenliebe und Hilfe, wie auch Gewalt und Verrat. Pepe Danquart setzt auf starke, emotionale Bilder, versucht aber weitestgehend großformatigen Hollywood-Kitsch zu vermeiden. Der Film kommt im April 2014 in die deutschen Kinos.

    Elisabeth Duda, Hauptdarstellerin von Lauf, Junge lauf und Jurymitglied bei der Preisverleihung - Foto: St. B.
    Elisabeth Duda, Hauptdarstellerin von Lauf, Junge lauf und Jurymitglied bei der Preisverleihung – Foto: St. B.

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    Die Themen und Genres der Wettbewerbsfilme waren in diesem Jahr sehr vielschichtig und breit gefächert, was die Entscheidung sicher nicht gerade leicht gemacht haben dürfte. Bis zum Ende hatte sich kein wirklicher Favorit auf die Hauptpreise herauskristallisiert. Die recht jung besetzte Jury streute die Preise trotz allem scheinbar recht zielsicher. Das Votum fiel eindeutig zu Gunsten künstlerisch und handwerklich herausragender Leistungen aus und nicht (wie sonst öfter) für besonders sozialkritische Projekte oder mutige Low-Budget-Produktionen. Eine solche dürfte auch die rumänisch-moldawische Koproduktion La Limita de jos a cerului (Der untere Rand des Himmels) von Igor Cobileanski sein. Ohne rumänische Hilfe hätte dieser Film sicher nicht entstehen können. Eine in ruhigen Bildern gezeichnete Geschichte über die Schwierigkeiten junger Menschen in der moldawischen Provinz, die in wenig aussichtsreicher Position ihren Platz im Leben finden müssen, ohne dabei ihre moralische Integrität aufzugeben oder sich selbst untreu zu werden. Hier hatte zumindest die Jury der Fédération Internationale de la Presse Cinématographique ein Einsehen und verlieh dem Film den FIPRESCI Preis der Filmkritik.

    Der ebenfalls sehr ambitionierte, semidokumentarische bosnische Beitrag Für die, die keine Geschichten erzählen können von Regisseurin Jasmila Žbanić über die Nachforschungen einer Australierin zu den Hintergründen eines ehemaligen Rapecamps in einem Hotel der Stadt Višegrad ging dagegen leer aus.

    Den Preis für eine herausragende Darstellerin erhielt Michaela Bendulová für ihre Rolle der 15-jährigen Ela in der slowakisch-tschechischen Koproduktion Zázrak (Wunder) vom slowakischen Regisseur Juraj Lehotskýs. Ela wird von ihrer Mutter, die nicht mit ihr fertig wird, einfach in ein Kinderheim abgeschoben. Das Mädchen versucht immer wieder zu fliehen, um ihren Freund Roby zu suchen. Ihr Traum ist es in England als Friseurin zu arbeiten. Roby ist drogensüchtig und hat Schulden bei zwielichtigen Typen, die nun ihr Geld eintreiben wollen. Um Roby zu helfen, lässt sich Ela für ihre Liebe ohne lange nachzudenken auf eine gefährliche Sache ein. Die Rollen der Jugendlichen im Film sind ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt, von denen sich Michaela Bendulová als Ela mit ihrer eindrücklichen Spielweise besonders hervortut. Ein starker Film, der durchaus mehr verdient hätte.

    Ähnliches lässt sich sicher auch über den slowenisch-kroatischen Wettbewerbsfilm Chefurs raus! von Regisseur Goran Vojnović sagen, der eine Gruppe Jugendlicher in einer Plattenbausiedlung am Rande Ljubljanas porträtiert. Aber nicht der anwesende junge Hauptdarsteller Benjamin Kretić erhielt den Preis für einen herausragenden Darsteller, sondern der bosnische Schauspieler Emir Hadžihafizbegović für seine ungeheure Präsenz in der Nebenrolle als dessen Vater Radovan.

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    Major von Yury Bykov - Foto (c) FFC
    Major von Yury Bykov – Foto (c) FFC

    Der Spezialpreis der Wettbewerbsjury für die beste Regie ging etwas überraschend an das künstlerische Multitalent Yury Bykov für dessen Film Major, dem zweiten russischen Beitrag im Wettbewerb. Bykov zeichnet neben der Regie auch für Drehbuch, Schnitt sowie die Musik verantwortlich und spielt eine der Hauptrollen. Das allein scheint aber nicht ausschlaggebend für diese Entscheidung gewesen zu sein. Der vom zweifachen Cottbus-Preisträger Alexey Uchitel (Der Spaziergang / Gefangen) produzierte Film will mit einfachen, schlagenden Mitteln überzeugen. Bykows Thema ist die latent im Menschen lauernde Gewaltbereitschaft, die in Extremsituationen urplötzlich und ungebremst zum Ausbruch kommen kann. In Major ist es ein ganzer, organisierter Mechanismus aus Gewalt, Angst und hierarchischem Korpsgeist unter Polizisten.

    Polizeimajor Sobolev ist auf spiegelglatter Straße irgendwo in der russischen Provinz auf dem Weg zur Entbindung seiner Frau. Er verursacht einen Autounfall, bei dem ein Kind getötet wird. Das soll nun mit allen Mitteln vertuscht werden. Die Mutter wird brutal eingeschüchtert und gezwungen eine falsche Aussage zu unterschreiben. Nachdem ihr Mann mit einer Schusswaffe in die Polizeistation eindringt, eskaliert die Gewalt. Schließlich geht es, um Zeugen zu beseitigen, auch unter den Polizisten jeder gegen jeden. Regisseur Bykow zielt hier aber nicht, wie vielleicht nahe liegend, auf die gegenwärtigen politischen Zustände in der russischen Gesellschaft, sondern inszeniert ein spannendes, nahezu perfektes Actiondrama über die Bereitschaft von Menschen, für die Durchsetzung eigener Ziele auch Gewalt anzuwenden. Darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein, was die etwas kritische Haltung des Publikums beim Gespräch mit dem anwesenden Koproduzenten nach der Präsentation des Films belegt. Diskussionswürdig ist das Thema aber allemal.

    Das 24. FilmFestival Cottbus findet vom 4. bis 9. November 2014 statt.

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    Filmtrailer: Geograf Globus Propil (Der Geograf, der den Globus austrank) Youtube

    Weitere Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/home/

    Liste der Preisträger: http://www.filmfestivalcottbus.de/usr_files/463_Liste_Preistr%C3%A4ger-2013.pdf

    Stadthalle mit Loge

    siehe auch:

    http://www.kultura-extra.de/film/veranstaltung/23cottbuserfilmfestival_ersteeindruecke.php

    http://www.kultura-extra.de/film/veranstaltung/23cottbuserfilmfestival_preistraeger.php

    http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/das-23-filmfestival-in-cottbus-5-10-11-13

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  • 23. FilmFestival Cottbus – Vom 5.11. bis 10.11.2013 findet wieder das Festival des osteuropäischen Films statt.

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    Gestern Abend fand im Staatstheater Cottbus die Eröffnung des 23. FilmFestivals Cottbus – Festival des osteuropäischen Films statt. Im Anschluss an die Feierlichkeiten wurde das Historiendrama LAUF, JUNGE, LAUF (Deutschland, Frankreich 2013) von Oscar-Preisträger Pepe Danquart gezeigt. Es handelt sich hier um die Verfilmung des gleichnamigen, preisgekrönten Bestsellers von Uri Orlev aus dem Jahr 2004, der auf wahren Begebenheiten beruht. Um nach seiner gelungenen Flucht aus dem Warschauer Ghetto zu überleben, gibt sich der 8-jährige Jude Jurek als christlicher Waisenjunge aus.

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    Die Lubina
    (c) Foto: Goethe

    Ab heute stehen wieder elf Filme im Spielfilmwettbewerb und zehn Filme im Wettbewerb Kurzspielfilm. Sie streiten um Preise im Wert von insgesamt 73.500 Euro. Der Hauptpreis, die gläserne Lubina für den besten Langspielfilm, ist mit 20.000 Euro dotiert und wird mit allen anderen Preisen am 9.11.13 in der Stadthalle Cottbus verliehen. Die Internationale Festivaljury leiten in diesem Jahr der deutsch-kroatischen Schauspieler Stipe Erceg und die französisch-polnischen Darstellerin Elisabeth Duda. Im U18 Deutsch-Polnischen Wettbewerb Jugendfilm entscheiden dagegen vier Schülerjuroren aus Cottbus und Zielona Góra über die Vergabe der Preise.

    Ebenfalls am heutigen Mittwoch läuft der traditionelle Russkiy Den mit vier Spielfilmen aus Russland, das über eine der produktivsten Filmszenen Osteuropas verfügt. Der Polskie Horyzonty gewährt wie immer einen Blick zum Filmnachbarn Polen. Die Filmreihe globalEAST führt den Zuschauer in einer transkontinentalen Spurensuche bis auf den „fünften Kontinent“ nach Australien. Mit 12 Spielfilmen und Dokumentationen setzt das FilmFestival Cottbus in diesem Jahr unter dem Leitmotiv „Dikhen – Lasst uns hinschauen!“ einen besonderen Fokus auf die filmische Selbst- und Außendarstellung der Roma-Minderheiten sowie ihre Kultur und Geschichte. Die regional verankerte Retrospektive des Festivals zeigt mit der Filmreihe „Jung sein, und was noch?“, wie sich die Entwicklung kindlichen Seins in den letzten hundert Jahren in Brandenburg vollzogen hat. In den Sektionen Spektrum, Specials, Nationale Hits und Kinderfilm stehen weitere Filme aus den Ländern und Regionen Osteuropas auf dem Programm.

    Eine Erwähnung wert ist wie in jedem Jahr auch die beliebte „Lange Nacht der kurzen Filme”, die am Freitag in zwei Teilen, um 19:30 Uhr und um 22:00 Uhr im Weltspiegel, einen kompakten Überblick über den Kurzfilmwettbewerb bietet. Umrahmt wird das Filmprogramm von Vortragsreihen, Filmtalks, Ausstellungen, einem Stadtrundgang zu Cottbuser Architektur-Highlights und einigen interessanten Musikveranstaltungen. So lief gestern Abend bereits im FestivalClub Scandale die Eröffnungsparty mit Las Balkanieras + DJ Christian Kahl. Am Donnerstag legt im FestivalClub Jimmy`s Diner DJ Pixie aus dem Berliner Kaffee Burger auf. Und am Samstag spielen Gipsy.cz + DJ Pixie ab 22 Uhr im Glad-House zur Abschlussparty des 23. FilmFestival Cottbus auf.

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    Weitere Infos siehe auch: http://www.filmfestivalcottbus.de/

    Berichterstattung auch auf:
    Kultura-Extra

    Eine Bilanz des Wettbewerbs und seiner Preisträger gibt es hier.

    auf Kultura-Extra

    und hier:

    http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/das-23-filmfestival-in-cottbus-5-10-11-13

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  • Wien – Berlin. Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz – Die Berlinische Galerie zeigt in einer großen Schau bildende Künstler aus beiden geschwisterlich miteinander verbundenen Städten.

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    „Die Großstadt soll der Individualität eine Umgebung sein. Aber wehe, wenn sie selbst Individualität hat und eine Umgebung braucht.“ Karl Kraus, aus: Aphorismen (1912), V. Von zwei Städten

    Gustav Klimt: Johanna Staude (unvollendet), 1917/18
    Gustav Klimt: Johanna Staude (unvollendet), 1917/18

    Was der Wiener Karl Kraus vom Moloch Berlin hielt, hat er in mehreren gallig scharfen Aphorismen verdeutlicht. Aber auch Wien kommt bei ihm bekanntlich nicht viel besser weg. „Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird.“ Kraus muss es wissen, er hat in beiden Metropolen eine nicht unerhebliche Zeit zugebracht.

    Und so war er auch dem heute in beiden Städten gleichermaßen als Malerfürsten anerkannten Gustav Klimt nicht sonderlich gewogen und übte scharfe Kritik an dessen überbordender Ornamentik. Um Klimts umstrittene Fakultätsbilder für die Wiener Universität entbrannte sogar ein regelrechter Kritikerkrieg. Es ging dabei um die sogenannte Nuda Veritas, wie der Titel eines Klimt-Gemäldes verrät, also nichts weniger als die nackte Wahrheit. Für Karl Kraus wie auch den Klimt-Verteidiger Hermann Bahr stand neben dem Werk von Klimt aber vor allem auch die eigene Person im Mittelpunkt. Kraus warf Bahr dessen enge Kontakte zu den Künstlern vor und blieb selbst stets der Einzelkämpfer, mit seiner Fackel nur sich und der Wahrheit verpflichtet. Umso bitterer dann für Kraus, dass es Bahr gelang als Regisseur und mit eigenen Werken bei Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin zu reüssieren, während ihm gleiches mit seinem Monumentalwerk Die letzten Tage der Menschheit nicht vergönnt war.

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    Die Berlinische Galerie in der alten Jakobstraße 124 -128
    Die Berlinische Galerie in der alten Jakobstraße.

    Die Beziehungen Wien-Berlin sind in Sachen Theater, Literatur, Musik also bereits hinreichend geklärt. Dramatiker, Theaterregisseure, Schriftsteller und Komponisten wie Gerhart Hauptmann, Max Reinhardt, Joseph Roth und Hanns Eisler stehen dafür mit ihren Werken. Die in beiden Metropolen beginnende Durchsetzung der Psychoanalyse von Sigmund Freud tat ihr Übriges zur engeren Verbandelung von Wien und Berlin. Wie es dabei um die Beziehungen der bildenden Künstler an Donau und Spree stand, zeigt nun eine große Ausstellung, die am 23. Oktober feierlich in der Berlinischen Galerie eröffnet wurde.

    Unter den Wiener Malern sind Gustav Klimt und sein legitimer Nachfolger Egon Schiele über die Grenzen beider Metropolen hinaus stadtbekannt. Ihre gezeigten Werke sind in den Museen Wiens ein steter Publikumsmagnet. Als der erst 28jährige Schiele nach dem 1. Weltkrieg und Niedergang der Donaumonarchie 1918 der grassierenden Spanischen Grippe zum Opfer fiel – knapp neun Monate zuvor war bereits Klimt verstorben – war das ein tiefer Einschnitt für die Wiener Moderne. Hier endet dann auch meist die Kennerschaft des deutschen Wienbesuchers, und gleichermaßen dürfte es wohl auch dem Wiener Gast mit den meisten Berliner Künstlern gehen. Dass nun ausgerechnet die im Schatten des die Besucherströme anziehenden Jüdischen Museum gelegene Berlinische Galerie endlich mit diesem Halbwissen aufräumen will, ist löblich und guter Grund, noch die paar Schritte weiter in die Alte Jakobstraße zu gehen.

    Blick in den Ausstellungsteil Secessionen

    Einen ziemlich ähnlichen Kampf gegen die vorherrschende akademische Kunstauffassung sowie antisemitische Ressentiments in Deutschland hatte bereits etliche Jahre vor Gustav Klimt der Berliner Maler Max Liebermann bezüglich seines Gemäldes Der zwölfjährige Jesus im Tempel auszufechten. Eine erste echte Gemeinsamkeit also zwischen den um die Jahrhundertwende mit ihren Werken in die Moderne aufbrechenden Künstlern aus Wien und Berlin. Die nun in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Galerie Belvedere organisierte Schau Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz beginnt dann auch mit den Malern der Wiener und Berliner Secessionen. Wie selbstverständlich hängen da ein Selbstbildnis Max Liebermanns, des führenden Malers der Berliner Secession, und ein Portrait des besagten Kunstkritikers Hermann Bahr von Emil Orlik einträchtig nebeneinander.

    Aus Sicht des Kurators Dr. Ralf Burmeister sind Wien und Berlin zwei Metropolen, die sich zwar geschwisterlich ähneln, wie Geschwister aber auch ein sehr unterschiedliches Temperament haben. Wobei Berlin dabei der Part des Stürmischeren, Direkteren zukäme, Wien dagegen zurückgenommener und feiner im Stil sei. Und so lassen sich in den hier ausgestellten Werken bei ähnlicher Motivwahl doch immer auch Unterschiede in der Grundstimmung der Sujets oder Mentalität der Portraitierten feststellen.

    Ernst Barlach: Bettlerin mit Schale, 1906
    Ernst Barlach: Bettlerin mit Schale, 1906

    Neben dem dunkel leuchtenden Waldsee-Gemälde Aus der Mark von Walter Leistikow hängt ein helles Birkenwäldchen im Abendlicht von Carl Moll. Neben der nächtlichen Berliner Straßenszene von Lesser Ury sieht man eine Donaulände im Sommer von Franz Jaschke. Einerseits harter Realismus der Wärmehalle in Berlin von Jens Birkholm, anderseits ein eher pfiffig wirkender Wiener Pülcher von Josef Engelhart. Der Berliner Hans Baluschek und der Wiener Ferdinand Andri zeigten dagegen beide die ländliche und städtische Bevölkerung in stimmungsgeladenen Alltagsszenen.

    Die Unterschiede erschöpfen sich dann auch nicht allein in hell oder dunkel, gefühlvoll oder rau. Auch nicht in der Wahl zwischen Wiener Schnitzel oder Eisbein mit Sauerkraut. Wie in Strudel und Pfannkuchen mancherlei stecken kann, so ist die Beziehung beider Städte auch entsprechend vielgestaltig, beeinflussten sich die Kunst-Stile und befruchteten sich unterschiedliche Strömungen an Donau und Spree wechselseitig. Von einem ersten Austausch zeugt hier ein Plakat von Julius Klinger zur Wiener Kunstschau von 1916 in der Berliner Secession. Während die Berlinerin Käthe Kollwitz mit ihren Grafiken auch in Wien gegen den Hunger anmahnte, ging der Wiener Emil Orlik 1905 nach Berlin, wurde dort Mitglied der Secession und Professor an der Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums. Zu seinen Schülern gehörten so bekannte Künstler wie Georg Grosz und Hanna Höch. Für ein Gastspiel des Deutschen Theaters mit Hauptmanns Webern in Prag und Hamburg gestaltete Orlik das Plakat.

    Der in Wien vorherrschende Jugendstil wird vom Berliner Maler Fidus aufgenommen. Architektur und Design der Wiener Werkstätten drängen nach Berlin. Mit Kolomann Moser ist ihr wohl wichtigster Vertreter mit einigen Werken zu sehen. Und eine kleine verspätete Reminiszenz zum in Berlin so gut wie unbeachteten Klimt-Jahr 2012 wird hier zum Ereignis. Die groß gemusterte Bluse der Johanna Staude ist im Original sowie im gleichnamigen Ölbild von Gustav Klimt zu bewundern. Ihr zur Seite gestellt ist die schwungvolle Tänzerin Baladine Klossowska, Schwester des in Paris und Berlin arbeitenden Malers Eugen Spiro.

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    William Wauer: Bildnis Herwarth Walden, 1917

    Der Expressionismus hält 1910 in Wien mit dem Maler Oskar Kokoschka Einzug und drängt via Herwarth Waldens Wochenschrift Der Sturm ins avantgardistische Berlin. Eine große Vitrine zeigt Ausgaben jener Jahre. Im Gegenzug veröffentlicht Else Lasker-Schüler Zeichnungen und Gedichte in Karl Kraus‘ Wiener Fackel. In der boomenden Metropole Berlin sind bereits die Maler der Künstlervereinigung Die Brücke am Werk. Ernst Ludwigs Kirchners Frauen auf der Straße hängen in der Ausstellung neben weiteren ausdrucksstarken Bildern der Brücke-Künstler Max Pechstein und Erich Heckel. Ihnen gegenübergestellt sind die nicht minder farbgewaltigen Wiener Expressionisten wie Herbert Boeckl, Anton Kolig oder Oskar Kokoschka mit seinem Bildnis der Nell Walden. Da darf natürlich auch William Wauers kubistische Bronzebüste Bildnis des Herwarth Walden aus der Berlinischen Galerie nicht fehlen.

    Wie ein Solitär zwischen all dieser expressiven Farbigkeit wirkt da das sparsame und dennoch ausdrucksstarke Bildnis des Verlegers Eduard Kosmack von Egon Schiele. Daneben ein Schiele-Portrait von Max Oppenheimer. Schiele hatte seinen Wiener Malerkollegen im gleichen Jahr ebenfalls porträtiert. Eine Entdeckung auch die von 1913 bis zu ihrem Tod in Wien lebende deutsche Malerin Helene Funke mit ihrem sinnlichen an den Pariser Fauves geschultem Frauengruppenbildnis Träume.

    Hanna Hoech_Dada-Puppen, 1916-17_Berlinische Galrie
    Hanna Hoech: Dada-Puppen, 1916-17

    1914 zog ein Großteil der Wiener und Berliner Künstler zunächst begeistert in den 1. Weltkrieg. Ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiteten sie dabei ganz unterschiedlich. Sehr direkt zeigen die grafischen Mappenwerke des Berliners Georg Grosz die Kriegsgreuel. Ludwig Meidner malte düstere Untergangsszenarien wie Apokalyptische Landschaft und jüngster Tag. Noch mehr mit Symbolik aufgeladen sind die Werke der Wiener Maler wie Ludwig Heinrich Jungnickel mit seinem Gemälde Die Sintflut und Fritz Schwartz-Waldegg als Vertreter der Verlorenen Generation der Zwischenkriegszeit mit seinem aufwühlenden Selbstbild Bekenntnis.

    Gestreift wird auch die in den 1920er Jahren in Berlin entstandene Avantgardekunstbewegung des Dada. Mit ihren reichen Beständen an Grafiken, Collagen, Ölbildern und Objekten von Georg Grosz, Hanna Höch und Raoul Hausmann kann die Berlinische Galerie hier aus dem Vollen schöpfen. Dada blieb allerdings in Wien ebenso unbeachtet, wie der in Wien aufkommende futuristische Kinetismus kaum Nachahmer in Berlin fand. Die Wiener Avantgarde erreichte immerhin noch mit der Malerin und angewandten Künstlerin Friedl Dicker sowie dem Schweizer Maler und Kunsttheoretiker Johannes Itten das Weimarer Bauhaus. Bemerkenswert ist hier in der Berliner Schau aber vor allem die in Deutschland relativ unbekannte Wiener Künstlerin Erika Giovanna Klien mit ihren futuristischen Großstadtbildern von Menschen und Maschinen sowie der comicartigen Bildergeschichte Klessheimer Sendbote.

    Rudolf Belling_Max Schmeling, 1929_BG_Lotte Laserstein_Tennisspielerin, 1929_Privatb.
    Rudolf Belling: Max Schmeling, 1929 – Lotte Laserstein: Tennisspielerin, 1929

    Einen besonders großen Raum nimmt in der Berlinischen Galerie natürlich die Zeit der Neuen Sachlichkeit ein. Eine klar vermutete Domäne der Berliner Künstler der 1920er und 30er Jahre wie Otto Dix, Rudolf Schlichter, Christian Schad und Jeanne Mammen. Ihren bekannten Portraits werden Wiener Realisten wie Herbert Ploberger, Rudolf Wacker und Albert Paris Gütersloh, Lehrer und Vater der nach dem 2. Weltkrieg aufstrebenden Wiener Phantasten um Ernst Fuchs und Wolfgang Hutter, gegenübergestellt. Franz Lerchs Schlafendes Mädchen korrespondiert hier wunderbar mit Karl Hofers Ruhendem Mädchen. Die Wiener Straßenszenen des Grafikers Wilhelm Traeger stehen Max Beckmanns Berliner Reise in nichts nach und der Pressezeichner B. F. Dolbin karikierte Wiener und Berliner Theatergrößen wie Max Reinhardt, Bertolt Brecht, Lotte Lenya, Fritz Kortner und Alfred Kerr.

    Die Ausstellung schließt mit den bedrückenden Bildern der unter den Nazis im KZ ermordeten Felix Nussbaum und Friedel Dicker-Brandeis und kann dann noch einmal mit dem vor einem Jahr im Kunsthandel wieder aufgetauchten Bildnis Im Gasthaus von Lotte Laserstein punkten, das sich nun im Besitz einer Privatsammlung befindet. Laserstein konnte 1937 noch rechtzeitig nach Schweden emigrieren. Schon 1930 wehte eine Art melancholische Vorahnung durch ihre Tischgesellschaft Abend über Potsdam. Hier ist man aber noch längst nicht am Endpunkt der Wien-Berlin-Connection. Die Ausstellung verlangt förmlich nach einer Fortsetzung. Auch in der Nachkriegsmoderne ließen sich noch so manche Gemeinsamkeiten und Gegensätze finden. Die Berlinische Galerie muss sich hierfür nur nach weiteren Partnern in Wien umsehen. Ein erster Schritt ist mit dieser großartigen Schau getan.

    Als hervorragende Ergänzung zur Ausstellung dient der reich bebilderte und mit etlichen lesenswerten Beiträgen zum Kunstverständnis beider Städte vervollständigte Katalog, der seine immerhin 39 Euro auch tatsächlich wert ist.

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    Lotte Lasersteins Im Gasthaus
    Lotte Laserstein: Im Gasthaus, 1927

    Wien Berlin
    Kunst zweier Metropolen
    24.10.2013–27.01.2014

    Berlinische Galerie
    Landesmuseum für Moderne
    Kunst, Fotografie und
    Architektur
    Stiftung Öffentlichen Rechts
    Alte Jakobstraße 124-128
    10969 Berlin

    Weitere Informationen: http://www.berlinischegalerie.de/de/ausstellungen-berlin/aktuell/wien-berlin/

    Text und Fotos: St. Bock

    Der Beitrag ist in leicht gekürzter Form am 01.11.13 auch auf Kultura-Extra erschienen.

    siehe auch: Freitag-Community

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  • Brandung – Das mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnete Stück von Maria Milisavljevic feierte in der Regie von Christopher Rüping am 10. Oktober seine Berlin-Premiere in der Box des Deutschen Theaters.

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    „Ein Schrei durch die Brandung! Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut. Ein Wrack auf der Sandbank, noch wiegt es die Flut; Gleich holt sich‘s der Abgrund.“ Otto Ernst, aus: Nis Randers, verwendet in Brandung von Maria Milisavljevic

    Diese und noch einige andere poetische Einlassungen im sonst recht epischen Text von Maria Milisavljevic geben ihrem Stück Namen und Richtung. Und noch von anderer Seite ist poetisch Hochtrabendes in den Text geflossen. Regisseur Christopher Rüping stellt den Musiker des Abends, Christoph Hart, als bebildertes Zitat an den Anfang. Er, oben Mensch und unten Fisch, spricht einen Auszug aus Hermann Hesses Demian. Bei Hesse heißt es in der Einleitung zum Roman weiter: „Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“ Maria Milisavljevic geht es um die Rückkehr zu den Wurzeln der Kindheit, um die Herkunft und Heimat des Menschen.

    Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin – Foto: St. B.

    Im Stück, dass im Juni bereits bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zur Uraufführung kam, sind es zunächst drei, Milisavljevic nennt sie ICH, ER, SIE, die einen weiteren, namens Karla, suchen. Karla ist von einem schnellen Ausflug zum Supermarkt um die Ecke nicht mehr zurückgekehrt. Die Freunde melden sie als vermisst und beginnen ihrerseits mit einer groß angelegten Suchaktion. Was wie ein spannend inszenierter Krimi daherkommt, hat im zweiten Hinsehen aber wesentlich tiefere Ursachen. Ungeklärte Freundschafts- und Liebesbeziehungen quälen die Protagonisten und lassen sie schließlich auf eine Reise zurück bis zu ihren familiären Wurzeln gehen.

    Die von Natalia Belitski gespielte Ich-Erzählerin ist mit Vlado, dem ER, zusammen, zeigt aber auch Interesse an den Annäherungsversuchen von Jo, was sie Vlado natürlich verschweigt. Der neu aus Leipzig zum Ensemble des DT gestoßene Benjamin Lillie spielt die beiden erst nichts voneinander wissenden und dann sich beargwöhnenden Kontrahenten. SIE (Barbara Heynen) heißt eigentlich Martina und ist die Schwester der Ich-Erzählerin. Als Mitbewohnerin Karlas und einzig scheinbar unbelastete Figur wirft sie sich pflichtschuldig in die Suche nach ihr, organisiert das Erstellen von Webseiten und Handzettel, macht Druck bei der örtlichen Presse und Polizei.

    Die anderen beiden bergen weiter ihr Geheimnis, werden aber von einem inneren Gefühl, wie einem schlechten Gewissen angetrieben, die Verschwundene zu finden. In wechselnden Monolog- und Dialogpassagen forschen sie einander aus, suchen nach Ursachen des plötzlichen Verschwindens. Ihre einst innige Beziehung ist an einem gewissen Kältepunkt angelangt, was sich im Text in der Metapher des gefrorenen Sees, der erst später die Leiche der jungen Karla freigeben wird, wiederfindet und sich auf der Bühne in Form einer Wand voller quadratischer, schmelzender Eisscheiben spiegelt.

    Je weiter die Protagonisten in die Tiefen ihres Beziehungsgeflechts und ungeklärte Vergangenheit vordringen, je schneller das Eis in der Wand schmilzt, umso näher kommen sie sich wieder bei der gemeinsamen Suche nach Karla. Für den nötigen Spannungsbogen sorgt die Autorin mittels einiger Krimibezüge und kolportagereifen Szenen, die der Regisseur auch in entsprechend spritzige Bilder übersetzt. Da will ein zwielichtiger Deutscher die Tasche Karlas in der Nähe eines barackenartigen Russenviertels am Fluss gefunden haben, wo dann auch noch ein roter Gummistiefel mit aufgemaltem Herzen entdeckt wird.

    Die drei Schauspieler laufen dabei mit Taschenlampen bewaffnet durch die Zuschauerreihen und treiben das skurrile Spiel mit der Spannung auf die Spitze. Der Musiker Christoph Hart hinter der Wand liefert je nach Stimmung den passenden Keyboardsound dazu. Da schreien mal die Darsteller wie Möwen, ist unablässig tropfendes Wasser zu hören oder später auch feinfühliges Harfenspiel.

    Nachdem Karlas Tod Gewissheit wird, flieht das Paar schließlich zu Vlados Großeltern nach Kroatien. Ob es Mord oder Selbstmord war, untersucht die Polizei, während das Paar zur Ruhe zu kommen versucht und sich unter dem Druck von Schuldgefühlen ihre Geheimnisse gesteht. So birgt nicht nur ICH ein Geheimnis, auch Vlado hat Karla die Wahrheit über seine Beziehung zur Ich-Erzählerin verschwiegen.

    Mit Einsprengseln über die Geschichte von ICHs und Vlados Familie versucht Maria Milisavljevic die Verlustängste der beiden zu erklären und gibt den beiden dadurch wieder Halt. So können sie ihre Luftwurzeln wieder erden, und aus imaginären Sehnsuchtsorten mit Sonne und Meer werden echte gemeinsame Erlebnisorte. Hier verarbeitet die Autorin mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien durchaus auch eigene Erfahrungen. Nicht alle Rätsel über das Verschwinden Karlas können hier gelöst werden. Aber eines ist den beiden Zurückgebliebenen klar: „Wer nicht erzählt, braucht das Schweigen.“ Und das zu brechen, ist manchmal wie Löcher in eine Eiswand schlagen.

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    Ein bemerkenswerter Achtungserfolg und neben Marianna Salzmanns Muttersprache Mameloschn weiterer gelungener Beitrag des Deutschen Theaters zum Thema Heimat und Familie. Salzmanns berührendes Familienstück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland wird durch die DT-Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und ein weiteres Mal großartige Natalia Belitski mittels viel Witz und Hilfe einer frischen, lockeren Regie hervorragend in Szene gesetzt. Das mit reichlich Mutter- und Sprachwitz ausgestattete Stück war ganz zu Recht für den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis 2013 nominiert. Muttersprache Mameloschn in der von Regie von Brit Bartkowiak ist ebenfalls wieder in der Box des DT zu sehen.

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    Brandung (UA)
    von Maria Milisavljevic
    Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Dramaturgie: Meike Schmitz.
    Mit: Natalia Belitski (Ich), Benjamin Lillie (Er), Barbara Heynen (Sie), Christoph Hart (Musiker).
    Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

    Termine in der Box des Deutschen Theaters:

    01. November 2013, 19.30 – 21.00 Uhr
    17. November 2013, 19.30 – 21.00 Uhr
    30. November 2013, 18.00 – 19.30 Uhr

    Muttersprache Mameloschn wieder am 15., 16., 17. Okt. und 14. Nov. um 20:00 Uhr sowie 29. Nov. und 25. Dez. um 19:30 Uhr

    Der Beitrag ist zuerst auf Livekritik erschienen.

    siehe auch: http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/brandung-in-der-box-des-dt-berlin

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  • DIMITER GOTSCHEFF (26.04.1943 – 20.10.2013) – Ein Nachruf auf einen einzigartigen Theaterregisseur

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    „Wen reißt ein gelungener Endreim vom Barhocker / Das letzte Abenteuer ist der Tod / Ich werde wiederkommen außer mir / ein Tag im Oktober im Regensturz“
    Heiner Müller, aus: Notiz 409 (Okt. 1995)

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    Cover des im Juni 2013 erschienenen „Arbeitsbuch 22" von Theater der Zeit über Dimiter Gotscheff - (C) TdZ
    Cover des im Juni 2013 erschienenen „Arbeitsbuch 22″ von Theater der Zeit über Dimiter Gotscheff – (C) TdZ

    Manchmal sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht. „Was für ein Wald, Du Idiot? Wald ist im Kopf.“ soll der Theaterregisseur Dimiter Gotscheff einem Schauspieler in der Probe zu Tschechows Iwanow an der Berliner Volksbühne zugerufen haben.So ähnlich musste es dem damals jungen Studenten der Veterinärmedizin wohl selbst gegangen sein, als er 1964 bei der Lektüre von Heiner Müllers Philoktet auf der Schönhauser Allee gegen einen Baum rannte. Eine Initialzündung. Der deutsche Dramatiker Müller ging dem Bulgaren Gotscheff seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Er wechselte ins Theaterfach („Immerhin ist der Mensch das Tier, das am besten schauspielern kann“) und wurde Regisseur.

    Aber noch ein anderer Körperteil spielt in der Regiearbeit von Gotscheff eine große Rolle. Er nannte sich selbst einen Bauchmenschen. Es war wohl ein untrügliches Bauchgefühl, was ihn zuerst an einen Text glauben ließ. Auch Heiner Müller sprach beim Verstehen von Theatertexten nicht in Versen, sondern von Fersen. Da reagieren die Gedärme eher als das Hirn.

    Dimiter Gotscheff wurde 1943 als Sohn eines Tierarztes im südbulgarischen Parwomaj geboren. Dort holte man das Wasser noch täglich aus dem Fluss Marica (griech. Evros, lat. Hebros), in dem der singende Kopf des von den dionysischen Mänaden zerrissen griechischen Dichters Orpheus samt Lyra ins Ägäische Meer geschwommen sein soll. Noch unbewusst saugte er das Theater sozusagen als Kind mit dem Bade ein.

    Mit seinem Vater siedelte Gotscheff 1962 in die DDR über. Er verließ sie 1979 wieder, um die Worte Müllers, Büchners und Hölderlins nach Bulgarien zu tragen. Bekannt wurde er schließlich 1983 mit einer Inszenierung von Heiner Müllers Philoktet in Sofia. Über die Umwege Köln, Düsseldorf, Hannover und Bochum kam Gotscheff schließlich 2000 wieder zurück nach Berlin. Hier begann er am Deutschen Theater und an der Volksbühne seine Karriere als Nachlassverwalter der Texte Heiner Müllers. Was ihn auch ans Thalia Theater Hamburg und Residenztheater München führte.

    Wie ein Dauerarbeiter im Müllersteinbruch stand der Regisseur selbst als Hamlet in einer Inszenierung der Hamletmaschine auf der Bühne des DT und quälte sich an der Volksbühne gemeinsam mit Samuel Finzi und Sepp Bierbichler saufend und fluchend wiedermal durch den Philoktet. In Kritikerkreisen trug Gotscheff das schnell den Titel der einzigen rechtmäßigen Witwe des Schriftstellers Heiner Müller ein. Was ihm mit seiner großen Fähigkeit zur Selbstironie eher Antrieb als Last war. Müllers Texte besaßen für Gotscheff immer noch Gültigkeit. „Eine Sprache, die man einatmet und die einem in den Poren kleben bleibt.“ Seine grandiosen Schauspieler füllten damit immer wieder den leeren Theaterraum. Der Mund wird zum Fleisch, das reden will – sagte Gotscheff in Abwandlung von Müller.

    Aber nicht nur Heiner Müller beschäftigte Dimiter Gotscheff. Auch mit Stücken von Shakespeare, Molière, Tschechow, Handke oder Horvath feierte er Erfolge. Wie gerne hätte man letztens Samuel Finzi als Don Juan kommt aus dem Krieg in einer Regie von Dimiter Gotscheff gesehen. Und mit den Werken von Sophokles und Aischylos, natürlich in Übersetzungen von Bertolt Brecht und Heiner Müller, war er wieder bei den Anfängen des Theaters angekommen. 2006 erhielt Gotscheff für den Iwanow den 3sat-Preis des Theatertreffens und wurde 2007 er für seine legendären Perser am Deutschen Theater Berlin zum Regisseur des Jahres gewählt. Gerne hätte er auch noch Dantons Tod von Georg Büchner inszeniert. Was bleibt, ist seine Inszenierung von Müllers gewaltigem Revolutionsdrama Zement am Münchner Residenztheater.

    Ein Baum spielt auch in Samuel Becketts Warten auf Godot eine wichtige Rolle. Kaum ein Bühnenbild ohne ihn. So ist es verfügt. Unter ihm versammeln sich seither all die Wartenden. Dimiter Gotscheff wollte das Stück im Mai 2014 am Deutschen Theater Berlin inszenieren. Wir hatten uns schon auf Samuel Finzi und Wolfram Koch als Wladimir und Estragon gefreut. Und allen Erben zum Trotz vielleicht auf Almut Zilcher und Margit Bendokat in zwei grandiosen Hosenrollen als Lucky und Pozzo. Alles vergebens?

    Er könne sich nur noch einen Strick nehmen, ohne das Gefühl für die Utopie – hatte Dimiter Gotscheff in einem Interview zu seinem 70sten Geburtstag im TdZ-Sonderheft Dimiter Gotscheff. Dunkel das uns blendet gesagt. „Ohne Utopie kann ich diesen Schauspielern gar nicht begegnen.“ Hier glaubte einer noch an die Müllerworte vom wieder gehörten Schweigen des Theaters, das der Grund seiner Sprache ist. Was wird nun aus der grandiosen Gotscheff-Familie ohne ihren Erzeuger?

    In der Nacht zum Sonntag ist der Theaterregisseur Dimiter Gotscheff nach kurzer Krankheit in Berlin gestorben. Wir gehen nicht von der Stelle und werden weiter warten.

    Dimiter Gotscheff. Dunkel das uns blendet
    Theater der Zeit, Arbeitsbuch 22
    Broschur mit 180 Seiten, Format: 215 x 285 mm, Preis EUR 18,00
    mit zahlreichen Abbildungen
    inklusive Film-DVD Homo ludens – Das Gotscheff-Porträt von Ivan Panteleev
    herausgegeben von Dorte Lena Eilers, Klaus Caesar und Harald Müller
    Erschienen im Juli 2013

    Der Text ist am 20.10.13 zuerst auf Kultura-Extra erschienen.

    siehe auch: http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/dimiter-gotscheff-26-04-1943-20-10-2013

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  • Don Juan kommt aus dem Krieg – Luc Bondy inszeniert Ödon von Horvaths melancholisches Schauspiel am Berliner Ensemble

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    Don Juan am BE_Okt. 2013
    Don Juan kommt aus dem Krieg am Berliner Ensemble – Foto: St. B.

    Dienstag, 15. Oktober, ausverkaufte Premiere. Das hat es auch schon länger nicht mehr am Berliner Ensemble gegeben. Die Promidichte im Publikum ist auch sehr hoch. So wurden u.a. Edith Clever, August Diehl, Leander Haußmann und sogar Rolf Hochhuth gesichtet. Das schafft nicht jedes Theater mit einem kaum gespielten Horvath-Stück. Selbst auf der Bühne treten sich einige überregionale Theaterstars und örtliche Sternchen auf die Füße. Erstaunlich, wie es dem BE immer mal wieder gelingt, so ganz gegensätzliche Theaterauffassungen und Darstellungsweisen unisono zusammenzuführen. Und das ist noch nicht mal ironisch gemeint.

    Schon Thomas Langhoff hatte die alten DT-Haudegen Christian Grashof, Alexander Lang und Robert Galinowski oder die ins Operettenfach gewechselte Dagmar Manzel ans BE hinübergerettet. Vom Burgtheater schauen hin und wieder mal Claus Maria Brandauer, Gert Voss oder Michael Maertens vorbei. Die alte Schaubühne ist mit Corinna Kirchhoff und Angela Winkler vertreten. Claus Peymann holte den mittlerweile wieder an der Schaubühne engagierten Ernst Stötzner als buckeligen Richard III. und Leander Haußmann die Volksbühnen-Aktrise Silvia Rieger als finstere Klytaimnestra in Hoffmannsthals Elektra auf die Bühne des BE. Martin Wuttke, der Pendler zwischen den Welten der Berliner Volksbühne und Wiener Burg, spielt hier seit Jahren Soloprogramme und Brechts Arturo Ui in der unvergessenen Inszenierung von Heiner Müller in Dauerschleife.

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    Diesmal sind es also Ilse Ritter (Schaubühne, Burgtheater, Schauspielhaus Hamburg, etc., etc.), Kathrin Angerer (Volksbühne) und Samuel Finzi (u.a. Deutsches Theater und Volksbühne), die sich ein gemeinsames Stelldichein am Berliner Ensembles geben. Hier stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. Ritter, Dene, Voss wird allerdings nicht gegeben. Und auch Claus Peymann ist nicht der verantwortliche Regisseur des Abends. Luc Bondy holt seine bereits 2011 für die Ruhrfestspiele geplante Inszenierung von Ödon von Horvaths Don Juan kommt aus dem Krieg nun hier am BE nach.

    Luc Bondy - Foto: St. B.
    Regisseur Luc Bondy – Foto: St. B.

    Aus den allseits bekannten mimischen und sprachlichen Unterschieden der Darsteller sollten sich doch auf der Bühne auch ein paar Funken schlagen lassen. Aber so unähnlich sind sich diese drei Charaktere dann wohl doch nicht. Oder Luc Bondy hat deren unterschiedliche Strahlkraft im Probenprozess stark nivelliert. Unterstützt werden sie in ihrem Spiel von so gestandenen BE-Frauen wie Anke Engelsmann, Swetlana Schönfeld, Katharina Susewind, Ursula Höpfner-Tabori und dem immer präsenten weiblichen BE-Nachwuchs. 35 verschiedene Frauen hat Horvat für sein Schauspiel vorgesehen. Mit „elfen“ begnügt sich das BE. Allerdings spricht Horvath – am BE ist Irm Herrmann via Konserve zu hören – in seinem Vorwort zum Stück auch von immer gleichen Grundtypen, die sich entwickeln können. Hier weiß also einer Bescheid über die Frauen.

    Was treibt nun die Frauen zu Don Juan? Da weicht Horvath ins Metaphysische aus. Don Juan sucht die Vollkommenheit, die es im Leben nicht gibt. Mit rein irdischem Horizont wird ihn das ewig Weibliche also nicht hinan ziehen können. Don Juan als tragische Figur, der bei der Suche nach dem eigenen unerreichbaren Glück die Frauen, wie zum Gegenbeweis angetreten, reihenweise ins Unglück stürzt. Dabei selbst zynisches Opfer seiner Wirkung. Er wird den Damen nicht entrinnen.

    Samuel Finzi ist dieser Don Juan. Er starrt hier so Mitleid erregend aus seinen tief geschminkten Augenhöhlen und verströmt dabei im abgerissenen Soldatenmantel den Charme eines nassen Hündchens, dass die umstehenden Damen gar nicht anders können, als den müden Streuner mit nach Hause zu schleppen. Die neue Nummer des großen Herzensbrechers, der geläutert, so glaubt er zumindest, aus dem 1. Weltkrieg heimgekehrt, nach seiner verflossenen Liebe sucht. In jeder der ihm nun nacheinander begegnenden Frauen meint Don Juan diese eine Liebe wiederzuerkennen. „Wir kennen uns.“, eine Masche, die heute nicht mehr ganz so populär ist. Ihn ficht das fürderhin nicht an, hungern doch die ihn zahlreich umgebenden Frauen, dick oder auch rachitisch, gleichermaßen nach seiner Liebe, oder was immer sie dafür halten.

    Der einst für seine „erotischen Skandalaffären“ bekannte Don Juan hat seine Verlobte für Kaiser, Volk und Vaterland oder auch einfach nur für eine Andere verlassen. So genau will Horvath das dann auch nicht klären, welche Traumata in dem fiebrig fantasierenden Kriegsheimkehrer schlummern. Schuld und Verantwortung, wie in Borcherts Heimkehrerdrama Draußen vor der Tür, machen Don Juan jedenfalls keine schlaflosen Nächte. Es scheint zumindest von diabolischer Größe, was eine Krankenschwester (Johanna Griebel) ihn nicht nur der ansteckenden Grippeviren wegen fliehen lässt. Luc Luc Bondy, der Meister der leisen Ironie, lässt uns ebenso im Unklaren, wie Finzis Don Juan selbst. Sein mürrisches NICHTS bleibt einzige Antwort.

    Don Juan kommt aus dem Krieg am Berliner Ensemble. Swetlana Schönfeld und Samuel Finzi – Foto © Ruth Walz

    Auf zackig expressionistischer Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann defilieren die Damen in veristischer Aufmachung von Kostümbildnerin Moidele Bickel oder sitzen vorn in einer Art Wartelounge an kleinen Tischchen. Die wieder sehr gute ausgewählte Live-Band spielt Walzer, Swing und Charleston. Es klimpert das Klavier, es klingt die Violine. Sanft singt die Säge dazu. Zwischen den Szenen wird im Halbdunkel geschwoft und die Frauen reihen sich auch mal zu einem Totentanz mit Masken. Ilse Ritter füllt hier einen ganzen Typenkatalog an Damen und beweist damit, dass sie vom jungen Mädchen über die Soubrette und Hure bis zur Witwe alles spielen kann. Katharina Susewind singt als Operndiva Arien aus Mozarts Don Giovanni, während sich Samuel Finzi von einer Loge zur gegenüberliegenden hangelt. Früher war mehr Slapstick.

    Weitere Akzente setzen immer wieder Svetlana Schönfeld als grantige Großmutter, in einen Sessel mit Stapeln alter Zeitungen eingekeilt, und Kathrin Angerer als ihre wunderbar nölige Magd mit Kleinmädchenzöpfen. Später gibt die Angerer noch eine blaubestrumpfte Professorenwitwe, bei der sich Don Juan einmietet und anderswo weiter Herzen bricht. Lesbische Kuntgewerblerinnen (Iles Ritter und Katharina Susewind) entzweien sich wegen ihm, – eine droht sogar ins Wasser zu gehen – ein junges Mädchen (Coco König) schwärmt erst und bezichtigt ihn dann der Unzucht. Eine überzeugte Parteigenossin (Larissa Fuchs) wirft sich schließlich dem Kapitalisten für die revolutionäre Sache an den Hals. Naja.

    Dunkel ist es die meiste Zeit auf der Bühne, sehr finster sogar. Es nebelt und ein stetiger Altherrenmief weht durchs Parkett. Dabei hätte man Luc Bondy eigentlich noch nicht zu den älteren Herren gezählt. Diese Meinung ist nun wohl zu revidieren. Die aufkommende Altersmilde gegenüber dem ewigen Schwerenöter Don Juan, die sich schon in der stark melancholisch angelegten Figur des Orgon von Gert Voss in Bondys Wiener Inszenierung des Tartuffe zeigte, entstammt dann wohl doch auch eigener Erkenntnis. Das war schon in Wien handwerklich sehr gut gearbeitet, letztendlich aber auch bis auf wenige Momente steril und langatmig. Nirgends auch im Don Juan ein Hauch einer ironischen Brechung. Man tut niemanden, und Horvath schon gar nicht, einen Gefallen dieses Stück nochmal aufzuführen. Aber wo besser, als am BE passt es hin.

    In eins nun die Hände. Hier stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. – Foto: St. Bock
    In eins nun die Hände. Hier stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. – Foto: St. B.

    Später wird ein weißes Tuch des Schweigens über die Bühne gezogen und es beginnt zu schneien. Am Grab seiner Liebsten angekommen, erstarrt Don Juan schließlich zur Schneemannfigur mit roter Möhre im Maul. Ein toter Mann mit Clownsmaske. Ein Anachronismus, aus der Gesellschaft gedrängt und verspottet, versinkt wie ein Mammut im ewigen Eis. Wer möchte da nicht die Parallelen zu Stein, Peymann oder Bondy sehen. So zumindest sehen sie sich zum Teil selbst. Luc Bondy hat sich nicht umsonst immer mehr aus Deutschland nach Frankreich zurückgezogen. Er hat seine Inszenierung dem kürzlich verstorbenen Freund Patrice Chéreau gewidmet. Das ist ihm hoch anzurechnen, haben doch die deutschsprachigen Bühnen diesen Film- und Theaterzauberer kaum entsprechend gewürdigt.

    *

    Ein Don Juan unserer Zeit heißt es in Horvaths Vorwort. Nur, aus welchem Krieg kommt der heute und wie könnte er wirklich aussehen? Darauf weiß Luc Bondy keine Antwort mehr. Einige Feuilletons glauben zumindest ihn schon zu kennen. Ein vom Patriarchat 2.0 gestresster Mann, was auch nur irgendein neues Schlagwort für einen von den Frauen, sprich vom Feminismus Verfolgten ist. Wirklich neu ist das allerdings nicht. Nur das die Socken nicht mehr ganz so stark müffeln und man(n) sich gelegentlich das Hemd selber bügelt. Nun haben sie also neben einem designten Rumsteh-Horvath von Enrico Lübbe auch noch einen melodramatischen Umherschau-Horvath von Luc Bondy am BE. So kann‘s kommen, wenn nichts mehr geht.

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    Don Juan kommt aus dem Krieg
    von Ödön von Horváth

    Regie: Luc Bondy
    Mitarbeit Regie: Geoffrey Layton
    Bühne: Karl-Ernst Herrman
    Kostüme: Moidele Bickel
    Musik: Bela Koreny
    Künstlerische Mitarbeit: Reinhild Hoffmann
    Maske: Cécile Kretschmar
    Dramaturgie: Dieter Sturm, Dietmar Böck.
    Mit: Samuel Finzi, Kathrin Angerer, Antonia Bill, Anke Engelsmann, Larissa Fuchs, Johanna Griebel, Ursula Höpfner-Tabori, Coco König, Laura Mitzkus, Ilse Ritter, Swetlana Schönfeld, Katharina Susewind, Musiker: Bela Koreny / Max Doehlemann (Klavier), Dragan Radosavievich (Violine, Banjo, Singende Säge), René Decker (Saxophon, Mundharmonika, Flöte).
    Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
    Premiere war am 15.10.13

    Weitere Infos auf:
    http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/93/don-juan-kommt-aus-dem-krieg

    Der Beitrag ist zurerst auf livekritik.de erschienen.

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