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  • Wenn´s vorne juckt und hinten beißt – Der eingebildete Kranke von Molière in einer Version des Hexenkessel Hoftheaters

      Foto: St. B. dsc04413.JPGDas Theatergelände auf dem Bunkerdach neben dem Amphitheater an der Monbijoustraße.

    Seit vier Jahren steht es nun gegenüber dem Bodemuseum, das Amphitheater am Rande des Monbijouparks. Die Truppe des Hexenkessel Hoftheaters bespielt es von Juni an bis in den September mit mindestens drei Stücken pro Saison. Gegründet 1994 in einem Berliner Hinterhof, fühlt man sich dem fahrenden Theatervolk verwandt und der Comedia dell’arte und Shakespeare verpflichtet. Immer unter freien Himmel, bei Wind und Wetter gibt es von Dienstag bis Samstag täglich zwei Stücke hintereinander und am Sonntag noch das Improtheater mit Turbine William wie die Birne. Nur Montag ist spielfrei und man überlässt dem musizierenden Volk die Bühne. In den letzen Jahren gab es Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit zirzensischen Kunststücken, „Viel Lärm um Nichts“, eine sehr moderne Version von „Romeo und Julia“ oder den „Sturm“ im wahrsten Sinne des Wortes. Den gibt es freilich meist gratis inklusive Regen direkt vom freien Himmel dazu.

    Nachdem es das Wetter ja bekanntermaßen mit den Open-Air-Verrückten in den letzten Tagen nicht so besonders gut meinte, scheint pünktlich seit Dienstag wieder die Sonne und die Gaukler bevölkern weiter unermüdlich die Bühne des Amphitheaters. Neben Shakespeares „Wintermärchen“, in einer zwischen Humor und Melancholie schwankenden Sparvariante für drei Schauspieler, einen Erzähler sowie hungrigen Tanzbären, sind noch Goldonis „Diener zweier Herren“ und seit Ende Juli auch „Der Eingebildete Kranke“ von Molière zu sehen. Dieses Stück des französischen Komödienautors entbehrt nicht einer gewissen Tragik, ist es doch das letzte Stück Molieres, der 1673, selbst in der Rolle des Argan, auf der Bühne einen krankheitsbedingten Anfall erlitt und daheim in den Armen zweier Nonnen verstarb.

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  • Vom Niederungsgrau zur Realpolitik. Nicht der Globalisierungskritiker Jean Ziegler sondern der Wende-Pastor Joachim Gauck hielt die Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen 2011

    Man könnte es als Affront gegen Jean Ziegler werten, dass nach seiner Ausladung wegen angeblicher Nähe zum libyschen Diktator Gaddafi, nun der ostdeutsche Wende-Pfarrer und ehemalige Stasiunterlagenbeauftragte Joachim Gauck die Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele hielt. Der ehemalige Bürgerrechtler Gauck hat sich stets für seinen Abstand zu den DDR-Oberen gerühmt und begründet das mit seinen Erfahrungen als Sohn eines von den Stalinisten verurteilten und nach Sibirien verschleppten Vaters in der ehemaligen DDR. Ob davon in Salzburg alle anwesenden Kulturhungrigen wussten, darf getrost bezweifelt werden. Wissen konnte man, dass Gauck, ein brillanter Denker und eloquenter Redner, dem linksliberalen bis konservativen Bildungsbürgertum zuzuordnen ist. Dieser unbequeme Kopf lässt sich schwer auf eine politische Richtung festlegen. Aus seiner Ansicht gegenüber Reden a la Ziegler machte Gauck dann aber gleich zu Anfang keinen Hehl:
    „Ja, es gibt sie, diese Tristesse des Alltags. Sie umgibt alle Dinge mit einem Niederungsgrau. Die Unvollkommenheit der Leute und der Verhältnisse erzeugt dann eine ganze Kultur des Verdrusses. Einige – ich komme aus Deutschland – verbringen ihr ganzes Leben darin. Einige wenige halten es schon für Hochkultur, wenn ihre Klage nur schrill genug, ihre Distanz zu ihrer Umwelt nur grell und plakativ genug ausgestellt wird.“

    Treffer und versenkt, möchte man meinen. Man könnte Gauck natürlich auch zu Gute halten, dass er sich mit der globalen Anklage Zieglers gar nicht erst beschäftigt hat und die allgemeine Larmoyanz des deutschen Kleinbürgers meint, der sich seit geraumer Zeit in einem ständigen Wut- und Motzmodus befindet. Wie dem auch sei, Joachim Gauck ist jedenfalls die bestmögliche Alternative zu Jean Ziegler, wenn man sich politisch geben will und größeren Unmut unter den versammelten Geldgebern und kunstbeflissenen Schöngeistern vermeiden will. Gauck predigt gern von der Verantwortung des Bürgers und fordert dessen Engagement bei jeder Gelegenheit ein. Darin unterscheidet er sich nicht all zu sehr von den Forderungen des Globalisierungskritikers Ziegler, nur dass Gauck dabei vor allem an die Selbstverantwortung der durch Hartz IV Gebeutelten denkt, als an die der politisch Verantwortlichen. Als Alternative zu Christian Wulff als Bundespräsident war er vor einem Jahr keine besonders große Herausforderung, auch wenn er kurz mit seiner Kandidatur das konservative Lager verwirrt hat.

    Seine Rede in Salzburg enthält alles, wofür er schon immer eingetreten ist. Eine wirkliche Überraschung birgt sie nicht, sieht man mal davon ab, dass er den Österreichern, die sich neben den Deutschen noch immer für den Nabel der europäischen Kultur halten, die Kunst der ehemaligen sozialistischen Blockstaaten Polen und Tschechien entgegenhält. Ein Land, das gerade mit viel Pomp den letzten Habsburger in die Gruft einfahren ließ, wird sich aber, ob der für viele völlig unbekannten Namen, nicht besonders angesprochen gefühlt haben. Wer bis hier noch nicht eingeschlafen war oder im Gedanken gerade seine Steuererklärung auf Bierdeckelgröße schrumpfte, verpasste dann aber die Essenz der Rede um Freiheit und Wahrheit, eines Mannes der sich stellvertretend für alle „draußen – vor dem Tor“ hinstellte und von dem sprach „… was Generationen von Menschen in Osteuropa prägte: Entfremdung durch perpetuierte Ohnmacht der Vielen bei beständiger Übermacht der Wenigen.“ Gauck meint damit, dass es nicht selbstverständlich für ihn sei, heute in Salzburg zu stehen, sondern gemahnt an die kommunistischen Diktatoren, denen die Werte des alten Europas nicht passten.

    „Wie vor Jahren Vaclav Havel oder Arpad Göncz, die an dieser Stelle zu Ihnen sprachen, erinnere ich Sie durch meine schiere Präsenz daran, dass es nicht selbstverständlich ist, dass freie Menschen in Freiheit und ohne Zensur, ohne den Nachweis des Wohlverhaltens durch die beteiligten Künstler einander in einem Festival begegnen – wie eben hier – ,wo die Freiheit der Kunst und der Künstler einfach gelebt wird. Frei gewählte Politiker und freie Bürger – unterstützt von Liebhabern der Kunst aus Medien und Wirtschaft – schaffen Kunst und Künstlern Wirkungsmöglichkeiten. So entsteht jenes besondere Flair, wo große Kunst eingebettet ist in den Lebensatem der Freiheit – ein Geschenk der Zivilisation an die Lebenden!“

    Alles schön und gut, aber spätestens hier ignoriert Gauck, dass es Leute gibt, die das durchaus auch anders sehen könnten und nicht nur in Osteuropa in den Zeiten des Kommunismus Menschen wegen ihrer Überzeugungen verfolgt wurden und immer noch werden. Die Freiheit der Andersdenkenden ist mit Sicherheit in der westlichen Welt heute garantiert, es gibt aber andere Mittel unbequeme Ansichten zu diffamieren und zu diskreditieren. Jean Zieglers Ausladung ist nur ein Beispiel dafür, wie weit sich die Kunst bereits in der finanziellen und die Politik in wirtschaftlicher Abhängigkeit von Sponsoren und Großkonzernen befindet. Dafür kann Joachim Gauck natürlich nicht verantwortlich gemacht werden, aber schon für seine Rhetorik gegen die Utopie einer besseren Welt, wie Jean Ziegler sie beschreibt, hin zur Politik der kleinen Schritte und Kompromisse, sprich der Realpolitik.

    „Als gebrannte Kinder werden wir Europäer künftig lieber das Schwarzbrot der Realpolitik essen, als zum Zuckerbrot der Ideologen zu greifen. Wir tun gut daran, weniger nach der vollkommenen Gesellschaft zu trachten, sondern stattdessen in mühseliger Arbeit das Bessere – oder wenn Sie so wollen: das weniger Schlechte – zu gestalten. Dies bedeutet nicht, sich der Banalität zu verschreiben, es bedeutet der Realität standzuhalten.“

    In diesem Duktus gehen seine wohl gut gemeinten und schönen Worte über die Kraft und Freiheit der Kunst unter und es bleiben die desillusionierenden Worte über den Typus des weltflüchtigen Kunstfreundes mit den Visionen einer „ideologischen Imagination“. Künstler sind mitunter, wie übrigens alle Menschen, auch Mängelwesen, wie Gauck es beschreibt, aber auch Suchende, die sich nicht nur aus Mangel an Alternativen in den schönen Schein flüchten. Kunst als Fluchtpunkt aus der Realität, nein, aus dem „richtigem Leben im falschen“ vielleicht.
    „Und dann begibt sich die Freiheit aus den geschützten Innenräumen der Sehnsucht hinaus ins Freie, und auf der Straße findet das erwachte Denken dann die richtigen Worte für eine richtige Bewegung: „Wir sind das Volk!“ “

    Mit diesen Worten beschreibt Gauck den Umbruch im Denken der Menschen während der Wende. Nur hat ihnen den Drang zur Freiheit nicht der liebe Gott eingegeben, wenn sich die Anfänge der Bürgerbewegung in der DDR auch aus den Kirchen heraus entwickelt haben, sondern die Utopie, dass es etwas Besseres gibt, als die Welt mit den Augen derer zu sehen, die einen regieren. In dieser Hinsicht kann Europa tatsächlich etwas aus der Wende im Ostblock lernen, und dann gehören vielleicht auch „Mozart und das Salzburg der Künste und Künstler“ wieder „in das Zentrum von Europa“ mit all seinen „Neurosen und Problemen“. Die „Freude an der Freiheit“, und da hat Gauck recht, heißt in erster Linie auch Verantwortung, aber eben auch Verantwortung für die ganze Welt.

    Die Rede vom Joachim Gauck im Wortlaut auf DiePresse.com

    Die nicht-gehaltene Rede von Jean Ziegler für Salzburg auf sueddeutsche.de

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  • Amy Winehouse, die britische Stimme des Soul ist tot.

    Goodbye Amy.

    Wie britische Medien berichten, ist die Sängerin heute  in ihrer Wohnung in London tot aufgefunden worden. Sie starb im fast schon magisch zu nennenden Alter von 27 Jahren und gesellt sich damit zu den Größen der Rockgeschichte wie Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison, die auch den Kampf mit Drogen und Alkohol verloren hatten.

    Was bleibt, sind ihre Lieder.

    For you I was a flame
    Love is a losing game
    Five story fire as you came
    Love is a losing game 

    amy-winehouse_eurockeennes_2007.jpg

    Amy Winehouse (14.09.1983 – 23.07.2011)
    Foto: Festival Eurockéennes 2007 unter Creative Commons-Lizenz bei wikimedia commons

    Tears Dry On Their Own
    LIVE on YouTube

    Amy Winehouse – Back To Black, Live auf YouTube

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  • Der Wotan vom Prenzlauer Berg oder VEB Eisenwaren am Grünen Hügel

     wagner_family_1881.jpg Wagnerfamilie mit Freunden 1881 vor der Villa Wahnfried in Bayreuth.
    Foto: gemeinfrei unter wikimedia commons

    Frank Castorf inszeniert den Ring zum Wagnerjubiläum, ganz wie im Traum

    Nachts im Intendantenbüro der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Frank Castorf sitzt an seinem Schreibtisch und liest die Bild-Zeitung. Titel: „Wahnsinn! Castorf, der Wahnfried des Ostens, ist im Gespräch für den Jubiläums-Ring in Bayreuth“.

    Castorf: Das wird gigantisch, jetzt zeig ich diesen Spießbürgern auf dem Hügel mal, wo der Wotan seinen Speer hängen hat. Bis zum Anschlag schieb ich denen das Ding in ihren bigotten Bildungsbürgerarsch. Mit Waffen wehrt sich der Mann. Da kippt selbst die Katharina aus ihrem Brünnhildengewand. Und die ganze Familie nehme ich mit nach Bayreuth. Den Wotan macht natürlich der Hübchen, den krieg ich schon irgendwie raus aus seiner brandenburgischen Datsche. Und meine Damenriege erst mal, als Walküren unschlagbar. Wer könnte den Siegfried spielen? Mit blonder Perücke geht vielleicht der Wuttke als Siegfried durch und für den Rest finde ich auch noch ein paar Nazi-Statisten. Das Bühnenbild baut wie immer der Bert. Wir stapeln da einfach ein paar alte Container übereinander und werfen `ne Menge Schrott auf die Bühne, fertig ist das Walhall. Und einen neuen Text braucht die Schmonzette natürlich. Das macht der René, der hat schon den Nietzsche so toll beballert. Ein paar schön sinnlose Diskursschleifen und die Bayreuther Schickeria weiß nicht mehr wo das Walhall liegt. Er nimmt das Textbuch und fängt an zu lesen:
    Weia! Waga!
    Woge, du Welle!
    Walle zur Wiege!
    Wagalaweia!
    Wallala weiala weia!
    Daraus lässt sich doch sicher noch was Politisches machen und den Heiner Müller kriegen wir da auch noch irgendwie rein. Einen Dramaturgen brauche ich natürlich noch. So ein Mist! Alle weg. Der Rosinski macht jetzt bestimmt Störtebeker-Festspiele an der Ostsee. Ob der Matthias Lust hat? Nee, viel zu kommerziell und zu wenig postmigrantisch. Ich rufe den Carl an, der ist ja sozusagen eine Wagner-Koryphäe. Aber der ist ja jetzt beim Baumgarten unter Vertrag. Immer muss der mir alles wegnehmen, erst die Kathrin und dann den Hegemann. Aber die Sophie hält zu mir, die macht die Brünnhilde. Festspielerfahrung als Buhlschaft hat sie auch, und singen kann die, da legen die in Bayreuth die Ohren an. Er springt auf den Tisch und fängt an zu singen:
    Nun zäume dein Roß, reisige Maid!
    Bald entbrennt brünstiger Streit:
    Brünnhilde stürme zum Kampf,
    dem Wälsung kiese sie Sieg!
    Hojotoho! Hojotoho!
    Heiaha! Heiaha! Hojotoho! Heiaha!

    Das Stalin-Bild an der Wand wackelt bedrohlich.
    Dann klingelt das Telefon.

    Castorf: Hallo?
    Stimme aus dem Telefon: Hallo Frank, hier ist der Christoph.
    Castorf: Christoph? Wie jetzt? DER Christoph?
    Schlingensief: Ja, Frank, ich bin`s der Christoph, mir ist so fad auf der Wolke und da dachte ich: Ruf doch mal den Frank an. Wie geht’s denn so?
    Castorf: Dich schickt der Himmel… Äh, ich meine natürlich: Lustig im Leid sing ich von Liebe; wonnig aus Weh web ich mein Lied: nur Sehnende kennen den Sinn!
    Schlingensief: Oh ja, der Wagner. Das hat sich hier schon rumgesprochen. Der alte Richard und vor allem der Wolfgang machen sich so ihre Sorgen. Hast du denn schon einen Plan?
    Castorf: Na klar, alles im Griff. Ein Schwert verhieß mir der Vater, ich fand es in höchster Not. Und jetzt schmiede ich eiserne Pläne für Bayreuth. Da wechsele ich erst mal alle Schrauben aus. Da bleibt kein Stein auf dem anderen.
    Schlingensief: Frank, denk daran, es ist einsam da oben auf dem Hügel. Ich will dir einen Rat geben. Was du nicht weißt, weiß ich für dich…
    Castorf: Ach ja? Das kenne ich schon. Mein Filz, mein Fett, mein Hase. Kannst du den Weg mir weisen, so rede: vermagst du’s nicht, so halte dein Maul!
    Schlingensief: Wirr wird mir, seit ich erwacht: wild und kraus kreist die Welt! Drum sieh, wie den Sturm du bestehst: ich Lustiger laß‘ dich nun im Stich! Legt auf.
    Castorf: Christoph? Christoooph! Scheiße, der hat mir nicht mal seine Nummer gegeben. Ach, ich weiß doch selbst, wo der Hase lang läuft. Mir braucht keiner mehr die Bilder zu erklären. Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!

    Der Morgen graut. Die Sekretärin kommt ins Zimmer.

    Castorf: Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht! Heil dir, leuchtender Tag!
    Sekretärin: Na, wieder das ganze Wochenende durchgearbeitet, kann ich endlich den neuen Spielplan veröffentlichen?
    Castorf: Wir brauchen keinen neuen Spielplan mehr, ich geh nach Bayreuth. Der Christoph hat angerufen. Sollen die doch die Volksbühne dem Peymann geben. Hier kommen doch auch nur noch Rentner her. Diese Freizeitrevoluzzer habe ich dicke.
    Sekretärin: Geht`s noch? Christoph? Sie wollten doch nicht mehr in alten Zeiten schwelgen. Ich geh dann mal einen starken Kaffee kochen. Wirft eine frische Bild-Zeitung auf den Tisch und geht.
    Castorf: Ja, ja, und such mir mal die Nummer von MVS raus, wir brauchen jede Menge Container.
    Liest die Zeitung: Überraschung am Grünen Hügel: Frau und Ossi. Das Bayreuther Damendoppel nominiert nun doch eine Doppelquote für den Ring 2013. Nach dem peinlichen Anmelde-Debakel von Peter Schwenkows Wannseefestspielen kommt Katharina Thalbach von Berlin nach Bayreuth. Im Gepäck hat sie eine posthum herausgekommene Ringfassung von Christoph Schlingensief. Aino Laberenz wird für die Kostüme verantwortlich sein und den Wotan gibt aller Voraussicht nach Volker Spengler.
    Der Volker! Warum weiß ich da nichts von? Deswegen schwänzt der hier. Haben die mich jetzt alle verraten? Sogar die Aino… Weiber!
    Des Hasses Frucht hegt eine Frau, des Neides Kraft kreißt ihr im Schoß: Das Wunder gelang den Liebelosen.
    Dann inszeniere ich den Ring eben hier an der Volksbühne, bis 2013 habe ich ja noch Zeit. Vielleicht macht ja auch der Johann Kresnik mit. Den rufe ich jetzt an und dann gibt’s Götterdämmerung und Schweinehälften satt. Der Meese kann die Merkel mit Pickelhaube und Schweißflecken geben und den Herbert lasse ich dann noch den Tristan und die Meistersänger als Klamotte aufführen. Was für eine Gaudi!

    Götterdämm’rung, dunkle herauf!
    Nacht der Vernichtung, neble herein!
    Der alte Sturm, die alte Müh‘!
    Doch stand muß ich hier halten!
    Des Speeres Splitter fest in der Hand.

    Elke!!! Gibt’s noch Kartoffelsalat in der Kantine?

    ENDE

    Unter Verwendung von Texten aus dem Libretto des Rings von Richard Wagner.

    Deutschlandsuche99 Wagner lebte schon vor 12 Jahren an der Volksbühne. Sex im Ring, Christoph Schlingensief bei der Aktion Deuschlandsuche 99.
    Foto von Schreibraft unter Creative Commons-Lizenzbei wikimedia commons.

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  • You Got To Move – Den Arsch am Prenzlauer Berg und im Kopf Utopia, Frank Castorf zum 60sten

    Nun steht die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ja eher im schicken Berlin-Mitte, aber der Bezirk Prenzlauer Berg, Sammelbecken der DDR-Boheme in den 80ern und neuer Szene-Bezirk in de 90er Jahren nach der Wende, liegt nur einige Schritte über die Torstraße hinter dem Prenzlauer Tor. Dort wurde Frank Castorf 1951 als Sohn des Eisenwarenhändlers Werner Castorf an der Pappelallee / Ecke Senefelder Straße geboren. Das Geschäft besteht seit 1889 und ist ab der Jahrhundertwende fest im Prenzlauer Berg verankert, also feierte man zur Wende 100jähriges Jubiläum. Was sind dagegen schon schlappe 20 Jahre Volksbühnenintendanz? Irgendetwas muss also in der Familie Castorf sein, das sie über die Jahre und die Systeme getragen hat, ein Gen vielleicht, das des Durchhaltens, des Beharrens auf Tradition und auch die Anpassung an herrschende Gegebenheiten. In dieser Hinsicht scheint Frank Castorfs Werdegang doch erst einmal etwas aus der Art geschlagen, denn Bewegung und Veränderung waren stets ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, wenn auch nicht immer ganz aus freien Stücken.
    Nach der Lehre bei der Deutschen Reichsbahn und dem obligatorischen Dienst bei der NVA (Grenztruppen bei Ratzeburg) studierte er Anfang der 70er Jahre Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Ersten Stationen am Theater der Bergarbeiter in Senftenberg und dem Stadttheater Brandenburg, folgten Jahre der Verbannung ans Theater Anklam (1981-1985), wo er schnell zum Geheimtipp wurde und ganze Busladungen von Berlinern in die Stadt an die Peenemündung pilgerten. Auch hier gab es wieder Streit mit den DDR-Oberen nach seiner Brecht-Inszenierung von „Trommeln in der Nacht“ und er warf nach Ibsens „Nora“ endgültig hin. Weitere Wanderjahre führten ihn über Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) und Halle 1988 zurück nach Berlin. Er inszenierte nun am DT und der Volksbühne, darf auch zum ersten Mal in den Westen nach München und Hamburg. Er hat dort und an anderen deutschsprachigen Bühnen so ziemlich alles an Klassikern zerdeppert was so geht. Miss Sahra Simpson, Stella, Aias, Hamlet, Torquato Tasso oder den Tell, Castorf tingelte durch Europa, drei bis vier Inszenierungen im Jahr.

    Castorf – Provokation aus Prinzip castorf.jpg

    Robin Detjes Buch aus dem Henschel Verlag Berlin (2002)

    Die Kritik ist seitdem klar in zwei Lager gespalten, die einen begrüßten die radikale Erneuerung des alten Theaters, die anderen beschimpften ihn als Text-Zertrümmerer und werfen ihm immer wieder bewusst gespielte Provokation und sinnlosen Klamauk vor. Das hier einer, geprägt vom Stillstand der letzen DDR-Jahre, zerstören muss, begriff damals kaum jemand. Das alles gipfelte Anfang 1995 in einem Rechtsradikalenvorwurf der bürgerlichen Presse, nach einem Interview mit der „jungen Welt“ im Dezember 1994, bei dem der sich im wiedervereinigten Deutschland auch nicht wohl fühlende Castorf, frei nach Ernst Jünger, ein reinigendes Stahlgewitter forderte. Da ist er bereits seit drei Jahren Intendant der Volksbühne, die ihm und einem jungen Team mit dem Dramaturgen Matthias Lilienthal 1992 übergeben wurde, um nach Ivan Nagel innerhalb dieser drei Jahre entweder berühmt oder tot zu sein. In diese Zeit von „Pension Schöller“ oder der „Stadt der Frauen“ fallen auch meine erste Berührungen mit dem Theater Frank Castorfs und seinen Schauspielern um Silvia Rieger, Sophie Rois, Kathrin Angerer, Henry Hübchen, Herbert Fritsch und Martin Wuttke, das mich seit dem nicht mehr losgelassen hat. Auch damals schon war nicht jede Inszenierung ein Treffer. Geduld und Beharrungsvermögen zählen zu den Tugenden, die man für das Castorfsche Treiben auf der Bühne mitbringen muss. Dann aber kann sich einem auch irgendwann eine faszinierende Welt voller überraschender Wendungen und Erkenntnisse erschließen, manchmal, leider nicht immer.
    Nun, um zu sterben ist er damals mit Sicherheit nicht angetreten, eher wie er 1995 bei einem Fernsehinterview „Zur Person“ mit Günter Gaus sagte, mit einem gesellschaftlichen und politischen Auftrag, gegen die „Verkrüppelung der Sprache“ in den Zeiten der Heuchelei und „Verwechselung von Information und Wahrheit“ anzuspielen. Verstören will er, nicht provozieren, die Irritation soll einen aus der Trägheit aufrütteln. „Erkenntnis und Erfahrung entstehen, wo Differenzen sichtbar werden.“ Sein Theater soll eine Möglichkeit schaffen, eine Brücke zum Asozialen zu schlagen, wie er auch sagt. Gemeint ist, den Gegensatz immer mitzudenken und nicht auszuschließen, Widersprüche zuzulassen und nicht zu verschweigen. Das kann man auch gut an der Wahl seiner Themen und den Figuren seiner Inszenierungen ablesen. Von Shakespeare, Hebbel und Ibsen, über Hauptmann, Döblin und Camus bis hin zu Dostojewski, Tschechow und natürlich immer wieder Brecht und Heiner Müller reicht das Spektrum seiner Suche in Dramatik, Roman und auch im Film. Das Hängen am Text galt ihm dabei stets als reaktionär.

    dsc01041.JPG Foto : St. B.  Bewegt sich hier noch was, oder ist die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz seit 20 Jahren nur ein Tempel für den „Castorf-Kult“?

    „Den Arsch am Prenzlauer Berg und im Kopf Utopia.“ diese Beschreibung der letzen DDR-Jahre in Berlin stammt aus einem Interview mit dem Spiegel aus dem Jahr 1993, in dem Castorf sich und der Volksbühne ganze drei Jahre gibt, daraus sind nun immerhin fast 20 Jahre geworden und eine Ende ist nicht abzusehen, obwohl er in den letzten Jahren von der Kritik immer wieder tot geschrieben wurde. Quälend lang sind mitunter seine Stücke, schwer verständlich und gähnende Langeweile herrschte immer öfter, ob der immer wiederkehrenden theatralen Mittel. „Utopia“ schien plötzlich an der Volksbühne kein Ziel mehr zu sein, Stagnation machte sich breit, während sich an den Theatern anderswo etliche Epigonen und ganze Horden von „Mini-Castorfs“ zum Leidwesen nicht nur von Andrea Breth und Gerhard Stadelmaier zu tummeln begannen. Frank Castorf ist ohne es je zu wollen zur Kultfigur geworden, die sich scheinbar nicht mehr verändern kann und will. In seinem „Geburtstagsständchen“ in der FAZ wirft ihm nun Stadelmaier u.a. wieder die altbekannte Leier von der Zerstörung der Autorität des Textes vor und nennt spöttisch Castorfs Volksbühnenaufführungen Theatergottesdienste aus eigenen Beweggründen heraus („“motu proprio Castorfi“). Er erkennt aber wenigstens noch an, dass „„… Castorfs Kopf, auch wenn er sich offenbar sturer als jedes konservative Würdenträgerhaupt einer Weiterhandlung und -verwandlung verweigert, immer noch heller und wuchtiger scheint als alle Leerschädel seiner Nachahmer.““
    Etwas liebevoller geht da schon Hans-Dieter Schütt im Neuen Deutschland mit Frank Castorf um. Er hebt ihn zwar nicht direkt in den Theaterhimmel, aber er findet doch ein paar verstehende Worte. „„Castorfs Theater ist eine Schrillbude des explodierenden, siechenden, verwahrlosenden Menschensinns; es herrscht eine Dramaturgie der umtriebigen revolutionären Weltbedenkerei, die im Trieb eine Quelle hat und den Trieb zugleich mit Geist quält.“ erklärt Schütt“. Aber auch er glaubt etwas „stur Eisernes“ in ihm zu erkennen. Bleibt zu hoffen, dass Frank Castorf wieder zu dem findet, was er zu Anfang des besagten Gaus-Interviews mit 44 Jahren auf die Frage, wie er sich in 20 Jahren sieht, antwortet: „Vermutlich weiterhin die biologischen Verfallserscheinungen ignorierend, vermutlich immer noch „You Got To Move“ von den Rolling Stones hörend, und dadurch natürlich wahrscheinlich so ein Zeichen entweder von Albernheit oder Selbstironie…., ich weiß es nicht, … aber eigentlich lebe ich in so einem verlängerten Stadium meiner Kindheit, das macht auch Spaß.“ Sein Prinzip des sarkastischen Weglachens hat keiner so verinnerlicht, wie sein ehemaliger Schauspieler und neuerdings Klamotten-Regisseur Herbert Fritsch. Also heute wird nun Frank Castorf erst mal 60. Darauf jetzt ein Gläschen und dann mal sehen was ihm noch so in Zukunft „durch die Birne rauscht“.

    Weitere Glückwünsche für Frank Castorf aus dem Blätterwald:

    Bitte nicht dieses Fenster schließen! – Dirk Pilz, Berliner Zeitung

    Tollkühne Männer mit standhaften Kisten – Jan Küveler, Die Welt

    Rocker auf dem Regiestuhl – Rüdiger Schaper, Tagesspiegel

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    JÜRGEN FLIMM, DER „GUTE MENSCH DES DEUTSCHEN THEATERS“ WIRD 70

    Und noch einem gilt es heute zu gratulieren, einem ebenso besessenen, wenn auch nicht verbissenen Theaterheiligen. Jürgen Flimm wird 70 und Bewegung spielt auch in seinem Leben eine wichtige Rolle. Angefangen in den 60er Jahren als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, hat er über weitere Regiestationen auch Theaterhäuser als Intendant geleitet, darunter das Schauspielhaus seiner Heimatstadt Köln (1979-1985) und das Thalia Theater in Hamburg (1985-2000). Weiterhin war Flimm von 2005 bis 2008 Leiter der Ruhrtriennale und von 2006 an Schauspieldirektor und schließlich Intendant der Salzburger Festspiele. 2010 kündigte er dort wegen Querelen mit dem Kuratorium vorzeitig seinen Vertrag und folgte einem Ruf zum Intendanten der Staatsoper unter den Linden nach Berlin. Flimm ist ein hervorragender Netzwerker mit Beziehungen bis in die Politik hinein, aus seiner beratenden Tätig für Gerhard Schröder ging das Amt des Kulturstaatsministers beim Bund hervor. Der bekennende Fußballfan Flimm ist aber vor allem verschärft harmoniesüchtig und mag es gern familiär. Als Theaterpatriarch der alten Schule, stellt er sich oft vor seine Schauspieler, hat aber auch eine melancholische Seite und inszenierte als Theaterregisseur am liebsten Tschechow.
    Wie viele andere ältere Regisseure hat Flimm sich jedoch zunehmend vom Theater abgewandt und auf die Oper spezialisiert. An vielen der großen Opernhäusern der Welt wie Mailand, New York, London, Hamburg, Zürich und Bayreuth hat er schon inszeniert. Er neidet den jungen Regisseuren wie Nicolas Stemann und Falk Richter ihren Erfolg nicht und zeigt sich auch gegenüber dem Regietheater und den Nachfolgern des „genialen Castorf“ versöhnlich: „Das Theater ist ja wie die Seele ein weites Land.“ Ihm kommt es vor allem auf die Kunst an, in einem Interview mit der Welt hat er im Juli 2010 vor dem Antritt als Intendant in Berlin die Kunst als den unaufgeklärte Teil der Gesellschaft bezeichnet und dazu weiter gesagt: „… das Theater ist eine uremotionale Angelegenheit, das Spielen haben wir alle in uns. Dass das Spielerische an der Kunst zur Aufklärung beitragen kann und es auch tut, ist eine andere Geschichte. Aber erstmal ist die Kunst eine völlig irrationale Sache. Ich freue mich und ärgere mich. Das Kind sitzt unterm Tisch, es soll herauskommen und sagt, das geht nicht, ich bin im Bergwerk. So simpel ist das.“ Nun ist die rheinische Frohnatur Jürgen Flimm als Leiter der Interimsstätte der Berliner Staatsoper am Schillertheater im gediegenen Charlottenburg angekommen und hat die erste recht erfolgreiche Spielzeit hinter sich. Viel Erfolg für die weiteren Jahre sei ihm gewünscht, denn an Aufhören denkt auch Jürgen Flimm noch lange nicht.

    Angst vorm Aufhören? jurgen-flimm.jpg

    Jürgen Flimm 2010 im Foto-Interview des SZ-Magazins.
    Foto: Alfred Steffen

    „Endlich wieder Räuberhauptmann“
    Staatsopernchef Jürgen Flimm wird 70 und spricht mit dem Tagesspiegel über Kunst, Politik, die Macht und die Liebe. Und über seine Lieblingsstücke.

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  • Saisonabschluss an der Berliner Volksbühne mit René Pollesch und Herbert Fritsch

    Mitten hinein in den ausgelassenen Saisonabschluss, zu dem sich gut gelaunte Besucher am Freitag in der Volksbühne zu Herbert Fritschs Inszenierung „Die (s)panische Fliege“ eingefunden hatten, kam dann am Abend die furchtbare Nachricht, dass bereits am 4. Juli die erst 26 Jahre junge Volksbühnenschauspielerin Maria Kwiatkowsky unerwartet an einem Herzstillstand in ihrer Berliner Wohnung gestorben war. Freud und Leid liegen oft dicht beieinander, besonders in der Theaterbranche, das wirklich Tragische an dieser traurigen Nachricht ist, dass das auch gerade auf das kurze Leben dieser jungen Schauspielerin zutraf. Es stimmt einen schon nachdenklich, wenn so ein junges Leben dann fast unbemerkt verlischt.
    Ihre große Lust am Schauspiel hatte sie bereits als Mitglied des P14-Jugendclubs an der Volksbühne gezeigt und als Filmschauspielerin Preise für ihre Rollen in „Engarde“ (2004) und „Liebe Amelie“ (2005) erhalten. Seit 2009 spielte Maria Kwiatkowsky als festen Ensemblemitglied wieder an der Volksbühne und hatte u.a. Rollen in den Castorf-Inszenierungen „Ozean“, „Nach Moskau! Nach Moskau!“, „Lehrstück“ und „Der Kaufmann von Berlin“ sowie in „Quai West“ unter der Regie von Werner Schroeter. Wer sie in diesen Produktionen gesehen hat, konnte eine wache, körperlich zwar fragile aber dennoch starke Person bewundern. Das ist sie im wahren Leben anscheinend nicht gewesen, warum lässt sich als Außenstehender nur vermuten. Welch großes Talent ist hier wohl an sich und auch inneren Zweifeln verglüht. Nicht nur ihre eindrückliche Stimme wird in Erinnerung bleiben.

    Es fällt schwer sich nun sofort wieder den fröhlichen Seiten des Theaters zu widmen und so passt es ganz gut, dass am Donnerstag auch zum letzten mal in dieser Saison René Polleschs neues Stück „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“ an der Volksbühne lief. Denn genau hier hat sich Pollesch wieder mal dem Thema des Künstlers im Widerspruch zwischen Rolle und Wirklichkeit gewidmet.

    Foto: St. B. dsc03275.JPG

    Das macht er nun mit schöner Regelmäßigkeit seit einigen Jahren. Angefangen bei den Identifikationsproblemen des Individuums bei der sich Sophie Rois einem ganzen Chor gegenübersah (Ein Chor irrt sich gewaltig) und schließlich gegen den Zwang zur ständigen Selbstverwirklichung in einer entpolitisierten Welt ankämpfen musste (Mädchen in Uniform), über die Problematik der Interpassivität im Theater, die den Zuschauer von allem befreit, sogar von dem was er liebt, (Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!), bis hin zur Lüge und Illusion, dem Versprechen des perfekten Tags. Im gleichnamigen Stück „Der perfekte Tag“ zählte der grandiose Fabian Hinrichs die 100 wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte in aller Ausführlichkeit auf und entlarvte anschließend alles als bloße Täuschung. Wir verlassen uns auf die reinen Begrifflichkeiten wie auf das Rad. In „Schmeiß dein Ego weg!“ wird letztendlich sogar die Beziehung Körper und Seele in Frage gestellt. Wir ordnen einer Oberfläche einen inneren Wert zu. Zitat Pollesch: „Die Seele ist eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst.“ (oder anderes Bsp. Geldschein und tatsächlicher Wert) In einem Raum zwischen Hinterbühne und Zuschauersaal ist der Schauspieler gefangen, bis die „vierte Wand“ fällt. Wir sehen etwas, was wir für unser Leben halten, was es natürlich nicht ist, weil es nur eine Projektion davon darstellt. Das Stellvertreterproblem des alten Repräsentationstheaters ist es, das Pollesch mit seinen Theorieuntersuchungen umgehen will.
    In seinem neuen Stück fasst nun René Pollesch das alles noch mal zusammen, erweitert um den Seinskonflikt und das ist wirklich neu. Womit sich ganze Künstlergenerationen abgekämpft haben, wird hier fast nebenbei verhandelt. Und doch scheint es Pollesch damit tatsächlich ernst zu sein. Zu Beginn singt Silvia Rieger als Operndiva, vor der Nachbildung einer naturalistischen Bühnenkulisse aus dem Theatermuseum Meiningen (Das Bühnenbild einer Hamletinszenierung aus dem Jahre 1866), eine Callasarie vom Band, Prospekte werden hoch und runtergefahren, auf denen wahlweise noch ein Kino oder einfach nur „Don`t look back“ geschrieben steht. Was früher war zählt heute nicht mehr. Eine Gruppe Operndiven in langen Kleidern (Marlen Dieckhoff, Christine Groß und Catrin Striebeck) müssen sich gegen einen Regisseur (Marc Hosemann) behaupten, der selbst auch noch Opernsänger ist, da er die Rolle des erkrankten Volker Spengler mit bekleiden muss. Es ist nichts so wie es scheint, erfährt man, wo draußen Bowlingaufsteller gesucht werden, erwartet man drinnen einen Opernsänger. Der Mensch muss sich ständig neu erfinden, nur die Kreativität zählt.
    Es wird der Zwang zur ständigen Attraktivität beklagt und das man auch zu Hause performen muss. Wir können nicht mehr „…zwischen Rolle und dem wahren Selbst“ unterscheiden. Diese Theorie stammt aus einem Aufsatz von Diedrich Diedrichsen aus dem Buch „Prater Saga“ zum Theater René Polleschs. Dem Menschen in der durchkapitalisierten Welt heutzutage fehlt das Rückzugsgebiet, die Hinterbühne des privaten Heims ist mit zum Hauptschauplatz geworden. Die Rolle weicht dem Zwang zur ewigen Authentizität. Ein Fluch dem die Theater heute regelrecht hinterherhecheln. Daraus ergeben sich für Pollesch neue Widersprüche. Zum Beispiel zwischen Körper und Sprache. Wo bildet sich die Sprache? Wo sitzt das Selbst? Dieses Innen- Außenproblem performen nun die Schauspieler sehr anschaulich und hetzen dabei über die Bühne, allen voran Marc Hosemann, der auch noch über den Schmerz referiert und „…dass der Schmerz der nicht chloroformiert werden kann, immer da ist, immer in den Körpern ist,…“ auch wenn sie tot sind und man ihnen die Organe entnimmt. Dabei kullern dann alle übereinander. Hosemann jagt die Striebeck durch den leeren Orchestergraben und würgt sie vermutlich zum Zeichen seiner Körperlichkeit und Unfähigkeit sich anders auszudrücken.
    Silvia Rieger bekommt dann noch ein unerwartetes Solo, indem sie, anhand eines Berichts einer Tochter vom Sterben der Mutter, den Tod als völlig undramatisch und eher langweiliges Ereignis beschreibt. Das Sterben dauert ewig und die Existenz ist unwiderruflich, „….einmal geboren, hört das nie auf“. Das erscheint alles sehr persönlich und es klingt zum ersten mal eine Art von Resignation mit, so etwas von Gescheitert sein. Da glaubt man nun auch bei Pollesch etwas Heiddeger im Hintergrund zu hören, eine tiefe innere Melancholie und Seinskrise etwa? Aber das ist schnell vorbei und in einer wirren Gesten-Pantomime von Marc Hosemann werden dann zum Schluss von Catrin Striebeck noch mal Begriffe geraten.
    Dieser Polleschabend wirkt nicht zum ersten mal wie eine unfertige Kopie des Originals, die Diskursschleifen haben sich mittlerweile in der schönen Illusion der Bühnenbilder und der Repräsentation, die sie eigentlich zerstören wollten, selbst verfangen. Pollesch ist an einem Punkt angekommen, wo es so nicht mehr weiter geht. Die Vorzüge der großen Bühne haben sich in ihr Gegenteil verkehrt und man sehnt sich an die alten Zeiten am Prater zurück, als der Künstler noch nicht um sich selbst, sondern die Zuschauer auf Drehstühlen inmitten des Geschehens um die eigenen Achse gekreiselt sind. Doch „Don`t look back!“ Oder sollte es nicht eher heißen: „Schmeiß deine Kreativität weg!“ ? Davon kann nun wieder bei Herbert Fritsch und seiner ersten Volksbühneninszenierung überhaupt nicht die Rede sein.

    Es springt, es (Sch)wankt, und legt sich lang, das grandiose Volksbühnenensemble in Herbert Fritschs Inszenierung „Die (s)panische Fliege“ von Franz Arnold und Ernst Bach

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    Und langgelegt wird sich viel in dieser Aufführung, im wahrsten Sinne des Wortes. Wolfram Koch kostet den Lieblingsausspruch „Ich leg` mich lang!“ des Senffabrikanten Ludwig Klinke geradezu als Running Gag aus. Es gibt lange Auftritte und Abgänge, die mit viel Szenenapplaus bedacht werden. Wann gab es das schon mal an der Volksbühne? Auch die anderen Darsteller allen voran Sophie Rois als sittenstrenge Gattin Emma Klinke im goldgelben Gouvernantenlook, oder Christoph Letkowski als schmieriger Rechtsanwalt Gerlach mit Frack und Zylinder stehen Koch im Grimassieren und Chargieren in nichts nach. Es ist zum Niederknien, was Hans Schenker auch sofort macht, als dauermeckernder Reichstagsabgeordneter Eduard Burwig wirft er sich gleich einem Muezzin auf den Teppich und stößt sein Moralgebet in den Bühnenhimmel, ansonsten stolziert er wie ein Hahn über den Teppich. Dieser Teppich, der den Bühnenboden ausfüllt und im hinteren Teil große Faltenberge wirft, ist das Gelände auf dem sich die durchweg grandiosen Schauspieler tummeln und Schwung und Sprungkraft aus einem versteckten Trampolin für ihre nie enden wollenden Kapriolen ziehen.
    Hier springen die Väter der Klamotte aus der Trickkiste und in ungeahnte Höhen des Slapsticks, die man an der Volksbühne nicht mehr für möglich gehalten hatte. Nun hat Frank Castorf es ja auch schon mal in den 90ern mit einem Schwank an der Volksbühne versucht. In seiner Version der „Pension Schöller“ von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs suchte er den ewigen deutschen Kleinbürger in seinen tiefen Abgründen und bemühte dazu noch Heiner Müllers „Schlacht“, während Herbert Fritsch sich mit großer Sinnsuche nicht abgeben mag, den moralisierenden Spießbürger einfach als gegeben nimmt und daraus mit bübischer Lust urkomische Figuren entwickelt. Das befreiende Lachen ist ihm Subversion genug. Eine kleine Hommage auf die Castorf-Inszenierung kann sich der damals noch mit auf der Bühne gestandene Fritsch aber nicht verkneifen, anstatt eines mächtigen Rohrs schleppt Wolfram Koch ein langes Holzbrett mit sich rum und konstatiert dann ganz nebenbei: „Jetzt habe ich die ganze Zeit mit einer riesen Latte gespielt.“ Das ist beileibe nicht der einzigste Kalauer, auch Sophie Rois verheddert sich zu Beginn in einem wunderschönen freudschen Versprecher, beim dem aus dem Knüpfen einer Herrenbekanntschaft, das Beglücken einer ganze Herrrenmannschaft wird. Die personifizierte spießbürgerliche Scheinmoral hinter frisch gestärktem Faltenwurf.
    Kartoffelsalat fliegt nicht an diesem Abend, es zieht sich auch keiner zu nackten Schlangentänzen aus, aber Verrenkungen und Verknäuelungen gibt es jede Menge und natürlich auch das, was dem Stück den Titel gibt, ein feuriges spanisches Tänzchen. Denn was die Komik dieses Verwirrspiels ausmacht, ist die Tatsache, dass sich die honorigen Herren der Familie Klinke in ihrer Jugend zu einer Varietetänzerin mit dem Künstlernamen „Die spanische Fliege“ hingezogen fühlten und nun die Konsequenzen fürchten, denn aus ihrer kurzen Liaison ist ein Bub hervorgegangen, der sich nun in ihr bürgerliches Leben drängt in Form eines Fotos und Akten, die Klinke nicht schnell genug loswerden kann und die dabei dennoch in die falschen Hände geraten. Eine der besten Slapsticknummern des Abends entspinnt sich dabei zwischen Wolfram Koch und Harald Warmbrunn, der den biederen und herrlich begriffsstutzigen Onkel Anton gibt. Schuld an der Misere ist also nur Röschen Zippel aus Bautzen und die Herrenriege komplettiert durch den Vorsitzenden des Sittlichkeitsvereins der Stadt und Schwager Alois Wimmer (Werner Eng) läuft zu Höchstform auf, um den ganzen Schlamassel unter den besagten Teppich zu kehren. Ihr schlechtes Gewissen ist ihnen förmlich ins Gesicht geschminkt und sie verwickeln sich durch ihre wirren Ausreden in immer absurdere Widersprüche, ständig im Gegenüber einen heimlichen Mitwisser vermutend.
    Der zweite Strang der unglaublichen Story betrifft die nächste Generation, die das Prinzip von Scheinmoral und Lügen der Alten schon bestens verinnerlicht hat. Nach außen ganz tugendhaft, will man sich eigentlich lieber hemmungslos der Liebe hingeben. Klinke-Tochter Paula (Mandy Rudski) ist dem Frauenschwarm Dr. Gerlach verfallen, natürlich erregt das den mütterlichen Unmut und ein sittlich akzeptabler Bräutigam ist auch schon in dem jungen und in Liebesdingen unerfahrenen Heinrich Meisel (Bastian Reiber) aus gut bürgerlichem Hause gefunden. Der verliebt sich aber leider fälschlicher Weise in die Cousine Wally (Inka Löwendorf) und tritt nun, von Klinke für den unerwünschten Spross seiner Jugendsünde gehalten, zum Vergnügen des Publikums von einem Fettnapf in den nächsten. So nimmt das Verwechslungsspiel seinen Lauf, bis die vermeintliche Spanische Fliege in der Person Heinrichs Mutter und Frau des Chemnitzer Stadtrates Meisel (Stefan Staudinger) auftaucht. Hier ist Fritsch mit der als Alberich aus dem Münsteraner Tatort bekannten Christine Urspruch ein regelrechter Besetzungcoup gelungen. Mit turmhoher Perücke und langem schwarzen Flamencokleid reizt sie die Männer dazu, ihre angeblich guten Manieren endgültig abzulegen. Nur dass sich die von ihnen frech Diskreditierte schließlich doch nur als biedere Dame ganz ohne exotische Vergangenheit entpuppt. Fritsch lässt alle in einer herrlichen Schlusschoreografie noch einmal übereinander stolpern.

    Mit dieser knallbunten Klamotte hat Herbert Fritsch sein Theater der gnadenlosen Übertreibung und expressiven Spielwut gegenüber den beim Berliner Theatertreffen gezeigten Inszenierungen aus Schwerin und Oberhausen nochmals getoppt. Ein versöhnlicher Abschluss einer an Höhepunkten armen Spielzeit an der Volksbühne, die nur mit Castorfs Tschechowinszenierung „Nach Moskau! Nach Moskau!“, oder einiger kleiner Produktionen aus dem 3. Stock, wie der herrlichen Komödie „1-2-3 Berlin“ in der Regie des Polen Wojtek Klemm, mit der auf der großen Bühne des Hauses leider nur selten zu sehenden Anne Ratte-Polle, glänzen konnte. Was die neue Spielzeit bringen wird, ist noch nicht bekannt. Für September stehen nur Castorfs Inszenierung von Dostojewskis „Der Spieler“, die bereits bei den Wiener Festwochen Premiere hatte und ein Gastspiel der ebenfalss in Wien gelaufenen Marthaler-Produktion „±0 – Ein subpolares Basislager“ fest. Eine Überraschung hat Frank Castorf dann doch noch parat, wie bereits in einem Tagesspiegel-Interview aus dem letzen Jahr angedeutet, kehrt Regisseur Leander Haussmann mit Ibsens „Rosmersholm“ an die Volksbühne zurück.

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  • Auf Regen folgt Sonnenschein, manchmal – Einige verschwommene Impressionen vom 21. TFF in Rudolstadt

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    Hier war der Himmel noch blau, einsame Folkbude auf dem Markt

    Nun ist es ja nichts Ungewöhnliches in der mittlerweile 21jährigen Geschichte des Tanz- und Folkfestivals, dass der Himmel hin und wieder die Schleusen öffnet. Darauf ist der leidensfähige TFF-Besucher vorbereitet und lässt sich den Spaß durch ein paar Tropfen von oben nicht so leicht verderben. Allerdings war das Wetter in diesem Jahr nicht nur nass sondern auch so kalt, dass einige Tropfen mehr, vor allem geistigen Nasses, auch innerlich von Nöten waren, um die notwendige Körpertemperatur konstant aufrecht zu erhalten. Heißer Met und Glühwein waren der Renner und natürlich die vielen Tanzbühnen der Stadt. Das meistgebrauchte und -gehasste Utensil war der Regenschirm, der sich im Takt der Musik und der Wolkenbewegungen am Himmel öffnete und schloss, begleitet von den Unmutsbekundungen aus den hinteren Reihen, der wie immer zahlreich erschienenen Folkbegeisterten.

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    Vor dem großen Ansturm, Straßenmusik in der Passage

    Ein Tag mehr Musik, ein Tag mehr Qualität?

    Bringt ein Tag mehr Festival auch ein Mehr an Qualität? Das war die große Frage nach der Bekanntgabe, dass das Sonderkonzert am Donnerstag ab diesem Jahr zum offiziellen Programm gehören sollte, inklusive Erhöhung der Kosten für das Dauerticket. Geschickter Schachzug oder notwendige Erweiterung, angesichts der 20.000 Zuschauer am Donnerstagabend im Heinepark, scheint das neue Konzept der Festivalmacher aber auf jeden Fall aufgegangen zu sein.
    Als Anheizer hatte man den One and Only „They call me, Dr. John, The Night Tripper” aufgeboten. Der Blues-Doc aus New Orleans, Louisiana gab seine „Gris-Gris-Gumbo-Ya-Ya”-Mischung aus Rhythm and Blues, Voodoo und kreolischer Soul-Musik im pinkfarbenen Anzug zum Besten. Heiter tänzelte der 71jährige nach seinem beseelten Set auf seinen Stock gestützt von der Bühne. Er war aber leider durch nichts mehr zu bewegen, für eine kleine Zugabe die steile Treppe wieder zu erklimmen.
    Danach gab es mit Madison Violet aus Kanada auf der kleinen Konzertbühne, die in diesem Jahr dummerweise kein Zelt mehr war, die erste Geige bei gewohnt starker Fiddeldichte und zwei der bezauberndsten Folksängerinnen des Festivals. Alles wartete aber sehnsüchtig auf den Hauptact des Abends, das französische Chansonsternchen Zaz. Und die Fans wurden nicht enttäuscht. Ein starker Auftritt mit einer gut gelaunten Sängerin, die das Publikum vom Start weg in Bewegung versetzte und hielt. (hier Ausschnitte auf YouTube). Ein Highlight schon zu Beginn des Festivals.

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    „Je veux“ – Alle wollten Zaz am Donnerstagabend auf der großen Parkbühne.

    Von Bühne zu Bühne, in Bewegung sein ist alles.

    Bei gut 130 Bands auf über 20 größeren und kleineren Bühnen über die ganze Stadt verstreut, bedarf es eines gewissen Maßes an Organisation und Durchhaltevermögen. Bereits beim Frühstück auf dem Zeltplatz werden Schlachtpläne erarbeitet und wegen grober zeitlicher Überschneidungen wieder verworfen. Wer einen halbwegs guten Überblick über das Geschehen haben will und nicht nur wegen des „schönen“ Wetters und der Landschaft in Rudolstadt weilt, braucht gute Nerven, das richtige Schuhwerk und ein sonniges Gemüt.

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    Ein Klischee, das sich angesichts der Temperaturen schnell selbst als blöd erwies. Begehrtes Nass am Metstand im Park

    Es ist schlichtweg unmöglich alle Headliner zu sehen, das sollte man sich ziemlich schnell aus dem Kopf schlagen. Die Unsitte immer größere Stars aus dem allgemeinen Festivalzirkus nach Rudolstadt zu holen, hat sich nicht unbedingt positiv auf die Qualität des Programms ausgewirkt. Quantitativ dürfte das TFF nun endgültig an seinen Grenzen angekommen sein. Hatte man früher noch oft die Chance, einen Konzerttermin sausen zu lassen, weil die Bands 2-3 mal aufgetreten sind, ist das relaxte Schlendern über die einzelnen Sets, einem Run nach den großen Namen gewichen.
    Als langjähriger Besucher hat man eine gewisse Ahnung dafür entwickelt, wie die Line-ups der einzelnen Bühnen am Abend aussehen werden. Im Heinepark geht mit Folkrock, Ska und Reggae die Post ab, wogegen die Liebhaber der kulturell anspruchsvolleren Weltmusik eher auf der Heidecksburg oder in den diversen Indoor-Lokalitäten auf ihre Kosten kommen dürften. Schräges passt gut auf die Konzertbühne im Park oder die Burgterrasse.

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    Relaxte südfranzösiche Sitzmugge mit Marseille-Blues von Moussu T e lei jovents auf dem Markt.

    Mittlerweile ist aber eher die zu erwartende Auslastung das Kriterium zur Auswahl der Bühne geworden. Und es wird auch schon mal darauf hingewiesen beim Überqueren der Saale und der Bahngleise, die Park und Stadt trennen, nicht nur den kleinen schmalen staugefährdeten Tunnel zu benutzen, sondern den etwas längeren Weg über die neue Brücke am anderen Ende des Parks zu gehen. Wie dem auch sei, man konnte, wenn man wollte, auch in diesem Jahr wieder fern ab der ausgetretenen Pfade so manches musikalische Kleinod entdecken. Und dazu sind wie immer die Nachmittagsstunden in der Stadt und auf der Heidecksburg am besten geeignet.

    Hoch Heidecksburg

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    Etwas Kraft braucht es zum Aufstieg auf die Heidecksburg

    Das ehemalige Residenzschloss der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt hat eine lange und bewegte Historie. Bereits im 13. Jh. erstmals errichtet, wurde es 1345 zerstört und brannte in Folge mehrmals ab, wurde im 16.Jh. erst als Renaissanceschloss und schließlich im 18.Jh. als Barockbau wieder aufgebaut. Seit die Burg wieder bestens saniert ist, gehören die große Bühne im Burghof und die kleine auf der Terrasse zum festen Bestandteil des Festivals. Man erreicht die Burg über mehrere Stiegen und genießt vom Schlosspark und der Burgterrasse einen wunderbaren Panoramablick auf Rudolstadt, nebst akustischen Klangfetzen aus dem musikalischen Treiben rund um den Markt.

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    Direkt aus einer portugiesischen Tasca, Marta Mirandam und OqueStrada.

    Musikalisch hatte der Freitag auf der Burg auch einiges zu bieten. Portugiesische Tanzklänge und Fado direkt aus der Taska mit OqueStrada und der fantastischen Sängerin Marta Mirandam und der in Israel lebende Ravid Kahalani mit seiner internationalen Band Yemen Blues. Er verbindet in seinen Songs die traditionellen Klänge seiner jemenitischen Heimat mit afrikanischen Sounds und dem Blues aus Amerika. Yemen Blues werden auch am 17. Juli im Rahmen der Wassermusik zum Thema Wüste im Haus der Kulturen der Welt in Berlin spielen.

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    Highlight am Freitagabend auf der Burg, Ravid Kahalani mit Yemen Blues

    Experimentelles gab es mit dem hochgelobten Hans Unstern aus Berlin auf der Burgterrasse, ein Exot mit seinen versponnenen textlastigen Songs nicht nur im Rahmen des TFF. Passender war dann wieder am Samstagnachmittag eine Mischung aus Tango und Balkanmusik mit  Oana Cǎtǎlina Chiţu aus Rumänien oder die sphärischen Klänge von Dakha Brakha aus der Ukraine, die Band mit den definitiv passendsten Kopfbedeckungen zu den aktuell herrschenden Temperaturen auf dem Festival.

    Spaß und Tanz im Heinepark

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    Dakha Brakha aus der Ukraine, hier bei ihrem berauschenden Set auf der Konzertbühne im Park. Passende Mützen gegen die Kälte für die Damen, der Herr am Akkordeon versucht die Zähne zusammenzubeißen.

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    Der Heinepark gehört wie immer den freien Gruppen, Tänzern, Clowns und natürlich den Kindern.

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    Vom ruckartigen Headbanging bis zum melodiös zarten Hirnschlag, die herrlich schrägen Glorystrokes aus England, wohl die meistbeschäftigste Band des Festivals, hier auf der Konzertbühne im Park.

    Eine Ruth im Regen

    Und den Himmel voller Geigen für das Folkduo Fjarill, Klaus den Geiger und Hubert von Goisern, die in diesem Jahr am Samstagabend auf der Heidecksburg mit der Ruth ausgezeichnet wurden. Der 71jährige Klaus von Wrochem wurde für sein unermüdliches Lebenswerk ausgezeichnet, das nicht nur aus dem Straßenmusiker Klaus der Geiger besteht. Er leitet u.a. auch das Orchester des Kölner Kunstsalons und ist musikpädagogisch tätig. Die rheinische Frohnatur mit ausgeprägtem Hang zum Anarchismus ließ sich nicht lumpen und fiedelte, wie schon Tags zu vor auf dem Neumarkt, einige Songs mit explizit geradeaus getexteten Aussagen zur Hybris des Menschen gegenüber der Natur und gegen die Raffzähne in der Geldwirtschaft. Erst vor zwei Jahren hatte ein anderer Unermüdlicher, der bayrische Reggaeanarcho Hans Söllner, eine Ruth erhalten.
    Die deutsche Ruth bekam der Alpen-Rocker Hubert von Goisern aus Österreich für seine aktuelle CD „Haut und Haar“. Seit den 80er Jahren bewegt sich Goisern konsequent zwischen der musikalischen Tradition seiner Heimat und den Klängen aus aller Welt. In seinem Konzert standen neue Rocksounds neben den bekannten Jodlern zum Akkordeon. Das Publikum war begeistert und der Burghof übervoll, so dass der Zugang sogar vorübergehend geschlossen werden musste.

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    Kein Pardon für Banken und Gehörgänge, der Anarcho-Fiedler Klaus von Wrochem alias Klaus der Geiger. (links) –
    Jodleiridlduueiouri, wia die Zeit vergeht. Back to the Roots, der oberösterreichische Alpenrocker Hubert von Goisern mit Akkordeon. (rechts) 

    Anschließend gab es noch eine bemerkenswerte Schweizer Band zu sehen. Der Gitarrist Christy Doran hat für sein Hendrix-in-Woodstock-Projekt, das zweite übrigens, noch einen Bassisten und einen Schlagzeuger um sich geschart und die Vokalakrobatin Erika Stucky als Sängerin gewonnen. Stucky ist ebenfalls schon Hendrix-erfahren, 2006 hat sie mit den Schweizer Young Gods auch schon mal ein Hendrix-Projekt kreiert. Ganz in weiß gewandet gibt Stucky den Hendrix als schrägen Kunstvogel, ganz Voodoo Child zersägt sie mit ihrer Stimme den Rudolstädter Regen und schickt Machine-Gun-Salven in den Nachthimmel. Es gießt in Strömen, der Stratocastersturm tobt und einigen älteren Herren, die Jimi Hendrix wohl noch persönlich gekannt haben, klappt die Kinnlade herunter. Eine Experience der ganz besonderen Art auf der Burg, während sich der Senegalese Youssou N`Dour im Heinepark mit Trommeln und Handständen warm und das Publikum bei Laune hielt.

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    Wer hat`s erfunden? Erika Stucky als Schneeflöckchen-Weißröckchen-Jimi mit dem schweizer Projekt „Hendrix in Woodstock“

    Gegen das Feuerwerk der Woodstockepigonen sahen die andern schweizer Bands des Länderschwerpunkts eher blass aus, allen voran die Berner Kummerbuben mit ihrem Rumpelsound. Das hat man von den österreichischen Attwenger oder La Brass Banda aus Bayern schon besser gehört. So etwas wie performatives Musiktheater gab es in der Stadtkirche mit dem schweizer A-capella-Trio Nørn. In einer erfundenen Kunstsprache führten die Sängerinnen ihr Werk „Urhu“ auf. Als nordische Schicksalsgöttinnen gebieten sie über Zeit und Raum, ein visuelles und akustisches Erlebnis am passenden Ort mit einer symbolischen Räder-Installation zum Thema von Georg Traber.

    Der Sonntag mit Altbewährtem und neuem Abschluss.

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    Früh übt sich was ein richtiger Folker werden will. Sonntagmittag auf dem Markt.

    Sonntag ist der Tag des Treibenlassens und Relaxens, denn nicht nur der Handyakku ist meist leer. Einige denken schon an Abschied, andere liegen im Park auf der Wiese oder drängen schon wieder zu den letzten Highlights, die bisher immer auf der Burg beheimatet waren. Hier kämpft aber nur Maria Franz, die dänische Björk von der Folkband Euzen, vergeblich gegen den Regen und fiddelt der Engländer Seth Lakeman biederen Folkpop gegen den bedeckten Himmel. In diesem Jahr ist bekanntlich alles anders, alles neu und der Park ist neben dem obligatorischen Abschlussrevue fürs breite Volk auf dem Markt, der Ort für das endgültig letzte Konzert.

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    Schlagkräftiger Slogan über jazzigem Akkordeon, René Lacaille aus Réunion im Park. Am Montag hat einen dann spätestens der Alltag wieder.

    Vorher gab es mit den marokkanischen Masters Musicians Of Jajouka noch mal verschärften Vuvuzelalarm (Schalmeien) auf der Konzertbühne. Dieses tranceartige Getröte hat schon einige bekannte westliche Musiker inspiriert und auch in Rudolstadt gab es ein Konzert mit DJ-Begleitung als Jajouka Sound System. Zum Finale auf der großen Parkbühne hatte man mit dem Treacherous Orchestra wieder für absolut Tanzbares gesorgt. Die Schotten geizten nicht mit ihrem partytauglichen Celtic-Sound bestehend aus dem üblichen Instrumentarium aus Bagpipe, Querflöten, Akkordeon und natürlich den üblichen Fiddeln. Das Tänzchen war dann allerdings auch pünktlich vor dem nächsten Regenguss vorbei.

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    Das lästige Utensil (links unten) beim Tanzen achtlos entsorgt.

    Im September gibt es dann im Theater Rudolstadt wieder echte Hochkultur zu sehen und es hält neben Shakespeare und Schiller, der hier, nicht wie Goethe, tatsächlich öfter mal vorbeigekommen ist, Kleist mit seinem „Amphytrion“ Einzug und die Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt widmen sich statt dem argentinischen Tango wieder Verdi, Offenbach und Tschaikowsky. Auch Intendant Steffen Mensching wird mit Michael Kliefert wieder ein Stück zum besten geben: „Der Aufstieg der Amateure“.

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    Hochkultur mit Kleist zum 200. Todestag auch am Theater Rudolstadt.

    Aber pünktlich am ersten Wochenende im Juli 2012 werden die verrückten Folkis wieder zum 22. TFF in die Stadt einfallen, denn auf Regen folgt bekanntlich auch mal wieder Sonnenschein und auch im nächsten Jahr werden sich sicher 90.000 Menschen finden, die sich für Rudolstadt anstelle der zeitgleichen Fusion oder gar des legendären Roskilde entscheiden.

    Fotos: St. B.

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  • Heute beginnt das 21. Tanz- und Folkfestival in Rudolstadt (Tühr.)

    Im Osten geht die Sonne auf und im Süden das TFF…

    4 tolle Tage mit Musik, hoffentlich Sonne und mehr.
    Also viel Spaß beim:

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    weitere Infos unter: www.tff-rudolstadt.de

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  • Komödie ist wenn`s singt und kracht – Zum Abschluss der Autorentheatertage am DT

    Nun ist man weit davon entfernt am Deutschen Theater, nicht nur dem in Berlin, den Dyonisuskult wieder einzuführen, aber mit etwas mehr Humor könnte man eigentlich nicht all zu viel falsch machen, denkt man sich so, wenn man das Motto der Autorentheatertage 2011 vor Augen hat. Einer näheren Betrachtung unterzogen, kommen einem dann aber schon einige Zweifel, ob das die richtige Medizin für den problembeladenen Bildungsbürger und ach so gestreßten Großstädter ist. Zuviel absurd Groteskes verwirrt nur und beim kollektiven Schenkelklopfen steigt der Denkapparat dann meist endgültig aus. Gute Komödie scheint in der Tat das Einfache, das schwer zu machen ist.

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    Das Deutsche Theater Berlin, ein Hort des Humors während der Autorentheatertage 2011 (Foto: St.B.)

    „Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Der Mensch fängt beim Nein an, (…) Aber dieses Nein muß auf ein großes Ja zielen. Wir lachen nein und meinen ja.“ aus: Otto Julius Bierbaum „Yankeedoodle-Fahrt“ (1909)

    Man könnte auch sagen: Der Mann hat gut lachen, aber dieses Zitat aus dem Bericht des Schriftstellers und Herausgebers der Literaturzeitschriften „Pan“ und „Die Insel“ von einer Schiffsreise in den Orient gibt ziemlich deutlich die Kriterien für eine echte Tragikkomödie vor. Es kann immer noch schlimmer kommen, aber wenn man den Weg nicht weiter geht, wird man nicht erfahren, ob es am Ende nicht vielleicht doch gut ausgeht. Und so hält den Menschen in erster Linie der Humor und die Selbstironie am Leben, diese Gewissheit, dass am Ende des Tunnels immer ein Licht ist. Nur das in der heutigen Zeit dem gestressten und gebeutelten Städtebewohner meist die Sicht nach vorn verstellt scheint und das Lachen abhanden gekommen ist, weswegen er es eben darum nicht macht. Lachen entsteht heute in erster Linie aus der Situation heraus und je verfahrener diese erscheint, um so befreiender kann das Lachen über diese Erkenntnis sein, was wiederum Otto Julius Bierbaums These wieder bestätigt.

    „supernova (wie gold ensteht)“ und „Gespräche mit Kosmonauten“ – Zwei sozialkritische Komödien vom Nationaltheater Mannheim bei den ATT

    Am besten haben die Maxime Bierbaums die Dramatiker Felicia Zeller und Philipp Löhle verstanden, die in ihren Stücken für das Nationaltheater Mannheim den alltäglichen Wahnsinn und daraus entstehende komische Situationen oder den Menschen als geschichtsresistenten Anachronismus bestens darstellen. Einen solchen Fall nimmt sich Philipp Löhle, der in Berlin schon mit seinem Eastern „Die Überflüssigen“ im Gorki-Studio  zu überzeugen wußte, in seinem Stück „supernova (wie gold entsteht)“ vor. Gemäß der Entgegnung von Karl Marx auf das Postulat Hegels, nach dem „… alle weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen“ nur eben „… das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ entwickelt Löhle eine Story, die erst als Sozialkritik startet und dann in eben jene unglaubliche Wiederholung von Geschichte mündet.
    Friedrich, der ewige Praktikant der Geologie, pinkelt in einem Anflug von Leck-mich-Widerstandsgefühl seinem Arsch von Chef nach der Kündigung auf den Tisch. Nach dem sein Ego daheim von seiner beruflich erfolgreichen Lebensgefährtin wieder auf Normalmaß zurechtgestutzt ist, kommt ihm die glorreiche Idee, den Zufallsfund eines Goldklumpens im Schwarzwald als großen Coup rauszubringen. Er fälscht die Satellitenbilder und holt sich den ehemaligen Chef als Compagnon ins Boot. Die Claims sind schnell abgesteckt, Latzhosen tragende Baumschützer und Anwohner mehr oder minder gut abgefunden. Das imaginäre Gold wird im Termingeschäft verkauft, noch bevor der vermeintliche Schatz überhaupt gehoben ist. Friedrich hat außerdem die Rechnung ohne die geprellten Mitwisser und einheimischen Bauern Wolf, Michl und Henning gemacht, die sich den Anteil am Kuchen etwas größer vorgestellt hatten und dem Möchtegernkapitalisten auf die Bude rücken. Noch bevor das Gewissen ihn umbringt, hat das das verschworene Rächertrio mit Cowboyhüten, Wagnermusik und ordentlich Wut im Bauch schon erledigt. Nur allein, der Goldklumpen bleibt unauffindbar.
    Parallel dazu wird der Selbstverwirklichungsversuch der Mutter erzählt, die ebenfalls am Goldfund beteiligt ist. Das eigenen Ende vor Augen, beginnt sie ihr Leben neu zu organisieren mit Freund Wolf und neuer Garderobe. Sie kündigt ihren Job und fängt an Lokalgeschichte zu studieren. Im Revolutionsjahr 1848 wird sie fündig, die Geschichte des linksliberalen Politikers und gescheiterten Märzrevolutionärs Friedrich Karl Franz Hecker und der große Mythos um ihn herum haben es ihr angetan. Eine Leerstelle in dessen Leben gilt es zu füllen und wie der Zufall so will, gibt es da einen mysteriösen Überfall auf eine Metallgießerei mit Goldraub.
    Regisseurin Cilli Drexel inszeniert diese kleine schwarze Komödie als schnelles schmissiges Rollenspiel mit grell überzeichneten Figuren in einer Pappmascheekulisse, nur der Mutter sind hier echte menschliche Gefühle erlaubt. Sie erkennt irgendwann die Parallelen, nur dass sie von ihrem Wissensvorsprung leider wegen plötzlichem Ablebens nicht mehr provitieren und ihn auch nicht an die ahnungslosen Hinterbliebenen weitergeben kann. Ironie des Schicksals. Ihr Sohn landet, als Leiche, unter den Schwarzwaldbäumen, die er selbst nach Mecklenburg verpflanzen ließ. Wie in einer Supernova verpufft der große Traum vom Reichtum. Das Ganze holpert sich etwas verwirrend durch die einzelnen Erzählstränge, die aber zum Schluss recht einfach zu lösen sind. Fazit: Der Mensch ist in seiner Gier unermesslich und zu blöd aus der Geschichte zu lernen und muss daher zwangsläufig als Idiot enden. Damit wir gemeinsam über ihn lachen können, bedarf es dieser Farce, nur dass die Banken dabei den längeren Atem haben.

    In keinem Fall langatmig sind die Texte von Felicia Zeller, mit ihrer Jugendamtskomödie „Kaspar Häuser Meer“ hat sie 2008 die Zuschauer bei den Mülheimer Theatertagen begeistert. Das Stück war in Berlin bis vor kurzem noch am Maxim Gorki Theater und im Theater unterm Dach zu sehen. Mit ihrem neuen Stück „Gespräche mit Astronauten wurde sie in diesem Jahr wieder nach Mülheim eingeladen. Vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler switchen zwischen nervenden Öko-Müttern, aufgeregten Businessfrauen, ihren verzogenen Blagen und den dazugehörenden jungen Au-pairs hin- und her. Diese kommen aus Stolen, Rostland, der Mogelei oder auch Schlamperei und haben eigentlich eine ganz andere Vorstellung von ihren Gastfamilien und dem Aufenthalt in Knautschland. Und so spult sich ein Feuerwerk der kulturellen Gegensätze, Vorurteile und Missverständnisse ab. Das frech freudig agierende junge Ensemble vom Schauspiel Mannheim spielt sich die Bälle und Zellerschen Wortkanonaden zu.
    In einem Plüsch- und Popgewitter hat das der Mannheimer Hausregisseur Burkhard C. Kosminski als knallbunte Farce mit Dschingis-Khan-Tanz und jeder Menge mimischer Raffinesse inszeniert. Über allem schwebt ein ferner Kosmonaut, einer der Väter, der lieber zum Mond fliegt, als sich mit den irdischen Banalitäten der Kindererziehung zu befassen. Der alltägliche Wahnsinn in den Familien der Besserverdienenden prallt gegen die Probleme der jungen Mädchen, die von einer Karriere im Gastland träumen und sich dafür mehr oder weniger bereitwillig ausbeuten lassen. Sie sind längst unersetzlich für die sich zwischen häuslicher Rolle und Selbstverwirklichung aufreibenden Mütter. Für die eigenen Pläne und privaten Interessen bleibt da so gut wie keine Gelegenheit mehr außer dem obligatorischen „Knautschkurs“. Das gipfelt schließlich darin, dass eine der Mütter ihr Au-pair heiraten will, um es dauerhaft an die Familie zu binden. Hier entseht zwar jede Menge Komik aus den Gegensätzen, der Sprachverwirrung und dem bewussten Überspitzen von bekannten Klischees, die Tragik, die auch in diesen Zuständen steckt, sucht man allerdings vergebens.

    Mit Klischees spielt Felicia Zeller auch in ihrem Prosatext „Einsam lehnen am Bekannten“, das just zum Ende der Autorentheatertagen im Heimathafen Neukölln Premiere hatte. Felicia Zeller hat dem Neuköllner aufs Maul geschaut und die Ohren gespitzt. Die Vorlage liegt förmlich auf der Straße, in kurzen Glossen beschreibt die Autorin hier ihre täglichen Wahrnehmungen der Wahlheimat Berlin-Neukölln. Diesen „performativen Großstadt Tingel Tangel“ inszeniert Regisseurin Regina Gyr wie eine Zirkusaufführung in einer Manege, um die das Publikum platziert ist, mit viel Witz, reichlich Slapstick- und einigen Performancenummern. Rotzebatzen fliegen vom Balkon, Macker mit überdimensionalen Muskelpolstern werfen sich wie brünstige Hirsche in die Brust. „Willste was?“ „Gras, Gras?“ Grasgeflüster überall, geile Rotznasen und nervig berlinernde Bademeister. Das sind die Stereotypen, die man hier eh vermutet hat. Aber auch andere Durchgeknallte und Möchtegernstars, die sich in der „Hasenschänke“ oder dem „Blauen Affen“ am Hermannplatz heimisch fühlen, bevölkern die Szene. Ein fast endloser Reigen des Wollens und nicht Könnens, oder umgekehrt, gipfelt in einer herrlichen Stuhlchoreografie des Stillstands. Ein Hund auf Rädern wird den Zuschauern zum Aufpassen zugeführt und pups nebenbei Seifenblasen. Wortblasen gibt es auch jede Menge, vorzugsweise ins Mikro gehaucht. „Willste poppen?“ – „Nee, geh joggen!“ Es entspinnt sich ein herrlicher Run im Kreis und irgendwann, weiß keiner mehr warum und wer angefangen hat. Wir erfahren, das Trinken hier „Brettern“ heißt und dass es Koordination erfordert, das mit dem Lebenspartner zeitlich in Einklang zu bringen, da nur gemeinsames Brettern vor schlaflosen Nächten schützt. Warum lebt man in Neukölln, was ist an diesen Originalen so liebenswert? Darauf kann dieser Abend mit den Textsplittern von Felica Zeller leider keine Antwort geben und irgendwann überfällt einen mit der Autorin die Sehnsucht nach dem schönen Freiburg oder zumindest nach einem Weizenbier.

    dsc04273.JPG Mitten im Kiez.
    Der Heimathafen im ehemaligen Saalbau Neukölln an der Karl-Marx-Straße. (Foto: St. B.)

    Düsteres und Nachdenkliches in Stücken von Rebekka Kricheldorf und Anne Habermehl bei den ATT

    Aus jener Stadt mit den zufriedensten Einwohnern Deutschlands stammt die andere Jungdramatikerin mit Hang zum überbordenden Humor Rebekka Kricheldorf, die mit zwei Stücken beim ATT vertreten war. Da das weitaus interessantere „Robert Redfords Hände Selig“ zeitgleich zu Elfriede Jelineks „Winterreise“ lief, war als Ausgleich nur noch der Nick-Cave-Liederabend Murder Ballads im Angebot. Kein schlechter Ersatz, da das durchweg gut aufgestellte Ensemble des Berner Stadttheaters die schwarze Komödie um eine heruntergekommene Bar im tiefen Westen Amerikas bestens absolvierte. Es ist nicht leicht an die eigentlichen Meister des schwarzen Musik-Genres die unnachahmlichen „Tiger Lillies“ heranzukommen, aber das versucht die Regie von Erich Seidler auch gar nicht erst. Der Text von Rebekka Kricheldorf soll die melancholisch düsteren Songs von Nick Cave thematisch rahmen und sie lässt dann auch eine skurrile Personage von heimatlos Gestrandeten, Barflys und Geistesgestörten über Gut und Böse sinnieren und schließlich auf einander losgehen. Verbunden sind sie durch den Gesang und die Ausweglosigkeit ihrer Situation. Aus dem Fernseher klingen Nachrichten von Mord und Totschlag in der Welt, in der Bar spiegelt sich dieses Wahnsinnsspiel im kleinen Mikrokosmos wider. Die Bühne zeigt einen besseren Stall mit schiefem Tresen, zwielichtigen Gestalten, die es auf eine arme Tramperin abgesehen haben und einen geschwätzigen Handlungsreisenden auch mal die Seele abluchsen. Ein Gehängter stimmt in die düsteren Songs mit ein und der Barmann verschafft sich mit der Knarre Gehör. Ein Panoptikum der gescheiterten Existenzen. Die manchmal etwas banalen Texte von Rebekka Kricheldorf sind nicht das ganz große Ding, aber die Band „Los Hemiolos“ entschädigt mit ihren hervorragenden Nick-Cave-Interpretationen. Man kann Rebekka Kricheldorf mit ihrem neuen Stück „Alltag & Ekstase. Ein Panoptikum des Scheiterns“, wie passend, im Januar 2012 am DT wiedersehen.

    Irgendwie fällt auf, dass alle hier beschriebenen AutorInnen aus dem Süden unseres schönen Landes kommen. Baden-Württemberg scheint tatsächlich nicht nur die Hochburg der Wutbürger, sondern auch noch der Hort des deutschen Theater-Humors zu sein. Auch die aus Heidelberg stammende Anne Habermehl reiht sich in diesen Kreis ein, nur dass sie keine Farce oder schwarze Komödie geschrieben hat, sondern mit ihrem Stück „Narbengelände“, eine Auftragsarbeit für die Bühnen Gera und Altenburg, eher tiefer in die Befindlichkeit einer Familie in Thüringen kurz vor und nach der Wende schaut. In eigener Regie und ohne große Effekte inszeniert sie das Stück über eine junge Frau im Widerspruch zwischen ihren Träumen als 16jährige in der DDR und dem Alltag nach der Wende.
    „Eigentlich müsste sich ein extremes Gefühl von Freiheit einstellen“ ist der erste Satz des Stückes und eigentlich dreht es sich auch genau um dieses Gefühl, dass sich eben nicht von allein einstellen will. Marie trifft Marc, einen nachdenklicher Außenseiter, nicht nur wegen seines einen Arms. Er will immer nur wegrennen und eckt überall an. Sie ist eine Sternenguckerin und träumt von der großen Freiheit. Sie wagen gemeinsam die Flucht, bei der Marc umkommt. Auch einige Jahre nach der Wende hat Marie das noch nicht überwunden. Sie lebt allein in einem Bahnhofsgebäude in Bremen mit wechselnden Freunden und Hunden. In der Erinnerung gefangen, vergisst sie ihr Leben zu leben. Beim Besuch der Mutter Ingrid aus Thüringen kommen diese Erinnerungen wieder hoch. Ingrid wirft ihr Tütenweise die Briefe des Vaters vor: „Das muss aufhören!“ In Rückblenden wird immer wieder die Geschichte von ihr und Marc und die der Eltern erzählt. Anne Habermehl inszeniert das nicht ohne Witz und leise Ironie besonders in den Szenen, wenn sich die jungen Menschen näher kommen oder das alte Ehepaar ohne viel Worte ihre Zusammengehörigkeit in eingefahren Gleisen beschreibt. „Unsere Körper sind wie Landschaften mit Straßen, auf denen keiner mehr fährt.“
    Es ist natürlich in erster Linie ein Stück über den Osten aber auch ein Generationendrama. Der Ostbezug stört eigentlich überhaupt nicht, man könnte ihn sich durchaus wegdenken. Das Stück würde auch so noch funktioniert. Es geht allgemein um Freiheit im Denken und Handeln, im Anderssein, sich ausprobieren können und um Toleranz. Unverständnis der Elterngeneration, Leistungs- und Anpassungsdruck verhindern die Entwicklung junger Menschen. Bei den Eltern ist es der Verlust von Identität, Orientierungslosigkeit, das Altern und unerledigte Trauerarbeit, zwischenmenschliche Beziehungen im Großen und Ganzen, dabei aber immer auch an realen Vorgängen in der Gesellschaft orientiert. Eine einfache Lösung hat Anne Habermehl nicht anzubieten, dafür aber echte Figuren die trotz schmerzvollen Verlusten noch nicht aufgegeben haben. Alles in Allem ein tolles Schauspielensemble und ein überraschendes Wiedersehen mit Ursula Staack als Ingrid am DT.

    Bliebe zu guter Letzt noch der Österreicher  Ewald Palmetshofer mit seinem chorisch gestalteten Stück vom Rand der Gesellschaft „tier. man wird doch bitte unterschicht“. Das DT hat hier nicht die Dresdner Uraufführung sondern Felicitas Bruckers Inszenierung vom Schauspielhaus Wien eingeladen. Brucker hat bereits einige von Palmetshofers Sprachwundern auf die Bühne in Wien gebracht. Das Tier lacht bekanntlich nicht und die Sprachfrische Paltmetshofers erster Stücke hatte sich hier dann auch etwas im Empörungsmodus verhakt. Dennoch ist der Versuch, die Sprachlosigkeit weiter Teile der am sogenannten Rand der Gesellschaft befindlichen Menschen zu thematisieren, in seiner strengen Kunstform bemerkenswert. Die Hauptfigur Erika streift letztendlich aus der ständigen Demütigung heraus ihr Sprachlosigkeit ab und schlägt zurück. Dieser spontane Aufstand trifft die vermeindlich Verantwortlichen wie auch Unschuldige. Erika ist noch nicht in der Lage eine gemeinsame Sprache mit anderen zu finden, um ihre Wut zu kanalisieren. Allerdings fällt Palmetshofer auch nichts weiter dazu und zu der Problematik der vom Expertenchor verwendeten Floskeln und „Falschwörter“ ein. Der gerade 80 Jahre alt gewordene Theaterwissenschaftler Ivan Nagel hatte bereits 2008 in seinem bekannten „Falschwörterbuch“ geschrieben: „Der einheimische Streit in der Gesellschaft ist den Wortfabrikanten (und uns, ihren Konsumenten) wichtiger, als wenn, laut Goethe, „hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen““ und „Sprachkritik wird notwendig zur Sachkritik: Nur wenn die Sache ein Falschargument zum Kern hat, produziert sie ein Falschwort als Hülle.“ Ewald Palmetshofer, dem wohl zur Zeit meist gespielten Autor auf deutschsprachigen Bühnen, in Berlin laufen allein drei seiner Stücke im bat-Studiotheater, im Theater unterm Dach und am DT selbst, wird hier demnächst ein separater Beitrag gewidmet.

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  • Der Mensch in seiner Welt – Johan Simons` Inszenierung von Elfriede Jelineks in Mülheim preisgekrönter „Winterreise“ bei den Autorentheatertagen am DT Berlin

    „Musik macht einen fremd, obwohl ja alle dauernd Musik hören, der eine dies, der andre das, man kann sich ja kaum vor ihr retten, sie ertönt einfach überall, manchmal fast nur noch als Wummern von Bässen, und trotzdem: wenn man sie selbst erzeugt, die Musik, wird man dabei, auch für sich, gleichzeitig etwas Fremdes, nicht so fremd, wie die Komponisten es gewesen sind, aber doch, denn ihren Rufen folgt man schließlich, und wohin sie einen locken, das sollte man wissen, wenn man ordentlich geübt hat (o je!), aber wenn wir dort angelangt sind, dann bricht eben auf einmal dieser Boden unter uns ganz weg, wir sind selber ganz weg, und wir wissen, daß wir nicht mehr gemütlich unter uns sind, sondern daß das, was unter uns ist, sich bewegt – wie die Zeit. Keine Rettung.“

    Elfriede Jelinek, Die Zeit flieht (1999), Aus einer Festschrift zum siebzigsten Geburtstag Leopold Marksteiners (Orgellehrer der 13jährigen E. Jelinek)
    www.elfriedejelinek.com

    dsc04270.JPG Foto: St. B.
    Warten auf den Wanderer. Die leere Bühne wird sich bald mit der Jelinekschen Gedankenwelt füllen. Autorentheatertage 2011 im DT

    „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh` ich wieder aus.“ aus: „Gute Nacht“, 1. Lied des Zyklus „Die Winterreise“, Text von Wilhelm Müller (1794–1827)

    Dieses in-der-Welt-sein und doch fremd in ihr sein, das ist das Lebensthema Elfriede Jelineks ebenso wie das von Franz Schubert, beide außenstehende Beobachter und gleichzeitig messerscharfe Analysten dessen, was um sie herum geschieht. und dessen. Nun hat E. Jelinek diese Reflexionen auf das eigene Leben noch mal in aller epischen Breite, lose an die Zyklen der von Schubert vertonten Winterreise angelehnt, vor uns aufgefächert. Aber noch viel näher ist der Text an Heideggers „Sein und Zeit“ orientiert. „Der Sinn des Lebens ist, dass der Mensch immer mehr zu dem wird, der er im Grunde seines Wesens eigentlich ist.“ Und dieser erkenntnisorientierten Untersuchung unterzieht sich nun E. Jelinek mit diesem Text, das eigene Sein und Dasein, die Existenz in der Welt und die Beziehungen mit den in dieser Welt befindlichen Gegenständen und anderen Menschen.
    Der Mensch ist in die Welt geworfen, lebt in ihr und stirbt schließlich. Heidegger bezeichnet das ins-Leben-geworfen-sein aber als ständigen Prozess. Der Mensch muss sich immer wieder in bestimmten Situationen für eine von mehreren Möglichkeiten entscheiden. Im Verstehen sieht er sie vor sich, ist sich also selbst vorweg. Der Mensch ist stets in der Gefahr sich mit seinen Vorstellungen, Gefühlen, Gedanken und Handlungen in der Interaktion mit dem in der Welt Befindlichen zu verlieren und ihm zu verfallen. Mit Heideggers Begriffen wie z.B. Angst, Sorge, Fürsorge, Schuldig-sein, Gewissen, Vorlaufen, auf-sich-selbst-zu-kommen und -zurückkommen, Gewesenheit, Loslassen, Vergessen, Behalten und schließlich dem Begriff der Zeitlichkeit des Menschen spielt Jelinek auf gewohnt doppeldeutige Weise in ihrem Stück, das nun Johan Simons an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt hat. „… aber die Zeit ist nicht meine, diese Zeitlichkeit war auch nicht meine, ich komme aus einer anderen Zeitlichkeit, nicht aus dieser, …“
    Zu Beginn ist die aus sägerauen Brettern zusammengezimmerte Bühne vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang noch leer. Links sitzt der Musiker Jan Czajkowski in Skifahrermontur an zwei zusammengestellten Klavieren. Es wird über Lautsprecher im gesamten Haus heulender Wind eingespielt. Durch die Tür zwängt sich schließlich dem Sturm trotzend Stefan Hunstein als verschneiter Wanderer aus der feindlichen Außenwelt herein und beginnt einen Monolog über das schon besprochene Sein, Dasein, dem sich-Einholen und Vorüber-sein. Er drückt damit Jelineks Zweifel und Sehnsüchte in ihrem Leben aus. „…was zieht da an mir. Mein Schatten kann es nicht sein, den habe ich ans Vorbei abgegeben, der war die ganze Zeit hinter mir, bin schon mehrmals an ihm vorbei, (…) das Vorüber, ach vorüber, habe ich immer schon eingeholt, (…) mein Vorbei, das kommt nicht wieder, am Vorbei kommt man nicht mehr vorbei, an diesem Verlauf hat man teil, aber man wird nie Teilhaber,… denn man verläuft sich immer selbst im entscheidenden Moment.“
    In bewährter Kalauermanier geht es dann auch weiter. Nun tritt der Rest des 7köpfigen Ensembles in eigenwilligen Kostümen auf, die beiden Belgier, Benny Claessens als „fette“ Braut und der kleine Kristof Van Boven als androgyne Mädchengestalt mit Bubikopf und Karokleid, dagegen die großgewachsene Wiebke Puls als Alter-Ego der Autorin, Hildegard Schmahl als Mutter und André Jung als geistig verstörter Vater. Sie spielen nun das Hochzeitsthema durch, der Wanderer wird zum Bräutigam, der die gute Party mit der reichen Braut macht. Der Fall der Kärtner Pleitebank Hypo Alpe Adria die 2009 zu 100% vom Staat Österreich übernommen wurde. Die Braut wird „geschmückt“ und verkauft, man steckt ihr Geld unter den Rock, sie wird zum billigen Hauptgewinn. Die Gier nach dem Geld wird hier zu einem Veitstanz der Geilheit und Travestie.
    Danach wird der Fall Kampusch behandelt. „Das Mädchen wird erst viel später wieder rauskommen. Man wird es dafür verachten und bestrafen, dass es so lange weg war, man wir es mit Verachtung strafen.“ Eine durch Neid und Missgunst geprägte Öffentlichkeit, die sich über die Öffentlichkeit des Opfers erregt, Kristof Van Boven wird abgewiesen, muss weichen und tänzelt fremd unter den anderen umher. „Die Kleine glaubt, nur weil sie von der Erde fortgebracht und in die Erde hineingebracht worden ist, ist sie etwas Besonders. Das ist sie nicht.“ zischen alle. Fremdenhass und Verdrängung und auch sonst bekommt der Österreicher wieder sein Fett ab. „Was haben die in unserem Keller verloren? Wer sind die überhaupt? Dort, in unserem Keller, können sie nichts verloren haben, im Schatten ihrer eigenen Träume, nicht einmal dort haben sie was verloren.“ Leise werden dazu immer wieder Passsagen aus der Winterreise Schuberts gesummt oder gestöhnt, gesungen wird nicht. Es soll keine Romantik oder Melancholie aufkommen.
    Dann wird es wieder persönlich, wenn Wiebke Puls als Elfriede Jelinek ihr Leben Revue passieren lässt. „Die Liebe liebt nicht das Wandern, aber sie sucht immer den Anderen, das ist sehr dumm von ihr. (…) Ich verlange Zärtlichkeiten, die mir zustehen, ich habe sie auf meinem Geburtsticket eintragen lassen, jetzt will ich sie endlichen konsumieren, nachdem ich jahrelang Mama gepflegt habe.“ Die komplizierte Beziehung zu Mutter und Vater, eigene Wünsche, Hoffnungen und  Enttäuschungen, alles packt E. Jelinek in diesen Text. Das Posthornthema wird hier immer wieder eingeflochten. Nach und nach verlassen die Spieler wieder die Bühne. Bis hierhin wirkt die Inszenierung von Simons teilweise fahrig und unentschlossen, der Textfluss E. Jelineks kann sich nicht voll entfalten. Simons versucht einen persönlichen Zugang zum Text zu finden, aber mehr als eine schöne poetische Choreografie wird nicht daraus. An den Schauspielern liegt es sicher nicht. Simons ist zu ehrfürchtig vor der Autorin, Jelinek mit angezogener Handbremse sozusagen.
    Der zweite Teil nach der Pause gehört ganz André Jung, er sitzt erst zusammengesunken am Klavier und entwickelt dann in einem längeren Monolog die Angst eines Mannes vor dem Vergehen und Verschwinden. Er übernimmt nun die Stellung des Wanderers, der seinem Ende entgegen geht. „Ich rutsche aus mir heraus, doch was mich tragen sollte, das ist jetzt fort, kein Halten mehr, kein Halt mehr, kein Halt an Frau und Kind, …“ Es ist der Vater E. Jelineks, der in einer Nervenklinik starb. Sie benutzt das Bild eines Flusses wie in der Winterreise Schuberts für das vergehende Leben. „… Frau, Tochter!, wie euer Fluß des Lebens mich kampflos, mühelos hergegeben hat, widerstandslos, das war schon eine Leistung!, Respekt!, (…) Nein vom Gebirge komm ich diesmal nicht, früher oft, diesmal nicht, ich komme aus dem Fluß, aus dem Wasser… Wo bin ich gelandet, wohin hat mich der Fluß gespült?“ Ein Mensch der sich immer mehr verliehrt. Dagegen stehen die Einwürfe der Mutter und der Tochter, die wieder die Bühne betreten haben und sich versuchen zu rechtfertigen.
    Die Texte des Leiermanns sind gänzlich gestrichen, es werden noch Passagen aus dem letzten Kapitel in Bezug zu den drei Sonnen von Wiebke Puls vorgetragen, vergebliche Bemühungen noch einmal mitzuhalten, mit den Abfahrern und „Snowboarderlinern“. „Meine Sonne ist das nicht, meine Sonnen seid ihr nicht…“ Simons zeigt Flutbilder als Videoprojektion und ein irrer Junge (Katja Herbers) vollführt Holzschuhtänze. Der Abend hat so kein richtiges Ende, Simons hat das scheinbar genügt. Der Dramatikerpreis in Mülheim für das Stück, der morgen vergeben wird, geht in Ordnung, allerdings bietet der Text noch genug Platz für weitere Interpretationen. In der neuen Spielzeit ab September 2011 werden sich dann die junge Hausregisseurin Bettina Bruinier am Schauspiel Frankfurt und Andreas Kriegenburg hier am DT in Berlin an der „Winterreise“ versuchen.

    „So, da steh ich also mit meiner alten Leier, immer der gleichen. Wer will dergleichen hören? Niemand. Immer dieselbe Leier, aber das Lied ist doch nicht immer dasselbe.“

    „Denn nichts von all dem meint sich selbst oder ist gemeint. Aber es ist auch nichts anderes gemeint. Ein Rätsel, das Schubert ist. Ein Rätsel, das uns aufgegeben wird, indem einer sich selbst aufgegeben hat, und wir stehen jedenfalls nicht auf dem Adreßaufkleber.“
    Elfriede Jelinek, Zu Franz Schubert (1998)
    www.elfriedejelinek.com

    alle anderen Zitate aus: Elfriede Jelinek „Winterreise“, Rowohlt Verlag Hamburg, 1. Auflage 2011, 127 Seiten, 14,95 €  e-jelinek_winterreise.jpg