‚ Roman im Ballhaus Ost und „Lehrstück“ nach Brecht/Hindemith in der Werkstatt des Schillertheaters – Zwei moderne Musiktheaterversuche in der Post-Schlingensief-Ära.

„Bye Bye Blondie“ nach dem Roman von Virginie Despentes als neues Musiktheater im Ballhaus Ost – Komposition: Eunsun Lee, Musikalische Leitung / Einstudierung: Lennart Dohms / Arno Waschk, Libretto und Regie: Sophia Simitzis, Ausstattung: Inga Timm, Video: Heta Multanen – Premiere: 16.06.12

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„Bye Bye Blondie“ mit Ruth Rosenfeld und dem Ensemble Tema.
Foto: (c) ncnc – Ballhaus Ost

Die Romane von Virginie Despentes werden gerne in der EMMA rezensiert und dennoch ist die französische Skandalautorin mit ihren radikalfeministischen Ansichten meilenweit von Alice Schwarzers PorNO-Kampagnen entfernt. Despentes´ meist aus der französischen Unterschicht stammende Protagonistinnen zeichnen sich durch explizit kompromissloses Handeln aus und überschreiten dabei oft die gesellschaftlich anerkannten Grenzen der Moral und des guten Geschmacks. Als Vorbilder Despentes´ gelten auch Autoren wie Charles Bukowski und Michel Houellebecq, nur das sich bei ihr die Frauen sexuell aktiv und selbstbewusst in Szene setzen. Die Verfilmung ihres Buches „Baise-moi – Fick mich“ („Wölfe fangen“, Rowohlt, 2000) fiel sogar der Zensur in Frankreich zum Opfer und durfte eine zeitlang nur noch in Pornokinos gezeigt werden. Dagegen ist ihr 2004 erschienener Roman „Bye Bye Blondie“ (Rowohlt, 2006) fast brav zu nennen.

Auf dem Weg zu ihrer Stammkneipe „Bar Royal“ rennt die mächtig unter Dampf stehende 35jährige Gloria (Blondie) nach einem Streit mit ihrem Freund durch den Regen der Provinzstadt Nancy und unverhofft ihrer alten Liebe Eric, der nun ein bekannter Fernsehmoderator in Paris ist, vors Auto. Man hatte sich vor zwanzig Jahren in der psychiatrischen Anstalt „Jeanne d’Arc“ kennen und lieben gelernt. Sie wurde nach mehreren gwalttätigen Auseinandersetzungen mit ihren Vater dort eingewiesen, er nach einem Blackout wegen Drogenkonsums. Die Liebe endet tragisch, als sich der aus reichem Hause stammende Eric, auf Anraten seiner Eltern, für ein Studium entscheidet. Nun versuchen die immer noch unangepasst lebende Gloria und Eric einen neuen Anfang. Bei der großen Chance, ihre Lebensgeschichte ans Fernsehen zu verkaufen, verpasst Gloria allerdings dem Produzenten einen ihrer berüchtigten Kopfstöße. Damit scheitert nicht nur dieses Projekt, sondern auch der erneute Versuch einer bedingungslosen Liebe, die schließlich mit Eric fast buchstäblich aus dem Fenster fliegt. Daraufhin zähmt sich Gloria letztendlich selbst und gibt den bedingungslosen Widerstand gegen die Welt auf – „Bye, Bye Blondie!“ sozusagen.

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RockHard – Ruth Rosenfeld als junge Punkerin Blondie.
Foto: (c) ncnc – Ballhaus Ost

Das Künstlerteam um die junge Musiktheater-Regisseurin Sophia Simitzis nimmt nun am Ballhaus Ost den Roman als Grundlage einer szenisch-konzertanten Umsetzung für zeitgenössisches Kammerorchester und Gesangssolistin. Und die ist mit der Sopranistin Ruth Rosenfeld bestens besetzt. An der Berliner Volksbühne war Ruth Rosenfeld u.a. bereits in Frank Castorfs Inszenierungen der Meistersinger, Soldaten, Der Jasager / Der Neinsager und Lehrstück zu sehen, sowie in der Christoph-Schlingensief-Produktion „Kunst und Gemüse, A. Hipler – Theater als Krankheit“. Sie schlüpft in die Rolle der Gloria wie in eine zweite Haut, schminkt sich ganz selbstbewusst die Wimpern rot und den Mund schwarz und schreit: „Hat jemand in dieser Karre Bock auf ne Faust im Gesicht?“ So beginnt das unverhoffte Wiedersehen mit Eric. Auf einer Videoleinwand laufen Titel für die einzelnen Stationen wie Straße, Irrenhaus oder Punkjugendliebe. In Rückblicken wird die Geschichte der 15jährigen „Blondie“, ihr Stress mit dem Vater, der Polizei und einer Psychologin erzählt. Die Musiker des Ensembles Tema aus Karlsruhe übernehmen dabei immer wieder einzelne Sprechrollen. Blondies Aggressionen vermittelt Ruth Rosenfeld in kraftvoller Stimmlage und entsprechender Mimik und Gestik. Das Libretto von Sophia Simitzis bringt den Romantext von Virginie Despentes dazu in kurzen prägnanten Sätzen auf den Punkt. Neben der Mitarbeit bei Christoph Schlingensief und eigenen Werken an der Staatsoper Berlin, der Oper Frankfurt sowie dem Ballhaus Ost, ist dies eine weitere Zusammenarbeit mit der jungen Komponisten Eunsun Lee, die u.a. in Karlsruhe bei Wolfgang Rihm studiert hat.

Nun steht Blondie zwar auf Punk und Hard Rock a la Motörhead, die Komposition von Eunsun Lee orientiert sich aber nicht vordergründig an dieser populäreren Musik, sondern nimmt lediglich Anleihen und arbeitet diese geschickt in eine zeitgenössisch klassische Partitur um. Zu leichten melodischen Teilen setzen immer wieder harte Brüche Kontrapunkte und spiegeln so die wechselnden Stimmungslagen der Protagonistin zwischen unkontrollierten Wutausbrüchen und sehnsuchtsvoller Liebesgeschichte wieder. Das Ensembles Tema steht im Stil einer Rock-Band hinter Sängerin Ruth Rosenfeld und begleitet sie mit echtem Konzertflügel, Violine, Saxophon, Gitarre, Bass und Schlagwerk. Die Akustik im kleinen Theatersaal des Ballhaus Ost ist dabei bemerkenswert gut. Da die theatrale Darstellung in dieser Besetzung szenisch begrenzt ist, wird sie über Video bildlich ergänzt. In kleinen untertitelten Stummfilmsequenzen spielen die Musiker und Sängerin Teile von Glorias Story nach, was Ruth Rosenfeld nicht davon abhält, die kleine Bühne mit ihrer Präsenz auszufüllen und rastlos durch die Zuschauerreihen zu tigern. Zum Ende hin zieht sie einen Gazevorhang vor die Szene, auf dem sich die Videobilder doppeln.

Nachdem ihr Filmprojekt geplatzt und die großen Liebe zu Eric gescheitert ist, sitzt Gloria sichtlich erschöpft in einem Stuhl und singt einen melancholischen Song zur Gitarre. Sie ist im „Vorhof der Hölle“ angekommen und resigniert. Man kann das durchaus auch als vergeblichen Emanzipationsversuch einer kompromisslosen Künstlerin verstehen. Im Gegensatz dazu haben sich alle an der Produktion „Bye Bye Blondie“ Beteiligten wunderbar frei gespielt. Nach Inga Buschs fulminanter „Madame Bovary“ im letzten Jahr wieder ein gelungenes Frauenporträt im Ballhaus Ost. Für alle Fans von Virginie Despentes sei noch erwähnt, dass sie ihren Roman „Bye Bye Blondie“ wieder selbst verfilmt hat. Sie erzählt hier den Roman als lesbische Liebesgeschichte neu. In den Hauptrollen sind Béatrice Dalle und Emmanuelle Béart zu sehen. Der Film ist bereits im März in Frankreich und der Schweiz angelaufen.

WEITERE VORSTELLUNGEN:

Foto: St. B. ballhaus-ost_blondie.jpg
„Bye Bye Blondie“: am 28., 29. und 30. Juni jeweils 20:00 Uhr im Ballhaus Ost, Dauer: ca. 1:15 h 

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Es ist noch Suppe da! – Das „Lehrstück“ nach Brecht/Hindemith als Wärmestube für zu kurz gekommene Kunstdiskursler in einer Werkstattinszenierung der Staatsoper im Schillertheater Berlin. – Musikalische Leitung und Einrichtung: David Robert Coleman, Inszenierung: Michael von zur Mühlen, Ausstattung: Christoph Ernst – Premiere: 09.06.12

Von einer ganz und gar ungewöhnlichen Premiere in der Werkstatt der Staatsoper am Schillertheater gilt es nun zu berichten. Bereits am 09.06.12 hatte dort eine Neu-Inszenierung des „Lehrstücks“ von Bertolt Brecht mit der Musik von Paul Hindemith Premiere. Regie führte der 33jährige Michael von zur Mühlen, Hindemiths Partitur wurde vom Komponisten David Robert Coleman bearbeitet und dirigiert. Beide scheinen das Vorwort von Hindemith zum „Lehrstück“ wörtlich genommen zu haben und lösen die starre Konstellation einer Theateraufführung aus Mitwirkenden und Zuhörern ganz einfach auf. Belustigend und zum Teil auch erbauend war das Ganze dann aber doch noch, obwohl man nicht unmittelbar mitsingen musste. Man fühlt sich zunächst wie in Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ versetzt, nur das der Chor keine Heilsarmee-Gesänge anstimmen wird, sondern Brechts Verse der Urfassung des „Lehrstücks“ von 1929. Christoph Ernst hat die Werkstatt zur sozialen Suppenküche mit greller Neonbeleuchtung umgebaut. In der Ecke läuft eine Waschmaschine, die sich zum Ende hin lautstark im Schleudergang dreht. Es sind mehrere Tische aufgebaut, an denen man mit bis zu acht Personen sitzen und Mensch-ärgere-dich-nicht spielen kann. Texte der „Belehrung“ liegen herum und Bariton Nicholas Isherwood teilt als Küchenchef vom Dienst Spargelsuppe und Kaffee aus. Wodka wird ebenfalls ausgeschenkt. Die Flaschen kreisen von Tisch zu Tisch, was zumindest bei einigen Beteiligten die Zunge etwas lockert.

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Beifall oder Nachschlag? „Lehrstück“ in Auflösung bei der Premiere in der Suppenküche der Werkstatt im Schillertheater.

Gesungen wird dann doch zumeist professionell. An jedem Tisch sitzt ein Chor-Mitglied mit Mikrofon, das auch von den anderen am Tisch Sitzenden benutzt werden darf. Der Chor wird von weiteren Semiprofessionellen aus der Kunstszene unterstützt. Alle sind irgendwo bandagiert, der eigentlich gestürzte Flieger irrt aber in Kapitänsuniform unermüdlich von Tisch zu Tisch, sucht seine Suppe oder will Wasser. Es ist der Tenor Reiner Goldberg, der mit einer fast unglaublich stoischen Ruhe sein Schicksal zu ertragen scheint. Lautstark macht sich eher der Brite mit pakistanischen Wurzeln Ahmed Shah, der in Neukölln mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten Theater spielt, bemerkbar. Er ruft zur Revolte auf, die ehemalige Dramaturgin Barbara Gstaltmayr beklagt, dass ihr sozialkritische Passagen aus den Programmbüchern gestrichen wurden, der Theatermacher Markus Weckesser ist kurz vorm durchdrehen: „Ich will es endlich. Mach´s!“ und der Künstler und Performer Jörg Janzer betapt sich und willige Zuschauer mit Isolierband. Das Chaos scheint perfekt und kulminiert in dem Ausruf aus dem „Lehrstück“: „Der Mensch hilft dem Menschen nicht.“ Dazwischen versucht David R. Coleman mit Mitgliedern der Staatskapelle und der Orchesterakademie Hindemiths Musik zu intonieren. Unterstützung bekommen sie dabei auch mal vom Band. Die Zivilisiation kurz vorm Untergang, an der Wand prangt eine Bild des umgekippten Kreuzfahrschiffs „Costa Concordia“ und ein Video von einer Fahrt mit afrikanischen Bootsflüchtlingen wird gezeigt. Die Clownsnummer fällt aus, dafür stimmt Nicholas Isherwood irgendwann den Klassiker „Es ist noch Suppe da!“ an.

Die Intention der Regie ist schnell klar. Man will mit der weitgehend freien Aufführung Reaktion und Interaktion provozieren. Nur kommt die beim völlig unvorbereiteten Publikum nicht so richtig zu Stande. Diskussionsanregungen zu aktuell politischen Problemen werden immer wieder von den Chormitgliedern eingeworfen. Das hingehaltene Mikro wird aber nur zu Spontanäußerungen oder, auf die Frage wie man eine Änderung erreichen könnte, zu kruden Einwürfen wie „Massenerschießungen“ genutzt. Die Unfähigkeit der Menge zur Solidarität schwingt so natürlich immanent immer mit. Einige fühlen sich womöglich auch ungewollt in eine aktive oder passive Rolle gedrängt und verlassen die Aufführung. Die Belehrung wird dann wie ein Gebetstext von Isherwood vorgetragen und vom Chor und den meisten Zuschauern nachgesprochen. Hier kommt zum ersten Mal so etwas wie ein Gemeinschaftssinn auf. Der Text ist dabei ironisch mit Passagen aus der Clownsnummer und Fremdtexten durchsetzt: „Ich habe so unangenehme Gedanken im Kopf. (…) Aber ich kann mir ja das Gehirn raussägen,…“ usw. Danach fasert die Inszenierung allerdings vollkommen aus. Die von Brecht angestrebte Austreibung des Individuums kann dann von zur Mühlen wohl doch nicht ganz gelten lassen. Ein Schlingensief-Jünger verliest Texte aus der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ und muss sich lautstark gegen einen anderen Individualisten durchsetzen, der lieber auf seiner Elektro-Orgel herumklimpert. „Fresse halten!“ ist jetzt der vorherrschende Tenor des Diskurses und man fragt sich irgendwann, ob es noch Nachschlag gibt oder das Ganze bereits in eine unkontrollierte Premierenfeier übergegangen ist. Nach vereinzeltem Beifall trollen sich die meisten wieder in die Charlottenburger Nacht. Weder Kunst- noch Magen voll, dürstet es einen irgendwie nach etwas Sinn. Pädagogisch wertvoll oder Prost-Mahlzeit? Alles kann man nun mal nicht haben. Aber vielleicht doch noch mal hingehen. Es ist auf jeden Fall immer noch Suppe da. Unkostenbeitrag: 20,- €

WEITERE VORSTELLUNGEN:

Foto: St. B. lehrstuck_werkstatt.jpg
„Lehrstück“: am 23. Juni um 19:00 Uhr und 24. Juni um 20:00 Uhr in der Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater, Dauer: ca. 1:30 h

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