Sieben erzählen einen Oskar auf der Suche nach ihrer Blechtrommel

Jan Bosse bebildert eine Adaption von Armin Petras nach dem Roman von Günter Grass am Maxim Gorki Theater

„Was auf dieser Welt, welcher Roman hätte die epische Breite eines Fotoalbums?“ Oskars Schatz ist ständig präsent in dieser Bühneadaption des 1959 von Günter Grass geschriebenen Romans „Die Blechtrommel“ die in einer Koproduktion mit der Ruhrtriennale nach der Premiere in der Bochumer Jahrhunderthalle nun im Maxim Gorki Theater in Berlin angekommen ist. Das Familienalbum Oskar Matzeraths ist in einer Videoprojektion an der Bühnenrückwand zu sehen. Die Hauptfigur in Günter Grass` „weltbildendem Roman“, so einst Hans Magnus Enzensberger über „Die Blechtrommel“, wollte uns doch allzu gerne die Originale zu den Fotos nachliefern. Und so beginnt er weit vor sich selbst; „… denn niemand sollte sein Leben beschreiben, der nicht die Geduld aufbringt, vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens der Hälfte seiner Großeltern zu gedenken.“ Armin Petras und Jan Bosse nehmen das wörtlich.
„Meine Großmutter Anna Bronski saß an einem späten Oktobernachmittag in ihren Röcken am Rande eines Kartoffelackers…“. Sieben Schauspieler treten auf die abschüssige Bühne zwischen kargen Betonwänden und Kartoffeln fallen aus dem Schnürboden. Wir erfahren alles von den vier Röcken der kaschubischen Großmutter, Ruth Reinecke trägt sie auch, über der Flucht des Großvaters Koljaiczek zwischen den Telegrafenstangen unter die Röcke, von der heimlichen Liebe der Mutter zum Cousin Jan Bronski, der Heirat mit dem Reichsdeutschen Alfred Matzerath, bis endlich Oskars Leben unter den Glühbirnen anfängt; und nur die in Aussicht gestellte Blechtrommel ihn daran hindert, dem Wunsch nach Rückkehr in seine embryonale Kopflage stärkeren Ausdruck zu geben. Die Schauspieler erzählen uns, sich in der Rolle des Oskars abwechselnd, die Geschichte in allen Einzelheiten. Der Beginn der Aufführung zieht sich dadurch merklich episch in die Länge. Richtige Dialoge sind schmal gesät. Petras beruft sich auf den großen Geschichtenerzähler Günter Grass: „Lasst den Faden nicht abreißen, Kinder! Denn solange wir noch Geschichten erzählen, leben wir.“ So wird nun der Reihe nach das Leben des eigensinnigen Kinds Oskar Matzerath erzählt, der aus Protest über die Welt mit dem Wachsen aufhört und Jan Bosse liefert mit seinem Ensemble die Bilder dazu. Und diese Bebilderung ist zum Teil durchaus von einem großartigen Witz, wenn z.B. Ronald Kukulies bei der Nazikundgebung mit drei weiteren der Schauspieler in eine als Zwangsjacke getragene Uniform schlüpft und alle wild gestikulierend Hitlergrüße andeuten, Christin König ein überdimensionales Kreuz auf die Bühne schleppt und daran gebunden wird, zur Jesusszene mit Oskar in der Kirche oder Britta Hammelstein als Maria an der Rückwand der Bühne steht und die Episode mit Oskar im Schwimmbad auf eine Folie gezeichnet mit der Videokamera gefilmt und daneben geworfen wird. Robert Kuchenbuch wirft sich Puder über die Glatze wenn er den Bebra spielt, Hans Löw als Jan Bronski und Ronald Kukulies als Kobyella spielen die Verteidigung der polnischen Post in Danzig nach und Anne Müller im Tutu wird als tote Roswitha im Bühnenboden entsorgt, um sofort als Oskar wieder aufzuerstehen. Es wird auch jede Menge getrommelt und öfter mal wie Oskar geschrien, Ruth Reinecke als Lehrerin fällt dabei die Brille vom Kopf.
Das schönste Bild ist aber mit Sicherheit, wenn alle am Bühnenrand sitzend, lange Fruchtgummischlangen kauen und die Geschichte vom Pferdekopf mit den grünen Aalen erzählen. Allein was nützen die schönsten Bilder, wenn dadurch nur illustriert wird, was man eh schon in Grass` Roman lesen kann. Zum Schluss gibt es noch einen kurzen Ausflug in die Nachkriegszeit, die Schauspieler ziehen dazu 50er Jahre Kleidung an und erzählen das Oskar ein Engagement als Trommler annimmt. Der Rest ist wie im Film von Volker Schlöndorff auch gestrichen, wechselnd tragen alle noch die Zeilen aus dem Buch vom 30sten Geburtstag vor: „Unter der Glühbirne geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, …“ usw.
Eine Aneinanderreihung der Highlights aus der Blechtrommel, der nacherzählte Roman in lustigen Bildern. Sieben Schauspieler suchen mit viel Spielfreude aber auch verzweifelt nach dem eigenen Oskar in sich. Man kann sich nur nicht von der überpräsenten Vorlage befreien, das wirklich „Weltbildende“ des Romans finden sie leider nicht. Jan Bosse und Armin Petras haben ein weiteres Stück deutsche Geschichte auf die Bühne des Maxim Gorki Theater gehievt, nicht mehr aber auch sicher nicht weniger.

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