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  • Vom Paulus zur Saulust – Shakespeares „Maß für Maß“ gut abgehangen an der Schaubühne Berlin

    Eine Inszenierung von Thomas Ostermeier in Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen. In den Hauptrollen Burgschauspieler Gert Voss und der Schaubühnenstar Lars Eidinger.

    „Maß für Maß gilt für viele als das philosophischste aller Shakespearischen Werke, es ist zweifellos sein fortschrittlichstes. Er verlangt von den Hochgestellten, daß sie nicht nach anderem Maße messen, als sie selbst gemessen sein wollen. Und es zeigt sich, dass sie nicht von ihren Untertanen eine moralische Haltung verlangen dürfen, die sie selber nicht einnehmen.“ Bertolt Brecht

    Brecht hatte zu Beginn der 30er Jahre in Folge der Weltwirtschaftskrise und des politischen Versagens der Weimarer Republik angefangen, Shakespeares Stück „Maß für Maߓ für eine Aufführung an der Berliner Volksbühne zu bearbeiten. Er gab dieses Vorhaben schnell wieder auf, da er von der Geschichte bereits eingeholt wurde und schließlich sogar noch überholt werden sollte. Er nannte sein neues Stück schließlich „Die Spitzköpfe und die Rundköpfe oder Reich zu reich gesellt sich gern“. Brechts Stellvertreter Iberin, der für kurze Zeit vom Herzog Yahoos die Macht übertragen bekommt, benutzt bereits die Rassentheorien der Nazis, um für die Herrschenden eine neue Ordnung zu errichten, dass jene die Macht aber nicht mehr abgeben würden, ahnte Brecht da noch nicht.
    Man kann Shakespeares Drama „Maß für Maߓ durchaus auch als eine politische Parabel auf die Moral heutiger Politiker lesen. 2001 hat das Claus Peymann, in seiner Inszenierung am Berliner Ensemble mit Hans-Michael Rehberg als Herzog von Wien und Michael Maertens als dessen Statthalter Angelo, getan. In der Rolle der Nonne Isabella war Sylvie Rohrer von der Wiener Burg zu sehen und den falschen Intriganten Lucio gab schließlich Ulrich Matthes. Die unmoralischen Politiker wurden auch gleich im Publikum ausgemacht und Shakespeares sogenanntes Problemstück geriet zur spaßigen Politposse, so dass dabei auch die von Brecht konstatierte Philosophie auf der Strecke bleiben musste.
    Thomas Ostermeier denkt in seiner Inszenierung für die Berliner Schaubühne weder vordergründig philosophisch noch politisch. Er hat sich mit Gert Voss als Herzog Vincentio ebenfalls einen Star aus Wien geholt und ihm den ungewohnt puritanisch von Kopf bis Fuß eingekleideten Schaubühnenstar Lars Eidinger als Stellvertreter Angelo an die Seite gestellt.

    scahubuhne_eidinger-1.JPG Foto: St.B.
    Als Hamlet hat er schon tief im Dreck gewühlt, nun mistet er den Saustall an der Schaubühne aus. Lars Eidinger spielt den Angelo in „Maß für Maß“. (Plakat der Schaubühne am Lehniner Platz)

    Dieser gibt dann auch von Beginn an den Puritaner, wie er im Buche steht. Nachdem Herzog Vincentio seinen Vertreter in die Macht eingewiesen hat und mit viel Wind und Hubschraubergeräusch abgereist ist, greift Angelo sofort zum Wasserschlauch und beginnt im amoralischen Saustall Wien großreine zu machen. Der geschlossene Bühnekasten ist dazu von Jan Pappelbaum goldfarben gekachelt, damit der symbolische Dreck der an den Fliesen haftet auch wirklich runter gespült werden kann. Über der Lasterhöhle Wien schwankt ein großer Lüster, der erst am Boden liegend, dann mit einer echten Schweinehälfte behängt, nach oben gezogen wird. Genauso nackt, nur mit Unterhose bekleidet, liegt der arme Claudio (Bernardo Arias Porras) in der Ecke und weiß nicht, wie ihm geschieht. Franz Hartwig als Aufseher im korrekten Anzug schneidet das Übel aus dem sündigen Fleisch der Sau und Angelo spült es mit viel Wasser hinweg. Die Fleischeslust steht am Pranger, der sittenstrenge Angelo hat Claudio ohne mit der Wimper zu zucken, für sein Vergehen, ein uneheliches Kind gezeugt zu haben, zum Tode verurteilen.
    Ostermeier spult ganz routiniert nach und nach Shakespeares Story des Angelo ab, der von der Macht und der eigenen unterdrückten Sexualität übermannt, zum Lüstling und blutig berechnenden Erpresser wird. Er streicht geschickt die Hälfte des lasterhaften Wiens heraus und legt dem Rest die Neuübersetzung von Marius von Mayenburg in den Mund. Die ist mal sehr nah am alten Text und dann wieder, vor allem in der Person von Stefan Sterns Lucio, schwatzhaft und platt obszön. Stern gibt hier den Lotterbuben und vorlauten Strizzi mit Sonnenbrille, was ihn schließlich mit dem inkognito als Beichtbruder zurückgekehrten Vincentio in Konflikt bringen wird. Den Intriganten hatte er als Jago in Ostermeiers Othello schon mal besser drauf. Raum nimmt hier aber vor allem die Begegnung zwischen Angelo und Isabella (Jenny König) ein. Als reinweiße Unschuld in Person tritt ihm nun die angehende Nonne und Schwester des Verurteilten gegenüber und bittet um dessen Leben. Den so, von ihrem Anblick, aus der Tugend-Bahn geworfene Angelo, lässt das nicht lange kalt. Eidinger spielt diese Wandlung aber fast ohne Regung, alles scheint erst an ihm abzuperlen, bis es ihn innerlich fast zerreißt. Je mehr Isabella verzweifelt auf den Knien ihre Tugend verteidigt, um so überzeugter wird Angelo von seiner Tat, eine Nacht für das Leben ihres Bruders zu fordern. Allerdings macht Ostermeier nichts aus dem Zwiespalt zwischen Tugend und Mitleid für den Bruder bei Isabella einerseits und Moral und Lüsternheit bei Angelo andererseits. Der verhinderte Moralapostel zerrt die Tugendfeste schließlich unvermittelt auf die Schweinehälfte.
    Gert Voss als verkleideter Mönch begibt sich ins muntere Intrigenspiel und hat sichtlich Spaß daran. Dem armen Sünder Claudio erklärt er im Kerker die Vergänglichkeit des Lebens und bezeichnet ihn als Narren, der vergeblich dem Tod zu entgehen versucht und ihm dadurch doch geradewegs entgegen rennt. Die Schweinehälfte dient ihm hier als anschauliches Vanitassymbol. Shakespeares leicht ironische Lebenskunde wird bei Voss zum bedeutungsschwangeren Vortrag am halben Schwein. Das war es dann aber auch schon mit der schönen Philosophie, ansonsten gibt es noch nette Renaissance-Musik mit Trompete und Gitarre, die bezaubernde Carolina Riano Gómez singt anrührend dazu. Gert Voss gibt weiter den Gönnerhaften und spielt den Rest des Ensembles auch  noch mit verstellter Stimme locker an die Wand. Ansonsten ist das ein schauspielerisch merkwürdig zurückgenommener Abend, in dem immer mehr die Bilder und Einfälle des Thomas Ostermeier die Regie übernehmen. Dazu gehören noch das Absägen des Schweinekopfes, als Attrappe für den unerbittlichen Angelo und die Idee, seine einst wegen verlorener Mitgift verschmähte Verlobte Mariana auch noch vom spindeldürren Bernardo Arias Porras zu verkörpern. Dazu trägt er eine Maske und bewegt sich im blauen Kleidchen spinnenartig über die Bühne. Ganz magisches Orakelwesen, das sich wie das personifizierte schlechte Gewissen an Angelo hängt.
    Nach gut zwei Stunden löst dann der zurückgekehrte Herzog mit großer Geste das Durcheinander nach und nach auf, die alte Macht ist wieder hergestellt. Köpfe wackeln bedenklich und es wird verheiratet, was sonst wohl nicht zusammen gefunden hätte. Die Essenz bei Ostermeier ist, dass man zwischen Macht und eigenem moralischem Anspruch immer ein fehlender Mensch ist und bleibt. Mensch Eidinger hängt sich dazu auch mal kopfüber in den Kronleuchter, nun selbst ganz Fleisch gewordener Sünder und bietet sein Leben auf den Knien an. Tue Buße und es wird dir vergeben werden. Diese Botschaft ist nicht ganz ironiefrei, aber in ihrer Unverbindlichkeit symptomatsich für den ganzen Abend. Shakespeares Parabel über moralisch schwache Politiker und deren Unfähigkeit zu regieren, reduziert sich hier auf die persönliche Schuld eines einzelnen Gestürzten und erinnert so durchaus auch an den Fall Strauss-Kahn, nur dass der im Zeitalter der Medien keinen Herzog mehr zur Vergebung braucht und sich per öffentlichem Fernsehauftritt reinwaschen kann. Nach einem furiosen Hamlet und einem eher wässrigen Othello, reicht es Ostermeier diesmal aus, mit ein klein wenig Ironie und gediegener Schauspielkunst, sich seines dritten Shakespeares in Folge zu entledigen. Der eigentlich im Zuschauerraum sitzende, heutige Souverän, muss sich hier nicht all zu sehr geistig überanstrengen. Er hat ja gerade erst in Berlin seinen Stellvertreter auf Zeit gewählt und nun wieder 5 Jahre Ruhe. Mal sehen, ob wenigstens dabei etwas Zählbares herauskommen wird.

    Paragraph 1

    Die Staatsgewalt geht vom Volke aus.
    – Aber wo geht sie hin?
    Ja, wo geht sie wohl hin
    Irgendwo geht sie doch hin!
    Der Polizist geht aus dem Haus.
    – Aber wo geht er hin?
    usw.
    Bertold Brecht

    Ein Nachtrag siehe hier.

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  • Am Rosa-Luxemburg-Platz schmilzt still ein Eisberg. Ibsen ±0 – Von zweierlei Theaterschlaf

    Im Pavillon neben der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht ein Eisklumpen aus Grönland. Und während er dort so vor sich hin schmilzt, macht derweil Christoph Marthaler in der Volksbühne das Vergehen von Zeit erlebbar. „±0 Ein subpolares Basislager“ heißt seine neue Produktion, die bereits in Grönland selbst und bei den Wiener Festwochen zu sehen war. Der Mensch scheint gefangen in dieser Basis, der Basis seiner Gedanken und Empfindungen. Und so sind auch wir ganz allgemein gefangen oder befangen in unserer Erwartung dieses Abends. Denken ist immer wie ein „Déja-vu“. Als ein „dilettantisches Unterfangen“ beschreibt es der Literaturwissenschaftler Georg Steiner in seinem Essay „Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe“, einer Beschreibung des menschlichen Scheiterns. Marthaler zitiert daraus und es schwebt wie ein pessimistisches Fatum über dieser Inszenierung. Die Menschheit als Tausendfüssler, der vorwärts strebt ohne an den nächsten Schritt zu denken, um nicht in einer selbstzerstörerischen Blockade ins Stolpern zu geraten. „Ein Gedanke, der einen frösteln lässt.“ wie es Steiner formuliert.
    Diese Blockade führt uns Marthaler nun mit diesem Abend über Grönland, schmelzende Gletscher und die Zerstörung der Natur vor. Die Hybris des zivilisierten Menschen, Fortschrittsglauben gegen Tradition, Ignoranz der westlichen Kultur gegenüber den Naturvölkern usw. Es ist auch ein Abend über Vergeblichkeit, die Erkenntnis nichts ausrichten zu können. Man ist in der eigenen antrainierten Gedankenwelt gefangen. Anna Viebrocks Bühnenbild ist so ein Gedankengefängnis, ausgekleidet mit Matratzen, so dass man sich beim vergeblichen Ausbruchsversuch nicht weh tun kann. Und dennoch versucht man es immer wieder, muss es versuchen. Ein Anheben der Stimmen, ein Innehalten, ein Verstummen und wieder Ansetzen zu einem neuen Choral. Es erklingen Beethoven, Mozart, eine Arie aus Puccinis „Madam Butterfly“ im Hundekäfig, Brahms „Deutsches Requiem“ mit „Denn wir haben hie keine bleibende Statt“, Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ und schließlich Procol Harums Song „A wither Shade of Pail“, welcher sich einer eindeutigen Interpretation genauso entzieht wie das Geschehen auf der Bühne.
    Eine bisweilen traurig melancholische Langsamkeit, ganz in bewährter Marthaler-Art, nur dass der Meister der theatralen Entschleunigung diesmal noch einen Gang weiter runter geschalten hat. Und trotz all dem fällt dieser Abend nicht in eine totale Froststarre, sondern hebt sich immer wieder aus der Enge des Raums und erwärmt sich an den großartigen Darstellern, die alles mit einer gewissen Leichtigkeit versehen, die über die volle Distanz der gut zwei Stunden trägt. Man singt, tanzt und spielt Eisstockschießen mit Handys. Es werden Sagen über stürzende Schweizer Gletscher und Texte aus Jorge Luis Borges´ „Sandbuch“ vorgetragen, man lauscht dabei einer knarzenden Stimme aus einem Lautsprecher: „Aber, aber … Es muss doch weiter gehen.“ Oft Stillstand und Wiederholung, aber nie sinnloser Leerlauf auf der Bühne. Ein sanftes Hinüberdämmern in die Marthaler´sche Traumwelt breitet sich im Publikum aus, wobei die einen in den Schlaf der gerechten Ignoranz verfallen, während die anderen hineingesogen werden in den Strudel der eigenen Gedanken und Assoziationen. Der Gletscher tropft hörbar und draußen rollt der Donner eines vorbeiziehenden Gewitters. Oder ist es doch nur der starke Beifall der Erwachten?

    0.JPG Schmelzendes Eis, Herkunft: Grönland. Pavillon der Volksbühne am Rosa-Luxenburg-Platz – Foto: St.B.

    Weitere Vorstellungen vom 14. bis 17. Dezember 2011 sowie vom 28. Februar bis 2. März 2012.

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    Ruhig und bedenkenlos weiterschlafen kann man bei Leander Haußmanns „Suspense“-Veruch über Henrik Ibsen mit dessen psychologisierendem Schuld-und-Sühne-Drama „Rosmersholm“. Ibsens 1887 geschriebenes Drama über den ehemaligen Pfarrer Rosmer und seine verhinderte Liebe zur fortschrittlichen aber geheimnisvollen Rebekka West, leitete sein düster symbolbeladenes Spätwerk ein. Rosmer schwankt zwischen Tradition und modernem Gedankengut. Die Gespräche mit Rebekka geben ihm die Gewissheit mit seinem bisherigen Leben zu brechen. Aber durch Intrigen der verfeindeten Gegenspieler im Ort, Enthüllungen um Rebekkas Vergangenheit und die Tatsache, dass Rosmers verstorbene Frau Beate sich nicht in vermuteter geistiger Umnachtung in den Mühlbach gestürzt hat, sondern durch Rebekka bewußt dazu gedrängt wurde, wird die Beziehung wieder zerstört. Rosmer gibt sich schließlich selbst die Schuld dafür und geht mit Rebekka gemeinsam in den Tod. Diese teilweise recht verquaste Story spannend wie einen Krimi zu erzählen, hatte sich Leander Haußmann für seine Rückkehr an die Theaterbühne vorgenommen.
    Nachdem Haußmann Anfang der 90er Jahre nicht an der Volksbühnen-Wiedererweckung mit seinem alten Kumpel Frank Castorf teilnehmen durfte, tingelte er durch die Theaterprovinz und ging 1995 für fünf Jahre als Intendant ans Schauspielhaus Bochum. Nebenbei drehte er auch einige Kinofilme, wie den mittlerweile zum Kult gewordenen Ostalgiestreifen „Sonnenallee“ und der Westvariante „Herr Lehmann“ nach dem erfolgreichem Roman von Sven Regener. 2000 kam Haußmann schließlich doch noch an die Berliner Volksbühne und inszenierte dort den DDR-Filmklassiker „Paul und Paula“. Mit dem damals debütierenden Fabian Hinrichs in der Hauptrolle, verbreitete er eine fröhliche Lagerfeuerstimmung inklusive Gitarre und jeder Menge Hippieflair. Hinrichs hat sich seither glücklicherweise zu einem gefragten Bühnen- und Filmschauspieler entwickelt. Haußmann zog weiter ans Berliner Ensemble und wuchtete dort zweimal optisch gewaltig Shakespeare auf die Bühne. Im „Sommernachtstraum“ jagte er die verirrten Athener Pärchen durch einen riesigen Märchenwald und im „Sturm“, mit seinem Vater Edzard Haußmann als Prospero, strandete ein riesiger Schiffsbug auf der Bühne. Große Ausstattungen und popige Bühnenshows waren von jeher Haußmanns Markenzeichen.
    Davon ist nun an der Volksbühne nur noch die Ausstattung übrig geblieben. Ein historisierendes Gründerzeitambiente mit Sesseln, Couch und Schrank hat ihm der Filmbühnenbildner Uli Hanisch gebaut. Der Vorhang gibt später den Blick auf eine gewaltige, drehbare Treppenanlage frei. Davor spielt sich das Drama dann auch über drei lange Stunden ab. Der Filmschauspieler Peter Lohmeier, als vom Kinderglauben abgefallener Pfarrer Rosmer, bewegt sich darin als hätte er einen Stock verschluckt. Annika Mauers freidenkende Rebekka West mit Kurzfrisur wurde von Schwiegermutter Doris Haußmann erst in eine rotseidene Robe und später etwas unvorteilhafter in Reformklamotten eingekleidet. So sitzt sie nun die meiste Zeit mit den anderen Beteiligten, wie dem von Ralf Dittrich verkörperten konservativen Eiferer Rektor Kroll, auf der Couch und gibt erst die mitfühlende Naive, bis dann endlich, zäh entrungen, die ganze schlimme Wahrheit über ihre Vergangenheit, Motivation und Triebe ans Tageslicht gezerrt werden.
    Die erste Konversationsrunde zu Beginn hätte durchaus auch im für gediegene Langeweile eigentlich zuständigen Berliner Ensemble stattfinden können, bis dann irgendwann Uwe Dag Berlin als philosophierender Pinkelpenner auftaucht und sich seiner Klamotten entledigt. Ist Rosmers alter Hauslehrer Ulrik Brendel bei Ibsen noch eine tragisch gescheiterte Randfigur, ähnlich einem Dr. Rank in „Nora“, wird er hier zum Running Gag, indem er zum Schluss, nun sichtlich derangiert, noch mal auftaucht, um seinen Trolligen Hampel-Sketch zuende zu spielen. Komplettiert wird der Schrundkrimi noch vom Volksbühnenmimen Axel Wandke, als schmierigem Zeitungsverleger Mortensgárd, der einen Kurzauftritt mit Keksen und Piepsstimme hat und Margit Carstensen als Haushälterin Helseth, die wie ein Gespenst durch die Kulissen geistert und dadurch wenigstens etwas für geheimnisumwitterte Spannung sorgt. Eine große Überraschung ist die Auflösung der Story dann aber zum Schluss nicht mehr. Wie ein Vogel auf dünnen Draht, wie ein Betrunkener in mitternächtlichem Chor stürzt Haußmanns müde Dramaturgie langsam ab. Leonard Cohen säuselt aus den Lautsprechern und Dr. Kroll greift zum Akkordeon und singt Tom Waits. Das unheilvolle Paar steigt schließlich zum Schluss die Stufen zum Steg über den Mühlbach hinauf, dann sind wir endlich frei.
    Leander Haußmann hat die gesamte bürgerliche Ibsenrezeption von Strindberg, Hofmannsthal, über die Psychoanalyse der Rebekka von Freud, bis zum schimpfenden Nietzsche aufgesogen und das Ganze, mit einigen Anleihen beim Krimi, vermischt als lahme Satire, angereichert mit etwas Trash, auf die Bühne gespuckt. Ein Hitchkok oder Chandler wird es trotzdem nicht, fesselnder Suspense sieht anders aus. Hier gerät es zu einer nicht enden wollende Folter. Die stocksteife Teeparty wird zum spannungslosen Ibsen-Exorzismus und Annika Mauer windet sich dazu filmreif auf der Couch. Auf die Couch möchte man nun ebenfalls sinken, hat aber über die gesamten drei Stunden nur den, trotz neuem Bezug, noch immer sehr unbequemen Volksbühnentheatersessel. Es staubt zusehends bei all der Lümmelei und Dümmelei auf der Bühne. Nur Kekse und Tee? Nee!
    Familienprojekte an der Volksbühne stehen, nach dem ebenfalls missglückten Versuch von Clemens Schönborn Dumas „Kameliendame“ mit Verdis Oper „La Traviata“ zu vermischen, unter einem schlechten Stern. Selbst Sophie Rois und Zazie de Paris konnten die lahme Produktion um Suppenwürfel und Brie nicht retten. Die Frage ist, was Frank Castorf mit dieser aus der Not geborenen Idee von vor einem Jahr erreichen wollte. Leander Haußmann hat sich damit sicher keinen großen Gefallen getan und sollte zukünftig besser beim Kino bleiben. Sein nächster Film „Hotel Lux“ wurde übrigens auch schon als sehr verstörendes Tanztheater von Johann Kresnik an der Volksbühne aufgeführt. Bleibt zu konstatieren, dass es schon wesentlich bedeutendere Ibsen-Interpretationen an diesem Hause gab. Von Castorf selbst und von einem ehemaligen Apologeten des großen Meisters. Dieser hat gerade in Leipzig die Flinte ins Korn geworfen und dürfte nun sicher bald in Berlin aufschlagen, um am Portal und dem Theaterschlaf der Volksbühne zu rütteln. Unvergessen zumindest ist Sophie Rois als Helene Alving mit Turmfrisur in Sebastian Hartmanns Gespenster-Inszenierung. Dagegen war Leander Haußmanns Veralberungsversuch von Ibsens „Rosmersholm“ ein Nullsummenspiel. Der Eisberg im Pavillon ist abgeschmolzen, nichts ist davon übrig geblieben und ±0 geht dann auch die erste Runde in der neuen Volksbühnenspielzeit aus.

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  • Schwere Kost dann schließlich noch mit Fallada und Hauptmann zum Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater und an der Schaubühne Berlin. (Teil 2)

    Nachdem man viel über den platten Berliner Wahlkampf gelacht und etwas über Gott und die Welt nachgegrübelt hatte, schoben die Schaubühne und das Maxim Gorki Theater mit Gerhart Hauptmann und Hans Fallada auch gleich richtig schweren und ernsten Stoff nach. Friederike Heller versuchte in ihrer dritten Inszenierung für die Schaubühne die „Einsamen Menschen“ von Hauptmann ins moderne Berlin der intellektuellen Ego-Schooter zu transformieren und Jorinde Dröse, als frisch gebackene Hausregisseurin am Gorki, stieg dann sofort in das hauseigene Dramatisierungsteam von dicken Schwarten der Weltliteratur ein. Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ aus dem Berlin der Nazizeit stand diesmal auf dem Programm.

    schaubuhne-sept-2011.JPG Foto: St. B. – Spielzeitstart an der Schaubühne am Lehniner Platz

    Vergebliche Emanzipationsversuche über Flachwasser – Friederike Heller inszeniert Hauptmanns „Einsame Menschen“ an der Berliner Schaubühne ganz Mitte-tauglich

    „Man kann ohne Liebe Holz hacken, man kann aber nicht ohne Liebe mit Menschen umgehen.“ Leo Tolstoi

    Die quadratische Bühne kreist über trübem Wasser, das sich erst später als recht flach erweisen wird. Vier Drehstühle, darauf sitzen die jungen Vockerats (Eva Meckbach und Tilman Strauß), die Mutter (Ernst Stötzner in Rock und Herrenhemd) und der Maler Braun, Freund der Familie (Christoph Gawenda). Die Studentin Anna Mahr (Jule Böwe) tritt unvermittelt in die Mitte dieser Kernfamilie und wird sie, wie Hauptmann es in seinem Stück von 1891 beschreibt, buchstäblich auseinander sprengen. Da ist also immer eine(r) zu viel aber auch von Vielem zu wenig. Johannes Vockerat ist mit Frau und Familiennachwuchs an den Berliner Müggelsee gezogen, das banale Familienleben ödet ihn an, er fühlt sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit unverstanden. Sein ebenso unentschlossener wie zielloser Freund Braun ist ihm keine wirkliche Hilfe, die Frau Käthe in seinen Augen keine Unterstützung.
    Käthe geht ganz in der Kindererziehung und Hausarbeit auf und ist bei Hauptmann ein farbloses Dummchen. Hier ändert Friederike Heller die Vorzeichen und gibt der sichtlich überforderten, von ihrem Mann in den Alltagsgeschäften allein gelassenen Frau eine Stimme, die sie auch vehement erhebt. In Anna Mahr sieht Johannes die erhoffte, ebenbürtige Figur, die Schwester im Geiste. Die Mutter, bei Stötzner mit viel Ironie versehen, steht zwischen den allgemeinen Emanzipationsversuchen und zeigt die Kraft der religiös bestimmten Familientradition. Sie will den Fremdkörper Anna mit Macht heraustrennen. In Person des Vaters bricht Stötzner dann auch, mit einem direkten Zungenkuss bei der Mahr, den letzten Willen seinen Sohnes.
    Es wird nicht ganz klar, warum Friederike Heller Hauptmanns sehr persönliche Familienaufstellung so gegen den Strich und doch auch sehr traditionell inszeniert hat. Da man das nur sehr schwer ergründen kann, beginnt man sich zwangsläufig etwas zu langweilen. Die Figuren haben keine Tiefe mehr, außer der von Käthe, die an Kontur gewinnt, wo sie bei Hauptmann nur in Tränen zerfließt. Allerdings kann sich Heller auch nicht aus dem Korsett des Stücks endgültig befreien und so sitzt man in der Schaubühne wieder vor einer weiteren Bestandsaufnahme der bürgerlichen Seelenlandschaft, nur dass diese hier wie aus einer anderen Welt zu sein scheint. Nicht dass es diese Menschen nicht heute genauso gäbe, aber in Zeiten der Patchworkfamilien wird niemand, und vor allem kein Mann, wegen Orientierungslosigkeit ins Wasser gehen. Der Mann hat schon lange seine Stellung als Familienoberhaupt eingebüßt und sucht nach neuen Bewährungsfeldern.
    Intellektuelle Defizite beim potentiellen Partner sind heute ja eher ein Grund erst gar keine Beziehung oder sogar eine Ehe einzugehen. Bleibt das Familienproblem mit Kindern und Haushalt. Das stellt Heller ja auch interessanter Weise in den Vordergrund. Nur kommt es einem trotzdem vor, als würde sie hier von Ihren Eltern erzählen, wie Jorinde Dröse das am Maxim Gorki Theater mit Ibsens „Nora“ gemacht hat. Heute würde die Konstellation von Hauptmann spätestens nach dem 4. Akt auseinander fliegen und man würde sich im Rest des Stückes mit den jeweiligen Anwälten um das Sorgerecht streiten. Bleibt noch ein Punkt, der vielleicht von Interesse wäre, gibt es eine platonische, rein freundschaftliche Beziehung zwischen Mann und Frau? Auch nicht gerade ein neues Thema. Liebe scheint es ja nicht zu sein, was Johannes und Anna zusammen treibt, sondern eher die gemeinsamen Interessen und mangelnde andere Möglichkeiten.
    Der verhinderte Schöngeist Johannes kann mit irdischen Problemen nichts anfangen und klammert sich an diese, ihm einzig ersterbenswerte Möglichkeit, dem Alltag zu entrinnen. Welche Motive Anna hat, bleibt völlig unklar. Es scheint, als ob sich das Inszenierungsteam nicht einig war, welche Themen hier eigentlich bearbeitet werden sollten. Der Verweis auf den Russischen Realisten Wsewolod M. Garschin, einem Vorbild von Gorki und Tschechow, mit der Erzählung „Künstler“ im Programmheft, läßt das vermuten. Hauptmann kannte die Russischen Schriftsteller und Dramatiker auch. Er war wiederum ein Vorbild für Anton Tschechow. Es wirkt wie ein Fehlgriff im Bücherregal, anstatt Tschechow zieht man Hauptmann heraus und versucht das krampfhaft zu kaschieren. Die Leichtigkeit der letzten Inszenierungen von Friedrike Heller an der Schaubühne geht ihr bei diesem schwierigen Thema völlig verloren. Viel Gerede und Getue und am Ende ist einer tot. Dazu klimpert es noch ein wenig von Michael Mühlhaus´ Flügel her. Das Ganze ist wie Planschen im nebulösen Flachwasser, allerdings auf schauspielerisch recht hohem Niveau.
    Das Stück entpuppt sich schließlich als sehr resistent gegen Hellers Tranformationsversuche ins Heute. Es zeigte auch ursprünglich die Unfähigkeit der Emanzipation von Mann und Frau in der Übergangszeit der Jahrhundertwende. Johannes ist noch nicht fähig sich den tradierten Rollenvorgaben seiner Eltern zu entziehen. Er sucht einen Partner im Geiste und da er ihn nicht in seiner Frau zu finden vermag und in Anna nicht finden darf, geht er zu Grunde. Hauptmann war außerdem kein Verfechter der Frauenemanzipation wie vielleicht Ibsen. Die einzige Emanzipation die er seinen Frauenfiguren und übrigens auch seinen eigenen Frauen zugestand, war die Verwirklichung an der Seite ihres Mannes. Käthe soll sich für die Arbeit ihres Mannes interessieren, um so ihren Horizont zu erweitern. Anna Mahr ist hier auch kein Idealbild einer emanzipierten Frau, sondern eher ambivalent. Einerseits selbständig und frei, anderseits sucht sie eine emotionale Bindung und glaubt, diese in der Familie Vockerat gefunden zu haben. Das sind Widersprüche wie sie gerade auch jetzt wieder in der anonymen Großstadt auftreten. Vielleicht will Friederike Heller ja gerade das zeigen. Die Unfähigkeit des modernen Menschen auf die Befindlichkeiten des anderen einzugehen. Alles einsame Egos eben, immer fehlt irgendetwas zur eigenen Selbstverwirklichung.

    „Heil Hitler! Herr Nachbar.“ Jorinde Dröse karikiert Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ am Maxim Gorki Theater

    Nachdem mit „Kleiner Mann – was nun?“, „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, „Der Trinker“ und „Bauern, Bonzen und Bomben“ Falladas Werke schon mehrfach für das Theater adaptiert wurden, hat der vom Staatsschauspiel Dresden kommende Dramaturg Jens Groß eine neue Theaterfassung des Romans „Jeder stirbt für sich allein“ für das Maxim Gorki Theater geschaffen. Unter seiner Mitarbeit entstand schon gemeinsam mit Armin Petras eine Adaption des Dresden-Romans von Uwe Tellkamp „Der Turm“. Das Gorki wird sich in dieser Spielzeit wieder mit dem Erzählen von Geschichte beschäftigen und dabei vorrangig Geschichtsräume durchstreifen. Im Vordergrund steht hier der Stadtraum Berlin selbst und dessen Menschen. Der Hausherr Armin Petras wird sich noch im September mit Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ befassen.
    Um zwischenmenschliche Defizite geht es auch in „Jeder stirbt für sich allein“, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen als bei der Inszenierung „Einsame Menschen“ an der Schaubühne. Hans Fallada beschreibt in seinem Roman auf sehr drastische Weise, die Zustände unter den kleinen Leuten in der Zeit des Dritten Reiches in Berlin. Voll Unbehagen spricht er beim Schreiben von „… der völligen Trostlosigkeit des Stoffes … ein von vornherein aussichtsloser Kampf, Verbitterung, Hass, Gemeinheit, kein Hochschwung.“ Für diesen Schwung will nun Jorinde Dröse in ihrer neuen Regiearbeit am Gorki sorgen. Und genauso beginnt die Inszenierung auch, indem Julischka Eichel als Postbotin Eva Kluge auf der Stelle rennt und den Leuten im Haus des Ehepaars Quangel die Post bringt. Vom ständig „Heil Hitler!“ brüllenden Persicke mit passendem Bärtchen (Robert Kuchenbuch) bis zur alten und völlig verstörten Jüdin Rosenthal (Matti Krause) werden die Bewohner im Schnelldurchlauf vorgestellt.
    Otto, der Sohn von Anna und Otto Quangel ist gefallen, diese Botschaft ereilt sie 1940 in der allgemeinen Euphorie des Frankreichfeldzugs. Selbst bisher bedenkenlose Mitläufer, reift nun bei ihnen, infolge der Trauer, der Wille etwas tun zu müssen. Sie schreiben Postkarten, in denen sie das menschenverachtende Hitlerregime anklagen. Ruth Reinecke und Andreas Leupold spielen die Beiden eher ruhig, ohne große Gesten, ganz im Gegensatz zu den andren Figuren, die schnell und schrill hinkarikiert werden. Sieben Schauspieler teilen sich die 22 Rollen. Das erinnert immer wieder an Jan Bosses Version von Günter Grass´ „Blechtrommel“, in der auch sieben Schauspieler eine Beziehung zur Hauptfigur des Romans suchten. Hier sind sie meist nur Chargen ohne greifbare Konturen. Einzig zwei Figuren haben längere Auftritte, um einen Charakter entwickeln zu können. Ottos Verlobte Trudel (Julischka Eichel) erst Mitglied in einer Kommunistischen Widerstandszelle, dann auf der Suche nach dem privaten Glück und der Zuhälter Enno Kluge (Albrecht A. Schuch), ein durchtriebener Schlawiner, der letztendlich aber auch Opfer eines Systems wird, dem er mit seiner Bauernschläue nicht gewachsen ist. Alle anderen toben immer wieder schreiend und wild gestikulierend an der Bühnenschräge auf und ab, oder fallen schließlich tot ins Aus.
    Was Fallada auf 700 Seiten langsam entwickelt, handelt Jorinde Dröse in gut zwei Stunden ab. „Brot und Arbeit“ die Nazi-Parole der 30er Jahre steht über der Bühne auf Plastikvorhängen, die runtergerissen im Hintergrund den Blick auf die Fragmente des Wortes „Freiheit“ freigeben. Die Zusammenhänge dazwischen bleiben vage, in nur wenigen Szenen treten die Quangels gegen die Mitläufer, Denunzianten und Vertreter des Systems an. Michael Klammer gibt die Travestie einer blonden SS-Gattin und ihren Ehemann dazu und darf sich dann noch als sadistischer Obergruppenführer Prall austoben, der dem erfolglosen Kommissar Eschrich (Robert Kuchenbuch) ein Waterboarding verpasst und als besondere Foltermethode zum Schlagzeugsoli dessen Kopf in die Trommel legt. Fallada selbst war die Düsterkeit und Darstellung der Gewalt in seinem Buch unangenehm und er versuchte sich dafür zu entschuldigen, es wäre eben so gewesen. Das wie immer spielfreudige Gorki-Ensemble müht sich tapfer, diese Drastik darzustellen, kann aber so, außer der Bilder, keine wirkliche Haltung zum Roman finden.
    Das Ende wirkt dagegen wieder eher unspektakulär, nach der Denunzierung werden die Quangels festgenommen, den Prozess und die Hinrichtung spart Jorinde Dröse aus. Die ambivalente Figur des Kammergerichtsrats Fromm, der Otto Quangel während des Prozesses eine Zyankalikapsel zuspielt, bleibt dadurch bei Robert Kuchenbuch eher blass. Es gibt dafür einen Ausblick auf ein Was wäre wenn. Julischka Eichel und Michael Klammer stehen als junges Paar Trudel und Karl an der Rampe und sinnieren darüber ob man nicht etwas tun müsse, es darf nur kein Risiko dabei sein. Die Frage des Gewissens neu aufgeworfen, nur dass der eigentliche Bezug dazu in dieser knalligen Inszenierung irgendwie verloren gegangen ist. Man kann zur Abwechslung auch Falladas Roman wieder lesen. Er ist in diesem Jahr in ungekürzter Fassung beim Aufbau Verlag neu erschienen.

    Erschienen im Aufbau Verlag. fallada.jpg
    Gebunden mit Schutzumschlag, 704 Seiten, 19,95 €.

    Die Fallada-Zitate sind dem Nachwort von Almut Giesecke entnommen.

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  • Spaßiges Polit-Kabarett und Satire-Theater zum Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater und an der Schaubühne Berlin. (Teil 1)

    Die Spielzeitpause der Theater in Berlin ist seit gut einer Woche beendet und da sich auch die Open-Air-Aktivitäten dem Ende zu neigen und wegen andauernd schlechtem Wetter kaum noch jemanden hinter dem häuslichen Ofen hervorzulocken vermochten, drängt der zunehmend gelangweilte Bildungsbürger wieder in die moralischen Anstalten der Stadt. Und nichts anderes erwartet er dort, als, entsprechend dem allgemeinen Bildungsauftrag, umfassend aufgeklärt zu werden. Dem Bestreben kommen das Maxim Gorki Theater und die Schaubühne dann auch gleich nach, indem sie Staat und Religion, schön getrennt von einander versteht sich, zu verstehen versuchen. Im Gorki hat sich dazu Rainald Grebe, der Entertainer der informationshungrigen Städtebewohner schlechthin, den Berliner Wahlkampf vorgenommen und in der Schaubühne sucht die israelische Regisseurin Yael Ronen mit ihrem Team die Superreligion, oder was davon am jüngsten Tag übrig bleibt.

    „Völker, schaut auf diese Stadt“ – Rainald Grebe zieht den Berliner Wahlkampf durch den Kakao, belässt den wahlmüden Bürger aber in seiner wohligen Lethargie.

    „Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat.
    Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“

    Vicco von Bülow alias Loriot

    Ja wo wo hängen Sie denn? dsc04637.JPG
    Renate Künast in Schieflage. Foto: St. B.

    Die Wahrheit ist es, die im Wahlkampf zuerst verloren geht, so klärt uns Rainald Grebe zu Beginn seiner Wahlkrampfparty im Maxim Gorki Theater auf. Wer also Leichen ausgraben will, muss in den Keller steigen. Die Bühne gleicht dann auch einer abgewrackten Wahlkampfzentrale aus dem Berliner Untergrund. Statt Waldbühne nun Wahlurne und so pflügt dann Grebe auch die Berliner Lokalpolitik mit dem Phrasenmäher unter die Grasnarbe der Glaubwürdigkeit.
    Die größte Schuld die sich der moderne Mensch aufladen kann, ist die Uninformiertheit, sagt der Schauspieler Wilhelm Eilers, den sich Grebe neben dem Quatsch-Comedy-Club-Comdian und berlinernden Dauernuschler Hans Krüger zur Verstärkung geholt hat. Ursprünglich war auch noch die Schauspielerin Sabine Waibel dabei, doch sie hat wohl das Wahlkampffieber dahingerafft und so wird der Abend zur Three Man Show, immer dem Skandal und der Wahrheit dahinter auf der Spur. Mit den nötigen Informationen versorgt uns dann das Qualkampfteam auch gleich ausführlichst. Was man schon immer über die Politiker wissen wollte, sich aber lieber nie zu fragen wagte, hier und jetzt muss man es erfahren. Wahlen bestehen zu aller erst mal aus Zahlen, Wahlberechtigte, Wahlbeteiligung, Wahlbezirke und alle bisher in Berlin regierenden Bürgermeister, Ost wie West. Zahlen, Namen und Fakten, Rainald Grebe hat sie alle. Hans Krüger krakelt dazu wirre Diagramme auf einen Polylux und legt Fotos aus vergangenen Zeiten auf. Spätestens aber als Grebe einen dicken Packen mit den Wahlkampfprogrammen aller zugelassenen Parteien auf den Tisch knallt, möchte einem Hören und Sehen vergehen.
    Aber es kommt doch noch anders, nach einem kurzen Exkurs in die kuriosen Gedankenwelten der Berliner Pogoanarchisten, die Berlin in drei Zonen aufteilen wollen, muss der Zuschauer nicht etwa an eine Biernotsäule angeschlossen werden, sondern bekommt jetzt reinen Wein eingeschenkt. Dem Volk aufs Maul geschaut, heißt die nächste Spielrunde, die Grebe, Krüger und Eilers jetzt einläuten. Das spielen die drei nun mit Handpuppen durch und es treten ein rasender Reporter – „Mach ick dir, mach ick dir.“ – ein Ostberliner Imbissbudenbesitzer und ein Westberliner Rentner auf. Das erinnert an Kermit und die Muppettshow, der (n)ölige Witz ist aber zäh und vorhersehbar, jeder bekommt seine Klischees bestätigt. Die Heiterkeit im Publikum kennt keine Grenzen und Grebe und Eilers setzten mit Redeparodien von Renate Künast und Klaus Wowereit noch einen drauf.
    Es werden dann noch die Büros für die Werbekampagnen der großen Parteien vorgestellt. Zwei sogenannte Spin-Doktoren reden blasiert und mit verzerrter Stimme hinter einem Vorhang über ihre großen Erfolge, ein tatsächlich entlarvender Bericht, auch ohne passendes Gesicht dazu. Die großen Themen im Berliner Wahlkampf entpuppen sich in Wirklichkeit als lokale Befindlichkeiten und der Wutbürger von K21 bis zum Müggelsee ist das wahre Stimmungsbarometer. Die „neue“ FDP darf natürlich nicht fehlen, aber selbst mit dem Slogan: „Erst brennen die Autos und dann…“ kann Hans Krüger als Puppenwahlkämpfer mit FDP-Fähnchen niemanden erschrecken. Ein schräges Panoptikum des Berliner Wahlvolks defiliert an ihm vorbei.
    Grebes Fazit ist schlussendlich, sich lieber aus der Politik fern zu halten und unabhängiger Künstler zu bleiben. Festlegen, wem er nun seine Stimme gibt, will er sich also nicht. Ich plädiere da dann auch eher für mein verbrieftes Recht auf Rausch und mehr und besseren Sex, die Pogos haben mich überzeugt. Vielleicht lässt sich auch noch eine vierte Zone einrichten, für all zu ulkige Wahlentertainer. Ich schlage das Berliner Olympiastadion vor. Wer da seinen Wahlsieg feiern kann und ob Rainald Grebe dann wieder mit dabei ist, wird man spätestens am 18.09. sehen. Aber wahrscheinlich fährt dann wieder halb Berlin ins Grüne und geht abends ins Maxim Gorki Theater, um sich zu informieren, wer sie die nächsten 5 Jahre zum Besten halten wird.

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    Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? – Ein ironisch fragender Blick in die Zukunft der Menschheit von Yael Ronen und ihrem Team. „The Day before the last Day“ an der Schaubühne Berlin

    Die letzte Inszenierung von Yael Ronen „Dritte Generation“, die zum Beginn der Spielzeit an der Schaubühne noch mal gezeigt wurde, endete in einem wilden Getümmel unter den Mitwirkenden. Die jungen Schauspieler aus Israel, Palästina und Deutschland konnten sich nicht einig werden, über das Problem eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Palästinensern und die Deutschen, die noch mit ihrer eigenen Geschichtsbewältigung haderten und schon wieder klug mitreden und in diesem Konflikt vermitteln wollten. Es wird wieder so kommen in der neuen Zusammenarbeit der Truppe unter Leitung der israelischen Regisseurin. Auch in „The Day before the last Day“ drängen alle Beteiligten zum Ende hin fluchartig aus dem Saal. Sie haben kein Patentrezept zur Beantwortung der vorher aufgeworfenen Fragen des Zusammenhangs zwischen weltlichen Konflikten und der Religion gefunden. Jeder glaubt im Besitz der einzigen bestimmenden Wahrheit zu sein und will diese Botschaft in die Welt tragen. Das eine wie das andere Ende ironisiert auf gewisse Weise die Unfähigkeit der Menschheit zum Dialog. Wie so ein Dialog aussehen könnte, versucht die gemischte Theatergruppe nun schon seit Jahren vorzuleben, mit allem Für und Wider. Das ist die einzige zwingende Botschaft, die auch von diesem Abend bleiben wird.
    Es ist ein ater Hut, dass immer wieder davon gesprochen wird, dass sich die Menschheit alle paar Jahre an der Schwelle von bedeutenden geschichtlichen Umwälzungen befindet, oder sogar das Ende der Welt bevorsteht. Auf ironische Weise versucht Yael Ronen mit einem gefakten Powerpoint-Vortrag eines angeblichen israelischen Futurologen die Entstehung und genaue Voraussage von Kriegen wissenschaftlich zu erklären. Das geht natürlich schief. Tatkräftig von einem als Jesus kostümierten Darsteller sabotiert, stürzt dessen gutgemeinte Hilfe die Präsentation schließlich vollends ins Chaos. Niels Bormann, der sich in der Rolle des christlichen Messias blamiert, wird dann durch Stromschlag außer Gefecht gesetzt und will, wieder erweckt, als Botschafter aller Weltreligionen agieren. Eine wiederum ironisch gemeinte Phantasie, eine unerfüllbare Utopie, wie sich schnell herausstellt.
    So richtig ernst wird der Abend nie. Der neu erweckte Guru Bormann fordert alle auf, sich an der Händen fassen und ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln und es gibt eine Umfrage im Publikum zu persönlichen Vorlieben, um eine Präferenzen für eine bestimmte Religion zu bestimmen. Religion im Sonderangebot aus dem Katalog? Schnell kommen die jungen Leute auf der Bühne zu der Erkenntnis, dass man sich seine Religion nicht einfach so aussuchen kann, sondern zumeist in einer traditionell anerzogenen Zugehörigkeit zu einer Religionsgruppe feststeckt. Die Eltern werden aus Israel zugeschaltet und deren Vorurteile, ethnischer und religiöser Art, gegen Juden und Moslems stürzt die jungen Schauspieler wieder in die allgegenwärtigen Konflikte. Es ist nicht leicht, sich den Traditionen zu entziehen, will man an der Religion festhalten. Eine peinigliche Befragung mit anschließendem Exorzismus und ein unfreiwilliger Verhedderungstanz beim Versuch sich einer Burka zu entledigen, führen die inneren Kämpfe der Mitwirkenden bildlich vor.
    Zur Bebilderung von religiösem Wahn und Extremismus von allen Seiten werden Fotosequenzen und Ausschnitte aus YouTube-Videos vorgeführt und nachgespielt. Die typischen Bilder von Islamisten, dem christlichen Kreuzfahrer Anders Behring Breivik, religiöser Erweckungsquatsch, Homophobie und andere Hasstiraden rauschen an uns vorüber. Das ist als Erklärung dafür allerdings zu dünn. So lange Religionsauffassungen vom extremen Rand her interpretiert werden, wird es auch zukünftig Konflikte geben. Die innere Zerrissenheit der Schauspieler und ihre Ängste selbst Opfer der religiösen Wahns zu werden, verdeutlichen das nur zu gut. Ein anschauliches Beispiel wird gleich noch geliefert. Nachdem Niels Bormann kurzzeitig verschwunden war, kommt er mit blutiger Bauchwunde wieder in den Saal. Er ist auf Abwegen im Theater in die Hamletvorstellung nebenan geraten und versehentlich als Polonius vom dänischen Extremisten Hamlet erstochen worden. Der Messias ist also tot und die Jünger zerstreuen sich. Vielleicht hätte sich Yael Ronen mal lieber mehr um die Ursachen der Kriege, die im Zeichen des Gottes Mammon geführt werden, kümmert sollen, anstatt die allgemeine Ratlosigkeit zu bebildern. Das hätte dem Abend vielleicht eine nachhaltigere Denkrichtung geben können. Aber so, bei aller schönen Ironie, weiterhin große Sprach- und Geistesverwirrung.

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  • Winterreise? Andreas Kriegenburg inszeniert Elfriede Jelinek am DT mit fünf Quasselstrippen auf einer Klatschmohnwiese

    Mit einem langanhaltenden Kiekser beendet Anette Paulmann als Leiermann diesen leider ebenso langatmigen Jelinek-Abend, der gestern am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte. Kaum einen Kiekser mehr ist diese dreistündige Inszenierung des DT-Hausregisseurs Andreas Kriegenburg dann auch wert. Es ist noch nicht all zu lange her, dass die Kammerspiele München mit der „Winterreise“ in einer Inszenierung von Intendant Johan Simons hier zu Gast waren. Auch wenn er mit der Uraufführung des in Mülheim preisgekrönten Stückes von Elfriede Jelinek keinen wirklichen Volltreffer landen konnte, muss sich Kriegenburg nun wohl oder übel daran messen lassen.
    Keinen kahlen unwirtlicher Raum, wie bei der Aufführung im Rahmen der Autorentheatertage im Juni, sondern eine Blumenwiese, gepflanzt von Nikolaus Frinke, ist auf der Bühne zu sehen. Hier wandeln fünf elfengleiche Wesen (Judith Hofmann, Annette Paulmann, Maria Schrader, Anita Vulesica  und Susanne Wolff) zunächst mit Wanderrucksäcken und im Nachthemd umher und sagen ihren Jelinektext auf. Die Musik aus Schuberts Liederzyklus klingt im Hintergrund und trennt die einzelnen Szenen voneinander. Zu Beginn und während der Aufführung spielt Maria Schrader immer wieder einige Akkorde aus der Winterreise auf einem Flügel. Sie ist dabei regelrecht ans Klavier gefesselt und wird auch mal mit Packband daran festgeklebt. Schrader schlägt sich dabei auf die Hand und macht dazu devote Verbeugungen. Elfriede Jelinek hat seit dem sechsten Lebensjahr selbst Klavier gespielt, diese Art von Selbsterniedrigungen sind aus ihrem Buch „Die Klavierspielerin“ und dem gleichnamigen Film von Michael Haneke bestens bekannt.
    Die am Anfang des Stückes stehenden und von Heideggers „Sein und Zeit“ beeinflussten Textpassagen des Wanderers sind auf alle fünf Schauspielerinnen verteilt, man wechselt sich beim Sprechen ab und tummelt sich dabei geschäftig auf der Wiese. Die gestopfte Hypobankbraut ist gestrichen, es geht sofort mit der Kampuschstory und fünf schnatternden Klatschweibern weiter. Zu den folgenden recht expliziten Texten um Sex und unerfüllte Liebe, verletzen sich die Schauspielerinnen immer wieder symbolisch selbst, spielen mit Messern, Hackklötzen und Scheren. Annette Paulmann knüpft sich sogar eine Scherenkrone und Anita Vulesica deutet Verletzungen im Genitalbereich an. Kriegenburg wählt bewusst diese überdeutlichen Bilder, pathologisiert damit aber auch das Stück samt Autorin. Nicht etwa das Elfriede Jelinek nie ihr Innerstes in provozierender Art und Weise nach außen gekehrt hätte, aber hier werden fertige Klischees ausgestellt. Kriegenburg traut der Assoziationskraft des Zuschauers nicht und bebildert den eh schon starken Text eins zu eins.
    Nach der Pause wird es dann aber richtig peinlich, wenn Maria Schrader in eine Anzugszwangsjacke gesteckt, mit gebrochener Stimme den dementen Vater der Jelinek mimen muss. Sie befreit sich zwar nach einiger Zeit wieder aus diesem Korsett, dafür tapern jetzt die anderen vier, als senile alte Männer verkleidet, über die Wiese und stecken die Schrader schließlich auch noch in ein Gitterbett. Wo Simons in seiner Inszenierung Kitsch weitestgehend vermieden hat, greift Kriegenburg mit beiden Händen mitten hinein. Erst am Schluss bekommt der Abend wieder ein paar kräftigere Szenen, wenn die Damen immer wieder im Wechsel an die Rampe treten und sehr selbstbewusst und gar nicht larmoyant die Leiermannklage anstimmen. Da ist es aber bereits zu spät, um diesen Abend noch zu retten. Was wollte uns Elfriede Jelinek eigentlich gleich noch sagen? Egal, es hört ja ohnehin kaum jemand zu. Was wirklich bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack und eine bittere Enttäuschung mehr am DT.

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  • Maria & Elisabeth – In der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße läßt das aufBruch Gefängnistheater Schiller, Schleef und die Systeme aufeinanderprallen

    Das Lied von der Moldau

    von Bertolt Brecht

    Am Grunde der Moldau wandern die Steine
    Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
    Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
    Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

    Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
    Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
    Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
    Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt

    Am Grunde der Moldau wandern die Steine
    Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
    Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
    Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

    (Lied aus dem Stück „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“, Musik von Hans Eisler)

    Nachdem Peter Atanassow, der Regisseur des aufBruch Gefängnistheaters, bereits im letzten Jahr an der Museumsinsel mit Kleists „Penthesilea“ Machtstrukturen, Ideologien und Geschlechterkampf untersucht hatte, stellt er im 50. Jahr des Mauerbaus den Kampf der Systeme zwischen Ost und West in den Mittelpunkt seiner Inszenierung „Maria & Elisabeth“ nach Friederich Schiller. Was könnte Schillers Drama „Maria Stuart“ mit den sich bis 1989 an der Berliner Mauer direkt und antagonistisch gegenüberstehenden Weltanschauungen zu tun haben? Es sind die beiden Hauptfiguren, die bei Schiller in einem Kampf der Religionen um die Macht und die bedingungslose Durchsetzung der Staatsraison aufeinanderprallen. Zwei Königinnen im ungleichen Wettstreit um die Krone und die allumfassende Wahrheit.

    aufbruch-mariastuart.jpg Das Stück läuft noch bis 11.09.

    Das England zur Elisabethanischen Zeit war im Glaubenskrieg zwischen der katholischen, dem Papst ergebenen und der protestantisch anglikanischen Kirche tief entzweit. Das manifestierte sich in den beiden Königinnen von Schottland und England, Maria und Elisabeth. Maria Stuart, von protestantischen Adligen aus Schottland vertrieben, sucht Schutz bei ihrer Cousine Elsabeth I. von England und wird wegen Hochverrats festgesetzt, da sie ihrerseits zum Idol von katholischen Verschwörern geworden ist und Elisabeth um ihre Macht fürchtet. Soweit ist die Parallele zum Kampf der beiden Systeme im Kalten Krieg in Europa nach dem 2. Weltkrieg zutreffend. Um das zu untermauern, schiebt Atanassow immer wieder Textfragmente von Einar Schleef aus seinen Tagebüchern zwischen 1981 und 1998, den Stücken sowie Passagen aus dem gerade erschienen Buch „Ich habe kein Deutschland gefunden“, mit Texten und Mauerbildern von Einar Schleef zwischen die Handlung.
    Das Freigelände im ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße ist von beiden Seiten mit Mauerteilen und Zäunen begrenzt, es sind etliche Betonschwellen zu einem Podest aufgeschichtet, ein Gitterrostweg geht von vorn bis zu einem kleinen Hügel nach hinten. Nachdem es dunkel geworden ist, leuchten viele rote Grabkerzen im Hintergrund. Die Weite des Platzes suggeriert Offenheit, wirkt gleichermaßen aber auch bedrückend. Die MitspielerInnen des AufBruch-Teams sind in schwarze Anzüge gekleidet, Elisabeth tritt in weiß aus ihnen hervor, Maria ist schwarz gewandet. Die Rollen der Königinnen sind, wie oft bei aufBruch, mit mehreren Darstellern besetzt. Die Aufführung beginnt aber mit einem Auszug aus Einar Schleefs Stück „Lange Nacht“, in dem die Mutter zweier aus der DDR geflohener Brüder, den beiden, bei ihrem ersten Besuch im Westen, bittere Vorwürfe macht. Der Vater ist bereits tot und auch die Mutter wird zum Schluss sterben. Einar Schleefs zwischen Ost und West zerrissene Biografie schlägt sich auch in diesem letzten Stück nieder. Seine Schuldgefühle treiben ihn durch sein gesamtes Werk, die Mutter Gertrud verewigt er in einem 2-bändigen Roman mit über 1000 Seiten.
    Elisabeth regiert ein geteiltes Land, sie kann sich nicht sicher sein, zwischen ihren karrieristischen Ratgebern. Diese versuchen sie zu manipulieren und für sich einzunehmen, wo sie nur versucht das Land zu einen. Das aber tut sie mit harter Hand. Marias Weiblichkeit und ihrer vermeintlich moralischen Überlegenheit der Unterdrückten, begegnet sie, trotz leiser Zweifel, letzendlich mit einer fast unerschütterlichen Gewissheit, das Richtige zu tun. Das als Metapher für den Kalten Krieg und das geteilte Deutschland zu verstehen, funktioniert trotzdem nur bedingt. Atanassow braucht die Texte Schleefs mit all ihrem Zweifel und Pessimismus den Deutschen gegenüber, um hier die richtigen Assoziationen zu wecken. Die Tagebucheinsprengsel vermitteln das auf eindrucksvolle Weise.
    Aus dem psychologischen Kammerspiel Schillers wird so ein Kampf um die richtige Weltanschauung. Die Figuren sind stark überzeichnet, Burleigh ganz der ideologische Einpeitscher, Shrusbury als mäßigende Kraft ohne Einfluss und schließlich Leicester als der wendige Karrierist, alles Charaktere, wie es sie auf beiden Seiten der Mauer zu hauf gab. Dazu kommen das Fußvolk wie Paulet, der ehrliche Parteisoldat und sein Neffe Mortimer als der ideologisch Verführte. Maria wird für den verblendeten Mortimer zum Ideal, dem er sein Leben opfern will, ob ihr das recht ist oder nicht. Er hat sich in diese Idee verbissen und fordert Maria auf, sich diesen heeren Zielen zu stellen, koste es was es wolle. Sie kann sich den Avancen des eifernden Mortimers im wahrsten Sinne des Worten kaum noch erwehren.

    kapelle-der-versohnung.JPG Kapelle der Versöhnung auf dem Gelände der Mauergedenkstätte – Foto: St. B.

    Die Begegnung der gegensätzlichen Überzeugungen, in Person der beiden Königinnen, eigentliches Zentrum von Schillers Drama, findet unter großem Auflauf, fast wie ein Staatsakt statt. Maria, erst gedemütigt auf ihren Knien, wirft sich schließlich in Pose, um ihrerseits Elisabeth zu demütigen. Die Parteien stehen sich unversöhnlich gegenüber. Im Schleefschen Chor wird immer wieder das Gesprochene Wort des Einzelne zur Massenphilosophie. Nach dem Verrat Leicesters, bricht das labile Konstrukt der Putschisten zusammen, die Idee ist schnell erledigt, man geht über Leichen. Im Hintergrund murren die Untertanen und skandieren „Wir sind das Volk“, ein zynischer Verweis auf die Wendezeit. Die eigentliche Bluttat an der Maria wird in die untere Befehlsreihe deligiert, der arme Davison mit dem ungewollten Todesurteil wird zum Spielball der Mächtigen, die sich selbst nicht die Hände schmutzig machen wollen. Etwas überzogen und theatralisch dann doch der Weg der Maria zum Schaffot, der Priester mit Hirtenstab und in Tränen aufgelöste Bedienstete.
    Ansonsten wird wie immer bei AufBruch viel marschiert, gerannt, im Chor deklamiert und auch gesungen. „Heil dir im Siegerkranz“, Brechts „Lied von der Moldau“ und „Dies Irae“ aus Mozarts Requiem, dem staatstragenden Oratorium schlechthin, von Kaisers Zeiten bis in die Gegenwart beider deutscher Staaten. Schillers idealistisches Bild, des reinen Menschen, der sich in seiner Mannigfaltigkeit in einem Staate zu vereinigen trachtet, ist im Sozialismus pervertiert und gescheitert, aber auch in der Demokratie ist es noch nicht erreicht. Schleef sah sogar voraus, dass der Kampf der Systeme weitergeführt wird: „Völker hört die Signale!“ (Droge Faus Parzival) Darin nur den Kampf des „protestantisch“ streng ideologisierten Ostens gegen den freien „katholisch“ geprägten Westen zu sehen, wäre zu kurz gegriffen, auf diese Idee kommt Atanassow auch gar nicht erst. Er lässt Bezüge dieser Art offen, wie auch Einar Schleef sein Glück weder im Osten oder Westen, noch im vereinten Deutschland gefunden hat. „Deutschland ist weiß. Wir sind uns einig.“ skandiert der Chor zum Schluss.

    Deutschland ist weiß

    Fliehen wovor. Die Kindheit abschließen, das Unmündigsein um erwachsen zu werden und schuldig. Um mit Falten zu sagen: Das habe ich nicht gewollt. Ich bin immer dagegen gewesen. Ein ganzes Volk, was seine Vergangenheit verschlingt, das Aas unter der Erde versteckt, um es, wenn es Zeit ist, wieder hervorzuholen. So knurrt ein Volk in Wut, unmündig, müde und hungrig, an seiner Grenze zermahlt es sich und ist unfähig sich zermahlen zu lassen. So müde ist es schon, unfähig die Hände zu heben: Ich bin nicht schuld, ich habe nichts getan. Den Schrei ersticken Hunger und Essen. Es schläft, es verdaut, es bewegt sich so emsig, es ist wieder wach mit geschlossenen Augen. Blind. Damit es die Rute nicht sieht, die eigene Schuld ist nicht sichtbar, wir geben uns auf um ganz eins zu werden. Deutschland ist weiß. Es gibt keine Grenzen. Du bist Zeuge. Das Auge neben dir. Hier aus der Höhe. Licht und Rauch auf den Straßen. Autoverkehr. Die leuchtenden Parolen. Deutschland ist weiß. Unschuldig. Jeder arbeitet im regelmäßigen Takt, ohne Besinnung, ohne den Kopf zu heben. Deutschland ist weiß. Der Schweiß wäscht es reine. Es leuchtet die Unschuld aus jeder Pore. Deutschland ist weiß. Wir sind uns einig.

    (Einar Schleef, Tagebuch 1981, aus Tagebuch 1981-1998, Frankfurt am Main und Westberlin, erschienen im Suhrkamp Verlag)

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  • Kunst und Politik. Das Deutsche Theater Berlin zwischen gesellschaftlichem Anspruch und guter Unterhaltung – Rückschau und Ausblick in die neue Spielzeit

    Das Deutsche Theater in Berlin hat die letzte nicht gerade berauschende Spielzeit zeitig beendet, nach den Autorentheatertagen, die sich mit dem Thema Komödie beschäftigten, war Mitte Juni Schluss. Da das DT selbst nichts adäquates beisteuern konnte, setzte man die neue Produktion „Tape“ von Stephen Belber in einer Inszenierung von Stefan Pucher als Knaller ans Ende. Man ist beim diesjährigen Theatertreffen übergangen worden, das schmerzt sicherlich, aber nur ein oder zwei Inszenierungen verdienten überhaupt den Titel „bemerkenswert“. Man denkt da in erster Linie an den starken Beginn im September 2010 mit dem Hacks-Abend „Die Sorgen und die Macht“ in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner oder vielleicht noch an den von den Kritikern vielgelobten Schauspielerabend „Kinder der Sonne“, ein Stück von Maxim Gorki, das Stephan Kimmig auch schon im Oktober 2010 inszeniert hatte.
    Man kann sich am DT auf ein starkes Ensemble stützen, das sich seit dem Antritt von Ulrich Khuon vor 2 Jahren auch aus einigen sehr guten Schauspielern des Thalia Theaters in Hamburg speist. Verstärkt wird dieses große Aufgebot immer wieder mit Darstellern, die sich vor allem auch in Film und Fernsehen einen Namen über die Grenzen des Theaters hinaus gemacht haben. Es sind dies vor allem Ulrich Matthes, Katharina Schüttler, Sophie von Kessel und natürlich immer wieder Nina Hoss, wie gerade eben auch in „Tape“. Dagegen setzte schon Anfang Mai diesen Jahres Jette Steckel mit ihrer Inszenierung „Kleinbürger“ von Maxim Gorki rein auf das hervorragende Ensemble des Deutschen Theaters.

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  • Na Pfiat di! Erst Loriot und nun auch noch die Biermösl Blosn – Ein Abgesang auf den Deutschen Humor

    „Den fünf Genres Horror, Porno, Melodram, Spannung und Komik entsprechen fünf Körperausscheidungen: Erbrochenes, Sperma, Tränen, Schweiß und Urin. Und jedes Genre will eine dieser Ausscheidungen herbeiführen: Das Melodram will Tränen, der Porno Sperma, der Horror das Erbrechen, die Spannung den Schweißausbruch. Die Komik will zweierlei: Entweder soll sich der Mensch vor Lachen bepissen oder Tränen lachen. Das ist der Unterschied zur Hochkunst: Alle fünf Genres wollen den Konsumenten eindeutig außer Gefecht setzen.“ Robert Gernhardt – Interview im Spiegel, 2006; Quelle: Wikiquote

    Alle diese fünf Genres beherrschte Vicco von Bülow alias Loriot in perfekter Vollendung. Nur das mit den Ausscheidungen hat er nicht genau so im Detail hinbekommen, wie es der auch schon im Komikerhimmel weilende Autor Robert Gernhardt beschrieben hat. Vor Lachen außer Gefecht gesetzt hat er aber den deutschen Michel auch ohne dem und der Porno bezog sich mehr auf das explizite Entblößen der verklemmten deutschen Seele in all ihrer Peinlichkeit. Nackt war man bei Loriot nur in der vermeintlich eigenen Badewanne. Geliebt hat er ihn trotzdem, seinen knollennasigen Deutschen, der von einem Fettnäpfchen ins nächste patschte oder die guten Tischsitten vergessend und jede Contenance verlierend aus dem schiefen Rahmen fiel.
    Ob Vicco von Bülow das Bayernland, wo er seit den 60er Jahren lebte, je so geliebt hat, wie die drei Well-Buam aus Günzlhofen, einem Dorf zwischen München und Augsburg, ist nicht bekannt. Wohl gefühlt hat er sich in der Ruhe des Starnberger Sees aber mit Sicherheit. Der Meister des preußisch korrekten Humors ist noch nicht unter der Erde, man streitet sich noch zwischen Brandenburg an der Havel und Münsing am Starnberger See um die sterblichen Überreste, da kommt schon die nächste Hiobsbotschaft aus jenem Bayernland. Wie die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 26.08. bekannt gibt, wollen die Brüder Well, besser bekannt unter ihrem Bandnamen die Biermösl Blosn, nicht mehr zusammen auftreten. Ja, wo samma denn? Sans narrisch worn? Die letzten aufrechten Bayern ziehen sich aufs Altenteil ins Biermoos zurück? Das kann es doch nicht sein, oder?

    loriot_herren_im_bad.jpg  biermosl-blosn.jpg

    Loriot hat es sogar bis auf eine Briefmarke geschafft. Das steht den Biermösl Blosn noch bevor. Fotos: Wikipedia und Band-Website

    Die Biermoos-Blase scheint also tatsächlich geplatzt. Das wird mit Sicherheit allein in der CSU-Zentrale und Staatskanzlei in München für großes Aufatmen gesorgt haben, ansonsten wehen die Rautenfähnchen wohl allerorts eher auf Halbmast. Seit 35 Jahren sitzen die drei der schwarzen Übermacht als schlechtes Gewissen im Nacken und treiben dabei munter ihren Schabernack mit so manchem volkstümelnden Lederhosen- bzw. Anzugträger. Ganz subversiv unterlaufen sie dabei ein ums andere Mal das allgemeine Mia-san-Mia-Gefühl der Bayern. Für den Volksmusik-Wahnsinn a la Marianne und Michael sind sie bei aller Gaudi aber nicht zu haben.

    Hollaradiri, hollaradiho, das ist die Jodelhorrormonstershow!
    10000 Zombis klatschn, a Bloskapoin marschiert,
    mei Opa und mei Oma san total hypnotisiert,
    die Schrankwand fangt zum Schunkeln o, es is ein Höllengraus!
    Vom Fernseher do kriacht jetz da Musikantenstadl raus.

    Sie brachten die Hamburger Hafenstraße, den Vatikan und die CSU in einem Song unter und reimten sich dabei multikulturell, multifinanziell und multikriminell zusammen. Oder sie legten sich via Briefverkehr mit einer großen Brauerei an, weil für sie deren Bier nur mit Aspirin zusammengehört. Trotzdem haben es die Biermösl Blosn mit ihrem Lied „Gott mit Dir, du Land der BayWa“ immerhin kurzzeitig in die bayrischen Schulbücher hinein, aber auch gleich wieder hinaus geschafft. Das beschäftigte sogar den Bayrischen Landtag. Was haben also diese drei Spottskanonen mit dem allseits geliebten Loriot gemein. Nun, es ist der angeborene Hang zur Anarchie, der sich bei den Biermösl Blosn immer derb und direkt, aber auch voller Hintersinn Bahn bricht, während er bei Loriot eher schüchtern durch die Hintertür hereinschaut, bis er wie aus heiterem Himmel von den Figuren Besitz ergreift.
    Subversives Lachen steckt an und verbindet, nur das diese Kunst jetzt immer mehr von Stadienfüllern beansprucht wird. Auf den bayrischen Bierbänken und deutschen Sofas wird es nicht gerade leerer aber wieder etwas biederer werden. Es bleibt zu hoffen, dass der gesamtdeutsche Humorist Loriot, der er immer war, seine wohl verdiente Ruhe findet und sein Andenken nicht zur Touristenattraktion verkommt, indem er künftig neben Fritze Bollmann über die Havel oder als Trachtenonkel über den Starnberger See schippern muss. Die Biermösl Blosn werden ihrem Ruhm in Bayern auch nicht mehr entkommen, aber sie können zumindest noch Neues schaffen. Hans Well will Solo weiter machen und der Rest der Well-Familie plant einen Liederabend mit Franz Wittenbrink an den Münchner Kammerspielen. Bis dahin halten wir es einfach mit dem weiblichen Teil der Familie, den Wellküren und sagen: „Jetz schau ma mal, na seng’ ma’s scho.“
    Aber was soll nun nach Loriot noch kommen? Damit sind wir wieder beim Eingangszitat von Robert Gernhardt, siehe Genre eins bis vier. Sagen Sie jetzt bitte nichts. Oder vielleicht eines noch: Adieu, Loriot! Tschüß, Bayernland! Vergäll`s, Deutscher Humor! Oder, um mit dem Dichter Lothar Frohwein zu sprechen:

    Krawehl, krawehl!
    Taubtrüber Ginst am Musenhain
    trübtauber Hain am Musenginst
    Krawehl, krawehl!

    Besser wird’s nicht mehr.

    Loriot-Website loriot.jpg

    Für alle unverbesserlichen Freunde der weißen Weihnacht, hier noch mal das Adventsgedicht, vom Meister persönlich gelesen. Und übrigens, es ist nie zu spät für mehr Lametta.

    Die Biermösl Blosn sind bis Ende des Jahres weiter auf Tour. In Berlin treten sie vom  vom 08.11. bis 10.11. zusammen mit Gerhard Polt im Berliner Ensemble auf, am 11.11. im Centraltheater Leipzig.

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    Was ist Kunst
    von Robert Gernhardt

    Hab’n Sie was mit Kunst am Hut?
    Gut.
    Denn ich möchte Ihnen allen
    etwas auf den Wecker fallen.
    Kunst ist was?
    Das:
    Kunst, das meint vor allen Dingen
    andren Menschen Freude bringen
    und aus vollen Schöpferhänden
    Spaß bereiten, Frohsinn spenden,
    denn die Kunst ist eins und zwar
    heiter. Und sonst gar nichts. Klar?
    Ob das klar ist? Sie ist heiter!
    Heiter und sonst gar nichts weiter!
    Heiter ist sie! Wird es bald?
    Heiter! Hab’n Sie das geschnallt?
    Ja? Dann folgt das Resümee;
    bitte sehr:
    Obenstehendes ist zwar
    alles Lüge, gar nicht wahr,
    und ich meinte es auch bloß
    irgendwie als Denkanstoß –
    aber wenn es jemand glaubt:
    ist erlaubt.
    Mag ja sein, daß wer das mag.
    Guten Tag.

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  • Was macht man nur mit diesem Sommer? Drei mehr oder minder verzweifelte Versuche eines Theaterverrückten.

    Pack die Regenpelle ein… – Baden gehen mit Mozarts „Zauberflöte“ am Berliner Wannsee

    Sonntagnachmittag, S-Bahnhof Wannsee, 2 Stunden vor Beginn der Vorstellung, es regnet in Strömen. Im Biergarten an der Loretta am Wannsee drängen sich die Leute unter die Sonnenschirme. Sonne hat es lange nicht mehr gegeben und für irgendetwas müssen die Schirme ja schließlich gut sein. Auf geht’s zum Strandbad, Regenschirme sind das vorherrschende Bild auf dem Kronprinzessinnenweg. Endlich, der Regen hat nachgelassen, vor dem Wannseebad tummeln sich Fabelwesen und geleiten die willigen Besucher zum Eingang. Überall werden Programmbücher, CD`s und Regenumhänge feilgeboten. Der nicht nur in diesem Sommer mit allen Wassern gewaschene Berliner hat sich aber selbst schon bestens eingedeckt. Taffe Mütter ziehen ihrem quengelnden Nachwuchs schnell noch die Regenhosen und Ostfriesennerze über. Man rechnet also mit dem Schlimmsten. Dunkel dräut der Himmel. Das würde eher zu Wagner passen, als zum poppig bunten Mozart, dessen Zauberflöte Wagner immerhin in den höchsten Tönen lobte.

    dsc04511.JPG

    Die Einsamkeit der Strandkörbe, Wannseebad im August

    Foto: St. B.

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  • Hüben wie drüben – Kunst im Schatten der Mauer, ein paar liebgewonnene Tote und jede Menge Jahrestage

    berliner_mauer_gedenkmarkierung_doris-antony-put-it-under-the-gfdl-and-cc-by-sa-30.jpg Mauer-Gedenkmarkierung – Foto: Doris Antony (wikimedia commons)

    Eine Frage der Perspektive. Die Mauer aus anderer Sicht.

    „Ist es bei euch auch so kalt wie bei uns?“ Mit Sicherheit eine rethorische Frage, eine Antwort wird der Westberliner Zollbeamte an der Berliner Mauer von seinem Gegenüber auf der Ostberliner Seite nicht bekommen haben. Dass diese Sprüche dennoch überliefert worden sind, ist der Akribie der Grenztruppen der DDR bei ihrem Dienst an der Berliner Mauer geschuldet, die alles genauestens dokumentierten, was in ihren Abschnitten so Tag für Tag vorgefallen war. Bei Recherchen im Militärarchiv Potsdam sind die Autorin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer auf rund 1.500 Fotonegative von der Berliner Mauer gestoßen, die im Jahre 1965 von Grenzsoldaten der DDR entlang des gesamten Verlaufes der Mauer zwischen Ost- und Westberlin aufgenommen worden sind. Messmer hat diese Aufnahmen digitalisiert und zu eindrucksvollen Panoramen zusammengefügt.

    Bisher kannte man die Mauer auf der Westseite von diversen Fotografien sehr genau. Fotos der Grenzanlagen von Osten aus waren eher selten, da strengsten verboten. Im Haus der ehemaligen Italienischen Botschaft im 2.Stock Unter den Linden 40 sind diese Fotografien nun zu sehen. Annett Gröschner, die bereits einige Bücher mit Geschichten über Berlin (Mitte, Prenzlauer Berg, Gleimstraße etc.) veröffentlichte, hat sie mit den oben bereits erwähnten Texten aus den Berichten der Grenzer versehen. So entstanden beklemmende Bilder einer fast surrealen Welt, mit menschenleeren Plätzen, Straßenläufen und Friedhöfen, entlang der durch Stacheldrahtverhaue, alte Friedhofsmauern und erste befestigte Grenzanlagen gesicherten Grenze. Das dieses Provisorium immer weiter ausgebaut wurde und schließlich 28 Jahre Bestand haben sollte, hat man damals vermutlich im Westteil der Stadt nicht für möglich gehalten. Der Kontrast der Bilder zu den Texten ermöglicht tatsächlich einen neuen, anderen Blick auf die damals noch trügerisch durchlässig wirkende Mauer.

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