Gott ist tot und fährt U-Bahn – „Also sprach Zarathustra“ und „Der Penner ist jetzt schon wieder woanders“ auf den Studiobühnen der Schaubühne und des Maxim Gorki Theaters

Gott ist tot! Das ist spätestens seit Friedrich Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“ jedem bekannt. Nun zeigt er sich doch noch einmal in der Berliner U-Bahn, wenn auch nur in Form eines schmierigen Schlagersängers (Wolfgang Hosfeld), der Udo Lindenberg intoniert und ein Stepptänzchen zum besten gibt. Und genau wie der keine Herzen reparieren kann, weiß Gott auch keine Antwort auf die großen Fragen der Menschheit. Außer den Lottozahlen und ein paar Bibelsprüchen hat er weiter nichts zu sagen und empfiehlt die Lektüre von „The Maracot Deep“, einem utopischen Roman von Sir Arthur Conan Doyle über das sagenhafte Atlantis und den Sieg des Guten über das Böse. Was sollen einem auch schon die Antworten auf die letzten großen Fragen, wenn man noch nicht einmal weiß, was sich auf dem Meeresgrund abspielt. Das ist den beiden schrägen Typen Andrej und Igor (Anne Müller und Matti Krause) dann doch zu viel und nachdem sie während der U-Bahnfahrt zu ihrem Dealer bereits einen Verleger, einen Sprayer mit Rastalocken, eine Nazi-Oma und ein sächsisch schwäbelndes Touristenpärchen gekillt haben, muss nun auch noch Gott dran glauben.

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Der ganz normale Wahnsinn, täglich in der U-Bahn.
(Biennale Venedig 2011, Arsenale) Foto: St. B.

Juri Sternburg, Berliner Autor Jg. 1983 und Kulturkolumnist der taz, hat mit seiner Splatterfarce „Der Penner ist jetzt schon wieder woanders“ den Förderpreis für junge Dramatik des tt-Stückemarktes 2011 gewonnen und damit verbunden eine Inszenierung im Studio des Maxim Gorki Theaters. Diese hat nun Ekat Cordes übernommen und Anna Bergemann hat ihm dazu eine Art U-Bahnwagon mit seitlichen Sitzplätzen und neonfarbenen Stangen ins Studio gebaut. Die Zuschauer sitzen auf den Bänken und auf dem langen Gang zwischen ihnen läuft die verrückte Story Sternburgs ab. Der recht dünne Text ist dabei nicht nur stolz darauf, nicht sonderlich pc zu sein, was man bei einer schrägen Splatterparodie auch nicht erwartet hätte, sondern er ist auch zunächst einmal relativ geschwätzig, bis er in der Mitte nach dem Erscheinen Gottes fast völlig verebbt, um dann wieder in einem unverständlichen Kauderwelsch zweier Puppen mit Mickymausstimmen zu münden. Von philosophischen Attitüden, über gängige Plattitüden bis zum absurden Nonsens ist alles dabei. Unkonventionell könnte man es nennen, unausgegoren wäre richtiger. Das liegt auch an der desaströsen Dramaturgie und Regie, die wild in die Theatertrickkiste greift und von Maske, Kostümierung über Sound, Stroboskoplicht, Diskokugeln, bis zum kleinsten Requisit reichlich ausschenkt.

Anne Müller und Matti Krause leben diesen Spaß bis zur akrobatischen Einlage voll aus und so labern sich die beiden Junkies mittels Pseudo-Vokabular durch den Plot, indem sie die Sprechblasen der anderen Fahrgäste (Aenne Schwarz und Gunnar Teuber in wechselnden Rollen) platzen lassen und diese ad absurdum zu führen. Das nennen sie Saubermachen und hinterlassen dabei ein Leichenfeld wie einst Mickey und Mallory, die „Natural Born Killers“. Reichlich Ironie, die aber im dichten Trockeneisnebel verpufft. Zum Schluss trifft sich alles zu einem Candle Light Dinner mit Gott im Himmel, wo unsere beiden Antihelden geschafft in den Seilen hängen, und der Penner ist natürlich wieder woanders. Mit der großen Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ haben sich auch schon andere Autoren auf sehr ironische Weise beschäftigt. Mehr als „42“ ist bisher nicht dabei herausgekommen und das wäre sogar für die Lottozahlen zu mager. In der Hinsicht ist Juri Sternburg mit seiner Farce schon einen Schritt weiter, den Jackpot hat er aber auch noch nicht geknackt.

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Im Studio der Schaubühne am Lehniner Platz steht einen Tag später der Altmeister des Berliner Trashtheaters Patrick Wengenroth als Friedrich Nietzsche persönlich auf der Bühne. Im letzten Jahr hatte er dort schon in seiner Version der Fixerbiografie „Christine F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ den Udo Lindenberg gegeben. Vielleicht könnte Wolfgang Hosfeld hier demnächst im Vorprogramm auftreten, wenn nicht die anfänglich erwähnte These dagegen spräche. In „Also sprach Zarathustra – Eine Übermensch-Revue für Alle und Keinen“ hat sich Wengenroth nun das poetisch philosophische Erbe Nietzsches vorgenommen. Einen leeren Karren hinter sich herziehend, betritt er mit angeklebtem Nietzschebart die Bühne und berichtet vom Scheitern beim Werben um Lou Andreas-Salomé, um die sich auch sein Philosophenfreund Paul Rée bemühte. Danach begann Nietzsche mit der Niederschrift der großen Prosadichtung über den Einsiedler und Propheten Zarathustra, der den unvollkommenen Menschen den Übermenschen lehren will. Denn „Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.“ und „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde.“ Den abgestürzten Seiltänzer erspart uns Wengenroth allerdings, es soll ja auch ein Aufstieg in die Höhen der Übermenschwerdung folgen. Ein augenzwinkernder Parkour, geplastert mit jeder Menge Widersprüchen und Klischees.

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Wie war das noch gleich mit Weib und Peitsche?
Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche, 1882

Als Intro bedient man sich naheliegend der Musik von Richard Strauss‘ „Sonnenaufgang“ aus seinem Orchesterwerk „Also sprach Zarathustra“ (Op. 30), das die meisten nur aus Stanley Kubriks Film „2001 – A Space Odyssey“ kennen. Danach tummeln sich die vier Schauspieler Christoph Gawenda, Ulrich Hoppe, Sebastian Nakajew und Felix Römer in Affenkostümen auf einem bühnenartigen Halbrund in dessen Mitte ein Gummifelsen steht. Wengeroth schmettert dazu Udo Jürgens Schlager „Treibjagd“, am Keyboard sitzt, wie schon bei Christiane F., der Musiker Matze Kloppe. Nachdem die Affenschar sich ausgiebig mit ein paar Knochen beschäftigt hat, fallen die Masken und alle tragen, noch schnaufend von der körperlichen Anstrengung, wechselnd die Vorrede Zarathustras in bewusst getragenen „halkyonischem Ton“ vor. Pathos ist bei Wengenroth immer groß geschrieben, um dann um so gnadenloser hintertrieben zu werden. Es folgen die Highlights des Zarathustra mit den drei Verwandlungen des Geistes (Kamel, Löwe, Kind), tanzenden lieblichen Mädchen und dem kleine Wahrheiten verkündenden alten Weiblein. Das Teufelchen Trieb lugt aus der Hosentasche und all das wird immer wieder mit Songs wie Sidos „Ficken“ oder Xavier Naidoos „Frei sein“ kurzgeschlossen.

Jeder hat seinen Soloauftritt, unter anderem beweist Christoph Gawenda sein Talent als satirischer Prophet mit Lendenschurz und Lorbeerkranz. Mit Sehnsucht im Herzen sieht er nur bunt Gesprenkeltes in der Menge und hangelt am Felsen, wobei ihm sein Gemächt im Wege ist. Er singt aus Peter Lichts Pophit: „Du siehst in die Herde und wartest auf das Ende der Beschwerde … Gesellschaft ist toll, wenn nur die Leute nicht wären.“ Natürlich heißt es da auch „Du musst dein Leben ändern“, wobei wir beim anderen großen Philosophen angekommen sind, nämlich Peter Sloterdijk, mit dem sich Patrick Wengenroth bereits in Karlsruhe beschäftigt hat. Und bei dem heißt es u.a. „dass es kein Menschenrecht auf Nicht-Überforderung gibt“. Da geht man allerdings auch in Wengenroths lustiger Nietzsche-Revue kein besonders großes Risiko ein. Der Meister sieht es eher gelassen und gibt noch ganz beiläufig den Text „Von alten und jungen Weiblein“ zum Besten. Die Peitsche kommt dann erst zum Schluss, nachdem sich die all zu menschlichen Adler nicht so recht vom Felsen aufzuschwingen vermögen. Wengeroth gibt nun Lou Salomé im hochgeschlossenen, pinkfarbenen Kleid und singt zum Zappa-Song „Bobby Brown“ ein selbstironisches Hohelied („Oh God, oh God, I’m so fantastic“) auf sich selbst, den „Patrick W., a miserable son of a bitch / boy or a lady, I don’t know which“ und reimt noch große Eier auf Ostermeier. Dass es so mit dem Theatertreffen wohl wieder nicht klappen wird, geht ihm dann auch am Allerwertesten vorbei. Alles in allem durchaus unterhaltsame 1 ½ Stunden, denen es allerdings etwas an der früheren Schärfe Wengenroths mangelt.

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