F.I.N.D. 2012 an der Schaubühne (Teil 1) – In „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg bringt ein junger religiöser Fanatiker unser vermeintlich festes Toleranzverständnis ins Wanken

„Ein Fanatiker ist ein Mensch, der so handelt, wie er glaubt, daß Gott handeln würde, wenn Er ausreichend informiert wäre.“ Finley Peter Dunne, Humorist (1867 – 1936)

find-2012.JPG Foto: St. B.

Im Gegensatz zum Festival Internationale Neue Dramatik 2011 fällt die Anzahl der Neuproduktionen in diesem Jahr aus Mangel an entsprechender Finanzierung etwas schmaler aus. In dieser Woche sind daher vorwiegend Wiederholungen von Inszenierungen aus dem letzten Jahr zu sehen. Als einzige größere Uraufführung der Schaubühne ging schon letzte Woche das neue Stück „Märtyrer“ von Hausdramatiker Marius von Mayenburg ins Rennen, bei dem der Autor wie schon bei „Perplex“ (2010) auch selbst Regie führte. Mit „Märtyrer“ hat sich der Autor Mayenburg nach langer Zeit wieder einem Jugendstück gewidmet. In „Feuergesicht“ aus dem Jahre (1998) ging es um einen Jungen, der auf der Suche nach seiner Identität, in totaler Abgrenzung zu seiner Umwelt und den hilflosen Eltern, zu drastischen Mitteln greift und sich schließlich selbst anzündet. Die Hauptrollen in dem 2000 von Thomas Ostermeier an der Schaubühne inszenierten Stück spielten damals Robert Beyer und Judith Engel. Zwölf Jahre später stehen sie nun auf der Seite der Erwachsenengeneration und spielen einen saturierten, opportunistischen Schuldirektor und eine zwar übermäßig tolerante aber völlig überforderte Mutter eines Schülers, der aus heiteren Himmel religiöse Gefühle entwickelt und diese bis zum Wahn treibt, indem er sich erst als Eiferer geriert und dann schließlich sogar prophetische Ambitionen an den Tag legt.

Benjamin Südel (Bernardo Arias Porras), ein erst völlig normal Pubertierender, steigert sich durch die übergenaue Lektüre der Bibel und deren wortwörtliche Auslegung in eine Art fanatische Religiosität hinein und lehnt alles in seinen Augen Unmoralische strikt ab. Der Einzelgänger aus Passion, isoliert sich damit um so mehr und kann nur einen körperlich behinderten Mitschüler als Anhänger und Jünger rekrutieren, der eigentlich nur verklemmt homosexuelle Gefühle für seinen „Guru“ empfindet. Bei einem vergeblichen Heilungsversuch des zu kurzen Beins von „Jünger“ Georg (Moritz Gottwald) kippt die Story sogar etwas ins Komische ab. Seine Umgebung nervt der selbsternannte christliche Retter mit exakten Bibelzitaten und explizit frauenfeindlichen, homophoben und antisemitischen Äußerungen. Wie er dazu gekommen ist und was ihn tatsächlich treibt, lässt Mayenburg im Unklaren. Im Programmbuch werden dafür die genauen Psychogramme von aller Arten Fanatikern erklärt und deren Verhaltensmuster analysiert. Nun will uns Mayenburg sicher nicht mit psychopathologischen Befunden langweilen, die Intention des Autors zielt tiefer, es ist die Reaktion der Umgebung auf diesen „Fall Benjamin“ die ihn interessiert.

Und da ist zunächst der Sport- und Geschichtslehrer Dörflinger (Sebastian Schwarz), der das alles als jugendlichen Protest und reine Provokation abtut, was sich mit der Zeit schon geben wird, wie er sich selbst ja auch angepasst hat. Er reagiert nicht weiter auf Benjamin, knickt aber gegenüber den Anweisungen des Direktors ein, der Ruhe an seiner Schule für das einzig erstrebenswerte Ziel hält und die Schuld für das Verhalten von Benjamin eher bei seinen Lehrern sucht, als sich ernsthaft für den wahren Grund dahinter zu interessieren. Die Mutter kann mit der plötzlichen Vergeistigung ihres Sohnes ebenso wenig umgehen, wie sie in der Lage ist einzuschätzen, wo die Ursachen dafür zu suchen wären. Sie übergibt die ganze Verantwortung den studierten Pädagogen. Einzig Religionslehrer Pfarrer Menrath (Urs Jucker) sieht in Benjamin ein großes Potential und will ihn für die Kirche gewinnen, prallt aber an dessen fundamentalistischen Glaubensauslegungen ab. Er vermag den jungen Eiferer nicht mehr zu formen und sieht sein Heil nur noch im Gebet, wozu er auch Benjamins Mutter rät.

An all diesen Einstellungen gleitet die Biologie- und Vertrauenslehrerin Roth (Eva Meckbach) mit ihrer Null-Toleranz-Offensive ab. Wo sich alle nach und nach hinter wohlfeilen Toleranzfloskeln verstecken, geht Frau Roth zum Gegenangriff über, in dem sie Benjamin mit seinen eigenen Mitteln schlagen will. Sie beginnt die Bibel zu lesen, um darin nach Gegenargumenten zu suchen. Letztlich versteigt sie sich dabei aber in eine Art Vernunftwahn und treibt den selbsternannten Propheten dermaßen in die Enge, dass dieser zur radikalen Mitteln greifen will, um seinen erkannten Feind aus dem Weg zu räumen. Alle Erwachsenen scheitern hier in Mayenburgs Versuchsanordnung über Toleranzverhalten und fanatische Denkmuster. Schließlich verliert die Verfechterin des unbedingten wissenschaftlichen Fortschritts nach sexuellen Anschuldigungen Benjamins völlig die Contenance und nagelt sich zum Zeichen ihrer unverrückbaren Ansichten an den Bühnenboden. Wer hier der wahre Märtyrer ist, wird so noch mal ironisch hinterfragt. Man kann Mayenburg eigentlich nur dazu gratulieren, sich in seinem Stück einem christlichen Fanatiker gewidmet zu haben und nicht einem islamistischen. Das so etwas auch in unserem Kulturkreis nichts Ungewöhnliches ist, weiß man spätestens seit Anders Behring Breivik.

Auch in Yael Ronens Stück „The Day before the last Day“ wurde schon religiöser Fanatismus auf ironische Weise auf die Schippe genommen. Er ist vor allem auch Ausdruck von latent vorhandenem Fremdenhass und stetigen Ressentiments gegenüber Andersdenkenden. Insgesamt ist Mayenburgs Regie passabel. Er bricht seine harte Story immer wieder mit passenden Musikeinlagen, lässt Choräle singen oder alle mit Affenmasken Darwins Evolutionstheorie austesten. Nur kann sich Mayenburg nicht so recht entscheiden, ob er sein Stück als ernsthaftes Drama oder als Farce verstanden sehen will. Die Figuren sind insgesamt etwas zu flach angelegt, bieten aber eigentlich jede Menge komödiantisches Potential, das aber keiner wirklich auszuschöpfen vermag. So liegt die Last auf den Schultern von Bernardo Arias Porras als jungem Fanatiker Benjamin Südel, der in dieser Rolle über sich hinauswächst. Für Jugendliche ist das Stück durchaus zu empfehlen, da es nicht vordergründig moralisiert und offen bleibt für eigene Gedanken. Am Fehlen von klaren Bezügen zu vermeintlichen Ursachen oder zur Sehnsucht nach Transzendenz in unserer säkularen Gesellschaft sollte sich aber das erwachsene Berliner Bildungsbürgertum nicht stören. Letztendlich ist das Suchen nach persönlicher Spiritualität in einer aufgeklärten Welt auch ein Ausdruck von selbst errungener religiöser Freiheit, bedeutet aber auch die Möglichkeit der Befreiung von der Religion.

„Mit Fanatikern zu diskutieren, heißt mit einer gegnerischen Mannschaft Tauziehen spielen, die ihr Seilende um einen dicken Baum geschlungen hat.“ Hans Kasper (1919-1990), Hörspielautor, Lyriker u. Satiriker

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