Des Menschen Seele gleicht dem Wasser – Das Berliner Theatertreffen 2011 wurde mit Karin Beiers Kölner Inszenierung von Elfriede Jelineks „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ eröffnet

„Mich läßt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe,
denn ich habe die feste Überzeugung,
daß unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur;
es ist ein fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Es ist der Sonne ähnlich,
die bloß unsern irdischen Augen unterzugehen scheint,
die aber eigentlich nie untergeht,
sondern unaufhörlich fortleuchtet. “

Goethe zu Eckermann 1824

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Wasser ist ein schier unberechenbares Element, so unberechenbar wie die Katastrophen die durch seine unbändige Macht immer wieder über die Menschheit hereinbrechen. Goethe hat den Menschen in seinem Faust visionisch als Bezwinger dieser Mächte dargestellt. Was wie unabwendbar erscheint, soll seit altersher durch den Genius des Menschen gebändigt werden. Ebenso unabwendbar wie ein Naturgesetz fällt jedes Jahr aufs neue die Theaterprominenz zum Jahrestreffen der 10 bemerkenswerten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum in Berlin ein.
Die Eröffnung des diesjährigen Theatertreffens am Freitag war noch mehr als in den letzten Jahren von der Überpresens von Fernsehen, Rundfunk und Presse bestimmt. Kamerateams strömten aus und hielten jedem nur irgendwie nach kompetentem Output Aussehendem ihre Mikrophone unter die Nase. Das Interesse gilt vor allem der Juryentscheidung der sogenannten Theaterprovinz den Vorrang vor den alteingesessenen Häusern zu geben. Beispielhaft dafür musste Herbert Fritsch, mit zwei Inszenierungen aus Oberhausen und Schwerin eingeladen, Interviewfragen zum neuen Theaterhype über sich ergehen lassen.
Weitere Produktionen aus der freien Szene Berlins, die sich mit der Migration (Nurkan Erpolats „Verrücktes Blut“) oder dem Generationenkonflikt („Testament“ von She She Pop) beschäftigen werden folgen. Sogar die letzte Schlingensief Inszenierung „Via Intolleranza II“ ist in der Koproduktion mit der Hamburger Kampnagelbühne entstanden. Komplettieren werden das Programm ein „Kirschgarten“ aus Köln, ein „Don Carlos“ aus Dresden und zwei Inszenierungen aus den vermeintlich großen Häusern Zürich („Tod eines Handlungsreisenden“) und Wien („Die Beteiligten“).
Es gibt nur selten Glücksmomente im Theater, der letzte echte war bei mir vor 8 Jahren, als ich Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks „Das Werk“ in Wien gesehen habe. Ich dachte nicht, dass man das noch toppen kann, Karin Beier schafft das nun spielend mit ihrer Kölner Inszenierung von „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“, die zur Eröffnung des diesjährigen Theatertreffen gespielt wurde. Goethes pantheistische Weltanschauung des schaffenden Menschen im Einklang mit der Natur, manifestiert im Faust, hat sich nicht erst in heutigen Tagen auch immer wieder gegen den Menschen gerichtet. Naturkatastrophen sind seit Urgedenken Begleiter der Menschheit. Aktuell kann man die Folgen der pervertierten Anmaßung des Menschen, gottgleich über die Natur herrschen zu wollen, in seinen schlimmsten Ausmaßen wieder in Japan sehen.
Elfriede Jelinek hat sich in dem Theaterstück „Das Werk“ (Uraufführung 2003 im Akademieheater Wien) nicht zum ersten mal mit der Problematik des verheerenden Fortschrittsgläubigkeit der Menschheit befasst. Bereits im Stück „In den Alpnen“ (2002) ging es es um die Brandkathastrophe im Tunnel der Gletscherbahn von Kaprun, bei der 155 Menschen verbrannten. Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchiv 2009 infolge von U-Bahn-Baumaßnahmen hat sie sich erneut mit der Überschätzung des Menschen die Naturkräfte bändigen zu können beschäftigt. War es in das Werk noch vorrangig das Anliegen den durch Zwangsarbeit für den Bau des Kapruner Staudamms gepeinigten Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, ist es in „Ein Sturz“ die Ignoranz der Verantwortlichen und die Verleugnung jeglicher Schuld an den Folgen, die sie zu ihrem Text inspiriert haben. Und so wird nun im noch unfertigen Haus der Berliner Festspiele die Bühne geflutet, knattert der Presslufthammer, tanzt der Kölsche Klüngel in Karnevalsverkleidung und preist ein vielstimmiger Chor das Wasser, das sich über einen armen Erdteufel hermacht.
Das Festspielhaus in der Schaperstraße ist mit 15 Millionen Euro aus Bundes-Geldern saniert worden. Kulturstaatsminister Bernd Neumann holt zum Dankesrundumschlag aus und vergisst auch nicht zu erwähnen, dass er alle 150 subventionierten deutschen Theaterhäuser für notwendig hält. Der Beifall ist ihm gewiss, politische Lippenbekenntnisse machen sich besonders gut vor feierlich gestimmtem Publikum. Da die Handwerker wie bereits erwähnt nicht ganz fertig waren, sind somit auch noch alle Deckeninstallationen sichtbar oder nicht alle Fliesen an den WC-Wänden. Das tut der Stimmung keinen Abbruch und ist vielleicht auch für die Kulturschaffenden mal ganz gut, an nackte Decken zu schauen. Das weitet den Horizont und wenn man den „gemeinen“ Bauarbeitern mal ein paar Gratis-Tickets in die Hand drücken würde, außer sich nur über deren Darstellung auf der Bühne zu amüsieren, dann beeilen die sich vielleicht auch demnächst etwas mehr.
Man kann sicher vieles Unfertige hinter Tapetenwänden verstecken, die planerische und organisatorische Inkompetenz der Verantwortlichen in ihren warmen und trockenen Büros aber nicht. Das Ergebnis ist dann nicht nur auf der Bühne bei Karin Beier und Elfriede Jelinek zu bewundern, sondern auch beim Anstehen an den Toiletten und dem Eiertanz in zu kleinen Vorräumen vor den Mini-Waschbecken. Dem Architekten empfehle ich die Lektüre einiger einschlägiger DIN-Vorschriften. Und wo er die 15 Millionen versenkt hat, ist hoffentlich nicht das Wasserloch auf der Bühne, sondern die für den Zuschauer nicht zu sehende Technik des Hauses. Ansonsten konnte man sich natürlich auch an den schönen Lampions in den Kastanien erfreuen oder einfach nach ein paar Frei-Kölsch bierselig nach Hause schwanken. Die Spiele sind eröffnet, Prost.

wird fortgesetzt

Gesang der Geister über dem Wasser von Johann Wolfgang Goethe, Musik Franz Schubert

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