Im mythischen Schlachtensumpf – Armin Petras verspiegelt Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten.
Nach Falladas Jeder stirbt für sich allein brachte am 24. September Armin Petras, der bald scheidende Hausherr des Maxim Gorki Theaters, einen weiteren Roman auf die Bühne, der sich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Dem Widerstand gegen das Naziregime folgt nun, so will es die Vorlage, ein Roman aus der Sicht der Täter. Ein weiterer Beitrag zur Geschichte Deutschlands, die schon seit zwei Jahren die Theatermacher am Gorki verstärkt beschäftigt. Petras Beiträge dazu sind u.a. die Dramatisierung des Romane Rummelplatz“ von Werner Bräunig und Die Blechtrommel von Günter Grass in einer Inszenierung von Jan Bosse oder auch die Dramatisierung des Vorwenderomans Der Turm“ von Uwe Tellkamp für das Staatsschauspiel Dresden.
Das mythische Grauen der Aufklärung gilt dem Mythos.“ Aus Dialektik der Aufklärung“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.
Auf den fast 1.400 Seiten seines 2006 erschienen Romans Die Wohlgesinnten breitet der französisch amerikanische Autor mit jüdischen Wurzeln Jonathan Littell, in aller Deutlichkeit die Gewalt- und Sexphantasien des fiktiven SS-Offiziers Max Aue während des 2. Weltkriegs aus. Aue ist ein junger, gebildeter, sogar mit einem Doktortitel in Jura ausgestatteter Deutscher, der sich aus Opposition zu seiner französischen Mutter den Nazis anschließt und in der SS schnell Karriere macht. Sein Vater, ein deutscher Offizier im 1. Weltkrieg und Mitglied der Freikorps im Baltikum, verlässt die Familie und wird schließlich von der Mutter für tot erklärt. Im Roman durchläuft Max Aue die wichtigsten und schrecklichsten Orte des Krieges mit den Judenerschießungen in der Ukraine zu Beginn des Russlandfeldzuges, den Kessel von Stalingrad, sowie das Vernichtungslager Auschwitz und schließlich die Berliner Bombennächte.
Er wandelt dabei über Leichen und schreibt präzise Berichte darüber, mit dem Ziel, das Töten immer effektiver zu machen. Nebenbei werden seine obsessive Homosexualität und das Inzestverhältnis zu seiner Schwester behandelt. In Frankreich bringt er dann noch seine Mutter und ihren neuen Mann um. Littell verbindet hier die antike griechische Tragödie der Orestie mit dem Gräuel der Judenvernichtung. Er versetzt die meist gebildeten Leser bewusst in die Figur des Max Aue, mit der Absicht, sie mit der Denkweise eines intelligenten Mörders zu konfrontieren. Vielleicht kann man die Idee des Romans auch so begreifen, dass Littell hier der Ästhetik des Widerstands nach Peter Weiss, die perverse Ästhetik der Täter gegenüberstellt. Dafür hatte er im Vorfeld gut recherchiert und fand Vorbilder für seine Figur des Max Aue im belgischen Faschisten Léon Degrelle (Das Trockene und das Feuchte) und im 1978 erschienen Sachbuch Männerphantasien, Band 2: Männerkörper – zur Psychoanalyse des weißen Terrors des deutschen Literaturwissenschaftlers und Kulturtheoretikers Klaus Theweleit.
Orestes wird von Furien gehetzt. Gemälde von William-Adolphe Bouguereau (1862) – wikimedia commons
Ein Vertreter dieses von Theweleit beschriebenen faschistischen Männertyps war z.B. der Lagerkommandant des KZs Auschwitz Rudolf Höß, den bereits 1952 der französische Schriftsteller Robert Merle in dem biografischen Roman Der Tod ist meine Beruf, wie Littell seinen Max Aue, in der Ich-Form erzählen lässt. Das Buch beruht größtenteils auf den autobiografischen Aufzeichnungen von Rudolf Höß. Ein Gerichtspsychologe attestierte Höß nach dem Krieg eine schizoide Apathie mit fehlendem Einfühlungsvermögen und Gefühllosigkeit. Im Roman wird das mit den harten Erziehungsmethoden durch den katholischen Vater erklärt. Diese These vertritt auch Theweleit, der das Funktionieren dieser zwischenmenschlich und libidinös gestörten Männer im faschistischen Apparat, durch ihre Erziehung mit Prügel und militärischem Drill erklärte. Allerdings besaß Höß bei weitem nicht den hohen Bildungsgrad der Romanfigur Max Aue aus den Wohlgesinnten. Auch wird hier der Einfluss des Ersten Weltkriegs auf Höß übersehen, der, genau wie Hitler, Kriegsfreiwilliger war und in den 20er Jahren in den Freikorps agierte. Littell hat von Theweleit lediglich die bürokratische Seite eines Höß, der durch gesteigerten Gehorsam in der SS schnell Karriere machte, und die sexuelle Komponente übernommen.
Armin Petras scheint das alles so fasziniert zu haben, dass er der Versuchung, dieses Monstrum von Literatur unbedingt auf die kleine Bühne des Maxim Gorki Theaters zu bringen, nicht widerstehen konnte. Widerstehen konnte zumindest die breite Masse der Literaturkritiker in Deutschland, die von der literarischen Qualität des Buches nicht sehr überzeugt waren. Einzig die FAZ, mit Herausgeber Frank Schirrmacher an der Spitze, befasste sich näher mit dem Roman und widmete ihm eine ganze Website, auf der sie u.a. Theweleit als Generalverteidiger Littells aufbot. Wie dem auch sei, das Buch entzieht sich konsequent einer rationalen Beurteilung und erfüllt damit wohl die von Theodor W. Adorno aufgestellte These der Uneindeutigkeit von Literatur nach dem Holocaust. Für den nach epochalen, epischen Geschichten hungernden Regisseur Petras scheint das wie geeignet zur dramatischen Bearbeitung.
Petras stellt dazu einen großen senkbaren Spiegel auf die Bühne und lässt das Publikum, unter ihnen in der Loge den alten Max Aue (Peter Kurth), sich darin spiegeln. Kurth gibt die Lebensbeichte des gealterten Mörders, der ohne Reue ist und das offen bekennt, zu Protokoll. Fazit: Wir haben nur mehr Glück gehabt als er, sind deswegen aber nicht unschuldiger. Er betont dabei die Notwendigkeit und die damit verbundene Unmöglichkeit sich dem Töten zu entziehen. Eine weit verbreitet Rechtfertigung im Nachkriegsdeutschland, soweit eine Aufarbeitung überhaupt stattgefunden hat. Die Selbsterkenntnis im Spiegel bedeutet also noch lange kein Eingeständnis von verantwortlichem Handeln. Aue ist hier ganz Narzisst, aber ein von Anfang an Wissender und immer noch glühender Ideologe.
Im Weiteren treten nun Max Simonischek als junger Max Aue und die Schauspieler Cristin König, Anja Schneider, Aenne Schwarz und Thomas Lawinky in wechselnden Rollen der Romanvorlage auf. Erst im Schwarz der SS gekleidet, dann in Erdfarben der Schlachten und des Mordens im ukrainischen Babyn Jar. Auf rutschiger Rampe wird auch die faschistische Blut- und Bodenpolitik in Aktion verhandelt und alle weiteren wichtigen Stationen des Romans durchlaufen. Die Kriegsgräuel werden nicht ausgespart. Petras bemüht sich um eindrucksvolle Bilder. Simonischek spielt eine gebärende jüdische Mutter, deren Kind danach sofort umgebracht wird, oder eine russische Partisanien wird von allen SS-Männern vor der Hinrichtung geküsst. Auf der Bühne viel Farbe, Matsch und rote Stoffdarmfäden die sich Thomas Lawinky umhängen darf. Aua, aua!“
Die Schauspieler mühen sich redlich und haben auch ein paar erwähnenswerte Einzelauftritte. Allen voran Thomas Lawinky als zwielichtiger Kriegskamerad des jungen Aue, Cristin König als Mutter Aues Gib der Mama mal einen Kuss!“ oder Peter Kurth als gefangener russischer Politkommissar, als Kontrapunkt zur Naziideolgie des Max Aue. Anja Schneider (?) oder Aenne Schwarz als insestös verehrte Schwester Aues bleiben dagegen merkwürdig blass und schwenken nur hin und wieder ihr Haar. Dazu gibt es Musik von Bach, gemäß der im Roman angelegten Kapitelüberschriften einer barocken Suite, am Cello Anne-Christin Schwarz, und Choräle zwischen den einzelnen Abschnitten des Abends.
Im dritten Teil sind dann alle in unschuldiges Weiß gehüllt, ganz schicksalhaft verwoben in diese Geschichte aus Sex, Mord und perfider Ideologie. Max Simonischek spannt sich dabei auf ein auseinanderklappbares Hakenkreuz. Hier kommt dann auch das antike Moment des Romans zum Ausdruck, wenn sich die Darsteller Masken vor die Gesichter halten und im Chor ihren Text deklamieren. Petras fährt zusätzlich ordentlich Symbolik auf, der Spiegel hebt und senkt sich bedrohlich und zeigt die Schauspieler in antiker Schlachtenordnung auf der Rampe. Ein skythischer Totenwagen wird im Bühnenhintergrund gezogen und symbolisiert vermutlich das mythische Totenreich.
Dieser Vergleich von antikem und modernem Krieg ist nicht neu, siehe Peter Weiss, und erst gerade eben hat Volker Lösch in Stuttgart – wohin es Armin Petras bekanntlich zieht – Troja mit Afghanistan kurzgeschlossen. Problematisch ist dabei aber der Vergleich der Judenvernichtung mit der antiken Schicksalsmythologie. Da muss sich Petras aber an die literarische Vorlage halten, findet jedoch kaum Abstand oder gar einen eigenen Interpretationsansatz dazu. Es wirkt hier alles nur stark verquast und bringt keinerlei Aufklärung über das eigentliche Thema, der Verstrickung der deutschen Intelligenz in die Naziideologie. Es interessiert letztendlich auch nicht wie intelligent ein Mörder ist, sondern nur was ihn zum Mörder macht und wie er sich selbst dazu stellt. Ob das durch die kühle, berechnende Spielweise von Peter Kurth als alten Max Aue und als väterliches Vorbild Dr. Mandelbrod künstlerisch zum Ausdruck kommt, ist reine Ansichtssache, Aussagekraft gewinnt das Spiel dadurch allein noch nicht.
Dem jungen Max Aue des Max Simonischek scheint das Ganze nur irgendwie zu passieren, er ist wie in die Geschichte hineingestellt, ohne Bezug zu irgendwas außer seinen pathologischen Obsessionen. Ein Fall für Freud aber nicht für die Aufarbeitung der Verwicklung deutscher Intellektueller in den Nationalsozialismus. Kein Epochales Drama also, sondern leider ein epochaler Fehlgriff, der hier dem sonst so zielsicheren Armin Petras unterläuft. Das allein ist noch kein Beinbruch, da das Ergebnis über weite Strecken zumindets Theatertauglichkeit andeuten kann. Allein das reicht nicht über 3 ½ Stunden und nötigt dem Zuschauer viel Geduld und einiges an Bildenträtselungsvermögen ab.
Dramaturg Jens Groß gibt einen kleinen Abriss zum Spiegel als aufklärerisches Symbol“ im Programmheft. Dem Publikum einen Spiegel vorzuhalten bedeutet eigentlich nichts. Jeder Mensch erkennt sich irgendwann selbst als Individuum. Aber Werde der Du bist heißt es da bei Nietzsche. Sehr schön beschreibt es Platon im Staat: Nicht wird ein Daimon euch erlösen, sondern ihr werdet euch einen Daimon wählen (…) den Lebenslauf wählen, mit dem ihr dann notwendig verbunden bleibt. Schuld hat, wer gewählt hat; Gott ist schuldlos.“ Oder wie einem ist, so wird einem werden – frei nach Heidegger (Sein und Zeit). In Petras Inszenierung wird durch den Spiegel nur gedoppelt, aber keine wirkliche Ambivalenz erreicht, geschweige denn eine Selbsterkenntnis befördert. Er ist reines theatralisches Mittel zum Zweck und zur Abbildung.
Das eigentlich Bemerkenswerte an dem Abend ist, dass Petras sich etwas traut, was andere Regisseure nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden. Und genau das unterscheidet Petras auch von der Masse der anderen Regisseure, die lieber in der bürgerlichen Beliebigkeit rühren, anstatt Themen die wirklich weh tun aufzugreifen. In Stuttgart scheint man das erkannt zu haben. Nachdem Petras nun seine Ostvergangenheit und die frühere deutsche Geschichte aufgearbeitet hat, kann er sich nun frei von pekuniären Sorgen den Problemen der Gegenwart widmen. Es bleibt zu hoffen, das einige der Ergebnisse davon bis nach Berlin dringen können. Bis dahin kann man sich noch beim Kleistfestival im November weitere Inszenierungen Armin Petras zum Thema Krieg und Größenwahn ansehen, zum Beispiel das durchaus sehenswerte Kleist/Goldoni-Doppel Der Krieg oder Kleists Hermannsschlacht als Gastspiele aus München.
- Die Wohlgesinnten“ wieder am 21. und 26.10.11 im Maxim Gorki Theater. Das Buch von Jonathan Littell ist im Berlin Verlag erschienen.
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