Neben den Gurken, der Fürst-Pückler-Pyramide, einem Postkutscher und dem „Dicken“ hat Cottbus auch eine echte kulturelle Alternative zu bieten. Cottbus hat die Polka und auch gleich das passende Sommer-Musik-Festival dazu, die sogenannten „PolkaBeats“. Seit 2010 treffen sich hier jährlich an einem Wochenende im August Bands mit den unterschiedlichsten musikalischen Ausrichtungen, um im Stile einer wahrhaften Grenzüberschreitung einer entscheidenden Gemeinsamkeit zu frönen, der Liebe zum 2/4-Takt. Außerhalb des weitverbreiteten Polka-Klischees bierseliger Blasmusikveranstaltungen im Trachtenlook trifft in Cottbus allen Unkenrufen zum Trotz Traditionelles auf neueste musikalische Moden und Trends, und verbindet sich so zu einem immer wieder hochexplosiven Partygemisch.
Unter dem Motto „Die Polka ist tot, es lebe die Polka!“ ging es dann vom 16. bis 17. August auch nicht nur wegen des schönen Wetters dementsprechend heiß her. Alles ist möglich, haben sich die Macher der PolkaBeats auf ihre Fahnen geschrieben. Musiker aus vier Nationen standen zwei Tage lang mit den unterschiedlichsten Stilen, die sich da zum Beispiel „Ompa Twang“, „ZickenUmpa“ oder „Polka Punk“ nennen, im friedlichen Wettstreit um die Gunst des Cottbuser Publikums. Und so kann „Polkability“ durchaus auch als eine Fähigkeit zur interkulturellen Verständigung angesehen werden. Aber die Hauptsache bleibt natürlich der Spaß an immer neuen Ideen jenseits des breiten Mainstreamgeschmacks.
Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.
Bereits am Freitagabend wurde das Festival traditionell in kleinerem Rahmen eröffnet. Nach dem „Zelig“ im letzten Jahr konnte der Bebel – Club of Culture in der Nähe der BTU Cottbus ebenfalls ein passendes Ambiente für den interkulturellen Polka-Bieranstich mit Musik bieten. Das intimere Club-Feeling kam besonders den Musikern der multinational besetzten Kapelle SCHÄNG PELLE entgegen, die mit ihrem Fiddel-lastigen Akkustik-Sound skandinavische Folktradition mit niederrheinischer Kirmesmusik mixten und so in den Umbaupausen die Tanzwütigen bei Laune hielten.
Le Marché im Club Bebel. Foto: St. B.
International im Musikstil waren dann auch die andern beiden Bands des Abends. Während LA MARCHE, benannt nach einem Landstrich in Mittelfrankreich, neben Balkanbeats, Ska, Funk und Reggae auch französischen Chanson im Gepäck haben, bevorzugen die Musiker von VLADIWOODSTOK eher eine Mischung aus Rock’n’Roll, Jazz, Punk und Walzer, der außer Tom Waits und den irischen Pogues vor allem die finnischen Könige der Humppa-Blasmusik Eläkeläiset zum Vorbild hat. Und wie zum Beweis dessen tauchte dann auch irgendwann bild- und klanggewaltig eine große Tuba auf. Gleich den coverwütigen Finnen schrecken Vladiwoodstok nicht vor dem klassischen Pop- und Rock-Erbe zurück. So stehen der „Alabama-Song“ von Brecht/Weill gleichberechtigt neben Edwin Collins` „Never known a girl like you before“, Mando Diaos „Dance with somebody“ und Madonnas „La Isla Bonita“ in einer Kastagnetten-Polka-Version.
Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.
Nach dem Warming-up im Bebel und einem nachmittäglichen Busausflug in den Spreewald – natürlich mit zünftiger böhmischer Blasmusik und Polkabegleitung von HORJANY und SCHÄNG PELLE – gab es am Samstagabend im Garten der Alten Chemiefabrik, die zum zweiten Mal Hauptaustragungsort der PolkaBeats war, endlich das lang ersehnte Zusammentreffen der POLKAHOLICS (USA) mit den POLKAHOLIX (D). Ein musikalisches Polka-Duell der ganz speziellen Art, das natürlich nur Sieger kannte. Nachdem die jungen, heimischen Lausitzer DIE FOLKSAMEN bereits das Cottbuser Partyvolk mit ihrem Polka-Ska und -Rock bestens eingestimmt hatten, betraten gegen 22:00 Uhr die drei Polkaverrückten der Chicagoer Band THE POLKAHOLICS als erste die große Bühne.
Gitarrist und Sänger Dandy Don Hedeker, Bassist Blitz Linster und Schlagzeuger Stylin’ Steve Glover ließen von Beginn an keinen Zweifel daran, wer die wahren Meister des Polka Punks sind. In ihren Fifties-Fantasie-Kostümen mit Horn-Brillen und gut gefetteter Haartolle sahen sie zwar eher wie eine Rockabilly Fun-Band aus. Ihre Wurzeln liegen aber klar im von polnischen Einwanderern kreierten Chicago-Stil, einer Spielart der Polka, die ebenfalls in den fünfziger Jahren ihre Hochzeit erlebte. Heimliches Vorbild der POLKAHOLICS ist dann auch Walter Eward Jagiello, ein Chicagoer Polka-Hero, dem sie sogar eine ganze Polka-Oper gewidmet haben.
The Polkaholics (U.S.) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.
Bei ihrem Cottbuser Auftritt mischten die drei jedoch im klassischen Gewand einer Rockband ihre Polka mit jeder Menge Punk-Beats und harten Gitarrenriffs, die nicht ganz unbeabsichtigt an Rockgrößen wie Deep Purple oder Led Zeppelin erinnerten. So tanzte und schwitze sich das Publikum auch bald mit an allen möglichen Körperteilen beklebten POLKAHOLICS-Stickern, die die Band zuvor freizügig verteilt hatte, durch die überwiegend rockige Setliste der Band. Und man hätte durchaus meinen können, der legendäre „Smoke on the Water“ ziehe an diesem Abend von der Spree herauf durch den Garten der Alten Chemiefabrik. Zum Schluss schwor Dandy Don noch die neu gewonnene Cottbuser Fangemeinde mit der eindrücklichen Forderung „Please don’t let the polka die!“ entsprechend ein. Seine Worte dürften angesichts der sichtbar um sich greifenden Euphorie auf besonders fruchtbaren Boden gefallen sein.
Polkaholix (D) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.
Leichtes Spiel also für den folgenden Headliner, die POLKAHOLIX aus Berlin. Sie brauchten nur da weiter zu machen, wo die Chicagoer aufgehört hatten. Denn auch die Band um Festivalleiter und Akkordeonspieler Jo Meyer und den Sänger Andreas Wieczorek vermag ähnlich stark missionierenden Weihrauch zu verbreiten. So brannten sie dann auch souverän ihr gewohntes Feuerwerk aus Rock’n’Polka, Ska, Punk und Berliner Gassenhauern ab. Nach mehreren Zugaben und einer musikalischen Verbrüderung der beiden PolkaholiCS/X-Bands auf offener Bühne mochte kaum jemand im Publikum wirklich an S.C.H.E.I.D.U.N.G. denken. Und wer danach immer noch nicht genug vom vielen Polken hatte, konnte die zuvor in den Konzertpausen erlernten Tanzschritte noch weit bis nach Mitternacht auf einer kleinen Bretterbühne am Rande ausprobieren. Ein rundum gelungenes Festival, das auch im nächsten Jahr seine Fortsetzung finden wird.
Polkaholics + Polkaholix in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.
All Aboard / Einsteigen Bitte: „King Bethel“, eine Art Lecture-Performance am Rande des Görlitzer Parks über einen Eisenbahnkönig der Gründerzeit, die Wurzeln des Kreuzberger Stadtbezirks und die Macht der menschlichen Vorstellungkraft
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Henry Bethel, rail and pickle king! All flock to hear his hammer ring… (Shakespeare im Park)
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King Bethel I-III von Shakespeare im Park
Seit drei Jahren nutzen die Macher von Shakespeare im Park bereits die weitläufige Kreuzberger Parkanlage zwischen Wienerstraße, Görlitzer Straße und dem Landwehrkanal als Spielwiese für ihre Performance-Theaterstücke, die sich bisher immer um eine Gestalt des Shakespeare‘schen Dramenkreises wie König Heinrich IV. oder Thomas Moore mit seinen Vorstellungen von der Insel Utopia drehten. Da sie im letzten Jahr mit ihrer wilden Performance „Utopia™ – Where All Is True“ Teilnehmern einer türkischen Feier in die Quere kamen, haben sie sich in diesem Jahr freiwillig an den Rand des Görlitzer Parks verzogen und stellen dort an der Parkmauer in einem Buddelkasten die Gründerzeitstory um den jüdisch-deutschen Eisenbahnkönig des 19. Jahrhunderts Bethel Henry Strousberg und damit ein gutes Stück Kreuzberger Geschichte nach.„King Bethel“ ist eine Art Lecture-Performance, in drei Teilen angelegt, die, thematisch gesehen, auch gut für sich allein stehen könnten. Verbindendes Element ist die historische, heute fast vergessene Figur des 1823 in Ostpreußen geborenen und in England aufgewachsenen, ideenreichen Gründers und Eisenbahnunternehmers Bethel Henry Strousberg (eigentlich Baruch Hirsch Strousberg). Er begann mit Hilfe guter Beziehungen zur preußischen Regierung und englischer Finanziers ab 1962 ein kleines deutsches Eisenbahnimperium aufzubauen. Man könnte auch sagen, Strousberg war einer der ersten und sehr erfolgreichen Lobbyisten in eigener Sache, der seine Beziehungen zur preußischen Regierung geschickt zu nutzen wusste, bevor er selbst in die Politik einstieg und Abgeordneter im damaligen Reichstag des Norddeutschen Bundes wurde. Heute verlaufen die Karieren deutscher Politiker eher andersherum.Das Interessante, und damit der wirkliche Link in die Gegenwart, ist aber die, für damalige Verhältnisse einfallsreiche Finanzierung seiner kostspieligen Eisenbahnbauvorhaben. Er bezahlte die ausführenden Generalunternehmer mit Anteilen an seinen Eisenbahnaktien, die jedoch weit überzeichnet waren und somit das vermeintliche Kapital seiner Gesellschaft künstlich aufblähten. Eine faule Finanzblase also, die einem heute auch nicht von ungefähr so aktuell erscheint. Nach dem Platzen der finanziellen wie politischen Träume in den 1870er Jahren verstarb Bethel Henry Strousberg in eher einfachen Verhältnissen 1884 in Berlin.
King Bethel. Das kleine Journal – Foto: St. B.
Strousberg hatte aber auch eine durchaus fortschrittliche und soziale Seite an sich, die man nicht ganz unerwähnt lassen sollte. Er zahlte vergleichsweise gute Löhne, baute Arbeitersiedlungen in der Nähe seiner Fabriken und verkürzte die Arbeitszeit von seinerzeit 11 auf 10 Stunden pro Tag. Diese Ambivalenz eines einerseits an hochproduktivem Manchesterkapitalismus und dubiosen Finanzierungsmechanismen orientiertem Industriellen und andererseits eines am gesellschaftlichen Fortschritt interessierten Entwicklers ganzer Stadteile und überregionalen Infrastrukturen bietet genug Stoff für eine abendfüllende künstlerische wie auch politische und in Teilen nicht ganz unironische Betrachtung seitens der Macher von Shakespeare im Park. Jedes der drei Stücke nimmt sich dann auch eine ganz bestimmte Episode aus der bewegten Biografie Strousbergs zum Thema einer spielerisch didaktischen Performance mit viel Musik und regional spezifischem Bezug zum Spielort Görlitzer Park.Zu Beginn des 1. Teils, der am 10. August Premiere hatte, verteilt das Team (Katrin Beushausen, Maxwell Flaum, Alberto Di Gennaro und Brandon Woolf), in blaue historische Schaffnerkostüme gekleidet, „Das kleine Journal“. Ein Handzettel, auf dem anhand von Leitartikeln und in kleinen Randglossen die Story in groben Zügen nachlesbar ist. Innerhalb von ca. 45 min. entwickeln die Performer ein Bild des Mannes, um den es laut Titel dieser „ortsspezifischen Performance“ im Weiteren gehen wird. Und dazu werden in einem Buddelkasten am Rande des Görlitzer Parks mit Paletten und Metallstangen auch Schienen verlegt. Ein Prozedere, das sich an den folgenden Tagen immer wiederholen wird.
King Bethel, Teil I – Foto: St. B.
King Bethel Strousberg im weißen Frack, in der Gestalt des sonst stummen Musikers Leigh Jonathan Thomas, wird in einer Art Schatztruhe auf Rädern über diesen provisorischen Schienenstrang geschoben. Sein Leben entsteht in Erzählungen, Spielszenen und kleinen Moritaten wie dem „Choo, Choo Sham!“ (Eisenbahnschwindel), einer Art Präludium, das, auf einem kleinen Flügel vorgetragen, zum alles verbindenden musikalischen Hauptthema des Stückes wird. Es geht um die Anfänge Strousbergs, seine erste Maschinenfabrik in Hannover-Lenden und dem von ihm errichteten Musterstädtchen, das bei einer Art imaginierten Führung bildlich aus Pappe vor uns entsteht. Der Wohltäter King Bethel, der seine Nähe zu den Arbeitern betonte und sie sogar als „Schwingen des Kapitals“ bezeichnete, schloss das Werk in Hannover allerdings nach einer ersten Krise sofort und zog nach Berlin.
King Bethel, Teil II. Die kleine blaue Lokomotive – Foto: St. B.
Hier finanzierte er mit Hilfe von Aktienverkäufen z.B. den Bau des Görlitzer Bahnhofs, baute die erste Markthalle und wurde von Friedrich Engels bereits zum neuen Kaiser von Deutschland geadelt. Der 2. Teil, der wie ein lustiger Kindertheaternachmittag beginnt, und von der Willenskraft der kleinen blauen Lokomotive aus einem gleichnamigen Kinderbuch berichtet, führt das Publikum spielerisch an die schwierig zu verstehenden Zusammenhänge und Finanzierungspraktiken Bethel Strousbergs heran. Es treten ein erster Gastarbeiter Mr. Spider und die schlauen Anwälte Herr Fuchs und Herr Igel auf, die Spider einen imaginären Phantasietaler überreichen. Dazu philosophiert Kant, der andere große Ostpreuße aus Königsberg und Experte für gesunden Menschenverstand, über die Vorstellungskraft und den Satz vom Widerspruch. Apriori oder a posteriori, mit der Kraft der Imagination und Phantasie lässt sich auch eine hohe Parkmauer bezwingen, wie dieser sehr unterhaltsame Nachmittag beweist.Im Teil 3 geht es dann noch um die globalen Unternehmungen Strousbergs. In einer fiktiv satirischen Rede des osmanischen Botschafters spricht Katrin Beushausen von den Bestrebungen des Eisenbahnkönigs um 1868 eine Bahn nach Istanbul zu bauen. Er nutzte dazu wiederum seine Beziehungen zum Haus der Hohenzollern, dessen Prinz Karl Eitel Friedrich Fürst von Rumänien war. Finanzierungsengpässe, Pfusch am Bau und der Russisch-Osmanische Krieg 1878-79, in dessen Ergebnis sich Rumänien unabhängig erklärte, lassen Strousbergs Expansionsträume jedoch platzen. Der Gründerkrach bringt ihn um 1879 dann schließlich ins Schussfeld nationalliberaler Reichstagsabgeordneter wie Eduard Lasker und Heinrich von Treitschke, die mit antisemitischen Ressentiments und entsprechenden Schriften Stimmung gegen die „Gier des Gründerunwesens“ und das „Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur“ machen. Treischkes Machwerk „Unsere Aussichten“ wird verteilt und das Team setzt sich Masken mit krummen Nasen auf.
King Bethel, Teil III – Foto: St. B.
Strousberg landet schließlich hinter Gittern und eine Pappeisenbahn geht in Flammen auf. Im letzten Teil der Trilogie überschlagen sich die Ereignisse etwas, was sich auch im leicht chaotischen Spiel der multilingualen Truppe bemerkbar macht. Die Fäden laufen nicht mehr so zielsicher zusammen, wie noch beim Bau der Spreewaldgurkenbahn. Und wie eine Bahnlinie mit den Stationen London, Berlin, Istanbul nicht an einem Nachmittag erbaut ist, so lässt sich selbst mit den Mitteln der Imagination in einem Stündchen Theater vergleichsweise wenig an Informationen unterbringen.
Was in den letzten Jahren das Pfund war, mit dem die Truppe wuchern konnte, erweist sich nun vor den Mauern des Parks als großes Manko. Die Einengung auf ein beschränktes Areal, tut der schier grenzenlos, ausufernden Performance nicht immer gut. Ob es dem Mangel an Fördergeldern geschuldet ist, oder den in Kreuzberg allgegenwärtigen Mechanismen zwischen Migration, Integration und Verdrängung, die das Stück ja auch indirekt thematisiert. Egal, was das Performanceteam daraus machen, ist in jedem Fall sehenswert. Es ist den Machern von Shakespeare im Park auf jeden Fall zu wünschen, dass es auch im nächsten Jahr mit ihrem stadtteilerkundenden Spiel weitergeht.
King Bethel. Der Musiker Leigh Jonathan Thomas – Foto: St. B.
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„Disconto is the New World Esperanto…” (Shakespeare im Park)
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Letzte Termine:
Teil I: So, 25.8 (16h)
Teil II: Sa, 24.8 (19h)
Teil III: Fr, 23.8 (19h)
Ort: Görlitzer Park, Berlin
Wiener Str. Ecke Görlitzer Ufer,
an der äußeren Parkmauer
Der Eintritt ist frei.
„Forest: The Nature of Crisis“ – Im romantisch verwunschenen Müggelwald lässt Constanza Macras die Krise tanzen.
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„In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in der Verbindung mit dem Ganzen steht.“ Johann Wolfgang Goethe
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Die Idee, die satten Kulturgroßstädter im Sommer raus aufs Land zu bringen, ist nicht neu. Es ist noch nicht allzu lange her, dass bei sogenannten Landpartien willige Bildungsbürger Berlins eingesammelt und mit Bussen nach Groß Leuthen, Neuhardenberg oder sonst wohin ins Brandenburgische gekarrt wurden. Meistens klingt das irgendwie nach romantischer Sommernacht in einem abgelegenen Wasserschloss mit angeschlossenem Park, wo feenhafte Wesen auf Ruderboten bei Fackelschein Goethe, Shakespeare, Nietzsche oder Selbstgedichtetes zur Laute deklamieren, während sich das geneigte Publikum am Ufer des Sees bei einem guten Tropfen Wein und Mitgebrachtem aus dem Picknickkorb niederlässt. Als Kontrastprogramm dazu gibt es moderne Kunst in alten ruinösen Gemäuern zu sehen. Das Ganze nennt sich dann Rohkunstbau, und findet immer noch in abgelegen Schlössern im Umland von Berlin statt. Dazu aber vielleicht später noch mehr.
Der Müggelturm – Foto: (c) Andreas Steinhoff
Nicht ganz so deliziös und leicht verdaulich ist die Kost, die uns ebenfalls ab dem 10. August die ChoreografinConstanza Macras mit ihrer Tanzcompany „DorkyPark“ im Köpenicker Müggelwald auftischt. Sie bringt die allgegenwärtige Krise samt krisengeschütteltem Kunstpersonal in die Natur. Das nennt sich dann „Forest: The Nature of Crisis“ und stützt sich wohl auf die Theorie vom naturgegebenen Zyklus des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Das Gesetzmäßige dieses zyklischen Auf und Abs lässt sich schon bei Karl Marx nachlesen. Constanza Macras, sonst an der Schaubühne aktiv, interessiert sich nun für die Umsetzung dieser Bewegung in modernen Tanz. Wobei ihr das Gelände am Teufelssee um das stillgelegte Ausflugslokal Müggelturm eine kongeniale Umgebung zu sein scheint. Nur das dieses kriselnde ostdeutsche Vehikel eher eine wendebedingte Altlast darstellt, und nun in Zeiten des allgemeinen Investitionsstillstands wohl endgültig in seinem andauernden Dornröschenschlaf dahindämmern wird.
Nun ist das Gelände wenigsten zeitweilig durch Musenkuss erweckt, und muss sich gleich einer ungewohnt hohen Anzahl nach Kunst gierender Eindringlinge erwehren, die mit Klapphockern, Taschenlampen und mehr oder weniger tauglichem Schuhwerk ausgerüstet, über die alten Waldwege trampeln. Einem Herdenauftrieb gleich strömt das Volk den Weg zum Müggelturm und zur ersten Station der Krisenperformance hinauf, während links im Wald die ersten Opfer gesichtet werden, die schreiend den Hang hinunter stürzen. Oben stehen Dixiklos. Erstaunlicherweise muss nur ich. Das Sturzbier beim Rübezahl-Biergarten am Müggelsee, der pünktlich um 19:00 Uhr schließt, drückt. Jetzt fängt es zu allem Übel auch noch an zu regnen. Das musste ja bei dem andauernden schönen Wetter mal so kommen. Erste Regenschirme werden aufgespannt, während wir an der Prinzessin auf der Erbse, die sich albtraumartig räkelt (sie drückt vermutlich eher der eingenähte Notgroschen), einem herumspringenden Zottelwesen und einem freundlich winkendem Menschen mit Wolfskopf vorbeigehen. „Es wird Ihnen nichts passieren.“ verspricht er fröhlich.
Treffpunkt am Rand des Müggelwaldes zu „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras. – Foto: St. B.
Da bin auch ich froh und ziehe den Reißverschluss meiner Regenjacke bis unters Kinn zu. Auf einer Waldlichtung sitzen einige der Performer und blasen auf Mundharmonikas Krisensound, während sich Tänzerinnen über den Waldboden drehen, winden und das Haar schütteln. Wir sind zweifellos bei Rapunzel angekommen, wie das Programmheft verheißt. Dazu singt schaurig schön eine Sängerin Schumannlieder, wie Heinrich Heines „Lotosblume“ („Der Mond, der ist ihr Buhle…“) und anderes. Ein Mondlicht ist leider nicht zu sehen. Dafür gibt es jetzt moderne Märchen vom armen Jazzdance Teacher und bösen ausbeuterischen Pizza Master sowie dem Schneewittchen, das heute eine Studentin aus Zaragossa ist, Drogen nimmt, sich für eine Eigentumswohnung schwer verschuldet und eine böse Stiefmutter mit Hang zur plastischen Chirurgie hat. Und der Apfel, der Schneewittchen vergiftet, ist zwar Bio, aber mit Quecksilber belastet. Da hilft wohl nur eine Rückkehr zu den Zeiten vor der großen Depression in den USA. Aber auch das kann Schneewittchen nicht wirklich erwecken. Das ultimative Ziel ist da ein starkes widerstandfähiges Ego, wie wir lernen.
Die nächste Station lädt zu einem ebenfalls recht ironischen Ausflug in die Historie des John Law, einem Ökonomen und Banker der ersten Stunde, der, in England in Ungnade gefallen, Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankreich Papiergeld, Kreditwirtschaft- und Aktienhandel einführte und somit die wundersame Vermehrung von Reichtum. Irgendetwas scheint aber damals schon schief gegangen zu sein. Während heutzutage, auch ganz ohne Regen, ein Rettungsschirm nach dem anderen aufgeht, musste Law mal wieder das Land verlassen und verfiel dem Glücksspiel. Kommt einem trotzdem irgendwie bekannt vor. Sich regen, bringt Segen. Und wohl auch deshalb wird wieder getanzt und auf dem Klavier erklingt Richard Claydermans romantische „Ballade pour Adeline“, bevor wir mit dem gestörten Ökosystem der Großstädte, den globalisierten Wegen des Grünen Punkts und der Müllmafia, die unseren Plastikabfall im Indischen Ozean verklappt, konfrontiert werden. Voyage voyage oder der Mensch wird zum Survivalist in einer Welt aus giftigen Plastikgeräten. Thanks BP.
Im verwunschenen Müggelwald. „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras. – Foto: St. B.
Vor der Ruine des Ausflugslokals am Müggelturm angekommen, haben derlei lehrreiche Abhandlungen dann erst mal Pause und die Truppe tanzt wild über den Betonparkplatz, während der Himmel die Schleusen weiter öffnet. Wohl auch deshalb geht es ziemlich schnurstracks zur letzten Station von Constanza Macras „Tour de force de la crise dans marche de la nature“ durch den mittlerweile ziemlich dunklen und rutschigen Müggelforst. Vom Teufelssee her winken feenhafte Gestalten. Das kennt man ja schon als alter KulTourist, und streut schon mal vorsichtshalber Kiesel auf den Weg, um den Abzweig zur Straße nicht zu verfehlen. Auf einer erleuchteten Waldlichtung sitzt eine Performerin und erzählt dann tatsächlich die Geschichte von Hänsel und Gretel, nur unter ganz anderen Vorzeichen, als noch bei den Brüdern Grimm. Die zwei werden hier von der Stiefmutter zum Betteln nach Buenos Aires gebracht und merken sich den Rückweg an den vielen Werbeplakaten. Als die in Folge der Krise immer mehr aus dem Stadtbild mit seinen Häuserschluchten verschwinden, treffen unsere hungrigen Kids wieder auf den Pizza Master und Hänsel übernimmt, nachdem er aus diesem Traum erwacht, einen Job als Pizzabote und Gretel als Mädchen für alles. Und wenn sie nicht gestorben sind, werden sie bestimmt in nicht allzu langer Zeit reich sein.
Wie um diese ironische Aussicht zu brechen, bewegt sich der ganze Pulk der Performer noch einmal in verstörenden Choreografien der Anziehung und Abstoßung, einem nicht enden wollenden Auf und Ab der krisengeschüttelten Körper. Dazu spielt die Live-Band 80er-Jahre-Rock und Wave-Musik bis die düstere Ballade vom Erlkönig die Show beendet. Und da gibt es tatsächlich nicht mehr viel zu sagen, wie eine Frau im Regen allein am Flügel konstatiert. Der Städter ist wieder mit sich allein und kämpft sich den dunklen Waldweg in Richtung Zivilisation zurück, die er spätestens an der Straße wieder erreicht hat. Und auch wenn die Krise hier recht leicht abperlt, wie der flüchtige Regen, und vorerst abgeschüttelt scheint, wird einiges der Performance sicher noch nachwirken. Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht…
Rübezahl. Foto: St. B.
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Darauf schwiegen die Vögelein im Walde.
Über allen Wipfeln ist Ruh
In allen Gipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.
Das Hexenkessel Hoftheater in Berlin-Mitte und die Woesner Brothers auf dem Pfefferberg versuchen sich mehr oder minder erfolgreich am „Amphitryon“ von und nach Molière
„Man kann ein anständiger Mensch sein und doch schlechte Verse machen.“ Jean-Baptiste Molière (1622-1673)
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Das Amphitheater des Hexenkessels in schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum. Foto: St. B.
Glänzte das Hexenkessel Hoftheater bisher ebenfalls meist mit Shakespeare-Werken, hat man sich in den letzten Jahren immer mehr der Commedia dell’arte von Carlo Goldoni oder dem französischen Komödiendichter Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, zugewandt. Besonders mit Stücken Molières wie „Der Geizige“, „Don Juan“ und „Der eingebildete Kranke“ konnte die Truppe unter ihrem Leiter Christian Schulz immer wieder ihr Publikum begeisterten. In diesem Jahr will es der Zufall, dass es zu einer wunderbaren Doppelung kommt, und sich der Hexenkessel im Amphitheater am Monbijoupark mit den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg messen muss. Eine wundersame gottgewollte Verdoppelung der Protagonisten ist dann auch das Thema der Molièreschen Bearbeitung der antiken Sage des „Amphitryon“. Der Feldherr Thebens wurde während seiner Abwesenheit durch den Göttervater Zeus in Gestalt des Aphitryon gehörnt. Seine Frau Alkmene gebar daraufhin den antiken Helden und Halbgott Herakles. Es sind fragmentarische Stückfassungen des griechischen Tragödiendichters Sophokles und des römischen Komödienschreibers Plautus überliefert.
Grundlage für Molières Verwechslungskomödie „Amphitryon“ dürfte die Tragikomödie des Plautus gewesen sein. Davon zeugen die römischen Bezeichnungen des Gottes Jupiter und seines Begleiters und Sohnes Merkur. Beide versetzen sich zum Spaß in die Gestalten des Feldherrn Amphitryon und dessen Dieners Sosias und nähern sich während deren kriegsbedingten Abwesenheit der ahnungslosen Alkmene. Was in Folge zu einiger Verwirrung führt, als erst Sosias mit der frohen Kunde des Sieges und später der gehörnte Ehemann Amphitryon selbst unverhofft in Theben auftauchen. Das Stück wurde bisher von einigen Dichtern wie dem Deutschen Peter Hacks oder den Franzosen Jean Rotrou (Les Deux Sosies) und Jean Hyppolyte Giraudoux adaptiert. Es ist in mehrfacher Bearbeitung immer wieder Stoff für großen Jux und Tollerei gewesen und inspirierte sogar den deutschen Dichter Heinrich von Kleist zu philosophischen Betrachtungen über das Ich. Mit dem Sturz der Protagonisten in die Identitätskrise gab Kleist der Komödie des Molière das tragische Moment zurück.
„Amphitryon“ vom Hexenkessel Hoftheater Fotos: Bernd Schönberger
Vlad Chiriac als Sosias. Foto: St. B.
Im Hexenkessel muss der Zuschauer aber nicht befürchten mit trockener Philosophie gequält zu werden. Das ist die Sache der komödienerprobten Darsteller nicht. Die moderne Fassung von Carsten Golbeck (Text) und Sarah Kohrs (Regie) gibt klar dem Spaß an der Unterhaltung den Vorrang. Und so haben dann auch die beiden Götter Jupiter (Milton Welsh) und Merkur (Roger Jahnke) zunächst ganz menschliche Wünsche und Schwächen. Der Verführer im fliederfarbenen Wams brüstet und sonnt sich in seiner Manneskraft und schiebt den zu kurz gekommenen Sohn Merkur zur Wache ab. Dieser mit einem leichten Vaterkomplex Ausgestattete lässt seinerseits den Frust am heimgekehrten Diener Sosias aus, dem er in seiner Gestalt nicht nur den Verstand, sondern gleich auch noch die Identität raubt. Vlad Chiriac ist der geborene Komödiant und spielt seinen Sosias als bauernschlauen Schwejk, der sich zwar oft um Hals und Kragen redet, aber mit viel Witz auch immer wieder aus misslicher Lage befreien kann. Dafür erntet er sehr viel Sympathie und Szenenapplaus und avanciert zu Recht in der Gunst der Zuschauer zum heimlichen Publikumsliebling.
Matthias Horn als Amphitryon gibt mit stoischer Vehemenz den rumpelnden Feldherrn gleichermaßen wie den sich missverstanden fühlenden, aufbrausenden Ehegatten. Nach der Enthüllung des Jupiters ist er es auch, der sich als erster wieder fängt und einen zählbaren Vorteil aus dem Götterfehltritt zu schlagen weiß. Alkmene (Claudia Graue) und Clea (Carsta Zimmermann) sind nicht nur schmückendes, weibliches Beiwerk, sondern dürfen so manches Wortgefecht mit den sich windenden oder prahlenden Mannsbildern austragen. Clea versucht sogar als eine Art orakelnde Schamanin, die schlechten Vibes mit probaten Zaubermittelchen zu vertreiben. Aus der Identitätsverwirrung und dem leidigen Geschlechterkampf weiß das spielfreudige Ensemble jedenfalls so manchen Funken zu schlagen. Man kann hier zumindest erahnen, was Kleist einst an Molières Komödie so interessiert hat. „Ich war noch nie icher“ ist dann auch der Spruch des Abends. Und die Hexenkesseltruppe war mit Sicherheit auch schon lange nicht mehr so sicher bei sich, als mit diesem „Amphitryon“. Ein großes Vergnügen, ihnen dabei zusehen zu dürfen.
Etwas neben sich scheinen dagegen die Woesner Brothers beim Schreiben ihrer eigenen Fassung der Molièreschen Komödie gestanden zu haben. Mit „Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ schrammen die Meister des gerührten Schüttelreims hart an der Gürtellinie des guten Geschmacks vorbei. Hier erheben sich auch keine fünffüßigen Jamben mehr. Man (und vor allem Frau) kriecht bevorzugt auf allen Vieren, wackelt mit dem Hinterteil, kräht und meckert oder gibt sich Tiernamen. Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza), wie sich das gleichermaßen liebestolle wie betrogene Paar aus dem schönen Theben beim Kosenamen ruft, scheinen auch ähnlich wirkende Substanzen eingeworfen zu haben, und geben sich dementsprechend aufgeputscht albern, übergriffig oder leicht tapsig und bräsig. In Kostüm und Gestus scheint das Ganze einem Asterix-und-Obelix-Comic a la „Die sind verrückt, diese Römer“ entlehnt. Es herrscht der gepflegte Herrenwitz und Unterleibshumor, der bevorzugt mit der Gummikeule ausgeteilt wird. Das haut selbst einen strammen Jupiter (Gideon Rapp) mit angeklebtem Kaiser-Wilhelm-Bart aus den Sandalen.
„Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ von den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg. Foto: St. B.
Etwas konsterniert flieht dann auch ein Teil, vor allem des weiblichen Publikums, den Abend in der überflüssigen Pause. Der Rest spricht im, trotz Edelrestaurantverdrängung, immer noch recht lauschigen kleinen Biergarten auf dem Pfefferberg alkoholhaltigen Flüssigkeiten zu und haut sich weiter tapfer auf die Schenkel. Jedoch auch nach der Pause will es nicht mehr sehr viel besser werden. Schlapp gemacht oder Schlappgelacht? „Wir sind die letzten Hänger der Legion“ ist der Hit des Abends. Leider ein Tiefpunkt der aktuellen Open-Air-Theatersaison. Da hilft auch keine Peitsche schwingende Lederdomina mehr. Einziger Lichtblick: Was der Sosias fürs Amphitheater ist der Merkur für die Woesner-Variante. Franz Lenski als kleiner fieser Intrigant hängt hier den Ossibeuteligen Dummbatzen Sosias (Peter Princz) mit großartig gespielter Leichtigkeit ab. Und sein Weib Cleantis, Sabine Weitzel im Putzkittel, darf derweil die Bretterbühne abfegen. Der Rest ist schnell erzählt. Zum Schluss bekommt auch jeder noch so täppsche Topf seinen passenden Deckel.
Der Pfefferberg am Senefelder Platz. Foto: St. B.
Das ist weder doppeldeutig noch irgendwie identitätsverwirrend, sondern nur noch nervtötend und geht auch als verunglückte Parodie auf triebgesteuerte Götter- und Menschenwesen nicht mehr wirklich durch. „Ach, hätten doch die Götter die Frauen nie erschaffen! Denn allzu oft macht sich der Mann um ihretwillen zum Affen.“ Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, außer: „Wer reimend eine Öse schweißt, verhakt sich im Gewoese meist.“ Auch einen Shakespeare haben die Woesners zu allem Überfluss noch im Angebot. Eine Romeo-und-Julia-Variante auf queer. „Chaos in Verona“ erzählt die angeblich wahre Geschichte von Romeo und Julius. Der Rezensent hat sich die Probe aufs Exempel vorsichtshalber erspart, weiß aber von einigen positiven Publikumsreaktionen. Das Ding scheint tatsächlich wesentlich besser zu laufen, als die albtraumartig erotisierten Götterstreiche. Am 20. September wird dann auch die fertiggestellte „Sch(w)ankhalle“ auf dem Pfefferberg mit einer Komödie der Woesner Brothers eingeweiht. „Zur Hölle mit Faust“. Wir können es kaum noch erwarten, den alten Goethe mal endlich richtig in Grund und Boden zu lachen. Ehrlich!
Juliane Gregori, Eddi Burza. Foto: St. B.
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„Amphitryons Albtraum
oder Die tolldreisten Streiche
erotisierter Götter“
bis 13. Sept.
Di – Sa, 20:00 Uhr
auf dem Pfefferberg,
im Wechsel mit
„Chaos in Verona –
Die wahre Geschichte
von Romeo und Julia“
.
***
Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
An Tier und Vögeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.
Johann Wolfgang Goethe, Faust I, Vorspiel auf dem Theater
„die engländer und franzosen haben nach dem 17. jahrhundert nur noch die komödie, die deutschen haben sie im 19. jahrhundert noch nicht.“Bertolt Brecht
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Das Angebot an Open-Air-Theater ist in diesem Jahr so vielgestaltig wie selten. Und man kann dem schönen Wetter nur danken, dass es einem genügend trockene Abende gönnt, die man bei erfrischender Theaterkunst und leichter Komödie im Freien verbringen kann. Ein buntes Menü an Komödien ist es auch meist, was man da bevorzugt vorgesetzt bekommt. Vor allem Molière, Goldoni und natürlich Shakespeare eignen sich am besten, das vergnügungswillige Volk bei der Stange zu halten. Aber auch die sogenannten Königsdramen des auf deutschen Bühnen meistgespielten elisabethanischen Dichters bieten mitunter ein nicht geahntes komödiantisches Potential. Eine Frage stellt sich dabei in erster Linie sofort: Darf man das?
Richard III! von der Shakespeare Company Berlin im Naturpark Schöneberger Südgelände – Ein Wahnsinns-Solo mit Schlagzeugbegleitung für den Schauspieler Andreas Petri.
Shakespeare in Grün. Eingang zum Naturpark Schöneberger Südgelände. – Foto: St. B.
Wenn man es wie die Berliner Shakespeare Company macht, lautet die Antwort unbedingt: Ja! In ihrem Domizil im Naturpark Schöneberger Südgelände bietet das Ensemble um den künstlerischen Leiter Christian Leonard neben den üblichen Komödien-Highlights in diesem Jahr auch mit „Macbeth“ und seit dem 31. Juli mit „Richard III!“ zwei der blutigsten Dramen, voll von machthungrigen, intriganten und gedungenen Königsmördern. Ein Manko bei den nicht gerade kurzen und an Rollen überreichen Shakespearestücken ist das meist begrenzte Schauspielpersonal der recht kleinen Open-Air-Ensembles. Gerade diese Not macht sich die Shakespeare Company nun zur Tugend. Der Schauspieler Andreas Petri bestreitet das Drama einfach im Alleingang. Ihm zur Seite stehen nur noch ein Musiker (Matthias Trippner), zwei Schlagzeuge, diverse recht einfach zu handhabende Requisiten und ein unbestreitbar komödiantisches Talent zur schnellen Verwandlung.
Verstellung ist es auch, was den Schurken Richard, Herzog von Gloster und drittgeborener Sohn des Dukes of York vor allem ausmacht. Sowie sein unbedingter Wille zur Macht, koste es was es wolle. Das 1597 von Shakespeare geschriebene Drama „Richard III.“ steht am Ende einer vierteiligen Folge von Königsdramen, genannt die „Yorktetralogie“ oder auch „Die Rosenkriege“, was selbst gekürzt am Stück gespielt in etwa einen Tag in Anspruch nehmen würde. Es stellt das Ende des Hauses York im Kampf gegen das Haus Lancaster dar und den Beginn einer bis hin zu Elisabeth I. zu Lebzeiten Shakespeares reichende Zeit der Tudors. Entsprechend harsch geht die Geschichte auch mit dem unterlegenen Geschlecht der Yorks um. Die Krönung im wahrsten Sinne des Wortes stellt der „blutige“ Richard dar.
Ein Ruf, der ihn bis in unserer Zeit verfolgt und erst mit der Auffindung der Gebeine „Richards III.“ jüngst unter einem Parkplatz in Leicester mal wieder etwas relativiert wurde. Eine von dessen unbestreitbaren Eigenschaften nimmt sich jedoch die Shakespeare Company zum Thema. Und zwar die niemals endende menschliche Gier nach Macht und Machterhalt, dargestellt als teuflischer Spaß am Morden. Richard, einer der Urväter des Bösen, der in uns schlummernden schwarzen Seele, möchte man meinen. Denn Leichen pflasterten buchstäblich seinen Weg zur Krone Englands. Über 500 Jahre ruhte seine Leiche unter dem mit Geschichte und Geschichten beladenen Pflaster eines Parkplatzes und somit mitten unter uns. (Auszüge nachzulesen im Programmheft zur Inszenierung der polnischen Regisseurin Iwona Jera.)
Es setzt einiges an Stückkenntnis voraus, wenn man den Windungen und Volten der hier dargebotenen Story folgen will. Shakespeare macht es uns auch im Original nicht gerade leicht. Auf das Wesentliche gekürzt, lässt sich die Handlung des Stückes nicht mehr ohne weiteres nachvollziehen. Zum besseren Verständnis zählt Andreas Petri zu Beginn erst mal alle Figuren des Dramas mit Paukenschlag auf. Nebst einem Hund, einem Entenschwarm und natürlich einem Pferd, was Petri dann im Folgenden auch tatsächlich sehr witzig in die Inszenierung einbaut. Der eigentlich missgebildete Richard ist bei Petri allerdings kein finsterer, buckliger Hinkefuß, sondern ein sehr wendiger und geschmeidiger Intrigant im schwarzen Hemd, der seine Umgebung geschickt zu manipulieren weiß und sein Ziel, im Eingangsmonolog erklärt, stringent verfolgt. Er ist dabei selbst „gewillt, ein Bösewicht zu werden.“ Erste Opfer seines Griffs nach der Krone sind die Brüder Clearence, ein tumber Stotterer, und König Edward IV., den Petri als bräsig larmoyanten Schwächling mit Stoffhut unter der Krone spielt. Der eine endet im Wassereimer, der andere stirbt bei der Überbringung der Todesnachricht röchelnd am Herzinfarkt.
Und so geht es weiter. Petri springt von einer Rolle in die nächste, schwitzt, stammelt, lispelt oder setzt die Worte pointiert. Zeigt Wendigkeit und Verstellungskraft, um alle anderen Figuren des Dramas im schnellen Wechsel der Requisiten mit Hut, Halskrause, Umhang oder Badekappe darzustellen. Die Lords Hestings, Rivers, Buckingham, Boten, den Bürgermeister von London oder den Mörder Tyrell, er hat sie alle drauf, gibt jeder Figur ein ganz spezielles Gepräge. Erscheinen sie dabei wie austauschbare Knallchargen, sind sie doch vor allem auch Geschöpfe Richards Manipulation, befinden sich in seiner Hand und springen dabei früher oder später über seine Klinge. Einem Beatstick, den Petri kräftig am Schlagzeug einsetzt, gegen seine Feinde oder auch verschlagen bei der Werbung um seine künftige Gemahlin Lady Anna. Das eine zu besitzen, um es zu behalten, das andere um es bei nächster Gelegenheit schnell wieder loszuwerden.
Eine kleine rollbare Showtreppe ist Thron, Richtblock oder Gepäckwagen bei der Ankunft der beiden kleinen Prinzen, die ihren Onkel foppen und von ihm herzig in die Wange gekniffen werden. Nach dem Mord an ihnen ist der Weg frei. Nach einer kurzen Pause wird ein roter Teppich ausgerollt und unter Trommelwirbel besteigt Richard, nun im roten Hemd, den Thron und setzt sich die goldene Pappkrone auf. Das Ende ist bekannt. Auch er wird verraten werden und stürzen. Der neue König Richmond steht schon bereit. So hetzt denn Petri durch den Stoff, und bei allem Spaß daran, will uns nicht wirklich aufgehen, worauf dieses Wahnsinns-Solo hinauslaufen soll, außer auf eine Spielwiese für einen begnadeten Komödianten.
Weit Anlauf genommen und doch etwas zu knapp gesprungen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Etwas zu kurz gekommen sind auf jeden Fall die Frauenrollen. Wie auch in der ein- oder anderen Szene etwas mehr drin gewesen wäre, als nur ein gut gemachter Slapstick. Die Witwe Heinrichs des VI., Margarete von Anjou, ist gar gänzlich gestrichen. Was uns um die einzige Figur bringt, die nicht einfach Richards Täuschungen verfällt, und ihn letztlich mit dem Fluch belegt, der ihm auch hier noch einmal kurz vor seinem Ende alle seine Opfer im Traum erscheinen lässt. „Denk‘ in der Schlacht an mich … Verzweifl‘ und stirb!“ Und auch das berühmte Pferd nimmt noch unerwartete Gestalt an, bevor Richard fällt und sich mit einem neu hineingeschmuggelten Schlussmonolog von Martin Engler verabschiedet. „Alles Blut getrunken ward. Trinkt auf mich, / Auf meine Braut Vernichtung. / Bis nur Reinheit bleibt.“ Bei einem guten Glas Rotwein danach, lässt sich trefflich darüber sinnieren. In diesem Sinne, Prost und Amen!
Hans im Glück – Das Ton und Kirschen Wandertheater spielt die Fragment gebliebene Parabel von Bertolt Brecht auf einer Wiese an der Havel in Werder.
In der bewegten Luft
bewegt der Mond seine Arme
und zeigt, schlüpfrig und rein,
seine Brüste aus hartem Zinn.
aus: „Romance de la Luna, Luna” von Federico Garcia Lorca
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Der Mond hat es den Machern des Ton und Kirschen Wandertheaters besonders angetan. Noch vor zwei Jahren gastierten sie mit dem Stück „La Luna, Luna“, über den spanischen Lyriker und Dramatiker Federico Garcia Lorca in der UfaFabrik Berlin. Der Mond (La Luna), im spanischen weiblich, steht bei Lorca einerseits für die Liebe anderseits auch für den Tod („La luna y la muerte“), ein antropomorphes Wesen mit elfenbeinernen Zähnen. „Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“, sagt der Hans aus der neuen Produktion des Ton und Kirschen Wandertheaters„Hans im Glück“, bevor er selbst sein Leben dran gibt. Am Ende der Inszenierung des Brecht-Fragments fliegt eine Gans aus Blech durch eine rostige Mondscheibe. Die Träume des naiven Glückssuchers haben sich nicht erfüllt.
Der junge Brecht Foto: Staats-und-Stadtbibliothek-Augsburg
Aber nicht nur in Sachen Mond, so scheint es, bestehen Parallelen zwischen Lorcas Lyrik und den Werken des jungen Brecht, der sich mit 22 Jahren an der Adaption des bekannten Märchens der Gebrüder Grimm versuchte. Lorcas Dichtung und seine Dramen stehen stark in der Tradition der Geschichte des spanischen Volkes und setzen sich mit deren Mythen und Märchen auseinander. Auch Brecht experimentierte immer wieder mit den Elementen des Volksstücks. Es kam ihm aber nicht darauf an, einfach nur besonders volkstümlich zu sein, sondern wahrhaft volkstümlich zu werden. Dabei räumte Brecht mit dem falschen Pathos des Volkstümlichen auf und befreite den Begriff von allem unhistorischen Traditionalismus. „Das Volk, das die Dichter, einige davon, als seine Sprechwerkzeuge benutzt, verlangt, daß ihm aufs Maul geschaut wird, aber nicht, daß ihm nach dem Maul gesprochen wird.“ Volkstümlich bedeutete für Brecht: „…den breiten Massen verständlich, ihre Ausdrucksform aufnehmend und bereichernd / ihren Standpunkt einnehmend, befestigend und korrigierend / den fortschrittlichsten Teil des Volkes so vertretend, daß er die Führung übernehmen kann,…“ (aus: Schriften zum Theater IV).
Hans (Rob Wyn Jones) im Glück. – Foto: St. B.
Diese Intension scheint sich für ihn bei dem Versuch, den Märchenstoff der Brüder Grimm zu einer Parabel umzuarbeiten, so nicht erfüllt zu haben. Er gab die Arbeit daran schließlich auf. „Hans im Glück mißlungen, ein Ei, das halb stinkt.“, lautet das eigene, vernichtende Fazit in Brechts Tagebuchaufzeichnungen. Mit dem Volksstück setzte sich Brecht dann wieder in seinen Schriften zum Theater sehr ausführlich und kritisch in Zusammenhang mit der Entstehung des Stücks „Herr Puntila und seich Knecht Matti“ auseinander. Sein früher Versuch „Hans im Glück“ aus dem Jahr 1919 ist aber durchaus das Unterfangen einer Inszenierung wert. Handelt es sich doch hierbei um einen ziemlich guten Mix all dessen, was den jungen Brecht damals umtrieb und sich in seinen frühen Werken mal besser oder schlechter niederzuschlagen suchte.
Besonders vom derb frivolen Ton der sketchartigen Einakter wie „Die Kleinbürgerhochzeit”, „Er treibt einen Teufel aus“ und „Der Fischzug“, sowie dem bauernschlauen, der parabelhaften „Der Bettler oder Der tote Hund“ und „Lux in Tenebris“ ist das Stück förmlich durchdrungen. Auch sind der Einfluss Karl Valentins und die Verehrung Brechts für den Münchner Komiker deutlich spürbar. Bei all dem volksnahen, märchenhaften Charakter von „Hans im Glück“ verliert Brecht aber nie den Blick für die Realität. Er dekonstruiert geschickt die schöne Mär vom glücklichen Hans, der sich nach und nach von alle seinen Besitztümern befreit. Was jedoch am erstaunlichsten ist, auch das Ungestüme und Expressionistische des „Baal“, an dem Brecht 1919 parallel arbeitete, zeigt sich im Schicksal von Hans, der zum Ende seines Runs nach Glück, Freiheit und Freundschaft unter die Diebe und Halsabschneider fällt. Eine ganz zeitlose Geschichte, mit vielen kleinen versteckten Wahrheiten. Ein wahrhaft faules Ei, das es neu auszubrüten gilt.
Hans im Glück – Ein wundersame Mischung aus Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater und Musik. – Foto: St. B.
Für das Ton und Kirschen Wandertheater ist das genügend Futter für eine ihrer typischen Inszenierungen aus einer Mischung von Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater, Musik, Bühnenbild- und Objektkunst. Auf einer Wiese neben der Havel in Werder sind eine kleine Bretterbühne mit Stühlen und Blümchentapetenwand, die Hans‘ Behausung darstellen, sowie im Hintergrund ein Portal mit Blechvorhang aufgebaut. Hans (Rob Wyn Jones) lebt hier eigentlich recht zufrieden mit seiner Frau Hanne (Tanja Watoro), bis ihm von einem schlauen Reisenden und Schürzenjäger (Richard Henschel), dessen Pferd er beschlägt, erste Zweifel ein- und die Frau abgeschwatzt werden. Auch so lebt es sich noch ganz gut in den Tag hinein. Später tauscht Hans dann bei fahrenden Händlern sein Haus gegen einen alten Campinganhänger und die Freiheit in die Welt ziehen zu können.
Rad oder Rat? – Rob Wyn Jones als Hans und David Johnston als der Freund. – Foto: St. B.
Doch auch auf seiner weiteren Reise wird der gutmütige, naive Hans, der am liebsten anderen stundenlang beim Geschichtenerzählen zuhören würde, weiter übervorteilt und verliert seinen Schimmel an einen vermeintlichen Freund (David Johnston), bis er schließlich an eine geschäftstüchtige Marketenderin (Margarete Biereye) gerät, die seine Arbeits- und Manneskraft schamlos ausnutzt. Mit einfachsten aber erstaunlich wirkungsvollen Mitteln lassen Ton und Kirschen die einzelnen Szenerien fast aus dem Nichts entstehen. Dabei werden in geradezu zirzensischer Manier die Bühnenbilder auf- und wieder abgebaut.
Als dann auch noch seine, von dem Reisenden verlassene und nun schwangere Hanne wieder auftaucht, tauscht Hans für seine hungernde große Liebe das Karussell gegen eine Gans. Und während er sich noch an der Sonne und seiner fetten Gans erfreut, geht Hanne bereits ihrem düster poetischen Ende im schwarzen Fluss entgegen. All das kann Hans nicht wirklich erschüttern, ist er doch ganz durchdrungen von der ihm eingepflanzten Philosophie der Schatten- und Sonnenseiten des Lebens. Und so verschenkt er auch noch schnell seine Jacke, denn Gottes Erbarmen ist mehr wert, als ein alter Rock. Gans und Freiheit gehen schließlich für das nackte Leben drauf, was Hans, nun selbst auf der Flucht, schließlich auch noch drangibt.
„Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“ – Foto: St.B.
Ton und Kirschen spielen das als zauberhaften Reigen. Einen beschwingten Tanz um Leben und Tod, ganz ohne den Brecht‘schen Zeigefinger, aber mit viel Witz. Alle Darsteller zeigen hier ein lebendiges Theater, was immer in Bewegung ist. Ein „Perpetuum Mobile“, wie treffend eines ihrer erfolgreichsten Stücke heißt. Ihr Leben besteht dann auch ganz aus der Arbeit für dieses Theater. Ein Theater für alle, nicht nur für ein elitäres Publikum, wie es die Macher selbst bezeichnen. Und so war es wohl auch nur eine Frage der Zeit, dass das Ton und Kirschen Wandertheater zwangsläufig auf den jungen noch „volkstümlichen“ Brecht stoßen musste. Eine durchaus befruchtende Liaison, die geradezu nach einer Fortsetzung verlangt.
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Tourdaten:
09.08. Burgpark, Burg Lenzen, 20:00
10.08. Langerwisch, Vorwerk, Neu Lagerwisch 6b, 20:00
24.08. Theater am Rand in Zollbrücke, Oderaue, 20:00
25.08. Friedenfelde (Uckermark), Salon im Gutshaus, 16:00
18./19.10. (20:00), 20.10. (16:00), 25./26.10. (20:00 Uhr), 27.10. (16:00) Fabrik Potsdam
02.11. Werder/Havel, Scala Kino, 20:00 Uhr
Das HKW lädt seit 18. Juli wieder auf die Dachterrasse zur Wassermusik 2013.
Wasser, von oben ein Ärgernis, das den Berliner in den letzten Jahren oft verdrießlich stimmte und nicht mehr recht an den Sommer glauben lassen wollte. Wasser von oben, in diesem Jahr nach nassem Frühling seit Wochen Fehlanzeige. Endlich mal wieder richtig Sommer, und das auch noch in den Ferien. Seit Anfang Juli leuchtet „Klärchen“ gnadenlos hell vom Himmel herunter und die Berliner Strandbäder sind proppenvoll. Was dem Badegast in den letzten Jahren eher schnuppe war, interessiert ihn neuerdings mehr als feuchte Keller oder der Wasserstand von Havel und Spree. Nämlich die Wasserqualität, womit wir fast beim Thema wären. Was für den Badespaß gilt, ist auch Voraussetzung für ungetrübten Musikgenuss an der frischen Luft. Und da bürgt das Open-Air-Festival „Wassermusik“ seit Jahren für andauernde akustische Qualität.
Das Haus der Kulturen der Welt, am Spreeufer des Tiergarten gelegen, hob 2008 diese vielversprechende Musikreihe aus der Taufe. Jedes Jahr steht das Festival unter einem anderen Motto. Ob Surf und Tiki, Karibik und Akkordeon, große Flüsse oder gar die eher wasserarme Wüste, es dreht sich dabei, natürlich in erster Linie musikalisch, immer um das lebensspendende Nass. Aber auch Vorträge werden gehalten und Filme rund ums Wasser gezeigt. Thema in diesem Jahr ist „Der neue Pazifik“. Ein sogenannter Wassermarkt lädt auf der sonnenüberfluteten Dachterrasse des HKW mit handwerklichen und kulinarischen Produkten aus den jeweiligen Regionen zum Bummeln und Verweilen ein.
Barack Obama erklärte den pazifischen Raum beim ASEAN-Gipfel 2011 zum neuen „globalen Machtzentrum“. Dabei hatte er aber wohl eher die aufstrebende Wirtschaftskraft von Pazifikanrainern wie China oder den schwindenden Einfluss der USA auf dem Südamerikanischen Kontinent im Sinn. Aber auch musikalisch dürfte der in Hawaii geborene US-Präsident nicht nur eine Vorliebe für Surf und Tiki, sondern vielleicht auch für japanischen Free-Jazz oder kolumbianische Cumbia teilen. Die jährlichen Wasserspiele mit Musik eröffneten dann letzten Donnerstag auch passend die US-amerikanische Band Dengue Fever aus L.A. mit einem Transpazifischen Fiebertraum aus kambodschanischen Khmer-Pop-Coverversionen und die Sängerin Julieta Venegas, ein Multitalent von der mexikanischen Baja California.
Cumbia deconstruida mit den Meridian Brothers und bildgewaltiger Free-Jazz mit dem Shibusa Shirazu Orchestra
Eblis Álvarez von den Meridian Brothers
Erster musikalischer Höhepunkt dürfte aber am 21. Juli das Doppelkonzert der Meridian Brothers aus Bogotá (Col.) und des japanischen Shibusa Shirazu Orchestra aus Tokio gewesen sein. Mit ihrer schrägen Cumbia deconstruida im Gewand einer klassischen Salsa-Band spannen die kolumbianischen Meridian Brothers um den musikalischen Mastermind Eblis Álvarez im wahrsten Sinne des Wortes einen Bogen von Nord nach Süd. Das Neue hierbei ist die konsequente Uminterpretation des ursprünglich südamerikanischen Volkstanzes mittels modernem Rockinstrumentarium, schepperndem Schlagzeug sowie elektronischen Keyboard- und Synthesizerklängen. So rhythmisch ausstaffiert, lässt sich dann auch jeder x-beliebige amerikanische Rocksong genüsslich dekonstruieren. Eblis Álvarez führt dies am Beispiel von Jimi Hendrix‘ „Purple Haze“ vor, indem er zu elektronisch verzerrter Stimme den Klassiker durch den kolumbianischen Synthie-Fleischwolf dreht. Heraus kommt ein plingender und fiepender „Niebla Morada“ – völlig abgefahren.
Das Shibusa Shirazu Orchestra aus Japan.Butoh-Tänzer des Shibusa Shirazu Orchestras
Noch unglaublicher ist dann allerdings der Aufritt des Shibusa Shirazu Orchestra aus Tokio. Die japanischen Multiinstrumentalisten, Performer, bildenden Künstler und Butoh-Tänzer touren seit Jahren mit einem bis zu 40 Personen starken Ensemble durch die Welt. Auf der farbenfroh ausgestalteten Bühne mit ausladendem Laufsteg standen zwar in etwa nur halb so viele Mitglieder, die aber dennoch ein wahres Feuerwerk an Free- und Bigband-Jazz, Video und expressionistischem Ausdruckstanz darboten. Während einer Theateraufführung 1989 in Tokio geründet, wurzelt die darstellerische Kunst des Jazz-Ensembles auch im traditionellen japanischen Theater des Kabuki, Nō und Elementen des Butoh-Tanzes, einer Weiterentwicklung des zeitgenössischen, europäischen Ausdruckstanzes der zwanziger Jahre.
Das Shibusa Shirazu Orchestra in Aktion.
Auch wenn Butoh so viel wie „Tanz der Finsternis“ bedeutet und weißgekalkte und schamanische Gestalten die Bühne bevölkern, überwiegt doch der Spaß an extremer Performance und Verwurstung moderner westlicher Einflüsse, wie Latin-, Brass- oder Jazz-Musik. So versteht sich das Orchester auch als ein einziges, ständig mutierendes Gesamtkunstwerk. Und auch ein japanischer Jimmi Hendrix mit Rastalocken traktiert wie sein großes Vorbild die E-Gitarre mit den Zähnen. Niemals nur cool, immer heißblütig bedeutet der wortspielerische Name der Band in etwa übersetzt. Eine Mischung aus schrägen Bigband-Klängen, Gesang, Tanz und Pantomime bringt auch das Publikum so langsam zum Schwitzen. Spätestens als dann auch noch ein heißluftgefüllter Silberdrache über der Dachterrasse schwebt, bleibt der staunenden Menge vor der Bühne der Mund offen stehen, und das Klischee des ewig knipsenden japanischen Touristen wird durch die gezückten Kameras der Europäer bildgewaltig widerlegt.
Jazz-Rock mit Troker aus Mexiko und Susana Baca, eine schwebende Diva aus Peru.
Troker aus MexikoDer Drummer von Troker
Am 26. Juli ging es dann wieder lateinamerikanisch weiter. Zu Beginn heizte die Band Troker aus Mexiko den sich nach der Hitze des Tages langsam auf der Dachterrasse des HKW versammelnden Wassermusik-Fans ordentlich ein. Der treibende Beat ihres feurigen Jazz-Rocks trieb bei gut 30 Grad im Schatten nicht nur den Musikern den Schweiß auf die Stirn. Besonders die beiden Bläser schonten sich nicht, und der wuchtige Schlagzeuger traktierte nicht nur seine Drums, sondern benutzte die Beatsticks auch als Maultrommel. Der musikalische Spagat der Truppe aus Guadalajara reicht von Latin über amerikanischen Rock bis hin zu jazzigen Dancebeats, unterstützt durch einen scratchenden DJ an den Turntables. Troker verließ erst nach wiederholten Zugaberufen des begeisterten Publikums die Bühne, und war damit nicht einfach nur Support für den Hauptact des Abends, den die spanischsprachige Community Berlins sehnsüchtig erwartete.
Die Diva schwebt. Susana Baca aus Peru.
Sie war zahlreich erschienen, um ihren Star aus Lima, die afro-peruanische Sängerin Susana Baca zu feiern. Sie ist nicht erst seitdem sie für kurze Zeit als Kulturministerin dem Kabinett des Staatspräsidenten Ollanta Humala angehörte über die Grenzen Perus bekannt. Schon länger setzt sich Susana Baca in ihren Liedern für die Rechte der schwarzen Bevölkerung Perus ein. In einem luftigen orangefarbenen Sommerkleid betrat die Sängerin dann gegen 21:30 Uhr die Bühne auf der Dachterrasse des HKW und begrüßte freundlich die wartenden Zuschauer. Mit traditionellen Volksliedern aus den schwarzen Ghettos der peruanischen Hauptstadt, afro-kubanischer Salsa und brasilianischen Sambaklängen brachten sie und ihr Ensemble das Publikum dann zum Schwärmen und Tanzen. Und für einen Moment sah es so aus, als begänne die barfüßige Diva selbst zu schweben.
Das Festival berieselt auch an den kommenden Wochenenden noch die hitzegeplagten Berliner mit frischer Wassermusik und dauert noch bis zum 11. August an. Mit Sonne satt ist hoffentlich auch in den nächsten Tagen zu rechnen.
Anlässlich der Hamburger Premiere von Antú Romero Nunes‚ Inszenierung „Don Giovanni. Die letzte Party“ im Januar am Thalia Theater Hamburg mokierte sich der bekannte Theaterkritiker Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung über den am Theater um sich greifenden, schleichenden Bedeutungsverlust der darstellenden Künste durch eine dauernde „Verdünnung mit Ironie“. Ironie wäre ja durchaus ein probates Mittel gegen die Dummheit, liest man bei Briegleb. Als Regie-Mittel auf der Bühne diene die Ironie aber zunehmend nur noch dazu, „sich selbst vom Stoff, den man spielt, zu distanzieren und möglichst jede Aussage oder inhaltliche Festlegung zu vermeiden“. Eine durchaus diskussionswürdige These, die leider kein allzu großes Echo fand. Nun äußern sich ja in regelmäßigen Abständen immer wieder mal Autoren oder Kritiker zum Niedergang des Theaters aus ganz unterschiedlicher Perspektive. Ob nun ironisch der Verfall des Sprech-Theaters beklagt, gegen das Regietheater gewettert oder sich zynisch über die Armut an großen Schauspielern geäußert wird. Ein Körnchen Wahrheit lässt sich allemal in diesen meist auf ein möglichst großes Furor angelegten Polemiken finden.
Zumindest das weibliche Publikum im Rücken. „Don Giovanni“ am Thalia Theater Hamburg. Regie: Antú Romero Nunes – Foto: St. B.
Für den Philosophen, Kritiker und Literaturhistoriker Friedrich Schlegel (1772 – 1829) war Ironie eine philosophische Methode und bedeutete „eben nichts andres, als dieses Erstaunen des denkenden Geistes über sich selbst, was sich oft in ein leises Lächeln auflöst“. Für den Künstler bedeutet das, die ständige Reflexion der Umwelt und seiner selbst, sowie die Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit in ein Kunstwerk umzusetzen. Also im Großen und Ganzen die poetische Reflexion und Spiegelung des eigenen künstlerischen Schaffensprozesses. Auf dem Theater wenden u.a. Regisseure wie Nicolas Stemann, Jan Bosse oder eben auch Antú Romero Nunes diese Methode in ihren Inszenierungen an. Darüber hinaus kommt es aber auch immer mal wieder zu künstlich aufgeblasenen theatralen Übertreibungen, die bis zum billigen, rhetorischen Klamauk reichen. Und das ist in der Tat zu einer Modeerscheinung am Theater geworden. Schlegel scheint hierbei dahingehend missverstanden zu werden, dass sich selbst beobachten und reflektieren ein ständiges neben der Rolle stehen oder aus ihr heraustreten meint (siehe Ironie als permanente Parekbase). Da immer nur ein sehr schmaler Grat zwischen Ironie und Klamauk besteht, ist auch der Drang zur Übertreibung in jedem Künstler vorhanden. Mal geht es gut, mal eben voll daneben. Dazu kommt noch, dass es für das Aussenden sowie das Empfangen und Verstehen von Ironie einer guten Sensorik bedarf. Mit dem Holzhammer ist da nichts zu machen. Sich auf die Schenkel klopfen, dass es kracht, kann jeder. Man kann auch alles soweit in sein Gegenteil verkehren, bis es jede tiefere Bedeutung verloren hat.
Wer über die Gabe der Ironie verfügt, feine Kritik anzubringen, hat vermutlich auch einen Sinn für Humor. Mit Komik hat das noch nicht in jedem Falle zu tun. Genau wie eine Satire nicht für jeden komisch ist, muss Ironie auch nicht von jedem gleichermaßen verstanden werden. Es ist nicht in jedem Fall vom gleichen Wissensstand des Gegenübers auszugehen. Worin natürlich durchaus auch ein gewisser Reiz liegen kann. Leider kommt es aber oftmals dazu, dass sich das Publikum über- bzw. unterfordert oder schlechterdings nur veralbert fühlt. Einen dramatischen Stoff oder eine Situation in einem Stück zu ironisieren, geht oft zu Lasten des Autors oder seiner Aussage. Was nicht weiter schlimm ist, wenn diese überholt scheint, kritisiert werden soll oder verschieden deutbar ist. Dabei kommt es immer auch auf den passenden Zeitbezug an, oder wie die Sache künstlerisch, ästhetisch rübergebracht werden soll. Till Briegleb hat also in seinem SZ-Artikel durchaus ganz richtig auf ein allgemein bestehendes Problem hingewiesen. Ob es nun gleich ein Elend mit der Ironie ist, sei dahingestellt. Sie aber nur zu benutzen, um sich den Stoff oder eine Stellungnahme dazu vom Hals zu halten, zeugt doch meist von einer gewissen Ignoranz wenn nicht sogar von Unvermögen.
Foto: St. B.
Was hat das nun mit der Jubiläumsausgabe des Berliner Theatertreffens zu tun? Da diese Veranstaltung immer auch ein Abbild der am Theater vorherrschenden Tendenzen und Moden ist, lässt sich natürlich auch wunderbar anhand der diesjährigen Auswahl weiter polemisieren. Zum Beispiel zum eingangs erwähnten Einsatz der Ironie als Mittel des Theaters, sich selbst zu reflektieren. In mindestens 7 Inszenierungen sind die verschiedenen Spielarten der Ironie zu bewundern. Wenn man mal von Michael Thalheimers archaischer Inszenierung der „Medea“ absieht, die vollkommen ohne ironische Reflexionsebene auskommt, oder der ästhetisch eher eindimensionalen Bebilderung von Friederike Mayröckers Selbstbetrachtung „Reise durch die Nacht“ durch Katie Mitchell, die nicht einmal mehr auf einem Experimentalfilmfestival für Aufsehen sorgen dürfte, und die Reflexionen der Autorin mit Hilfe von Live-Video und Textaufsagen in statische Bilder übersetzt, versuchen sich die meisten anderen Regisseure im Hinterfragen der Wirkung von Theatermitteln beim Publikum. Sie reflektieren sich und ihr Medium ganz selbstironisch aus verschiedensten Gesichtspunkten, oder inszenieren den Entstehungsprozess von Theater gleich mit.
Julia Häusermann und Remo Beuggert vom Theater Hora – Foto: Michael Bause
Selbst bei der Tanztheater-Produktion „Disabled Theater“ des Choreografen Jérôme Bel, einer Koproduktion mit dem Theater Hora aus Zürich, reflektieren die behinderten Darsteller ganz bewusst ihr Selbstverständnis als Schauspieler, die sie ja auch sind. Das dabei eine wie auch immer geartete Ironie nicht unbedingt im Vordergrund steht, versteht sich fast von selbst. Man kann aber durchaus erkennen, dass es ihnen wichtig ist, was sie machen, und dass sie ihr Anderssein nicht als Hinderungsgrund empfinden. Selbstbewusst stellen sie sich dem Blick des Publikums. Und darin liegt vielleicht die Ironie des Abends, dass man hier den eigenen Blick hinterfragen muss, um dem standhalten zu können. Der Alleinjuror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises Thomas Thieme hat sich dem ausgesetzt und eine grandiose Wahl getroffen. Der Preis für die herausragende Leistung eines jungen Schauspielers geht an Julia Häusermann vom Theater Hora. Thieme begründete das so: „Ganz sie selbst, von anarchischem Humor, stiller Aggressivität und so unendlich traurig. Von immenser Kraft und beängstigender Zartheit, ganz weich und auch wie ein Muskel. Jede Bühnensekunde beschäftigt: mit ihrem Spiel, mit sich, mit der Liebe zu dem Riesen, der neben ihr sitzt. Existenz im Augenblick. Schwermut und Übermut zugleich.“ Ein weiterer Schritt dahin, Schauspieler mit Behinderungen als Künstler wirklich ernst zu nehmen. Eine wichtige Entscheidung, die sie verdienter Maßen endlich in die Mitte der Gesellschaft rückt, wo sie als Menschen auch hingehören.
Die Lacher auf seiner Seite. Herbert Fritsch bei der Konferenz „Theater und Netz“. – Foto: St. B.
Über Herbert Fritsch und seine Inszenierung „Murmel Murmel“ (Volksbühne) nach Dieter Roth muss man eigentlich nicht mehr viele Worte verlieren. Nur so viel, der Meister des großen Theaterspaßes läuft fast schon außer Konkurrenz und hat beschlossen, eh nur noch zu machen was er will. So verkündet auf der von nachtkritik.de organisierten Konferenz „Theater und Netz“. Eine sehr weise Entscheidung. Mit der Selbstreflexion scheint Fritsch demnach durch zu sein. Auf ihn trifft wohl am ehesten das zu, was der „Magister der Ironie“ Sören Kierkegaard in einer kleinen Anekdote seines großen Werkes „Entweder-Oder“ dem Ästhetiker in den Mund legt. Von den Göttern Griechenlands nach einem Wunsch befragt, wählt dieser nicht Schönheit oder Macht, ein langes Leben oder das schönste Mädchen, sondern entgegnete ganz einfach: „Hochverehrte Zeitgenossen, eines wähle ich, daß ich immer die Lacher auf meiner Seite haben möge. Da war auch nicht ein Gott, der ein Wort erwiderte, hingegen fingen sie alle an zu lachen. Daraus schloß ich, daß meine Bitte erfüllt sei, und fand, daß die Götter verstünden, sich mit Geschmack auszudrücken; denn es wäre ja doch unpassend gewesen, ernsthaft zu antworten: Es sei dir gewährt.“ Und wenn dabei weiterhin solch vergnügliche Werke entstehen, wie sie Fritsch bisher in der Volksbühne gezeigt hat, dann muss man sich wohl auch keine allzu großen Sorgen um ihn machen.
Sebastian Hartmann bei der Konferenz „Theater und Netz“. Foto: St. B.
Ein paar Zukunftssorgen plagen vielleicht den scheidenden Leipziger Intendanten Sebastian Hartmann, der am eigentlichen Tiefpunkt seiner Intendanz nun endlich zum ersten Mal nach Berlin geladen wurde. Hätte ihn diese Ehrung schon für die ebenfalls recht bemerkenswerte Inszenierung von Thomas Manns „Zauberberg“ ereilt, wäre u.U. noch nicht das letzte Wort über die sogenannte Leipziger Handschrift gesprochen worden. Hartmann denkt wie kaum ein anderer Regisseur über den Prozess des Entstehens von Theater nach. Die starre Grenze zwischen Schauspieler und Zuschauer versucht er durch das Bespielen des gesamten Theaterraums aufzuheben. Slapstick und Ironie sind dabei nicht einfach nur Mittel zum Zweck oder alberner Regieeinfall, sondern längst zum eigenständigen ästhetischen Mittel geworden. Durch die Einbeziehung anderer Kunstformen wie spezielle Live-Musik und Videoarbeiten erweitert er bewusst das künstlerische Spektrum des Theaters. In seiner Inszenierung von Tolstois „Krieg und Frieden“ ist es ihm bisher am eindrücklichsten gelungen, die verschiedenen Kunstformen zu einer ästhetischen Einheit zu verbinden.
Ähnliches konnte man bisher durchaus auch von Sebastian Baumgarten behaupten. Seit Anfang der 90er Jahre führt er Musik- und Sprechtheater gleichberechtigt nebeneinander auf. Mit Brecht kann er beides nun sozusagen kongenial miteinander verbinden. Und die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ (Schauspielhaus Zürich) ist nicht das erste Stück von Brecht, was Baumgarten inszeniert hat. Mit der „Jasager und der Neinsager“ 1998 am Thalia Theater Halle und „Der gute Mensch von Sezuan“ 2011 am Centraltheater Leipzig hat er bereits Erfahrungen mit Lehrstück und Epischem Theater gesammelt. Baumgarten versucht aber gar nicht erst, Brechts Methoden spielerisch auszuloten oder, wie etwa Nicolas Stemann in seiner Inszenierung der „Heiligen Johanna“ am Deutschen Theater, kritisch ironisch zu hinterfragen.
Sebastian Baumgarten (l.) mit dem Regieteam der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ beim Theatertreffen – Foto : St. B.
Baumgarten zitiert einfach, was ihm passend erscheint, von den Kostümen, wie den riesenhaften Strohhüten, über Maskenverfremdung bis zu den Einblendungen der Brecht’schen Zwischentitel, und überzeichnet dabei mit fett ironischem Edding. Nur dient die Ironie hier nicht der Reflexion oder gar der aktuellen Debatte über das Finanzkapital, sondern stellt die Figuren lediglich als Typen aus. Es überwiegt eine bildhafte Kapitalismuskritik, bei der Schlagworte wie Materialismus und Negation der Negationen lediglich als Zeichen reproduziert werden. Conklusio: Denken in Widersprüchen leicht gemacht, Dialektik für Dummies. Was, neben grenzdebilen Proleten und einer an Naivität nicht zu überbietenden Johanna, die den sprichwörtlichen Schlamm auf dem Körper trägt, in Form einer geblackfaceden Frau Luckerniddle geradezu zum Ärgernis gerät.
Mit roter Brechtgardine der Ironie. „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ beim 50. TT. – Foto: St. B.
Die Figur der Frau Luckerniddle bei Baumgarten verweist vermutlich auf die Figur des Alboury in Bernard-Maria Koltés‚ Stück „Kampf des Negers und der Hunde“, was ja zunächst nicht falsch gedacht wäre. Hier wirkt es aber albern aufgesetzt und unnötig. Da ist Blackfacing wirklich einfach nur Blackfacing. Mehr nicht. Da helfen auch nicht der interessante Diskurs im Programmheft und eine jazzige Klavierbegleitung durch Jean-Paul Brodbeck. In solchen Gesprächen kann man vieles erleuchten. Die Erleuchtung auf der Bühne blieb hier aus. Dort war es die meiste Zeit eher finster, bis auf ein paar flimmernde Videofilmchen und jede Menge bunten Tand. Das ironische Zitieren Baumgartens kennt man bereits aus „Dantons Tod“, 2010 am Maxim Gorki Theater aufgeführt. Wie bei Hartmanns „Krieg und Frieden“ stand da am Ende eine Art kleines Essay im Stummfilmformat. Hier nun verweist der Film lediglich auf sich selbst, zitiert das Genre des amerikanischen Western und der Soap-Opera. Das Video ist somit keine eigene ästhetische Arbeit mehr, sondern nur noch ironischer Regieeinfall, wie das auf die Bühne Schieben eines großen Pappbullen am Schluss und die Verwendung des Rammstein-Songs „Und der Haifisch der hat Tränen“. Wir leben ja auch in finsteren Zeiten. Da erscheint ein bisschen Firlefanz auf der Bühne für manche schon wie das Hosianna. Ein Tiefpunkt dieser recht aufgeblasenen Jubelschau.
Bernd Grawert und Lina Beckmann als Ehepaar John. Foto: Klaus Lefebvre
Für das Ärgernis des letzten Jahres sorgte noch Karin Henkel mit ihrem ziemlich uninspiriertem, belanglosen „Macbeth“ aus München. Diesmal wurde ihre Inszenierung „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann (Schauspiel Köln) überaus kontrovers aufgenommen. Die Buhs und Bravi bei der Premiere auf der Hinterbühne des Berliner Festspielhauses versuchten sich in ihrer emotionalen Intensität schier zu übertönen. Was zumindest diesbezüglich bemerkenswerte Züge trägt, und somit eine Einladung durchaus rechtfertigen dürfte. Es ist eine jener Inszenierungen, in denen sich das Theater selbst zum Thema macht und neben der Gesellschaftskritik Hauptmanns auch die ästhetischen Mittel des Kunsterschaffungsprozesses offen zeigt und reflektiert. Schon die Wahl des Ortes der Aufführung ist ein Zeichen für die Bespiegelung des Mediums Theater durch die Macher selbst. Der Zuschauer muss sich durch den Garten zum Bühneneingang des Hauses der Berliner Festspiele begeben und durch enge Gänge vorbei an Garderoben und Kisten für das Bühnenbild, um auf diesem Umweg zum Herzstück des eigentlichen Theaters, der Hinterbühne zu gelangen, von wo aus sonst, vom Publikum unbemerkt, vor und während einer Aufführung die Fäden gezogen werden. Hier bedienen sich die Schauspieler aus dem Kostümfundus, werden noch während des Einlasses geschminkt und warten ansonsten auf ihren Auftritt. Der erfolgt erst einmal, wie es sich für die Hauptmann’schen Dachbodenratten gehört, durch Luken in der Bühnenrückwand.
Man ist dabei dennoch weit entfernt von jeglichem Naturalismus. Die Darsteller wirken wie expressionistische Zirkusfiguren, die durch harte Gitarrenklänge getrieben, durch die Manege des Lebens irren und rein von ihrer starken Überzeichnung leben. Weniger erfolgreich führte Karin Henkel bereits Tschechows Kirschgarten als ebensolche Zirkusnummer auf. Hier zur klaren Trennung von realer und der Kunstwelt des Theaters funktioniert das aber zunächst recht gut. Das Zusammentreffen dieser grundverschiedenen Welten erfolgt auf besagtem Dachboden, den sich hier die kurz vor dem Gebären eines unehelichen Kindes stehende junge Polin Pauline Pieperkarcka (Lena Schwarz wie aus einem veristischen Hunger-Bild von Otto Dix oder Käthe Kollwitz entsprungen), als einen realen Raum für ihre Nöte und die surreal anmutende Welt des Bildungsbürgertums in Persona der Familie des ehemaligen Theaterdirektors Hassenreuter (Yorck Dippe) samt dessen Schauspieleleven Spitta (großartig Jan-Peter Kampwirth mit veritablem S-Fehler) teilen.
Die beiden liefern sich dann auch einen verbal-grotesken und philosophisch verbrämten Schlagabtausch über die Bedeutung des Theaters als Abbild der Wirklichkeit oder als idealen Raum der reinen Ästhetik, des Wahren, Guten und Schönen im Menschen. Was in Form des blasierten Direktors aber eher gelangweilt und besserwisserisch daherkommt. Hier wird nicht mehr Schillers Idealvorstellung verkörpert, sondern Spitta verzweifelt an der wirklichkeitsnahen Darstellung des Mörders Macbeth. Ein durchaus selbstironischer Seitenhieb von Karin Henkel auf ihre eigene Inszenierung aus dem letzten Jahr. Kampwirth, der in Doppelrolle auch Bruno, den schrägen Bruder der Frau John spielt, nimmt hier bereits die Mordtat an der Pieperkarcka völlig übersteigert zwischen hohem Ton und naturalistischer Karikatur vorweg, ständig von Hassenreuter dabei unterbrochen und geschulmeistert. Im Abgang, nachdem er Mutter John die tat gestanden hat, übergibt Bruno ihr seine Pappkrone.
Das Schauspielteam der „Ratten“ um Regisseurin Karin Henkel (4. v. l.) beim 50. TT. – Foto: St. B.
Karin Henkel spielt in den Figuren Hauptmanns dessen extremen Verismus und die ideale Kunstwelt ironisch karikierend gegeneinander aus. Ein Zwiespalt, der auch in Hauptmanns späterem Anspruch an die eigene Kunst wiederzufinden ist. Die Schauspieler stellen hier fast durchweg zwei Seiten in ihren Charakteren aus bzw. spielen gleich mehrere Rollen in unterschiedlicher Ausrichtung. Lena Schwarze ist verzweifelt getriebene Paulina Pieperkarcka und gleichsam naives Mädchen Walburga Hassenreuter. Kate Strong gibt die Elendsfigur der Alkoholikerin Sidonie Knobbe als expressionistischen Ausdruckstanz neben der übersatten im Suff ständig wegknickenden Frau Hassenreuther im Barockkostüm. Eine durchaus reflektierte und mit der nötigen Selbstironie ausgestattete Herangehensweise der Regisseurin, die aber in der Figur der Mutter John die der Pieperkarcka erst ihr Baby abschwatzt und sie dann mit weiteren Lügen und Bedrohungen mundtot machen will, stark realistisch konterkariert wird.
Und mit der stoisch geradeaus spielenden Lina Beckmann hat Karin Henkel dafür auch die ideale Besetzung gefunden. Ihr zur Seite steht Bernd Grawert als stiernackig berlinernder Maurerpolier John und zusätzliches Element der brutalen Realität, die Hauptmann über den satten Bildungsbürger ausschütten wollte. Die bedrohliche Enge der Mietskaserne in einer durch ein schmales Gerüst dargestellten Stube kontrastiert das gutbürgerliche Geschwafel der Hassenreuters auf offener Bühne, die sie im zweiten Teil auch prompt verlassen, um es sich mit uns im Publikum gemütlich zu machen. Nun herrscht wieder Hauptmanns Elendsnaturalismus mit Lina Beckmann als Täterin und einsamem Opfer gleichermaßen, die nach ihrem Sturz aus dem Fenster mit einem Eimer Kunstblut übergossen wird. Eine zwiespältige und aufwühlende Inszenierung gleichermaßen, wie die anfänglich beschriebenen Publikumsreaktionen beweisen. Hier fällt das üblicherweise wohlfeile Abnicken oder lässige Abwinken schwer.
Luk Perceval beim 50. Theatertreffen. – Foto: St. B.
Ähnlich wie Karin Henkel geht auch Regisseur Luk Perceval in seiner Fallada-Bearbeitung von „Jeder stirbt für sich allein“ vor. Der nüchternen realistischen Darstellung des Ehepaars Otto und Anna Quangel (Thomas Niehaus und Oda Thormeyer), die in der Nazizeit in Berlin Postkarten schreiben, als eine besondere, ganz persönliche Art des Widerstands gegen Hitlers Regime der allgegenwärtigen Angst, Denunziation und Propaganda, stellt der Hausregisseur des Thalia Theaters Hamburg einen schrägen Kosmos typischer Charaktere aus dem Berliner Kiezleben jener Zeit entgegen. Falladas präzise Milieubeschreibung der kleinen Leute kommt hier als unermüdlich laut karikierendes Defilee aus Eingeschüchterten, Mitläufern, Denunzianten und Heil Hitler rufenden Kasperlefiguren daher, immer in Angst und Ohnmacht vor den kleinen und großen Grausamkeiten der ermittelnden, nach schnellen Erfolgen gierenden Staatsmacht. Das erinnert durchaus an Jorinde Dröses zweistündige Kurzversion am Berliner Maxim Gorki Theater. Perceval lässt sich bei seiner Adaption dagegen wesentlich mehr Zeit, was nicht unbedingt neue Facetten an Falladas in düsteren Farben gehaltenem Zeitkolorit freilegt, aber letztendlich zu einem Festakt der Flexibilität und Spielfreude gerät. Gestützt durch ein bestens aufgelegtes Ensemble, was durch die Bank mehrere Rollen bewältigen muss und das auch bravourös meistert.
Allen voran Daniel Lommatzsch als sympathisch trotteliger, stark berlinernder Strizzi Enno Kluge und André Szymanski als ambivalenter Kommissar Escherich zwischen Weltekel und Bemühung seine eigene Haut zur retten. Ein ungleiches, in langen Dialogen miteinander ringendes und bis zum Tod schicksalhaft aneinander gekettetes Duo, das den Hauptdarstellern fast die Show stiehlt. Und auch Barbara Nüsse, Alexander Simon und Gabriela Schmeide dürfen ihr komödiantisches Talent in verschiedenen Rollen beweisen. Stark auch das mächtige Bühnenbild, das bei Annette Kurz immer auch Raumskulptur wird, man denke nur an die aufgestapelten und abgehängten Tische in Percevals Inszenierung des Macbeth oder die Mäntel und den toten Hirschen im Hamlet. Gerade erst in Hamburg hängte sie für „Die Brüder Karamasow“ einen ganzen Wald aus Klangstangen auf. Hier steht eine große Wand, die ein Berliner Straßenbild aus Alltagsgegenständen wie ein reliefartiges Google-Luftbild zeigt, auf dem nach und nach immer mehr Lücken aufreißen und sich der Schutt der Stadt am Boden sammelt. Davor rennen die Figuren immer wieder aneinander vorbei, bis sie für kurze oder längere Spielszenen an einem einzelnen Tisch aufeinanderprallen.
„Jeder stirbt für sich allein“ beim 50. TT. Bühnenbild von Annette Kurz – Foto: St. B.
Bei all dem Gewimmel, Geschrei und karikierender Übertreibung der Darsteller um das stoisch aufrechte Paar der Quangels menschelt es dennoch wieder mächtig bei Perceval. Der Ohnmacht und Angst des Einzelnen Menschleins stellt er die Macht der Menschlichkeit und Liebe entgegen. Sogar den von Fallada selbst kritisierten Blick in die Zukunft der Jugend mit dem auf dem Lande geläuterten Großstadt-Halbstarken Kuno-Dieter Barkhausen (Mirco Kreibich) fasst Perceval in ein versöhnliches Bild der Gemeinschaft. In den Augen des Ironiekritikers der SZ, Till Briegleb, fand dieses Spiel dann auch eine ganz besondere Gnade: „Wenn Theater sich noch jener moralischen Verantwortung stellen will, einmal ohne ironische Distanzierung oder drastische Symbolik über politische Handlungsfähigkeit zu sprechen, dann bekommt es in Percevals Inszenierung ein Beispiel geboten, wie das aussehen könnte.“ Und das möchte man seinem Menschengewimmel auf der Bühne dann auch jederzeit gerne und ohne große Probleme abnehmen.
Bleiben noch die seit 2002 mit einer einzigen Unterbrechung jährlich geladenen Münchner Kammerspiele. Wie bereits im letzten Jahr ist das Theater in der Maximillianstrasse zur 50. Jubelschau sogar mit gleich zwei Inszenierungen in Berlin vertreten. Nach einem Jahr Pause ist auch die österreichische Dramatikerin Elfriede Jelinek wieder mit von der Partie, die 2011 ans Kölner Schauspiel ausgewichen war und mit Karin Baiers fulminantem Wasserspiel „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ das Berliner Publikum beeindruckte. Zum großen Jubiläumsjahr der Kammerspiele hat sich Noch-Intendant Johan Simons, der 2014 die Leitung der Ruhrfestspiele übernehmen wird, ein Stück über den Münchner Prachtboulevard, an dem das Theater seit 100 Jahren liegt, gewünscht. Und Elfriede Jelinek lieferte in gewohnter Manier mit „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ einen schön ironisch kalauernden Fließtext über Sein und Schein, den Körper und die Mode ab. Verbunden mit einem Monolog des 2005 ermordeten Modezaren Rudolph Moshammer, dem Aushängeschild der Münchner Schickeria und Modeszene auf der Maximillianstraße.
„Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ Sandra Hüller, Hans Kremer, Stephan Bissmeier und Marc Benjamin (v.l.n.r.) – Foto: Julian Röder
Die Ironie in Elfriede Jelineks Texten besitzt dabei nicht nur eine rein gesellschaftskritische Funktion. Die Autorin versteht dies auch als persönliches, ästhetisches Mittel der Selbstbespiegelung. In ihren überspitzt meandernden Textflächen befinden sich auch immer wieder deutlich autobiografische Passagen. Was dennoch nie zur reinen Nabelschau gerät. In diesem Auftragswerk für die Münchner Kammerspiele hat Elfriede Jelinek Theater- und eigene Körperreflexionen mit allgemeiner Konsumkritik verknüpft sowie mit der sich geradezu anbietenden, gleichermaßen Kunst- wie Kommerzraum seienden Maximillianstraße kurzgeschlossen. Herausgekommen ist ein Text, der in seiner unnachahmlichen Penetranz (das Lieblingswort auf dem tt13 hieß Redundanz) nicht zu den ganz großen Würfen der Autorin gehört, aber in der wie immer behutsamen, unaufdringlichen Regie von Johan Simons dennoch zu strahlen vermag. Ein Glücksfall, der nicht jedem Jelinek-Stück gleichermaßen zu Teil wird. Man denke nur an die gerade bei den Autorentheatertagen am DT gezeigte Wiener Matthias-Hartmann-Inszenierung von „Schatten (Eurydike sagt)“.
Johan Simons, Sandra Hüller und Benny Classen beim 50. TT. – Foto: St. B.
Wo Hartmann den Text mit dem groben ironischen Holzhammer traktiert, lässt Simons ihm den nötigen Freiraum zur Entfaltung des eigenen ironischen Potentials. Dazu genügt eine Bühne voll gecrashtem Eis und lauter Zwitterwesen in Anzügen, geschnürten Miedern und Glitzerfummeln, die über diesen glatten Parkcours des schönen Scheins und dahinschmelzenden Seins stöckeln und dabei virtuos Jelinektext a la „Die Leute kaufen hier ein, um andere zu werden, … aber sie werden ja auch nicht andere als sie waren.“ repetieren. Dazwischen bewegt sich Sandra Hüller zielsicher als bezaubernd verunsichertes Fashion Victim und Alter-Ego der Autorin, stets bestrebt, in immer neuer Form Alter und Schwerkraft zu entfliehen. Je schneller das Eis schmilzt und seine feste Form verliert, umso mehr klammern sich diese indifferenten Gestalten an ihre äußerlichen Luxushüllen und deren Gestaltraum Maximilianstraße. Und der nicht enden wollende Abgang von Benny Classens Mooshammer ins Grab zieht sich wie ein redardierendes Moment und traurig ironischer Abgesang über den Glamourboulevard und das alte München. Dabei wäre die Jelinek nicht die Jelinek, wen sie die Angst vor der allgemeinen Vergänglichkeit nicht auch auf den Repräsentationsraum Theater selbst beziehen würde. Einem Unternehmen, das sich wie kein anderes an die schillernde Scheinwelt modischer Accessoires klammert, immer auf der Suche nach dem neuesten Trend und doch immer nur eine Kopie bleibend, nie selbst Trendsetter sein darf. Die Weltrevolution in Gestalt eines alles gleichmachenden Chanelkostüms. Welch grandiose Ironie!
Fast vollständig ohne Ironie kommt Sebastian Nübling im zweiten Theatertreffenbeitrag der Münchner Kammerspiele aus. Und das ist dann wohl auch das Bemerkens- wenn nicht sogar Erstaunenswerteste an seiner Inszenierung des selten gespielten Tennessee-Williams-Stücks „Orpheus steigt herab“. Nübling entführt uns in eine zeitlose Welt aus Bigotterie, Hass, Angst und Sehnsucht. Endstation für die lebenshungrigen, enttäuschten und unterdrückten Frauen des Ortes wie Carol (Sylvana Krappatsch), die unangepasste dem Wahnsinn Nahe, Lady (Wiebke Puls) die verhärtete Außenseiterin oder die verschüchterte Sheriffgattin Vee (Çigdem Teke). Als Katalysator dieser Sehnsüchte wie Ängste gleichermaßen fungiert der müde Variete-Sänger Val Xavier als fremdländisch wirkender Mann mit der Schlangenhaut, den einst Marlon Brando so präsent in der Verfilmung von Sidney Lumet darstellte. Projektionsfläche für die Damenwelt und passender Sündenbock für die gefährlichen Phobien der durch Hundegebell angekündigten Kleinstadtmachos, die mit Motorrädern vorfahren und stets bewaffnet sind. Bei dem estnischen Schauspieler Risto Kübar ist dieser Val eher ein traurig philosophierendes Wesen, kein wirklicher Hoffnungsschimmer. Und dennoch klammern sich die Frauen an ihn, einen der sich dreht und windet, immer auf dem Sprung und dabei wie traumverloren melancholische Lieder singt und öfter auch nur müde zu Boden sinkt.
Zum Symbol des Ausbruchs aus der Tristesse wird ein Kettenkarussell. Bei Williams noch ein Laden, den Lady auf den Ruinen des vom heimischen Mob angezündeten Lokals ihres italienischen Vaters wieder aufbauen will. Ein schönes Bild für die Sehnsucht nach einem flüchtigen Stückchen Freiheit, das wie ein Vogel ohne Beine dahinfliegen und dabei den Boden nicht berühren kann. Doch genau wie dieses Karussell verkehrt herum von der Decke hängt, so verkehrt sind diese beiden Außenseiter in diese Welt der Ausgrenzung und Zerstörung jeglicher Individualität gestellt. Das gemeinsame Glück, dem beide ebenso wenig trauen, wie sie davon lassen können, beim Behängen des Karussells währt nur kurz. Val erklärt die Schwierigkeiten dieser zaghaften Annäherung so: „Alles was wir voneinander kennen, ist bloß die Hautoberfläche. Weil ein Mensch niemals einen anderen kennenlernt. Wir sind alle… wir sind, jeder von uns, zur Einzelhaft in unserer einsamen eigenen Haut verurteilt, solange wir auf dieser Erde leben.“ Der Versuch des Ausbruchs wird auch prompt mit dem Tode bestraft. Eine bedrohlich dichte, atmosphärisch verstörende Inszenierung und wieder einmal große schauspielerische Leistung des Ensembles der Münchener Kammerspiele.
Um nun am Ende wieder den Bogen zur anfangs erwähnten Don-Giovanni-Inszenierung von Antú Romero Nunes zu bekommen, es steckt von allem ein wenig und noch viel mehr darin. Wobei das nicht etwa nur ein Beispiel für ein vollkommen haltloses Drauflosinszenieren wäre, sondern vor allem auch der Wunsch sich auszuprobieren und mit allen zur Verfügung stehenden Theatermitteln zu experimentieren. Ein Haltung, der nichts heilig ist, die nichts mehr Ernst nehmen will und kann. Der es aber auch an Einfällen nicht mangelt. Jedes scheinbar noch so veraltete bzw. triste Stück, oder was die Regie dafür hält, kann somit zum multimedialen Event erklärt werden, die Möglichkeit des Scheiterns mit inbegriffen. Wenn nichts mehr geht, geht’s immer noch ganz anders. Dabei verwechselt man noch häufig Klamotte mit wirklichen Humor oder meint andauernder Slapstick erzeuge mehr Handlungsdichte. Das Spiel mit der Ironie wird somit immer mehr auch zum ästhetisches Dilemma. Man nehme dazu die Äußerungen Nunes’ aus einem Interview mit der Berliner Morgenpost. Er schielt dort nicht ganz ohne Neid nach Hollywood und ins heimische Fernsehen. „Wenn man sich den Erfolg von Reality-Shows anschaut,“ stellt Nunes dabei fest, „scheint es leicht zu sein, die Leute zu unterhalten. Aber wenn die ins Theater gehen, dann langweilen die sich meistens.“
„N Haufen Kohle – Eine Stückentwicklung“ Regie: Antú Romero Nunes – Foto: St. B.
Ausgehend von der Annahme, dass nur etwa 5 Prozent der Deutschen überhaupt ins Theater gehen, macht sich Nunes Sorgen um die fehlenden 95 Prozent. Auch eine Art der Reflexion, die ihn immer wieder veranlasst, über die Glaubwürdigkeit von Theater nachzudenken. Auch eines der vielen Probleme des Theaters, das sich in Zeiten schwindenden Interesses und mangelnder Finanzierung immer wieder neu erfinden will. Was dem einen der Bildungsauftrag ist dem anderen der Hang zum möglichst breit angelegten Happening. Irgendwo dazwischen liegt wohl für Jung-Regisseur Nunes die Wahrheit, wenn er sagt: „Natürlich will jedes Theater, das etwas tolles passiert, neue Formen entstehen. Aber Veränderungen werden nur ästhetisch begriffen, nicht inhaltlich.“ Was auch immer er genau damit meint, die Sehnsucht nach Superhelden, die Hollywood befriedigt, versucht Nunes in Form des klassischen Theatertragöden aus Schillers „Räubern“ oder eben in der ambivalenten Figur des „Don Giovanni“ als Identifikationsmodell neu zu erzählen. Oder er bietet Exoten wie mexikanischen Wrestling-Stars eine Bühne. Große Gefühle und jede Menge Action, anstatt einfach nur „zum 500. Mal die „Räuber““.
Ja, im Schutze des subventionierten Theaterbetriebes ist auch diese Art Umdeutung oder Neuschreibung des klassischen Dramenkatalogs möglich. Was andere wiederum dazu befleißigt sich Gedanken um die 5 Prozent Zuschauer, die schon da sind, zu machen. Und vielleicht ist ja genau wegen dieser verschwindenden Minderheit der deutsche Bühneverein der Meinung, das deutsche Theatersystem gehöre geschützt und auf die Liste des Weltkulturerbes. Die Ironie dieser verzweifelten Ahnungslosigkeit liegt hierbei in der irrigen Annahme, darin stecke das Bedürfnis nach eben genau einer bestimmten Art von Theater, die auch den restlichen 95 Prozent, von denen der Bühnenverein nicht mal im Ansatz weiß, woran sie wirklich interessiert sind, auf Dauer nicht vorzuenthalten sei. Ein im Untergang begriffenes System, das sich selbst zum Anachronismus erklärt. Was soll man dazu noch sagen? Auf weitere 50 Jahre Theatertreffen. Es lebe die Ironie!
Auch 2013 ging`s wieder öfter hoch zur Heidecksburg und wieder runter in die Stadt.
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Blick vom Handwerkerhof zur Heidecksburg am Abend.
In etwas verballhornend abgewandelter Form prangte das Motto des 23. Festivals für Folk- Roots- und Weltmusik auf unzähligen T-Shirts, die wie immer an der Folkbude am Markt in Rudolstadt käuflich zu erwerben waren. Man hatte sich das wohl bei typisch italienischen Designer-Polos abgeschaut und das Heimatland der Mode sowie des Arbeiterliedes „Bandiere rossa“ auch gleich zum aktuellen Länderschwerpunkt erkoren. Der immer vorwärtsgewandte Folktyp tritt ja alljährlich Anfang Juli in Rudolstadt, um noch etwas weiter zu kalauern, zumeist in Rudeln auf und geht triumphierend in all seiner Pracht und Vielfalt zum Angriff auf das kleine thüringische Städtchen über.
Avanti Popolo also – Vorwärts zu neuen Ufern der Welt- und alten Wurzeln der Volksmusik! Und was lege näher, als damit mal wieder darauf hinzuweisen, wo Lied und Tanz tatsächlich wurzeln. Nämlich im originären Volk, das neben der Arbeit auch schon immer zu feiern wusste. Gegenwart und Zukunft sind nicht ohne den Rückblick in die Tradition denkbar. Zumindest so ähnlich sieht es auch die Ehrenruth-Preisträgerin und deutsche Tanzlegende Eva Sollich. Und genau deshalb findet sich das Folk- und Weltmusikvolk auch immer wieder zu den mittlerweile schon vier tollen Tagen hier in Rudolstadt ein.
Der Donnerstag
Souad Massi auf der Großen Bühne im Heinepark.
Dabei ist das TFF-Banner nicht einfach nur einfarbig rot. Denn das Festival hat sich, wie bereits erwähnt, die Vielfalt auf die Fahne geschrieben. Und bunt ging es dann auch gleich zur Eröffnung am Donnerstagabend mit drei Acts aus vier Ländern im Heinepark los. Den Anfang auf der Großen Bühne machte die algerische Sängerin und Gitarristin Souad Massi, die seit Ende der 90er Jahre in Frankreich lebt und mit ihrer Band traditionelles arabisches Liedgut mit Folk-Balladen und französischen Chansons mischte. Mit der Macht ihrer Stimme sang sie sogar die einzigen echten Regenwolken des Wochenendes weg.
Martyn Jacques von den Tiger Lillies.
Düster-witzig ging es danach auf der Konzertbühne weiter. Die Tiger Lillies aus Großbritannien luden zu einer ihrer berühmt berüchtigten Shows. Martyn Jacques trug seine schrägen Balladen wie immer am Akkordeon mit hoch-sonorer Stimme in Begleitung des neuen Schlagzeugers Adrian Huge und Adrian Stouts singender Säge vor. Altbekanntes stand dabei neben neuen Songs aus ihrem Doppelalbum „Hamlet“ über Shakespeares schwermütigen Dänenprinzen. Thematisch hatten sich die Briten ja bereits mit dem deutschen Struwwelpeter (Shockheaded Peter) und Georg Büchners Woyzeck auseinandergesetzt.
The Tiger Lillies nach ihrer Show auf der Konzertbühne im Heinepark.
Nach dem Absolvieren des Sets und einiger vom Publikum enthusiastisch eingeforderter Zugaben baten die drei schwarzhumorigen Künstler am Rande der Bühne noch zu einer lockeren Autogrammstunde mit Fotosession. Den Abend beschloss gegen Null Uhr die Hippiefraktion mit dem Singer Songwriter Edward Sharpe und seinem Magnetic Zeros aus Los Angeles, California. Durchaus keine Nullnummer zur späten Stunde.
Der Freitag
Die Cajun Roosters im Tanzzelt im Heinepark.Melina Kana auf der Heidecksburg.
Am traditionellsten geht es aber immer noch im Tanzzelt im Heinepark zu. Bei italienischer Tarantella, sardischen Akkordeon- und Flötentönen, Cajun oder Blasmusik aus Dänemark vergnügte sich auch diesmal das tanzwütige TFF-Volk. Die dazugehörigen Bands wie die Sonadores, die Cajun Roosters oder Habadekuk fanden wie immer schnell ihr begeisterungsfähiges Publikum. Und auf der großen Bühne des Heineparks gab sich die finnische Folkband Frigg am Freitagnachmittag ein geigenlastiges Stelldichein zum Tanz. Überhaupt waren die für skandinavische Bands typischen Fiddler wieder zahlreich vertreten.
Das Magische Instrument, das seine Heimat mittlerweile auf der Bühne der Burgterrasse gefunden hat, war aber in diesem Jahr die Flöte. Die „Magic Flutes“ setzten sich aus immerhin 9 Virtuosen aus 9 Ländern mit ihren zahl- und variantenreichen Flöteninstrumenten zusammen. Komplettiert wurde ein wieder eher ruhiger Tag auf der Burg mit einem wunderschönen klassischen Fado-Konzert der portugiesischen Sängerin Carminho begleitet von den Thüringer Sinfonikern auf der Großen Bühne und der griechischen Rembetiko-Sängerin Melina Kana, die beide für die stimmungsvollsten und auch stimmlich größten Höhepunkte des Freitags sorgten.
Enzo Avitabile & Bottari di Portico im Heinepark.
Im Heinepark geht es dagegen für gewöhnlich musikalisch etwas aufregender ab. Hier wechselt das Partyvolk im wesentlich schnelleren Takt zwischen Großer und der kleineren Konzertbühne lustig hin und her. Erst tanzte man zu kolumbianischer Cumbia mit Ondatrópica auf der Konzertbühne und zum Ende des Freitagabends schlugen dann noch die italienischen Trommler von Bottari die Porticoum den Sänger Enzo Avitabile auf der Großen Bühne auf ihre schweren hölzernen Weinfässer ein. Der brachiale Sound brachte dabei selbst die bereits etwas müden Glieder im Publikum wieder zum Zucken.
Der Samstag
Maria Sadovska auf der Burg.
Der Samstag stand wie immer ganz im Zeichen der Ruth-Verleihung auf der Heidecksburg. Der Weltmusikpreis des Festivals wurde etwas umstrukturiert und in vier neuen Kategorien vergeben. Neben der eingangs erwähnten Eva Sollich, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, bekam die in Köln lebende Ukrainerin Mariana Sadovska den Hauptpreis. Eine Multi-Künstlerin in den Bereichen Komposition, Instrument, Gesang und Performance, die sich insbesondere um die Verbindung von traditioneller ukrainischer Volks- mit moderner Popularmusik verdient gemacht hat. Am Klavier stellte sie einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Solo-Programm „Odessa-Underground“ vor.
Das Lao Xao Trio auf der Burg.Das Ravichandra Kulur Trio auf der Burgterrasse.
Der Förderpreis ging an das Lao Xao Trio aus Dresden, das traditionelle vietnamesische Liebeslieder mit Jazz kreuzt und in Khanh Nguyen eine bezaubernde Stimme dafür gefunden hat. Der Jazz steht auch im Namen der Truppe um Sänger Cappuccino, die zum 20. Bandjubiläum die TFF-Ruth serviert bekamen. Das in der Jazzkantine nicht nur kalter Kaffee ausgeschenkt wird, bewiesen die Braunschweiger dann mit ihrem Gedeck aus Bigbandjazz, Reaggae, Rap und Soul. Sie meditierten darüber was eigentlich heute Heimat bedeutet und hatten sogar ein paar deutsche Volkslieder wie „Kein schöner Land“ oder „Wenn ich ein Vöglein wär“ in ihrem musikalischen Menü inklusive.
Das Keimzeit Akustik Quintett auf der Burg.
Jazzige Klänge im weitesten Sinne standen eigentlich bereits den ganzen Tag im Mittelpunkt der Konzerte auf der Burg. Nachdem die Brandenburger Kultband Keimzeit um Sänger Norbert Leisegang und Geigerin Gabriele Kienanst ein Akustikset ihrer bekanntesten Songs auf der großen Bühne dargeboten hatte, gab es nach Carminho und Melina Kana auf der Burgterrasse weitere Frauenpower mit Dotschy Reinhardt. Die Jazzsängerin und Sinteza aus der großen Familie des Jazzgitarristen Django Reinhardt spielte mit ihrem Sextett auf der Suche nach den indischen Wurzeln der Sinti Stücke aus ihrem neuen Album „Pani Sindhu“ und sprach über ihre Kindheit und die Geschichte ihrer Familie. Indisch ging es auch weiter mit dem Ravichandra Kulur Trio unterstützt durch den Shehnai-Spieler Sanjeev Shankar. Ein musikalisches Duett zweier Flöten-Virtuosen und auch Duell zweier begnadeter Perkussionisten.
Dotschy Reinhardt auf der Burgterrasse.
Am Abend gab es auf der Burgterrasse noch ein unbedingtes Muss mit dem rumänischen Balanescu Quartett, das klassische Musik mit modernen Klängen mischt und auch geniale Coverversionen der deutschen Elektropop-Pioniere Kraftwerk wie „Model“ und „Computerliebe“ in ihrem Best-Of-Programm hat. Den Samstagabend konnte man dann wieder beschwingt im Heinepark beschließen. Auf der Konzertbühne rappten die beiden Gwisdek-Brüder Robert und Johannes als Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi Texte vom Hypothalamus über die Hypophyse bis ins Knie.
Robert Gwisdek ist Käptn Peng.
Den deutschen Filmpreis schnappte dem Schauspielersohn Robert zwar sein Vater Michael weg. Dafür feierte dieser jetzt mit seinem Wortkaskaden-Rap und Funky-Beats große Erfolge beim zahlreich erschienen jungen Publikum in Rudolstadt und ist ab 8. August als gestresster Jungregisseur in dem Kinofilm „Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ zu sehen. Alle Altersgruppen in Trance vereint konnte man dann an der Großen Bühne bei genialem Dub-Reggae und Elektrobeat von Fat Freddy’s Drop aus Neuseeland sehen.
Fat Freddy’s Drop im Heinepark.Noemi Waysfeld & Blik auf der Burgterrasse.
Der Sonntag
Während am Sonntagmorgen einige auf dem dicht besiedelten Zeltplatz an der Saale neben dem Heinepark bereits wieder an den Aufbruch in Richtung Heimat dachten, stürzten sich andere noch einmal ins Getümmel, um auch den letzten Tag noch einmal bei Musik und Tanz zu genießen, im Park oder der Innenstadt zu schlendern und zu schauen oder einfach nur auf einer der vielen sonnigen Wiesen zu chillen. Auf der großen Marktbühne schafften sich die vier österreichischen Beatboxer von Bauchklang oder gaben die Damen der französischen Band La Mal Cofiffée ein A-Capella-Konzert. Und auf der Burgterrasse gab es noch Klezmer mit Noemi Waysfeld & Blik. Nicht zu vergessen die vielen Künstler der Stramu, die an allen Ecken der Stadt immer dicht umringt von Publikum ihr Bestes gaben.
Stramu in der Innenstadt.
Einen Ex-Straßenmusiker der es geschafft hat, konnte man dann mit dem Hamburger Felix Meyer am Abend auf der Konzertbühne im Heinepark sehen. Er wird am 2. August im Vorprogramm von ZAZ, die bereits vor zwei Jahren in Rudolstadt zu sehen war, in der Zitadelle Spandau in Berlin auftreten. Nicht verpassen durfte man den Auftritt von Gitarrenmultiinstrumentalist David Lindley auf der Burg. Hier setzte das TFF eine schöne Tradition fort, bereits etwas in Vergessenheit geratene Musiker wieder einem breiteren Publikum in Deutschland vorzustellen. Der als „Prince Of Polyester“ bekannte Steel-Guitar-Master Lindley saß im karierten Hemd auf der Bühne, scherzte sichtlich gut aufgelegt mit dem Publikum und spielte relaxten New-Orleanse-Blues.
David Lindley auf der Großen Bühne der Heidecksburg
Beschlossen wurde das 23. TFF am Sonntagabend mit den verrückten Franzosen von La Caravane Passe auf der großen Bühne im Heinepark. Balkanbeats, Hip Hop und Reggae begeisterten ein letztes Mal für dieses Jahr die Zuschauer. Noch bis weit in die Nacht trommelten einige von ihnen unermüdlich auf den Mülltonnen im Park. Und gegen den Entzug lässt sich auf jeden Fall Abhilfe schaffen, trägt doch fast jeder der immerhin 87.000 Besucher in Form vieler kleiner silberner Scheiben die Erinnerung an die vier großartigen Tage mit nach Hause. Im nächsten Jahr warten dann beim 24.TFF vom 3.- 6. Juli ein Länderschwerpunkt Tansania, der Bass als Magisches Instrument und man wird passend zur Fußballweltmeisterschaft in Brasilien Samba tanzen können.
Die Müritz-Saga. Seit 8 Jahren in Waren an der Müritz – Foto: St. B.
Eine halbe Stunde vor Premierenbeginn tröpfelte es noch vom grauen Himmel. Kaum aber das Intendant und Regisseur Nils Düwell seine Eröffnungs- und Dankesworte an alle Sponsoren, freiwilligen Helfer und sonstigen Partner gesprochen hatte, verzogen sich die Wolken und es konnte mit Gottes Willen und „Gottesfurcht im Niemandsland“ losgehen. Hier hatte also wirklich jeder seine Rostbratwurst, Bulette oder Schmalzstulle aufgegessen. Und vor allem hat die halbe Stadt an der Bühne mitgebaut. Das musste ja klappen. Waren an der Müritz ist nicht einfach irgendein Niemand im platten Land Mecklenburg-Vorpommerns, sondern seit acht Jahren der Austragungsort der Müritz-Saga, die sich alljährlich von Ende Juni bis Ende August ihre begeisterte Fangemeinde erspielt.
Die Müritz-Saga 2013 auf der Freilichtbühne am Mühlberg, Waren (Müritz) – Foto: St. B.
Autor Roland Oehme hat auch diesmal ein Stück rund um die Geschichte des norddeutschen Landstrichs zwischen Ostsee und Müritz geschrieben, das für jeden Geschmack im Publikum etwas bereithält. Und das vor allem mit Herz, viel Witz und durchaus einigem künstlerischem Anspruch. Verbindet doch Oehme und Regisseur Düwel seit Jahren die gleiche Leidenschaft für anspruchsvolles Open-Air-Theater mit regionalem Bezug. Wolf von Warentin (Ulrich Blöcher), Held der Müritz-Saga, hat auch in der neuen Episode „Gottesfurcht im Niemandsland“ einige Abenteuer zu bestehen, bis er seine Frau Clara (Elke Zeh) wieder in den Armen halten kann. Wie im Traum von fern erscheint sie ihm auf seinem Weg durch die Wirren des dreißigjährigen Kriegs, um dem geliebten Mann den nötigen Mut zuzusprechen.
Müritz-Saga 2013. Wolf (Ulrich Blöcher) und Clara (Elke Zeh) bedroht. Foto: Gerlind Klemens
Nachdem Wolf von Warentin den Landesfürsten Granzow in einem Duell getötet hat, tritt er auf seiner Flucht in den Dienst der kaiserlichen Armee unter General von Wallenstein. Trotzdem er wie alle im Norden bereits reformierten Landsleute protestantischen Glaubens ist, bindet ihn nun ein Eid an den Kaiser, der die Abtrünnigen wieder unter die päpstliche Macht zwingen will. Hier begegnet Warentin auch dem auf Rache sinnenden Bruder Granzows, einem Fähnrich(Grian Duesberg) unter Oberst von Arnim (Stefan Bergel), und bekommt sofort Händel mit ihm. Der kaiserliche Heerführer von Arnim, einst Freund Wolf von Warentins, soll für Wallenstein die freie Hansestadt Stralsund einnehmen und zur Garnisonsstadt machen. Er gibt den beiden Streithähnen den Befehl mit einem Fähnlein eine Insel vor Stralsund zu besetzen, um von dort die Belagerung zu forcieren.
Müritz-Saga 2013: Hardy Halama als Bürgermeister von Stralsund Ludowig Sturkow und Ulrich Blöcher als Wolf von Warentin. Foto: St. B.
Hier haben sie aber nicht mit dem Widerstand der stolzen Hanseaten gerechnet, die unter ihrem leicht verhuschten Bürgermeister Ludowig Sturkow (Hardy Halama als sympathischer nordischer Sturkopf) und seiner resoluten Frau Reglinde (Ex-DDR-Film- und Fernsehstar Ute Lubosch) auf ihre Unabhängigkeit pochen und die Insel kurzerhand von den Eindringlingen wieder zurückerobern. Wolf von Warentin, dessen Herz eigentlich mehr für die wehrhaften Bürger der Stadt Stralsund schlägt, als für seinen prinzipientreuen Oberst, gerät immer mehr zwischen die Fronten eines Krieges, dessen Ziele er nicht mehr versteht, und der sich nur noch gegen die wehrlose Bevölkerung richtet. Der junge Offizier muss sich schließlich zwischen der Loyalität zu seinen Untergebenen, seinem Eid an den Kaiser und seinem eigenen Gewissen entscheiden. Und der Krieg verlangt weiter unerbittlich seine Opfer.
Müritz-Saga 2013: Stefan Bergel als Oberst von Arnim, Ute Lubosch als Reglinde Sturkow und Hardy Halama als Bürgermeister Ludowig Sturkow Foto: St. B.
In kleinen Episoden wird immer wieder das harte Leben im Krieg für die Soldaten, ihre Familien und die gebeutelte Zivilbevölkerung sehr eindrücklich beschrieben. Selbst einer wie Oberst von Arnim fragt sich da in einer nachdenklichen Minute: Was macht der Krieg aus unseren Kindern? Warentin, nun auf der Flucht vor den Häschern der Kaiserlichen, trifft in einer abgelegenen Kirche mitten im Niemandsland endlich wieder auf seine Frau, die er über eine polnische Magd (Bozena Baranowska) aus dem heimatlichen Röbel dorthin bestellt hat. Ein höchstmusikalische Pastor und seine Frau gewähren den Verfolgten dort Unterschlupf. Fernab aller Kämpfe versucht der Kirchenmann den Sinn für die Kunst, die Menschlichkeit und seinen Glauben an Gott selbst noch nach dem scheinbar unvermeidlichen Eindringen des Krieges in seine kleine Enklave des Friedens zu bewahren. Weitere Glanz-Rollen für Ute Lubosch und Publikumsliebling Hardy Halama.
Und so verwebt die Inszenierung immer wieder Nachdenkliches mit typischen Passagen aus der Kiste des Mantel-und-Degen-Genres. Eine regelrechte Attraktion ist dabei Alexandra Krüger als kampfstarke Amazone Sibylla hoch zu Ross, oder auch Grian Duesberg als bauernschlauer Spion Thies und forscher Fähnrich Granzow mit Hang zum Slapstick und wilden Kampf- und Fechteinlagen. Lob gilt natürlich auch den vielen spielfreudigen Kleindarstellern und Laien. Liebe, Leid und Schmerz, Spaß, Klamotte und Kampfszenen halten sich den ganzen Abend hindurch die Waage. Der mit Elke Zeh und Ulrich Blöcher ein sympathisches Paar hat, mit dem man mitfiebern kann, und das zum Ende noch einmal alle im Publikum mit einem gefühlvollen Liebeslied zur rühren weiß. Sie tragen damit nicht nur kämpferisch, sondern auch gesanglich zur überzeugenden Leistung des gesamten Ensembles bei.
Ein großes Feuerwerk setzt den leuchtenden Schlusspunkt unter eine gelungene Premiere. Viel Beifall für die Akteure und Freude bei den zahlreich erschienen Einheimischen und Urlaubern gleichermaßen.
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Das Ensemble beim Premierenapplaus. Fotos: St. B.
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„Gottesfurcht im Niemandsland“, die achte Folge der Müritz-Saga
Ensemble 2013:
Ulrich Blöcher: Wolf von Warentin
Elke Zeh: Clara von Warentin
Hardy Halama: Bürgermeister Ludowig Sturkow & Pastor
Ute Lubosch: Reglinde Sturkow & Frau des Pastors
Stefan Bergel: Oberst von Arnim
Bozena Baranowska: Jagna
Grian Duesberg: Fähnrich von Granzow & Thiess
Dan Merkert: Stadtbüttel & Soldat
Alexandra Krüger: Sibylla
Blanca Hahn & Paula Hub: Ewa
Eric Mahlau: Söldner & Kurdirektor von Waren
Johann Hub: Söldner & Stadtbüttel
sowie weitere Kleindarsteller
Roland Oehme: Autor
Nils Düwell: Regie
Christian Mathis: Musik
Katharina Lorenz: Bühnenbild und Kostüm
Joe Alexander: Kampf-Choreografie
Michael Huhsch: Veranstaltungstechnik
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Dauer ca. 3 Stunden, eine Pause
Weitere Vorstellungen vom 29. Juni bis zum 31. August 2013 jeweils Mittwoch bis Samstag 19.30 Uhr und Sonntag 17.00 Uhr auf der Freilichtbühne Waren (Müritz).
X Freunde – Stephan Thiel inszeniert Felicia Zellers neues Stück am Theater unterm Dach Berlin
„Stress soll ja auch positiv, obwohl, positiver Stress, diesen Begriff hat sich auch mal wieder jemand ausgedacht, dessen Job es ist, diese Welt für uns Unglückliche und Verzweifelte POSITIVER STRESS! Gestresst zu sein, ist nichts weiter als ein modischer Euphemismus für einen schlecht gelaunten, müden und aggressiven Menschen WIR WARTEN! HALLO!“ Peter Pilz in „X Freunde“ von Felicia Zeller
X Freunde von Felicia Zeller im Theater unterm Dach. Foto: St. B.
Felicia Zellers Figuren stehen ständig unter Strom. Es scheint, als müssten die Schauspieler bei einem Schnellsprechwettbewerb reüssieren, und nicht am Theater, für das Zeller ihre Charaktere aus dem prallen Leben immer wieder direkt auf die Bühne katapultiert. Da tummeln sich dann biertrinkende Frauen, gestresste Mütter wollen ihre Au-pairs heiraten oder drei überforderte Sozialarbeiterinnen verzetteln sich in groteskem Sozialamtsdeutsch. Am liebsten nimmt sich die in Stuttgart geborene und seit einigen Jahren in Neukölln lebende Autorin aber die alltäglichen Klischees aus dem eigenen Umfeld vor und verwurstet diese in anarchisch komischen Kolumnen wie „Einsam lehnen am Bekannten“. Eine Auswahl daraus gab es 2011 am Ort ihres Entstehens im Heimathafen Neukölln zu sehen.
Zellers Stücke sind im wahrsten Sinne des Wortes dreidimensionale Gebilde, wie sie selbst es formuliert. Bühneraum, Körper und Sprache ergeben dabei im besten Falle eine untrennbare Einheit, was den Schauspielern auch immer einiges an Körperbeherrschung abverlangt. Anfang Oktober 2012 wurde Felicia Zellers vom Schauspiel Frankfurt/M in Auftrag gegebenes Stück „X Freunde“ ebenda uraufgeführt. Wieder ein extrem schnelles Sprachgebilde über eine typisch deutsche Sozialkrankheit, der schier unheilbaren Sucht nach Arbeit, befördert durch einen ständigen Kreativzwang und unbegrenzt freiwillige Selbstausbeutung. Eine Mischung aus der Explosivität einer Dreierkonstellation unter Freunden und situationsbedingter Sprachkomik.
Das Stück wurde außerdem in der Inszenierung von Bettina Bruinier zu den im Mai stattfindenden Mülheimer Theatertagen eingeladen. Die Regisseurin stellt die drei notorisch nervösen Zellerfiguren als Zappler und Schaumschläger in einen mit Papierwänden ausstaffierten Raum der mit Matratzen ausgepolstert ist. Geschlafen wird, wenn überhaupt, nur im Stehen. Man kann dies auch als eine Kreativzelle des beginnenden Wahsinns deuten. Die Figuren bewegen sich im Dauerbetrieb und fallen nur hin und wieder in einen kurzen Standby. Aus diesem festumzirkelten Ring gibt es kein Entrinnen, geht keiner als Sieger hervor. Man kann den Darstellern vergnügt fast 2 Stunden beim Frasieren, Jammern oder ihre Hymnen an den Laptop singend zusehen. Aber nachdem die Papierfassaden abgerissen sind und die Gerippe ihrer Existenzen zum Vorschein kommen, ist die Luft auch ziemlich raus aus dem bunten Treiben auf der Bühne.
Allen, die nicht nach Frankfurt oder Mülheim fahren konnten und auch das Gastspiel bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater Berlin verpasst haben, sei das Berliner Theater unterm Dach wärmstens empfohlen. Dort hat Regisseur Stephan Thiel nach seiner gefeierten Inszenierung von „Kaspar Häuser Meer“ Anfang April auch das neueste Stück von Felicia Zeller auf die kleine Bühne unter dem Dach des kommunalen Kulturzentrums an der Danziger Straße gebracht.
Mit von der Partie ist wie schon in „Kaspar Häuser Meer“ die quirlige Tilla Kratochwil als Unternehmensberaterin Anne, die nach der Kündigung ihr eigene Agentur „Private Aid“ gegründet hat, und nun die Politik mit neuen Ideen für „Wege aus der Gleichgültigkeitskrise“ versorgen will. An ihrer Seite hat Christoph Schüchner als Ehemann Holger und ehemaligem Betreiber eines Pleite gegangen Cateringservice keinen leichten Stand. Als beider Freund und Bildhauer Peter hadert Jaron Löwenberg mit sich und dem fordernden Kunstbetrieb. Seinem Projekt „X-Freunde“ fehlt der krönende Abschluss für die bevorstehende Ausstellung in Schwaden-Schwaden. Ein riesiger Stein-Monolith steht in seinem Atelier und wartet auf die finale Idee des Künstlers, den ultimativen letzten Freund.
X Feunde im Theater unterm Dach. Foto: (c) Produktion
Diese drei Charaktere stehen stellvertretend für ein zum ständigen Erfolg verurteiltes Kreativprekariat, very busy und immer auf dem Sprung. Keine Zeit mehr für eine Pause, man ist ja schließlich kein Schokoriegel aus der Werbung und schon gar nicht in einer dieser Komm-doch-mal-auf-einen-Espresso-vorbei-Ich-bin-schon-da-Agenturen. Für ein Bier oder einen Kaffee unter Freunden bleibt da kaum noch Zeit. Das ehemalige Trio Cappuccino aus dem Café Tasse, schwärmt sentimental in Erinnerungen an alte Zeiten. Längst lebt man nur noch für die Arbeit, oder sucht verzweifelt nach Auswegen aus der Schaffenskrise. Da droht bei einer Freundschaft unter Dreien immer der Schwächste auf der Strecke zu bleiben.
Während sich Anne in ihrem wichtigen Projekt mehr und mehr zum völligen Kontrollfreak entwickelt, lenkt sich Peter mit Internet, Twitter und anderen „privatberuflichen“ Dingen ab. peter.pilz@pilzpeter.de, immer präsent und aktiv um Aufmerksamkeit heischend. Ständige Nachfragen der Kuratorin, jeder Anruf und jede noch so kleine Störung reißen ihn immer wieder aus dem Kreativprozess. Geradezu an Aufmerksamkeitsdefiziten leidet der unterbeschäftigte Holger. Unfähig mit der neuen Freiheit umzugehen, bekocht er seine Frau und sieht ihren Erfolg mangels eigener Ideen als sein Projekt. Verzweifelt trägt er sogar Baumarktbesuche als Geschäftstermine ein. Ein ertrotzter gemeinsamer Urlaub mit Anne auf einer Sonneninsel wird zur Katastrophe.
Felicia Zellers hyperventilierenden Text setzen die drei Schauspieler im Theater unterm Dach in kongeniale Bewegung um. Sie treiben zum Beat der Sprache den Wahnsinn auf die Spitze. In gekonnten Soloeinlagen wird der biegsame, flexible Mensch beim Meistern der alltäglichen Stresssituationen performt. Das Bühnenbild von Halina Kratochwil mit dem unendlich variablen Stapelregal lässt sich wunderbar den einzelnen Spielszenen anpassen. Es ist hippes Wohnaccessoire, Weinregal und Skulptur, zeigt den in sich gefangenen Künstler Peter und ist Bahre für Holger. Zur Untermalung gibt es passender Weise wunderbare A-cappella-Versionen der Kraftwerk-Songs „Computerliebe“ und „Autobahn“.
Gestresste Zeitgenossen auf Abruf – CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG und TILLA KRATOCHWIL als Holger, Peter und Anne in Felicia Zellers X Freunde am TuD – Foto: (c) Produktion
Laptop und das allgegenwärtige Smartphon werden zum handlichen Dauerslapstick. Tilla Kratochwil trägt einen großen Telefonhörer wie angekettet mit sich herum. Der gefeierte Neubeginn gerät letztendlich für alle immer mehr zum Fluch. Die anfängliche Erfolgstrunkenheit weicht schnell allgemeiner Ernüchterung. Die „Generation Beißschiene“, eine wunderbar doppeldeutige Bezeichnung, hat bald ihre Bissigkeit verloren und leidet an Zahn-, Kopf- und Rückenschmerzen. Trotzdem scheint allen die Suche nach der entscheidenden „Idee, die es nicht gibt“ als alternativlos. Selbst der verordnete Ausgleich durch Laufen wird für Anne gleich wieder zum Projekt.
Wie in einem Albtraum trifft man sich irgendwann bei den anonymen Workaholics. An ein Aufhören ist aber nicht mehr zu denken. Für den Erfolg macht Anne einfach immer weiter und bezahlt den Preis dafür. Einen Tod muss man schließlich sterben. Das es gerade Holger trifft, verwundert dabei nicht, sind doch Angehörige von Süchtigen aller Art selbst akut gefährdet. Für Anne geschieht auch das wie immer gerade jetzt zur unpassenden Zeit. Es fällt ihr sogar erst nach 36 Stunden wirklich auf. Das ehemalige Trio schrumpft zum Duo Infernale.
Von Peters X-Freunde-Projekt bleibt schließlich nur mehr der Staub der Steine, zugleich Grabmahl und Asche seiner auf der Strecke gebliebenen Freundschaft zu Holger. Und selbst diese Niederlage lässt sich in einem nach immer Ausgefallenerem süchtigen Kunstbetrieb wie ein Erfolg feiern. Die Laudatorin des 2009 an Felicia Zeller verliehenen Clemens-Brentano-Preises, Katja Lange-Müller, attestierte der Autorin im wahrsten Sinne des Wortes, aus Scheiße Bonbons machen zu können. Das Team um Stephan Thiel verarbeitet diese neue Steilvorlage nach allen Regeln der Kunst zu geradezu süchtigmachenden Pralinés. Bitte unbedingt weiter machen, denn auch wir zahlen gerne den Preis dafür.
Felicia Zeller bei der Preisverleihung im DT – Foto: St. B.
Einen weiteren Preis heimste Felicia Zeller am 7. Juni 2013 bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater ein. Nach der Aufführung ihres Stückes „X Freunde“ in der Frankfurter Inszenierung von Bettina Bruinier wurde ihr der mit 5.000 € dotierten Hermann-Sudermann-Preis für herausragende Leistungen im Bereich der deutschen Dramatik verliehen. Laudator Gerhard Jörder, Theaterkritiker und Zeit-Autor, würdigte den Mut der Autorin, uns die „Banalität unserer alltäglichen Lebensnot noch einmal aufzutischen“. Sie schreibe aber keine Sozialdramen sondern Sprachfarcen und wolle uns damit zeigen, wie „Menschen beim Sprechen scheitern“. Dabei sei für Jörder der zentrale Satz des Stücks „Der Wahnsinn ist, dass der Wahnsinn für alle schon Normalität ist“. Er plädierte für mehr Empathie und Mitleidensfähigkeit. Jörder stimmte weiterhin auch ein Loblied auf den heute angeblich so unterbewerteten Theater-Autor an. „Stücke, die so viel Eigen- und Hintersinn, Wahrheitswillen und Witz atmen wie die Ihren – auf sie wollen wir unter gar keinen Umständen verzichten.“ Dem ist, was Felicia Zeller betrifft, nichts weiter hinzuzufügen.
Außer, dass die Produktion X FREUNDE in der Regie von Stephan Thiel für den Friedrich-Luft-Preis 2013 nominiert ist.
Weitere Termine:
X FREUNDE von Felicia Zeller im Theater unterm Dach Berlin
mit TILLA KRATOCHWIL, CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG
Ausstattung HALINA KRATOCHWIL
Assistenz JULIA OTTEN
Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
So 30.06.13, 20:00 Uhr
Sa 28.09.13, 20:00 Uhr
So 29.09.13, 20:00 Uhr
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Flokati-Boulevard der Lügen – Mit „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ inszeniert Schauspieler Cornelius Schwalm im Theater unter Dach eine Berlin-Mitte-Ménage-à-trois nach Harold Pinters Stück „Betrogen“
„Eine Verständigung der Menschen untereinander ist etwas so Schreckliches, dass sie lieber dauernd aneinander vorbeireden, ständig über etwas anderes sprechen, als über das, was ihren Beziehungen zugrunde liegt“ Harold Pinter
Der Titel ist doppeldeutig und führt eigentlich auf eine falsche Fährte. Der irische, romantisch-symbolistische Dichter William Butler Yeats legte sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts den Titel „Daemon est deus inversus“ als Mitglied einer esoterischen Loge zu. Harold Pinter drehte in seinem bösen Boulevard-Albtraum „Betrayal“ (Betrogen) aus dem Jahr 1978 über die Beziehungslügen zwischen drei Freunden lediglich die Handlung um. Er begann mit dem Ende, bei dem das Lügengebäude langsam einzustürzen beginnt, und arbeitete sich langsam zum Beginn der Geschichte mit der Hochzeit des Paares Emma und Robert vor. Zwischen beiden steht Roberts Freund Jerry, der gleich nach der Heirat ein Verhältnis mit Emma beginnt, das über sieben Jahre andauert, in denen die drei sich aber weiterhin wie Freunde begegnen und sich dabei eiskalt und gekonnt etwas vormachen.
Verena Unbehaun, Katja Uffelmann und Merle Wasmuth in „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ am Theater unterm Dach – Foto: Promo
Regisseur und Schauspieler Cornelius Schwalm (MARIAKRON) dreht noch ein wenig weiter, und besetzt die beiden Männerrollen auch mit Frauen. Bei ihm heißt Jerry nun Arndt, ist Literaturagent und wird von der bekannten Berliner Wengenroth-Darstellerin Verena Unbehaun gespielt. Seinen Freund, den Verleger Robert, gibt Katja Uffelmann, Merle Wasmuth ist seine Frau und Galeristin Emma. Schwalm reichert dieses sogenannte „amourösitäre Beziehungsbestinarium“ noch mit weiteren Motiven nach August Strindberg, Henry Rollins, Franz Xaver Kroetz und David Foster Wallace an, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, sieht man mal davon ab, dass man William Butler Yeats und David Foster Wallace vermutlich auch als Brüder im Geiste bezeichnen könnte. Das Grundmotiv ist und bleibt der umgedrehte Gott, und der ist hier der janusköpfige Dämon der Lüge, der einem trügerischen Geflecht aus Liebe, Sex und Eifersüchteleien entspringt. Man findet ihn natürlich auch in den anderen angegeben Quellen wieder.
Wir befinden uns hier wie bei Felicias Zeller wieder im kreativen Intellektuellen-Milieu. Die Story siedelt Schwalm dabei im hippen Berlin Mitte an und spult den retrospektiven Boulevard der Lügen auf weißem Retro-Flokati (Bühne: Hovi-M) ab. Eine Frau zwischen zwei Männern, die dazu noch beste Freunde sind, eine nicht ganz ungewöhnliche Konstellation, der man wohl nicht mehr allzu viel Neues entlocken kann. In mehreren Spielszenen, die durch Schwarzblende von einander getrennt werden, breiten die Drei ihr Spiel aus feinen Lügen, Eitelkeiten und Psychospielchen aus. Solange der Schein gewahrt bleibt, ist für Robert halbwegs alles in Ordnung und auch Arndt scheut die Enthüllung der Affäre und die daraus entstehenden Konsequenzen. Außenwirkung und die Beibehaltung des Status Quo sind ihnen wichtiger, als klare Verhältnisse. Und dabei geht es ihnen nur ganz am Rande um eine Freundschaft oder die Fortsetzung einer bereits gescheiterten Ehe. Nur der Erfolg zählt, Scheitern ist im Lebensplan der beiden Männer nicht vorgesehen.
Der Dämon ist ein umgedrehter Gott am TuD Foto: Promo
Katja Uffelmann und Verena Unbehaun spielen ihre Hosenrollen ziemlich überzeugend, lassen aber auch kein Männerklischee ungenutzt, um es köstlich bloßzustellen. So überdreht die Story an manchen Stellen etwas. Regisseur Schwalm setzt noch einen drauf, und lässt es sich nicht nehmen, als Szeneautor Wadim Bolotkowski, eine immer wieder erwähnte Randfigur des Stücks, im Foyer in einer auf Spontanwirkung zielenden ironischen Startsequenz in den Abend einzuführen. Durch die entscheidende Kraft von Merle Wasmuths Emma, ein als Einzige zu so etwas wie echten Gefühlen fähiges Wesen und Frau, wird schließlich die anscheinend so festgefügte Fassade der Männerfallance ins Wanken gebracht und das übertriebene Spiel der anderen wieder wohltuend geerdet. Ein in vielerlei Hinsicht ähnlich angelegtes Stück wie Felicitas Zellers „X Freunde“, was vor allem das Karikaturhafte der Charaktere angeht. Regisseur Schwalm siedelt das Ganze aber noch näher am Boulevard an. Das Bittere der Lebenslügen in Pinters böser Psychofarce schlägt hier nicht angemessen ernst genug auf die Figuren zurück. So funktioniert das Stück nicht mehr unbedingt als psychologische Beziehungsstudie der Zielgruppe Mitte-Boheme, aber als sarkastischer Independent-Boulevard doch allemal noch sehr gut.
Der Dämon ist ein umgedrehter Gott
Ein Beziehungsbestinarium nach Harold Pinter, Franz Xaver Kroetz, David Foster Wallace, Henry Rollins und August Strindberg. Eine Produktion von MARIAKRON
Regie: Cornelius Schwalm
Dramaturgie: Sophie Nikolitsch
Bühne: Hovi-M
Kostüm: Andrea Göttert
Spiel: Katja Uffelmann, Verena Unbehaun, Merle Wasmuth
Zurzeit keine weiteren Termine im Theater unterm Dach.
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Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. Ein Schauspiel zwischen medialem Kult, schwarzer Boulevardkomödie und deutscher Geschichte am Ballhaus Ost.
Eine explosive Dreierkonstellation der ganz anderen Art gibt es im Ballhaus Ost zu sehen. Da steht er vor uns, der nackte blanke Wahnsinn, gekleidet in einen frotteeweichen, weißen Bademantel der häuslichen Normalität. Und das gleich mal drei. Das Ballhaus zeigt „Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe“. Der Leipziger Schauspielers Andrej Kaminsky ist Beate. Eva Bay und Gina Henkel geben die beiden Uwes. Regisseurin Mareike Mikat und Autorin Olivia Wenzel haben ein Theaterstück erarbeitet über die Zwickauer Terrorzelle, die gemeinsam sieben Jahre lang den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) bildete und seit dem spektakulären Doppelselbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Schlagzeilen durch die bundesdeutsche Presse geistert. Übrig geblieben ist der weibliche Teil des Trios, Beate Zschäpe, die gerade im Begriff ist, im Zuge des NSU-Prozesses ihre zweite Medienkarriere zu beginnen. Der Teufel im Look einer Beate Mona Lisa.
Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost. – Foto: Marie Roth
Die von der Presse kreierte Bezeichnung „Döner-Morde“ schaffte es 2011 sogar zum Unwort des Jahres. Für den halbwegs vernunftbegabten Mensch wird es da schwierig Hintergründe zu deuten und Begriffe richtig einzuordnen oder gar die Wahrheit hinter all den Schlagzeilen, Spekulationen und angeblichen Fakten zu erfassen, die hier noch einmal auf uns niederprasseln. Die drei Täter fläzen dabei auf einem bequemen Sofa und werfen dem Publikum ihre ganze Verachtung entgegen. Sie haben gehandelt, während wir in unserer verkackten Mittelmäßigkeit allabendlich vor dem Laptop sitzen. Ihre Botschaften sind so simpel wie gefährlich. Was letztlich im Spiegel der Medienberichte davon übrig bleibt, ist ein von jeglichen Inhalten befreiter, medial aufbereiteter Brei aus schwarzem Boulevard und sexueller Fantasie. Wie geschaffen für die theatrale Verwurstung. Sieg geil!
Die Hasstiraden der drei werden mit einem fast spießigen Familienleben zu dritt konterkariert. Beate kocht für ihre Jungs. Hm, ganz köstlich. Und Böni, der noch beim Kaffeetrinken mit der Großmutter von „Negerschweiß“ redet, zieht daheim OP-Überzieher über seine Springerstiefel. Jährlich fährt das Trio in den Sommerurlaub nach Fehmarn und täuscht unter den Namen Lisa, Max und Garry für Wochen ein normales Leben vor. Auf der Videowand sieht man Meer und Strand, die Darsteller wiegen sich im Wind und amen Möwen nach. An den Wänden hängen gehäkelte Verballhornungen dieser deutschen Gemütlichkeit. Auch Goethe kommt zu Wort und Adorno. Sein „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ bekommt hier noch mal eine ganz andere Dimension. Oder sogar die einzig richtige.
Das Stück lässt nichts aus. Es greift viele, vielleicht zu viele Themen auf, stellt aber auch unbequeme Fragen. Was ist eigentlich los mit den Ostdeutschen, was wollen die und wer sind die? Der unbekannte Osten als Keimzelle des Rechtsradikalismus? Der ewige Ossi mit dem viel zu kleinen Pimmel, der gegenüber dem dicken Schwanz des Wessis immer den Kürzeren zieht und sich über den Mustafa im BMW wundert. Der Türke im „Baader Meinhoff Wagen“ hat einen Schwanz mit Vanillegeschmack, die Skorpiens singen „Wind of Change“ und Moral ist die kollektive Wahnvorstellung einer Mehrheitsgesellschaft. Das ist der Theaterstoff für viele Jahre und ganz großes Kino mit Moritz Bleibtreu, Daniel Brühl und Nora Tschirner in ihrer ersten ernsthaften Rolle. Die Tränen von Iris Berben sind ihnen gewiss. Der Rest ist das Schweigen der Beate Z, der stolzen Nazi-Witwe.
Obwohl die Truppe mit Uwe Mundlos, der trotz der langen Haare sogar Meese mag, so etwas wie einen gebildeten Kopf besitzt, gibt es eigentlich keinen wirklich intellektuellen Hintergrund. Genau wie bei Anders Breivik werden nur die altbekannten Vorurteile einer faschistisch chauvinistischen Ideologie reproduziert. Und das ist bei allen schrecklichen Gemeinsamkeiten wohl der große Unterschied zum anderen Terrortrio der bundesdeutschen Geschichte. Im Gegensatz zur Baader-Meinhoff-Gruppe fehlt es ihnen an einer echten Utopie. Dass die finsteren Gedanken aber direkt aus unserer Mitte entspringen, lässt noch einmal eine der früheren Bekannten des Trios erkennen, die klar zwischen guten Ausländern, die wie Deutsche grillen und ackern, und schlechten in Asylbewerberheimen unterscheidet. Für sie wird Beate Zschäpe immer ihre Lisa bleiben, dieser herzensgute Mensch.
Unter Drei. Beate Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost Foto: Marcus Lieberenz
Die Opfer erscheinen zunächst nur als geisterhafte Schattenrisse hinter einer Wand aus Pergament. Als Slapstick-Spiel des Unvorstellbaren beleuchten Eva Bay und Gina Henkel nun als Süleyman, Mehmet oder Halit die verwirkten Leben der sogenannten Kanaken, die das Mord-Trio wie nebenbei aus ihrer Lebensmitte geschossen hat. Sie ringen hier in verzweifelt komischer Gestalt um Kontur und ihre verblassende Geschichte. Selbst die ermordete Polizistin Michéle Kiesewetter a.D. liefert sich mit dem in seinem Internetcafé in Kassel praktisch vor den Augen eines Verfassungsschutzmitarbeiters mit dem Spitznamen „Klein Adolf“ erschossenen Halit Yozgat einen wahnwitzigen Dialog über Zuständigkeiten und eine katastrophale Polizeiarbeit.
Am Ende aber wird die diffuse Wand rissig und die Gestalten verlassen ihr Schattendasein für kurze Zeit. Sie treten ins Rampenlicht und übernehmen die ihnen bisher vorenthaltene Deutungshoheit. Ein fiktiv utopisches Gedankenspiel um Mitleid, Rache und Vergebung. Man träumt von einer neuen Mordserie gegen Nazis und will den NMU (Neuer Migrantischer Untergrund) gründen. Letztendlich wird mit den gesammelten Nägeln niemand ans Kreuz geschlagen. Verziehen werden kann nicht, einer Rache bedarf es aber ebenso wenig. Die Diskussion darüber wird weitergehen. Die im Premierenpublikum sitzende Schauspielerin Sascha Ö. Soydan, Darstellerin in Milo Raus„Breiviks Erklärung“, machte später im Hof des Ballhaus Ost schon mal einen Anfang.
Weitere Vorstellungen von Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. am Ballhaus Ost
Fr 28.06.13, 20:00 Uhr
Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
So 30.06.13, 20:00 Uhr
mit EVA BAY, GINA HENKEL, ANDREJ KAMINSKY
Regie MAREIKE MIKAT Dramaturgie SOPHIE NIKOLITSCH Ausstattung MARIE ROTH Musik FRANCESCO WILKING Regieassistenz JOHANNES AMBROSIUS Ausstattungsassistenz CLARA AURICH Technische Leitung RALF ARNDT Produktionsleitung DANIEL SCHRADER / BALLHAUS OST; UNTER VERWENDUNG VON TEXTEN AUS „WEISSES MÄUSCHEN, WARME PISTOLE“ VON OLIVIA WENZEL
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