Ja, Liebling, es gibt einen Krieg, aber das ist nicht unser Krieg,
er ist weit weg, dieser Krieg ist so weit, weit, weit weg, Okay? Nichts ist Okay in diesem Kurzdramen-Stück von Mark Ravenhill, das er für Claus Peymanns Inszenierung in Freedom and Democracy I hate you umbenannt hat, sind diese zwei Schlagworte doch im Munde jedes Soldaten, der hier über die Bühne rennt und für Freiheit, Demokratie oder die undankbaren Dattelfresser kämpft. Es geht nicht nur um den Irakkrieg oder Bombenattentäter, die ihre totbringende Last über uns bringen. Über uns, die doch die Guten sind, wie der Chor der Frauen in den Troerinnen, dem ersten der 11 Episoden, die sich an Namen großer Dramen orientieren sollen, skandiert. Es geht um die Einstellung der ach so zivilisierten Welt, um die angebliche Toleranz gegenüber anderen Kulturen, um die Akzeptanz von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele, um die geschürte Angst und die Unmöglichkeit dem Kreislauf aus Hass und Gewalt zu entkommen.
Mark Ravenhill entwickelt diese Widersprüche geschickt aus ganz alltäglichen Situationen heraus, wie sie jeder kennt, beim Frühstück einer psychotischen Pillen und Biojoghurt vertilgenden Frau, etwas zu überdreht von Corinna Kirchhoff gespielt, beim Abendessen eines Paars, das sich während eines Beziehungsstreits plötzlich in geschützte Wohnviertel wünscht, während ihr Kind in seinen Albträumen einem Soldaten ohne Kopf begegnet, unter argwöhnischen Nachbarn, in der Beziehung eines schwulen Paares, sehr stark agieren hier Martin Seifert und Christian Grasshof der sich aus Wut heraus über eigenes Leid in eine wandelnden Bombe hinein fantasiert. Dann geht es wieder konkret am Beispiel von Soldaten um den Einsatz an der Front, um Folter, sehr eindrücklich Ursula Höpfner als gequälte Frau, oder beim Überbringen einer Todesnachricht an eine Mutter, großartig von Swetlana Schönfeld als tragische Hysterikerin gespielt, die alles mögliche unternimmt die Soldaten an ihrem Auftrag zu hindern. Diese wollen ihrerseits geliebt sein für ihren Einsatz und entwickeln Hass gegen die Bevölkerung, die Ihnen nun aus Angst und Unverständnis wiederum Hass entgegenbrüllt. Müde sehnen sich die Soldaten nach Hause, müssen aber wieder in ein weiteres Land, das nach Demokratie ruft. Eine Stimme aus dem Off fordert sie zum nächsten Krieg. Bereitmachen zum Einmarsch.
All das sind böse, kleine ins Groteske abkippende Shortstorys mit teilweise englischem Humor aber auch einigen agitatorischen Plattheiten, das Vorbild Brecht lugt hier öfter hervor. Claus Peymann überzeichnet das ein ums andere Mal und lässt den schrägen Witz Ravenhills oft in den Klamauk abkippen. Nicht alle Episoden sind gleich stark, es entsteht so ein Gefälle, das Peymann durch ein starkes Tempo in Geste und Ton des durchweg kabarettistisch agierenden Ensembles versucht zu übertünchen. Er nimmt alles viel zu wörtlich und haut wo Hammer schon im Text steht noch mal mit dem hölzernen drüber, der Rest ist leider Plakat. Ravenhills Kriegssatire wird dadurch unbewusst der Schneid abgekauft. Ein etwas weniger hoch erhobener Zeigefinger, wäre mehr gewesen. Es gelingt Claus Peymann nur in wenigen passenden Bildern das Pathos von Freiheit und Demokratie zu entlarven, dem Publikum soll der Ball geschickt zugespielt werden, allein er ist zu scharf geschossen. Eine Truppe von Künstlern steht zum Schluss an der Rampe, angekommen im zerstörten Land und preist die heilende Kraft der Kunst. Bitte gefälligst alle freiwillig anmelden zum Kurs.
Das Deutschland schon mitten im Sumpf drinsteckt, bleibt ganz auf der Strecke, das Publikum kann den wahren Feind allein schon an der Fahne erkennen. Fuck off, Amerika, Germany sleep well!
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