Aus gegebenem Anlass, ein kleines Spezial zum Maxim Gorki Theater – Teil 1

Der Gorki-Intendant Armin Petras verlässt wegen 500.000 € Unterfinanzierung Berlin in Richtung Stuttgart. Nun braucht das kleine Theater am Festungsgraben wohl mehr als ein paar „Wohlgesinnte“.

Bei den Schwaben zählt nur das Haben und da Armin Petras in Berlin zu wenig hat, um weiterhin gutes Theater zu machen, schmeißt er seinem Dienstherrn und Kultursenator ehrenhalber Klaus Wowereit den Bettel hin und zieht 2013 ins schöne Stuttgart, immerhin auf Platz 4 der Zufriedenheitsskala der Deutschen. Berlin liegt nur auf Platz 80, wahrscheinlich weil die paar unzufriedenen Schwaben auch noch in Berlin leben müssen. So kann´s also gehen, wenn man wie so oft im Roten Rathaus meint, da wolle sich nur einer profilieren und ignoriert einfach die zahlreichen Gesprächsansinnen eines verzweifelten Theatermachers, der fast unbemerkt von Presse wie Kulturvolk seine Nebenspielstätte, das Gorki-Studio, bereits geschlossen hat. Aber Armin Petras ist nicht Claus Peymann oder Frank Castorf, die sich immer mal wieder wegen ein paar Groschen zu wenig melden, sondern er meint es tatsächlich ernst.

gorki-theater.JPG Foto: St. B.
Neue Zukunftsvisionen am Maxim Gorki Theater?

Einzige Reaktion des im Moment mit wichtigeren Dingen als notleidenden Theatern beschäftigten Regierenden Bürgermeisters – er zimmert nämlich gerade eine neue unheimlich große Koalition zusammen, nachdem ihm die Grünen wegen ganzen 3 km Autobahn vom Verhandlungstisch getürmt sind – ist ernsthaft: „Reisende soll man nicht aufhalten.“ Und dabei hat er mit Sicherheit schon den Betteltermin mit der ausgezehrten Gorkifamily aus seinem Kalender gestrichen. Sieht ja auch nicht gut aus, wo man gerade beim Kuchen aufteilen ist, wenn da noch ein paar Hungerkünstler vor dem Roten Rathaus rumlungern. Nun bekommt der olle löchrige Topp auch bald den passenden Henkel dazu. Die Berliner Kulturschaffenden können sich schon mal warm anziehen.

Das hätte es in Stuttgart bisher sicher nicht gegeben. Nun herrschen dort im Ländle sogar die Grünen mit der SPD als Juniorpartner und es geht um wesentlich mehr als ein paar Kilometer Autobahn. Trotzdem scheint das Württembergische Staatstheater Stuttgart davon finanziell völlig unberührt zu sein und das Schauspiel ist seit Hasko Weber in diesem Drei-Sparten-Verbund gut aufgestellt. Klaus Wowereit lässt also Armin Petras ziehen, wünscht ihm Glück und beerdigt damit mal so eben nebenbei eines der innovativsten Theaterprojekte in Berlin seit der Baracke am DT, vor immerhin auch schon 12 Jahren. Der einstige Barackenwart Thomas Ostermeier hat es sich mittlerweile am Kudamm bequem gemacht und in der Volksbühne sind Innovationen auch eher Fehlanzeige. Wie steht es nun wirklich um Wowereits Kultur-Berlin? Arm, ja, aber sexy sieht anders aus. Vielleicht hätte Petras das tatsächlich wissen können, auch ohne in seinen Vertrag sehen zu müssen, wie ihm Wowereit gleich noch mit empfohlen hat.

Ende August tönte Kulturstaatssekretär André Schmitz noch: „Die Kultur dürfte der einzige Haushaltstitel sein, der sich über Arbeitsplätze und Steuereinnahmen refinanziert, wahrscheinlich sogar zweifach,…“ Aha, aber war das Gorki Theater nicht mit in der Evaluation? Hat da jemand die Zahlen frisiert oder falsch interpretiert? Man könnte sich zumindest im Gorki so ziemlich verarscht fühlen, wo jetzt 5 Stellen zu Disposition stehen. Der gemeine Berlintourist wird sich auch eher selten hinter die Neue Wache an den Festungsgraben verirren. Daher scheinen wohl dem Senat die 500.000 €, die ja bei dieser immensen Refinanzierung dicke drin sein müssten, wohl nicht gewinnbringend genug angelegt zu sein. Das Gorki ist dann also scheinbar nach Schmitz` Dreisatz keine Investion wert.

Dass sich das Ganze noch nicht zur Staatsaffäre hochstilisiert hat, liegt mit Sicherheit am gesunden Phlegma von Berliner Politik und Presse gleichermaßen. Da wird mal müde nachgefragt und es gibt ein paar Interviews mit dem Abtrünnigen, das war es dann aber auch schon. Kein Interesse daran wie es weiter geht, nirgends. Die Wahlen sind gelaufen und das Gorki nicht das Hamburger Schauspielhaus, mit dem man politisch punkten könnte. Wie Politik funktioniert, zeigte, Ironie des Schicksals, das Gorki Theater noch kurz vorher selbst. Nun ist man also wieder in der grauen Realität angekommen. „Völker schaut auf diese Stadt!“ Wir schauen und erschauern.

Einen Interessenten gäbe es dennoch, den die bedauerliche Entwicklung am Gorki durchaus freuen könnte: die Berliner Singakademie, die im Streit um die Immobilie am Festungsgraben bisher unterlegen ist. Nun kann man dort getrost warten, bis sich die Personalie Gorki Theater von selbst erledigt hat und das von der Berliner Politik sturmreif geschossene Haus durch Rückübertragung doch noch billig abstauben. Ob sich Armin Petras nun richtig verhalten hat oder nicht, geschenkt. Die Leidtragenden des Ganzen sind wie immer die Mitarbeiter des Hauses, die seit dem Ende der langjährigen Intendanz des schon legendären Albert Hetterle die Intendanten und Ensemble im 5-Jahresrythmus an sich vorbei ziehen sehen.

Wer ist der Nächste, der in Petras Fußstapfen steigen könnte und das Gorki nicht wieder in ein unbeliebtes Nischendasein führt? Es wird schon der Ringtausch Berlin-Stuttgart-Leipzig diskutiert, nur wer begibt sich freiwillig in die Unterfinanzierung, wenn er gerade daraus entkommen oder wesentlich Besseres gewohnt ist. Ob Sebastian Hartmann, der aus ähnlichen Gründen wie Petras in Leipzig hingeschmissen hat, der Richtige wäre, ist reine Spekulation, aber schon mal einen Gedanken wert. Zumindest würde er nach dem Weggang des spiel- und experimentierfreudigen Petras-Ensemble eine ähnlich engagierte Schauspieltruppe an die Spree mitbringen. Aber mit Sicherheit nicht zu den Bedingungen, die ihm das Arbeiten in Leipzig unmöglich gemacht haben. Hartmann wird sich im Februar 2012 mit einer Inszenierung von Hans Falladas „Trinker“ am Gorki empfehlen. Der ab 2012/13 ebenfalls zur Verfügung stehende Matthias Lilienthal vom HAU dürfte eher auf größere internationale Projekte abboniert sein. Noch sind gut 1 ½ Jahre Zeit für die Berliner Kulturpolitik sich zu entscheiden, und vielleicht fragt Klaus Wowereit ja auch Ulrich Khuon, den in Findungsfragen erfahren DT-Intendanten, ob er nicht noch irgendwo einen jungen engagierten Eleven weiß, der nichts anderes zu tun hat und nicht so genau in seinen Vertrag schaut.

weiter zu Teil 2:  Im mythischen Schlachtensumpf – Armin Petras verspiegelt Jonathan Littels Roman „Die Wohlgesinnten“.

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