Michael Coolhaze sieht rot im DT und Herrmann battled im HAU – Studio Braun und Rimini Protokoll zeigen uns Kleist einmal anders

Studio Braun zeigen ihr Actionmusical „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ am Deutschen Theater Berlin

Nicht nur der Truppe um Armin Petras im Maxim Gorki Theater ist aufgefallen, dass wir im Kleistjahr sind, auch andere Theatergruppen nehmen das Jubiläum zum Anlass, um sich mit dem streitbaren Autor auseinander zu setzen. Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger vom Hamburger Trio „Studio Brau“ sind alle drei künstlerisch vielseitig begabt, machen Musik, schreiben Bücher sowie Theatertexte und sind berüchtigt für ihre Telefonstreiche auf verschiedenen Radiosendern. Bisher hatten sie ihre Heimstadt am Hamburger Schauspielhaus, für das sie sich in der Intendanten-Krise auch tatkräftig eingesetzt haben, Ex-Kultursenator Reinhard Stuth, kann ein Lied davon singen.

Im letzten Jahr haben Studio Braun am traditionsreichen Hamburger Theater schon einmal eine Revue aufgeführt und nannten das eine moderne Fantasie. Es ging um die Figur des Kremlfliegers Matthias Rust. In „Rust – Ein deutscher Messias“ war der grandiose Schauspieler Fabian Hinrichs als naiv sensibler Flugschüler mit Sendungsbewusstsein zu sehen, der ,mangels Aufmerksamkeit, erst auf dem Roten Platz in Moskau landet, dann den Weltfrieden verkünden will und schließlich wieder in der medialen Versenkung verschwindet, aus der er sich nur mittels einiger aufsehenerregender Straftaten wieder zu befreien hoffte. Irgendwann gänzlich der Vergessenheit anheim gefallen, diente er nun Studio Braun zur lustigen Mythenbildung und wurde schließlich zum Sektenguru und Gründer des utopischen Friedensreichs „Lagonia“ gekürt. Die drei Meister des abseitigen Humors peppten dieses moderne Märchen mit schrägem Witz, skurrilen Szenen und natürlich jeder Menge Musik auf.

Musik ist nun auch die treibende Kraft in ihrem neuen Streich „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“. Ein ganzes Orchester hat sich im Graben vor der Bühne verschanzt, wie zu Beginn der Veranstaltung Heinz Strunk verkündet. Auch wird genau erklärt worum es sich bei dieser Vorstellung handelt. Wir sehen zunächst ein Filmteam auf einer drehbaren Bühnenkulisse, das sich anscheinend an irgendeiner Hollywoodschmonzette versucht. Anita Vulesica ist die Schauspieldiva Bonnie und Felix Göser ist niemand anderes als der große Actionstar Charles Bronson. Wir befinden uns im Jahr 1982 am Set der Fortsetzung der amerikanischen Kultsaga „Ein Mann sieht rot“, indem ein unbescholtener Architekt, nachdem seine Frau ermordet und seine Tochter vergewaltigt wurde, mit einer Pistole bewaffnet den Moloch New York aufräumt und, zur Freude von Polizei und Justiz, die Zahl der frei herumlaufenden Kleinganovenschar stark dezimiert.

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Brüder im Geiste?  David Warner als Michael Kohlhaas und Charles Bronson als Paul Kersey in Filmen von Volker Schlöndorff und Michael Winner

Nun befinden wir uns im Deutschen Theater Berlin, einem Tempel der Hochkultur, der zwar mittlerweile einiges gewohnt ist, aber Charles Bronson als Hauptprotagonist erschien dann auch Studio Braun zu banal. Um Einlass in diese heiligen Hallen zu erlangen, haben sie nun den „Feuerkopf“ Kleist und seine Novelle „Michael Kohlhaas“ als Eintrittskarte benutzt und aus Felix Goeser alias Charles Bronsen wird kurzerhand „Michael Coolhaze, ein Mann geht krachen“. Coolhaze wird mit seinem Kumpel Shaggy (Rocko Schamonie) vom fiesen Polizsiten Coby Burner (Moritz Grove) an der Durchfahrt von New York nach New Jersey gehindert und muss die zwei rasanten Motorräder samt Kumpel Shaggy bei Burner lassen, um die nötigen Passierscheine zu besorgen, die es gar nicht gibt. Wie bei Kohlhaas, dem zwei Pferde samt Knecht Hirse durch die Willkür des Junkers Wenzel von Tronka zuschanden gekommen waren, durchläuft nun Michael Coolhaze alle Stationen des Traumas vom braven Kleist`schen Roßkamm und verschafft sich schließlich selbst sein Recht, nach Art des Charles Bronson natürlich. „Mammy tot, Coolhaze sieht rot.“ Felix Goeser gibt dabei den Charles Bronson in Mimik und Gestik genauso sparsam aber treffsicher wie das Original.

Nun ist das Ganze allerdings nur die Rahmenhandlung für eine Story, die Schamoni, Strunk und Palminger eigentlich viel wichtiger erscheint. Wie Ernst Lubitsch mit „Sein oder Nichtsein“ das Theater in den Film brachte, bringen Studio Braun nun das Filmemachen ans Theater. Ein ganzes Filmteam mit Kamera, Ton, Beleuchtung und Maske steht samt den Schauspielern unter der Fuchtel eines ehrgeizigen Regisseurs (Ole Lagerpusch) mit großem Kunstanspruch, der alles aus seinen Schauspielern rausholt, um größtmöglichen Realismus zu produzieren. Vom unterwürfigen Regieassistenten (Moritz Grove) über die nicht mehr ganz junge Diva Bonnie, bis zur selbstzweiflerischen Schauspielerin Jeanette (Katrin Wichmann), leiden alle unter den Allüren dieses Egozentrikers, nur Charles ist unantastbar. Und so haben sie auch die andauernden Belehrungen und Erniedrigungen satt und wünschen diesen Ingo Sachs natürlich in die Hölle oder besser gleich ins Grab. Vorher singt man sich aber den Frust in wunderbaren Showeinlagen von der Seele. Die drei von Studio Braun greifen kräftig mit in die Saiten oder Querflöten dazu. Die CD mit der Musik und die Texte gibt es im Programmheft dazu.

Grove lebt als psychotischer Regieassistent Spank seine Minderwertigkeitskomplexe aus und geht in der Rolle des Coby Burner voll auf. Eine Lachnummer gibt er noch als Martin Luther auf Knien, der Coolhaze die bekannte Moralpredigt hält. Jeanette wird nach einer „total realistisch“ gedrehten Vergewaltigungsszene in Coby Burners Reifenwerkstatt von den anderen einfach am Set vergessen und bekommt ebenfalls Rachephantasien. Hier passiert dann das Unglaubliche, der harte Kerl Bronson entpuppt sich als Pflanzenliebhaber und erzählt ihr eine Parabel über sein Experiment mit geliebten und ungeliebten Blumen, um sie wieder aufzubauen. Vorher sind aber alle noch mal schnell irgendwie aus ihren Rollen gefallen. Moritz Grove gibt sich einen verbalen Schlagabtausch mit Ole Lagerpusch, wer eigentlich immer die besseren Rollen am DT bekommt und läuft fast Amok dabei. Schamoni, Strunk und Palminger müssen ein ums andere Mal klärend eingreifen, damit ihnen die schöne Revue nicht aus den Händen gleitet. Eine ironische Selbstbespiegelung der Theaterszene, die aber nur an der Oberfläche kratzt und niemandem wirklich weh tun will.

Studio Braun haben mit ihrem Musical eine Liebeserklärung an den Schauspielberuf an sich geschaffen, das Spiel im Spiel, denn nichts ist so wie es scheint. Selbst der Möchtegern-Arthousefilmer Sachs ist nur eine Rolle. Nachdem Charles Bronsons Coolhaze im Showdown mit dem bösen Spank/Coby Burner abgerechnet hat, darf auch noch der Wunsch von Jeanette in Erfüllung gehen. Mit ihrer erträumten Kette aus schwarzen Perlen der gesammelten Qual um den Hals, versinkt Regieterrorist Ingo Sachs mit viel Rauch im Höllenschlund der Unterbühne. Märchen werden wieder war, die Kunst des Spiels und schönen Scheins hat über die Angst zu versagen gesiegt. Denn „Die Angst ist im Inneren hohl / und nichts umgibt sie.“ singt Jacques Palminger. Au Backe! Hohl? Wenn das mal keine selbsterfüllende Prophezeiung ist. Jedenfalls folgt auf Friede, Freude, Eierkuchen das große Happy End. Studio Braun steigen mit dieser an wirklich scharfem Witz und tieferer Bedeutung eher armen Veranstaltung nicht gerade in die Höhen ihrer Kremlflieger-Fantasie auf, aber sie verbreiten zumindest über kurzweilige 100 min. gute Laune und haben dafür ein exzellentes Ensemble am Start. Die Kunst feiert sich um der Kunst Willen selbst und hofft sich so das Überleben gesichert zu haben, zumindest bis zum nächsten kulturpolitischen Amoklauf.

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Rimini Protokoll untersuchen mit ihrer neuen Produktion „Herrmann`s Battle“, ausgehend von der Varusschlacht, die Frage wie Kriege geführt werden, und gehen dabei bis ins heutige Informationszeitalter vor.

Wie müssen Informationen inhaltlich beschaffen sein und wie verbreitet man sie, damit sie ihr Ziel auch erreichen? Die unterschiedlichen Strategien der Kriegsführung in der Geschichte der Menschheit haben sich Helgard Haug und Daniel Wetzel von der Diskurstheatertruppe Rimini Protokoll zum Thema ihrer neuen Produktion „Herrmann`s Battle“, frei nach Kleists nationalem Befreiungsstück „Die Hermannsschlacht“, gemacht. Dazu treten wie immer Experten aus der Mitte des Alltags auf, die mit ihren Geschichten und Erfahrungen den Diskurs befeuern und dabei miteinander interagieren. Mit seiner „Hermannsschlacht“ wollte Kleist den nationalen Widerstand gegen die Napoleonische Besatzung Deutschland zu Anfang des 19. Jahrhunderts anstacheln. Er beschrieb im Drama präzise die Methoden des Partisanenkampfes mit allen Tricks und unerlaubten Mitteln der gezielten Instrumentalisierung und Irreführung.

Begrüßt werden wir von einer Stimme, die dem Computeraktivisten und Chaos-Computer-Club-Veteran Peter Glaser gehört. Er ist per Datenleitung aus seiner Wohnung in Berlin-Spandau zugeschaltet und führt mehr oder weniger thematisch durch den Abend. Er symbolisiert so eine unsichtbare Schaltzentrale von Informationen, die im Computerzeitalter nur noch für wenige direkt einsehbar ist. Glaser erzählt uns eine Geschichte vom ehemaligen Spandauer Kriegsverbrechergefängnis vor seiner Wohnung, das einem Elektronikmarkt weichen musste, den es inzwischen auch nicht mehr gibt. Das Bühnenbild ist aus vielen Einzelteilen diese Marktes zusammengebaut. Ein Bild für die vielen Versatzstücke von einzelnen Informationen, aus denen sich der heutige Mensch sein Bild von der Gesellschaft zusammensetzen muss. Auf zwei großen Computerbildschirmen werden die einzelnen Akte der „Hermannsschlacht“ eingeführt und das Geschehen auf der Bühne hangelt sich tatsächlich in Ausschnitten an Kleists Drama entlang.

Ein weiterer Experte in Sachen Computern ist der hardware reverse engineer Nathan Fain, der lange in Israel gearbeitet hat und nun im Hacker-Mekka Berlin lebt. Er berichtet von seiner Hackervergangenheit und dass aus dem ehemaligen Spaß beim Einstieg in fremde Computersysteme mittlerweile bitterer Ernst geworden ist. Es geht über um Verdrängung und uneingeschränkte Machtausübung beim Unterwandern der verschiedensten Datenbanken. Das Internet als unbegrenzter Sammelplatz für Freaks und kriminelle Energien. Man kann sogar per Netzwährung Bitcoin Killer auf Prominente ansetzen und auf deren Tod wetten. Bilder von Syriens Herrscher Assad und Wikileakschef Assange werden eingeblendet.

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Informationsteilung damals und heute

Wikipedia, Foto: Ausschnitt Hermannsdenkmal von Michael Pereckas unter CC-Lizens auf Wikimedia Commons

Die Medien- und Informationshoheit zu besitzen war von jeher in Konflikten und Revolutionen von Vorteil. Barbara Bishay, Berliner Schülerin und facebook- (counter) -Revolutionärin mit ägyptischen Wurzeln, ist während der Arabellion selbst nach Ägypten gereist, weil sie den Informationen im Internet nicht vertrauen wollte. Sie gibt ein Bild von den Verhältnissen in Ägypten jenseits der gesteuerten Informationsstränge, wochenlang abgeschnitten vom Netz, das von den ehemaligen Herrschern in Ägypten gekappt wurde. Zurück in Deutschland versucht sie nun über facebook für einen differenzierteren Umgang mit der Unabhängigkeitsbewegung zu werben und wird öfter dafür angefeindet.

Über die militärischen Grundsätze der Kriegsführung berichtet der Oberst a.D. Karl-Christoph von Stünzner-Karbe. Als Kind mit seiner Familie nach dem 2. Weltkrieg in Ostdeutschland enteignet, kehrte er nach der Wende zurück und half dabei die ehemalige NVA aufzulösen und die untere Führungsschicht in die Bundeswehr zu integrieren. Die Varusschlacht verkörpert für ihn den „alten Krieg“. Wie heutiger Krieg funktioniert kommt zumindest am Rande in seinen Erlebnissen als Blauhelmsoldat zum Ausdruck. Was das für die unmittelbar betroffene Zivilbevölkerung bedeutet, davon kann Remzija Suljić, eine mutige Frau aus Srebrenica, wie es heißt, aus eigener Erfahrung erzählen. Sie wurde von Serben aus ihrem Haus vertrieben und hat das durch religiösen Hass geschürte Töten direkt erleben müssen. Die psychischen Folgen hat sie sind nach wie nicht gänzlich verarbeiten können, sie funktioniere, betont sie immer wieder.

Damit die ganze Informationsflut nicht all zu dröge rüberkommt, gibt uns noch der „Eisenkumpel“, „Strommusiker“ und muskelbepackte Käpt’n Rummelsnuff als provokante Kunstfigur den archaischen alten Germanenkrieger Hermann oder läuft als Kriegsherr Varus mit Römerkopfputz durch die Szenerie. Er krächzt dabei mit rauer Stimme Kleists Verse der „Hermannsschlacht“ ins Mikro, begleite von elektrisch verstärkter Gitarre, oder singt eigenes zum Thema Identitätsgefühl und Bruderliebe und knüpft damit wieder an Kleists Drama an. Das Zusammenspiel mit den anderen Protagonisten funktioniert hierbei ganz gut. Das was auch schon Armin Petras in seiner Inszenierung der „Hermannsschlacht“ herausgestellt hat, das Kriegsführung immer mit gezielter Manipulation und Desinformation einhergeht, ist auch Fazit der Rimini-Veranstaltung. Das Verwirrende und teilweise sehr Verallgemeinernde an dieser Unternehmung kann man hier durchaus auch als künstlerisch motivierten Ausdruck der allgemeinen Hilflosigkeit darüber verstehen. Ein Nachdenken über die Mechanismen der Konfliktschürung und die Macht des Internet befördert das aber leider nicht unbedingt.

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