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  • Was guckst Du?! – Nurkan Erpulat macht „Postmigrantisches“ Theater, mit „Verrücktes Blut“ nun auch beim Theatertreffen 2011

    Wo lässt sich denn der an Schiller und der Aufklärung geschulte deutsche Bildungsbürger im Theater am besten abholen? Bei seinen liebgewonnenen und sicher gut gemeinten Vorurteilen natürlich. Genau das machen Regisseur Nurkan Erpulat und der Dramaturg Jens Hilje mit „Verrücktes Blut“ vom Ballhaus Naunynstraße, oder etwa doch nicht? Man kann sich in dieser Inszenierung nie ganz sicher fühlen, alles wahr oder doch nur die Aneinanderreihung von Klischees? Auf jeden Fall ist es Spiel. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ wird Schiller von der Lehrerin aus seiner Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ zitiert. Aus Spiel wird Ernst und so sehen sich die lernunwilligen jugendlichen Migranten plötzlich einer auf sie gerichteten Pistole gegenüber, die gerade einem von ihnen aus der Tasche gefallen ist. Schillers Räuber unter vorgehaltener Waffe, die Lehrerin frohlockt, es funktioniert. Und so soll nun aus dem Homo migrante ein „Homo ludens“ und letztendlich ein sich erkennender Mensch werden. Nach welchen Regeln gespielt wird, bestimmt die Bildungsbeauftragte und so bleibt den Schülern nichts anderes übrig, als die Textbücher zu nehmen und sich in Karl oder Franz Moor, in Amalia oder dem Kabale-und-Liebe-Paar Luise und Ferdinand wieder zu finden.

    Der Plot folgt weitestgehend dem Film „La journée de la jupe“ (Der Tag des Rocks) mit Isabelle Adjani als Lehrerin, der 2009 im Panorama der Berlinale zu sehen war. Wo aber der Film bei der Einforderung von fehlendem Respekt untereinander und den Problemen der Schüler untereinander stehen bleibt, geht Erpulats Adaption, die auch zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen ist, wesentlich weiter. Und so werden Themen wie Ehrvorstellungen, Religiöse Symbole oder die Selbstbestimmung der Frau im Islam knallhart durchexerziert, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn sich die Situationen zuspitzten, werden die Szenen mit dem Singen von deutschen Volksliedern kurz gebrochen. Ein Klavier schwebt über der Bühne, dessen Tasten sich wie von Zauberhand bewegen. Es soll Spiel bleiben, bei aller Drastik, das wird von Anfang an klar vermittelt. Zu Beginn ziehen sich die Darsteller ihre Kostüme wie Jogginghose oder Kopftuch auf offener Bühne an. Ich spiele nur eine Rolle, soll das signalisieren und dennoch wird die Situation angeheizt. Die Jugendlichen stehen vor dem Publikum, machen die üblichen Mackergesten, fluchen und spucken in Richtung Zuschauer. Die Klischees werden bewusst verstärkt, um die Identifikation zu erschweren und das funktioniert hier bestens.

    Sesede Terziyan als Lehrerin zieht alle Register. Ihr starkes Spiel bestimmt weitestgehend das Stück. Es wird aber schnell klar, sie taugt sichtlich nicht als die wahre Vermittlerin von humanistischen Werten. Ob nun Vernumpft oder Vernunft, das Ganze beginnt zu kippen, als sich die Schüler in einer quasi demokratischen Entscheidung für oder gegen die Erschießung eines ihre Mitschüler, der einen anderen von ihnen menschenunwürdig gequält hat, entscheiden sollen. Nun sind es auf einmal die Schüler, die den Humanismus hochhalten. Das Spiel bleibt offen und die Lehrein steigt schließlich aus, in Richtung des Publikums weisend. Erpulat will den Zuschauer herausfordern und das gelingt ihm auch ziemlich gut. Den Integrationswahnsinn hat er zusammen mit Dorle Trachternach im Stück „Clash“ mit den jungen DT noch weiter getrieben, indem er die ganze Sache umdrehte und nun Deutsche sich nach der Sarrazinschen Formel „Deutschland schafft sich ab“ in die islamische Gesellschaft integrieren mussten. Auf einer Art Planet der Affen haben die Muslime die Macht erlangt, eine Farce auf die einseitigen Integrationsdebatten in Deutschland. Da half nur noch die unkontrollierte Paarung, um alle nationalen und rassischen Grenzen zu kippen. Aber auch hier wurde bei allem Humor keine endgültige Lösung angeboten.

    Das Klischee des rappenden Türken wird in „Verrücktes Blut“ von dem jungen Darsteller des Franz Moor verkörpert, der zum Schluss die Pistole an sich reißt und das Spiel fortsetzen will. Aber alle großen Kanakenrollen sind schon besetzt, stellt er enttäuscht fest. Diese Debatte wird zur Zeit wieder verstärkt geführt. Wohin gehen das postmigrantische Theater und seine Darsteller? Bleibt es eine Randerscheinung, existiert es parallel weiter oder wird es schließlich in der deutschen Theaterlandschaft aufgehen? Nurkan Erpulat legt sich nicht fest und gibt die Frage über die vierte Wand an den Zuschauer weiter. Ein wirklich starkes Stück mit dem Fazit: „Wen oder Was guckst Du?!“

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    TT-Public-Viewing im Sony Center am Potsdamer Platz (Foto: St.B.)

    „Mensch, das ist ja besser als Hollywood!“ Fotostrecke und ein Gespräch mit dem Ensemble im Tagesspiegel vom 12.05.11

    Das Stück ist seit Dezember 2013 auch im Maxim Gorki Theater zu sehen.

    ***

    HOFFNUNG

    Es reden und träumen die Menschen viel
    Von besseren künftigen Tagen,
    Nach einem glücklichen gold’nen Ziel
    Sieht man sie rennen und jagen,
    Die Welt wird alt und wieder jung,
    Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

    Die Hoffnung führt ihn in’s Leben ein,
    Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
    Den Jüngling bezaubert ihr Geisterschein,
    Sie wird mit dem Greis nicht begraben;
    Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
    Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.

    Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
    Erzeugt im Gehirne des Toren,
    Im Herzen kündet es laut sich an:
    Zu was Besserem sind wir geboren!
    Und was die innere Stimme spricht,
    Das täuscht die hoffende Seele nicht.

    Friedrich Schiller (1797)

  • K und K aus K – Ein Chorisches Wasserwerk und ein Zirzensischer Kirschgarten vom Schauspiel Köln beim Theatertreffen 2011

    KKK könnte auch Kölner Karnevals Klub heißen, steht hier aber für die beiden Karins, Regisseurinnen vom Schauspiel Köln, die mit ihren Inszenierungen „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ und „Der Kirschgarten“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen wurden. Zum zweiten Mal hintereinander ist das Schauspiel Köln unter Karin Beier mit zwei Stücken beim Theatertreffen vertreten. Jeweils ein Stück inszenierte die Intendantin selbst. Im letzten Jahr war es die fast stumm in einem Glascontainer spielende Filmadaption von Ettore Scolas „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“. Dieses Jahr kam sie mit der wortschwallenden Inszenierung gleich dreier Texte von Elfriede Jelinek nach Berlin. 3 ½ Stunden wird der Zuschauer in „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ sozusagen zugetextet und mit einer Bilderflut überschüttet, die ihres Gleichen sucht. „Die Rede versiegt über bald 160 Seiten nicht und wartet vergeblich auf einen Zuchtmeister, einen Staudamm, der ihr Einhalt gebietet.“ stellt Joachim Lux im Programmheft zu „Das Werk“ in der Inszenierung von Nicolas Stemann 2003 im Wiener Akademietheater in einem Gespräch mit der Autorin fest. Die ersten „Zuchtmeister“ Jelinekscher Texte von Einar Schleef über Christoph Schlingensief bis zu Nicolas Stemann, haben immer versucht die kaum zuordenbaren Textgebirge auf ganze Chöre abzuladen. Auch in der besagten Inszenierung von Nicolas Stemann treten die Heidis und Peters in Gruppen auf und Hänsel steht ein ganzer Arbeiter-Chor von Tretels zur Seite. Es scheint fast nur so möglich zu sein, diese unglaublichen Textmassen zu schultern.
    Es geht um das Verhältnis Mensch zur Natur, das immer mehr zu einem Missverhältnis gerät. Der Mensch, „Weil wir es können!“, greift seit jeher bändigend in die Naturgewalten ein, baut Staudämme zur Energiegewinnung und trotzt dem Wasser mit Deichen neues Land ab. Er selbst löst die Götter ab und erhebt die Technik zum neuen Götzen. Die Natur, hier das Wasser, schlägt immer wieder zurück, dabei Bauwerke und Menschen verschlingend. Technik kann sich nun sogar gegen den Menschen wenden, „Was fallen kann, das wird auch fallen“. An die Massen von Menschen, die schon bei der Errichtung solcher naturbändigender Werke als Zwangsarbeiter unfreiwillig ihr Leben verloren haben, will Elfriede Jelinek in dem Stück „Das Werk“ erinnern, gegen das allgemeine Vergessen anschreiben. Ein hoch moralischer Anspruch der Autorin, den Karin Beier gleich mit zwei weiteren Texten von Elfriede Jelinek noch erweitert. „Im Bus“ handelt von einem Unglück bei dem ein Bus in einer Baugrube für den U-Bahnbau in München verschwindet und drei Tote fordert. Im neusten Stück „Ein Sturz“ geht es um den Einsturz des Stadtarchivs von Köln infolge von Schlamperei beim Bau der innerstädtischen U-Bahn. Das Gebäude „stürzt hin über zwei Jungenleichen“, da sich eintretendes Wasser mit dem Baugrund vermischt und die Standfähigkeit unterminiert, denn „sicher ist hier nichts mehr“. „Und wer ist jetzt schuld?“, es ist vor allem die offene Frage nach der Schuld, die dieses Stück durchzieht.
    Karin Beier nimmt den Text von „Das Werk“ als Einführung für den Abend. Die Vorstellung des Menschen als Bezwinger der Naturgewalt in Gestalt eines Ingenieurs (Thomas Loibl), der am Beginn vor dem Vorhang das Hohelied auf die Tatkraft des Menschen preist. Diesem Peter wird nach dem Öffnen des Vorhangs Bewunderung zuteil von seiner Heidi. Das Bühnenbild ist relativ einfach gestaltet mit mehreren Holztischen, an denen das Werk entworfen wird. Hier wird das Wasser gebändigt, es fließt noch relativ kontrolliert aus einer Vielzahl von Flaschen und wird getrunken. Das Wasser als Genussmittel und Lebensspender. Erste Zweifel werden gesät durch eine ständig singende Putzfrau (Rosemary Hardy) die stört, es wird das Solidaritätslied von Brecht gesungen, als ironischer Verweis auf gescheiterte Utopien und schließlich mit Heidi- und Petermasken ein Robotterballett der gesunden Körper aufgeführt, „ganz natürlich“ dem Biowahn verfallen, bis sich dann ein kompletter Gesangschor aufbaut und lautstark „Eine neue Welt fordert ihre Rechte“ skandiert.
    Die Männer von Kaprun in Gestalt des Chors „Die Zauberflöten e.V.“ stehen für die große Aufbautat nach dem Krieg mit dem Wasserkraftwerk Kaprun. Die offiziell bekannte Zahl der beim Bau Verunglückten wurde mit 160 angegeben. Diesen Mythos will Elfriede Jelinek zerstören. Hänsel (Michael Weber) und Tretel (Manfred Zapatka) treten aus dem Chor hervor und berichten von den Menschen aus ganz Europa die für den Bau des Staudamms aus ihrer Heimat deportiert wurden, als „Frischfleisch“ für die Baustelle. Die eben noch Goethes Faust für das Größte hielten, stehen nun vor dem Unfassbaren. Der Chor singt dazu immer wieder Goethes „Gesang der Geister über dem Wasser“ zu der Musik von Franz Schubert. „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser“, eine Metapher für den Glauben an das Göttliche in allen Dingen der Natur, das in diesem Werk mit den Massen von Toten pervertiert ist. Die antike tragische Wucht des vielstimmigen Sprechchores gegen die Harmonie der Schubertschen Vertonung von Goethes Gedicht, das auch ein Zeichen für den ewigen Fluss von Werden und Vergehen ist.
    Eine Sirene beendet den starken Auftritt des Chors und die Schauspieler fallen um, das Unglück ist geschehen. Lina Beckmann als eine der „Mütter auf der Dammkrone“ ruft nach ihrem Kind und versucht einen der liegenden Männer auf einen Tisch zu hieven. Karin Beier will auch hier mit einigen Slapsticknummern die Ernsthaftigkeit aufbrechen, das Übermoralische des Textes relativieren. Das kulminiert schließlich in einem regelrechten Karnevalsspaß von Thomas Loibl, Michael Weber und Manfred Zapatka als grell geschminkte Bauarbeiterkarikaturen, die den Text „Im Bus“ vortragen. Drei zynisch, satyrische „Totenführer“ der Münchner Unterwelt „…aber sterben Sie nicht! Machen Sie, was Sie wollen, aber sterben Sie nicht!“ Der Text befindet sich auf der Website: http://www.elfriedejelinek.com/ unter Tod-krank.Doc für Christoph Schlingensief.

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    Das Bühnenbild zur Pause: noch nicht geflutet, aber bereits mächtig unter Dampf (Foto: St.B.)

    Nach der Pause wird dann aber mit „Ein Sturz“ erst das wirkliche Satyrspiel aufgeführt. Die Männer und Frauen des Schauspielensembles hacken in ihre Laptops, geschäftiges Bürotreiben, der Text kommt verfremdet vom Band oder wird von hinten per Mikro eingesprochen. Das Telefon klingelt und eine Radio tönt immer wieder, bis es in die Mülltonne fliegt. Es werden Politiker karikiert und deren Ausreden persifliert. „Wir haben Menschen gerufen und Banken sind gekommen.“ Die Schuld die sich nicht personifizieren lässt will Karin Beier damit darstellen. Der ausufernde, dahinmeandernde Textschwall ist wieder voller Anspielungen und Kalauer. Caroline Peters liest ihn immer wieder pathetisch aus einem Buch. Der Text konzentriert sich auf die Erde, die es zum Wasser drängt, trotz Pumpen und Brunnen, für viel Geld, die Baukosten verdoppelnd. Die Erde muss den Zoll zahlen und wenn die Erde nicht zum Wasser kommt, kommt das Wasser eben zur Erde, heißt es im Text. Da kein Mensch Schuld sein will, sind es die Elemente, die Erde personifiziert in einem kleinen Erdteufel, Kathrin Wehlisch wälzt sich in lehmbraunem Sand, und Krzysztof Rackowski begießt sich als Wasser mit blauer Farbe.
    Es beginnt ein Körperkampf, voll sexueller Anspielungen, Erde und Wasser die in wilder Vereinigung der Elemente, den Einsturz provozieren. Die Erde begeht Selbstmord im Wasser. Ein Becken ist im Bühneboden eingelassen, der sich stetig mit Wasser füllt. Es lässt sich auch nicht mit den Schuh verstohlen wieder zurückschieben, es überflutet aus einem langen Rohr fließend die Bühne. Erst noch in unschuldiger Karnevalslaune tanzend wird nun ausgerutscht und hingestürzt, einer Stadt wird der Boden entzogen. Man schlägt sich und wirft das geduldige Papier in die Luft. Die Gottgleiche Macht der Baukonzerne wird angerufen, die ihre Kinder (Subunternehmen) wie aus „Zeus` Stirne“ gebären. Hinter Masken versteckt lamentieren die Stadtoberen und weisen alle Schuld von sich. Es treten die Drei heiligen Könige auf, beleheren und verteilen Absolution. Das Wasser lässt sich nicht beaufsichtigen und da es nichts kostet ist es auch nichts wert und hat keine Stimme. „Das Wasser trägt alles, wir müssens ertragen, und Schweigen breitet sich aus.“ Karin Beier hat dem übermächtigen Text von Elfriede Jelinek eine bildgewaltige Interpretation entgegengesetzt. Ein fulminanter Auftakt für das Theatertreffen und verdienter, erlösender Beifall für das großartige Ensemble beschließt den Abend.

    DAS WERK/IM BUS/EIN STURZ, Videotrailer des Schauspiels Köln bei YouTube

    Die zweite Karin aus Köln, Karin Henkel, besitzt auch schon Theatertreffenerfahrung, bereits vor 5 Jahren hat sie einen fulminanten Tschechow auf die Drehbühne der Berliner Festspiele geknallt. Das Publikum wurde fast von einer Dampflok überrollt und der überragende Felix Goeser, derzeit am Deutschen Theater in Berlin engagiert, erhielt für die Rolle des völlig hemmungslos von der Leine gelassenen „Platonow“ in der Regie von Karin Henkel den Alfred Kerr Darstellerpreis und wurde von Theater Heute zum Schauspieler des Jahres 2006 gewählt. Sie kann es also, die Komödie bei Tschechow zum Leben erwecken und das über die üblichen 2-3 Stunden Normspielzeit. In ihrer Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“, dem letzten Stück Tschechows ist sie allerdings dem Einfall erlegen, die Komödie gleich komplett in den Zirkus zu verlegen.
    Auf einem mit Erde aufgefüllten Geviert steht ein kleiner runder Podest, der sich drehen kann und wie für Zirkustiere gemacht scheint. An der Decke hängt eine mit leuchtenden Glühbirnen bestückter Sperrholzbaldachin. Die nutzlose und nicht von dieser Welt scheinende Truppe um die  Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Lena Schwarze) ist ständig dauermüde, fällt gern einfach um, verrenkt sich dabei sämtliche Glieder und kann nur noch mühsam wieder aufgerichtet werden. Ihr Geschäft ist das Fabulieren vom Gestern und das Wegwerfen von Geld, das niemand wirklich besitzt. Der Haufen ist völlig antriebslos und auf sich bezogen, dass da bereits der sprichwörtliche Kuckuck an den geliebten Kirschbäumen klebt, realisiert niemand ernsthaft. Man feiert Partys, macht Musik und erfreut sich an den Zauberkunststücken der französischen Gouvernante, dargestellt von der Volksbühnendame Brigitte Cuvelier im Reitkostüm und auch mal mit Jagdgewehr. Wie bei richtigen Clowns knarren die Schuhe oder es bricht ein Tisch mit abgesägtem Bein ein. Der Hausherr Leonid Gajew (Matthias Bundschuh) ist ein ständig jammernder Schöngeist und Traumtänzer, der Rest einfach so lala. Das alles erinnert stark an die lebensuntüchtige Dachbodengesellschaft der Hamburger „Drei Schwestern“ von Christiane Pohle.
    Der ehemalige Bauernsohn Lopachin (von Fernsehkommissar Charly Hübner verhaftet), hat es durch Geschäfte zu viel Geld gebracht und scheint zunächst der einzigste, der hier irgendwelche Ideen für die Zukunft hat. Aber er erliegt ebenso dem schönen Schein der Partygesellschaft und kann sich nicht von den Traumtänzern lösen, die da übereinander stolpern und sich gegenseitig nerven. Seine Entscheidungskraft erschöpft sich auch nur auf das Anhäufen von Besitz und so kauft er schließlich den Kirschgarten selbst und verwirklicht seinen materiellen Traum, anstatt seinen Gefühlen zur spröden Warja (Lina Beckmann) nachzugeben. Er säuft nun Champus ohne wirklich da angekommen zu sein, wo er gerne wäre. Der Baldachin senkt sich nach unten und besiegelt so das Ende der Show. Die Regieeinfälle reichen gerade für die angesetzten zwei Stunden, mehr ist nicht drin. Die Zirkusbagage reist einfach ab, einem neuen Gastspiel entgegen und stürzt kreischend über die Bühne. „Willkommen, neues Leben!“ Nur, dass die hier alle nicht mal ein altes hatten.

    DER KIRSCHGARTEN, Videotrailer des Schauspiels Köln bei YouTube

  • Des Menschen Seele gleicht dem Wasser – Das Berliner Theatertreffen 2011 wurde mit Karin Beiers Kölner Inszenierung von Elfriede Jelineks „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ eröffnet

    „Mich läßt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe,
    denn ich habe die feste Überzeugung,
    daß unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur;
    es ist ein fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit.
    Es ist der Sonne ähnlich,
    die bloß unsern irdischen Augen unterzugehen scheint,
    die aber eigentlich nie untergeht,
    sondern unaufhörlich fortleuchtet. “

    Goethe zu Eckermann 1824

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    Wasser ist ein schier unberechenbares Element, so unberechenbar wie die Katastrophen die durch seine unbändige Macht immer wieder über die Menschheit hereinbrechen. Goethe hat den Menschen in seinem Faust visionisch als Bezwinger dieser Mächte dargestellt. Was wie unabwendbar erscheint, soll seit altersher durch den Genius des Menschen gebändigt werden. Ebenso unabwendbar wie ein Naturgesetz fällt jedes Jahr aufs neue die Theaterprominenz zum Jahrestreffen der 10 bemerkenswerten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum in Berlin ein.
    Die Eröffnung des diesjährigen Theatertreffens am Freitag war noch mehr als in den letzten Jahren von der Überpresens von Fernsehen, Rundfunk und Presse bestimmt. Kamerateams strömten aus und hielten jedem nur irgendwie nach kompetentem Output Aussehendem ihre Mikrophone unter die Nase. Das Interesse gilt vor allem der Juryentscheidung der sogenannten Theaterprovinz den Vorrang vor den alteingesessenen Häusern zu geben. Beispielhaft dafür musste Herbert Fritsch, mit zwei Inszenierungen aus Oberhausen und Schwerin eingeladen, Interviewfragen zum neuen Theaterhype über sich ergehen lassen.
    Weitere Produktionen aus der freien Szene Berlins, die sich mit der Migration (Nurkan Erpolats „Verrücktes Blut“) oder dem Generationenkonflikt („Testament“ von She She Pop) beschäftigen werden folgen. Sogar die letzte Schlingensief Inszenierung „Via Intolleranza II“ ist in der Koproduktion mit der Hamburger Kampnagelbühne entstanden. Komplettieren werden das Programm ein „Kirschgarten“ aus Köln, ein „Don Carlos“ aus Dresden und zwei Inszenierungen aus den vermeintlich großen Häusern Zürich („Tod eines Handlungsreisenden“) und Wien („Die Beteiligten“).
    Es gibt nur selten Glücksmomente im Theater, der letzte echte war bei mir vor 8 Jahren, als ich Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks „Das Werk“ in Wien gesehen habe. Ich dachte nicht, dass man das noch toppen kann, Karin Beier schafft das nun spielend mit ihrer Kölner Inszenierung von „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“, die zur Eröffnung des diesjährigen Theatertreffen gespielt wurde. Goethes pantheistische Weltanschauung des schaffenden Menschen im Einklang mit der Natur, manifestiert im Faust, hat sich nicht erst in heutigen Tagen auch immer wieder gegen den Menschen gerichtet. Naturkatastrophen sind seit Urgedenken Begleiter der Menschheit. Aktuell kann man die Folgen der pervertierten Anmaßung des Menschen, gottgleich über die Natur herrschen zu wollen, in seinen schlimmsten Ausmaßen wieder in Japan sehen.
    Elfriede Jelinek hat sich in dem Theaterstück „Das Werk“ (Uraufführung 2003 im Akademieheater Wien) nicht zum ersten mal mit der Problematik des verheerenden Fortschrittsgläubigkeit der Menschheit befasst. Bereits im Stück „In den Alpnen“ (2002) ging es es um die Brandkathastrophe im Tunnel der Gletscherbahn von Kaprun, bei der 155 Menschen verbrannten. Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchiv 2009 infolge von U-Bahn-Baumaßnahmen hat sie sich erneut mit der Überschätzung des Menschen die Naturkräfte bändigen zu können beschäftigt. War es in das Werk noch vorrangig das Anliegen den durch Zwangsarbeit für den Bau des Kapruner Staudamms gepeinigten Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, ist es in „Ein Sturz“ die Ignoranz der Verantwortlichen und die Verleugnung jeglicher Schuld an den Folgen, die sie zu ihrem Text inspiriert haben. Und so wird nun im noch unfertigen Haus der Berliner Festspiele die Bühne geflutet, knattert der Presslufthammer, tanzt der Kölsche Klüngel in Karnevalsverkleidung und preist ein vielstimmiger Chor das Wasser, das sich über einen armen Erdteufel hermacht.
    Das Festspielhaus in der Schaperstraße ist mit 15 Millionen Euro aus Bundes-Geldern saniert worden. Kulturstaatsminister Bernd Neumann holt zum Dankesrundumschlag aus und vergisst auch nicht zu erwähnen, dass er alle 150 subventionierten deutschen Theaterhäuser für notwendig hält. Der Beifall ist ihm gewiss, politische Lippenbekenntnisse machen sich besonders gut vor feierlich gestimmtem Publikum. Da die Handwerker wie bereits erwähnt nicht ganz fertig waren, sind somit auch noch alle Deckeninstallationen sichtbar oder nicht alle Fliesen an den WC-Wänden. Das tut der Stimmung keinen Abbruch und ist vielleicht auch für die Kulturschaffenden mal ganz gut, an nackte Decken zu schauen. Das weitet den Horizont und wenn man den „gemeinen“ Bauarbeitern mal ein paar Gratis-Tickets in die Hand drücken würde, außer sich nur über deren Darstellung auf der Bühne zu amüsieren, dann beeilen die sich vielleicht auch demnächst etwas mehr.
    Man kann sicher vieles Unfertige hinter Tapetenwänden verstecken, die planerische und organisatorische Inkompetenz der Verantwortlichen in ihren warmen und trockenen Büros aber nicht. Das Ergebnis ist dann nicht nur auf der Bühne bei Karin Beier und Elfriede Jelinek zu bewundern, sondern auch beim Anstehen an den Toiletten und dem Eiertanz in zu kleinen Vorräumen vor den Mini-Waschbecken. Dem Architekten empfehle ich die Lektüre einiger einschlägiger DIN-Vorschriften. Und wo er die 15 Millionen versenkt hat, ist hoffentlich nicht das Wasserloch auf der Bühne, sondern die für den Zuschauer nicht zu sehende Technik des Hauses. Ansonsten konnte man sich natürlich auch an den schönen Lampions in den Kastanien erfreuen oder einfach nach ein paar Frei-Kölsch bierselig nach Hause schwanken. Die Spiele sind eröffnet, Prost.

    wird fortgesetzt

    Gesang der Geister über dem Wasser von Johann Wolfgang Goethe, Musik Franz Schubert

  • Sie küssen und sie schlagen sich – Antú Romero Nunes inszeniert „Rocco und seine Brüder“ nach dem Film von Luchino Visconti im Maxim Gorki Theater Berlin

    Luchino Visconti, der Aristokrat und Marxist unter den Neorealisten des italienischen Films der Nachkriegszeit, beschreibt in seinem wohl bildmächtigsten Werk „Rocco und seine Brüder“ (1960) das Migrationsschicksal einer Familie aus dem Süden Italiens, die nach Mailand kommt, um ihr Glück zu finden. Die matriarchalen Familienbande zwischen der Mutter Rosaria und ihren fünf Söhnen zerreisen nach und nach an der harten Realität der Großstadt. Die Söhne entwickeln sich immer mehr in verschiedene Richtungen, nur Rocco (Alain Delon) versucht verzweifelt die Familie zusammen zu halten, was ihm selbst unter Aufgabe seiner Liebe zu der Prostituierten Nadia (Annie Giradot) zu Gunsten seines Bruders Simone nicht gelingt. Simone wird Nadia schließlich sogar töten. In manieristischen s/w-Bildern und mit viel religiöser Symbolik schafft Visconti ein Werk, dass in seiner Anlage stark an Thomas Manns „Josef und seine Brüder“ und Dostojewskis „Idiot“ orientiert ist. An einer wirkungsvollen Umsetzung für das Theater ist bereits der Regisseur Ivo van Hove 2008 bei der Ruhrtriennale in Bochum gescheitert. Die Frage ist nun, ob Regietalent Antú Romero Nunes (hier ein Tagesspiegel-Portrait), selbst Kind von Migranten aus Chile und Portugal, am Maxim Gorki Theater eine Durchdringung und Auflösung des Stoffes in theatrale Bilder glücken wird und ob man allein mit dem Auf- und Abschminken der Gesichter der Darsteller den Verlust von Heimatidentität und familiären Banden anschaulich beschreiben kann.
    Wenn man sich die Kritiken zu Ivo van Hoves Inszenierung ansieht, hat man den Eindruck, da nicht wirklich etwas verpasst zu haben. Er quält den Zuschauer mit 3 Stunden Pathoszertrümmerung. Nunes reichen 2 Stunden aus für ein Ergebnis, das leider auch nur streckenweise überzeugen kann. Es fängt vielversprechend an, in zauberhaften Stummfilmszenen mit Klavierbegleitung wird die Ankunft der Familie in Mailand geschildert. Als Mutter Rosaria wird Andreas Leupold mit Rock und Kopftuch ausstaffiert und darf später auch noch in die Rollen des Boxtrainers und der Wäschereibesitzerin schlüpfen. Die Familie bibbert mit weiß geschminkten Gesichtern in der Winterkälte Mailands, über der Bühne werden dazu passende Texte projiziert. Ihre Mantelschöße hängen an dünnen Fäden aneinander und verweisen so auf die noch bestehenden zarten familiären Bindungen. Wenn an ihnen gezogen wird, zeigen sie gleichzeitig noch den kalten Wind, der ihnen nun entgegenbläst. Ein starkes Bild, dem noch viele weitere folgen, wie ein Koffer der aufgeklappt das schmale Dach darstellt, unter das sich die Familie zu ihrem bereits in Mailand lebenden Bruder Vincenzo (Albrecht Abraham Schuch) flüchtet. Um Geld zu verdienen, müssen sich die Brüder mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen, wie das Schippen von Schnee. Hier wird aus den Manteltaschen Kunstschnee wie Konfetti über die Bühne verteilt und alle Tanzen in einem bildgewaltigen Schneegestöber. Viel phantastischer Zauberkram hat Nunes aufgefahren, aber wenn der Schnee beiseite geräumt ist, fängt der Jammer an, in doppelter Hinsicht. Mit dem Auftauchen von Nadia (blond und aufreizend, Anne Müller) ist die Familienseligkeit vorbei und erste Begehrlichkeiten erwachen, die aber von Nadia mit Verweis auf die Übertitel sofort als reine Projektion entlarvt werden.
    Simone, von Michael Klammer dargestellt, drängt es zu Ruhm und schnellem Geld im Boxsport. Um Nadia zu beeindrucken, ist ihm jede Mittel auch Diebstahl recht. Die Verführung der Großstadt wird durch auf und niederfahrende Neonleuchttraversen anschaulich gemacht und die Wäscherei in der Bruder Rocco arbeitet mit viel Dampf und wuchtigen Lautsprechern die vom Schnürboden schweben. Leider vergisst Nunes nun immer mehr die Geschichte des Familienverbandes zu entwickeln und dessen Verfall entsprechend zu erklären. Die Story plätschert jetzt vor sich hin, es wird mit allerhand lustigen Effekten gespielt, das aber durchaus auf ziemlich hohem Niveau. Es scheint, als wüsste Nunes plötzlich nichts mehr mit seinen Figuren anzufangen und verjuxt so doch immer mehr die tragische Geschichte der Brüder. Wir erfahren noch nebenbei etwas über die neoliberal orientierte Kariere des Bruders Ciro (Matti Krause) bei Alfa Romeo und die familiären Ambitionen von Vincenzo, der als erster die Familie verlässt, um sein kleines eigenen Glück zu begründen. Den unsicheren aber zärtlichen Annäherungsversuchen von Rocco und Nadia wird nun viel Platz eingeräumt, Roccos Verzicht auf Nadia ist um so unverständlicher, je vehementer sich der in seinem Ego verletzte Simone wieder zwischen sie drängt. Man ist dann schon erstaunt, mit welcher Wucht plötzlich Simone und der stoisch anmutende Rocco des Robert Kuchenbuch plötzlich aneinandergeraten. Der Umschwung kommt wie aus heiterem Himmel und führte fast zum Abbruch der Veranstaltung, da Kuchenbuchs Kopf Bekanntschaft mit einer Wandleuchte machte, die an ihm zerschellte. Mit blutüberströmten Hals und Pflaster am Kopf quälte sich Kuchenbuch aber weiter durch den Stoff und wurde sogar noch als leidender Jesus an den Leuchttraversen hochgezogen. Auch das Kreuzigungsbild der Nadia aus dem Film wird zitiert, aber sie fordert hier selbstbewusst ihren Tod und ergibt sich nicht nur dem Schicksal durch Simones Messer.
    Als originäres Theaterstück funktioniert Nunes Inszenierung sehr gut, aber der Bezug zu Viscontis Anliegen kommt nicht rüber, die Reduzierung auf einen Bruderzwist um ein Mädchen wie bei Schillers Räubern, verkleinert die Vorlage. Der Schluss, wenn der Zerfallsprozess der Familie bereits beendet ist, kann mit seinem kleinen netten Verweis in die Zukunft nicht mehr viel wettmachen. Der jüngste Bruder Luca (Alp Erdener Ergovan) öffnet zaghaft einen leuchtenden Koffer und singt ein herzzerreißendes Lied über Heimatgefühle. Was bleibt bei Visconti, wenn man das ganz große Pathos raus nimmt? Zumindest eine starke Story, bei Nunes ein paar Beulen und eine Platzwunde am Kopf. Ich wünsche dem stark spielenden Robert Kuchenbuch, der vor allen anderen wahrhaftig in seiner Rolle aufging, alles Gute und hoffe, dass es nicht so schlimm war, wie es aussah. Kuchenbuchs Szenen gehören zu den sehr starken dieser Inszenierung, hier hat Nunes einen wahren Glücksgriff getan. Apropos Boxen, Brecht war großer Boxfan und Visconti hatte nicht nur Anleihen bei Thomas Mann und Dostojewski genommen, sondern auch zumindest in Richtung Brecht geschielt. Die Zeiten des epischen Theaters sind vorbei, aber es wäre eine Möglichkeit gewesen, das übergroße Pathos Viscontis anders aufzubrechen. Zumindest die Verfremdung hat Nunes sehr gut drauf. Wenn man im Programmheft seitenweise Pasolini zitiert, ist aber großes religiösen Pathos fast vorprogrammiert und warum auch nicht. Pathos gehört zum Theater, es darf nur nicht im bildhaften Kitsch übergehen. Das hat Nunes zum Glück vermieden, aber er hat dafür auch teilweise auf das Erzählen einer großen Geschichte verzichtet.

  • Most Wanted! Dead ore Alive?

    Man kennt diese Steckbriefe aus vielen amerikanischen Western, meist komplettiert durch ein fieses Gangster Face und einen entsprechenden Reward(Belohnungs)-Hinweis. Jeder freie Amerikaner konnte sich gesichert durch den 2. Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten bewaffnen und den Verbrecher stellen, um diese Belohnung zu kassieren. Wenn der Delinquent sich bei der Verhaftung wehrte, war man berechtigt diesen in Notwehr zu töten. Filmhelden wie John Wayne, Charlton Heston und Ex-Präsident Ronald Reagan sind zu Sinnbildern dieses Glaubens an ein Recht auf Vergeltung geworden. Die 25 Millionen Dollar kann die Regierung der Vereinigten Staaten nun selbst einstreichen, die Navy Seals haben das wieder einmal Hollywoodlike gerichtet. Tot oder lebendig, diese Frage dürfte sich im Fall des meistgesuchten Terroristen Osama bin Laden auch erledigt haben. Die USA hatten den Dschihadisten nach dem Anschlag am 11.09.2001 auf die Twin Towers in New York den Krieg erklärt und einen Kreuzzug gegen den islamistischen Terror begonnen.
    Das Talionsprinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (1) aus dem alten Testament ist in den sehr religiös geprägten Vereinigten Staaten tief verwurzelt. Es sieht einen angemessenen Schadensersatz für erlittenes Leid des Opfers gegenüber dem Täter vor, um weitere Blutrache zu verhindern. Dieses Gesetzt der Vergeltung geht weit bis in die Zeit vor Christus zurück, bis nach Mesopotamien unter dem babylonischen König Hammurapi. Auch in der Antike kannte man diese Regel bis sie in die Tora, ins Bundesbuch Mose Aufnahme fand und schließlich in das alte Testament der Bibel. „Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuߓ und schließlich „Leben für Leben“. Über die Auslegung dieser Formel wird immer noch diskutiert. Der Koran erhebt sie sogar zum religiösen Gesetz, die aber auch noch die Möglichkeit der Erlassung der Vergeltung als „Almosen“ vorsieht, eine Ablösung der Schuld als Sühne.
    Im Neuen Testament sagt Jesus in der Bergpredigt: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ Jesus ging es um die Loslösung der Vergeltungsregel vom eigentlichen Schaden und somit um die Eindämmung der Gewaltspirale im römisch besetzten Judäa. Mit Liebe und göttlicher Überzeugung gegen das Böse, die mit Gewalt herrschenden Besatzer, deren Schaden in seinen Augen nicht mehr gut zu machen war. Quintessenz des christlichen Glaubens wäre es demnach, erlittenes Leid ab einem gewissen Maße nicht mit Gleichem zu vergelten, also seinen rechtmäßigen Anspruch auf zu geben und auf Versöhnung aus zu sein. Ist das nun im Falle bin Ladens möglich, der selbst eine Versöhnung mit der westlichen Welt ablehnt und sie mit Terror überzogen hat? In seinem Falle wohl kaum. Hier greift keine wie auch immer geartete religiöse Grundregel, weder die der Vergeltung noch die der Versöhnung. Hier bedarf es einer anderen, politischen Lösung, von der die Welt noch weit entfernt ist, die aber schon im Kleinen mit der Achtung der Würde jedes einzelnen Menschens beginnen muss.
    Einem Amerikaner wird man hier nicht mit der Bergpredigt kommen können, dazu noch in einem Land in dem die Todesstrafe als selbstverständliches Mittel der Sanktion für Mord gilt. Aber vielleicht mit dem 5. Zusatzartikel der Verfassung, der auch für Nichtamerikaner gilt und der eine Anklage vor einem Gericht vor dem Verhängen einer Strafe voraussetzt. Wie auch immer, die Amerikaner haben ihr Rückgrat durchgedrückt, also „True Grit“ bewiesen, womit wir wieder beim Western sind, und feiern den Tod des Erzfeinds. Das Volk hat seinen Tod gewollt und ihre Regierung hat ihnen dieses Gefühl der Genugtuung gegeben. Amerika beugt sich keinem Terroristen und schon gar keinem Gerichtshof, der in Europa steht und bei dem nach völkerrechtlichen Grundsätzen geurteilt würde. Der Verlauf eines solchen Prozesses wäre langwierig und ungewiss. Guantanamo existiert trotz Schließungsanordnung von Präsident Obama immer noch und auch Abu Ghuraib ist noch in „guter“ Erinnerung. Eine Macht die sich überall in der Welt einmischt, duldet keine Einmischung in ihre Angelegenheit, zu deren Hauptziel die Liquidierung bin Ladens gehörte.
    Was man aber aus der Neuverfilmung des Western „True Grit“ von den Coen-Brüdern lernen kann, ist dass Rache nicht auf Dauer glücklich macht und andere Werte wie Liebe und Menschenwürde durchaus mehr zählen, als eine unbedingte Genugtuung erlangt zu haben. Heute befindet sich Amerika im Siegestaumel und seine den unbeholfenen Schulterschluss suchenden Verbündeten sprechen von „Freude“, morgen sterben wieder Soldaten im Irak und in Afghanistan. Ob diese Spirale der Gewalt und des Todes einmal beendet werden kann, ist ungewiss. Nur eins ist sicher, auch weil die US-Regierung auf das Zeigen des Toten verzichtet hat, Osama bin Laden ist im Meer der Mythen verschwunden. Andere werden wohl leider wieder auftauchen und seinen Terror fortsetzen.

    (1) Literaturliste zur Talionsformel auf Wikipedia

  • Die Dachbodengesellschaft – Christiane Pohle hat Die drei Schwestern von Tschechow am Thalia Theater Hamburg in einer Rumpelkammer abgestellt und vergessen.

    Der Mensch ist von Natur aus ein Nostalgiker und Verklärer der Vergangenheit. Er ist dabei ein Meister beim Verdrängen der Realität. Anton Tschechows „Drei Schwestern“ sind ein theatrales Sinnbild für diesen Zustand. Nicht Melancholie, sondern Sehnsucht nach dem Gestern heißt ihre Krankheit. Sie sind nutzlos in der Gegenwart, nicht lebensfähig und ohne Entscheidungskraft für die Zukunft. Regisseurin Christiane Pohle sperrt daher diesen Haufen Schwätzer und Jammerer auf einen Dachboden (Bühnenbild: Annette Kurz), dort wo im Allgemeinen Sachen stehen, die man nicht mehr braucht, irgendwann vergisst und die dann vielleicht mal bei ebay unter der Rubrik „Dachbodenfund“ wieder auftauchen. Manchmal verirrt sich der eine oder andere aber dennoch auf den Dachboden und stöbert in diesen Sachen aus einer vergangenen Zeit, spürt nach deren Geschichte und fängt an von Vergangenem zu schwärmen. In der DDR gab es eine Fernsehsendung dazu, die „Willi Schwabes Rumpelkammer“ hieß. Ein netter grauhaariger Herr mit Laterne und Schlüsselbund, der bekannte Schauspieler Willi Schwabe, stieg einmal im Monat auf seinen Dachboden, entstaubte alte Schallplatten, zeigte Ausschnitte aus alten Filmen und erzählte liebevoll Anekdoten von den Stars der 30er bis 50er Jahre. Ein Publikumsrenner versteht sich, man fühlt sich geborgen in der Umgebung von Sachen die man kennt.
    Die Idee Christiane Pohles ist es nun, mit diesem Bild der Geborgenheit eines Dachbodens, den Stillstand und die Weltabgewandtheit der Figuren Tschechows zu illustrieren. Alte Möbel und Radiogeräte stehen hier, deren Musik oder Rauschen man lauscht. Auf dem Spitzboden hockt bereits zu Anfang Bruder Andrej (Sebastian Zimmler), bastelt alles ums sich herum vergessend und spielt traurig schön auf einer Ätherwellengeige, auch Theremin genannt. Später will er nur noch seine Ruhe haben. Es scheint die Zeit still zu stehen. Das Warten darauf, dass es endlich wird, wie es nie war, beherrscht die Szenerie und das Handeln bzw. Nichthandeln der Protagonisten. Es kommt zwangsläufig Langeweile auf und artikuliert sich verschiedenartig, je nach Gemütslage der Person. Jeder bekommt dabei sein Fünf-Minuten-Solo, ein Gefühlsausbruch der sich meist schreiend Bahn bricht, danach fällt man wieder in Agonie und allgemeines Lamento.
    Die Geschichte der Drei Schwestern ist allgemein bekannt und immer wieder verschieden interpretiert worden. Frank Castorf hat im letzten Jahr an der Berliner Volksbühne den Figuren Tschechows die falsche Melancholie ausgetrieben und ihnen in seiner überdrehten Farce „Nach Moskau! Nach Moskau!“ das Komödiantische wiedergegeben. Pohle hält sich auch nicht mit dem Versuch der großen Einfühlung auf. Die Dialoge und Monologe der Darsteller gleichen einer Aneinanderreihung von Nummern. Es treten keine Menschen auf, sondern lauter Entertainer, deren gewollt unbeholfenes Agieren das Stück vollkommen entschleunigt und letztendlich mit aufgesetzten Slapsticknummern das genaue Gegenteil von Castorfs Vaudevillestil erreicht. Totale Larmoyanz und ein lähmender Manierismus machen sich breit, es weht gähnende Langeweile bis hinunter ins Parkett. Das nervt zunehmend, was wohl auch die Absicht der Regie zu sein scheint. Es wird die Übersetzung von Thomas Brasch gespielt. Warum ist nicht so recht klar, man zitiert Brasch im Programmheft mit dem Finden eigener Transportwege, im Gestern die Wurzeln des Heute kenntlich zu machen. Dieser behauptete Tanz auf dem Rand des Vulkans, die im Absturz befindliche Gesellschaft ist aber nirgends erkennbar. Die Bodenluke des Dachs bleibt meistens geschlossen und lässt nur wenig rein und raus. Man sieht nur was man will. Das erinnert etwas an Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ über die Stagnation und Agonie der späten DDR, ein aktueller Bezug ist aber nicht auszumachen.
    Die Schwestern Olga, Mascha und Irina, dargestellt von Victoria Trautmansdorff, Cathérine Seifert und Lisa Hagmeister übertreiben das Lamentieren auf höchstem Niveau. Erst mobben sie Natalja, die Verlobte ihres Bruders, bis sie dann später unter deren Regime zusammen zu brechen drohen. Birte Schnöink fällt als besonders aasiges Biest auf, das in einer Kreischarie Olga und die alte Anfissa (Ute Zäpernick) niederbrüllt. Niemand hat hier irgendeine Idee oder etwas Entscheidendes zu sagen. Tschechow ist wohl noch nie so ernst genommen worden. Er hatte sicher nicht sehr viel übrig für die russische Intelligenz und deren Selbstmitleid und Entscheidungsarmut, sie aber nie derart ausgestellt und lächerlich gemacht, wie es nun Christiane Pohle tut. Der Werschinin des Alexander Simon schwadroniert was das Zeug hält und Mascha kichert dazu. Thomas Niehaus als Tusenbach ist ein farbloser, schwärmender Tropf am Klavier, sein Gegenpart Soljony ein Irrer, Hans Kremer als Arzt Tschebutykin zerfließt in Selbstmitleid und trägt einen Birkenstrunk als Namenstagsgeschenk für Irina auf den Dachboden. Die Krönung des Abends aber ist Josef Ostendorf, der sich als Lehrer Kulygin besonders lächerlich machen darf und sich selbst eine Torte ins Gesicht drückt. War er in Lensing und Heims (Theater T1) sehr körperbetontem „Onkel Wanja“ von 2008 noch ein wütender Verzweifelter, ist er hier nur noch Witzfigur. Es werden Masken und Pappnasen aufgesetzt und dazu der Dachboden in einem spontanen Ausbruch verwüstet. Das Feuer ist für alle ein völlig unwirklicher Einbruch des Draußen in ihre kleine Dachbodenwelt. Man spricht immer wieder nur von oben und unten.
    Christiane Pohle hat keine zündende Idee, das Verhalten der Figuren wirklich zu erklären. Im Programmheft müssen Sloterdijk und Heidegger für das Metaphysische des Wartens herhalten. „Ernten und sich ernten lassen“, Lust und Leid der „Warte-Wesen“. Man zerredet die Revolution in der heutigen Gesellschaft in endlosen Begriffserklärungen. Was für eine große Erkenntnis. Die ersten Zuschauer gehen nach der Pause. Es wird auch im zweiten Teil des Abends nicht besser, nur noch etwas surrealer. Auf dem Spitzboden stehen nun eine Vielzahl von alten Radiogeräten, die die Worte der Protagonisten wiederholen, Musik erklingt und es beginnt eine nicht enden wollende Abschiedsarie. Die Figuren durchschreiten immer wieder das nun völlig leergefegte Erinnerungsgebilde des Dachbodens. Werschinin fotografiert und schwadroniert, Tusenbach träumt weiter von der Zukunft und Kulygin schwätzt vom ut consecutivum. Mascha bekommt einen Zusammenbruch und dazu säuseln die Radiogeräte von Abschied und dass es Zeit sei zu gehen. Man kann dieser freundlichen Aufforderung irgendwann einfach nicht mehr widerstehen.

    Warum spielen?

    Um diese Frage überflüssig zu machen | um eine Gegenwelt herzustellen | um die Träume von Angst und Hoffnung vorzuführen einer Gesellschaft, die traumlos an ihrem Untergang arbeitet | um die Toten nicht in Ruhe zu lassen | um die Lebendigen nicht in Ruhe zu lassen | um Wurzeln zu schlagen | um Wurzeln auszureißen | (…) | um die Frage überflüssig zu machen: Warum spielen | Um zu spielen |

    Thomas Brasch (1983)

  • Zwei alte Leute am 1. Mai

    – „Weißt du noch, Alter, vor dem Kriege?
    Wir haben manchen Mai erlebt.
    Wir glaubten an die schnellen Siege –
    du hast das Streikplakat geklebt …“
    – „Ja, Alte, das waren schöne Zeiten …
    Wir waren allemal dabei –
    Ich seh uns noch im Zuge schreiten
    am 1. Mai.“

    – „Und unser Jüngster war noch klein. Den ließ ich
    zu Haus … wir gingen los mit Hans.
    Mitunter wars ja etwas spießig –
    so … Kriegerverein mit Kaffeekranz.“
    – „Na, laß man – du warst doch die Nettste!
    Mir wars bloß zu viel Dudelei …
    Und anno 14 wars denn auch der letzte –
    der 1. Mai.“

    – „Kein Wunder. Mußt mal denken, Alter:
    Wer ist uns da voraufmarschiert!
    Der Wels als roter Fahnenhalter,
    der Löbe, prächtig ausstaffiert …“
    – „Ja solche haben glatte Hände …
    Für die ist frisch, fromm, frech und frei
    der Klassenkampf schon längst zu Ende –
    Die und der 1. Mai!
    Was wissen die vom Klassenkrieg … !
    Die schützen sich vor ihrer eigenen Republik –!“

    – „Na, laß man, Alter, die Beschwerde.
    Ich weiß, dass etwas in uns singt:
    Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
    die stets man noch zum Hungern zwingt!“
    – „Wir wissen, Alte, was wir lieben:
    den Klassenkampf und die Partei!
    Wir sind ja doch die Alten geblieben
    am 1. Mai! Am 1. Mai!“

    Kurt Tucholsky (1930)

    verkehrsberuhigt.jpg

    1. Mai im Prenzl`berg

    Der Lärm der Straße ist weit weg,
    verkehrsberuhigt hier alles, ohne Wut.
    Wo ist er nur, der Bürgerschreck?
    Egal, das Bier schmeckt wieder gut.

  • Ostern

    Da ist nun unser Osterhase!
    Er stellt das Schwänzchen in die Höh
    und schnuppert hastig mit der Nase
    und tantz sich einen Pah de döh!

    Dann geht er wichtig in die Hecken
    und tut, was sonst nur Hennen tun:
    Er möchte sein Produkt verstecken,
    um sich dann etwas auszuruhn.

    Das gute Tier! Ein dicker Lümmel
    nahm ihm die ganze Eierei
    und trug beim Glockenbammelbimmel
    sie zu der Liebsten nahebei.

    Da sind sie nun. Bunt angemalen
    sagt jedes Ei: “ Ein frohes Fest! ”
    Doch unter ihren dünnen Schalen
    liegt, was sich so nicht sagen lässt.

    Iss du das Ei! Und lass dich küssen
    zu Ostern und das ganze Jahr …
    Iss nun das Ei! Und du wirst wissen,
    was drinnen in den Eiern war!

    Kurt Tucholsky

    osterhase2.jpg

    Des Osterhasen Leid

    Im Frühling sprach der Has` zur Häsin:
    Wir sind doch all` nach unsrem Wesen
    verpflichtet einzig diesem einen Drang.
    Da zog sie ihm die Ohren lang.

    Er hoppelte geknickt von dannen
    Und seine langen Ohren hangen.
    Nie mehr wollt` er im Grase springen,
    Von Ferne hört man Glocken klingen.

    Da wurde ihm ganz warm im Herzen,
    Er dachte an des Heilands Schmerzen.
    Die Auferstehung kam ihm in den Sinn,
    Froh hüpfte er zur nächsten Häsin hin.

    HERE COMES THE SUN

  • LULU SEIN ODER NICHTSEIN – Zweimal große Theater-Schmiere am Berliner Ensemble und Maxim Gorki Theater

    Dramen mit Damen sind in dieser Spielzeit nicht nur an den Berliner Theatern wieder in Mode. Da gibt es das Käthchen und die Penthesilea, da Kleist-Jahr ist, es gibt sogar ein Kameliendame und die Medea von einer filmpreisgekrönten Sophie Rois, eine Antigone, die gar keine echte Dame ist, es gibt ein Madame Bovary und nicht zu vergessen, es gibt eine Lulu als ganzen Volker-Lösch-Chor von Professionellen, der zum Teil von Nichtprofis oder umgekehrt durchsetzt ist. Es gibt nun auch eine Lulu am BE, die es aber, wie man heute hört, an der Wiener Burg nicht mehr geben wird, oder zumindest erst nach der „Karenzzeit“ von Birgit Minichmayer, die sie im schönen München bei Martin Kusej verbringen will. Vielleicht kann ja nun Sunnyi Melles die Rolle in Jan Bosses geplatzter Wiener Lulu-Inszenierung übernehmen, die im Gegenzug dafür nach Wien rotiert ist.
    Womit wir thematisch wieder bei der Berliner Lulu von Theaterkünstler Robert Wilson sind, der mit der Besetzung der schon etwas älteren Theaterdame Angela Winkler als Lulu eine kleinen Coup landet. Auch der Rest der Besetzungsliste ist nicht ohne, mit Jürgen Holtz als alten ironischen Schigolch, Alexander Lang als nicht minder lakonischen Dr. Schöning, Anke Engelsmann als düstere Gräfin Geschwitz, Georgios Tsivanoglou als Goll und nach dem der hin ist als quirliger Artist Rodrigo Quast, Markus Gertken als launischer Alwa Schöning, Sabin Tambrea als gegelter Schönling Jack the Ripper und Ruth Glöss als, na als was eigentlich, Wilson nennt sie einfach mal Ruth und so wuselt sie als närrische Alte etwas verloren über die Szenerie und singt sich eins. Komplettiert wird die geile Männerriege von Marko Schmidt, Alexander Ebeert, Boris Jacoby, Jörg Thieme und Ulrich Brandhoff.
    Die Musik, ohne die Wilson Theatermechanismus ungeölt vor sich hin quietschen und plingen würde, stammt diesmal von dem seit seinen Anfängen mit Velvet Underground trotz Glam-Rock- und Metalunterbrechungen immer sehr düster nachdenklichen Rock-Gitaristen Lou Reed. Im Orchestergraben sitzt eine Band um Stefan Rager und spielt zu „Lulus Death“ A bis E die schaurig schönen bis schrägen Songs und Balladen wie „Rooftop Garden“, „I Remember You“, „Mistress Dread“, „A Gift“, oder den tatsächlich pumpenden Beat des „Pumping Blood“, das melancholische „Sunday Morning“ der Velvet Underground, bei dem Anke Engelsmann als düstere Gouvernantenartige Geschwitz fast wie Nico klingt, ein rockiges „Brandenburg Gate“ und zum Schluss ein eiskaltes „Iced Honey“. Man könnte nur über diese Musik schreiben, wenn da nicht auch noch ein Theaterstück auf der Bühne liefe, für das diese Songs zwar nicht alle neu geschrieben wurden, aber die gut zur Thematik der kollektiven Männerfantasie Lulu und ihrer Einsamkeit und Behauptung in dieser feindlichen Welt passen.
    Aber das interessiert Robert Wilson nicht an Lulu. Er lässt sie schon zu Beginn und immer wieder in kleinen Zwischenszenen sterben, und erzählt so eine Geschichte der Ausweglosigkeit vom Ende her, die zwangsläufig zum Ripper führen muss. Schöner Sterben mit Lulu A bis E könnte man das auch nennen. Es sind die üblichen Kostüme, Bühnenbilder und Wilson-Choreografien, die die Szenerie bestimmen. Tack, Tack, Tock, Tock und Pling, fertig ist die Wilson-Welt und das wie immer auf höchstem künstlerischen Niveau. Nur bei einigen Schauspielern der bestens geübten Wilson-Crew rührt sich diesmal so etwas wie eine kleine Aufruhr gegen das starre Korsett. Allen voran Jürgen Holtz, der als Lulus Vater Schigolch mit einer eiskalten Gleichgültigkeit und in stark ironischer Weise, das übliche Konzept Wilson unterläuft. Wie er so schnarrend das Bühnenbild durchstreift ist schon sehenswert, er stielt so der in ihrem aufgemotzen Staat feststeckenden, girrenden und in höchsten Tönen trällernden Angela Winkler fast die Show. Auch Alexander Lang gelingen einige solcher zweifelnden, ironischen Momente, es wirkt aber als wäre dies Wilson eher unbeabsichtigt passiert, nur ein Lapsus des Meisters, der mit den Jahren seinem perfektionierten Prinzip nicht mehr traut. Vielleicht ist da etwas Selbstironie am Werk, allerdings der Rest zappelt in gewohnter Manier wie an Fäden gezogen über die Bühne.
    Der Zuschauer ist es zufrieden und gibt Szenenapplaus für eine surreale Zypressenallee, eine Lulu allein auf weiter Flur, wie in einem Bild von Rene Magritte gefangen. Das Bild ist tatsächlich sehenswert, aber das ist das Problem dieser Inszenierung, die wieder nur optische Reize aussendet und nicht wirklich in die Abgründe dieser zerrissenen Figur geht, die hier sogar im Zwiegespräch mit sich die Texte der Geschwitz gleich mit herunterhechelt. Ansätze des alten Regiegenies Wilson sind da, bleiben aber Skizze, gemalt in Öl. Einmal noch ist Alarm auf der Beleuchterbrücke, wenn Lulu mit ihrem restlichen Anhang im schmutzigen London angekommen ist. Die Szenerie ist dunkel und nur die Gesichter sind mit Spots ausgeleuchtet. Lulus Freier treten nach und nach aus dem Hintergrund und zählen der gebrochenen Kindfrau die Pennys in die Hand. Sabin Tambreas Jack als schräger Schönling mordet sie hinter der Bühne, ein letzter spitzer Schrei, der Rest ist zwar eiskalter aber schön gestylter Abgesang an der Rampe. Die Büchse der Pandora bleibt für diesmal geschlossen. Keine Monstretragödie ist zu sehen, nur die monströse weiße Schmiere in den Gesichtern der Schauspieler.

    Was wirklich große Theaterschmiere im besten Sinne bedeutet, zeigt zwei Tage später Ex-Volksbühnenschauspieler und Theaterregisseur Milan Peschel mit der Komödie „Sein oder Nichtsein“ am Maxim Gorki Theater. Er zelebriert hier die große Kunst der Klamotte, mit Lust und Mut zur Lächerlichkeit. Das Stück von Nick Whitby mit dem Titel des großen Hamlet-Monologs nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1942, spielt 1939 in Warschau, wo an einem Theater polnische Schauspieler eine Nazi-Farce mit dem Namen „Gestapo“ proben. Das nutzen Star- wie Chargendarsteller gleichermaßen zur Profilierung, hier blühen gleich zu Beginn Theaterallüren vom Feinsten, der Boulevard lässt grüßen, „…und einen Lacher soll man nie verachten“ . Tür auf, Tür zu, das Hitlerbild hüpft dazu auf und ab, bis es am Boden liegt und der Hitler-Kleindarsteller Bronski (Horst Westphal) seine Chance zum ganz großen Auftritt wittert, endlich weg vom ewigen Spiesträger. Es reicht aber nur für ein falsches Autogramm. Solche Träume hat der Großschauspieler und Hamletdarsteller Josef Tura (Ronald Kukulies) nicht mehr nötig, er bekommt Käsebrot und Bier auf die Bühne und ist auch sonst voll von seiner Kunst überzeugt. Wenn da nicht diese Zweifel an jedem Abend wären, wenn sich immer wieder ein junger Mann aus der zweiten Reihe erhebt und vor Turas großem Hamletmonolog den Saal verlässt. Das ist zuviel für das Ego des eingebildeten Künstlers, der noch nicht weiß, dass der junge Fliegeroffizier Sobinsky (Hans Löw) in diesen Minuten zu der von ihm verehrten Schauspielerin und Frau des Josef Tura, in die Garderobe eilt, um ihr zu huldigen. Sabine Waibel gibt die Maria Tura als blonden Engel im langen Kleid, hin- und hergerissen zwischen ehelicher Pflicht und Sobinskys Schwärmereien. Diese und ähnliche Probleme bestimmen das Leben der Schauspieler kurz vor dem Einmarsch der deutschen Armee im September 1939. Doch die ersten Anzeichen des bevorstehenden Krieges zeichnen sich bereits ab und das Stück „Gestapo“ wird aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen abgesetzt.
    Lubitsch hatte hieraus eine aberwitzige Satire gemacht, die selbst vor Schenkelklopfern im Angesicht des Grauens nicht halt machte. Eine kleine Truppe Schauspieler, die in großer Gefahr, da durch einen Spion der Gestapo verraten, über sich hinauswachsen und ihre Rollen aus reinem Lebenserhaltungstrieb nun in der Wirklichkeit weiterspielen müssen. Peschel, der dieses Stück in einer Koproduktion mit dem Stary Teatr bereits mit polnischen Schauspielern in Krakau herausgebracht hat, adaptiert diese Inszenierung nun mit deutschen Darstellern fürs Gorki. Er arbeitet hier erstmals mit seiner Frau, der Bühnenbildnerin Magdalena Musial zusammen, die ebenfalls aus Polen stammt. Ihr Bühnebild in seiner provisorischen Sperrolzfragilität lässt sich prima und schnell in alle möglichen Räume umbauen und gibt dabei viel Platz für schnelle Auf- und Abtritte mit jeder Menge Türknallerei und Slapstick. Und das nutzen die begnadeten Schauspieler allen voran Ronald Kukulies auch weidlich aus. Sein Tura ist aber keine bloße Witzfigur, sondern er lässt in ihm die gesamte Bandbreite seines komödiantischen Talents aufblitzen, er grimassiert und windet sich, gibt die Verkleidungsposse ganz im Stile eines kleinen Schmieren-Schauspielers, der aus schierer Verzweifelung und Liebe zu seiner Frau zum Grand-Guignol aufläuft. Erst grandios als falscher Konzentrationslager-Erhardt und dann wieder grotesk als Silewski, nachdem Sobinsky den Spion Silewski (Wilhelm Eilers) erschießt, weil dieser die Posse Turas durchschaut hat. Das kulminiert in einem absurden Tanz, in dem Kukulies den toten Silewski rasiert und ihm seinen zweiten falschen Bart anklebt. Aus der Tragik seiner Figur zieht Kukulies diese grandiose Komik.
    Die zweite Überraschung ist Holger Stockhaus als Gruppenführer Erhardt, der sich mit dem dauerheiser krächzenden Sturmführer Schulz (Martin Otting) herrliche Dialoge über Theater- und Filmkunst sowie Vorlieben für Philosophen wie Bälle zuspielt. Stockhaus knallt auch einige verrückte Tanzeinlagen auf die Bühne, ganz im Stile Charlie Chaplins, nur ohne Weltkugel und er kommt dabei auch deutlich spürbarer außer Atem. Es wird aus weiteren Filmen zitiert, ein Pianist erschossen und das alles so trocken und ungeniert, dass es einem schon mal das Lachen stocken lässt. Hans Löw hält dann als Silewski noch eine flammende Rede über hundert Naziskalps vor den verdatterten Schauspielern. Diese klare Ansage des Aldo Raine aus Tarantinos „Inglourious Basterds“ vermag aber die Schauspieler nicht zu weiteren Heldentaten zu motivieren. Die Frage des Sein oder Nichtsein wird hier nicht entgültig beantwortet, die Geschichte endet offen. Das Spiel im Spiel in Peschels genialer Inszenierung zeigt den Schauspieler als das was er ist, den Träger einer Rolle, nicht als den Helden selbst oder den Bösewicht, den er darstellen muss. Das geschieht aber in vollendeter Perfektion, ein großes Fest für alle Schauspieler des Gorki-Ensembles, das man spätestens jetzt nicht mehr leichtfertig unterschätzen kann. Peschel gelingt eine Liebeserklärung an den Schauspieler an sich und nebenbei noch eine wirklich gute Nazischmiere mit Biss.

    Hier gehts zur Kritik von Prospero auf Stage and Screen

  • Wahnsinn! Der Sprung in der Schüssel – neue Choreografien zur Deutschen Einheit und zu anderen Neurosen in Berlin

    „Wahnsinn!“, dieser Ausruf der überwältigten Menge, ob der plötzlichen Öffnung der Mauer am 9.November 1989, ist wohl auch der am meisten zitierte, zeigt er doch am eindrücklichsten die Fassungslosigkeit der Menschen in der DDR, die nach 40 Jahren Sprachlosigkeit urplötzlich die eigene Sprache wiederfinden mussten. Nach fast 20 Jahren Deutscher Einheit und immer noch meilenweit von ihr entfernt, war das dem Bundestag 2007 einen Beschluss zur Errichtung eines Einheitsdenkmals auf dem Schlossplatz in Berlin wert, der nach unrühmlichem ersten Durchgang 2009 nach weiteren 2 Jahren nun nach erneutem Wettbewerb mit einer Entscheidung für die interaktive Skulptur der szenischen Designer Milla & Partner aus Stuttgart und der in der Theaterszene allseits bekannten Choreografin Sasha Waltz „Bürger in Bewegung“ nun endlich zu einem Ergebnis geführt hat. Was weiterhin kontrovers diskutiert wird und auch berechtigter Weise diskutiert werden sollte.
    Ich meine damit aber nicht, dass dieser Entwurf etwa völlig indiskutabel wäre, wie der etwas zynisch anmutende Vorschlag einfach eine vergoldete Banane auf den Kaiser-Wilhelm-Sockel auf dem Schlossplatz zu stellen, sondern kritisiere eher die naive Vorstellung, überhaupt mit einem Denkmal auf dieses Ereignis hinweisen zu müssen. Als wenn es der monumentalen Erinnerungsstütze wirklich bedürfte, dass da etwas im Leben der Menschen in Ost und West passiert ist, das für die meisten die wohl umfangreichsten und denkwürdigsten Veränderungen in ihrem Leben bedeutet hat. Jeder wird diesem Tag anders gedenken, soviel ist sicher, ein vereinheitlichter Gedenkstein wird daran nichts ändern können, genau wie die Einheitspartei im Osten nicht den Traum des Volkes nach individueller Freiheit auf Dauer unterdrücken konnte.
    Nun ist es also ein Schüssel geworden, die von der Seite, böswillig betrachtet, immer noch einer Banane ähnelt, aber doch eher eine Wippe oder Schaukel darstellt. Wer oder was damit verschaukelt werden soll, das ist hier die große Frage, die den gesamtdeutschen Steuerzahler aber auch nicht weiter bewegen wird, oder den gemeinen Touristen, der eh mit dem deutschen Slogan „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“ nicht viel anfangen kann, oder mit den ebenfalls geplanten Zitaten aus dem Widerstand von 1988/89, die sich gleich Stolpersteinen, wie sie für den flanierenden Hans-Guck-in-die-Luft überall auf den Wegen der Stadt verstreut sind, auf der Oberfläche der Schüssel befinden werden. Dabei ist noch nicht mal geklärt, was diese Sprüche im Einzelnen für Inhalte haben werden. Der Szenograf Johannes Milla will dazu mit den Initiatoren der Bürgerbewegung ins Gespräch kommen. Er setzt weiterhin auf eine schnelle Inbesitznahme der Skulptur durch die Bevölkerung, die sich „durch persönliches Erleben“ davon überzeugen und somit wie schon bei anderen strittigen Denkmälern (Holocaustmahnmal) die Kontroverse beenden wird. Das Stuttgarter Büro mit einem Kundenkreis von Mercedes über Siemens bis zu E.ON hat bereits Erfahrungen mit ähnlichen interaktiven Aktionen. Im Rahmen der EXPO 2010 in Shanghai entwickelten sie eine Kugel mit 3 Meter Durchmesser und 1,2 Tonnen Gewicht für den Deutschen Pavillon (ballancity), die durch lautes Rufen des Publikums bewegt werden konnte, bei der erforderlichen Intensität zu kreisen begann und letztendlich zum Strahlen gebracht wurde.
    Ganz so Popevent-mäßig wird es auf dem Schlossplatz nicht zugehen. Es müssen mindesten 50 Personen die Seite wechseln, um nur eine leichtes Schaukeln der Schüssel zu erreichen. Ob das unbedingt leiser vonstatten gehen wird als in Shanghai, wird man ja dann sehen und auch hören. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt, den damaligen „Wahnsinn“-Rufen sind. Demokratie erfahrbar gemacht, das komplizierte Aushandeln von Kompromissen, um die „Waagschale“ der Einheit nicht zum Kippen in die eine oder andere Richtung zu bringen. Das politische Spiel, das sich tagtäglich mitunter lautstark im Bundestag erleben lässt, als Ausdruck von Machtspielen, die eigentlich hinter verschlossenen Türen ihre finalen Fortsetzungen finden. Die öffentliche Abstimmung verkommt damit nur noch zur Pose einer Vorgaukelung von demokratischer Willensbildung. So wird mit der geplanten Skulptur etwas spielerisch suggeriert, was in seiner Konsequenz das Volk mehr als einmal mit unverständlichen Entscheidungen konfrontiert hat, die radikal einschneidende Auswirkungen auf ihr Leben bedeuten können, wie z.B. Hartz IV oder die Rücknahme des Atomausstiegs.
    Sasha Waltz, die mit ihren erfolgreichen Choreografien bisher immer hart am Menschen und seinem „Körper“ arbeitete, hat in der letzten Zeit eher Räume erkundet und damit auch immer mehr „Dialoge“ mit eigentlich toter Substanz geführt. Für Waltz steht ein Mensch im Zentrum ihrer Kunst, der sich in seiner Beziehung zu den ihn umgebenden überstarken, anonymen Räumen und einer feindlichen Umgebung behaupten muss. Das führte gerade in ihrem letzten Werk „Continu” zu einigen Verstörungen beim Publikum, ob der trost- und ausweglosen Situationen ihrer Protagonisten. Das Stück erschien etwas zu fatalistisch, war aber durchaus künstlerisch stark akzentuiert. Mit dieser Einheitsskulptur verlässt Waltz nun entgültig den Boden ernstzunehmender Kunst, zu Gunsten eines fragwürdigen Mitmachspaßes.
    Die Choreografin verteidigt nun ihre Idee als „soziale Plastik“. Das Volk ist gezwungen, zum eigentlichen Gelingen des Konzepts beizutragen und soll somit Bestandteil der Skulptur werden. Jeder könne durch kreative Hingabe zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und sie mitgestalten, sagt Waltz. Ein hehres Ziel, gegen das im Prinzip nichts einzuwenden wäre, ob dafür eine 10 Millionen Euro teure vergoldete Einheitsschaukel Anregungen liefern kann, darf aber zu Recht bezweifelt werden. Der leere Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals als Zeichen der von oben erzwungen Einheit von 1871, kann Bühne genug für Menschen sein, die sich in eigener Kreativität das Terrain erobern, um sich letztendlich selbst auf den Sockel zu heben und zum bewegten Bürgermahl zu werden. Diesen starken Raum sinnvoll zu bespielen, hätte für Sasha Waltz ein Denkanstoß sein können, nicht ein weiteres wenn auch wackeliges Monument, wie diese Schüssel voller Einheitsbrei.

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    Modell des gemeinsamen Entwurfs der Choreographin Sasha Waltz und der Stuttgarter Szenografen Milla & Partner für das in Berlin geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal.

    Gegen die ganze Schwere dieses Mahnmals gesamtdeutscher Befindlichkeit nimmt sich das neue Stück „Berlin Elsewhere“ der argentinischen Choreografin Constanza Macras und ihrer Truppe Dorky Park in der Berliner Schaubühne regelrecht leichtgewichtig aus, was aber nicht mit Belanglosigkeit gleichzusetzen ist. Es ist eher die wunderbare Losgelöstheit ihrer Tänzer von früheren Kraftanstrengungen, wie sie noch in „Megalopolis“ die Bühne beherrschten. Das macht diesen Abend so wunderbar locker und leicht, dass es einige Zuschauer bei der Premiere am Mittwoch nach dem Ende selbst nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.
    Es geht wieder um Menschen in großen Metropolen, wobei hier am Anfang auf der Videowand erst mal erklärt wird „Dies ist kein Stück über Berlin.“ Der globale Moloch Großstadt, als Bild für Einsamkeit, Verlorenheit und Gewalt, das war noch in „Megalopolis“ das große Thema, nun geht es um den Wahnsinn, der dadurch im Menschen ausgelöst wird, in all seinen Arten und Darstellungsformen. Und wie das die Tänzer darstellen, ist unbedingt sehenswert. Zu Beginn bewegen sich die Tänzer vor der Kulisse von Schaumstoffhochhäusern noch gemeinsam zu verstörenden Choreografien, bis immer wieder einzelne hervortreten und ihr Geschichte erzählen. Wort und Tanz bilden bei Macras immer eine Einheit. Der Sound wird diesmal von zwei Frauen gemacht, Kristina Lösche-Löwensen und Almut Lustig bedienen kraftvoll das Schlagzeug, virtuos die Violine und andere erstaunliche Saiteninstrumente. Es geht dabei rockig und auch mal klassisch zur Sache.
    Die Geschichten der Tänzer handeln von Ausgrenzung, Anderssein, Verständigungsschwierigkeiten in einer globalen, multilingualen Welt, aber auch von ganz banalen Zivilisationsneurosen, wie Ökoglauben, Gesundheits- und Konsumwahn. Tipps zur gesunden Ernährung stehen neben Tipps zum richtigen Kotzen für Frauen. Der brasilianische Tänzer Ronni Maciel erzählt von seiner Jugend in einer Favela bei Rio de Janeiro. Immer zu weiß für die anderen im Ghetto und zu schwarz für die weiße Gesellschaft. Um nicht schwul zu werden, musste er immer im Badewasser seines Vaters, einem Bauarbeiter baden, geholfen hat es nicht, sagt er und hebt dann im weißen Catsuite zu klassischer Ballettmusik ab. Eine besonders gelungene Szene stellt mit viel Ironie eine herrlich labelverrückten Städterin dar, die ihre von einigen Tänzern dargestellten Designsofas, die Markenstehlampe, Couchtisch und sogar ein Klo umarmt, die Möbel laufen ihr schließlich davon, um in einer gemeinsames Session „Smells like Teen Spirit“ von Nirvana zu spielen.
    Die Tänzer verfallen in wahre Besessenheitsattacken und werfen sich als lauter Egoshooter in eine Orgie auf einer aufblasbaren Riesenhüpfburg, sie karikieren den Unsinn von Einwanderungstests, der Gespaltenheit zwischen ethnischer Herkunft und Staatszugehörigkeit oder dem Integrationszwang. Eine japanische Tänzerin wird als Gartenzwerg dekoriert. Das zerfasert in seiner Vielfalt etwas zum Ende hin, weniger wäre hier oft mehr. Macras versucht das Gezeigte auch immer wieder mit philosophischen Statements zu unterfüttern, der Foucaultzitate z.B. hätte es aber sicher nicht zwingend bedurft. Keine Ahnung, ob Constanza Macras irgendwas vergessen hat, ich mit Sicherheit, aber es blühen halt auch viele Neurosen im Dunkeln. Letztendlich macht sie uns aber klar, dass man alle Probleme gemeinsam überwinden kann. Ob schwul sein, fremd sein oder neurotisch sein, der alltägliche Wahn ist nicht das eigentliche Problem, sondern die fehlende Akzeptanz des anderen. Das alles wirkt in seiner ganzen Vielfalt sicher etwas überladen, Langeweile kommt aber trotzdem nie auf. Mit 1 ¾ Stunden ist der Abend  recht kurz und auch immer kurzweilig. Ihn dennoch in all seinen Facetten zu beschreiben, würde zu weit führen und ihm nicht im geringsten gerecht werden. Also selbst hingehen, gucken, staunen und abheben!