Luchino Visconti, der Aristokrat und Marxist unter den Neorealisten des italienischen Films der Nachkriegszeit, beschreibt in seinem wohl bildmächtigsten Werk Rocco und seine Brüder (1960) das Migrationsschicksal einer Familie aus dem Süden Italiens, die nach Mailand kommt, um ihr Glück zu finden. Die matriarchalen Familienbande zwischen der Mutter Rosaria und ihren fünf Söhnen zerreisen nach und nach an der harten Realität der Großstadt. Die Söhne entwickeln sich immer mehr in verschiedene Richtungen, nur Rocco (Alain Delon) versucht verzweifelt die Familie zusammen zu halten, was ihm selbst unter Aufgabe seiner Liebe zu der Prostituierten Nadia (Annie Giradot) zu Gunsten seines Bruders Simone nicht gelingt. Simone wird Nadia schließlich sogar töten. In manieristischen s/w-Bildern und mit viel religiöser Symbolik schafft Visconti ein Werk, dass in seiner Anlage stark an Thomas Manns Josef und seine Brüder und Dostojewskis Idiot orientiert ist. An einer wirkungsvollen Umsetzung für das Theater ist bereits der Regisseur Ivo van Hove 2008 bei der Ruhrtriennale in Bochum gescheitert. Die Frage ist nun, ob Regietalent Antú Romero Nunes (hier ein Tagesspiegel-Portrait), selbst Kind von Migranten aus Chile und Portugal, am Maxim Gorki Theater eine Durchdringung und Auflösung des Stoffes in theatrale Bilder glücken wird und ob man allein mit dem Auf- und Abschminken der Gesichter der Darsteller den Verlust von Heimatidentität und familiären Banden anschaulich beschreiben kann.
Wenn man sich die Kritiken zu Ivo van Hoves Inszenierung ansieht, hat man den Eindruck, da nicht wirklich etwas verpasst zu haben. Er quält den Zuschauer mit 3 Stunden Pathoszertrümmerung. Nunes reichen 2 Stunden aus für ein Ergebnis, das leider auch nur streckenweise überzeugen kann. Es fängt vielversprechend an, in zauberhaften Stummfilmszenen mit Klavierbegleitung wird die Ankunft der Familie in Mailand geschildert. Als Mutter Rosaria wird Andreas Leupold mit Rock und Kopftuch ausstaffiert und darf später auch noch in die Rollen des Boxtrainers und der Wäschereibesitzerin schlüpfen. Die Familie bibbert mit weiß geschminkten Gesichtern in der Winterkälte Mailands, über der Bühne werden dazu passende Texte projiziert. Ihre Mantelschöße hängen an dünnen Fäden aneinander und verweisen so auf die noch bestehenden zarten familiären Bindungen. Wenn an ihnen gezogen wird, zeigen sie gleichzeitig noch den kalten Wind, der ihnen nun entgegenbläst. Ein starkes Bild, dem noch viele weitere folgen, wie ein Koffer der aufgeklappt das schmale Dach darstellt, unter das sich die Familie zu ihrem bereits in Mailand lebenden Bruder Vincenzo (Albrecht Abraham Schuch) flüchtet. Um Geld zu verdienen, müssen sich die Brüder mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen, wie das Schippen von Schnee. Hier wird aus den Manteltaschen Kunstschnee wie Konfetti über die Bühne verteilt und alle Tanzen in einem bildgewaltigen Schneegestöber. Viel phantastischer Zauberkram hat Nunes aufgefahren, aber wenn der Schnee beiseite geräumt ist, fängt der Jammer an, in doppelter Hinsicht. Mit dem Auftauchen von Nadia (blond und aufreizend, Anne Müller) ist die Familienseligkeit vorbei und erste Begehrlichkeiten erwachen, die aber von Nadia mit Verweis auf die Übertitel sofort als reine Projektion entlarvt werden.
Simone, von Michael Klammer dargestellt, drängt es zu Ruhm und schnellem Geld im Boxsport. Um Nadia zu beeindrucken, ist ihm jede Mittel auch Diebstahl recht. Die Verführung der Großstadt wird durch auf und niederfahrende Neonleuchttraversen anschaulich gemacht und die Wäscherei in der Bruder Rocco arbeitet mit viel Dampf und wuchtigen Lautsprechern die vom Schnürboden schweben. Leider vergisst Nunes nun immer mehr die Geschichte des Familienverbandes zu entwickeln und dessen Verfall entsprechend zu erklären. Die Story plätschert jetzt vor sich hin, es wird mit allerhand lustigen Effekten gespielt, das aber durchaus auf ziemlich hohem Niveau. Es scheint, als wüsste Nunes plötzlich nichts mehr mit seinen Figuren anzufangen und verjuxt so doch immer mehr die tragische Geschichte der Brüder. Wir erfahren noch nebenbei etwas über die neoliberal orientierte Kariere des Bruders Ciro (Matti Krause) bei Alfa Romeo und die familiären Ambitionen von Vincenzo, der als erster die Familie verlässt, um sein kleines eigenen Glück zu begründen. Den unsicheren aber zärtlichen Annäherungsversuchen von Rocco und Nadia wird nun viel Platz eingeräumt, Roccos Verzicht auf Nadia ist um so unverständlicher, je vehementer sich der in seinem Ego verletzte Simone wieder zwischen sie drängt. Man ist dann schon erstaunt, mit welcher Wucht plötzlich Simone und der stoisch anmutende Rocco des Robert Kuchenbuch plötzlich aneinandergeraten. Der Umschwung kommt wie aus heiterem Himmel und führte fast zum Abbruch der Veranstaltung, da Kuchenbuchs Kopf Bekanntschaft mit einer Wandleuchte machte, die an ihm zerschellte. Mit blutüberströmten Hals und Pflaster am Kopf quälte sich Kuchenbuch aber weiter durch den Stoff und wurde sogar noch als leidender Jesus an den Leuchttraversen hochgezogen. Auch das Kreuzigungsbild der Nadia aus dem Film wird zitiert, aber sie fordert hier selbstbewusst ihren Tod und ergibt sich nicht nur dem Schicksal durch Simones Messer.
Als originäres Theaterstück funktioniert Nunes Inszenierung sehr gut, aber der Bezug zu Viscontis Anliegen kommt nicht rüber, die Reduzierung auf einen Bruderzwist um ein Mädchen wie bei Schillers Räubern, verkleinert die Vorlage. Der Schluss, wenn der Zerfallsprozess der Familie bereits beendet ist, kann mit seinem kleinen netten Verweis in die Zukunft nicht mehr viel wettmachen. Der jüngste Bruder Luca (Alp Erdener Ergovan) öffnet zaghaft einen leuchtenden Koffer und singt ein herzzerreißendes Lied über Heimatgefühle. Was bleibt bei Visconti, wenn man das ganz große Pathos raus nimmt? Zumindest eine starke Story, bei Nunes ein paar Beulen und eine Platzwunde am Kopf. Ich wünsche dem stark spielenden Robert Kuchenbuch, der vor allen anderen wahrhaftig in seiner Rolle aufging, alles Gute und hoffe, dass es nicht so schlimm war, wie es aussah. Kuchenbuchs Szenen gehören zu den sehr starken dieser Inszenierung, hier hat Nunes einen wahren Glücksgriff getan. Apropos Boxen, Brecht war großer Boxfan und Visconti hatte nicht nur Anleihen bei Thomas Mann und Dostojewski genommen, sondern auch zumindest in Richtung Brecht geschielt. Die Zeiten des epischen Theaters sind vorbei, aber es wäre eine Möglichkeit gewesen, das übergroße Pathos Viscontis anders aufzubrechen. Zumindest die Verfremdung hat Nunes sehr gut drauf. Wenn man im Programmheft seitenweise Pasolini zitiert, ist aber großes religiösen Pathos fast vorprogrammiert und warum auch nicht. Pathos gehört zum Theater, es darf nur nicht im bildhaften Kitsch übergehen. Das hat Nunes zum Glück vermieden, aber er hat dafür auch teilweise auf das Erzählen einer großen Geschichte verzichtet.
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