In der Box des Deutschen Theaters Berlin
Aus den Lautsprechern der Bar vor der Box im DT tönt Bob Dylan. Ich muss unweigerlich an die herausragende Dylan-Thomas-Inszenierung Unter dem Milchwald von Sabine Auf der Heyde hier in der Box denken. Einige ihrer skurrilen Zeltplatzbewohner hat sie in das neue Stück von Dirk Laucke hinüber gerettet. Nun stehen sie im Wald mitten im Niemandsland zwischen dem wiedervereinigten Deutschland und der Tschechischen Republik. Ein junges Ost-West-Pärchen das Zigaretten und rechte Musikkassetten schmuggelt und ein ehemaliger NVA-Offizier der einen Panzer aus dem Schrott gerettet hat und damit Nostalgiefahrten durchs Gelände plant. Heiner hat sein Leben in der DDR gelebt und sucht nach einem neuen im vereinigten Deutschland, Jo und Anna haben noch nicht einmal richtig zu leben angefangen.
Es fehlt an Geld und Zukunft. Ideen haben sie jedenfalls und da stolpern sie über einen Laster mit Schmuggelzigaretten und vergessenen asiatischen Flüchtlingen. Nachdem erst mal ausdiskutiert wird, ob Fidschis für Vietnamesen ein rassistischen Schimpfwort ist oder nicht, werden von Jo sofort Pläne geschmiedet den Fund in Geld umzusetzen. Er erklärt als echter Besser-Wessi Heiner erst mal, das ihm für sein Panzergeschäft nicht nur das richtige Merchandising fehlt, sondern vor allem das Geld. Und nachdem die Zweifel bei Heiner halbwegs ausgeräumt sind, läuft die Chose, natürlich letztendlich voll gegen den Baum.
Dirk Laucke, Jahrgang 1982, interessiert in seinem Stück weniger der Ost-West Konflikt als viel mehr der globale, in dem die Grenzen in Europa zwar durchlässiger geworden sind, sich aber die Evolution der Wirtschaftsflüchtlinge nur weiter nach Osten oder Süden verschoben hat. Trotzdem lässt er Heiner seine Ost-Biografie mit NVA und Alkohol die ihm erst Frau und Kind gekostet hat und dann nach der Wende gehen auch noch System und Job flöten. Erst als seine Tochter Ela wieder auftaucht, findet er endlich in seiner Enkelin Chayenne, klingt ja wie Pfeffer sagt Anna nein wie die Indianer meint Jo, eine Zuhörerin für seine alten Geschichten. Jede Figur im Stück hat ihre spezielle mehr oder weniger traumatische Biografie. Jeder sucht ein neues Leben, will etwas vom Kuchen abhaben. Das Gewissen schlägt mit Ela in ihre Mitte, sie ist die einzige die nicht tatenlos zusehen will, wie die Flüchtlinge im Laster zu Grunde gehen.
Nachdem Jo mit seine Plänen gescheitert ist, niemand will die Vietnamesen haben, sogar die Erdbeerfelder zur Arbeit gibt es nicht mehr, will auch Heiner die Flüchtlinge so schnell wie möglich loswerden, sie stören nur sein neues Geschäft. Das er dabei auch seine Tochter, die im Streit mit Anna, die nicht nur die Vietnamesen als unmittelbare Konkurrenz sieht, im Laster gelandet ist, mit über die Grenze nach Tschechien fährt, merkt er nicht mal. Sie kann nur noch konsternieren Ich gehöre doch nicht dazu. Letztendlich sitzen wir aber alle im selben Boot, nur für alle reicht es eben nicht.
Die Inszenierung von Sabine Auf der Heyde ist dicht und glaubwürdig, sie hat mit Katrin Wichmann, Paul Schröder, Bernd Stempel und Isabel Schosnig auch ein grandiosen Schauspielensemble, das nebenbei noch genial die Musik, die Geräusche der Tiere im Wald oder das Fahren des Panzers besorgt.
So eine Story kann schnell bildgewaltig im Sozialkitsch enden, hier gelingt Sabine Auf der Heyde aber wieder mal ein kleines Meisterwerk.
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