Nun steht die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ja eher im schicken Berlin-Mitte, aber der Bezirk Prenzlauer Berg, Sammelbecken der DDR-Boheme in den 80ern und neuer Szene-Bezirk in de 90er Jahren nach der Wende, liegt nur einige Schritte über die Torstraße hinter dem Prenzlauer Tor. Dort wurde Frank Castorf 1951 als Sohn des Eisenwarenhändlers Werner Castorf an der Pappelallee / Ecke Senefelder Straße geboren. Das Geschäft besteht seit 1889 und ist ab der Jahrhundertwende fest im Prenzlauer Berg verankert, also feierte man zur Wende 100jähriges Jubiläum. Was sind dagegen schon schlappe 20 Jahre Volksbühnenintendanz? Irgendetwas muss also in der Familie Castorf sein, das sie über die Jahre und die Systeme getragen hat, ein Gen vielleicht, das des Durchhaltens, des Beharrens auf Tradition und auch die Anpassung an herrschende Gegebenheiten. In dieser Hinsicht scheint Frank Castorfs Werdegang doch erst einmal etwas aus der Art geschlagen, denn Bewegung und Veränderung waren stets ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, wenn auch nicht immer ganz aus freien Stücken.
Nach der Lehre bei der Deutschen Reichsbahn und dem obligatorischen Dienst bei der NVA (Grenztruppen bei Ratzeburg) studierte er Anfang der 70er Jahre Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Ersten Stationen am Theater der Bergarbeiter in Senftenberg und dem Stadttheater Brandenburg, folgten Jahre der Verbannung ans Theater Anklam (1981-1985), wo er schnell zum Geheimtipp wurde und ganze Busladungen von Berlinern in die Stadt an die Peenemündung pilgerten. Auch hier gab es wieder Streit mit den DDR-Oberen nach seiner Brecht-Inszenierung von Trommeln in der Nacht und er warf nach Ibsens Nora endgültig hin. Weitere Wanderjahre führten ihn über Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) und Halle 1988 zurück nach Berlin. Er inszenierte nun am DT und der Volksbühne, darf auch zum ersten Mal in den Westen nach München und Hamburg. Er hat dort und an anderen deutschsprachigen Bühnen so ziemlich alles an Klassikern zerdeppert was so geht. Miss Sahra Simpson, Stella, Aias, Hamlet, Torquato Tasso oder den Tell, Castorf tingelte durch Europa, drei bis vier Inszenierungen im Jahr.
Castorf – Provokation aus Prinzip 
Robin Detjes Buch aus dem Henschel Verlag Berlin (2002)
Die Kritik ist seitdem klar in zwei Lager gespalten, die einen begrüßten die radikale Erneuerung des alten Theaters, die anderen beschimpften ihn als Text-Zertrümmerer und werfen ihm immer wieder bewusst gespielte Provokation und sinnlosen Klamauk vor. Das hier einer, geprägt vom Stillstand der letzen DDR-Jahre, zerstören muss, begriff damals kaum jemand. Das alles gipfelte Anfang 1995 in einem Rechtsradikalenvorwurf der bürgerlichen Presse, nach einem Interview mit der jungen Welt im Dezember 1994, bei dem der sich im wiedervereinigten Deutschland auch nicht wohl fühlende Castorf, frei nach Ernst Jünger, ein reinigendes Stahlgewitter forderte. Da ist er bereits seit drei Jahren Intendant der Volksbühne, die ihm und einem jungen Team mit dem Dramaturgen Matthias Lilienthal 1992 übergeben wurde, um nach Ivan Nagel innerhalb dieser drei Jahre entweder berühmt oder tot zu sein. In diese Zeit von Pension Schöller oder der Stadt der Frauen fallen auch meine erste Berührungen mit dem Theater Frank Castorfs und seinen Schauspielern um Silvia Rieger, Sophie Rois, Kathrin Angerer, Henry Hübchen, Herbert Fritsch und Martin Wuttke, das mich seit dem nicht mehr losgelassen hat. Auch damals schon war nicht jede Inszenierung ein Treffer. Geduld und Beharrungsvermögen zählen zu den Tugenden, die man für das Castorfsche Treiben auf der Bühne mitbringen muss. Dann aber kann sich einem auch irgendwann eine faszinierende Welt voller überraschender Wendungen und Erkenntnisse erschließen, manchmal, leider nicht immer.
Nun, um zu sterben ist er damals mit Sicherheit nicht angetreten, eher wie er 1995 bei einem Fernsehinterview Zur Person mit Günter Gaus sagte, mit einem gesellschaftlichen und politischen Auftrag, gegen die Verkrüppelung der Sprache in den Zeiten der Heuchelei und Verwechselung von Information und Wahrheit anzuspielen. Verstören will er, nicht provozieren, die Irritation soll einen aus der Trägheit aufrütteln. Erkenntnis und Erfahrung entstehen, wo Differenzen sichtbar werden. Sein Theater soll eine Möglichkeit schaffen, eine Brücke zum Asozialen zu schlagen, wie er auch sagt. Gemeint ist, den Gegensatz immer mitzudenken und nicht auszuschließen, Widersprüche zuzulassen und nicht zu verschweigen. Das kann man auch gut an der Wahl seiner Themen und den Figuren seiner Inszenierungen ablesen. Von Shakespeare, Hebbel und Ibsen, über Hauptmann, Döblin und Camus bis hin zu Dostojewski, Tschechow und natürlich immer wieder Brecht und Heiner Müller reicht das Spektrum seiner Suche in Dramatik, Roman und auch im Film. Das Hängen am Text galt ihm dabei stets als reaktionär.
Foto : St. B. Bewegt sich hier noch was, oder ist die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz seit 20 Jahren nur ein Tempel für den Castorf-Kult“?
Den Arsch am Prenzlauer Berg und im Kopf Utopia. diese Beschreibung der letzen DDR-Jahre in Berlin stammt aus einem Interview mit dem Spiegel aus dem Jahr 1993, in dem Castorf sich und der Volksbühne ganze drei Jahre gibt, daraus sind nun immerhin fast 20 Jahre geworden und eine Ende ist nicht abzusehen, obwohl er in den letzten Jahren von der Kritik immer wieder tot geschrieben wurde. Quälend lang sind mitunter seine Stücke, schwer verständlich und gähnende Langeweile herrschte immer öfter, ob der immer wiederkehrenden theatralen Mittel. Utopia schien plötzlich an der Volksbühne kein Ziel mehr zu sein, Stagnation machte sich breit, während sich an den Theatern anderswo etliche Epigonen und ganze Horden von Mini-Castorfs zum Leidwesen nicht nur von Andrea Breth und Gerhard Stadelmaier zu tummeln begannen. Frank Castorf ist ohne es je zu wollen zur Kultfigur geworden, die sich scheinbar nicht mehr verändern kann und will. In seinem Geburtstagsständchen in der FAZ wirft ihm nun Stadelmaier u.a. wieder die altbekannte Leier von der Zerstörung der Autorität des Textes vor und nennt spöttisch Castorfs Volksbühnenaufführungen Theatergottesdienste aus eigenen Beweggründen heraus (“motu proprio Castorfi“). Er erkennt aber wenigstens noch an, dass „… Castorfs Kopf, auch wenn er sich offenbar sturer als jedes konservative Würdenträgerhaupt einer Weiterhandlung und -verwandlung verweigert, immer noch heller und wuchtiger scheint als alle Leerschädel seiner Nachahmer.“
Etwas liebevoller geht da schon Hans-Dieter Schütt im Neuen Deutschland mit Frank Castorf um. Er hebt ihn zwar nicht direkt in den Theaterhimmel, aber er findet doch ein paar verstehende Worte. „Castorfs Theater ist eine Schrillbude des explodierenden, siechenden, verwahrlosenden Menschensinns; es herrscht eine Dramaturgie der umtriebigen revolutionären Weltbedenkerei, die im Trieb eine Quelle hat und den Trieb zugleich mit Geist quält. erklärt Schütt“. Aber auch er glaubt etwas stur Eisernes in ihm zu erkennen. Bleibt zu hoffen, dass Frank Castorf wieder zu dem findet, was er zu Anfang des besagten Gaus-Interviews mit 44 Jahren auf die Frage, wie er sich in 20 Jahren sieht, antwortet: Vermutlich weiterhin die biologischen Verfallserscheinungen ignorierend, vermutlich immer noch You Got To Move von den Rolling Stones hörend, und dadurch natürlich wahrscheinlich so ein Zeichen entweder von Albernheit oder Selbstironie…., ich weiß es nicht, … aber eigentlich lebe ich in so einem verlängerten Stadium meiner Kindheit, das macht auch Spaß. Sein Prinzip des sarkastischen Weglachens hat keiner so verinnerlicht, wie sein ehemaliger Schauspieler und neuerdings Klamotten-Regisseur Herbert Fritsch. Also heute wird nun Frank Castorf erst mal 60. Darauf jetzt ein Gläschen und dann mal sehen was ihm noch so in Zukunft durch die Birne rauscht“.
Weitere Glückwünsche für Frank Castorf aus dem Blätterwald:
Bitte nicht dieses Fenster schließen! – Dirk Pilz, Berliner Zeitung
Tollkühne Männer mit standhaften Kisten – Jan Küveler, Die Welt
Rocker auf dem Regiestuhl – Rüdiger Schaper, Tagesspiegel
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JÜRGEN FLIMM, DER GUTE MENSCH DES DEUTSCHEN THEATERS WIRD 70
Und noch einem gilt es heute zu gratulieren, einem ebenso besessenen, wenn auch nicht verbissenen Theaterheiligen. Jürgen Flimm wird 70 und Bewegung spielt auch in seinem Leben eine wichtige Rolle. Angefangen in den 60er Jahren als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, hat er über weitere Regiestationen auch Theaterhäuser als Intendant geleitet, darunter das Schauspielhaus seiner Heimatstadt Köln (1979-1985) und das Thalia Theater in Hamburg (1985-2000). Weiterhin war Flimm von 2005 bis 2008 Leiter der Ruhrtriennale und von 2006 an Schauspieldirektor und schließlich Intendant der Salzburger Festspiele. 2010 kündigte er dort wegen Querelen mit dem Kuratorium vorzeitig seinen Vertrag und folgte einem Ruf zum Intendanten der Staatsoper unter den Linden nach Berlin. Flimm ist ein hervorragender Netzwerker mit Beziehungen bis in die Politik hinein, aus seiner beratenden Tätig für Gerhard Schröder ging das Amt des Kulturstaatsministers beim Bund hervor. Der bekennende Fußballfan Flimm ist aber vor allem verschärft harmoniesüchtig und mag es gern familiär. Als Theaterpatriarch der alten Schule, stellt er sich oft vor seine Schauspieler, hat aber auch eine melancholische Seite und inszenierte als Theaterregisseur am liebsten Tschechow.
Wie viele andere ältere Regisseure hat Flimm sich jedoch zunehmend vom Theater abgewandt und auf die Oper spezialisiert. An vielen der großen Opernhäusern der Welt wie Mailand, New York, London, Hamburg, Zürich und Bayreuth hat er schon inszeniert. Er neidet den jungen Regisseuren wie Nicolas Stemann und Falk Richter ihren Erfolg nicht und zeigt sich auch gegenüber dem Regietheater und den Nachfolgern des genialen Castorf“ versöhnlich: Das Theater ist ja wie die Seele ein weites Land. Ihm kommt es vor allem auf die Kunst an, in einem Interview mit der Welt hat er im Juli 2010 vor dem Antritt als Intendant in Berlin die Kunst als den unaufgeklärte Teil der Gesellschaft bezeichnet und dazu weiter gesagt: … das Theater ist eine uremotionale Angelegenheit, das Spielen haben wir alle in uns. Dass das Spielerische an der Kunst zur Aufklärung beitragen kann und es auch tut, ist eine andere Geschichte. Aber erstmal ist die Kunst eine völlig irrationale Sache. Ich freue mich und ärgere mich. Das Kind sitzt unterm Tisch, es soll herauskommen und sagt, das geht nicht, ich bin im Bergwerk. So simpel ist das.“ Nun ist die rheinische Frohnatur Jürgen Flimm als Leiter der Interimsstätte der Berliner Staatsoper am Schillertheater im gediegenen Charlottenburg angekommen und hat die erste recht erfolgreiche Spielzeit hinter sich. Viel Erfolg für die weiteren Jahre sei ihm gewünscht, denn an Aufhören denkt auch Jürgen Flimm noch lange nicht.
Angst vorm Aufhören? 
Jürgen Flimm 2010 im Foto-Interview des SZ-Magazins.
Foto: Alfred Steffen
Endlich wieder Räuberhauptmann
Staatsopernchef Jürgen Flimm wird 70 und spricht mit dem Tagesspiegel über Kunst, Politik, die Macht und die Liebe. Und über seine Lieblingsstücke.
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