Oder Bruch – Ein Projekt von Tobias Rausch zum Oderhochwasser 1997 am DT

Mit der Flut der Worte gegen einen Damm aus Mythen – Oder Bruch. Eine Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin mit der Neuen Bühne Senftenberg.

Als Deichgraf ist der damalige brandenburgische Minister für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung Matthias Platzeck in die Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands eingegangen. Durch ständige Präsenz vor Ort und in den Medien erwarb er sich während der Oderflut von 1997 den Ruf eines fähigen Krisenmanagers. Ein Mythos war geboren und trug ihn schließlich bis in das Amt des brandenburgischen Ministerpräsidenten. Fast 15 Jahre nach dem Jahrhundert-Hochwasser im Oderbruch hat sich der freie Autor, Regisseur und Performer Tobias Rausch (u.a. lunatiks produktion) dahin zurückbegeben, den Mythen auf die Spur. Mehr als 100 sogenannte „Augenzeugen“ hat er dort befragt und aus den vielen Interviewschnipseln einen respektablen Theaterabend zusammengebastelt, der nun in der Box des Deutschen Theaters Premiere hatte.

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Die Oder bei Hochwasser. Foto: Janina Briesemeister – pixelio.de

Auch Matthias Platzeck begegnet uns zu Beginn des Abends wieder. Vor einem Plastikvorhang haben sich vier der sechs Darsteller (Barbara Heynen, Marco Matthes, Friedrich Rößiger, Barbara Schnitzler, Juschka Spitzer und Bernd Stempel) in weißen Gummistiefeln und Ostfriesennerzen aufgebaut und erzählen u.a. als Einsatzleiter des THW und der Bundeswehr, von dem was sie nun wohl im Hochwassergebiet erwarten wird. Später gibt der Vorhang das Bühnebild frei, bestehend aus Sperrholz-Deich und Welle mit einem alten Teppichmuster beklebt. Darauf stehen die Schauspieler und schlagen die Arme wie Vögel an ihre Kunststoffmäntel oder patrouillieren als Deichläufer auf der Krone und am Fuß des Damms. Der lässt sich im Laufe des Abends variabel umbauen, stellt Leitzentrale, das Dach eines abgesoffenen Hauses oder eine Notunterkunft für die Evakuierten dar. Die Schauspieler schlüpfen in die verschiedensten Rollen von Betroffenen, über Verantwortliche aus der Region und Landespolitik, bis zu den vielen Helferorganisationen.

Dabei legt Tobias Rausch das Spektrum sehr breit an. Wir hören die privaten Ängste von Bewohnern aller Altersgruppen, genauso wie Schimpftiraden über die Unfähigkeit der Politik und mangelnde Organisation. Ein Mann vom THW gibt Anekdoten einer sinnlosen Fahrt mit Betten und Rohren ins Hochwassergebiet zum Besten. Freud und Leid der kochenden Volksseele stehen gegen die nüchternen und beschwichtigenden Reden der Politiker. Wasserstände und Deichdurchbrüche werden durchgegeben, Sandsäcke gestapelt und auch kleine private Abenteuer, wie das Holen eines Hochzeitskleids aus der Kreisstadt, erzählt. Einige wollen unbedingt weg in die weite Welt und fühlen sich durch die Urgewalt des Wassers daran gehindert, die meisten sind aber selbst nach dem Befehl zur Evakuierung kaum von ihrem Grund und Boden zu trennen. Man versucht Hab und Gut sowie Erinnerungstücke wie Fotoalben zu retten und steht schließlich nur noch vor einem riesigen Haufen Schlamm und Bauschutt. Wenn auch keine Todesopfer zu beklagen sind, so ist doch vielen mit der Flut das halbe Leben weggespült worden.

Ein weiterer Punkt, der behandelt wird, ist das Zusammenleben von Deutschen und Polen im Grenzgebiet der Oder. Auch im benachbarten Polen hat die Flut große Verwüstung angerichtet und sind die Schicksale zum Teil noch etwas härter, da sich die Wassermassen nach den Dammbrüchen größtenteils hierhin ergossen. Es wird von einem abrutschenden Friedhof berichtet, dessen Särge wie Bobs den Hang hinunter sausen und vom anschließenden Einsammeln der Leichenteile. Wirklich ergreifend ist dann aber der Bericht einer Frau, die ihre Mutter auf dem Friedhof dort täglich besucht hat und nun nicht mehr hingehen mag, da die Reste in einem Gemeinschaftsgrab beerdigt wurden. Dagegen wirken dann die Streitigkeiten um Spenden zwischen einst solidarisch zueinanderstehenden Nachbarn diesseits der Oder wieder ziemlich deutsch. Vor allem die sehr persönlichen Geschichten um Erinnern und Vergessen sowie Heimat und Angst vor Verlust sind die wirklich starken Momente dieser Inszenierung, die doch oft etwas zu laut wirkt und sich dabei gerne im Anekdotischen verliert.

„Das Wasser hat ein älteres Gedächtnis als wir. Als ob es sich erinnern würde, sucht es immer wieder sein altes Bett.“ sagt einmal Barbara Schnitzler. Das sind die Worte die das Nachdenken anstoßen sollen. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die Trockenlegung des Oderbruchs mit dem Bau von Deichen und Entwässerungskanälen unter Friedrich II., dessen 300. Geburtstag man dieses Jahr begeht, begonnen und es wurden in Folge dessen systematisch Menschen dort angesiedelt, die Ackerbau und Viehzucht betreiben sollten. Heute stehen vermehrt Umweltinteressen gegen die wirtschaftlichen Belange der Bauern und Viehzüchter. Vor allem die versprochenen Überlaufflächen sind nach wie vor kaum realisiert. Das Zögern der Politik gibt dabei den Boden für Spekulationen und den vermehrten Anbau von Monokulturen frei. Die kollektive Erinnerung an das Hochwasser verstellt den Blick auf die Zukunft, ist das ernüchternde Fazit des Abends. Wie man den wieder frei bekommen kann, wäre nun die Sache aller Beteiligte selbst. Der mit fast 2 Stunden schier ausufernde Abend findet allerdings zum Schluss keine Zeit mehr, den Blick wirksam darauf zu fokussieren.

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Am 17.02.12 hat ODER BRUCH an der Neuen Bühne Senftenberg Premiere –  Foto: St. B

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weitere Termine:

Deutsches Theater Berlin, Box:

12. März 2012, 20.00 Uhr,
13. März 2012, 20.30 Uhr
25. März 2012, 18.00 Uhr

Neue Bühne Senftenberg, Studiobühne:

17. Februar. 2012, 19.30 Uhr
18. Februar 2012, 19.30 Uhr
02. März 2012, 19.30 Uhr
03. März 2012, 19.30 Uhr

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